Deutsche Akzente im russischen Kaliningrad

Deutsche Akzente im russischen Kaliningrad

Sie, liebe Leser, werden es bald merken – falls Sie mich nicht schon an anderen Stellen im Internet gefunden haben: Ich bin deutscher Kaliningrader. Wenn es Ihnen leichter fällt: deutscher Königsberger. Obwohl dies doppelt gemoppelt ist, denn Königsberger sind ja Deutsche. Ich selber habe aber mit dem alten Königsberg nichts zu tun. Es existieren keine Verwandten aus früheren Zeiten. Mich hat der Zwang Geld für Brot und Margarine verdienen zu müssen, im Jahre 1995 nach Kaliningrad verschlagen. Ich kam in ein Paradies – nein, lachen Sie nicht, es war wirklich so, denn vorher habe ich mich zwei Jahre in der Ukraine, in Lwow, dem ehemaligen Lemberg aufgehalten. Und nach diesen zwei Jahren kam mir Kaliningrad wie das Paradies vor.

Nun hat die Geschichte seit 1945 diese Stadt mit vielen Schicksalsschlägen versehen. Auch ich habe ein paar Schicksalsschläge erlitten, obwohl nicht jeder Schlag schmerzhaft gewesen ist. Manchmal empfand ich diese Schläge wie die berühmte Kopfnuss – man beginnt nachzudenken. Bei meiner Ankunft in Kaliningrad hatte ich nur die Arbeit im Kopf. Zwei Jahre hatte ich mir Zeit gegeben um die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär hinzulegen. Zeit für Privates oder um mich um das gesellschaftliche Umfeld in Kaliningrad zu kümmern hatte ich so gut wie nicht eingeplant. Nun sind lächerliche 17 Jahre seit meiner Ankunft vergangen und es war Zeit genug, sich auch um das soziale Umfeld etwas zu kümmern.

Ich führe viele Gespräche mit Deutschen in Deutschland und auch hier in Kaliningrad und stelle fest, dass man sehr wenig, eigentlich gar nichts, über Kaliningrad weiß. Und man schaut auf mich immer wie auf den „weißen Raben“, der alles weiß. Aber ich weiß nicht alles. Kann aber jetzt versuchen, Ihnen Kaliningrad etwas näher zu bringen. Aber vor allem möchte ich mit meinem nachfolgendem Text zeigen, dass ich nicht der einzige Deutsche bin, in dieser kleinen, gemütlichen, unfertigen Stadt Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg – der Ausrichterstadt der Fußballweltmeisterschaft 2018.

Vielleicht glauben Sie, Kaliningrad ist ein verträumtes Provinznest? Sie würden die Königsberger Erben damit vermutlich beleidigen. Aber selbst wenn – es soll auch Liebhaber der provinzialischen Ruhe geben. Aber kommen Sie nach Kaliningrad und überzeugen Sie sich, dass Kaliningrad mehr internationales Flair zu bieten hat als nur fünf McDonalds-Filialen. Wir haben auch einen deutschen Eisverkäufer und wir haben russische Kultur auf russisch-ostpreußischem Territorium. Wo finden Sie schon so einen bunten Mix so kompakt …

Fangen wir mit dem Einfachsten, einem meiner Lieblingsthemen, an. Da gibt es einen wöchentlichen „Trefftisch Deutschsprachiger“ im Restaurant „Zötler“. Früher hieß dieses Treffen „Deutscher Stammtisch“. Wir, d.h. Wolfgang Sauer und ich, die Organisatoren, wollten einen bunten Mix. Hier treffen sich Deutsche und Russen in einem aus Bayern kopierten Restaurant mit größtenteils deutscher Küche und Bier und schwatzen deutsch und knüpfen zwanglos neue Kontakte – private oder geschäftliche. Wir haben einen „harten Kern“ von Teilnehmern und einen flexiblen Teil. Bei unseren wöchentlichen Treffen kommen wir stabil auf 10 – 15  Teilnehmer. Das Restaurant stellt ein bissl was zu knabbern kostenlos auf den Tisch – man liebt uns halt. Eine kleine Zeitung „Kaliningrader Stadtportal“ existiert seit wenigen Tagen auch und wird durch uns kostenlos verteilt.  Und es gibt Unmengen weiterer Ideen. Sie merken, die Mischung macht das ganze Treffen würzig. Übrigens, so ganz nebenbei bemerkt, haben wir den 70. Geburtstag von  Wolfgang Sauer, dem Hauptverantwortlichen für den Trefftisch im November gefeiert. Also auch deutsche Rentner fühlen sich in Kaliningrad wohl. Obwohl Wolfgang nur auf dem Papier Rentner ist – ansonsten reißt er in Kaliningrad Bäume aus (besser umgekehrt: er pflanzt sie). 

