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Wir sind aus Kenig. Eine interessante Facebook-Diskussion.

Mo, 04 Sep 2017 ... mit deutschem Akzent


Wir sind aus Kenig. Eine interessante Facebook-Diskussion.

Im russischen Facebook habe ich eine interessante Diskussion zum Thema „Königsberg oder Kaliningrad“ gefunden. Dieses Thema scheint sich von Tag zu Tag mehr zuzuspitzen und es steht die Frage, wer daran ein Interesse haben kann.

Ausgangspunkt der Diskussion war ein kurzer Artikel, der bei Facebook eingestellt wurde und daraus entwickelt sich die Diskussion. Ich werde versuchen, dies, leicht stilistisch redigiert, hier widerzugeben.

Wir sind aus Kenig … (beliebte Abkürzung in Russland für Königsberg, so wie der Russe auch Piter, anstelle von St. Petersburg sagt).

Wer und wann erstmalig dieser Satz gesprochen wurde ist nicht bekannt. Es ist schwer sich vorzustellen, dass sich diese Form einer Selbstidentifizierung einer derjenigen ausgedacht hat, die gleich nach dem Ende des Krieges in diese Stadt umgesiedelt sind - also einer derjenigen, der nach all den Härten und Grausamkeiten dieses Krieges mit einem heftigen Hass auf alles Deutsche in diese Stadt kam. Wahrscheinlich entstand diese Formulierung irgendwann in den 60er Jahren, also in Kreisen der nachfolgenden Generation, die den Krieg schon nicht mehr aus eigenem Erleben kannte und die nach irgendwelchen Formen der Selbstdarstellung suchte, damit man sich möglichst radikal von anderen unterscheiden konnte. Sogar ich selbst habe, ich muss das zu meiner Schande zugeben, in Jugendjahren, in Gegenwart von Fremden, stolz und mit Freude verkündet: „… ich bin aus Kenig.“ Die Entwicklung ging weiter, wir wurden erwachsen und klüger – obwohl, nicht alle wurden klüger. Und so ist es nun mal gekommen, dass dieser Ausspruch irgendwie zu einer Visitenkarte geworden ist, teilweise sogar offiziell, wie als Beispiel die Firmenbezeichnung „KönigAvto“.

Leningrad besuchte ich erstmals im Jahre 1972. Ich fuhr in einer Gruppe mit 20 weiteren Kindern. Anlass war der Abschluss der 8. Klasse und die Eltern finanzierten uns diese nicht gerade billige Reise. Begleitet wurden wir durch unsere Lehrer. Leningrad war eine phantastische Stadt mit vielen schönen Fassaden und breiten Straßen. Das fiel uns Kaliningradern besonders auf, denn wir waren einen Mix aus Chruschowkas und altdeutscher Architektur gewohnt und sahen täglich Ruinen. All das war begleitet von Legenden über eine unterirdische Stadt, überflutete unterirdische Fabriken und Eisenbahnstrecken und es gab sogar Gerüchte, dass sich noch irgendwo Faschisten versteckt hielten, die nur nachts aus ihren unterirdischen Verstecken kamen und die natürlich von Zeit zu Zeit von jemandem gesehen wurden. 

Wir hörten von dem phantastisch schmackhaften Eis in Leningrad und wollten es probieren. So gingen wir abends auf den Newski-Prospekt und suchten einen dieser Verkaufsstände. Und während ich noch suchte, fand ich eine Tafel an einem Haus befestigt. Darauf stand: „Während Artilleriebeschuss ist diese Straßenseite besonders gefährlich.“ Und der nächste Eis-Verkaufswagen war gleich daneben. Die nicht mehr ganz junge Verkäuferin war nicht sehr gesprächig, mir schien sie sogar ein wenig traurig. Und so entwickelte sich ein kurzes Gespräch:

  • Eisverkäuferin: Zu Besuch hier. Seid ihr das erste Mal in Leningrad?
  • Kinder: Ja, das erste Mal.
  • Eisverkäuferin: Wo kommt ihr her?
  • Kinder: Wir sind aus Kenig, rief einer aus unserer Gruppe laut.
  • Eisverkäuferin: Aha, Kenig. Wo ist das?
  • Kinder: Was, das wissen Sie nicht? Das ist Königsberg, naja also Kaliningrad heute.

