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Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

So, 18 Okt 2015 Deutsche und Deutsches


Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

Der Kaliningrad-Bezug kann darin bestehen, dass unser Interviewpartner in Kaliningrad lebt und hier einer wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Tätigkeit, lang- oder kurzfristig nachgeht. Aber wir sprechen auch mit Deutschen, die von Deutschland aus wirtschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Kontakte in unsere Region unterhalten.  Und natürlich werden wir das zufällige Gespräch suchen mit Deutschen, die wir auf der Straße oder im „Zötler“, dem „Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad“ begegnen.

Wir möchten wissen, woher bei unseren Gesprächspartnern das Interesse an Kaliningrad kommt, was sie bindet, was sie mehr und weniger begeistert.

In der heutigen, nicht ganz einfachen Zeit sind – unserer Meinung nach – Informationen aus dem ganz normalen täglichen privaten oder geschäftlichen Leben im Zusammenhang mit Russland/Kaliningrad sicher für viele von Interesse.

Unser heutiger Gesprächspartner ist Dr. Stephan Stein, Leiter der Vertretung der Handelskammer Hamburg in Kaliningrad.


Foto: Dr. Stephan Stein, Leiter der Vertretung der Handelskammer Hamburg in Kaliningrad

 

Herr Dr. Stein, Sie leben und arbeiten schon viele Jahre in Russland, davon seit 1996 in Kaliningrad – im kommenden Jahr werden Sie also das 20jährige Jubiläum der Kaliningrader Vertretung unter Ihrer Führung feiern können. Sie sind den Umgang mit neugierigen Fragestellern gewohnt, wir beide kennen uns auch schon rund 20 Jahre – auch deshalb besten Dank für Ihre Bereitschaft unserer Informationsagentur auf zehn Fragen zehn Antworten zu geben.

Uwe Niemeier (UN): Beginnen wir damit, dass Sie sich unseren Lesern persönlich kurz vorstellen.

Dr. Stephan Stein (StS): Ja, ich lebe schon seit 1989 in Russland. Der Grund, nach Russland zu gehen, war eine Frau, die ich während meiner Arbeit mit Russland kennen gelernt habe und die noch heute meine Ehefrau ist. Sie wollte nicht nach Deutschland umziehen. Darum bin ich im Frühjahr 1989 nach Moskau gezogen. Ich arbeitete dort im Bereich Tourismus und leitete ein großes Büro des größten Tourismusveranstalters Deutschlands. Meine Aufgabe war, russische Touristen nach Spanien und später in andere Länder der europäischen Gemeinschaft zu entsenden. Das gelang mir recht gut mit Charterflugzeugen, was zu der damaligen Zeit noch eine ungewöhnliche Form des Tourismus in Russland gewesen ist.

Später, im Jahr 1996, fragte mich ein Headhunter, ob ich bereit wäre für die deutschen Handelskammern zu arbeiten. Aufgrund meiner Erfahrung, die bereits sieben Jahre währte, und meiner Arbeit in einer chaotischen Periode der Veränderungen politischer und wirtschaftlicher Art in Russland, stellte ich mir vor, dass die Tätigkeit in der Auslandshandelskammer für mich eine ideale Form wäre, diese Erfahrungen an deutsche Unternehmen weiterzugeben, die die Absicht haben, in Russland zu investieren. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch war die Handelskammer Hamburg freundlicherweise bereit, mich als ihren Repräsentanten in Sankt Petersburg und Kaliningrad einzustellen.

Die Handelskammer Hamburg eröffnete ihre Repräsentanz bereits im Jahre 1993 in St. Petersburg und ein Jahr später, 1994, in Kaliningrad. Vor mir gab es bereits zwei Repräsentanten der Handelskammer Hamburg. Ich selbst arbeite also fast 20 Jahre für die Handelskammer Hamburg. Das zwanzigjährige Jubiläum des Bestehens der Vertretung der Handelskammer Hamburg in Russland feierten wir allerdings 2013 in Sankt Petersburg. Wir entschlossen uns das zwanzigjährige Bestehen in Kaliningrad nur in einem kleineren Rahmen zu begehen. Das war im Jahr 2014.

