Leiter Hamburger Handelskammer ist Putin dankbar für die geschaffene Ordnung

Leiter Hamburger Handelskammer ist Putin dankbar für die geschaffene Ordnung

Der Leiter der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad Dr. Stefan Stein gab unserem Medienpartner „newkaliningrad.ru“ ein Interview zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation. Kaliningrad-Domizil bringt das Interview in deutscher Sprache.

 

Newkaliningrad: Wie fühlen sich die deutsche und überhaupt die ausländische Wirtschaft heute in Kaliningrad? Die Ergebnisse des Jahres 2013 zeigen, dass der Umfang des ausländischen Kapitals, aber auch des russischen Kapitals in Kaliningrad rückläufig ist. Es gibt kaum Anlass zur Hoffnung auf positive Veränderungen der Situation im Jahre 2014, insbesondere unter Beachtung der nicht ganz einfachen außenpolitischen Situation.

Stefan Stein:  Beginnen wir damit, dass der Umfang der deutschen Investitionen in Russland insgesamt wächst. Es gibt große Investitionsprojekte. Leider betrifft das nicht Kaliningrad. Warum? Ich denke, die Gewinnung von Investitionen für das Kaliningrader Gebiet ist eine Aufgabe der Gebietsregierung. Meiner Meinung nach vergessen die Menschen langsam, wo Kaliningrad sich befindet und was man dort überhaupt machen kann. Andererseits, die Firmen die schon in Kaliningrad sind – also BMW, Hipp und auch andere, stoßen auf große Probleme. Besonders betrifft dies die Firma Hipp, denn die Firma hat Probleme mit der Einfuhr der Rohstoffe für die Produktion von Kindernahrung.

Aber ein viel größeres Problem ist die Frage des Vertrauens. Vertrauen bildet sich im Verlaufe vieler Jahre. Stabilität ist das Hauptelement in der Wirtschaft. Und wenn ich weiß, dass ich einen Partner habe der immer zahlt, so arbeite ich mit Freude und Vertrauen. Wenn sich die Situation ständig ändert, so ist das schlecht. Ich denke, die Kaliningrader Regierung sollte direkt sagen, dass es in der Region Unternehmen gibt die sich mit der Produktion von Lebensmitteln beschäftigen und sich die Sanktionen negativen Einfluss auf diese Produktion haben. Ich weiß, dass diese Situation auch litauische und norwegische Investoren betrifft. Sie warten ungeduldig, dass die Sanktionen beendet werden.

Newkaliningrad: Die Politik unserer Gebietsregierung, die wiederholt vom Gouverneur verkündet wurde, kommt darin zum Ausdruck, dass man meint, die Sanktionen sind gut, sind eine Chance für die Entwicklung der Landwirtschaft und für die vollständige Eigenversorgung mit landwirtschaftlichen Produkten. Kann man davon ausgehen, dass HIPP dazu übergeht, sich mit, im Gebiet erzeugten Produkten zu versorgen, wenn die Hoffnungen von Zukanov sich als richtig erweisen? Und vor allem, werden die Unternehmen so lange warten, wenn die Sanktionen nicht im Verlaufe eines Jahres auslaufen oder werden sie die Produktion einstellen?

Stefan Stein: Das ist vor allem eine Einstellungsfrage. Nehmen wir als Beispiel die Glücksspielzone. Casinos waren auf dem ganzen Gebiet Russlands verboten und dann kam der Beschluss, in vier Gebieten Glücksspielzonen zu schaffen. Und wo sind diese Zonen heute? Nirgendwo!

Und genauso ist die Lage in der Landwirtschaft. Jetzt laufen alle mit der roten Flagge voran, in der Absicht, alles selbst zu produzieren. Nur so schnell klappt das nicht. Insbesondere unter Beachtung, dass einige Flächen in Kaliningrad schon mehr als 20 Jahre nicht bearbeitet wurden. Mindestens drei Jahre sind erforderlich um eine ernstzunehmende Ernte einzufahren. Deutsche Bauern waren hier und wir haben mit ihnen die Perspektiven besprochen.