Die ältere Eisverkäuferin senkte die Augen und schwieg. Ihr Gesicht wirkte jetzt sehr konzentriert und ihre Bewegungen wurden langsamer. Mir schien, als ob sie etwas sagen wollte, aber sie sagte nichts. Wir verstanden nicht, warum dieser plötzliche Stimmungsumschwung bei ihr eingetreten ist und auch wir schwiegen jetzt. Wir beobachteten, wie sie an uns mit ihren faltigen Händen, auf denen sich Narben einer Verbrennung oder Erfrierung zeigten, das Eis austeilte.

Am nächsten Tag fand unsere Exkursion zum Piskarewskoje Friedhof statt (Friedhof für rund 500.000 Opfer der Leningrad-Blockade). Schweigend kehrten wir in die Stadt zurück. Der Besuch des Museums „Belagerung von Leningrad“ schlug bei uns ein wie eine Bombe. Natürlich hatten wir über die Blockade Leningrads, über die Hungersnot, über den Kampf der Menschen ums Überleben gehört. Aber es ist eine Sache darüber gehört zu haben und eine andere Sache, dies alles mit eigenen Augen zu sehen – auch wenn es nur im Museum ist.

Seit diesem Zeitpunkt habe ich nie mehr gesagt: „… ich komme aus Kenig.“ Ich habe das rein intuitiv nicht mehr gesagt, ohne vielleicht wirklich zu verstehen, warum ich diesen Begriff nicht mehr verwendet habe. Auch heute sage ich nicht mehr „Kenig“ und ich weiß natürlich heute, warum ich es nicht sage. Aber wenn ich heute aus dem Mund der jungen Generation höre: „… ich bin aus Kenig“, erinnere ich mich immer wieder an diese Geschichte. Wir sollten alle diese jungen Leute nach St. Petersburg bringen – auf den Piskarewskoje Friedhof.

Soweit zu dem kurzen Artikel, der bei mir, der ich viele Male auf diesem Friedhof in Leningrad war, bei der Übersetzung Emotionen ausgelöst hat.

Nun zur Diskussion, die ich auszugsweise widergebe:

  • P.G.: Naja, „St. Petersburg“ klingt besser in den Ohren als Kenig
  • N.D.: Ich glaube nicht, dass es hier um Phonetik geht, sondern mehr um eine Assoziation. „St. Petersburg“ war niemals irgendwie in Verbindung mit irgendetwas Feindlichem. Aber „Königsberg“ war es. Und für die, die den Krieg überlebt hatten, die Blockade, den Hunger, die Okkupation, für all die hört sich „… wir sind aus Kenig“ nicht besonders gut an.
  • P.G.: Ich verstehe. Ich war auch im Blockademuseum, ich war auch auf dem Piskarewskoje Friedhof, ich war in Auschwitz, Bergen-Belsen und anderen Orten. Und trotzdem benutze ich nach all den Besuchen die Bezeichnung „Kenig“, eben weil dies die alte, jahrhundertealte Bezeichnung ist. Das ist kein Stigma, das ist einfach nur die Bezeichnung eines Ortes, ebenso, wie die Petersburger zu ihrer Stadt „Piter“ sagen. Und die jetzige Bezeichnung der Heldenstadt … naja …
  • N.D.: So hat eben jeder seine Assoziationen.
  • S.P.: Ich bin gegen diesen Satz „… wir sind aus Kenig“. Am meisten ist dieser Satz von solchen Leuten zu hören, die noch nicht lange in unserer Stadt leben und auch erst vor kurzem zugereist sind.
  • P.G.: Was heißt nicht lange? Ich lebe hier schon 40 Jahre. Aber Sie haben recht. Es ist wohl eine mehr emotionale Angelegenheit.
  • W.S.: Swetlogorsk ist die Stadt, in der ich geboren wurde. Ich habe keine Schwierigkeiten mit der Zunge, wenn ich Rauschen sage. Da gibt es ein Hotel, welches sich so nennt und das ist recht gut besucht.
  • N.D.: Ja, das ist die Realität.
  • A.T.: Königsberg ist eine historische Bezeichnung. Das Gebiet ist Kriegsbeute und man sollte alle historischen Bezeichnungen wieder einführen, denn die ganze Welt soll erfahren, dass ein Teil von Deutschland jetzt uns gehört, den Siegern.
  • P.G.: Ich hoffe, Sie scherzen.
  • W.S.: Wie, was? Ihnen gefällt das Wort „Straße“ besser als „uliza“? Die Sieger haben noch nie die alten Bezeichnungen belassen. Sie wurden immer ausgelöscht, entweder durch das Leben selber, manchmal durch Militärstiefel. Damit auch keine Neigung für eine Umkehr der Ereignisse aufkommt.
  • N.D.: Es macht keinen Sinn, unsere Stadt umzubenennen. Und wir sind auch nicht die Besitzer eines Teiles von Deutschland. Wir leben ganz einfach im russischen Kaliningrader Gebiet. Und dass das Gebiet Kriegsbeute ist – das wissen doch sowieso alle.
  • A.T.: Irgendwann wird die Stadt umbenannt. So wie auch Leningrad umbenannt wurde.
  • N.D.: Sie werden nichts umbenennen.
  • A.T.: Die Zeit wird es zeigen.
  • P.G.: Interessant wie hier zur Zeitfrage diskutiert wird. Wir haben in unserer Familie einen Sohn und eine Tochter. Alles Kaliningrader in der dritten Generation und Enkel haben wir auch. Und niemand von denen könnte sich eine andere Bezeichnung für die Stadt vorstellen als Kaliningrad.
  • K.W.: Aber warum denken die Polen nicht daran, den Städten Allenstein, Elbing, Danzig und vielen vielen anderen Städten die alte Bezeichnung wiederzugeben? Vielleicht sollten wir uns für etwas Historisches entscheiden, z.B. „KniaschGorod“ (Fürstenstadt).
  • A.T.: Haben die Polen den Städten Namen von irgendwelchen Helden der Armee Kraijowa gegeben? Die jetzigen polnischen Bezeichnungen haben immer irgendeinen Kern der alten prussischen Bezeichnungen, obwohl die Polen auch alle Rechte haben, die Deutschen zu hassen. Die Faschisten haben aus den Polen immerhin Lampenschirme und Seife gemacht.
  • I.N.: A.T., Sie sind gefährlich krank und ihre Krankheit scheint ansteckend zu sein. Ich habe Sie in die Liste aufgenommen.
  • A.T.: Was meinen Sie für eine Liste. So eine Liste wie im Jahre 1937?
  • I.P.: Sie leben nicht in Ihrer Stadt. Studieren Sie das Leben der gebürtigen Kaliningrader und alles wird gut.
  • A.T.: Sie sind mir lustig. Ich lebe in dieser Stadt seit 1945.