In Kaliningrad vertraten wir die deutsche Auslandshandelskammer (AHK) seit 1998 und in Sankt Petersburg seit dem Jahre 2000. Seit 2011 bin ich Pensionär. Da sich die AHK entschloss, das Büro in Kaliningrad nicht weiterzuführen, bat mich die Handelskammer Hamburg, das Büro ehrenamtlich weiterzuführen, um hamburgischen und deutschen Unternehmern die Möglichkeit zu geben, sich wirtschaftlich im Kaliningrader Gebiet zu orientieren.

Als Vertretung der Handelskammer Hamburg und der AHK kümmerten wir uns um eine Reihe von deutschen Investitionen, die noch heute in Kaliningrad funktionieren.

Foto: Dr. Stephan Stein und Uwe Stieblich, deutscher Unternehmer aus Rostock in Kaliningrad

 

Es gibt rund 100 deutsche Unternehmen, vor allem kleine und mittelständische, die sich in diesen Jahren im Gebiet ansiedelten. Darunter sind auch große Namen, wie BMW.

 

Von 1998-2005 organisierten wir eine Annahmestelle für Visaanträge, die den Menschen in Kaliningrad das Reisen nach Deutschland erleichterten, weil sie ihre Anträge in unserem Büro abgeben konnten und die visierten Pässe von uns aus Moskau zurück erhielten. Als das Generalkonsulat in Kaliningrad eröffnete, beendeten wir diese Tätigkeit.

Foto: (Links) Dr. Stephan Stein, (3.v.r.) Dr. Guido Hertz, deutscher Generalkonsul 2006-2009, (2.v.r.) Georgi Boos, Gouverneur Kaliningrader Gebiet 2005-2010

 

All die vielen Jahre waren auch geprägt von der Absicht, die deutsch russischen Beziehungen zu verbessern, sie intensiver zu gestalten und dabei wirtschaftlichen Nutzen zu erhalten.

Als Pensionär lebe ich mit meiner Frau vorwiegend in Kaliningrad, habe einen verheirateten Sohn und zwei Enkeltöchter.

 
   

UN: Als Sie 1996 die Vertretung der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad übernahmen – was hatten Sie für Erwartungen, sowohl zur Entwicklung der Region, wie aber auch zum Engagement der deutschen Wirtschaft?

StS: Als ich 1996 die Vertretung unserer Handelskammer übernahm, konzentrierte ich mich auf die Arbeit in Sankt Petersburg. Allerdings muss ich sagen, dass meine Frau aus Kaliningrad kommt und dort auch nicht wegziehen möchte. Darum war ich sofort aus persönlichen Gründen mit Kaliningrad verbunden. Am Wochenende lebte ich in Kaliningrad und flog am Montag nach St. Petersburg, um am Freitag wieder zurück zu fliegen. Später richtete ich meine Arbeit so ein, dass ich drei Wochen in Sankt Petersburg und eine Woche im Monat in Kaliningrad arbeitete.

Man muss sagen, dass das Kaliningrader Gebiet ein relativ kleines Betätigungsfeld ist. Darum gelang es mir recht bald, die Elite der Region kennen zu lernen. Außerdem waren in der Zeit die politisch Verantwortlichen offen für Beziehungen ins Ausland. Ich war also ein Berater des Gouverneurs für die Beziehungen zu Deutschland. Viele Minister berieten sich über ihre Tätigkeit in Bezug auf ausländische Investitionen. Als 1998 BMW nach Kaliningrad kam, gehörte es zu meinen Aufgaben die Firma zu beraten, was meine Reputation bei den politisch Verantwortlichen erhöhte. Unsere Annahmestelle für Visa brachte uns Anerkennung bei der Bevölkerung. Deutschland, das war die Handelskammer Hamburg.

