Interview mit dem scheidenden deutschen Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf

Interview mit dem scheidenden deutschen Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf

 

Interview mit dem scheidenden deutschen Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf


Dr. Michael Banzhaf hat im September 2015 seinen Dienst als Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Kaliningrad angetreten. Nun beendet er seine diplomatische Arbeit in Kaliningrad und wird auf einen anderen Dienstposten versetzt. „Kaliningrad-Domizil“ hat Herrn Dr. Banzhaf gebeten, über seine Eindrücke und Erlebnisse der letzten vier Jahre zu sprechen.

 

 

Uwe Niemeier (UN): Guten Tag Herr Dr. Banzhaf. Vielen Dank, dass Sie Zeit für ein Interview zum Abschluss Ihrer vierjährigen Dienstzeit im Kaliningrader Gebiet gefunden haben. Bereits bei Ihrem Dienstantritt im September 2015 hatten wir ein langes Interview geführt, wo wir beide versucht hatten, ein wenig zu erahnen, was die kommenden Jahre für Sie und Ihre Arbeit bringen wird. Nun sind vier ereignisreiche Jahre vergangen und sicherlich gibt es einiges zu erzählen, was unsere Leser und Zuschauer interessiert, denn Kaliningrad, so klein wie es auch sein mag, steht seit Jahren im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit.

Dr. Michael Banzhaf (MB): Guten Tag Herr Niemeier, ich begrüße es, dass wir am Ende meiner Amtszeit zu einem Gespräch zusammenkommen. Vier abwechslungsreiche, sehr interessante Jahre liegen hinter mir. Ich bin gespannt auf Ihre Fragen.

UN: Beginnen wir gleich zu Anfang mit einer Frage, die wohl alle brennend interessiert. Wohin werden Sie versetzt, welche neue Aufgabe werden Sie übernehmen. Sie hatten ja vor Jahren einen Einsatz in Thailand, wo Sie unter schwierigsten Bedingungen bei der Bewältigung der Folgen einer Umweltkatastrophe Extremes leisten mussten. Dann kam Ihr Einsatz als stellvertretender Botschafter in Kasachstan, wo Sie unter der Leitung von Dr. Guido Herz, an den man sich hier in Kaliningrad immer mit Hochachtung erinnert, gearbeitet haben. Aus dieser ehemaligen Sowjetrepublik kamen Sie dann als Generalkonsul zu uns nach Kaliningrad. Bleiben Sie dem russischsprachigen Einsatzgebiet treu?

MB: Ende Juli werde ich die Leitung der Botschaft Eriwan übernehmen. Armenien ist ein Posten, den ich mir – wie Kaliningrad – gewünscht hatte. Ich freue mich, dass es ein Land ist, in dem  auch Russisch gesprochen wird.

 

UN: Botschafter in Armenien – tja, dann zuerst meinen herzlichen Glückwunsch zur Beförderung und viel Glück bei dieser neuen, interessanten und, zumindest nach meinem Empfinden, nicht beneidenswerten, nicht leichten Aufgabe, denn Armenien ist ja gerade jetzt ein Land mit viel Bewegung und Unwägbarkeiten. Aber die von Ihnen in den letzten Jahren hier in Kaliningrad erworbenen russischen Sprachkenntnisse, werden natürlich helfen, dort schnell Fuß zu fassen. Ich erinnere mich an eine diesbezügliche Frage zu Sprachkenntnissen, die ich Ihnen damals, im Jahre 2015 stellte. Heute ist zu sehen und zu hören, dass Sie Ihren Vorsatz zum Kennenlernen der Sprache umsetzen konnten, denn Sie treten öffentlich in russischer Sprache auf. Verraten Sie den Deutschen, die das Studium der russischen Sprache vielleicht planen, wie man am besten vorgeht.  

MB: Wenn man Russisch lernt, sollte man sich mit Geduld wappnen und sich von der komplizierten Grammatik und den Überraschungen, die die Aussprache bereithält, nicht entmutigen lassen. Umso größer ist die Freude, wenn sich beim Erlernen dieser wunderbaren Sprache Fortschritte einstellen.

