Eindrücke und Meinungen eines deutschen Studenten in Kaliningrad

Eindrücke und Meinungen eines deutschen Studenten in Kaliningrad

Der Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad ist ein „Sammelsurium“ von Deutschen, Russen, Geschäftsleuten, Diplomaten, Touristen und Studenten. Einer unserer ständigen Besucher ist der deutsche Student David Fuchs.

Im Gespräch mit „Kaliningrad-Domizil“, der neugierigen Informationsagentur für Deutschsprachige in Kaliningrad, verriet Daniel Fuchs uns einige seiner Eindrücke und Erlebnisse während seines Studienaufenthaltes in Kaliningrad.

UN: David, Ihr Studium hat Sie nach Kaliningrad verschlagen. Warum ausgerechnet Kaliningrad und nicht Moskau oder St. Petersburg, Wladiwostok oder Jekaterinenburg?

DF: Kaliningrad ist der westlichste Punkt Russlands, ist ein Tor nach Russland und ein Aushängeschild für die Russische Föderation. Die Stadt Kaliningrad ist jung und beheimatet über 20.000 Studenten an verschiedenen Universitäten und Bildungseinrichtungen. Und Kaliningrad ist die Stadt der drei Architekturen: deutsch, sowjetisch, russisch. Das war für mich reizvoll.

UN: Außer dem Studium gibt es auch Freizeit. Was bietet Kaliningrad einem deutschen Studenten, außer dem „Trefftisch Deutschsprachiger“?

DF: Die Studenten dominieren das Kaliningrader Nachtleben, in dem es eine Reihe guter Locations gibt. Daneben gibt es ein umfangreiches und vielfältiges kulturelles Angebot zwischen Theater, Jazz und Tanz. Dies macht Kaliningrad zu einem guten Einstiegspunkt für alle Russlandinteressierten und stellt eine gute Alternative für ein Auslandssemester abseits der „Mainstreamangebote“ dar. Gerade weil Kaliningrad auf den Karten in den Köpfen der meisten Menschen keinen Platz hat, gibt dies Möglichkeiten, eine aufregende Stadt mit einer faszinierenden Kultur vorurteilsfrei kennenzulernen. Dabei befindet sich Kaliningrad nah bei Deutschland - von Berlin aus existiert eine tägliche Flugverbindung, die weniger als 90 Minuten in Anspruch nimmt.

UN: Welche Studienmöglichkeiten gibt es für einen ausländischen Studenten in Kaliningrad?

DF: Die Studienmöglichkeiten in Kaliningrad sind äußert vielfältig. Für ein Auslandssemester eignen sich besonders die Staatliche Technische Universität und die Baltische Föderale Universität (BFU). Während die erste ihrem Namen entsprechende Spezialisierung aufweist, ist die BFU eher geisteswissenschaftlich orientiert. Somit ist es möglich, in Kaliningrad eine große Bandbreite verschiedener Fächer zu studieren. Das aktuelle Angebot entnimmt man dabei am besten den Internetauftritten der beiden Universitäten, da gerade die BFU sich noch im Aufbau befindet und ihr Angebot ausweitet. Insgesamt sollte man sich vorher mit dem russischen Studiensystem vertraut machen, dass grundsätzlich anders organisiert ist als das deutsche und mehr an ein System von Schulklassen erinnert.

 

UN: Wie kann man als Ausländer sich bei diesen Unis für ein Studium bewerben?

DF: Was die Bewerbung um einen Studienaufenthalt angenehm macht, ist, dass beide Universitäten über eigene internationale Büros verfügen, die sich gezielt um die Betreuung der internationalen Studenten kümmern. Diese leisten Hilfestellung bei allen wichtigen Angelegenheiten, die den Aufenthalt in Russland betreffen und können Auskunft zu allen wichtigen Fragen geben. Zudem stellen sie die obligatorische Einladung für den Studienaufenthalt aus, die man für ein Visum für die Russische Föderation benötigt. Es macht jedoch Sinn, sich aufgrund der notwendigen Formalitäten frühzeitig mit der Universität seiner Wahl in Verbindung zu setzen. Der Versand der Einladung für das Visum alleine benötigt etwa einen Monat. Zudem setzt die Baltisch-Föderale Universität für ein normales Studiensemester ein Sprachniveau von B1 in der russischen Sprache voraus.

UN: Für einen Russland-unerfahrenen Ausländer wird es sicher nicht ganz einfach sein – oder?

DF: Vor Ort wird einem an der BFU ein Tutor zur Seite gestellt, was ein russischer Student ist, der einem bei den Besuchen der wichtigsten Ämter an der BFU zur Hand geht und einem an den ersten Tagen bei der Orientierung in der Stadt hilft. Wichtig ist auch, dass man sich vor dem Studienantritt damit beschäftigt, welche Kurse die Heimatuniversität einem grundsätzlichen anrechnen kann.

Die Wahl der exakten Kurse und die Erstellung eines Stundenplanes ist meist erst vor Ort in der Universität möglich, da die Zeitpläne der Seminare erst kurz vor dem Semester feststehen. Zudem sollte man eine große Portion Geduld aufbringen, da die Univerwaltung bisweilen schwerfällig ist und viele Kurse in unterschiedlichen Wochen beginnen können was mitunter zu Verwirrung führen kann.

Eine weitere Möglichkeit, Unterstützung für seinen Studienaufenthalt in Kaliningrad zu finden, ist die DAAD-Lektorin (Anm. UN: Deutscher akademischer Austauschdienst) an der BFU.

