Agnes Miegel – Nachdenkliches zum 50. Todestag

Agnes Miegel – Nachdenkliches zum 50. Todestag

Am heutigen 26. Oktober des Jahres 1964 starb Agnes Miegel in Bad Salzuflen. Sie ist eng mit Königsberg durch ihr künstlerisches Schaffen verbunden. Aber auch Kaliningrad bewahrt das Andenken dieser Frau.

Der Name Agnes Miegel sagte mir bis vor wenigen Jahren gar nichts – ich gebe das zu. Woher auch? Ich bin in der DDR geboren und alles was mit Nazismus zu tun hatte, wurde in der DDR geschichtsaufbereitend gelehrt. Frau Agnes Miegel, an sich eine nazistische Kulturschaffende, glühende Verehrerin von Adolf Hitler, auch noch viele Jahre nach seinem Tod, dazu noch aus Königsberg, welches nach 1945 der Sowjetunion zugeschlagen wurde, hatte keine politische Bedeutung in der Art, dass man sie im Unterricht hätte erwähnen müssen. Ihre Werke, Gedichte und Bücher wurden in der DDR einfach verboten.

Erst als ich im Jahre 2012 für unseren „Trefftisch Deutschsprachiger“ in Kaliningrad eine Präsentation erarbeitete und nach Motiven suchte, stieß ich auf Agnes Miegel. Aber ich machte mich nur sehr oberflächlich kundig und so wurde sie mir nur als Heimatdichterin bewusst. Mit diesem meinem Kenntnisstand fand sie einen Platz in unserer Präsentation:

Grafik: Präsentationsblatt Agnes Miegel für Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad

 

Der Trefftisch Deutschsprachiger zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass wöchentlich an jedem Mittwoch ein bunter Mix von Teilnehmern erscheint, Deutsche und Russen, manchmal auch Schweizer, Holländer und andere Nationalitäten.

Und vor ein paar Tagen wurde ich auf diese Grafik angesprochen. Es entwickelte sich ein Gespräch, wo mir einiges Neues berichtet wurde und mir fingen an die Ohren zu glühen. Mir war es regelrecht peinlich, denn das ich der Autor dieser Präsentation bin, das ist kein Geheimnis.

Es ist auch kein Geheimnis, welche politische Erziehung ich genossen habe und umso peinlicher war es mir jetzt zu hören, wer denn Agnes Miegel wirklich war und das ich dieser Frau eine Art Denkmal mit unserer Trefftisch-Präsentation gesetzt habe.

Mir ist schon bewusst, dass man sich  in der Einschätzung einer Staatsform, dessen Demokratie oder Nichtdemokratie, in den Personen, die diesen Staat präsentieren, irren kann. Dafür muss jeder mit seinem Gewissen klarkommen. Gerade wir ehemaligen DDR-Bürger haben es ab 1989 zu spüren bekommen, wie man in die „gesellschaftliche Schäm-Dich-Ecke“ gestellt wurde, wenn man sich mit dem Staat DDR identifiziert hatte. Aber dieser Staat war international anerkannt und seine politische Führung hatte keinen Krieg angefangen und hatte auch keine Juden vergast und hatte vor allen Dingen auch keine 20 Millionen Sowjetbürger auf dem Gewissen. Aber all diese Dinge hatten das faschistische Deutschland und sein Führer Adolf Hitler auf dem Gewissen.

Und Frau Agnes Miegel war eine Verehrerin von Adolf Hitler.

  • 1933 unterzeichnete sie mit weiteren 88 deutschen Schriftstellern das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler,
  • 1939 erhielt sie das Ehrenzeichen der Hitlerjugend,
  • 1940 wurde sie Mitglied der NSDAP,
  • 1944 wurde sie von Hitler als „überragendes nationales Kapital“ in die Sonderliste der „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen.

Und man könnte die Liste von Ehrungen für Agnes Miegel durch den nationalsozialistischen Staat und ihre Loyalitätsbekundungen für den nationalsozialistischen Staat mit langen Listen fortsetzen.