 

UN: In jeder Amtszeit eines Generalkonsuls gibt es positive und weniger positive Arbeitsmomente. Welches war ihr positivster Arbeitsmoment und an welchen Moment möchten Sie weniger gerne denken?

 

 

MB: Sicher, es gab Momente, die erfreulicher waren als andere. Wichtiger als meine Stimmungen und Befindlichkeiten scheint mir aber die Antwort auf die Frage zu sein, ob mich die Entwicklung der bilateralen Beziehungen der vergangenen vier Jahre insgesamt zuversichtlich stimmt - und dies ist der Fall. Denn es ist gelungen, die Beziehungen zwischen dem Kaliningrader Gebiet und Deutschland in einem sensiblen politischen Umfeld auf Kurs zu halten. So freue ich mich über den gestiegenen Warenaustausch, derzeit liegt Deutschland hinter Süd-Korea und China auf dem dritten Platz, ich freue mich, dass Partnerschaften, etwa mit Schleswig-Holstein und Thüringen, gelebt werden und Partnerschaften mit Brandenburg wieder aufleben sollen. Nicht zuletzt freue ich mich, dass wir in Kaliningrad nach erheblichen Schwierigkeiten wieder eine funktionierende Begegnungsstätte für Russlanddeutsche haben.

UN: Hierzu vielleicht noch eine ergänzende Frage. Ist Ihnen bekannt, was konkret Schleswig-Holstein und Thüringen planen, in Kaliningrad durchzuführen? Ich kann mich, insbesondere bei Thüringen, an viele großartige Pläne erinnern, die alle nicht umgesetzt worden sind, z.B. die Eröffnung einer Wirtschaftsvertretung. Erst im Jahre 2018 kam eine ganze Flugstaffel deutscher Unternehmer nach Kaliningrad und hatte Pläne kundgetan, hier eine Vertretung der deutschen Wirtschaft zu eröffnen. Auch da ist nichts mehr zu hören.

MB: Gerne kann ich Ihnen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit - Vorhaben mit Schleswig-Holstein und Thüringen benennen. Die Landesregierung Schleswig-Holstein ist seit 20 Jahren mit der Kaliningrader Gebietsregierung partnerschaftlich verbunden. Ein wichtiges gemeinsames Projekt ist das Kaliningrader Dokumentarfilmfestival „Territorium Film“, das im Oktober zum neunten Mal stattfindet und sich als feste Größe im Kaliningrader Kulturleben etabliert hat. Zu erwähnen ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen aus beiden Regionen und die Partnerschaft zwischen Kiel und Sowjetsk, in deren Rahmen sich gute Kontakte zwischen Schulen und Kultureinrichtungen entwickelt haben. Der Thüringer Landtag und die Kaliningrader Regionalduma feiern in diesem Jahr das 5-jährige Jubiläum ihrer Partnerschaft, seit 2017 besteht zudem eine Partnerschaft zwischen Kaliningrad und Mühlhausen/Thüringen. Hier eine Auswahl an Projekten: 2017 gab es in Kaliningrad die Ausstellung über den aus Mühlhausen stammenden preußischen Hofarchitekten Friedrich August Stüler, den Baumeister der Stadttore in Kaliningrad, 2018 in Mühlhausen einen Boxwettkampf zwischen Kaliningrader und Mühlhäuser Sportlern. Jedes Jahr organisiert die Stadt Mühlhausen  Bürgerreisen nach Kaliningrad und ebenfalls jährlich findet ein Thüringer Weihnachtsbasar in Kaliningrad statt. Vor wenigen Tagen hat ferner ein Blasorchester aus Saalfeld auf dem Kaliningrader Fischerfest für Stimmung gesorgt. Zu Plänen, eine Vertretung der deutschen Wirtschaft in Kaliningrad einzurichten, habe ich keine aktuellen Informationen.

UN: In unserem ersten Interview, im September 2015, informierten Sie, dass kulturelle Themen, einschließlich geschichtlicher Themen, für Sie sehr wichtig sind. Erzählen Sie bitte unseren Lesern, welche kulturellen Ereignisse Sie während Ihrer Amtszeit als besonders gelungen und wichtig betrachten und an denen das deutsche Generalkonsulat mitgewirkt hatte.  