Mit dem deutschen Wirtschaftskreis, eine monatliche Versammlung von deutschen Unternehmern im Gebiet, fand ich eine gute Basis für Erfahrungsaustausch und Gewinnung von neuen Unternehmen vor.

Große Erwartungen hatte ich an das Gebiet nicht, denn es ist abgelegen vom russischen Mutterland, eifersüchtig beobachtet von Moskau, eine Region, die als Markt nur nachrangig wichtig ist. Die wirtschaftliche Musik spielt in Russland in Moskau. Um aber nach Moskau zu kommen, musste man zwei Grenzen überwinden, Litauen und Weißrussland, wofür es in der damaligen Zeit noch keine klaren Vereinbarungen gab. Ich erkannte, dass die Sonderwirtschaftszone nicht die erwarteten Ergebnisse brachte, teils aus Unfähigkeit, teils wegen fehlender Unterstützung aus Moskau und teils wegen Korruption. Ich war froh, dass es viele kleine und mittelständische deutsche Unternehmer gab, die sich im Gebiet engagierten. Noch heute reden wir gerne von der familiären Atmosphäre, die im deutschen Wirtschaftskreis herrschte.

Als Herr Putin Präsident wurde, veränderte sich die politische Lage sehr zu Gunsten des Verhältnisses zu Deutschland. Deutsche waren angesehen wegen ihrer Pünktlichkeit und Qualität in der Arbeit. Deutsche Waren wurden gerne gekauft.

UN: Kaliningrad hat seit Mitte der 90er Jahre versucht, einige Konzepte für eine erfolgreiche Regionalentwicklung umzusetzen. Das letzte, wohl doch nicht so erfolgreiche Konzept der Sonderwirtschaftszone läuft im April 2016 aus. Worin sehen Sie die Zukunft Kaliningrads? Ist Kaliningrad wirklich ein Produktionsstandort oder sollte man, unter Beachtung der geopolitischen Situation, Kaliningrad vielleicht doch mehr als Dienstleistungsstandort, Bildungsstandort, Finanzzentrum, Tourismusregion oder Konferenzzentrum entwickeln?

StS: Die Sonderwirtschaftszone wird im Jahre 2016 nicht auslaufen. Sie besteht weiter mindestens bis zum Jahre 2031. Es läuft das alte Modell der Sonderwirtschaftszone dem Ende entgegen, das Zollvergünstigungen mit sich brachte. Das aktuelle Modell der Sonderwirtschaftszone bietet bei einer Investition von ca. zwei Millionen Euro innerhalb von drei Jahren Steuervergünstigungen an. Es versteht sich von selbst, dass kleine und mittlere Unternehmen keine zwei Millionen in die Hand nehmen, um in Kaliningrad zu investieren. Darum habe ich öffentlich gesagt, dass dieses Modell keinen besonderen Nutzen für das Kaliningrader Gebiet bringen wird. Ich höre allerdings, dass man die Investitionssumme niedriger halten möchte. Nur, solange ich die Gesetzesänderung nicht schriftlich vor Augen habe, bleibe ich bei meiner Haltung. Die Sonderwirtschaftszone wird es also nur für ein paar große Unternehmen geben. Das wird in der besonderen Lage, in der sich das Kaliningrader Gebiet als Exklave befindet, keine große positive Wirkung haben.

Das alte Modell der Zollvergünstigungen wird im Frühjahr 2016 auslaufen. Bereits heute ist man besorgt, was mit den vielen Unternehmen geschieht, die auf der Grundlage dieses Modells ihre Geschäfte betreiben. Es gibt Gerüchte, dass man den Unternehmen mit Subventionen unter die Arme greifen möchte. Aber auch hier gibt es noch nichts Konkretes. Warten wir ab, was Moskau entscheidet. Sollte es allerdings keine Unterstützung für diese Unternehmen geben, ist zu erwarten, dass ein wirtschaftliches Desaster in Kaliningrad eintritt, mit vielen Pleiten und Arbeitslosen.

Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass die Moskauer Regierung ein solches wirtschaftliches Desaster ohne Gegenmaßnahmen geschehen lassen wird. Meine Erfahrung ist, dass Russland in solchen schwierigen Situationen sich irgendwie durchwurschtelt und zu einem annehmbaren Ergebnis kommt.

Wenn man genügend Strom, Gas und Wasser findet, kann man im Kaliningrader Gebiet jede wirtschaftliche Tätigkeit ausüben. Diese drei Faktoren sind ausschlaggebend, aber nicht immer vorhanden. Ansonsten sehe ich Kaliningrad für alle möglichen wirtschaftlichen Tätigkeiten offen. Die Lage des Gebiets, das von allen russischen Gebieten am weitesten westlich liegt, gibt auch die Möglichkeit es zum Bildungs- und Konferenzzentrum zu entwickeln. Im Tourismus hat man einiges getan. Die Infrastruktur ist besser geworden. Teilweise führt die kritische Haltung Russlands zu den baltischen Staaten dazu, dass man die Küstenorte von Kaliningrad als Konkurrenz ausbaut. Nach meiner Information sind die Tourismuszahlen nach oben gegangen. Schließlich hat das Kaliningrader Gebiet eine Monopolstellung gegenüber anderen russischen Regionen, was die Küste an der Ostsee betrifft. Wie die Kaliningrader sagen: Nur bei uns gibt es die offene Ostsee.

UN: Sie sind gesellschaftlich sehr aktiv in Kaliningrad tätig. So sind Sie auch der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Assoziation ausländischer Investoren, welche durch Ihre Initiative im Mai 2005 in Kaliningrad geschaffen wurde. Ich persönlich habe den Eindruck, dass so eine Organisation als „Dachorganisation“ für ausländische Investoren durchaus Sinn macht. Aber wäre eine rein deutsche Businessorganisation nicht zielführender? Ich persönlich nehme nun schon längere Zeit nicht mehr an der Arbeit der FIAS teil, sehe die schwindende Mitgliederzahl und sehe keinen direkten Nutzen dieser Organisation.

StS: Ja, ich engagiere mich gerne auch in gesellschaftlichen Fragen. Allerdings halte ich mich bei politischen Fragen zurück. Die Assoziation für ausländische Investoren (FIAS) wurde durch mich iniziiert. Später erfuhr ich, dass die Kaliningrader Regierung auch beabsichtigte, eine solche Organisation zu gründen, wohl, um sie kontrollieren zu können. Ich kam dem zuvor. Dadurch war es wirklich eine freie Organisation, in der sich Unternehmen aus verschiedenen Ländern der Welt zusammenfanden. Es ging vor allem darum, sich gegenseitig zu helfen und Erfahrungen auszutauschen. Ich will nicht sagen, dass die Assoziation heute völlig nutzlos sei. Es gibt aber einfach nicht genug ausländische Investoren, um die FIAS attraktiver und effektiver zu machen. Heute sitzen in den Versammlungen überwiegend russische Vertreter von Unternehmen mit ausländischem Kapital. Man spricht russisch, was manche Ausländer nicht sprechen. Das führt dazu, dass russische Mentalität sich in dieser Organisationen breitmacht. Das will ich nicht kritisieren, aber es ist eben keine ausländische Organisation mehr. Den Vorsitz für den Aufsichtsrat habe ich gerne übernommen, verstehe ihn aber eher als Anerkennung für die Tatsache, dass ich einmal die FIAS gründete.

Vor einigen Jahren stellte ich den deutschen Wirtschaftskreis ein, weil wir den Eindruck hatten, dass uns die Themen ausgingen und die Beteiligung nachließ. Der Wirtschaftskreis kostete Geld, das ich nicht unnütz ausgeben möchte. Wenn es aber den Wunsch gibt, den Wirtschaftskreis wiederzubeleben, bin ich gerne bereit, mich dafür zu engagieren.

