Russland will die Sklaverei abschaffen

Russland will die Sklaverei abschaffen
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

 

Es gibt einige Dinge in Russland, die sind so selbstverständlich in den letzten 30 Jahren, seit der Großen kapitalistischen Revolution in Russland geworden, dass niemand mehr daran Anstoß nimmt, dass sie eigentlich widernatürlich sind. Hierzu gehört die Sklaverei, in die sich alle Russen bei den kommunalen Dienstleistungsbetrieben begeben haben.

Im Sozialismus gab es auch schon kommunale Dienstleistungen, sprich Gas-, Wasser-, Stromversorgung. Aber der Russe brauchte dafür nichts zu bezahlen – das waren die angenehmen Seiten des Sozialismus. Und wenn man nichts bezahlen braucht, dann braucht man auch keine Zähler, denn Zähler werden nur benötigt, wenn jemand etwas zahlen soll. Und somit waren die sozialistischen Wohnungen nicht mit Zählern ausgestattet.

Dann wurden, beginnend ab 1991, die sozialistischen Wohnungen in kapitalistische Wohnungen umgewandelt – sprich privatisiert. Für ´nen Appel und ´nen Ei erwarben die Bewohner die von ihnen selbstgenutzten Wohnungen. Auch danach blieben die kommunalen Dienstleistungen noch viele Jahre spottbillig, so billig, dass Vermieter von Wohnraum häufig ein Komplettangebot machten, d.h. in der Miete waren die Kosten für Strom, Wasser und Gas bereits eingeschlossen. Egal, wie viel verbraucht wurde, es war so billig, dass der Verbrauch selber keine Rolle spielte.

Dann wurden Verbrauchsnormen eingeführt. Wohnungen, die keine Zähler hatten, sollten eine Pauschale bezahlen und diese Pauschale war nicht gerade niedrig. Wer den realen Verbrauch bezahlen wollte, der musste einen Zähler installieren. In den Neubauwohnungen, also denen, die nach 1990 gebaut worden sind, wurden natürlich die neuen Erfordernisse berücksichtigt, aber in den Altbauwohnungen eben nicht.

Und wer nach Zählerstand abrechnen und bezahlen wollte, der musste sich selber um alles kümmern. Eine unvorstellbare Bürokratie, wer diese drei Zähler installieren wollte, Papierkrieg ohne Ende und viel Zeitinvestitionen, Schlange stehen in völlig überforderten Kommunalversorgern. Dazu musste man den Zähler selber irgendwo kaufen. Die waren oft nicht geeicht und es gab auch keinerlei Festlegungen, ob diese in Russland zur Nutzung zugelassen waren – Hauptsache der Zähler drehte sich oder tickte.

Viele Russen nutzten dann diese Zähler, um zu manipulieren. Was dachte man sich nicht alles aus, damit der Zähler sich langsamer dreht. Manche Zähler sollen sogar rückwärts gezählt haben und eigentlich hätten die Kommunalversorger den Verbrauchern noch Geld zahlen müssen.

Dann wurden die Kontrollen eingeführt. Da es keine einheitlichen, sogenannten Stadtwerke oder Versorger gibt, konnte es sein, dass man dreimal im Monat Kontrolleure bekam, die die Ordnungsmäßigkeit der Zähler kontrollierten. Aber hierbei ging es in erster Linie darum, ob die Verbraucher auch die Zählerstände ordnungsgemäß melden. Und die Zählerstände werden in Russland jeden Monat gemeldet. Und so konnte es auch sein, dass man jeden Monat eine Kontrolle bekam.

Dann bemerkte man, dass die Zähler selber nicht immer ordnungsgemäß arbeiteten. Entweder weil sie manipuliert worden waren oder eben weil sie nicht den Qualitätsstandards entsprachen.

Somit wurden weitere Kontrollen eingeführt. Es wurde festgelegt, wie lange ein Zähler sich im „Mindesthaltbarkeitsdatum“ bewegt, bis er wieder auf technischen Zustand kontrolliert werden darf – sechs bis zehn Jahre, je nach dem …

Und auch hier wurde wieder der Verbraucher verantwortlich gemacht. Er hatte die Fristen zu überwachen, er hatte die Kontrolleure zu bestellen, er hatte die Kontrollen zu bezahlen und er hatte zu Hause zu sitzen und zu warten, bis die Kontrolleure kamen. Bei der Planung der Kontrollen bekam man zu hören: Wir kommen am Dienstag in drei Wochen, in der Zeit von neu bis 18 Uhr.