Selbst nach der Kapitulation von Großdeutschland, wo vielen klar wurde, dass sie sich geirrt hatten, hatte Agnes Miegel ihre eigene Ansicht:

„Dies habe ich mit meinem Gott alleine abzumachen und mit niemand sonst.“

Da sie keine Verbrechen begangen hat, sondern man ihre „Schuld“ auf der moralischen Seite des Lebens suchen muss, kann ich ihrer trotzigen Meinung durchaus etwas Richtiges abgewinnen. Sie muss es mit Gott klären, denn einen Richter hat sie auf Erden nicht gefunden.

In der DDR war Agnes Miegel einfach „nicht vorhanden“. In der BRD wurden nach ihr Straßen, Plätze und Einrichtungen benannt. Sogar eine Sonderbriefmarke wurde herausgegeben. In den letzten Jahren hat in der Bundesrepublik Deutschland ein Prozess begonnen, diese Namensgebungen rückgängig zu machen.  

Und wie ich mich so mit den Details des Lebens von Agnes Miegel beschäftige, lande ich auch auf der Internetseite der Kaliningrader Stadtverwaltung. Dort finde ich eine

„Liste von Gedenktafeln“, gelegen auf dem Territorium der Kommunaleinrichtung „Stadtkreis Stadt Kaliningrad“

Unter der laufenden Nummer „51“ steht:

„und dass du konigsberg nicht sterblich bist ибо ты кенигсберг бессмертен in diesem hause lebte bis 1945 die deutsche dichterin AGNES MIEGEL *9.3.1879. Konigsberg + 26.10.1964 В этом доме до 1945 года жила известная немецкая поэтесса АГНЕС МИГЕЛЬ *9.3.1879.Кенигсберг + 26.10.1964“

Und im „Wikipedia“ finde ich auch ein Foto der Gedenktafel für diese, bis zu ihrem Tode unverändert glühende, Verehrerin von Adolf Hitler:

Foto (Wikipedia): Gedenktafel am Geburtshaus von Agnes Miegel in der heutigen ul. Koloskowo Haus 7

 

Unter der Nr. „50“ in dieser Liste der Gedenktafeln der Stadtverwaltung, gibt es noch eine weitere Tafel, auch in der ul. Koloskowa Haus Nr.1. Sie ist gewidmet:

„Held der Sowjetunion Gardesergant Koloskow Alexej Alexejewitsch / 1924 – 1944. Geehrt mit diesem Titel für die Heldentat bei der Überquerung des Flusses Neman und der erfolgreichen Abwehr eines Gegenangriffs von faschistischen Panzern im Raum der Siedlung Olchowka im Kreis Gussew.“

Originaltext:

"Герой Советского Союза гвардии сержант Колосков Алексей Алексеевич /1924 – 1944 г.г./ удостоин этого звания за подвиг при форсировании реки Неман и успешное отражение контратак фашистских танков в районе пос. Ольховка Гусевского района"

Foto: Gedenktafel für Sergant Koloskow

 

Während Agnes Miegel noch 1944 Lobeshymnen auf Adolf Hitler und den deutschen Nationalsozialismus verfasste, gab dieser 20jährige Soldat das Wertvollste was er besaß: sein Leben - für die Befreiung Europas vom Faschismus.

Und nun hängen in der Straße, die nach diesem jungen Soldaten benannt wurde, zwei Gedenktafeln: Eine Tafel für jemanden der den Faschismus bekämpft hat und eine Tafel für jemanden, die dem Faschismus bis zu ihrem Tode gehuldigt hat.

Ich habe keine Ahnung, wann diese Gedenktafel an dem Haus angebracht wurde. Und ich habe auch keine Ahnung, ob sich die Kaliningrader Stadtverwaltung so eingehend mit der Biographie und den Lebensansichten von Agnes Miegel auseinandergesetzt hat. Allerdings kommen mir Zweifel, denn wenn man den Lebenslauf von Agnes Miegel wirklich kennen würde, dann wäre diese Tafel wohl schon nicht mehr präsent.

Foto: Erste deutsche Besucher am 26.10.2014 um 10.00 Uhr vor dem Geburtshaus von Agnes Miegel
 
Foto: Geburtshaus von Agnes Miegel mit Gedenktafel

 

Ich für meinen Teil habe bereits die Präsentation überarbeitet. Agnes Miegel wird unseren „Trefftisch Deutschsprachiger“ nicht mehr begleiten.

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