Ein netter Brief, von einem netten Deutschen

Ein netter Brief, von einem netten Deutschen
 
Mich erreichte am gestrigen Tag ein sehr persönlich gehaltener Brief, den ich meinen Lesern und Zuschauern nicht vorenthalten möchte. Trotzdem ich den Eindruck hatte, dass mein Brief-„Partner“ in seiner Tonlage etwas daneben lag, möchte ich eine seiner Bitten erfüllen und über die heutigen Massendemonstrationen in Kaliningrad berichten.
 
 
 
Lassen Sie mich aber, bevor wir zu den Massendemonstrationen kommen, Ihnen den Brief aus Deutschland vorlesen:
 
Guten Tag Herr Niemeier,
ich besuche Ihren Blog schon seit langer Zeit, da ich an Informationen aus Königsberg oder wie sie es nennen, Kaliningrad interessiert bin.
In letzter Zeit muß ich aber leider feststellen, daß es aus Königsberg so gut wie keine Beiträge mehr gibt und Sie sich mehrmals täglich in Ihren Berichten an Herrn Nawalny bzw. der internationalen Politik abarbeiten. Wollen Sie damit Ihren neuen Herren (Sie sind ja jetzt auch russischer Staatsbüger) besonders gefallen oder ist Ihnen Königsberg zu klein geworden?
Kurioser Weise berichteten Sie aber nicht von der großen Nawalny-Demo in Ihrer Stadt. Herr Niemeier, Sie sind direkt vor Ort, wäre es da so schwierig gewesen die Kamera zu schnappen und direkt zu berichten?
Bitte kommen Sie zum ursprünglichen Anliegen Ihres Blogs zurück von dem ja auch der Blogname kündet: Berichte aus Königsberg und Umgebung. Das hat mir, mit Ausnahme Ihrer ständigen Hetze auf alles deutsche in Ihrer Stadt, fast immer gut gefallen.
Danke
Rückinfo wäre nett.
(Rechtschreibung unverändert übernommen)
 
Mein Briefpartner gehört, so verstehe ich es, zu den Nostalgikern, die sich mit der neuen Realität, begonnen Mitte 1946, nicht abfinden können. Ich habe das einfach mal zur Kenntnis genommen.
 
Zur Kenntnis genommen habe ich auch, dass es meinem Briefpartner nicht passt, dass ich russischer Staatsbürger bin. Er vermutet, dass ich mich meinen neuen Herren andienen will. Interessant. Und warum sollte ich das tun? Damit ich monatlich meine russische Rente von umgerechnet 90 Euro pünktlich erhalte?
 
Ich verstehe schon, dass es für einige Deutsche unverständlich ist, wie sich ein Mitglied der arischen Gesellschaft, des Herrschervolkes, den asiatischen Horden anschließen kann, die nur durch puren Zufall und mit Hilfe von General Winter bis Berlin gekommen sind und das deutsche Volk unverdientermaßen zur Kapitulation gezwungen haben. Also kurz: Auch das habe ich zur Kenntnis genommen.
 
Kommen wir zum nächsten Absatz seines email.
 
Natürlich hätte ich meine Kamera nehmen können und unter Mißachtung der Empfehlung zur Selbstisolierung für Personen im Alter 60+ (ich bin 66 Jahre alt), in das Stadtzentrum fahren können, um dort die Massendemonstration von 350 Personen (dies sind aktuelle Zahlen der Organisatoren und nicht der Polizei) filmen zu können. Ich habe es nicht gemacht, weil ich andere Dinge für wichtiger gehalten habe – z.B. Kaffee trinken mit einer bekannten Familie. Und da ich auch auf meinem Konto keinen Geldeingang zu verzeichnen hatte mit dem Zahlungsgrund: „Exclusivberichterstattung aus Kaliningrad“, war auch kein Anlass gegeben, mich kostenlos noch irgendwo in Gefahr zu begeben.
 