UN: Neben den beiden russischen Universitäten verfügt Kaliningrad auch noch über das „Klaus-Mehnert Europainstitut“. Was ist das für ein Institut?

DF: Ja, richtig. Neben den beiden großen russischen Universitäten existiert in der Stadt noch das Europainstitut Klaus Mehnert. Dieses bietet einen einjährigen Postgraduierten-Studiengang an, der sich vorrangig mit dem Schwerpunkt Europa beschäftigt und dazu ein interdisziplinäres Lehrprogramm entwickelt hat. Stärke ist der internationale Aufbau des Studiums. Zudem gibt es während des Sommersemesters ein Sommerstudienprogramm. Die Unterrichtssprache ist Deutsch.

UN: Wie werden die Studenten in Kaliningrad untergebracht? Muss man sich selber um Wohnraum kümmern? Der ist in Kaliningrad ja nicht gerade preiswert.

DF: Um in Kaliningrad während seiner Studien zu Wohnen, existieren verschiedene Möglichkeiten. Jede Universität hat ein eigenes Gästehaus, in welchem man günstig für etwa 4.000 Rubel (50 Euro) im Monat unterkommen kann. Die Wohnheime sind sauber und verfügen über Kochmöglichkeiten und Aufenthaltsräume. Man sollte sich aber bewusst sein, dass dies meist Mehrbettzimmer sind und zudem gibt es Beschränkungen der Ausgangszeiten. Aber im „persönlichen Gespräch“ mit der diensthabenden Wachfrau kann man da individuelle Lösungen finden.

Daneben existiert die Möglichkeit, sich eine eigene Wohnung zu suchen, die sich kostentechnisch auf etwa 15 000 Rubel (200 Euro) im Monat beläuft (ohne Nebenkosten). Allerdings ist der russische Wohnungsmarkt so aufgestellt, dass eine Suche über das Internet nicht funktioniert und vor Ort eine Agentur beauftragt werden sollte, die eine Provision nimmt (meist um ½ bis 1 Monatsmiete). WGs sind in Russland untypisch und dementsprechend schwer zu finden.

Ebenso schwer ist es, eine „Babuschka“ zum Leben zu finden. Diese vereinfacht jedoch meist die Verpflegung, außerdem ist diese Form der Unterkunft meist günstiger als eine eigene Wohnung – und ideal für das weitere Erlernen und Üben der Sprache.

UN: Vielleicht noch ein paar Worte zur Freizeitgestaltung? Ist Kaliningrad eine Stadt für junge Leute?

DF: Wie bereits erwähnt gibt es viele Möglichkeiten zum Ausgehen in Kaliningrad. Es gibt eine Reihe von Clubs, die westliche Musik mit russischem Einschlag bieten. Diese sind oft eine Kombination aus Disco und Bar, bieten aber immer eine Tanzfläche. Die Preise sind unterschiedlich, aber bewegen sich im Durchschnitt etwas unter dem Niveau deutscher Clubs. Im Sommer gibt es dazu in den öffentlichen Parks verschiedene Attraktionen und auch Außengastronomie.

Die Stadt verfügt über einige Sehenswürdigkeiten, insbesondere die Umgebung der zentralen Kant-Insel ist für Spaziergänge geeignet und bietet eine Reihe von Cafés im nahen „Fischerdorf“. Auch sind die beiden großen Seen in der Stadt gut für einen Spaziergang geeignet. Die Silhouette wird von dem im Stile des „Brutalismus“ errichteten Haus der Räte dominiert, den man gegen eine kleine Aufwandsentschädigung auch besteigen kann.

UN: Und außerhalb von Kaliningrad? Hatten Sie die Möglichkeit sich ein wenig umzuschauen? Der deutsche Generalkonsul hatte ja einmal vom „Charme Schleswig-Holsteins in den 50er Jahren“ gesprochen. Hatten Sie auch den Eindruck?

DF: Eine Reihe von Geheimtipps, die auch geschichtlich sehr interessant sind, sind die umliegenden Städte, die zum Teil interessante Architektur bieten oder von hohem geschichtlichem Wert sind. Hier ist aber besonders auf Pietät zu achten, da einige dieser Orte nicht zu den glanzvollsten der deutschen Geschichte gehören.

Ganz in der Nähe befindet sich auch die Ostseeküste, die im Sommer zu einem erfrischenden Bad einlädt. Aber auch im Winter wurden bereits wagemutige und besonders abgehärtete in der Ostsee gesehen.

UN: Welche Tipps gibt es, um möglichst schnell die russische Sprache zu erlernen? Goethe soll ja mal geäußert haben, dass man die Sprache eines fremden Landes am besten auf dem Kopfkissen der Landestöchter lernt? Aber außer dieser praktischen Möglichkeit – was gibt es noch?

DF: Zum Lernen der russischen Sprache eignet sich Kaliningrad aus deutscher Sicht gut. Neben dem obligatorischen Sprachunterricht, der studienbegleitend an der Universität angeboten wird, gibt es in der Stadt auch privaten Sprachunterricht, der von deutschen Organisationen anerkannt wird. Eine Möglichkeit ist z.B. die Sprachschule „Privet“.

UN: Besten Dank Daniel für das Gespräch und viel Erfolg für Ihren weiteren Aufenthalt in Kaliningrad bis zum März.

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