MB: Zu meinen Favoriten zählen - neben anderen - das 2016 vom Generalkonsulat organisierte Konzert für den Chanson- und Filmkomponisten Werner Richard Heymann sowie ein im selben Jahr gemeinsam mit dem russischen Fußballverband, dem polnischen und dem litauischen Generalkonsulat veranstaltetes Damenfußballturnier, 2017 die Ausstellung zum 160. Geburtstag von Käthe Kollwitz, wie Heymann ein Kind der Stadt Königsberg, heute Kaliningrad, 2018 die Gemäldeausstellung des Museums der Weltmeere mit Werken des norddeutschen Marinemalers Poppe Folkerts - ich hatte die Schirmherrschaft übernommen - und 2019 das vom Auswärtigen Amt finanzierte Konzert im Dom zum Holocaust-Gedenktag.

UN: Naja, das ist ja ein ziemlich umfangreiches Kulturangebot. Können die Kaliningrader und die deutschen Gäste der Stadt in diesem Jahr noch auf weitere Kulturangebote hoffen, die von deutscher Seite organisiert und durchgeführt werden?

MB: Es gibt Kulturangebote, die vom Generalkonsulat im weiteren Verlauf dieses Jahres organisiert und finanziert werden. Dazu gehört der Auftritt der deutschen Gruppe Oxyjazz am 4. August beim Kaliningrader City Jazz Festival. Ende November wird sich das Generalkonsulat an der Veranstaltung „Jazz in der Philharmonie“ beteiligen. Mit Unterstützung des Generalkonsulats findet im September eine kleine Ausstellung zum Bauhaus-Jubiläum im Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen statt und im Dezember das traditionelle Weihnachtskonzert mit dem Kaliningrader Symphonischen Orchester. In Planung ist die Ausrichtung eines Jugendfußballturniers mit deutschen, polnischen und russischen Mannschaften.

UN: Bei Dienstantritt hatten Sie sicherlich für sich eine Liste von Aufgaben erarbeitet, welche Sie als Generalkonsul lösen wollten. Gibt es eine Aufgabe, die sie nicht lösen konnten, aber gerne gelöst sehen wollen?

 

 

MB: Gerne hätte ich mehr deutsche Unternehmen davon überzeugt, dass es sich lohnt, das Kaliningrader Gebiet als Standort für das Russlandgeschäft in die engere Wahl zu ziehen.

UN: … und wie sieht es mit BMW aus? Es gibt jetzt zwei Sonderinvestitionsvereinbarungen. Eine zwischen „Avtotor“, einschließlich BMW, mit der russischen Regierung und eine zwischen „BMW“ direkt mit der russischen Regierung. Ich war ein wenig verwirrt, als ich diese Informationen erhielt. Wie kann man diese „Doppelinvestitionsvereinbarung“ verstehen? Haben Sie genauere Informationen?

MB: BMW führt die Verhandlungen mit der russischen Regierung mit höchster Diskretion. Das Generalkonsulat ist nicht eingebunden. Ich habe daher keine genaueren Informationen.

UN: Bleiben wir noch ein wenig bei der Wirtschaft – welche ja eines Ihrer Lieblingsthemen ist, wie Sie unseren Lesern im ersten Interview 2015 mitteilten. Warum kommen keine deutschen Investoren nach Kaliningrad? Was macht Kaliningrad verkehrt?

MB: Die Gebietsregierung bewirbt aktiv das Kaliningrader Gebiet als Investitionsstandort, auch bei deutschen Unternehmen. Dies ist genau der richtige Ansatz. Sie sprechen die Zurückhaltung deutscher Investoren an. Ich denke, es ist wichtig, diese davon zu überzeugen, dass die Erschließung des gesamtrussischen Markts, den viele Investoren im Auge haben, vom russischen Mutterland aus genauso möglich ist, wie aus der Exklave Kaliningrad. Nicht zu vergessen: Wenn sich ein Investor für Kaliningrad entschließt, kommt er in den Genuss der Privilegien der Sonderwirtschaftszone.