Ein wenig offizieller geht es im Deutsch-Russischen-Haus zu, eine Einrichtung die mit Hilfe der Bundesrepublik Deutschland geschaffen und unterhalten wird. Es existiert seit Anfang der 90er Jahre. Der monatliche Veranstaltungsplan zeigt, dass dort nicht nur der russische Bär steppt, sondern auch der bundesdeutsche Adler fröhlich seine Runden fliegt. Die Tür des Hauses ist für alle Besucher, Deutsche und Russen an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Kommen Sie einfach und lassen sich von der Gastfreundlichkeit des Personals überraschen und von den vielfältigen Möglichkeiten neue Kontakte, private oder geschäftliche zu finden oder nehmen Sie einfach die vielen wertvollen Tipps für einen guten Start in den Kaliningrader Alltag entgegen. Sie werden schnell merken, was man eigentlich unter russischer Gastfreundschaft wirklich versteht. Obwohl, hier gibt es ja den interessanten Mix: Die Mehrzahl der Mitarbeiter sind RusslandDeutsche. 

Wer es denn aber ganz offiziell hätte, dem steht das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad zur Verfügung. Seit 2004 sind die diplomatischen Vertreter Deutschlands hier vor Ort und sorgen für eine allseitige Betreuung im konsularischen Bereich. Seit Ende September haben wir einen neuen Generalkonsul – Herr Dr. Dr. Krause. Er lud mich zu einer Tasse Kaffee zu sich ins Kabinett ein und ich verließ sein Zimmer in der Überzeugung, dass wir hier einen erfrischend anderen Leiter der deutschen Vertretung bekommen haben. Er hat viele Ideen, die gerade in der jetzigen interessanten wirtschaftlichen und politischen Zeit, für eine weitere Gestaltung positiver Beziehungen notwendig sind. Diese Ideen sind einfach und nicht schwer umzusetzen. Wir, die Deutschen hier in Kaliningrad, müssen ihm einfach nur helfen.  Und, was ich gerade in der letzten Zeit bemerkt habe: Trotz offizieller Öffnungs- und Sprechzeiten des Generalkonsulates kann man auch außerhalb dieser Zeiten mit den Mitarbeitern locker-lustige Gespräche führen – z.B. im Deutsch-Russischen-Haus oder beim Trefftisch Deutschsprachiger, beim Fußball oder beim Bier.

Ich hatte noch vergessen … Das Deutsch-Russische-Haus ist nicht nur eine kulturelle Begegnungsstätte. Dort findet jeden Monat der Deutsche Wirtschaftskreis statt. Dr. Stephan Stein, Leiter der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad und Organisator dieses Treffens, sorgt für interessante Gäste aus der Kaliningrader Polit- oder Businessszene. Und da Herr Dr. Stein gerne das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet, lädt er auch anschließend noch zu einem kleinen Imbiss ein. Und dort hat man schon wieder die Möglichkeit Kontakte zu knüpfen und Grundlagen für einen erfolgreichen geschäftlichen Aufenthalt in Kaliningrad zu legen.

Für diejenigen, die nicht nur Durst auf Bier haben (es gibt u.a. Bier „Ostmark“ und „Königsberger“) sondern auch Wissensdurst, existiert das Klaus-Mehnert-Institut – eine der KANT-Universität angeschlossene Bildungseinrichtung. Studenten, Lehrer, Deutsche, Russen - alles kunterbunt durcheinander. Des Weiteren unterrichten in ausgewählten Kaliningrader Schulen deutsche Lehrer und bereiten interessierte junge Kaliningrader auf einen möglichen Studienaufenthalt in Deutschland vor.

Eine nicht ganz deutsche, aber dafür internationale Einrichtung ist die FIAS – Assoziation ausländischer Investoren in Kaliningrad. Diese hochangesehene Organisation, von Dr. Stephan Stein im Jahre 2005 initiiert, hat rund 40 Mitglieder, natürlich auch deutsche Mitglieder. Die Anzahl ist seit Jahren stabil – mir wäre ein wenig weniger Stabilität lieber. Mit anderen Worten – wir warten auf Sie, auf deutsche Geschäftsleute und Investoren.

