Interview des neuen deutschen Generalkonsuls in Kaliningrad

Interview des neuen deutschen Generalkonsuls in Kaliningrad

Der neue deutsche Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf ist in Kaliningrad eingetroffen. In Vorbereitung seiner Anreise hatte er sich bereit erklärt, der Informationsagentur „Kaliningrad-Domizil“ ein Interview zu geben.

Unsere Informationsagentur hatte vor einigen Wochen Kontakt mit Dr. Michael Banzhaf aufgenommen. Uns lagen Informationen vor, dass Dr. Banzhaf der neue Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Kaliningrad werden soll. Hilfreich bei der Kontaktvermittlung war der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Kasachstan Dr. Guido Herz, dem wir an dieser Stelle danken möchten.

Trotz der gegenwärtig starken Belastung – Übergabe der Dienstgeschäfte am alten Wirkungsort, Vorbereitung des Umzugs der Privatwohnung und Aufnahme der Dienstgeschäfte am neuen Ort in Kaliningrad, hatte Dr. Banzhaf Zeit, einige neugierige Fragen unserer Informationsagentur zu beantworten. Selbst am Tage des Eintreffens seines Möbeltransports in Kaliningrad stand er für operative Rückfragen zur Verfügung. Eine derartige Kooperationsbereitschaft beeindruckt natürlich.

Beginnen wir somit zuerst mit einem „Herzlich Willkommen in Kaliningrad“ und den Wünschen für eine interessante, ausgefüllte und für Deutschland und Russland gewinnbringende Tätigkeit in den kommenden Jahren.

UN: Die Information, dass Kaliningrad Ihr neuer Lebensmittelpunkt für die kommenden Jahre sein wird, hat Sie sicher in Kasachstan erreicht, wo Sie bis vor wenigen Tagen als Stellvertreter des deutschen Botschafters Dr. Guido Herz, der uns Kaliningradern immer noch sehr angenehm in Erinnerung ist, tätig waren. Wann haben Sie erfahren, dass Sie der Leiter der diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Kaliningrad werden?

MB: Die Nachricht, dass ich die Leitung des Generalkonsulats Kaliningrad übernehmen soll, hat mich Anfang Mai erreicht.

UN: Aus Gesprächen mit Ihren Vorgängern hier in Kaliningrad ist mir bekannt, dass die Wahl des Dienstortes nicht immer in die Rubrik „Wünsch dir was“ fällt. War Kaliningrad Ihre „Erste Wahl“ oder waren auf Ihrer Wunschliste noch andere Standorte?

MB: Ich habe mir gewünscht, nach Kaliningrad zu gehen. Der Posten stand auf meiner Bewerbungsliste weit oben.

Einen seiner schwersten Dienstposten hatte Dr. Michael Banzhaf in Thailand. Er wurde dorthin versetzt, als der Tsunami die Welt erschütterte.

UN: Ihr Vorgänger Herr Dr. Krause hat gleich zu Anfang seiner Tätigkeit sich der nicht leichten Aufgabe gestellt, die russische Sprache hier vor Ort in Kaliningrad zu erlernen. Bei seiner Verabschiedung im Deutsch-Russischen Haus bekannte er, dass es ihm nicht gelungen ist, das gewünschte Resultat zu erreichen – womit ich persönlich übrigens nicht einverstanden bin, denn er hat jede offizielle Gelegenheit genutzt, um sich auf Russisch zu äußern. Wie schaut es bei Ihnen mit den russischen Sprachkenntnissen aus? Werden Sie eine Dolmetscherin benötigen, wenn Sie gemeinsam mit dem Kaliningrader Gouverneur die Sauna besuchen?

MB: Es ist in der Tat keine leichte Aufgabe, Russisch zu lernen. Ich habe damit auf meinem vorherigen Posten begonnen und werde den Sprachunterricht in Kaliningrad fortsetzen. Auf die Dienste eines Dolmetschers will ich vorerst nicht verzichten.

UN: Vor dem Dienstantritt haben alle Diplomaten immer eine ziemlich schwierige Aufgabe zu lösen. Sie reisen in die Stadt zu einem Erstbesuch und um eine Wohnung zu finden. Haben Sie diese Prozedur schon hinter sich und wenn ja, wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt?

MB: Glücklicherweise kann ich das Haus meines Vorgängers übernehmen, diese Entscheidung ist mir leicht gefallen. Der erste Eindruck von Kaliningrad war der einer jungen und vitalen Stadt, in der sich die Phasen einer wechselhaften Geschichte an vielen Stellen deutlicher als dies anderswo in Europa der Fall ist ablesen lassen. Eine aus meiner Sicht faszinierende Mischung.