Dann erfolgt eine endlose Diskussion (wie üblich bei Facebook) mit gegenseitigen Beleidigungen und Verdächtigungen.

  • L.S.: Eigentlich müsste man diese Geschichte in die föderalen Medien bringen.
  • S.G.: Landsleute! Ist das hier alles nötig? Was zum Teufel ist Kenig. Klar, dass das Schiff einen Namen braucht. Aber es ist nicht der Ort und der Name der wichtig ist. Fakt ist, dass die Stadt kein Garten ist.
  • I.S.: Ist es nicht an der Zeit, das Thema "Vergessenes Kaliningrad" wieder zu aktivieren? Wir sollten uns an die ersten Siedler und Veteranen erinnern, die für die Entwicklung der Region Kaliningrad stehen. Wir sollten uns an die Fischer, Matrosen, Militärs, Schiffbauer, Landwirtschaftskollektive erinnern und an die Arbeiter. Ziehen wir sie wieder an das Licht Gottes aus den Foto- und Filmarchiven, erinnern wir uns an die Kaliningrader Straßenbahn, in der der Roboter Tickets verkaufte und sogar „Danke“ sagte. Dann werden vielleicht alle die wieder gesund werden, die hier krankhaft diskutieren.

Und damit endete erstmal die Diskussion mit Stand Sonntag 18.00 Uhr.


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Gesellschaft, Kaliningrad, Königsberg

   Kommentare ( 10 )

Andrea Willeitner Veröffentlicht: 4. September 2017 01:43:18

Sehr interessant! Danke, Herr Niermeier, dass Sie diese Diskussion in deutscher Sprache zugaenglich gemacht haben!

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 4. September 2017 22:22:58

@ ... Wir sollten uns an die ersten Siedler und Veteranen erinnern, die für die Entwicklung der Region Kaliningrad stehen. Wir sollten uns an die Fischer, Matrosen, Militärs, Schiffbauer, Landwirtschaftskollektive erinnern und an die Arbeiter...

Naja, wo sind den die Ergebnisse? Noch ahben die "Fischer, Matrosen, Militärs, Schiffbauer, Landwirtschaftskollektive" noch nicht den Stand vor 45 erreicht.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 5. September 2017 00:01:01

... woher wissen Sie das. Haben Sie konkrete Zahlen aus Industrie und Landwirtschaft zum Vergleich oder ist das nur so ein Eindruck?

