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Woskresenski - nur Putins rechtes Ohr?

Mo, 26 Nov 2012 ... mit deutschem Akzent


Woskresenski - nur Putins rechtes Ohr?

Tradition in Deutschland, vielleicht auch in Russland ist es, bei «Neuen» nach 100 Tagen eine Zwischenbilanz zu ziehen. Bis dahin gibt es eine Schonfrist. Den Zeitpunkt habe ich nun schon verpasst, denn Stanislaw Woskresenski, der Vertreter des russischen Präsidenten in Kaliningrad ist seit dem 11.07.2012 bereits in Funktion. Den wenigsten meiner Leser ist der Name bekannt und es steht die Frage, warum ich nun ausgerechnet über Herrn Woskresenski schreibe. Umso mehr, da er die Öffentlichkeit anscheinend nicht so mag. Es ist also kein Auftragsartikel, ich bin auch kein Journalist – nur ein Blogger. Aber, glauben Sie mir, er ist eine interessante Persönlichkeit und wir werden noch von ihm hören.

Er ist jung, der junge Mann. 1976 geboren (da hatte ich gerade die Offiziershochschule absolviert), legte er eine ganz normale sowjetische Karriere hin. Über irgendwelche herausragenden Ereignisse während seines Aufenthaltes in der Kinderkrippe und dem Kindergarten habe ich nichts gefunden und bei meinem ersten Gespräch mit ihm vor wenigen Wochen, hat er mir darüber auch nichts erzählt.

Er besuchte die Russische ökonomische Akademie «Plechanow» und qualifizierte sich zum Thema «internationale ökonomische Beziehungen». Während die Mehrzahl der Studenten weltweit sich ein Zubrot mit kellnern oder als Babysitter verdienen, arbeitete er in russischen und ausländischen Auditfirmen und beschäftigte sich mit Steuerfragen. Gleich nach Abschluss des Studiums wurde er Finanzdirektor in der Firma, an der er auch erhebliche Aktienanteile hält.

Um Ihre Vermutungen nicht in eine falsche Richtung zu lenken. Der Vater von Stanislaw ist kein Politiker. Er ist ebenfalls Gesellschafter in der genannten Baufirma und Generaldirektor. Also, rote Socken oder Oligarchen braucht hier keiner zu vermuten.

So ganz nebenbei arbeitete Woskresenski als Referent in der Expertenverwaltung von Putin. 2007 wurde er zum Stellvertreter dieser Verwaltung ernannt. Vorher war er bereits Spezialist in der Budgetkommission der Staatsduma. Merken Sie schon etwas? Wir reden hier von einem Mann der mal gerade 31 Jahre alt war!

Und er war nicht nur jung, er war auch noch klug. Mit seiner Ernennung zog er sich aus der Publizität zurück. Sie meinen, dass das unklug ist? Nein, wir leben in Russland und hier ticken die Uhren anders. In den Jahren 2001 – 2004 trat Woskresenski rund 100  Mal in unterschiedlichster Form an die Öffentlichkeit. Danach finden sich nur noch vier öffentliche Auftritte. Man muss in Russland genau seinen Platz kennen – wissen, wann man reden und noch besser, wann man schweigen sollte. Und die jetzige unmittelbare Nähe zur obersten Führung des Landes bedarf anscheinend auch einer besonderen, bescheideneren Verhaltensweise – eine Eigenschaft, die er sich anscheinend bis heute bewahrt hat.

Seine Arbeit, sein Verhalten trug Früchte. Im März 2008 wurde er Stellvertreter Minister für ökonomische Entwicklung Russlands. Nicht wesentlich hervorgehoben wird in den verschiedensten Materialien über Stanislaw, das er sowohl Putin wie auch Medwedjew direkte Zuarbeit zu einigen spezifischen internationalen finanzökonomischen Fragen geleistet hatte.

Erinnern Sie sich noch an die sehr schwierige Situation mit IKEA in Russland? Wie schwer es diese Firma hatte hier Fuß zu fassen. Ja, Woskresenski war derjenige, der sich sowohl für IKEA wie auch für andere ausländische Investoren eingesetzt hatte – und er hat die Probleme gelöst, wie wir heute wissen.

Das St. Petersburger ökonomische Forum (bitte nicht verwechseln mit dem Petersburger Dialog) – das ist sein Baby. Und er hat dem Präsidenten die ökonomische Politik Russlands für die Zeit 2012 – 2018 zugearbeitet. Und er war es, der hinter den Kulissen im Rahmen von G8 und G20 die Interessen Russlands wahrgenommen hat.

