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Woher kommt Kaliningrad, wohin geht Kaliningrad? – Teil 1

Mi, 07 Dez 2016 ... mit deutschem Akzent


Woher kommt Kaliningrad, wohin geht Kaliningrad? – Teil 1

Die föderale Informationsagentur REGNUM veröffentlichte einen Artikel zur historischen Entwicklung des Kaliningrader Gebietes unter dem Aspekt der gegenwärtigen heftigen Germanisierungs-Diskussion. Der Autor veröffentlicht Fakten des frühen deutschen Engagements im Kaliningrader Gebiet und gibt Antworten auf aktuelle Vorgänge im Gebiet Kaliningrad.

Der Autor des Beitrages, der in Fortsetzung im föderalen Informationsmedium „REGNUM“ veröffentlicht wird, ist Andrej Wypolsow, Chefredakteur des Portals NewsBalt in Kaliningrad.

Er titelt seinen Beitrag anders, als wir von „Kaliningrad-Domizil“ die Übersetzung titeln:

Screenshot REGNUM: „Von der Suche nach Kant im Gebietskomitee bis zur Deutschen Republik: Quellen der Königsbergisierung
 
Der Beitrag wird von „Kaliningrad-Domizil“ im wesentlichen Inhalt übersetzt und mit eigenen grafischen Darstellungen und Hervorhebungen ergänzt.

Der Korrespondent der Informationsagentur REGNUM hat die Geschichte dieser Frage analysiert, hat einen Ausflug zum Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gemacht, als Deutschland, vor allem das westliche Deutschland – ohne jegliche Übertreibung, in der Kaliningrader Richtung eine Neuauflage des „Drang nach Osten – 2“ initiierte (unter Beachtung der geschichtlichen Erfahrung über das „seichte Umarmen“.

Eine Analyse der Veröffentlichungen der damaligen Zeit gestattet die Schlussfolgerung, dass die deutsche Seite ziemlich klug alle Schlüsselrichtungen der Kaliningrader Gesellschaft erfasst hatte – von der Kultur, über die Bildung, bis hin zur Wirtschaft und Politik. Im Ergebnis dessen, so meine ich, wurde ein stabiles Fundament, unter dem sich nun schon drei Jahrzehnte hinziehenden mentalen Prozess des Einträufelns „allen Deutsches“ in die Kaliningrader geschaffen, um als Folge dessen, nach ein, zwei Generationen, die evolutionäre Abspaltung Kaliningrads von Russland zu erreichen.

 
Die ersten Kontakte Deutschlands mit Kaliningrad wurden im Jahre 1988 fixiert. Die Zeitung „Kaliningrader Wahrheit“ schrieb am 4. Februar 1988, dass in die Region eine Delegation deutscher Unternehmer angereist ist. Konkret ging es um die westdeutsche Firma „Baader“. Es haben Gespräche über eine mögliche wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit auf dem Gebiet der fischverarbeitenden Technik stattgefunden – so die Zeitung.

Im Juni 1988 fand in Kaliningrad die erste antiquarische Buchauktion statt. Die Zeitung „Komsomol-Wahrheit“ informierte, dass auf dieser Auktion Vorkriegsliteratur und Vorkriegsgegenstände angeboten worden sind. In den sowjetischen Jahren war der Handel mit „Königsberger“ oder ausgegrabenen Fundstücken illegal, aber die damaligen Jahre der Perestroika haben hier Korrekturen vorgenommen.

Im August 1988 kamen Filmschaffende aus Westberlin nach Kaliningrad – das Ehepaar Irmgard und Bengt von Zur Mühlen. In der Zeit 1988-1989 drehte Zur Mühlen eine Serie von Dokumentarfilmen „Aus Königsberg nach Kaliningrad“, „In Kranz und Rauschen“ (deutsche Bezeichnung für die Kaliningrader Kurorte Selenogradsk und Svetlogorsk), „Auf den Spuren Ostpreußens im Kaliningrader Gebiet“. Während ihres ersten Besuches schenkte die Familie von Zur Mühlen der Kaliningrader staatlichen Universität (heute Baltische Föderale Immanuel-Kant-Universität) eine halbmetergroße Gipsfigur des Philosophen, des geborenen Königsbergers Immanuel Kant. Die Skulptur war zweckbestimmt für die Schaffung eines Kant-Museumskabinetts an der Universität.