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 5. September 2017 11:38:10

"... woher wissen Sie das" Na, das weiss doch jeder, dass Russland total unterentwickelt ist und seine Wirtschaft "in Fetzen" gerissen ist. Konsumieren Sie etwa keine "seriösen" deutschen Medien? Dann glauben Sie sicher auch, das Amerika russische Raketentriebwerke kauft, ohne russisches Metall Boing und Airbus keine Flugzeuge bauen können, im der F 35 russische Technologie steckt, Intels Pentium auf russische Entwicklungen zurückgeht und ohne Russland es keinen "Superlaser" in Hamburg gäbe. Aber, ganz ohne Ironie, aus Pferdezüchtersicht hat KWP schon recht - der Stand von 45 ist unerreicht. Die Frage ist halt, obs wer braucht. Das ostpreussische Entwicklungsmodell von vor 45 ist jedenfalls als Blaupause für Kaliningrad aus diversen Gründen ungeignet und damit auch als Massstab für heute gänzlich unbrauchbar.

Hauke Veröffentlicht: 5. September 2017 15:47:32

Also, ich habe die Zahlen vom nördlichen Ostpreußen von 1937 .
Im Vergleich mit den hier und anderswo veröffentlichten Zahlen,
liegt die heutige Leistung in der Landwirtschaft und der Industrie bei knapp
65% gegenüber der von 1937.
Und da frag ich mich woran liegt das?
Seit 1937 sind 80 Jahre vergangen?

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 5. September 2017 16:04:22

... finde ich interessant dass Sie über Vergleichszahlen verfügen. Ich habe keine derartigen Statistiken oder auch nur Zahlen, mit denen ich vergleichen kann. Mit anderen Worten: Meine Informationsagentur arbeitet verdammt schlecht.

Hauke Veröffentlicht: 5. September 2017 17:35:37

Lieber Herr Niemeier
Nein, warum sollte Ihre Informationsagentur schlecht arbeiten?
Das habe ich nicht geschrieben und auch nicht gemeint.
Wenn man sich, wie ich, für den ehemaligen Osten interessiert dann findet man in Deutschland, hier und da, alte Bücher über die Gebiete wo solche Zahlen drin stehen.
Ich denke es ist unwahrscheinlich dass man solche Bücher in Kaliningrad findet.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 5. September 2017 18:09:31

... Sie haben deutsche Literatur - gut. Und wo ist das russische Gegenstück zum vergleichen? Ich kenne keine Literatur die es mir ermöglicht, deutsche und russische Zahlen in dem jetzt diskutierten Zusammenhang zu vergleichen und dann den Schluss zu ziehen: Das russische Kaliningrad ist wirtschaftlich schlechter als das deutsche Königsberg (Ostpreußen). Zumal sämtliche deutsche Literatur ganz bestimmt Zahlen zu "Stadt Königsberg" und "Gebiet Ostpreußen" nennt. Und wir wissen, dass das Gebiet Ostpreußen heute dreigeteilt ist.

Hauke Veröffentlicht: 5. September 2017 21:30:27

Ich will hier nicht streiten aber nehmen wir mal eine Aussage von Ihnen.
Sie haben mal geschrieben dass die durchschnittliche Milchleistung pro Kuh bei ca.24 Liter liegt.
1937 lag sie bei 36Liter.
Und dann noch was, die im Gebiet produzierte Milch ist nicht für die Käse Herstellung geeignet.
Das war mal Ihre Nachricht.
Das in einem Gebiet in dem mal einer der berühmtesten Käse hergestellt wurde.
Zur Industrie: Die industrielle Hauptproduktion in Ostpreußen lag im heutigen Kaliningrader Gebiet.
Der südliche Teil Ostpreußens hatte außer Holzindustrie und Landwirtschaft so gut wie keine Industrie.
Schau ich mir die von Ihnen gezeigten Fotos von der ehemaligen Schlichau Werft an, wie ich sie auch Ende der 70er Jahre gesehen habe, dann habe ich den Eindruck man produziert noch wie 1949.
Schiffbauhallen scheint es immer noch nicht zu geben. Bei Schlichau gab es solche Hallen.
Ich wünsche den Menschen in Kaliningrad das Ihre Stadt einmal ein 2.Jumlin wird.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 6. September 2017 08:13:05

@... woher wissen Sie das. Haben Sie konkrete Zahlen aus Industrie und Landwirtschaft zum Vergleich oder ist das nur so ein Eindruck?