UN: Wechseln wir ein wenig das Thema. Ich habe den Eindruck, als ob das Generalkonsulat sehr zurückgezogen lebt. Ich vermisse eine aktive Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt keinen Newsletter, die Internetseite ist nach der Überarbeitung noch langweiliger geworden und ich erhalte immer noch das Kulturprogramm von St. Petersburg, obwohl ich das Kaliningrader Programm abonniert habe. Können Sie meine Ansicht teilen und was könnte man tun, um deutsche Aktivitäten wieder mehr in den Mittelpunkt positiver Aufmerksamkeit zu rücken?

MB: Die Internetseite des Generalkonsulats wird hauptsächlich von unseren Visakunden besucht und entsprechend gepflegt. Beim Kulturangebot haben Sie einen Punkt, den ich aufgreifen werde.

UN: Sie geben mir das Stichwort „Visa“. Hier liegen mir keine wirklich verlässlichen Informationen vor. Im Jahre 2008 hatte das Generalkonsulat über 21.000 Visaanträge bearbeitet. Im Jahre 2014 waren es rund 43.000 Anträge. Wie ist jetzt der Stand der Dinge?

MB: Seit Eröffnung im April 2007 bearbeitet die Visastelle Kaliningrad Anträge auf Schengen-Visa und für den Daueraufenthalt in Deutschland, sogenannte nationale Visa. Ich habe Ihnen mal die Zahlen seit 2008, leicht gerundet, in einem Diagramm zusammenstellen lassen:  

 

Was auffällt, ist die sehr geringe Ablehnungsquote von durchschnittlich 2% über die Jahre hinweg, ein Ausweis der Seriosität der hiesigen Antragsteller.

UN: Bleiben wir noch ein wenig beim Thema Visum. Zum 1. Juli hat Russland das „Elektronische Visum Kaliningrad“ eingeführt. In der ersten Woche sind bereits 450 Personen eingereist und 4.500 Visaanträge wurden gestellt. Die Deutschen belegen bei der Anzahl der Anträge für ein Elektronisches Visum den dritten Platz hinter Litauen und Polen. Wie bewerten Sie das elektronische Visum? Wird es Vergleichbares auch in Deutschland für Kaliningrad oder generell für Russland geben? Ist vielleicht alternativ die kostenlose Visaausgabe für Kaliningrader geplant?

MB: Die Einführung des Elektronischen Visums begrüße ich sehr. Ich bin überzeugt, deutschen Touristen und Geschäftsleuten wird die Entscheidung, das Kaliningrader Gebiet zu besuchen, künftig viel leichter fallen. Für die Länder des Schengen-Raums, zu dem Deutschland gehört, ist etwas Vergleichbares derzeit nicht in Planung.

UN: … und nochmal nachgefragt zu den Kosten? Kann da den Kaliningradern entgegengekommen werden? 35 Euro Konsulargebühren und 35 Euro Agenturgebühren sind natürlich für einen Kaliningrader Durchschnittsverdiener mit 29.000 Rubeln oder 400 Euro doch eine nicht geringe Summe.

MB: Die Kosten für ein Schengen-Visum setzen sich aus 35,00 € Visumgebühr gemäß Visumerleichterungsabkommen EU/Russland und der Servicegebühr unseres Dienstleisters von zur Zeit 20,40 € zusammen. Zusätzliche Kosten entstehen für den Antragsteller nur, wenn er weitere Dienstleistungen auf eigenen Wunsch in Anspruch nimmt. Die weit überwiegende Zahl unserer erteilten Visa sind Mehrfach- und Mehrjahresvisa, die für entsprechend unbegrenzte Einreisen in den Schengen-Raum gelten. Das heißt, die einmal investierten Gebühren lohnen sich in der Regel mehrfach, wovon die Bürgerinnen und Bürger des Kaliningrader Gebiets nach meiner Kenntnis auch regen Gebrauch machen. Hinzu kommen noch einige Gebührenbefreiungen nach dem Visumerleichterungsabkommen, zum Beispiel bei Besuchen von nahen Verwandten, bzw. beim Schüler- und Jugendaustausch oder bei Reisen im Rahmen von Städtepartnerschaften.