Im Zusammenhang mit den Wahlen im März und  der Formierung der neuen «Kommandos» von Putin und Medwedjew, waren alle davon überzeugt (und  so war es anfänglich auch geplant), das Woskresenski Minister für Ökonomie wird. Aber er wurde es nicht. Es fand sich noch nicht mal ein Stuhl im warmen Kreml für ihn! Er wurde nach Kaliningrad verbannt.

Halt! Wollen wir mal nicht so voreilig sein. Verbannung? Kaliningrad? Ist Kaliningrad wirklich so schlimm, dass man von einem Verbannungsort reden muss? Wahrscheinlich nicht, denn welcher Präsident baut schon eine internationale Residenz an einem Verbannungsort. Also müssen wir anders herum denken. Kaliningrad hat einen so wichtigen Stellenwert für Russland, dass es notwendig ist, so einen hochqualifizierten und international erfahrenen Mann wie Stanislaw dorthin zu schicken.

Vergessen wir nicht, was das denn für eine Funktion ist, auf die er «verbannt» wurde. Er ist das rechte Ohr des Präsidenten, er ist der Vertreter des Präsidenten in Kaliningrad – auch wenn er noch einen weiteren Vorgesetzten in St. Petersburg (Nord-West-Region) hat.

Nun werden Sie fragen, was denn der Gouverneur für eine Rolle spielt. Denn eigentlich sind doch die Gouverneure die Vertrauten des Präsidenten. Anscheinend doch wohl nicht, wenn wir uns die Personalrotation anschauen (egal mit welchen politischen Hintergedanken). Die Gouverneure haben sich auch nicht immer als loyal erwiesen. Manche sollen sogar korrupt sein – wie man so hört. Und da wurde ein weiteres «Sicherungs- und Informationselement» administrativ eingebaut. Und das ist der Präsidentenvertreter.

Und dann schreibt die Presse über die wichtigsten Aufgaben von Herrn Woskresenski. Zum einen soll er den Konflikt zwischen dem Kaliningrader Gouverneur und dem Kaliningrader Bürgermeister glätten und zum zweiten soll er Bedingungen für eine neue ökonomische Ausrichtung der Enklave unter den Bedingungen des Beitritts Russlands zur WTO schaffen.

Das kann man glauben, man kann es aber auch bleiben lassen. Ich glaube, dass er diese Aufgaben natürlich auch lösen soll. Aber er scheint mir mit diesen beiden Aufgaben einfach unterfordert zu sein. Also fange ich mal an zu vermuten, dass hier noch was anderes in Vorbereitung ist. So vertraut bin ich mit ihm nicht, dass er mir Staatsgeheimnisse verrät. Das zwischen uns vereinbarte Bier haben wir auch noch nicht gemeinsam getrunken. Also bleiben nur Vermutungen und Kaffeesatzlesen beim Studium der zur Verfügung stehenden Informationen.

Da wurde vor kurzem vage vom «Internationalen Kongresszentrum Kaliningrad» gesprochen, da gibt es die Präsidentenresidenz in Kaliningrad, da wird der Airport mit Hochdampf aufgebaut. Da werden Milliarden nach Kaliningrad gepumpt für die Avtotor-Holding und für ein Nano-Zentrum und  für die IT-Branche. Da ist gerade grünes Licht gegeben worden für den Aufbau eines der größten Rehabilitationszentren Russlands in Kaliningrad. Das Atomkraftwerk bietet neben Energiesicherheit ab 2016 eine Rieseneinnahmequelle, 2018 die Fußball-Weltmeisterschaft und bis dahin bleibt in Kaliningrad kein Stein auf dem anderen – mal bildlich gesprochen.

Und es gibt weitere Dinge die nur wenige wissen. Und für all dies benötigt man starke Führungspersönlichkeiten – auf den unterschiedlichsten Stühlen der Macht. Nun, Stanislav Woskresenski scheint mir so eine Persönlichkeit zu sein, der Kaliningrader Bürgermeister auch ... habe ich noch jemanden vergessen? Nein, ich glaube nicht...

Also lange Rede kurzer Sinn. Merken Sie sich den Namen dieses jungen Mannes. Er wird in Russland noch eine Rolle spielen und dies nicht nur als glücklicher Familienvater mit zwei Kindern.

Uwe Niemeier

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