Die Bewohner haben zum Glück die Möglichkeit nach Polen zu fahren und dort Lebensmittel zu kaufen. Deshalb sind die Leute im wesentlichen auch zufrieden. Natürlich ist das keine zukunftsweisende Lösung. Aber, und das möchte ich unterstreichen, ich unterstütze die Bemühungen des Gouverneurs die Landwirtschaft zu entwickeln und die Erzeugung von Rohstoffen in der Region voranzutreiben. Das ist auch für uns interessant, denn wenn sich die Weiterverarbeitung entwickelt, denn dann werden dafür Ausrüstungen und Produktionslinien benötigt und diese kommen in erheblichem Umfang aus Deutschland.

Newkaliningrad: Außer den Lieferungen von Ausrüstungen, können wir mit neuen deutschen Investoren, die an der Entwicklung der Landwirtschaft interessiert sind, in absehbarer Zeit rechnen?

Stefan Stein: Ich denke ja, denn die Leiter der großen deutschen Firmen unterstützen die Sanktionen nicht. Sie sind gegen die Sanktionen und sind der Ansicht: Wenn es eine politische Krise gibt, und in der Ukraine und um die Ukraine herum gibt es eine politische Krise, so muss man diese nicht auch noch durch wirtschaftliche Probleme vertiefen.

Sanktionen hier, Sanktionen da – das ist nicht unsere Politik, wir mögen das nicht. Denn dies ändert die aufgestellten Spielregeln des Marktes und vernichtet die Gründe, die einen Investor ehemals dazu bewogen haben, eine günstige Investitionsentscheidung zu treffen.

Leider findet im Südosten der Ukraine ein Krieg statt, der die Leute erschreckt. Deshalb in der nächsten Zeit Investitionen zu erwarten – das ist wenig wahrscheinlich, denn niemand kann vorhersagen, wie sich die Ereignisse entwickeln werden und wie die verschiedenen Länder, insbesondere Polen, reagieren werden. Die Politik diktiert die Bedingungen des Marktes und deshalb schweigen unsere deutschen Partner gegenwärtig. Sie warten, dass die Situation sich beruhigt, um dann die Gespräche fortzusetzen.

Newkaliningrad: Aber die Großindustrie in Deutschland hat doch wahrscheinlich gewisse Lobby-Möglichkeiten. Die Kanzlerin der BRD Angela Merkel hat erklärt, dass sie gegenwärtig keine Möglichkeiten für eine Annullierung von Sanktionen  der EU im Verhältnis zu Russland sieht. Könnte die deutsche „Anti-Sanktions-Lobby“ mit Hilfe der Öffentlichkeit auf den außenpolitischen Kurs der BRD Einfluss nehmen?

Stefan Stein: Der Generaldirektor einer der größten deutschen Firmen, der Siemens AG, fuhr im März, nach der Verhängung der ersten Sanktionen der EU, nach Moskau um sich mit Präsident Putin zu treffen. Das war ein wichtiges Signal, sowohl für Russland, wie auch für Deutschland. Auch in unseren Massenmedien wird die Frage der Sanktionen ziemlich strittig und nicht einstimmig behandelt. Es gibt in Deutschland viele Leute, bekannte und geachtete Leute, welche sagen, dass es nicht nötig ist, die Bevölkerung gegen Russland einzustellen. Denn Russland ist unser Nachbar und wir müssen normal und ruhig mit Russland arbeiten und leben. Und ich habe die gleiche Meinung.

Jetzt erheben Leute ihre Stimme, welche mehr Moralisten als Politiker sind. Sie wollen Russland zeigen, wie es zu leben hat. Ich sage aber immer, dass es eine undankbare Aufgabe ist Russland zu zeigen, wie es leben soll. Zum einen mögen die russischen Menschen dies nicht. Zum anderen ist Russland das größte Land in der Welt. Und niemand anderes in der Welt hat Erfahrung in der Führung eines so großen Landes. Dies ist eine völlig einmalige Situation, denn von Kaliningrad bis nach Wladiwostok zu fliegen – dafür braucht man 12 Stunden. Niemand hat in Deutschland davon eine richtige Vorstellungskraft.