UN: Die politische Situation hat sich seit Anfang 2014 sichtbar verschlechtert. Ich teile nicht den Optimismus offizieller Persönlichkeiten zum Stand Deutschlands und der deutschen Wirtschaft in Kaliningrad. Gerade für die letzten Monate möchte ich die Situation mit „Deutschland auf dem Rückzug“ überschreiben. Bitte sagen Sie mir und unseren Lesern, dass meine Einschätzung verkehrt ist.

StS: Der Vertreter des Außenministeriums der Russischen Föderation im Kaliningrader Gebiet sagte einmal anlässlich eines Empfangs des deutschen Generalkonsuls folgende Worte: Die deutsch-russischen Beziehungen existieren schon viele Jahrhunderte. Sie waren gut und sie waren schlecht, aber sie existierten. Sie werden auch in Zukunft existieren.

Das sind sehr weise Worte. Im übrigen waren die deutsch-russischen Beziehungen mehrheitlich gut und nur verhältnismäßig geringe Zeit schlecht. Darum kann man mir meinen Optimismus nicht nehmen.

Ansonsten meine ich, dass die persönlichen Beziehungen zwischen Russen und Deutschen nicht schlechter geworden sind. Ich habe keinen meiner russischen Freunde wegen der politischen Meinungsverschiedenheiten verloren. Wir können zwar nicht in allen Fragen einer Meinung sein. Daran soll aber unsere Freundschaft nicht zerbrechen.

Ein russischer Geschäftsmann erzählte mir, dass er sich mit einem deutschen Geschäftsmann in Berlin traf. Der Deutsche sagte ihm, dass die Meinungsverschiedenheiten große Politik seien, sich die Unternehmer beider Länder aber unter dem Tisch die Hand reichen. Es war schon immer so, dass die Wirtschaft der Vorreiter für die Entwicklung der partnerschaftlichen Beziehungen von Ländern ist.

Ich würde eher von einem Stillstand sprechen, als von einem Rückzug. Ich sehe nicht,  dass sich deutsche Investoren aus dem Land zurückziehen. Allerdings kommen auch im Moment nur wenige deutsche, um in Russland zu investieren. Ein Investor ist ein scheues Reh. Krieg und patriotische Trommeln führen nicht dazu, dass er das Risiko eingeht, in diesem Land sein Geld anzulegen.

UN: Vor kurzem hatten wir Gouverneurswahlen in Kaliningrad. Trotzdem sich der Gouverneur wenige Wochen vor der Wahl dahingehend geäußert hat, dass er eine fast ideale Regierungsmannschaft in fünf Jahren geformt hat, hat er nach seinem Wahlsieg die Regierung stark neu besetzt. Wie haben Sie die Qualität der alten Regierungsmannschaft empfunden und welche Erwartungen haben Sie an die neue Mannschaft.

StS: Ich habe mir abgewöhnt, über Politik öffentlich zu sprechen. Ich bin der Vertreter der Wirtschaft. Zu mir kommen Unternehmer, die ich nicht vorher frage, welcher Partei sie angehören. Ich will auch den Gouverneur und seine Mannschaft nicht bewerten. Es ist Sache der russischen Bevölkerung, ihre geeigneten Kandidaten zu wählen. Damit muss ich umgehen, ob ich zufrieden bin oder nicht.

Ich habe die Erwartung, dass sich die Regierung des Gebiets offen zeigt für ausländische Investoren und Rahmenbedingungen schafft, die es den Investoren erleichtert in das Gebiet zu kommen. Das ist eine Aufgabe, die der Regierung noch viel Mühe machen wird, denn Korruption und Intransparenz des Marktes sind nach wie vor die größten Schwierigkeiten für ausländische Investoren.