In Folge dessen, zwei Monate nach dem Aufenthalt von Zur Mühlen in Kaliningrad, fand an der Kaliningrader staatlichen Universität die ersten „Kant-Lesungen“ statt, anlässlich eines aus den Fingern gesogenen Anlasses – dem 200jährigen Jubiläum der Veröffentlichung der „Kritik der praktischen Vernunft“. Während der Lesung wurde der Beschluss gefasst eine Kant-Gesellschaft zu gründen.

Nach einer Woche wurde in Kaliningrad der Regionalverband der Gesamtsowjetischen Assoziation junger Historiker gegründet. Die Hauptaufgabe wurde so formuliert: Studium der Entstehung des Kaliningrader Gebietes“. Dieser Regionalverbund wurde durch den Geschichtslehrer der Staatlichen Kaliningrader Universität Juri Kostjuschow geleitet, der dann, gemeinsam mit dem deutschen Historiker Eckhard Matthes (dem Autor der These: Kaliningrader Gebiet – fremde Erde für die Russen) das Buch „Ostpreußen mit den Augen sowjetischer Übersiedler“ herausgab und in dem die ersten Teilnehmer am Aufbau des Kaliningrader Gebietes häufig verleumdet wurden (die Erstausgabe erfolgte im Jahre 1999 in Deutschland in deutscher Übersetzung).

Im Jahre 1988 schlug der offizielle Vertreter der „Deutschen Bank“ Wilhelm Christians dem Vorsitzenden der Regierung der UdSSR Nikolai Ryschkow vor, dem Kaliningrader Gebiet den Status „Selbständig, Sonderzone“ zuzuerkennen. Die deutsche Zeitung „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kommentierte diesen Vorschlag und schrieb: „Wir sehen neue Momente in der Geschichte. Mit dem Erhalt der Unabhängigkeit für die baltischen Staaten, wird das Königsberger Territorium von Russland getrennt.“ Deshalb, so schreibt die Zeitung weiter, „könnte die östlichste deutsche Großstadt irgendwann einmal das westlichste russische Beispiel einer Stadt für die deutsch-sowjetische Verständigung werden.“
 
 
Im neuen Jahr 1989, begannen die örtlichen Verantwortlichen auf die neuen deutschen Freunde zuzugehen. Am 15. Januar beschloss der Kaliningrader Stadtrat die Umbenennung der Schdanow-Strasse in Brahms-Straße, zu Ehren des deutschen Komponisten. Zwei Wochen später wurde durch das Gebiets-Politkomitee eine Anordnung veröffentlicht, die die Umbenennung der „Museumsstraße“ in „Bessel-Straße“, dem deutschen Astronomen, anwies. Während Bessel wenigstens in Königsberg wohnte, so war der Hamburger Brahms noch nicht mal besuchsweise in Ostpreußen. Aber bis Kriegsende trug die Straße in Königsberg seinen Namen (und auch die Bessel-Straße hieß bis Kriegsende so).
 
 
Im April 1989 fand in der Geschichtsfakultät der Kaliningrader Staatlichen Universität eine praktische Wissenschaftskonferenz zu „Problemen der historischen Heimatkunde des Kaliningrader Gebietes“ statt. Die Presse hob hervor, dass hier Probleme angesprochen worden sind, die den sorgfältigen Umgang mit dem kulturellen Erbe der Vergangenheit betrafen, der Wahrung und Nutzung von Geschichtsdenkmälern und der Kultur, aber auch der Ortsnamen des Kaliningrader Gebietes.