Dazu brauche ich keine Zahlen, man braucht nur durch die immer noch verwüsteten Dörfer und Städte fahren. Heinrichwalde, Groß Friedrichsdorf, Tlsit sind nur noch Schatten ihrer selbst, weite Landstriche im Norden Kalinigrads sind versteppt, die Entwässerung immer noch nicht wiederhergestellt. Dafür hätte man eigentlich über 70 Jahre Zeit gehabt.

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 6. September 2017 22:27:19

"Dafür hätte man eigentlich über 70 Jahre Zeit gehabt." Hätte man? Wer ist dieser "man" der soviel Zeit hat und warum sollte er diese Zeit verwenden um etwas zu tun was Ihnen gefällt? Vielleicht hat er eigenes Wollen und Gedanken und setzt seine Prioritäten ganz anders. Niemand braucht heute die riesigen ostpreussischen Pferdezuchtbetriebe. Ostpreussen hat 1938 20 dt Getreide pro Hektar geerntet - dank der umfassenden und teuren Melioration auf, für damalige deutsche Verhältnisse, riesigen Flächen, die die schnelle Mechanisierung förderten. Russland erntet heute auf noch weit riesigeren Flächen, die keine teure Melioration brauchen, 40 dt/ha, Deutschland auf mittlerweile mindestens ebenso grossen Flächen über 60 dt/ha. Weder Russland noch Deutschland brauchen Kaliningrad um Versorgungssicherheit zu erlangen, die dortige Landwirtschaft wird keine überregionale Bedeutung mehr erlangen und kann damit auch nicht "Entwicklungsmotor" der Region sein. Dinge ändern sich - so ist das Leben ;-)

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 6. September 2017 23:15:45

... interessante Sichtweise. Wobei ich ergänzen möchte, dass die Entwicklung der Landwirtschaft gegenwärtig eine der Hauptaufgaben in Kaliningrad ist. Allerdings geht es darum, die Eigenversorgung des Gebietes zu garantieren, für den Fall einer Blockade des Gebietes durch die Nachbarn, die dies in den letzten drei Jahren häufig, viel zu häufig, verbal angedroht haben.

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 7. September 2017 16:37:22

@UEN: jup, Eigenversorgung ist angesagt und da ist sicher noch Entwicklungspotential drin. Mein Punkt war ja nur, das man die Region Kaliningrad nicht mit dem alten Ostpreussen vergleichen kann (völlig andere Bedingungen und Notwendigkeiten, zur Eigenversorgung wird man nur einen Teil der Flächen brauchen und braucht entsprechend nicht alles meliorieren - hier in D "renaturiert" man Moore die in preussischen Zeiten trockengelegt wurden und auch hier in Meck-Pomm verfallen abgelegene Höfe und Dörfchen ) und das man es doch besser den Leuten vor Ort überlässt was, wie und mit welchen Prioritäten sie das Gebiet entwickeln. Ostpreussen-Nostalgie ist genauso kontraproduktiv wie Sowjet-Nostalgie. Solange in den umliegenden Staaten Russophagen herrschen wird es Kaliningrad schwer haben, das sollte man als Ansporn nehmen.

Jan Heller Veröffentlicht: 3. Oktober 2017 00:29:51

Die politische Seite hat dem Ganzen nicht gerade gut getan. Angefangen beim Verursacher des ganzen Desaster mit der Unfähigkeit einen verbrecherischen Krieg nicht rechtzeitig beenden zu können. Dann kamen die glücklichen Sieger in dieses schwer zerstörte Gebiet und versuchten wie die übriggebliebenen Deutschen einfach nur zu überleben. Das Mutterland selbst konnte nicht viel helfen, da auch dort die Folgen von Ernteausfällen und insbesondere der verbrannten Erde allenfalls das Allernötigste sicherten. Schwedische Unterstützung wurde zuerst abgelehnt da sie nur einseitig für die im Gebiet gebliebenen Deutschen vorgesehen war. Dann wurde sie bei Erweiterung für alle dennoch gänzlich zurückgewiesen. Bald folgte die Ausweisung der letzten Deutschen. Die junge DDR machte noch das Angebot gebietskundige Agronomen und Drainageexperten zur Verfügung zu stellen. Auch das wurde abgelehnt. Das Mißtrauen zum ehemaligen Feind war einfach zu groß. In manchen Köpfen gilt das sogar bis heute. Schade.

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