UN: Wie real schätzen Sie mögliche einseitige Visaerleichterungen seitens Russland ein? Gesprochen wird über einen 72-Stunden visafreien Aufenthalt in Kaliningrad als ersten Schritt. Könnte dieser, wenn er denn kommt, für Kaliningrad und Deutschland eine spürbare Entwicklung bringen – also sowohl für das Unternehmertum, wie auch im touristischen Bereich?

StS: Diese Frage müssten Sie eigentlich dem Generalkonsul stellen. Nach meiner Kenntnis geht die russische Seite immer nach dem Prinzip der Reziprozität vor. Gerade hat die russische Regierung die Entscheidung gefällt, das 72 Stunden Visum für Kaliningrad zum Jahresende auslaufen zu lassen. Darum erübrigt sich zunächst die Frage, ob wir über die Visa eine Verbesserung der Reisemöglichkeiten in das Gebiet erreichen. Ich glaube kurzfristig nicht daran. Hinzu kommt, dass bei unseren jungen Menschen Russland ein solches schlechtes Image hat, dass ich nicht erwarte, dass die Tourismuszahlen aus Deutschland spürbar besser werden.

Schauen wir auf unsere polnischen Nachbarn. Mit ihnen gibt es den kleinen Grenzverkehr. Er führt aber kaum zu einem höheren Aufkommen von Touristen. Es kommen praktisch nur die Grenzgänger, die in Russland billig tanken und das Benzin in Polen verkaufen.

Eine andere Sache wird das Visaverfahren während der Fußballweltmeisterschaft 2018 sein. Hier hat Russland das Interesse, schnell und möglichst viele Zuschauer in die Stadien zu bekommen. Davon wird Kaliningrad profitieren. Ich rechne damit, dass es hierfür auf russischer Seite Vereinfachungen bei der Visavergabe geben wird.

Foto: Begrüßung zwischen Generalkonsul Dr. Michael Banzhaf (l.) und Dr. Stephan Stein zum Oktoberfest 2015 in Kaliningrad

 

UN: Kaliningrad ist eine Stadt und eine Region mit großem Entwicklungspotenzial. Ein deutscher Unternehmer kann gegenwärtig immer noch problemlos seine Nische finden. Ich glaube, dass die Deutschen einfach nur nicht richtig über die Möglichkeiten informiert sind. Nun hat Kaliningrad mit einer ganzen Reihe von deutschen Städten eine Partnerschaft. Thüringen als Freistaat war relativ häufig mit Delegationen in Kaliningrad. Getan hat sich nichts. Ich glaube, dass all diese Partnerschaften und Delegationsbesuche einfach nur „Polit-Tourismus“ sind. Habe ich Recht?

StS: Besonders in der jetzigen politischen Situation halte ich jeden Kontakt mit unseren russischen Partnern für wertvoll. Das gilt für die politischen Delegationen, aber auch für Schüleraustausche, Studentenbesuche und persönliche Treffen. Wenn wir uns nicht weiter entzweien wollen, helfen Gespräche, uns gegenseitig besser zu verstehen. Wir müssen vermeiden, dass nur unsere Ansicht, nur unsere moralischen Werte, nur unsere Auffassung über das Funktionieren von Gesellschaft Gültigkeit hat. Russen zu verstehen bedeutet nicht nur, ihre Musik zu lieben. Man muss sich auch mit ihrer Philosophie, ihren Werten und ihrem Verhalten auseinandersetzen. Das gilt natürlich auch für die andere Seite, für das Verständnis von Deutschland.

Die Medien haben auf beiden Seiten diese Möglichkeit oft verbaut. Sie geben nur einen Teil der Wahrheit wieder, was nur das Unverständnis für die andere Seite fördert.

Ich will aber auch unterstreichen, dass einige Bundesländer sich besonders um das Kaliningrader Gebiet kümmern. Das sind Schleswig-Holstein, Thüringen und Hamburg. Man muss nicht erwarten, dass nach einem Besuch einer politischen Delegation sofort die Investoren vor der Tür stehen. Über Investitionen entscheiden die Unternehmen selbst, nicht die Politiker. Wenn man aber die Kontakte abbricht, wird gar nichts mehr passieren.