Wir hatten Beispiele in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als hier im Kaliningrader Gebiet, so wie in ganz Russland, Chaos herrschte. Ich erinnere mich an eine Präsentation der Nord-West-Region in Berlin und ein Gouverneur, der Name spielt jetzt keine Rolle, trat dort besoffen auf. Es war Chaos und ich bin Herrn Putin dankbar, dass er Ordnung geschaffen hat.

Das ist vielleicht nicht die Ordnung, die möglicherweise mir gefällt. In Deutschland haben wir auch ausreichend Ordnung – allerdings eine andere Ordnung. Aber Deutschland ist ein kleines Land, von einer Ecke zur anderen sind es 900 Kilometer. Und es ist richtig, am lautesten schreien die Länder, die eine Bevölkerung von 8 Millionen oder 5 Millionen haben, also weniger als St. Petersburg hat. Diese Leute, so glaube ich, kennen Russland nicht und haben kein Recht, Russland ständig zu sagen, wie es zu leben hat. In der Politik, aber auch in der Wirtschaft sollte es so sein: Wir belehren uns nicht gegenseitig, wir sind Partner. Wir sind die, die wir sind, der eine Partner hat die Interessen, ein anderer eben andere Interessen. Und wenn die Interessen übereinstimmen, dann wird es auch ein gutes Geschäft geben.

Newkaliningrad: Vor kurzem hat in Kaliningrad der sogenannte „Tag des Tourismus“ stattgefunden. Dies war ein Feiertag, gewidmet zur Demonstration der vielfältigen Anziehungsmöglichkeiten der Stadt und des Gebietes für Touristen. Aber eigentlich war dieser Feiertag wohl mehr für die Bewohner der Stadt und nicht für Touristen. Und der Gouverneur Nikolai Zukanov kommentierte, das durch die Regierung mit diesem Feiertag eine Antwort gegeben wurde, warum 150 Mio. Russen unbedingt nach Kaliningrad reisen müssen und wie wir uns beständig diesem Ziel annähern können. Was meinen Sie, warum sollen die Russen uns besuchen? Wie hat sich Kaliningrad, in der Zeit in der Sie hier arbeiten, zum Besseren, in Hinsicht auf seine touristische Anziehungskraft, verändert?

Stefan Stein: Alles hängt davon ab, mit welchen Erwartungen die Leute hierher reisen. Ich empfange häufig Gäste und einige sagen: „Oh, wie schrecklich sieht das hier alles aus“. Aber es gibt andere die sagen, dass sie vor zehn Jahren hier waren und jetzt vieles besser geworden ist. Und das ist auch meine Position, denn ich habe hier vor 15 Jahren angefangen zu arbeiten. Damals war es natürlich schlimmer als jetzt.

Aber trotzdem, es muss noch viel getan werden, es muss noch viel Geld investiert werden und Geld ist leider nicht ausreichend vorhanden. Aber die Stadt entwickelt sich. Manchmal ist die Entwicklung dort zu sehen, wo jemand ein persönliches Interesse hat. Den hiesigen Politikern fehlt leider das Gefühl, dass sie für die Gesellschaft da sind und nicht umgekehrt, dass heißt, die Gesellschaft für sie da ist. Das muss sich ändern, aber solche Änderungen finden nicht in zehn Minuten statt.

Übrigens, eine ernsthafte Anzahl von ausländischen Touristen, davon bin ich überzeugt, kann man nur anlocken, wenn die Grenzen offen sind und Visafreiheit herrscht. Für Kaliningrad kann man diese Aufgabe lösen, das ist ein kleines Gebiet und hier können keine Sicherheitsprobleme, im Zusammenhang mit Ausländern, bestehen. Wir sehen dies im Verhältnis zu Polen, im Rahmen des kleinen visafreien Grenzverkehrs und dasselbe sollte im Verhältnis zur Europäischen Union organisiert werden.