Im Mai war die Prämiere des Dokumentarfilmes „Silhouetten der Kant-Stadt“. Der Film wurde von einer Gruppe „LenWissenschaftsfilm“ gedreht und provozierte eine Spaltung der Kaliningrader Gesellschaft. Der Heimatforscher Avenir Owsjanow erinnert sich, dass nach dem Film ein Teil der Zuschauer schrie: „Wendehälse“, aber andere „Richtig gemacht, wurde langsam Zeit“. In diesem sowjetischen Film tauchten erstmals Worte auf, die die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und die Erbauer Kaliningrads zum rebellieren brachten. Der Sprecher im Film „Silhouetten …“ bestätigt: „Alles Deutsche muss zerstört werden - das war die Losung in den ersten Nachkriegsjahren. Genau in dieser Zeit wurde das historische Zentrum der Stadt dem Erdboden gleichgemacht und die Ruinen des Stadtschlosses gesprengt.“

Es ist unstrittig, das „LenFilm“ die Wahrheit gefälscht hat, denn das historische Zentrum  der Stadt wurde zu 90 Prozent bereits im Jahre 1944 durch die Hände von englischen Militärfliegern zerstört, sie warten auf die Wohnbezirke Königsbergs Tonnen von Brandbomben. Der ehemalige Erste Sekretär des Kaliningrader Stadtkomitees Michael Netreby, erinnert sich, dass „der Brand der durch diese englischen Bomben ausgelöst wurde, vollständig die Wohngebiete vernichtete, in denen Häuser sehr eng aneinander gebaut waren. Deshalb wurde beschlossen nur Gebäude der neueren Zeit wieder zu errichten und auf dem Schutt neue Gebäude zu bauen.“

Am 8. Juni hob das Staatliche Archiv des Kaliningrader Gebietes das Sperrverbot für Dokumente auf, die die ersten Jahre der Wiedererrichtung der Region betrafen und hierbei insbesondere das Leben der deutschen Bevölkerung.

Am 6. Juli wurde in der nun rückbenannten „Bessel-Straße“ eine Gedenktafel zu Ehren des deutschen Astronomen angebracht.

Im Oktober 1989 setzte die UNESCO den Dom und das Kant-Grabmal auf die Liste des Weltkulturerbes.

 
Die Konsolidierung der Kaliningrader Gesellschaft um die Figur des deutschen Philosophen Kant nahm manchmal komische Formen an. Als Beispiel sei der 4. Januar 1990 genannt, gleich nach den Neujahrsfeierlichkeiten, als in der Universität für Marxismus-Leninismus durch das Gebietskomitee eine Konferenz zum Thema „Die ethische Suche Kants und moralische Probleme der Moderne“ abgehalten wurde.

Im Februar 1990 trafen in Kaliningrad Nachfahren russischer Emigranten ein, die in Deutschland wohnten – Baron von Falz-Fein. Er schenkte das Archiv des westdeutschen Forschers Stein, welcher sich professionell mit der Suche nach, durch Faschisten in der Sowjetunion gestohlen Kunstwerken, beschäftigte.

Am 5. Juli gab es durch den Kaliningrader Stadtrat einen historischen Beschluss – die Stadt Kaliningrad wird für Ausländer geöffnet. Der Vorsitzende des Gebietskomitees Juri Malinkin erinnert sich: „Der Beschluss des Präsidiums des Stadtrates über eine Öffnung Kaliningrads kam völlig unerwartet.“  Der Chef des Generalstabes des Verteidigungsministeriums der UdSSR Generaloberst Wladimir Denisow gab dem Korrespondenten der „Iswestija“ ein Interview und kommentierte die Öffnung des Kaliningrader Gebietes: „Es wird sich wieder alles ändern, Genossen! Und Sie werden sich alle noch auf ihre Zungen beißen.“

Im Juli trafen in Kaliningrad Mitarbeiter der „Deutschen Bank“ ein und führten Gespräche über die Perspektiven einer Zusammenarbeit mit Kaliningrader Finanzkreisen durch – so schreibt die „Kaliningrader Wahrheit“.