Foto: Dr. Stephan Stein im engen Kontakt mit den Medien

 

UN: Kaliningrad gehört zu den Ausrichterstädten der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Vier Gruppenspiele sollen ausgetragen werden. Aber jede Woche liest man neue Probleme im Zusammenhang mit dem Stadionbau, gefolgt von sofortigen beruhigenden Worten der Verantwortlichen. Ich habe ein ungutes Gefühl. Teilen Sie meine Befürchtungen oder glauben sie an die erfolgreiche Umsetzung des „Lego“-Projekts – pünktlich bis zum Beginn des ersten Spiels?

StS: Ich habe schon viele Male vor unbearbeiteten Feldern gestanden, wo mir russische Partner erklärten, dass hier morgen ein Hafen entsteht oder ein anderes großes Infrastrukturprojekt. Ich brachte deutsche Experten mit, um zu beurteilen in wie weit deutsche Investoren für solche Projekte gewonnen werden können. Die Experten erklärten, dass an dieser Stelle niemals ein Hafen entstehen könnte, weil dieses und jenes nicht vorhanden ist. Sie hatten immer Unrecht. An der Stelle entstand der Hafen. Wenn die Russen etwas wollen, wird es realisiert. Das ist anders als in Deutschland. In Deutschland hat man zu kämpfen mit tausend Einwänden und Gerichtsverfahren. Das gibt es in Russland nicht, ob man das gut findet oder nicht. Ich bin davon überzeugt, dass die Fußballarena zur rechten Zeit bespielbar ist.

UN: Sie leben mit Ihrer Familie ständig in Kaliningrad, sind also täglich konfrontiert mit der russischen/Kaliningrader Realität. Sind Sie als Deutscher zufrieden mit dem Lebensniveau, müssen Sie hungern oder dursten, spüren Sie irgendwelche persönlichen Dinge, die sie an einem angenehmen Leben in der geographisch westlichsten Region Russlands hindern?

StS: Danke, ich lebe gut in Kaliningrad. Ich habe eine harmonische Familie und bin zum Glück gesund genug, um in Kaliningrad zufrieden zu leben. In letzter Zeit konzentriere ich mich wegen der russischen Sanktionen mehr auf den Einkauf von heimischen Lebensmitteln, die nicht schlecht sind. Wenn mir der französische Käse fehlt, fahre ich nach Danzig und kaufe ihn dort ein. Das gilt auch für eine schöne Flasche Wein. Danzig ist nur 3 Stunden Fahrzeit entfernt und außerdem eine schöne Stadt.

Natürlich gefällt mir nicht alles in Kaliningrad. es gibt zu viel Wildwuchs, kein einheitliches architektonisches Konzept. Für die Straßen braucht man große Autoreifen, damit man nicht in den Schlaglöchern verschwindet. Als Fußgänger wünscht man sich bessere Fußwege und darüber hinaus bessere Voraussetzungen für die Fahrradfahrer.

Die Vorteile des Kaliningrader Gebietes sind die Natur und das Meer. Das genieße ich mit meiner Familie.

Als passionierter Golfspieler fehlt mir im Gebiet ein Golfplatz. Dazu fahre ich ebenfalls nach Polen oder nach Litauen, wenn ich die Zeit dafür finde. Zum Glück ist alles nahe beisammen.

Das waren unsere zehn Fragen und das waren Ihre zehn Antworten. Vielen Dank Dr. Stein für Ihre Bereitschaft mit unserem Informationsportal zusammenzuarbeiten und viel Erfolg Ihnen und uns bei der weiteren Gestaltung unseres Aufenthaltes in Kaliningrad.

Am nächsten Sonntag stellen wir Ihnen Wolfgang Sauer vor, ein Deutscher der seit 2006 in Kaliningrad lebt und dort den „Trefftisch Deutschsprachiger“ organisiert.

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