Newkaliningrad: Das ist ein politischer Moment, die Position des föderalen Zentrums sieht keine einseitigen Schritte vor oder irgendwelche Ausnahmen für einzelne Regionen.

Stefan Stein: Einstein hat gesagt: „Die größte Dummheit ist, dasselbe zu tun und auf ein anderes Resultat zu hoffen“. Vielleicht, das ist etwas provokatorisch, aber mir scheint es so, dass einseitige Schritte in der Politik sehr nützlich sein und den anderen Partner auch zum nachdenken anregen könnten.

Das ist aber nur ein Problem im Bereich des Tourismus. Ein zweites, und das hebe ich immer hervor, es lohnt sich nicht zu warten, dass hierher viele ausländische Touristen kommen. Sie sind misstrauisch und bis jetzt nicht überzeugt, dass man hierher fahren kann und kein Ungeziefer im Hotelzimmer vorfindet. Man soll sich jetzt auf russische Touristen konzentrieren. Für sie gibt es hier Unmengen anziehendes: das Meer, gute Hotels. Besser wäre es natürlich, wenn mehr 2- oder 3-Sterne-Hotels vorhanden wären, denn gegenwärtig ist Erholung hier sehr teuer.

Der erste Schritt müsste eine große Anzahl russischer Touristen sein, das bedeutet auch die Entwicklung einer Infrastruktur. Und wenn es eine entwickelte Infrastruktur gibt, dann kann man auch auf ausländische Touristen hoffen.

Newkaliningrad: Sie haben sich ziemlich kritisch zur gegenwärtigen Regierung geäußert, insbesondere im Hinblick auf die Personalrotation im Ministerkabinett. Jetzt sind wieder Gerüchte im Umlauf über einen vorzeitigen Rücktritt des Gouverneurs. Wenn man die bisherigen 5-Jahres-Gouverneursperioden vergleicht, die Sie hier erlebt haben, was sagen Sie zur jetzigen Periode?

Stefan Stein: Dem Gouverneur hat es überhaupt nicht gefallen, wie ich zu Fragen der Korruption aufgetreten bin, ungeachtet dessen, dass sogar die russische Regierung das Thema Korruptionsbekämpfung auf die Tagesordnung gesetzt hat. Sie sprechen über Personalrotationen, aber ich würde dies mehr als „hire&fire“ bezeichnen, wie die Amerikaner sagen. Das ist nicht unser Führungsstil, ehrlich gesagt. Wenn ich ein Unternehmen habe, so will ich es ruhig entwickeln, ich will meine Mannschaft entwickeln, die Stabilität gewährleistet. Aber hier weiß ich manchmal nicht mehr, wer denn gegenwärtig gerade Minister ist. Alles ist irgendwie wie eine große Pyramide und auf der Spitze sitzt der Gouverneur. Aber es gibt gute Spezialisten und ich kenne sie persönlich. Aber um die Person des Leiters der Region wechseln diese sehr häufig.

Was die Frage der Zusammenarbeit mit der BRD betrifft, so ist dies der erste Gouverneur, von bisherigen fünf Gouverneuren, der mit uns praktisch keinen Kontakt pflegt. Er hat sich niemals an uns gewandt, hat niemals mit uns Perspektiven besprochen zur Gewinnung von deutschen Investoren. Der Gouverneur hat viele persönliche Kontakte mit Deutschen und ich hoffe, dass er diese auch nutzt. Nur wir könnten mehr erreichen, wenn wir besser zusammen arbeiten würden. Ich erinnere mich an gemeinsame Veranstaltungen mit Boos und Jegorow (Anm. UN: Jegorow Gouverneur bis 2005, Boos Gouverneur von 2005-2010), in deren Ergebnis deutsche Investoren kamen.