UN: Ich habe den Eindruck, als ob von russischer Seite seit 2014 weniger Toleranz in Hinsicht auf deutsche Aktivitäten im Kaliningrader Gebiet gezeigt wird, vielleicht sogar besondere, übertriebene Strenge. Die „Germanisierungsthematik“ scheint wohl hier auch eine gewisse Rolle zu spielen. Teilen Sie meinen Eindruck?

 

 

MB: Wir erleben seit einigen Jahren eine Debatte über die russische Identität im Kaliningrader Gebiet und darüber, welche Faktoren hier die russische Identität negativ beeinflussen könnten. Es gibt Stimmen, die dazu die Beschäftigung mit dem deutschen kulturellen Erbe der Region zählen. Das ist nicht ohne Einfluss auf deutsche Aktivitäten im Kaliningrader Gebiet geblieben. Zur Diskussion selbst werde ich mich nicht äußern, die überlasse ich gerne den Spezialisten. Mit Blick auf unsere bilaterale Zusammenarbeit würde ich es sehr begrüßen, wenn die Beschäftigung mit dem deutschen Erbe weiterhin als Chance begriffen würde, unsere beiden Völker einander näher zu bringen.

UN: Sie sind der einzige Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland, der in seinem Dienstverlauf mit drei Kaliningrader Gouverneuren Bekanntschaft geschlossen hat. Im Zusammenhang mit diesen personellen Veränderungen hat es, so zumindest meine Meinung, viel positive Bewegung seit Mitte 2016 für das Gebiet gegeben. Auf der Scala 1-5, wie waren Ihre Kontakte zur Gebietsregierung? Wie oft hatten Sie direkten persönlichen Kontakt mit dem Gouverneur Anton Alichanow?

MB: Zur Gebietsregierung hatte ich vertrauensvolle Beziehungen, Gouverneur Alichanow eingeschlossen, und gebe entsprechend gute Zensuren.

UN: … äh, mal eine indiskrete Frage, nicht personengebundene Frage. Gibt es eigentlich auch zwischen deutschen Diplomaten und russischen Politikern Privatkontakte oder lassen die Dienstvorschriften dies nicht zu?

MB: Eine entsprechende Dienstvorschrift gibt es nicht.

UN: Zum Abschluss des ersten Teils unseres Interviews noch zwei persönliche Fragen. Was haben Sie im täglichen Leben, im Vergleich zum Wohnort Deutschland, in Kaliningrad vermisst?

MB: Kaliningrad ist ein Ort, der mir wirklich alles geboten hat, was ich zum täglichen Leben brauche.

UN: Nochmal nachgehakt, mit einer kleinen Erinnerung aus meinem Leben, meinem Studium in Leningrad, Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts. In Leningrad gab es damals zwei Generalkonsulate: das der DDR und das der Bundesrepublik Deutschland. Beide Generalkonsulate erhielten regelmäßig Containerlieferungen aus der Heimat mit Lebensmitteln und vielen anderen Dingen des täglichen Lebens. Erhält das Generalkonsulat in Kaliningrad auch noch derartige Containerlieferungen oder gibt es alles was man braucht um satt zu werden und zufrieden zu sein?

MB: Nein, solche Containerlieferungen wären bei einem Dienstort wie Kaliningrad nicht zu rechtfertigen. Ein Einkauf in einem der großen Lebensmittelgeschäfte oder auf dem lokalen Markt zeigt: hier ist weit mehr als nur die Grundversorgung gesichert, es gibt vielmehr eine große Auswahl an Produkten.

UN: In unserem ersten Interview im September 2015 erzählten Sie, dass Sie auf ausreichend Bewegung achten und gerne wandern gehen. Konnten Sie in Kaliningrad diesem Hobby frönen und wenn ja, wo waren Ihre bevorzugten Wanderorte?

MB: Mein Lieblingsplatz sind die herrlichen Strände auf der Kurischen Nehrung. Ich habe es auch sehr genossen, jeden Tag zu Fuß am Oberteich entlang ins Büro zu gehen. Diese Spaziergänge werde ich vermissen.

 

Nun zum zweiten Teil des Interviews – dem wohl schwierigeren Teil, denn hier möchte ich Sie bitten, auf die Fragen nur mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten. In Ausnahmefällen wäre auch ein „Jein“ möglich. Mir ist da schon bewusst, dass derart komprimierte Antworten nicht leicht sind.