Wenn Sie es aus Deutschland gewöhnt sind, morgens, liebevoll von Ihrer Frau bereitgestellte frische Brötchen und druckfrische Zeitungen vorzufinden, so haben wir hier ein kleines Problem. Für Ihre liebevolle Frau in Kaliningrad sind Sie selber zuständig, aber mit frischen Brötchen und deutschen Zeitungen zum Frühstück ist das etwas schwierig in Kaliningrad. Aber in Zeiten des Internet vielleicht auch nicht unbedingt nötig. Obwohl, in der linken Hand den Schlepptopp und rechts das Marmeladenbrötchen – auch nicht gerade bequem. Also, wer die Druckvariante haben möchte: „Königsberger Express“. Erscheint monatlich in deutscher Sprache und ist sowohl in Deutschland wie auch in Kaliningrad erhältlich. Es gibt auch eine Internetvariante. Vielleicht ein wenig konservativ und schlicht. Aber da haben Sie als Leser ja die Chance Einfluss zu nehmen. Es gibt auch die „Königsberger Allgemeine“. In der letzten Zeit scheint es dort aber wohl ein wenig zu holpern … Also auf diesem Gebiet kann noch viel Pionierarbeit geleistet werden – wollen Sie sich nicht einbringen? Ich zum Beispiel finde es in Deutschland so furchtbar langweilig – da ist alles so perfekt fertig …

Bevor Zeitungen gedruckt oder neueste Nachrichten aus Kaliningrad erscheinen können, müssen erst einmal die dazugehörigen Artikel geschrieben werden. Und dafür fühlt sich Th. Plath im Auftrage von dpa verantwortlich. Er ist auch journalistisch für viele andere Massenmedien tätig. Auch er hat, gemeinsam mit seiner russischen Frau, seit vielen Jahren Anker im Kaliningrader Gebiet geworfen. Wer Infos aus erster Hand haben will, sollte in seiner Urlaubspension buchen - und hier gibt es dann druckmündlich neben dem morgendlichen russischen Marmeladenbrötchen vieles Wissenswertes.

Dann haben wir, mal so ganz nebenbei erwähnt, noch das Schulschiff „Krusenstern“, einer der größten Segler der Welt. Ein ehemals deutsches Schiff, dient heute der russischen Marine für die Nachwuchsausbildung. Erst vor wenigen Tagen ist es von einer Reise nach Kanada zurückgekehrt. Und auch auf diesem Schiff gibt es einen weiblichen deutschen Ausbildungsoffizier – ist doch interessant was im russischen Kaliningrad so alles möglich ist – oder?

Und, weil Kaliningrad „das Gebiet der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist … Wir haben auch eine russische Frauenfußballmannschaft. Und – wen wundert´s – seit 2009 hat diese Fußballmannschaft einen deutschen Trainer, der bereits seit Anfang der 90er Jahre sein privates und auch sein geschäftliches Glück in Kaliningrad gefunden hat. Ich glaube, wenn er jetzt noch ein paar mehr Sponsoren finden würde – er wäre wunschlos glücklich … in Kaliningrad.

Nach etwas längerer Bauzeit – die Krise, Sie verstehen? – wurde auch vor zwei Jahren das Hotel „Radisson“ im Zentrum Kaliningrads eröffnet. Der Generaldirektor? Natürlich ein Deutscher. Im kommenden Jahr wird in der Nähe der polnischen Grenze ein weiterer Hotelkomplex eröffnet – nicht von Radisson, nein, von russischen Investoren. Und die haben das Projekt vertrauensvoll in deutsche Hände gelegt. Tja, zur rechten Zeit am rechten Ort … wie ein russisches Sprichwort so sagt.

Und, es gibt eine deutschsprachige evangelisch-lutherische Propstei in Kaliningrad. Propst Thomas Vieweg hat vor wenigen Wochen die Gemeinde übernommen und organisiert für die nächsten drei Jahre das kirchengemeinschaftliche Leben im Kaliningrader Gebiet. Ich, als ostelbisch Geborener stehe der Kirche nicht so sehr nahe. Aber Propst Vieweg ist auch für mich ein interessanter Mensch und Gesprächspartner – schließlich sind wir zwei Deutsche in Kaliningrad. Am kommenden Wochenende findet ein Adventsgottesdienst statt und anschließend ein gemütliches Beisammensein, gemeinsam organisiert mit dem deutschen Generalkonsulat. Probst Vieweg hat mich eingeladen, beim Gottesdienst neben ihm zu sitzen – na, hoffentlich blamiere ich mich da nicht!

Ich könnte die Aufzählung fortsetzen. Ich könnte noch erwähnen, dass BMW und HIPP hier produzieren, dass AirBerlin Kaliningrad anfliegt, dass wir einen RusslandDeutschen haben der einige private Kindergärten organisiert, dass wir deutsche Transportfirmen haben, deutsche Solarien, einen Deutschen der Eis produziert  …

Mein Ziel mit diesem Beitrag ist aber nur, Ihnen zu zeigen, dass Sie nicht alleine sind in Kaliningrad. Es gibt keinen Grund Angst zu haben vor einer Reise zu uns und vielleicht auch vor einem wirtschaftlichen, kulturellen oder anderem Engagement. Also, bei Fragen, nicht verzagen … Uwe Niemeier fragen.

Uwe Niemeier

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