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Wo war der Osten Deutschlands? Wo ist der Osten Deutschlands?

Fr, 01 Feb 2019 ... mit deutschem Akzent


Wo war der Osten Deutschlands? Wo ist der Osten Deutschlands?
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Eine dumme Frage – nicht wahr? Klar ist, dass der Osten Deutschlands die sowjetische Besatzungszone, die Ostzone, die sogenannte DDR, die „DDR“ war. Das wissen doch alle, die vor 1990 geboren worden sind. Aber die, die danach geboren wurden? Wissen die auch, wo der Osten Deutschlands ist?

Geboren wurde ich im 55. Jahr des vorigen Jahrhunderts, bin also bewusst in der sowjetischen Besatzungszone, der Ostzone, der sogenannten DDR, der „DDR“ aufgewachsen. Alles Bezeichnungen, die man aus der Vergangenheit kennt und die seitens des Teiles Deutschlands angewandt worden sind, der sich als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches betrachtete. Mit diesen Bezeichnungen, für einen souveränen Staat, wollte man demonstrieren, dass man diesen Teil des ehemaligen Großdeutschen Reiches nicht als souveränen Staat anerkennt. Es handelte sich somit um ein minderwertiges Subjekt, okkupiert von den Russen. Immer wieder wurde von den Verantwortlichen in der Bundesrepublik Deutschland davon gesprochen, dass die Teilung temporär sei und man auf eine Wiedervereinigung hinarbeite – auf eine Wiedervereinigung zu den Bedingungen der westlichen drei Besatzungszonen natürlich.

Es gab sogar eine Erfassungsstelle „Salzgitter“. Hier wurden alle Vorgänge registriert, die Bürger der DDR begangen haben und die westlichen Rechts- und Moralvorstellungen nicht entsprachen, mit dem Ziel, nach der Wiedervereinigung, diese dort erfassten Bürger, zur strafrechtlichen Verantwortung zu ziehen.

Grafiktext: Werden auch heute noch Handlungen von Menschen registriert, die sich in ehemaligen Gebieten GroßDeutschlands engagieren und die im Falle einer dritten Wiedervereinigung zur Verantwortung gezogen werden sollen?

Nun, die Zielsetzung wurde erreicht und wenn man diesen Prozess im historischen Zeitrahmen betrachtet, so sind 40 Jahre Teilung eigentlich kaum der Rede wert.

Und während der Teilung wurde eben immer wieder von Ostdeutschland gesprochen, was rein geographisch gesehen, für die Zeit nach dem 8. Mai 1945 und insbesondere seit 1946, meine ich, völlig korrekt ist, wenn man die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges berücksichtigt.

Dann kam die Wiedervereinigung. Die erste Wiedervereinigung fand ja bereits Mitte der 50er Jahre statt, wo das Saarland wieder „Heim in das Reich(e) Land“ geholt wurde. Die Informationen, wie dies ablief, die man auf Wikipedia nachlesen kann, sind schon ein Schmeckerle – insbesondere, wenn ich mir die heutigen deutschen offiziellen Argumentationen zum Referendum auf der Krim im März 2014 anhöre. Referendum ist eben nicht immer Referendum. Ein interpretiertes Referendum im Saarland, zugunsten Deutschlands und zum Nachteil Frankreichs, ist ein gutes Referendum. Ein Referendum auf der Krim, zugunsten Russlands, zum Nachteil der Ukraine, ist ein schlechtes Referendum.

Aber ich weiche vom Thema ab.

Die zweite Wiedervereinigung fand am 3. Oktober 1990 statt. Die Älteren unter uns werden sich noch daran erinnern.

Und irgendwann sprach man plötzlich nicht mehr von Ostdeutschland, wenn man über das Gebiet der Ex-DDR sprach, sondern immer häufiger hörte oder las ich den Begriff Mitteldeutschland. Das irritiert mich ein wenig. Zuerst war das Gebiet im Osten und jetzt hat es sich plötzlich verschoben und wurde Mitte? Ja, wo ist denn dann der Osten Deutschlands?

In meinem gemütlichen Arbeitszimmer in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg in Ostpreußen, steht ein Fernsehapparat. Da laufen nebenbei die deutschen Programme die mich interessieren. Ich sehe Beiträge vom WDR, dem WestDeutschenRundfunk und ich sehe Beiträge vom MDR, dem MittelDeutschenRundfunk. Aber es gibt auch den OBB, den OstdeutschenRundfunkBerlinBrandenburg.