UN: Haben die Sanktionen gegen Russland seit 2014 irgendwelche, wirklich bemerkenswerten Auswirkungen, in Kaliningrad gehabt?

MB: JA

UN: … hm, hier hätte ich gerne nochmal nachgefragt, aber wir haben nur „Ja/Nein“ vereinbart. Also keine Nachfrage.

UN: Haben Sie sich in Kaliningrad sicher gefühlt?

MB: JA

UN: Im Februar 2019 äußerte Anton Alichanow in der EU-Vertretung in Moskau: „Kaliningrad ist der ideale Ort für Investitionen“. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

MB: JA

UN: Es besteht keine reale Blockadegefahr für Kaliningrad seitens irgendwelcher Länder der Europäischen Union. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

MB: JA, es besteht keine Gefahr

UN: … äh, die Antwort war länger, als vereinbart. Ich erlaube mir deshalb am Ende dieser Fragerunde noch eine Ergänzungsfrage zu stellen.

UN: Einer Ihrer Vorgänger kommentierte sinngemäß: Deutsche sind verwöhnte Touristen. Sie haben in der Welt bereits vieles gesehen. Es gibt nichts in Kaliningrad, was Deutsche noch nicht gesehen hätten, deshalb kommen auch immer weniger deutsche Touristen nach Kaliningrad. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

MB: NEIN

UN: Das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad wird noch viele Jahre diplomatische, kulturelle und visaunterstützende Arbeit leisten.

MB: JA

UN: Wenn es die Zeit und die Möglichkeiten zulassen, würden Sie dann nochmal nach Kaliningrad zurückkehren?

MB: JA

UN: Können und werden Sie mir den direkten Kontakt zu Ihrem Nachfolger für ein Empfangsinterview vermitteln?

MB: JA

UN: Und nun noch die von mir angedrohte Zusatzfrage. Sie hatten die Frage zu Sanktionsfolgen mit „JA“ beantwortet. Was waren das für Folgen?

MB: Zum einen führte der Wegfall des Imports preisgünstiger westlicher Produkte, insbesondere Nahrungsmittel, zu einem Preisauftrieb. Zugleich wurde aber auch der Nahrungsmittelmarkt für heimische Anbieter attraktiver.

UN: Und nun aber wirklich die allerletzte Frage, um das Interview nicht zu einem russischen Treffen ausarten zu lassen, wo der Gastgeber zum Abschluss „Na pasaschok“, „posledny pasaschok“, „samy posledny posaschok“ usw. vorschlägt. Stellen Sie sich vor, Sie wandern durch Ihre Lieblingslandschaft in Kaliningrad, kommen an einen der kristallklaren Seen, am Rand eines der dunklen Wälder des Gebietes und beschließen zu angeln. Sie angeln den berühmten Goldenen Fisch und der verspricht Ihnen die Erfüllung von drei Wünschen rings um das Thema „Kaliningrader Gebiet“. Was würden Sie sich vom Goldenen Fischlein für Kaliningrad wünschen?

MB: Ich würde mir vom Fischlein wünschen, dafür zu sorgen, dass das Kaliningrader Gebiet ein Ort der Begegnung mit dem Westen bleibt und sich wirtschaftlich weiter gut entwickelt. Ich denke, ich würde das Fischlein auch darum bitten, wieder eine direkte Flugverbindung zwischen Kaliningrad und Deutschland einzurichten. Ein Kurswagen Kaliningrad-Berlin wäre auch nicht schlecht.

Wir sind am Ende unseres Interviews. Ich hätte natürlich noch eine Vielzahl weiterer Fragen, hebe mir diese aber für später auf, für die Zeit, wo Sie vielleicht, wie Ihr Kollege Herr Dr. Guido Herz, Kaliningrad besuchen und wir uns treffen. Ich wünsche Ihnen für Ihren neuen Dienstposten in Armenien viel Erfolg und interessante Erlebnisse, die Sie mit Ihrer Gattin dort genießen können. Gute Reise und ein jederzeit herzliches Willkommen in Kaliningrad.

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