Newkaliningrad: Über welche Veranstaltungen sprechen Sie, was brauchen wir, um den Strom deutscher Investoren hierher wieder zu beleben? Ja, und nicht nur aus Deutschland, denn der überwiegende Teil der Investitionen, so erklärt es die Regierung – sind russische Gelder, entweder aus dem Haushalt oder andere Gelder im Zusammenhang mit dem Haushalt.

Stefan Stein: Ich will jetzt nicht über die Infrastruktur sprechen. Große Summen kommen aus Moskau und dies ist die einzige real sichtbare Entwicklung – die Entwicklung der Infrastruktur. Das freut mich, dass Straßen gebaut werden, dass der Flughafen instand gesetzt wird. Denn, so wie sich der Airport in den letzten Jahren gezeigt hat – das ist keine gute Visitenkarte für die Region.

Nur, ich wiederhole, wichtig ist die Entwicklung des Vertrauens. Und Vertrauen wächst nur über persönliche Kontakte. Und persönliche Kontakte werden gewöhnlich geschaffen im Rahmen von Treffen im Format „business to business“. Wenn ein Investor nicht zu uns kommt, dann müssen wir zu ihm reisen. Ich habe schon lange vorgeschlagen, eine Tour nach Deutschland zu organisieren, Treffen mit den Handelskammern der verschiedenen Bundesländer durchzuführen. Das ist eine sehr wichtige Struktur, denn jeder Unternehmer ist gesetzlich verpflichtet, Mitglied der Handelskammer zu sein.

Jetzt verfügt die Region über eine "Korporation für die Entwicklung des Gebiets". Das ist eine gute Sache und ich rede seit 1996 davon, dass es eine ähnliche Struktur für die Arbeit mit Investoren geben sollte, für die Entwicklung genau der Infrastruktur, die für Investoren von Interesse ist.

Unlängst habe ich einen Werbefilm auf dem Airport gesehen, der im Auftrage der Korporation erstellt wurde, und das war bisher das einzige was ich gefunden habe zur Arbeit dieser Organisation. Mir scheint, einer der Gründe hierfür ist vielleicht, dass diese Korporation durch die Gebietsregierung geschaffen wurde und auch von ihr abhängig ist. Unternehmer schauen immer ein wenig mißtrauisch zu Politikern und trauen ihnen wenig. Ein Politiker verschwindet nach einer bestimmten Zeit und trägt dann keinerlei Verantwortung mehr, aber ein Unternehmer bringt sein eigenes Geld ein und riskiert dieses. Ich spreche hier von deutschen Unternehmern. Ihre Unternehmer – das ist natürlich eine andere Sache.

Newkaliningrad: Vielleicht, wenn es nicht so richtig gelingt mit den Beamten und Politikern zu arbeiten, sollte man mehr mit Business-Assoziationen arbeiten? Wir haben auch eine Industrie- und Handelskammer, haben eine Vereinigung der Industriellen und Unternehmer … Es stimmt, die erste Organisation wird von einem ehemaligen Politiker geleitet und die zweite von einem ehemaligen Beamten, aber trotzdem handelt es sich doch hier um das „business to business“ worüber Sie gesprochen haben.

Stefan Stein: Diese Organisationen befinden sich ebenfalls in Abhängigkeit von der Regierung. Ich kritisiere dies nicht, ich bin Realist. Nur wenn Sie mich fragen, dann muss ich sagen: Eine Struktur mit der Aufgabe ausländische Investoren zu gewinnen, muss unabhängig sein und muss von einem erfahrenen Spezialisten geleitet werden, einem gestandenen Unternehmer, der in der Sonderwirtschaftszone gearbeitet hat. Seine Aufgabe muss die Entwicklung und das Marketing sein. Irgendwelche Industrieparks anzubieten ist dasselbe wie Coca-Cola zu verkaufen.