Ein Wort noch zum Thema Bank und Ortsbezeichnungen. Im August 1990 kam es zur Gründung von kommerziellen Banken in Kaliningrad. Diese erhielten die Bezeichnung „Emba König Bank“ und „Alt-Königsberger Bank“. Die letztgenannte Bank hatte Beziehungen zur Stadtverwaltung Kaliningrad. (Schon bald begann eine Welle der Umbenennungen in der Region. Als Beispiel sei das Staatsunternehmen „KaliningradAgroPromChimija“ genannt, die in „Offene Aktiengesellschaft Moditten“ erfolgte – ehemalige Bezeichnung eines Fleckens am Stadtrand Königsbergs, und die Umbenennung der Bierbrauerei „Kaliningrad“ in Bierbrauerei „Ostmark“, so wie die Bierbrauerei in Königsberg ehemals hieß.

Im August 1990 begann die Gesellschaft die Diskussion um die Umbenennung der Region und der Stadt Kaliningrad. Die „Kaliningrader Wahrheit“ schrieb: „Vorschläge gibt es verschiedene – so die Rückgabe der ehemaligen Bezeichnung Königsberg, oder die Stadt nach dem Philosophen Kant als „Kantsk“ oder „Kantowsk“ zu bezeichnen oder die deutsche Bezeichnung ins Russische zu übersetzen „Korolewogorsk, Korolewogradsk“, usw.

Ein gewisser J. Arutjunow, Enkel eines Tschernigowsker Kosaken, wird zitiert mit den Worten, dass die „Wiedergeborene arische Weltkirche“ vorgeschlagen hat, die Stadt Kaliningrad umzubenennen und ihr einen würdigen Namen zu geben, aber nicht den Namen eines Menschen, welcher außer Schande dem Land nichts gebracht habe.

Die Zeitung „Kaliningrader Komsomolze“ schlug folgende Varianten vor: Sapadnorossisk, Semland, Gradomir, Kontinental und sogar Blüchergrad.

Nach einem Monat fand eine Besprechung des Kulturausschusses des Kaliningrader Stadtrates statt, wo man auf der Grundlage von Briefen und Vorschlägen erstmals die Frage  einer möglichen Umbenennung der Stadt diskutierte. Es wurde die Schaffung einer „Kommission für Sozialforschung“ beschlossen, die diese Frage detailliert bearbeiten sollte.

Im August fand eine Pressekonferenz im Gebietskomitee des Komsomol statt – Grund war der Besuch einer Delegation aus Deutschland. Wichtigste Frage war der Plan der Schaffung eines internationalen Jugendzentrums in Kaliningrad. Als Bezeichnung wurde der angeblich russische Name  „Kirschgarten“ gewählt, angelehnt an den Titel eines Werkes von Tschechow. Dies war aber nur eine Ablenkung. Denn in Wirklichkeit ging es um den Geburtsort des Deutschen von Glasow, welcher sich in der Siedlung Moskowskoje im Kreis Bagrationowsk befand. Der Nachfahre Ernst von Glasow baute im „Kirschgarten“ eine neue Villa und reiste im Jahre 1990 nach Kaliningrad um „Brücken zu schlagen“. Während der Pressekonferenz gab von Glasow zu: „Es wäre gut, wenn wir hier (im Kaliningrader Gebiet) Grund und Boden in Eigentum erwerben und dann darauf bauen könnten, so, wie es in der ganzen Welt praktiziert wird. Aber die sowjetischen Gesetze, selbst die neuen, allerradikalsten Gesetze, erlauben dies nicht.“

Am 11. August veröffentlichte die Zeitung „Kaliningrader Komsomolze“ erstmals ein Gedicht der deutschen Dichterin und gebürtigen Königsbergerin Agnes Miegel. Wohl nur die wenigsten der damaligen Leser wussten, dass sie eine ideologische Befürworterin des Nazismus war, die es verstand, in ihren Gedichten die Königsberger Natur zu verherrlichen und andererseits eine Ode an den Kriegsverbrecher Hitler zu schreiben.

Vom 1. bis 8. September fand in Kaliningrad die „Woche der russischen-deutschen Freundschaft“ statt. Das Gebiet wurde von einer Gruppe deutscher Ärzte und Pädagogen besucht.  