Und wenn sich dann herausstellte, dass der Zähler nicht richtig arbeitete, begann das Spielchen wieder von vorne, d.h. der Verbraucher musste einen neuen Zähler kaufen und bei dem Dienstleister den Wechsel des Zählers beantragen … Zeit, Geld, Nerven, Papier.

Die russische Behörde für Standardisierung hat nun bemerkt, dass dies ein unhaltbarer Zustand ist. Wer auf dem Markt ein Kilo Tomaten kaufen will, muss doch auch nicht mit einer Waage auf den Markt kommen und der Tomatenverkäuferin auch noch ein Protokoll über die Eichung der Waage vorweisen – so ein leitender Mitarbeiter der Behörde. Mit dieser Versklavung der Russen muss Schluss gemacht werden, war seine Forderung.

Zukünftig sollen die Anbieter von kommunalen Dienstleistungen für alles verantwortlich sein. Einzige Verpflichtung der Verbraucher ist, die Dienstleister zu einer abgestimmten Zeit Zutritt zu den Zählern zu gewähren.

Nun bleibt es abzuwarten, ob die russische Staatsduma einer Gesetzesänderung zustimmt und damit die Russen aus der Sklaverei entlässt.

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Kommentare ( 9 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 5. Februar 2019 19:32 pm

    Da drücken wir doch mal die Daumen. Aber auch in D'land kann es passieren, dass (i.R. Heizungszähler, der Rest ist meist außerhalb der Wohnung) jemand zwischen 8 und 18 Uhr verspricht zu kommen. Glücklicherweise wird auch immer mehr automatisiert gemeldet, aber leider nicht alles.

  • Georg

    Veröffentlicht: 5. Februar 2019 23:00 pm

    Da kann man nur den Worten von Dmitrij Medwedew beipflichten, der in einem veröffentlichten Beitrag für die Internetzeitung Gazeta.ru Russland "rückständig und korrupt" bezeichnete. Das Land leide unter einer "primitiven" Wirtschaft und "schwachen Demokratie".

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 5. Februar 2019 23:35

      ... das ist ja interessant. Könnten Sie mir den Link zu diesem Beitrag zusenden?

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 02:32 pm

    In Rossia24 wurde gestern Abend ein kurzer Beitrag darüber gebracht, daß nun wohl alle Verbraucher durch die Lieferanten für die anliegenden Medien Zähler eingebaut bekommen. Grundtenor war wohl, was ich bei dem schnellen Geschnatter nicht so richtig mitbekommen habe, daß es nicht sein kann, daß man nicht auf Kosten der anderen leben kann (meine Interpredation).
    Bei den Fernsehmoderatorinnen habe ich so manches Mal den Verdacht, daß diese Schönheiten ein RPD (Russisches Modell Degtjarjow DP 28) verschluckt haben.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Februar 2019 10:07

      ... ja, die russischen Moderatoren, egal ob männlich oder weiblich, reden sehr schnell. Da braucht man Training, um als Nichtmuttersprachler den wesentlichen Inhalt richtig zu erfassen.

  • Georg

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 09:13 pm

    Geben Sie bitte beim Google in der Suchmaschine ein "Russland rückständig" und dann finden Sie es, wurde von verschiedenen Medien veröffentlicht.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Februar 2019 10:05

      ... Sie sprachen doch davon, dass die "Gaseta.ru" die Meinung des russischen Premierministers Medwedjew zitiert hat. Da komme ich mit deutschen Suchbegriffen nicht weiter. Und wenn ich den deutschen Suchbegriff "Russland rückständig" eingebe, bekomme ich Millionen von Angeboten, denn für deutsche Medien ist Russland generell rückständig und soviel kann ich nicht lesen, um zu prüfen, ob Dmitri Medwedjew seine eigene Politik selbst diskreditiert hat.