Newkaliningrad: Der neue Leiter der Korporation für die Entwicklung des Gebiets Andrej Gorochow ist genau so ein Unternehmer, nur das er keine Coca-Cola verkauft hat sondern Desinfektionsmittel und das auch ziemlich erfolgreich.

Stefan Stein: Ich schätze sein Business, ich habe mich mit ihm getroffen und mir gefällt seine Herangehensweise. Und trotzdem befindet er sich in Abhängigkeit vom Gouverneur, denn der hat ihn auf diesen Stuhl gesetzt. Und wenn er nicht das macht, was der Gouverneur will, so wird er nicht lange dort sitzen.

Newkaliningrad: Sie haben selbst gesagt, dass wir einen eigenen Entwicklungsweg haben und vielleicht muss es so sein und vielleicht funktioniert das hier eben so?

Stefan Stein: Nun, bis jetzt ist das so und es steht die Frage, wie lange das noch so funktioniert. Ich musste natürlich auch mit Politikern und Beamten arbeiten als wir HIPP eröffnet hatten – da hat uns Oleg Schlick geholfen und als hier die Produktion von BMW anlief, war es wichtig, das gegenseitige Verständnis mit der Gebietsverwaltung zu entwickeln.

Newkaliningrad: Sie erinnerten an die Sonderwirtschaftszone. Wir nähern uns dem Jahr 2016, wo sich die Spielregeln wieder ändern werden, wo die Übergangsperiode ausläuft. An verschiedensten Orten wurde lange darüber gesprochen, was, wie zu tun ist, mit welchen Mitteln man den katastrophalen Einbruch in der Industrieproduktion aufhalten kann. Letztendlich kam der Premier Medwedjew zu uns geflogen und unterschrieb irgendein Protokoll mit einer Liste von Maßnahmen, welche am wichtigsten sind. Die Umsetzung ist meist verbunden mit der banalen Ausreichung von Geld, Subventionierung von Zollgebühren, die die Unternehmer ab 1. April 2016 belasten werden. Welche Perspektiven hat dieser Kompensations-Mechanismus?

Stefan Stein: Sogar bei mir zu Hause habe ich so ein Problem. Wenn ich meine russische Frau im Januar frage, ob wir im Oktober nach Spanien in Urlaub fahren wollen oder nicht, dann schaut sie mich an wie einen Verrückten – wer plant schon den Oktober im Januar? Nun, die Deutschen machen das so, ich habe in einer großen Firma gearbeitet und diese hatte so einen Weitblick bei den Planungen. Hier ist es so, dass, wenn wir uns mit irgendjemanden in ein paar Tagen zu einem Treffen verabreden, er unbedingt sagt: „Nun, wir sprechen nochmal per Telefon miteinander bis zum Treffen.“ Ja, wozu? Wir waren uns doch einig! Aber er weiß es nicht, vielleicht kommt doch noch etwas dazwischen. So ist die Mentalität.

Über den Fakt, dass die Zollvergünstigungen am 1. April 2016 wegfallen, wissen wir schon seit acht Jahren. Obwohl diese Entscheidung, meiner Meinung nach, nicht klug ist. Die Formulierung in der vorherigen Fassung des Gesetzes zur Sonderwirtschaftszone war viel mehr im Interesse von Kaliningrad. Kaliningrad soll leben auf der Grundlage der Arbeit von klein- und mittelständischen Unternehmen und nicht durch die Arbeit von Großunternehmen. Aber in Moskau wurde entschieden die zu unterstützen, die fünf Millionen USD oder mehr investieren. Die Deutschen, mit denen wir gearbeitet haben, haben auf dem Absatz kehrt gemacht und sind verschwunden mit den Worten: „Was, ich soll hier fünf Millionen USD herbringen? Die sind doch nicht normal!“

Newkaliningrad: Jetzt wird aber darüber gesprochen, gerade diese Barriere für Residenten der Sonderwirtschaftszone auf eine Million Euro zu senken.