Im September 1990 traf in Kaliningrad der Präsident der Auswärtigen Abteilung der Lutherischen Kirche der BRD Heinz Held ein. Wichtigste Frage seines Besuches – das Schicksal des Doms. In Kaliningrad wurde zu dieser Zeit die „Dom-Gesellschaft“ geschaffen – Aktivisten, die die Säuberung der Ruinen von Unrat organisierten und die in den Medien zu Spenden aufriefen.

Am  11. September führte ein Unternehmer aus Kanada, ein gebürtiger Ostpreuße, Siegfried Koen Gespräche über eine Wiederherstellung der Käseproduktion „Tilsiter“ und dem Brauen von Bier „Ponarth“ nach alten deutschen Rezepten. Er wollte diese Erzeugnisse nach Deutschland exportieren.

Am 18. September schufen Heimatforscher einen Klub auf der Basis des Staatsarchives des Kaliningrader Gebietes. Ziel des Klubs war der Austausch von Informationen über die Vorkriegsgeschichte des Gebietes.

Am 18. Oktober erschien erstmals ein Kalender für das Jahr 1991 in Kaliningrad unter der Bezeichnung „Alte Stadt“, in dem Fotos von Denkmälern der deutschen Architektur in Königsberg zu sehen waren.

Am 5. Dezember wurde in der Kunstgalerie eine Ausstellung unter der Bezeichnung „Brücke BRD-Kaliningrad“ eröffnet. Hier wurden mehr als 50 Arbeiten von Künstlern aus Deutschland vorgestellt. Nach Schließung der Ausstellung erhielt die Galerie all diese Arbeiten als Geschenk.

Am 9. Dezember traf in Kaliningrad der erste humanitäre Transport mit Spenden von BRD-Bürgern ein.

 
Es beginnt das letzte Jahr der Existenz der Sowjetunion. Am 30. Januar erschien in Kaliningrad das erste Exemplar der Tageszeitung „Ja!“ – einer Zeitung, die durch die Kaliningrader Gemeinschaft „UdSSR-BRD“ gegründet wurde.

Am 2. Februar wird zwischen dem Schauspielhaus Kaliningrad und dem Theater Dittchenbühne der Stadt Elmshorn ein Vertrag über die kulturelle Zusammenarbeit abgeschlossen.

Am 6. Februar hielten sich erstmals im Kreis Krasnosnamensk Vertreter der deutschen Siedlungsgemeinschaft „Schlossberg“ auf, einer Gemeinschaft von gebürtigen Ostpreußen und deren Nachfolgern.

Am 9. Februar wurde im gesellschaftlich-politischen Zentrum des Gebietskomitees der KPdSU ein Videosaal eröffnet. Dieser wurde zu Ehren der Königsberger Universität „Albertina Video“ genannt.

Im März 1991 kam es zu einem bemerkenswerten Ereignis in der Erweiterung der Zusammenarbeit mit dem Westen. Am 1. März traf eine Delegation der Botschaft der USA in der UdSSR in Kaliningrad ein und schon drei Wochen später  berichtete die „Kaliningrader Wahrheit“, dass die ersten Studenten der Kaliningrader Staatlichen Universität die Möglichkeit erhalten hätten, ihr Studium im Ausland, an einer der Hochschulen der USA fortzusetzen. Die „Glücklichen“ waren die Studenten A. Achromejew und M. Naprijenko.

Am 28. April brachte das Reisebüro „Schnieder-Reisen“ die erste Gruppe deutscher Touristen nach Kaliningrad. Sie kamen aus Hamburg, besuchten die Straße ihres Landsmanns Johannes Brahms, einer Straße, die noch vor einem Jahr den Namen des Ersten Sekretärs des Leningrader Gebiets- und Stadtkomitees während der Zeit der deutsch-faschistischen Blockade Leningrads Andrej Schdanow getragen hatte.

