Kaliningrad-Domizil

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Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

So, 29 Nov 2015 Deutsche und Deutsches


Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

Kaliningrad-Domizil sucht das Gespräch mit engagierten Deutschen in Kaliningrad. Gesprächspartner sind Deutsche, die irgendeinen Bezug zu Kaliningrad haben – Unternehmer, Privatpersonen, Touristen, Diplomaten.

Der Kaliningrad-Bezug kann darin bestehen, dass unser Interviewpartner in Kaliningrad lebt und hier einer wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Tätigkeit, lang- oder kurzfristig nachgeht. Aber wir sprechen auch mit Deutschen, die von Deutschland aus wirtschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Kontakte in unsere Region unterhalten.  Und natürlich werden wir das zufällige Gespräch suchen mit Deutschen, die wir auf der Straße oder im „Zötler“, dem „Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad“ begegnen.

Wir möchten wissen, woher bei unseren Gesprächspartnern das Interesse an Kaliningrad kommt, was sie bindet, was sie mehr und weniger begeistert.

In der heutigen, nicht ganz einfachen Zeit sind – unserer Meinung nach – Informationen aus dem ganz normalen täglichen privaten oder geschäftlichen Leben im Zusammenhang mit Russland/Kaliningrad sicher für viele von Interesse.

Unser heutiger Gesprächspartner ist Steffen Hauschild, ein Deutscher der vor wenigen Monaten zu uns nach Kaliningrad gekommen ist um hier, entsprechend seiner fachlichen Ausbildung als Landwirt, eine neue unternehmerische Zukunft in Kaliningrad zu finden.

Herr Hauschild, Sie  sind ein junger Landwirt aus Deutschland. Normalerweise wollen junge Leute nach New York, London oder Paris oder wenn es schon Richtung Osten geht, dann nach Moskau oder St. Petersburg. Sie haben sich eine der kleinsten Regionen der Russischen Föderation für Ihr Start-Up ausgesucht. Das macht neugierig zu den Gründen. Wir kennen uns vom Trefftisch der Deutschsprachigen in Kaliningrad und wir bemerken, dass die „Diaspora“ der deutschen Landwirte am wachsen ist. Irgendetwas Anziehendes muss Kaliningrad also haben. Starten wir nun mit unseren neugierigen Fragen.

Uwe Niemeier (UN): Wann sind Sie nach Kaliningrad gekommen, wie haben Sie dieses Gebiet für sich entdeckt und wie sah Ihr Leben vor der Anreise nach Kaliningrad aus?

Steffen Hauschild (SH): Ich habe im September 2014 mein Studium der Agrarwissenschaften in Kiel beendet und danach zum Schnuppern ca. drei Monate in einem landwirtschaftlichen Beratungsbüro gearbeitet, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich wäre dort auch fest angefangen, aber dann kam das verlockende Angebot, als Landwirt nach Kaliningrad zu gehen. Ein solches Projekt, also den Aufbau eines landwirtschaftlichen Betriebes im Ausland, hat mich schon immer gereizt. Ich war bereits 2012 in Lettland, ein Engagement dort hatte sich allerdings aus verschiedenen Gründen nicht ergeben. Das Ganze war also keine fixe Idee von mir.

UN: Als Sie nach Kaliningrad kamen haben Sie sich sicher vorher über das Gebiet informiert. Haben sich die Informationen bestätigt oder haben Sie andere Wahrheiten in Kaliningrad vorgefunden?

SH: Kaliningrad ist nun einmal Russland. Und jeder Deutsche, der noch nie hier war, hegt, gefördert durch Medien und die allgemeine Meinung,  seine Vorurteile gegenüber Russland – insbesondere in diesen politisch etwas schwierigen Zeiten. Diese Vorurteile haben sich mit meinen ersten „Schnupperbesuchen“ allerdings schon entkräftet und spätestens jetzt, nach einem halben Jahr beruflicher Tätigkeit hier vor Ort, kann ich nur jedem ohne Umschweife sagen: Hier lässt sich nicht nur gut Landwirtschaft betreiben, es lässt sich hier genauso gut leben!