Stefan Stein: Eine Million Euro ist auch sehr viel, eine Million ist auch ein großes Risiko. Mir scheint, die gegenwärtige Form der Sonderwirtschaftszone ist eine große Dummheit.

Nur, wenn Deutsche mich zum Jahr 2016 fragen, so antworte ich immer, dass die Russen einen Vorteil haben. Aus jeder schlechten Situation finden sie immer irgendeinen Ausweg. Wir wissen nicht welchen, aber irgendeinen werden sie finden.

Vielleicht kommen Subventionen und vielleicht kommt noch irgendwas anderes. Jetzt sieht es erstmal so aus, als ob das Jahr 2016 ein riesengroßes Durcheinander bringt. Aber ich bin überzeugt, dass ein Ausweg gefunden wird.

Newkaliningrad: Aber welche Mechanismen für die Unterstützung des Unternehmertums wären real, um spürbar die Aufmerksamkeit ausländischer und deutscher Investoren zu wecken?

Stefan Stein: Mein Lieblingsbeispiel ist Westberlin, wo ich zwanzig Jahre lebte. Das war auch eine Exklave der BRD. Und die dortige Bevölkerung war größer als die Bevölkerung von Kaliningrad – rund zwei Millionen Menschen. In Westberlin gab es keine Mehrwertsteuer und deshalb war alles billiger. Und das wäre auch für Kaliningrad möglich, denn wenn hier irgendetwas produziert wird, so muss das weit transportiert werden, mehr als tausend Kilometer, um es zu verkaufen.

Weiter. Alles, bedingungslos alles was in Westberlin produziert wurde, bekam Steuervergünstigungen. Manchmal war das schon fast lächerlich. Leute haben Knöpfe an Hemden angenäht und schon war die Ware in Westberlin hergestellt. Aber, es wurden Arbeitsplätze geschaffen. Darüber kann man lachen, aber es waren Arbeitsplätze.

Ein drittes Moment – die Transportverbindungen. Flugzeugnutzung ist in Kaliningrad weiterhin teuer. Wir reden ständig, dass Flugtickets preiswerter sein müssen für die Kaliningrader. Diejenigen, die nach Westberlin fahren wollten, mussten durch das Territorium der DDR und brauchten dafür ein Visum. Und die Kosten für dieses Visum wurden von der Regierung der BRD bezahlt.

Newkaliningrad: Das regionale Wirtschaftsministerium hat die Absicht die örtlichen Unternehmer zu zwingen, einen Teil ihrer Produktion außerhalb der Zollunion zu exportieren. Dies ist eine der Bedingungen um zukünftig Zollvergünstigungen zu erhalten. Wie real ist ein ernsthafter Export von hier produzierten Waren in absehbarer Perspektive?

Stefan Stein: Das ist einfach. Die Losung „Hongkong an der Ostsee“ klingt vielleicht für irgendjemand lächerlich, nur das war eine der realen Vorschläge eines deutschen Bankers. Hongkong arbeitet für den Exportmarkt. Solche Ideen waren Anfang der 90er Jahre: hier haben wir preiswerten Strom und billige Arbeitskräfte.

Newkaliningrad: Nun, es ist schon nicht mehr ganz so billig

Stefan Stein: Trotzdem immer noch billiger als in Deutschland, der Schweiz, Dänemark. Nur man benötigt eine ernsthafte Zollreform, damit Rohstoffe und Waren schneller die Grenze passieren und nicht tagelang an der Grenze stehen um auf die nötigen Papiere zu warten. Damals gab es konkrete Vorschläge, zum Beispiel von einer großen Firma, die Hackklopse für die Herstellung von Hamburgern benötigt.

Newkaliningrad: Jetzt haben wir viele, die aus Hackklopse Hamburger herstellen

Stefan Stein: Und die wissen nicht, wo sie das Ausgangsmaterial hernehmen sollen. Das ist das Ergebnis der Sanktionen. Die brasilianischen Hühner kommen hierher über Saudi-Arabien oder über ein anderes asiatisches Land. Und ich glaube trotzdem, dass es andere Möglichkeiten gibt. Und auf diese Möglichkeiten muss die Korporation für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes die Aufmerksamkeit möglicher Investoren richten. Und gleichzeitig müssen die Zöllner gezwungen werden, ihre Arbeitsprinzipien zu ändern.