  • Hauke

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 12:01 pm

    Ohne Russland gleich germanisiren zu wollen
    aber in dieser Angelegenheit könnte man mal ein Blick nach Germanien werfen.
    Da funktioniert das sehr gut mit den Zählern.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Februar 2019 12:11

      ... das ist richtig. Und auch im Osten Deutschlands funktioniert es genauso wie im Westen Deutschlands. Es waren eben nach dem Zerfall der DDR und der UdSSR einfach nur unterschiedliche Startbedingngen - auch in diesen Kleinigkeiten. Der Vorteil für die Ex-DDR war, dass man ein vollständiges "Erfahrungspaket" aus dem Westen bekam und man sich nichts Neues ausdenken musste. In der UdSSR brach alles zusammen und niemand war da, der wirklich EHRLICH helfen wollte.

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 12:53 pm

    Ja, aber ...
    Vorausgesetzt ich habe das richtig mir "zusammengereimt", will man zumindest bei den Stromzählern dazu übergehen, daß diese nicht mehr manuell abgelesen werden sollen, sondern daß es eine automatische zentrale Erfassung des Anbieters irgendwann gebe soll.
    Dann wäre wohl Schluß mit lustig und Manipulation und Nichtbezahlen, meiner laienhaften Vorstellung nach. Wie ist das in Rußland, Kann die Monatspauschale vom Anbieter auch gleich per Lastschrift abgebucht werden?

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Februar 2019 14:26

      ... ja, bei Strom will man intelligente Zähler einführen. Und es gibt auch schon das Einzugsverfahren - allerdings nicht so einfach, wie in Deutschland, denn es wird keine Pauschale abgezogen, die dann zum Jahresende ausgeglichen wird, sondern der Verbraucher hat jeden Monat den Zählerstand zu melden, dann wird eine konkrete Rechnung erstellt und die kann man dann automatisch abbuchen lassen. Das nennt sich "Avtoplatjosch".

  • Georg

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 13:41 pm

    Ich habe das übernommen, von einem Artikel des Spiegel, da steht es so geschrieben.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 6. Februar 2019 14:23

      ... ach so, der SPIEGEL hat geschrieben, dass eine russische Zeitung geschrieben hat, das Medwedjew gesagt haben soll ... habe ich das jetzt richtig verstanden?

  • boromeus

    Veröffentlicht: 6. Februar 2019 17:46 pm

    Im Zeitalter des WWW wäre es sinnvoll netzfähige Zählereinrichtungen einzusetzen,die man Fernabfragen kann.Da nicht jeder einen Internetzugang hat ,also auch suboptimal.In Germani will man solche Dinger auch einführen,mit der Zusage,dass die Dinger natürlich nur!!den Zählerstand erfassen.Wahrscheinlicher ist es,dem säumigen Zahler bei Bedarf schneller den Strom abschalten zu können.Wenn allerdings 167 Millionen Verbraucher in Russia jeden Monat entweder selber oder durch Fremdkräfte den Zählerstand ablesen müssen,dann ist das ein Aufwand das den EVUs jede Menge Geld kosten.Dann stellt sich natürlich die Frage,wie dann ein solch niedriger Strompreis pro KW/h garantiert werden kann.Russia ist nicht Deutschland.Ich denke Vorrauszahlungen sind auch nicht das gelbe vom Ei,aber es reicht dazu eine Jahresablesemeldung.Wenn man das skeptisch sieht könnte man auch auf halbjahres,oder quartalweises Ablesen umstellen .Aber monatlich ,dass sind ja Kosten in Millionenhöhe alleine an Personal..

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 7. Februar 2019 02:57 pm

    Hallo boromeus, gehen Sie mal davon aus, daß es nicht 167 Mio. Verbrauche sondern meinetwegen 1500 Zieferer sind, die bei den o. g. Verbrauchern den Strom ablesen. Dann ist das aber so organisiert, daß nicht Kollege Iwan und Kollegin Iwana vor dem Bildschirm sitzen und die Ergebnisse auf das Rechenbrett übertragen, sondern die Firma abc eine Software entwickelt hat, die das selbständig ausrechnet und eine zweite kompatible Software eine Plausibilitätsprüfung vornimmt. mühlen und die
    Kein Wunschdenken von mir, gibt es bereits.
    Und Strompreise in Germanien sind, um es mal sehr vorsichtig auszudrücken, ein riesiger Betrug. Der Verbraucher bezahlt letztendlich die Anschaffung und Installation der Windmühlen sowie der Trassen der Überlandleitungen, die aus Kostengründen angeblich immer noch über Land geführt werden. Welchem Stromkunden gehört deswegen ein Wievieltel an den Windmühlen, die ja schon von ganz anderen bezahlt wurden und wieviel an den Leitungen?

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