UN: Die Landwirtschaft in Kaliningrad ist viele Jahre stark vernachlässigt worden. Sie selber haben sicher keinen idealen Zustand der landwirtschaftlichen Flächen vorgefunden. Wie lange werden Sie brauchen – vom ersten Spatenstich bis zur ersten wirklich guten Ernte. Erzählen Sie ein wenig über ihren „ersten Eindruck“.

SH: Vorweg: Ich bin in einen laufenden Betrieb eingestiegen. Das heißt, es war bereits ein großer Fundus an kultivierten Flächen vorhanden. Von meinem jetzigen Standpunkt sage ich, es ist möglich, die jahrelang unberührten Flächen in 2-3 Jahren in einen adäquaten Zustand zu bringen. Probleme dabei sind teilweise Büsche und Bäume im Vorfelde der Bearbeitung und weiterhin Dinge, die die Feldarbeit auch in den Folgejahren erschweren. Das betrifft in erster Linie Steine und weiteren Unrat auf den Flächen. Platte Reifen an den Schleppern durch Metallteile oder spitze Steine sind bei uns fast an der Tagesordnung. Auch die Unebenheit der Flächen ist ein Problem.

Ausgenommen von diesem Zeitplan ist der Zustand der Meliorationsanlagen, deren Zustand weder ich noch meine Partner, aufgrund zweier ungewöhnlich trockener Jahre, noch nicht abschließend beurteilen können.

Generell ist das landwirtschaftliche Potential hier riesig. Ostpreußen war nicht ohne Grund die „Kornkammer“ des deutschen Reiches. Dass der Oblast Kaliningrad irgendwann die Kornkammer der Russischen Föderation darstellt ist, angesichts der Größe Russlands, utopisch. Aber wir Landwirte wollen natürlich zum Wohlstand Kaliningrads beitragen.

Foto: Steffen Hauschild – „Neubauer“ im Kaliningrader Gebiet

 

UN: Wie haben Sie Ihren Aufenthalt in Kaliningrad organisiert? Haben Sie ein Visum, eine Arbeitsgenehmigung, vielleicht sogar schon eine Aufenthaltsgenehmigung? Wo wohnen Sie und wie sind Sie bisher mit den Behörden bei der Organisation ihres Aufenthaltes klar gekommen?

SH: Ich habe mittlerweile eine Arbeitsgenehmigung und Aufenthaltsgenehmigung, bin also auch „offiziell“ ausgewandert. Die Bürokratie dahinter war meiner Meinung nach relativ  unkompliziert, da es eine Sonderregelung für Fachkräfte gibt, die für mich greift. Generell sind die Leute auf den Ämtern und Behörden sehr hilfsbereit.
Ich lebe in einer Wohnung in der Vorstadt von Kaliningrad, aus dem einfachen Grund, dass ich in der Nähe der Betriebsstätte noch nichts Passendes gefunden habe. Mittelfristig wird es mich dann raus aufs Land ziehen.

Foto: … auf dem Weg nach Neu-Königsberg. Steffen Hauschild sucht landwirtschaftliche Perspektive im Kaliningrader Gebiet

 

UN: Hoffen Sie bei der Organisation ihrer Landwirtschaft auf staatliche Unterstützungen aus regionalen und föderalen Haushaltstöpfen oder finanzieren Sie den Aufbau Ihres Betriebes völlig aus eigener Tasche? Was glauben Sie, wann werden Sie den wirklich ersten echten Gewinn-Rubel in der Tasche haben?