Im Herbst 1991 begannen im großen Umfang Reisen von Kaliningradern nach Deutschland. Am 30. April waren Mitglieder der „Dom-Gemeinschaft“ in Mühlhausen an der Ruhr. Im Rahmen dieses Aufenthaltes wurde eine sowjetisch-deutsche Arbeitsgruppe für die Lösung von Problemen bei dem Wiederaufbau des Königsberger Doms geschaffen – so die Zeitung „Kaliningrader Wahrheit“.

Am 25. Mai hielten sich in Hamburg und Lübeck Delegationen der Gebietsgruppe des sowjetischen Komitees des Friedensschutzes auf. Die Kaliningrader „Friedensschützer“ informierten sich über die Aktivitäten der katholischen Gemeinden.

Am 19. Juli fand im gesellschaftlich-politischen Zentrum des Gebietskomitees der Kommunistischen Partei der RSFSR ein Treffen mit einer deutschen Touristengruppe, alles Mitglieder der SPD statt.

Am 28. Juli landete erstmals ein Flugzeug der Fluggesellschaft „Hamburg Airlines“ in Kaliningrad.

Am 30. Juli wurde in den Räumen der Kaliningrader Kunstgalerie eine Ausstellung von Privatsammlungen aus Deutschland eröffnet: „Altes Königsberg“ und „Königsberg-Kaliningrad“. Die erste Ausstellung umfasste 145 Exponate. Wie die „Kaliningrader Wahrheit“ mitteilte, stand im Mittelpunkt Metallstiche mit Ansichten von Königsberg – dem Königsschloss, dem Schlossbrunnen, dem Dom, dem Gebäude der Börse, aber auch Orte im Zusammenhang mit dem Namen Kant. Die zweite Ausstellung zeigte eine Sammlung von Briefmarken mit Ansichten der alten Stadt und den Ansichten des modernen Kaliningrads.

Am 10. August traf der erste Zug aus Berlin mit deutschen Touristen in Kaliningrad ein. Deutsche Zeitungen illustrierten diese Neuigkeit mit Fotos die Schilder zeigten, die seit dem Jahre 1945 im Berliner Bahnhof hingen: „Zug Berlin-Königsberg zeitweilig eingestellt“.

Am 5. Oktober hielten sich Kaliningrader Feuerwehrleute in Deutschland auf und vereinbarten den Erhalt von humanitärer Hilfe in Form von neuer Feuerwehrtechnik.

Am 5. November hielt sich eine Gruppe von deutschen Journalisten der TV-Anstalt ARD auf, um einen Dokumentarfilm zu drehen.

Am 4. Dezember traf in Kaliningrad ein humanitärer Hilfstransport auf dem Landwege in einem Wert von zwei Millionen Mark ein.

Und wieder gibt es amerikanische Spuren – im Dezember 1991 arbeitete im Kaliningrader Gebiet eine Gruppe aus zehn amerikanischen Spezialisten, so schreiben die Medien, die eine Analyse der wirtschaftlichen Situation und des Potenzials einer Freien Wirtschaftszone „Jantar“ erstellten.

Am 17. Dezember gab der deutsche Orgelkünstler Martin Sadner ein Konzert in der Kaliningrader Philharmonie. Alle Einnahmen aus dem Konzert spendete er für die Wiedererrichtung des Doms.

Nachtrag

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde der Prozess der „seichten Germanisierung“ des Kaliningrader Gebietes allumfassend. Alle Fakten und Ereignisse aufzuführen ist sinnlos. Vielleicht sollten wir nur eine, sehr wichtige Sache hervorheben.