Und nun langsam zum Schluss. Ich habe überall gesucht, wo denn steht, dass ich aus „Königsberg und Umgebung“ berichte und dass mein BLOG sich so nennt. Ich habe nichts gefunden. Vielleicht sollte ich es nochmal in aller Deutlichkeit sagen: Ich kenne Königsberg bis 1946 und werde diese Stadt Königsberg nennen, wenn es um Informationen bis zum Zeitpunkt der Umbenennung geht. Danach heißt die Stadt Kaliningrad. Hören Sie auf mir zu sagen, wie ich sprechen soll. Für Nostalgiker mit revanchistischem Zweitanstrich ist kein Platz in meiner Nähe.
 
Und nun zur Erfüllung der Bitte meines Briefschreibers.
 
Videobegleitung: Aufnahmen von den ungenehmigten Protesten in Kaliningrad
 
Auch heute war ich nicht in der Stadt. Habe aber vom Informationsportal „newkaliningrad“, welches sich als liberal, also oppositionell positioniert, die Videos heruntergeladen, die vom Schauplatz der Ereignisse durch Teilnehmer übermittelt wurden.
 
In den dazugehörigen Texten wird von einer anfänglichen Teilnehmerzahl von 200 Personen gesprochen, die sich dann im Verlaufe der Proteste, verdoppelte, also 400 Personen.
 
Die Proteste begannen um die Mittagszeit am Handelszentrum „Kaliningrad-Plaza“. Die Massen bewegten sich über den Leninski-Prospekt, die Teatralnaja, hin zum Sitz der Kaliningrader Regierung und von dort zum Platz des Sieges.
 
Die Korrespondenten von „newkaliningrad“ sprechen von 10 – 15 festgenommenen Personen.
 
Das war`s aus dem heutigen unköniglichen Kaliningrad
Tschüss und Poka
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Kommentare ( 1 )

  • Steffen Görlich

    Veröffentlicht: 1. Februar 2021 20:56 pm

    Hallo Uwe Erichowitsch,
    mir ist auch aufgefallen, dass Sie seit diesem Jahr weniger über den Alltag in Russland berichten und dafür mehr über politische Dinge, insbesondere über die konfliktbeladenen Themen. Ich und vermutlich auch viele andere Leser haben gerade Ihre individuellen Berichte, seien es Spaziergänge oder Reports aus Omsk sehr geschätzt. Einmal aus einfachem Interesse am Land heraus, andererseits aber auch deshalb, weil die nähere Kenntnis zum gegenseitigen Verständnis beiträgt, was gerade heute besonders wichtig ist. Natürlich verstehe ich, dass diese Berichterstattung zur Zeit nur stark eingeschränkt möglich ist. Andererseits finde ich Ihre obige Antwort auf den Brief durch die Übertreibungen diesem Verständnis nicht dienlich. Über den Status von Kaliningrad müssen wir keinesfalls diskutieren, das hat die Geschichte entschieden. Bei den asiatischen Horden gehe ich aber nicht mehr mit. Am 8. Mai hat uns die Rote Armee von einer grausamen Diktatur befreit.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 1. Februar 2021 23:16

      ... richtig, die Rote Armee hat uns befreit. Aber in nicht wenigen Köpfen von Deutschen waren das "... asiatische Horden", die mordend, plündernd und vergewaltigend über das unschuldige deutsche Volk hergefallen sind. Ich habe genügend Analysen der sozialen Netzwerke vorgenommen, um zu dieser Einschätzung zu kommen. Leider ist es so.

      Um vom russischen Alltag berichten zu können, muss ich mich im Alltag bewegen. Das tue ich gegenwärtig nicht. Ich befinde mich in Selbstisolierung und verlasse die Wohnung nur in seltenen Fällen. 30 - 50 Prozent aller Corona-Erkrankungen in Kaliningrad, betreffen Personen in der Altersgruppe 60+. Ich habe keine Lust zu erkranken, nur weil meine Leser/Zuschauer einige Beiträge vermissen. Sie kommen wieder, aber dann, wenn ich es mir leisten kann, solche Reportagen zu machen.

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