SH: Die Landwirtschaft und ihr Fortschritt stehen auf der Agenda der russischen Politik meiner Einschätzung nach sehr weit oben. Auf eine Unterstützung durch den Staat muss man nicht hoffen, man bekommt sie. Beispielsweise gibt es Einmalzahlungen für das Urbarmachen von Brachflächen und  regelmäßige Zuschüsse, ähnlich den aus der EU bekannten Flächenprämien, auch wenn diese natürlich nur einen Bruchteil betragen.

Eine sehr große Hilfe sind zudem  die politischen Akteure, die für den Bereich Landwirtschaft zuständig sind. Unser erster Ansprechpartner ist dabei der Leiter des Landwirtschaftsamtes auf Rayon-Ebene, der bei Fragen und Problemen immer sein Möglichstes tut. Das Vergnügen den neuen Landwirtschaftsminister für den Oblast Kaliningrad kennenzulernen hatte ich noch nicht, mit seinem Vorgänger pflegte unser Betrieb aber ein sehr gutes Verhältnis.

Ein großes Problem ist die fehlende Möglichkeit, sich fremd zu finanzieren und wenn doch die Möglichkeit besteht, dann zu horrenden Zinsen. Gängige Finanzierungsmodelle wie das Leasing von Maschinen stellen sich hier sehr schwierig dar und die Banken sind bei jungen Unternehmen auch sehr verhalten. Dieser Sachverhalt stellt in einer kapitalintensiven Branche wie der Landwirtschaft eine große Hürde dar.   

UN: Sie sprechen kein Russisch, wenn ich dies richtig in Erinnerung habe. Wie kommen Sie da in Kaliningrad klar, wie klären Sie ohne Sprachkenntnisse Probleme mit den Behörden, wie können Ihre russischen Mitarbeiter verstehen was Sie wollen und sie sollen?

SH:  Ich habe einen einwöchigen Kurs in einer Sprachschule absolviert, ein kleiner Grundstock an Vokabeln ist also vorhanden. Dazu schnappt man natürlich jede Menge im Alltag auf. Einfache Dinge kann ich unseren Angestellten bereits erklären und für ein bisschen Smalltalk reicht es auch schon. Ich muss aber definitiv weiter an meinen Sprachkenntnissen arbeiten, weil es viele Dinge sehr erleichtert. Sobald es draußen ruhiger wird, werde ich wieder die Schulbank drücken und mit dem Kurs weiter machen. Ein weiterer Punkt in diesem Zusammenhang ist das Schlagwort der Integration: Ich bin Gast in diesem Land und sollte mich bemühen, mich den hiesigen Gegebenheiten anzupassen und dazu gehört eben auch die Sprache. Die Kommunikation erfolgt  sonst in erster Linie über Dolmetscher, was gut funktioniert. Und natürlich sprechen auch einige Leute im Geschäftsleben Englisch, was für mich auch kein Problem ist.

UN: Sie sind ein junger Mann. Was machen Sie in Ihrer Freizeit in Kaliningrad? Kino, Disco, Theater, gepflegte Gespräche, Gaststätten oder Weiterbildung? Haben Sie schon einen russischen Bekanntenkreis? Wie weit würden Sie sich schon als „adaptiert“ bezeichnen?

SH: Ich denke bis man komplett „adaptiert“ ist, dauert es seine Zeit. Mein Bekanntenkreis setzt sich zurzeit vor allem aus Besuchern des wöchentlich stattfindenden Trefftisches Deutschsprachiger zusammen, also aus anderen Deutschen und deutschsprachigen Russen. Natürlich geht man da als junger Mann auch mal feiern. Das Nachtleben in Kaliningrad ist definitiv nicht zu verachten.

Außerdem habe ich eine junge Frau kennengelernt, die sich seit einigen Monaten meine Freundin nennt. Das Erleichtert die Integration natürlich auch ungemein.

Foto: Es lässt sich auch leben in Kaliningrad …

 

UN: Wenn Sie ein anderer Deutscher ansprechen würde und Sie zu Möglichkeiten in Kaliningrad fragen würde, was würden Sie ihm empfehlen – außer einem Engagement in der Landwirtschaft?