Newkaliningrad: Trotzdem, gewisse Fortschritte gibt es – so gibt es eine neue Unterstellung des Kaliningrader Zolls direkt unter Moskau, unter Umgehung von St. Petersburg.

Stefan Stein: Das reicht nicht aus. Wir brauchen Industrieparks, welche durch die "Korporation für die Entwicklung des Kaliningrader Gebietes" zu schaffen sind, besondere Zollzonen, damit alle notwendigen Dokumente für Waren direkt an den Ein- und Ausfahrten zu diesen Territorien erstellt werden. Leider, der Zoll ist eine Organisation die nicht sehr flexibel ist.

Newkaliningrad: Einen Großteil Ihres Lebens verbrachten Sie unter den Bedingungen des Kalten Krieges. Haben Sie nicht das Gefühl, dass wir jetzt zielgerichtet zu diesen Zeiten zurückkehren?

Stefan Stein: Wissen Sie, ich war immer Optimist. Viele meiner alten Freunde hier empfangen mich immer mit Freude. Nur wenn ich ihnen sage, dass ich nicht sehr daran glaube was man im Fernsehen zeigt, dann sehe ich, wie in ihre Gesichter so ein fanatischer Zug auftaucht. Nun, die Kaliningrader sind ein wenig anders, sie fahren oft ins Ausland, sehen mehr als die Leute aus Kaluga zum Beispiel.

Natürlich verstehe ich, dass Russland seine eigenen Interessen im internationalen Maßstab hat. Und viele bekannte Leute in Deutschland sagen, dass es nicht nötig ist, so stark und so oft Druck auf Russland auszuüben. Und insbesondere ist es nicht ratsam, Russlands Präsident Putin ständig zu kritisieren – denn er ist alleine. Ein paar Monate habe ich mit ihm in St. Petersburg gearbeitet. Er wollte ein gutes Verhältnis zu Europa aufbauen, aber besonders gute Beziehungen zu Deutschland schaffen.

Newkaliningrad: Ziemlich lange hat er sich damit beschäftigt.

Stefan Stein: Eben deshalb versuche ich mich hier an Ihre Seite zu stellen, will Sie unterstützen im gegenseitigen Verständnis. Nur dieser überstrapazierte Anti-Amerikanismus hilft nicht. Ich bin mit vielem, was die Amerikaner so machen, nicht einverstanden. Nur wir leben in der gleichen Welt und ich bin ein friedlicher Mensch. Und ich glaube nicht, dass Gewalt in irgendeiner Sache hilft. Gewalt wird immer auf andere Gewalt treffen. Deshalb wird der gegenwärtige Konflikt lange dauern.

Aber ich verstehe die Verantwortlichen in der Russischen Föderation, die nicht wollen, dass in Simforopol amerikanische Militärbasen entstehen. Ich verstehe das ausgezeichnet. Und ich glaube, dass auch die Ukraine keine antirussischen Einstellungen braucht, denn dort wohnen viele Russen, einschließlich meiner Freunde und ihrer Verwandten.

Wichtig ist, dass eine kluge Politik verfolgt wird. Die Sanktionen, die die Länder Europas verhängt haben, entfernen Russland immer weiter von uns. Das ist bis jetzt noch kein Kalter Krieg, nur wir drängen Russland weiter nach Osten, zu den Chinesen. Und das ist für uns schlecht, denn wir wollen mit Russland arbeiten. Deshalb werden unsere Sanktionen sich langfristig gegen uns selber richten.

Quelle: http://www.newkaliningrad.ru/news/economy/4466440-shtefan-shtayn-evropeyskie-sanktsii-rabotayut-protiv-nas-samikh.html

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