Am 25. Januar 1992 wurde auf dem Parteitag der Deutschen in der UdSSR erstmals der Vorschlag unterbreitet, auf dem Territorium des Kaliningrader Gebietes eine Autonome Republik der Deutschen im Bestand der Russischen Föderation zu schaffen. Als Befürworter eines derartigen Schrittes traten bestimmte politische Kräfte in Deutschland auf, die hierfür den bekannten deutschen Journalisten Kurt Widmaier nutzten, der der Leiter der Wirtschaftsabteilung der Zeitung der Russlanddeutschen „Neues Leben“ war. Die Deutschen begründeten die „Kaliningrader Variante“ damit, dass die Wiedererrichtung der deutschen Republik an der Wolga nicht die massenhafte Migration der sowjetischen Deutschen in das „Vaterland“ aufhält, aber das Kaliningrader Gebiet, als ehemalige deutsche Provinz, ein ausgezeichneter Kompromiss ist – man wohnt gleichzeitig sowohl in Russland, wie auch in Deutschland. Allerdings sträubten sich die in der UdSSR lebenden Deutschen dagegen und sprachen sich für eine Wiedererrichtung der Republik nur an der Wolga aus. Die Ansichten der Kaliningrader in dieser Frage wurden nicht in Erwägung gezogen, da die Deutschen meinten, dass es in Kaliningrad keine Stammeinwohner gäbe – so schrieben die einflussreichen deutschen Journale „Spiegel“ und „Stern“.

Im gleichen Jahr, am, für Russland symbolischen Datum, dem 9. Mai, fand in der Stadt Weikersheim ein Treffen von deutschen und russischen Politologen statt, von Historikern und gesellschaftlichen Aktivisten – auch aus Kaliningrad. Auf dem Forum wurde offen vorgeschlagen, in das Kaliningrader Gebiet die ethnischen Deutschen aus Russland, Kasachstan und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken umzusiedeln.

Heute klingt diese Idee absurd, allerdings zeigen die ausufernden Ereignisse in den Jahren 2015-2016, wenn man das Puzzle zusammensetzt, dass die Idee einer Autonomen Deutschen Republik anstelle des Kaliningrader Gebietes nicht ganz so hypothetisch ist. Möglich, das gerade deshalb die Kaliningrader, im zu Ende gehenden Jahr 2016, Zeugen wurden, von den harten Reaktionen des föderalen Zentrums auf den Prozess der Germanisierung Kaliningrads bis zu dem Moment, wo dies nicht aufhört.

Genau über diese Momente der aktuellen Situation berichten wir im zweiten Teil dieser Dokumentation.

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Deutsches, Gesellschaft

   Kommentare ( 1 )

Радебергер Radeberger Veröffentlicht: 19. Dezember 2016 04:24:57

Hallo Uwe,
erst einmal danke für die Mühe der Übersetzung.
Für mich war und ist es immer wieder interessant zu erfahren, wie zwischen den vielen redlichen und anständigen Bemühungen von bundesdeutschen Bürgern für eine gute persönliche, wirtschaftliche oder auch kulturelle Verbindung zur ehemaligen UdSSR, Rußlands, also auch der Kaliningrader Oblast, die ewig gestrigen Revanchisten am Wirken waren und auch heute noch sind. Bedauerlich dabei ist, daß sie dabei aktive Hilfe von russischen Bürgern erhalten.

Warum ist das eigentlich so schwer für bestimmte Leute zu verstehen, daß dieses Gebiet eine deutsche Geschichte hat, deren positive Momente man auch auf jeden Fall pflegen soll.
Aber man sollte dann auch die Realität anerkennen, daß es ab dem 9.Mai 1945 kein Königsberg als Teil Deutschlands mehr gab. Das haben sie mit Rechter Arm hoch und Heil Hitler und Barbarossa selbst verspielt gehabt. Das ist nun mal so mit Verlierern.
Ich wünschte mir eine gute und enge Zusammenarbeit zwischen der deutschen und russischen Seite zum - gegenseitigen Vorteil - . Wie drückte es Putin in anderem Zusammenhang aus - aber auf Augenhöhe!
Das schein aber bei derzeitiger deutscher rußlandfeindlicher Außenpolitik bereits vom Kanzleramt beginnend nicht möglich zu sein. Dem stehen offensichtlich Wünsche und Weisungen aus Washington, aber auch große und tief sitzende Verärgerungen über die erfolglosen Erziehungsversuche einer bestimmten Dame an einem sehr höflichen aber von ihr nicht belehrbaren Herrn in Moskau entgegen.

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