SH: Ich würde – ein bisschen Pioniergeist vorausgesetzt – definitiv dazu raten. Ich erlebe Kaliningrad als eine Stadt im Prozess. Mit einer gut umgesetzten Geschäftsidee sollte es sich hier definitiv Fuß fassen lassen. Ich selbst erwische mich immer wieder dabei, wie ich durch die Stadt fahre und mich frage, was fehlt hier, was könnte man anpacken? „Leider“ bin ich durch die Landwirtschaft schon komplett ausgelastet, denn an Ideen, die mich definitiv reizen würden, mangelt es nicht.

UN: Kaliningrad gehört zu den Ausrichterstädten der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Sie verfolgen sicher die immer wieder veröffentlichten Meldungen zu den Verzögerungen beim Stadionbau. Was glauben Sie, werden wir rechtzeitig fertig oder wird Kaliningrad eventuell die Weltmeisterschaft doch wieder entzogen? Sind Sie überhaupt Fußball-Fan?

SH: Ich bin großer Fußballfan und stand zu Studienzeiten häufig bei Holstein Kiel oder beim HSV auf der Tribüne. Inwiefern der Stadionbau voranschreitet, mag ich nicht zu beurteilen, da jeder etwas anderes sagt. Dass etwas passiert, konnten wir in der Ernte merken. Es haben uns  nämlich einige Spediteure für den Weizentransport abgesagt, weil viele Sand für den Stadionbau transportieren.

Generell wäre die WM extrem wichtig für Kaliningrad, als Wirtschaftsfaktor und auch um in den öffentlichen Fokus zu rücken. Und ich hätte natürlich auch gerne eine WM vor der Haustür. Von daher drücke ich die Daumen.

UN: Vor kurzem hat Stefan Hipp ein Interview gegeben und erklärt, dass er Überlegungen anstellt, sein Kaliningrader Werk zu schließen. Aufgrund der Sanktionen fehlt es an hochwertigen landwirtschaftlichen Qualitätserzeugnissen für die Weiterverarbeitung in Kaliningrad. Wie sehen Sie das Problem – haben wir niemanden in Kaliningrad, der sich mit dieser Marktlücke beschäftigen könnte? Wäre dies nicht eine Möglichkeit für Sie?

SH: Soweit ich weiß, fordert Hipp ausschließlich Erzeugnisse aus ökologischem Anbau, was ich somit für uns ausschließen kann. Generell halte ich den Ökolandbau für eine sehr fragwürdige Angelegenheit und sogar für ethisch verwerflich aus reiner Ideologie heraus weniger Erzeugnis – sei es pflanzlich oder tierisch – aus einer Produktionseinheit zu erhalten. Ob es für organische Erzeugnisse überhaupt einen Markt in Russland gibt, mag ich wiederum nicht zu beurteilen. Ich würde aber behaupten, dass die erhöhte Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln ein Wohlstands-Phänomen aus Deutschland ist, das hier noch nicht angekommen sein dürfte.  Hochwertige landwirtschaftliche Qualitätserzeugnisse, so wie sie Herr Hipp fordert, sind jedenfalls keine Frage der Produktionsweise!

Foto: Momentaufnahmen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb in Kaliningrad

 

Zehn Fragen von uns – zehn Antworten von Ihnen. Vielen Dank Herr Hauschild für Ihre Bereitschaft auf unsere Fragen zu antworten. Die Landwirtschaft steht gegenwärtig stark im Zentrum des Interesses, auch bei unseren deutschen Lesern. Wir erhalten fast jede Woche Anfragen von Deutschen, die sich für dieses Thema interessieren. Sie sollten sich also vorbereiten, auf einige Fragen weitere Antworten zu geben.

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   Kommentare ( 1 )

kgd .ru Veröffentlicht: 29. November 2015 00:58:58

Gratuliere und wünsche alles Gute in Kaliningrad!

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