Ein russischer Bekannter, der noch nicht allzu lange in Kaliningrad lebt und dem ich meine Gedanken erzählte, zeigte sich daraufhin beruhigt, denn er glaubte schon, dass der Kaliningrader Sender BalticPlus vielleicht der „Sender OST“, für den zeitlich okkupierten Osten Deutschlands sein könnte.

Aber ich konnte mich nicht beruhigen, denn mich interessiert schon, wo das heutige Deutschland seinen Osten hat. Und die immer heftiger werdenden Diskussionen, insbesondere in sozialen Netzwerken, in Gruppen, die sich mit dem Thema „Ostpreußen“ beschäftigen, können einem schon zu Denken geben. Und das deutsche Truppen wieder an der russischen Grenze stehen, ist auch nicht gerade ein beruhigender Faktor – dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich um einen deutschen Soldaten oder um tausend deutsche Soldaten handelt – „Symbolik“ ist hier das Schlüsselwort.

Und ich habe einfach mal bei Wikipedia, dem modernen, wenn auch ab und zu subjektiven Lexikon nachgeschaut. Dort steht geschrieben:

Der Begriff Mitteldeutschland dient der Bezeichnung eines „zentral“ in Deutschland befindlichen Gebietes, der im geographischen, linguistischen, historischen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und weiteren Kontext Verwendung findet.

Da das Gebiet nicht eindeutig oder je nach Wissenschaftszweig unterschiedlich definiert ist, überschneidet sich der Begriff mit den vielschichtigen Definitionen Nord-, Ost-, Süd- und Westdeutschlands.

Seit der deutschen Einheit 1990 gibt es Bestrebungen, das Attribut Mitteldeutschland zunehmend den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, als „Kerngebiet“ zusammengefasst, zuzuordnen.

Das habe ich nun also verstanden und so befürchte ich, dass der Osten Deutschlands für Deutschland, ungeachtet aller offiziellen gutmütigen Worte, wohl doch nicht endgültig an der Oder-Neiße-Grenze festgelegt ist und man vielleicht irgendwo in Deutschland das Programm „Wiedervereinigung 3.0“, oder, wie wir in Kaliningrad sagen „Germanisierung des Kaliningrader Gebietes“ erarbeitet.

Und somit werde ich bei passender Gelegenheit mal in meinem russischen Bekanntenkreis nachfragen, wie eine derartige geographische Wortwahl in Deutschland für Deutschland, denn durch die Russen gewertet wird.

Tschüss und Poka

Ihr Erichowitsch

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Deutsches, Germanisierung

   Kommentare ( 2 )

Frank Werner Veröffentlicht: 1. Februar 2019 20:38:18

Wikipedia beschreibt das sehr gut zum Thema Mitteldeutschland. Und wenn heute jemand davon spricht, dann ist das für mich Sachsen-Anhalt/Thüringen. In dem Sinne ist Brandenburg dann Ost-Deutschland. Auf Grund der Historie ist aber auch Ost-Deutschland für alle neuen Länder nicht falsch. Daraus nun etwas zu basteln - nunja.

Und die Erfassungsstelle Salzgitter hatte die Aufgabe Hinweise auf vollendete und versuchte Tötungshandlungen (z. B. Schießbefehle an der innerdeutschen Grenze), Unrechtsurteile der DDR-Justiz aus politischen Gründen, Misshandlungen im Strafvollzug, Verschleppung und politische Verfolgung und natürlich die Beweismittel über diese Vorfälle zusammlen. Das fand ich schon zu DDR-Zeiten sehr gut und wenn ich mich zurückerinnere, als Lafontaine forderte diese aufzulösen, war nicht nur ich aufgebracht. Und es ging in Mehrheit um Verbrechen, welche auch durch das offizielle DDR-Recht nicht gedeckt waren. Nicht nur um "vermeintliche" Rechtsbrüche aus westdeutscher Sicht.

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 1. Februar 2019 22:35:05

"ungeachtet aller offiziellen gutmütigen Worte, wohl doch nicht endgültig an der Oder-Neiße-Grenze festgelegt ist."

Doch, doch, Uwe, das ist schon richtig mit der Oder-Neiße- Grenze als deutsche Grenze. So ungefähr jedenfalls. Aber da meinen bestimmte Leute nicht die - Lausitzer - Neiße. Es gibt da im Osten des ehemaligen Deutschen Reiches weiter östlich noch eine andere Neiße, die da in die Oder mündet. Die spielte lange Zeit, vielleicht auch heute noch in den Überlegungen von Leuten eine Rolle, die die englische Bezeichnung "roll back" auf die Ergebnisse des WK II anzuwenden versuchen.

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