UN: Jeder Generalkonsul, der in Kaliningrad seinen Dienst bisher versehen hatte, hatte für sich einen speziellen Schwerpunkt in der Arbeit gesetzt – also ein Lieblingsthema gefunden. Für Dr. Sommer war es die Kultur. Er hatte im privaten Rahmen Deutsche und Russen zu Videoabenden eingeladen. Dr. Herz kümmerte sich intensiv um die Verbesserung des Kaliningrader Image in Deutschland. Dr. Fenster lag der Sport sehr am Herzen und Dr. Krause war an der Entwicklung Kaliningrads als Bildungsstandort interessiert. Sie sind von Hause aus Historiker. Können wir erwarten, dass dies auch Ihr Kaliningrader Lieblingsthema wird oder haben Sie einen anderen Schwerpunkt gesetzt?

MB: Meine Vorgänger haben wichtige Themen besetzt, denen auch ich mich widmen werde. Kulturelle Themen, und da schließe ich Geschichte ein, interessieren mich sehr, das ist auf Grund meines beruflichen Hintergrunds, auf den Sie hingewiesen haben, naheliegend. In meiner bisherigen Laufbahn war ich auf verschiedenen Posten im Wirtschaftsdienst eingesetzt, zuletzt in Astana. Daher rührt ein besonderes Interesse an wirtschaftlichen Fragen.

UN: Die Entwicklung des Visa-Service im deutschen Generalkonsulat ist eine einzige Erfolgsgeschichte. Nach der Herstellung der vollen Arbeitsbereitschaft der Visaabteilung im ehemaligen Gebäude in der Leningradskaja im Jahre 2007 war man von einer maximalen Anzahl von 12.000 Visa jährlich ausgegangen. Im vergangenen Jahr hat das Generalkonsulat 44.000 Visa ausgestellt, ein Großteil davon für einen längeren Zeitraum. Glauben Sie, dass mit der Einführung der neuen EU-Visabestimmungen ab September die Nachfrage rückläufig sein wird oder kann man im „übersichtlichen“ Kaliningrad alles so organisieren, dass es normal weiter geht?

MB: Bei dem ab 14. September gültigen Visaverfahren handelt es sich um die technische Umsetzung der bereits seit 2011 weltweit schrittweise eingeführten Biometrieerfassung. Meine Kolleginnen und Kollegen von der Visastelle des Generalkonsulats setzen sich in Zusammenarbeit mit dem Visaannahmecenter VFS-Global dafür ein, dass die Einführung des Fingerabdruckverfahrens so reibungslos wie nur irgend möglich abläuft. Auf der Website des Generalkonsulats finden die Antragsteller entsprechende Informationen und Links. 

UN: In Kaliningrad begeht das „Klaus-Mehnert-Institut“ in diesem Jahr sein 10jähriges Jubiläum. Einen elften Geburtstag wird es leider nicht geben, da das Institut auf Wunsch der russischen Seite geschlossen wird. Sehen Sie eine Möglichkeit im Rahmen der Technischen Universität oder der KANT-Universität die Ausbildung von Studenten in der Europa-Thematik fortzusetzen – also nicht als selbständiges Institut sondern vielleicht als „Lehrstuhl Europa“?

MB: Zu dieser Frage kann ich derzeit keine Vorhersagen treffen. Ich bin überzeugt, dass sie bei meinen Gesprächen eine Rolle spielen wird, falls seitens der Universitäten Interesse besteht.

UN: Kaliningrad sucht seit vielen Jahren nach einer strategischen Perspektive. Man glaubte, diese in der Sonderwirtschaftszone gefunden zu haben. Diese Hoffnung stirbt nun im April 2016. Dann wollte man den Tourismus entwickeln – mit einer Kaliningrader TourismusInfo, die sich im Keller des DramTheaters befindet. Die Landwirtschaft ist auch ein Sorgenkind und steht, trotz aller Teilerfolge, ständig im Mittelpunkt negativer Diskussionen. Das größte Unternehmen „Avtotor“ schwächelt – um es höflich auszudrücken. Wenn wir jetzt mal die gegenwärtige politische Situation vernachlässigen, was würden Sie persönlich für eine Zukunft Kaliningrads sehen? Ist Kaliningrad ein Produktionsstandort, ein Dienstleistungsstandort, ein Finanzstandort, ein Bildungsstandort oder in welcher Richtung könnten Sie sich die Entwicklung des Gebietes vorstellen?

MB: Der Schlüssel zum Erfolg dürfte in einer Mischung der von Ihnen genannten Standortfaktoren liegen. Tourismus ist natürlich ein weiterer wichtiger Punkt. Die Oblast Kaliningrad besitzt insbesondere auf Grund seiner Lage an der Ostsee große Potentiale. Die Tourismussaison ist in diesem Jahr wohl nicht schlecht gelaufen, da viele russische Urlauber derzeit inländische Ziele bevorzugen.

UN: Im Jahre 2018 findet die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland statt. Kaliningrad wird vier Gruppenspiele austragen und somit ist klar, dass der Wunsch Ihres Amtsvorgängers Dr. Krause nach dem Finalspiel Russland gegen Deutschland in Kaliningrad, nicht in Erfüllung gehen wird. Sind Sie Fußball-Fan oder haben Sie andere sportliche Interessen?

MB: Die Fußballweltmeisterschaft ist für Kaliningrad und damit auch für das Generalkonsulat ein besonders wichtiges Ereignis. Ich selbst achte auf ausreichend Bewegung und wandere gerne.

UN: Vielleicht eine mehr private Frage. Ihr Vorgänger hatte einmal auf die Frage, warum seine Frau nicht ständig in Kaliningrad wohnt scherzhaft geantwortet: „Irgendjemand muss ja das Geld in der Familie verdienen. Und das macht meine Frau in Deutschland.“ Sind Sie in einer ähnlichen Situation oder wird Ihre Familie in Kaliningrad „komplett“ sein?

MB: Meine Frau wird ständig in Kaliningrad wohnen. Meine beiden Töchter sind erwachsen und leben in Deutschland, werden uns aber sicher oft besuchen.

UN: In fast jedem Interview werden komplizierte politische Fragen gestellt, deren Beantwortung manchmal jede Menge Phantasie erfordert – so auch im heutigen Interview. Sie werden im September Ihren Dienst antreten. Das diplomatische Protokoll fordert, dass Sie Antrittsbesuche bei einer ganzen Reihe von Entscheidungsträgern in Kaliningrad machen. Ihr erster Besuch wird sicherlich beim Kaliningrader Gouverneur sein. Was glauben Sie, werden Sie den Gouverneur mit Nikolai Nikolajewitsch anreden oder wird der Gouverneur einen anderen Namen haben? Ich spiele bei dieser Frage auf die am 13. September in Kaliningrad stattfindenden Gouverneurswahlen an, zu denen sich fünf Kandidaten haben registrieren lassen.

MB: Mit Wahlprognosen halte ich mich zurück. Ich freue mich auf ein Treffen mit dem neu gewählten Gouverneur nach dem 13. September.

UN: Durch Initiative von Mitarbeitern des deutschen Generalkonsulats wurde im Jahre 2009 der deutsche Stammtisch im „Zötler“ ins Leben gerufen. 2012 haben wir dieses wöchentliche Treffen in „Trefftisch Deutschsprachiger im Kaliningrader Gebiet“ umbenannt. Wir laden niemanden zu diesen Treffen ein, weil jeder kommen soll, der Lust und Zeit hat und Deutsch schwatzen möchte. Können wir darauf hoffen Sie bei uns begrüßen zu können? Die Speisekarte reicht übrigens von Nürnberger Würstchen bis Königsberger Klopse.

MB: Darauf können Sie hoffen, und dies nicht allein wegen der verlockenden Speisekarte.  

Ich bedanke mich für das Gespräch und hoffe auf die Gelegenheit, mindestens einmal jährlich die Möglichkeit eines Interviews mit Ihnen zu erhalten. Sehr gerne würde ich Informationen veröffentlichen, die uns zu Fragen des deutsch-russischen Verhältnisses optimistisch in die Kaliningrader regionale und die russische föderale Zukunft blicken lassen.

Uwe Niemeier

Weitere Informationen zur Arbeit des neuen deutschen Generalkonsuls Dr. Michael Banzhaf finden Sie auf der Internetseite des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad

Reklame

Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 12. September 2015 02:56 pm

    Eine beeindruckende Lebenslinie dieses Dr. Banzhaf. Ich hoffe doch, daß er seine Kenntnisse und Lebenserfahrungen in seiner jetzigen sehr reiz- und verantwortungsvollen Tätigkeit über irgendwelche sanktionsbefördernden Anweisungen irgendwelcher dienstbeflissener Beamten seines Außenministers stellen kann, dem als allgemein bekannter politischer Leerläufer mit einer großen Klappe nicht allzuviel zuzutrauen ist.
    Und nun bin ich gespannt, wie und ob die Zusammenarbeit der zwei "Schnauzbärte" für das Verhältnis von Deutschland und Oblast Kaliningrad und umgekehrt zum Vorteil von beiden erfolgreich gestaltet werden kann.
    Es muß doch weiter gehen.
    In Abwandlung eines Spruchs eines viel Gescholtenen und Verfluchten möchte ich aber sagen, die Sanktionshyänen Merkel und Obama kommen und gehen, aber gute Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland werden wieder fortbestehen - wenn endlich wieder Vernunft in die Politik einzieht.

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung