Kaliningrad-Domizil

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Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

So, 06 Dez 2015 Deutsche und Deutsches


Zehn Fragen – Zehn Antworten – Deutsche in und um Kaliningrad

Kaliningrad-Domizil sucht das Gespräch mit engagierten Deutschen in Kaliningrad. Gesprächspartner sind Deutsche, die irgendeinen Bezug zu Kaliningrad haben – Unternehmer, Privatpersonen, Touristen, Diplomaten.

Der Kaliningrad-Bezug kann darin bestehen, dass unser Interviewpartner in Kaliningrad lebt und hier einer wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Tätigkeit, lang- oder kurzfristig nachgeht. Aber wir sprechen auch mit Deutschen, die von Deutschland aus wirtschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Kontakte in unsere Region unterhalten.  Und natürlich werden wir das zufällige Gespräch suchen mit Deutschen, die wir auf der Straße oder im „Zötler“, dem „Trefftisch Deutschsprachiger in Kaliningrad“ begegnen.

Wir möchten wissen, woher bei unseren Gesprächspartnern das Interesse an Kaliningrad kommt, was sie bindet, was sie mehr und weniger begeistert.

In der heutigen, nicht ganz einfachen Zeit sind – unserer Meinung nach – Informationen aus dem ganz normalen täglichen privaten oder geschäftlichen Leben im Zusammenhang mit Russland/Kaliningrad sicher für viele von Interesse.

Unser heutiger Gesprächspartner ist Christine Hieber, Ausbildungsoffizier auf dem Kaliningrader Großsegler und Ausbildungsschiff „Kruzenshtern“.  

Frau Hieber, wir kennen uns nun auch schon eine ganze Zeit. Unsere Bekanntschaft, wenn ich mich nicht irre, rührt vom „Trefftisch Deutschsprachiger“ im „Zötler“ her. Vor zwei Jahren lag die „Kruzenshtern“ im Kaliningrader Hafen vor Anker und Sie luden mich zu einer Besichtigung am „Tag der offenen Tür“ ein, das Schiff und ihren Arbeitsbereich zu besichtigen. So lernte ich ein wenig Ihre Welt auf den „schwankenden Brettern, die die Welt bedeuten“ kennen. Beeindruckt war ich, mit wie wenig Luxus, mit wie wenig Platz man auf so einem Schiff auskommen muss – meist über viele Monate. Und Sie sind, als im Freistaat Bayern Gebürtige, nun schon einige Jahre auf diesem Schiff. Ich glaube, mit der bisherigen Einführung – eine Deutsche aus Bayern auf einem russischen Ausbildungsschiff -  habe ich die Neugier aller unserer Leser geweckt und wir wollen nun gleich mit den Fragen einsteigen, um die Spannung nicht ins Unerträgliche zu steigern.

Uwe Niemeier (UN): Fangen wir wie immer damit an, dass Sie sich kurz unseren Lesern vorstellen, ein wenig aus Ihrem Lebenslauf erzählen, welchen Beruf Sie erlernt haben und wie es Sie überhaupt nach Kaliningrad verschlagen hat und nicht in die Hafenstadt St. Petersburg, Wladiwostok oder Murmansk.

Christine Hieber (ChH):  Schon als Kind haben mich die großen Segelschiffe fasziniert. Zum Erstaunen meiner Umgebung… Ich baute Modelle, um so ein Wunderwerk im Zimmer stehen zu haben, fing an, mich mit der Geschichte und Technik dieser Schiffe zu beschäftigen. Nach dem Umzug in die schwedische Hafenstadt Göteborg studierte ich dann folgerichtig Verkehrsfachwirt und arbeitete bei einer Spedition/Fährreederei. Näher an die See zu kommen, war damals Anfang der 1980er Jahre – ohne Internet usw. – und noch dazu als Frau, fast nicht möglich. Nach den Umbrüchen der 1990er Jahre eröffnete sich die Möglichkeit, als Trainee/Passagier auf den russischen Großseglern mitzufahren. Da musste ich hin!!! Denn einer davon ist die „Kruzenshtern“, die 1926 in Bremerhaven unter dem Namen „Padua“ als letzter frachtfahrender Großsegler ohne Hilfsmaschine für die legendäre Reederei Laeisz gebaut worden war. 2001 klappte es dann mit der Reise.

Meine neuen Freunde aus der Besatzung luden mich nach Kaliningrad ein und im nächsten Sommer fuhr ich hin. Damals, 2002, sah die Stadt noch ganz anders aus als heute, aber mir gefiel es. Also fuhr ich wieder hin, und wieder, bis schließlich irgendwann meine kleinen grauen Zellen anfingen zu arbeiten. Warum nicht hinziehen? Versuchen, bei der Staatlichen Baltischen Akademie der Fischereiflotte, dem Eigner der „Kruzenshtern“, eine Stelle zu bekommen und von da aufs Schiff? Also machte ich noch Abschlüsse in Englisch und Pädagogik und zog dann im Sommer 2007 um. Und siehe da – im Frühjahr 2008 klappte es – die Akademie lud mich ein, Englisch zu unterrichten, zuerst als Vertretung, dann fest angestellt. Im August 2011 erfüllte sich mein Lebenstraum – ich machte meine erste Reise als Ausbildungsoffizier auf der „Kruzenshtern“.

UN: Welche genaue Funktion haben Sie auf dem Schiff und wie lange üben Sie diese Tätigkeit schon aus? Gibt es irgendwelche Schwierigkeiten als Frau und als Ausländerin sich auf so einem Schiff durchzusetzen? Wie groß ist eigentlich die Stammbesatzung des Schulungsschiffs und wie viele „Kursanten“ wie in Russland die Studenten heißen, bilden Sie im Jahr aus?

ChH: Tja, wie gesagt, seit Sommer 2011 bin ich auf dem Schiff, habe 2012 zwei der drei Reisen und seit dem immer alle Reisen mitgemacht. Die „Kruzenshtern“ hat ca. 64 Leute Stammbesatzung und 120 bis 140 Kadetten. So werden die Studenten an Bord genannt - also nicht Kursanten, wie Sie sie bezeichnet haben - die auf der „Kruzenshtern“ ihr erstes See-Praktikum absolvieren. Die wechseln nach jeder Reise, also ca. nach 3 Monaten. Pro Jahr haben wir also ungefähr 350 bis 400 Kadetten an Bord. Unter der Besatzung sind meistens so um die zehn Frauen. Sich durchzusetzen, auch in einem Männerkollektiv, das habe ich in den 25 Jahren bei Reedereien und Speditionen gelernt. Außerdem, wenn die Kollegen merken, dass man seine Arbeit beherrscht, dann ist das in der Regel sowieso kein Problem. Schwieriger war es mit meinen damals noch ziemlich schlechten Russisch-Kenntnissen – das hätte ohne das Verständnis und die stete Hilfsbereitschaft meiner KollegInnen nicht funktioniert, denn die Bordsprache auf der „Kruzenshtern“ ist natürlich Russisch.

UN: Wie sieht Ihr Arbeitstag auf dem Schiff unter normalen Bedingungen aus? Wie oft und wie lange sind Sie mit dem Schiff unterwegs und wie halten Sie Kontakt zu Kaliningrad oder zu Deutschland?  Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit an Bord?

ChH: Der Arbeitstag auf dem Schiff ist fest geregelt. Für alle außer die ‚Wachgänger‘ (Steuerleute und Maschinenwachen) gilt, wenn das Schiff auf See ist, folgendes: – 07.00 Uhr Wecken, 8.30 Uhr Frühstück, 8.30 – 11.30 Uhr Arbeiten, 11.30 – 13.00 Uhr Mittagessen und Pause, 13.00 – 15.30 Uhr Arbeiten, 15.30 – 16.30 Tee und Pause, 16.30 bis ca. 18.00 Uhr Arbeiten, 19.30 Uhr Abendessen, 23.00 Uhr Licht aus.

Arbeit, Freizeit und Schlaf können aber jederzeit durch Segelmanöver unterbrochen werden. Dann heißt es „Alle Mann an Deck!“ – bei jedem Wetter. Unsere Freizeit verbringen wir mit Plaudern, Lesen, Schlafen… Manche haben einen Fernseher in der Kammer, ich nicht. Mir reichen die Schiffsbibliothek und –videothek. Dafür schreibe und fotografiere ich viel und mache daraus mit einer speziellen Software Fotobücher für meine Familie. Neuerdings habe ich ein altes Hobby wieder entdeckt – das Stricken von Pullovern nach alten Mustern aus Island, von den Färöer-Inseln und Skandinavien.

Das Schiff ist in der Regel von Februar/März bis November unterwegs, nach 2-4 Monaten werden die Kadetten gewechselt, entweder in Kaliningrad oder in einem anderen Hafen. Auf jeder Reise läuft die „Kruzenshtern“ einen oder, meistens, mehrere Häfen an – in Europa, Nordafrika, Nordamerika… Dann gehen wir an Land, suchen ein Seemannsheim oder Café mit WiFi und telefonieren über Skype oder mit örtlichen SIM-Cards mit Familie und Freunden oder schreiben/lesen e-Mails.

Fotomontage: Auf hoher See – Christine Hieber, Ausbildungsoffizier auf der „Kruzenshtern“

 

UN: Wenn Sie in Kaliningrad sind, wohnen Sie sicherlich „irgendwo“. Wie sind Sie in Kaliningrad untergekommen? Haben Sie eine Wohnung oder gibt es Seemannsheime? Wie beurteilen Sie das Wohnniveau in Kaliningrad? Haben Sie Kontakt zu Ihren Nachbarn, haben Sie einen russischen Bekanntenkreis?

ChH:  Ja, klar – ich habe schon vor Jahren eine kleine Wohnung gekauft, in einer ‚Chrushtshovka‘ aus den 1960er Jahren, wie es sich gehört, wenn man in Russland wohnt. Ich liebe meine ‚Chrushtshovka‘ – 31,8 m2, ein Zimmer, Küche, Bad, Balkon – das reicht vollkommen! Wenn ich nach 8 oder 9 Monaten in der 6 m2-Kammer auf dem Schiff nach Hause komme, wundere ich mich jedes Mal wieder über das ganze Zeug, das man im Laufe des Lebens so ansammelt. Die kleine Wohnung hat viele Vorteile: niedrige Kosten, wenig Arbeit mit Putzen – genial!

Das Wohnniveau in Kaliningrad hängt stark von Alter und Einkommen ab – viele Pensionäre wohnen noch in alten, unrenovierten Wohnungen. Insgesamt hat sich die Situation jedoch in den letzten 10 Jahren stark verbessert. In Kaliningrad wurden viele Häuser saniert und es sind ganze Stadtviertel neu entstanden, mit Wohnungen, die mindestens genauso gut ausgestattet sind wie in Deutschland, Frankreich, England…

In unserem Haus haben wir sehr nette Leute und guten Kontakt mit den Nachbarn. Außerdem habe ich natürlich russische und deutsche Freunde in Kaliningrad. 100 Freunde sind besser als 100 Rubel, sagt man in Russland. Ein wahres Wort!

UN: Wie üblich bei all unseren Interviews stellen wir die Frage nach den russischen Sprachkenntnissen. Wie sieht es da bei Ihnen aus? Sprechen Sie Russisch und wenn ja, wo haben Sie Russisch gelernt? In welcher Sprache vermitteln Sie Ihr Wissen an die Kadetten auf der „Kruzenshtern“? Gab es irgendwann einmal ein lustiges oder peinliches Erlebnis im Zusammenhang mit nicht ausreichenden russischen Sprachkenntnissen?

ChH: Klar spreche ich Russisch, mittlerweile ganz gut, obwohl die Sprache zu den schwierigsten Fremdsprachen zählt, genau wie Deutsch auch. Man sagt nicht umsonst, dass es im Englischen für jedes Wort 100 Bedeutungen gibt und im Russischen 100 Worte für jede Bedeutung. Das hat seine Tücken, genau wie ‚Instrumental‘ und ‚Präpositiv‘… Mein Wortschatz ist allerdings für ‚Landeier‘ etwas merkwürdig – so Sachen wie ‚фок-мачта’ und ‚грот-стень-стаксель-нираль‘ (Fockmast und Großstengestagsegelniederholer) konnte ich schon nach meiner ersten Reise im Jahr 2001, als ich noch lange nicht wusste, was „Einen Laib Brot, bitte!“ heißt. Die kyrillische Schrift habe ich mir selbst beigebracht. Es ist viel einfacher, als die meisten Leute denken. Richtig gelernt habe ich die Sprache aber zuerst in der Sprachschule Privet! in Kaliningrad und danach von meinen Studenten, Kadetten, Kollegen und Freunden. Meine Experimente mit russischen Worten und Grammatik sorgen immer mal wieder für Erheiterung bei Kollegen und Freunden. Ich weiß halt manchmal nicht, welche Worte und Redewendungen sich nur für alte Seebären ziemen und nicht für mittelalte Damen. Dumm gelaufen… Dann lachen wir gemeinsam und ich habe wieder etwas neues gelernt. Ohne Sprachkenntnisse kann man meines Erachtens in einem Land nicht leben. Es wäre auch ziemlich langweilig. Mit den Kadetten spreche ich so viel Englisch wie möglich, denn sie sollen ja lernen und üben.

UN: Sie sind sicherlich Selbstversorgerin in Kaliningrad. Wo kaufen Sie ein – in Supermärkten oder den freien Märkten, den kleinen Tante-Emma-Läden? Wie schätzen Sie das Angebot an Lebensmitteln ein und sagen Sie uns etwas zum, von Ihnen empfundenen Preisniveau im Vergleich zu Deutschland.

ChH: Einkaufen – am liebsten auf dem Zentralmarkt! Herrlich! Beste Qualität, auch aus örtlichem Anbau, große Auswahl, verhältnismäßig niedrige Preise, ein freundliches Schwätzchen und alles was man sonst noch so braucht, von extrawarmen usbekischen Lammfell-Puschen über die Gemüsereibe bis zu einem neuen Seesack - bekommt man dort auch. Immer mal wieder überwiegt leider die Bequemlichkeit und ich gehe nur über den Hof in den nahe gelegenen Supermarkt. Deshalb kaufe ich auch eher selten in einem ‚Produkty‘ ein, wie die Tante-Emma-Läden auf Russisch heißen.

Das Angebot ist vielfältig und ausreichend – alles, was man braucht, bekommt man (und was man nicht bekommt, braucht man auch nicht! J). Und überhaupt – Wenn ich alles haben will wie daheim, dann bleibe ich daheim.

Durch die starke Abwertung des Rubels im letzten Jahr sind Lebensmittel natürlich teuer geworden, vor allem weil unsere Einkommen nicht entsprechend gestiegen sind. Aber, wenn man sich ein wenig anpasst bei der Auswahl der Produkte, halten sich die Mehrkosten in Grenzen. Man darf auch nicht vergessen, dass in Kaliningrad andere lebensnotwendige Dinge wesentlich weniger kosten als in Deutschland, selbst im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen. So z.B. Wohn-Nebenkosten wie Strom, Gas, Wasser, Internet, Telefon etc. und der Öffentliche Nahverkehr.


Foto: Christine Hieber fühlt sich in Kaliningrad gut aufgehoben

 

UN: Was haben Sie für einen Eindruck von Kaliningrad – ist es eine saubere, angenehme Stadt, vielleicht noch mit dem Flair einer altdeutschen gemütlichen Provinzstadt oder herrscht auch hier moderne westliche Hektik? Was stößt Ihnen negativ auf oder gefällt Ihnen nicht?

ChH: Wie soll ich es sagen? Kaliningrad ist keine ‚schöne‘ Stadt im Sinne von Celle, Brügge, Stockholm, aber es hat viele schöne Ecken und es lebt sich sehr angenehm hier. Die Stadt ist grün, mit viel Wasser, schön gestalteten Plätzen, un-hektisch und doch lebendig. In weniger als einer Stunde ist man für weniger als einen Euro mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Meer… Was will man mehr? Sonst wäre ich auch nicht mehr hier. Ich habe von Kleinstadt bis Riesen-Metropole überall gelebt, aber Kaliningrad hat die für mich optimale Größe – es gibt alle Annehmlichkeiten einer Großstadt, aber nicht das Gedränge und den Gestank der wirklich großen Städte.

UN: Ich vermute mal, dass Sie über kein Auto verfügen, denn Sie sind ja die meiste Zeit des Jahres mit der „Kruzenshtern“ unterwegs und ein Auto wäre da wohl nur ein unnützer Kostenfaktor. Mich interessiert somit Ihre Meinung zum öffentlichen Nahverkehr in Kaliningrad. Erzählen Sie unseren Lesern ein wenig über die Straßenbahnen, Busse, Marschrutkas und Linienbusse, Wartezeiten, Komfort, Sauberkeit, Preise für Tickets.

ChH: Auto? Wozu? Egal in welchem Land - wenn man nicht gerade auf dem Land lebt oder eine große Familie hat, ist ein Auto so was von unnötig… Meine Meinung nach mittlerweile 29 autofreien Jahren. Kaliningrad hat einen hervorragenden Nahverkehr mit dichtem Netz aus zugegebenermaßen meist uralten, klapprigen – aber sauberen – Bussen, inzwischen modernen Marschrutkas (Linien-Kleinbussen) und ein paar antiken Straßenbahnen. Im Vergleich zu einem eigenen Auto ist der Nahverkehr spottbillig – 18 Rubel pro Fahrt, ca. 25 Euro-Cent, für den Bus und 22 Rubel für das Marschrutka. Für diesen niedrigen Preis akzeptiere ich die alten Busse gerne. Mir gefällt auch, dass in jedem Bus ein/e Schaffner/in mitfährt, den Fahrpreis kassiert und aufpasst. Falls ich wirklich einmal abends nach 22.30 Uhr, wenn die Öffis nicht mehr fahren, nach Hause muss, gehe ich meistens zu Fuß, wie auch sonst oft. Kein Problem – die Stadt ist sicher.

UN: Wie würden Sie das Leben in Kaliningrad ganz allgemein charakterisieren? Vermissen Sie etwas, was Sie aus Deutschland kennen und auf keinen Fall vermissen möchten? Kann man in Kaliningrad leben oder ist es ein verträumtes Provinznest, nur geeignet unternehmerische Nischen auszufüllen? Was machen Sie in Ihrer Freizeit an Land?

ChH: In Kaliningrad taugt’s mir, wie man in Oberbayern sagt, wenn es einem wohl ist. Verglichen mit Moskau oder St. Petersburg ist Kaliningrad natürlich ein Provinznest, aber für Leute mit Unternehmergeist gibt es hier schon viele interessante Möglichkeiten. Wer will, der kann… Mit den Jahren vermisse ich immer weniger, nicht einmal Bücher und Zeitungen. E-books und Internet ersetzen diese ganz gut. Sogar Brezn und Weißwürste gibt es und Nürnberger Bratwörschtle, beim Zötler am Mittwochabend beim Stammtisch! Nur ab und zu mal einen echten bayrischen Leberkäs, so ein Scherzl mit rundum knuspriger Rinde, in einem röschen Römer (Semmel aus Sauerteig mit Kümmel) und süßem Händlmaier-Senf - mmmmh! Und Mutters Schweinsbraten… Aber wenn es alles überall gäbe, wäre das Leben ja wirklich langweilig!

Freizeit? Welche Freizeit?? Scherzchen… Direkt nach der Rückkehr von der See ist erst einmal ‚Adaptionsphase‘ angesagt – nach 8 oder 9 Monaten mit fixem Tagesablauf und Rundum-Versorgung wieder entscheiden, wann man aufsteht, was es zum Frühstück gibt, was man anzieht… Stress lass nach! In den paar Wochen an Land sind immer eine Menge Papierkram und Behördengänge zu erledigen, Unterrichtsmaterialen vorzubereiten usw. usw. Und die Kaliningrader Freunde will man ja auch treffen! Dann fahre ich immer einige Wochen nach Deutschland, um Familie und die dortigen Freunde zu besuchen, und schon ist es wieder Zeit, den Seesack zu packen.

UN: Die deutschen Medien berichten selten über Kaliningrad und wenn berichtet wird, dann sind die Journalisten nicht vor Ort gewesen und berichten mit vielen Unsachlichkeiten und Fehlern. Haben Sie sich zu irgendeiner Zeit in Kaliningrad unsicher gefühlt, im Hinblick auf Kriminalität? Hatten Sie „Korruptions-Erfahrung“? Und vor allem – als Sie nach Kaliningrad kamen, hatten Sie eine bestimmte Meinung über die Stadt und Russland. Haben Sie diese Meinung hier bestätigt gefunden oder mussten Sie einiges korrigieren?

ChH: Unsicher – nein, nie. Normale Vorsichtsmaßnahmen schaden natürlich nicht, wie überall sonst auch. Kaliningrad ist ruhig und mindestens genau so sicher wie vergleichbar große deutsche Städte.

‚Korruptions-Erfahrung‘ hatte ich in den 8 Jahren, in denen ich hier lebe, auch nicht – trotz unzähliger Behördenkontakte. Seit es die Internetseite für alle staatlichen Dienstleistungen gibt, ist alles klarer und einfacher geworden, weil man vorher nachsehen kann, was man wann wo und wie erledigen muss. Wenn man ordentliche und vollständige Unterlagen beibringt, werden diese auch zügig bearbeitet, egal ob vom Migrationsamt, Finanzamt, Zoll, Gesundheits- oder  Hafenbehörden. Bei mir ist das ja manchmal etwas schwierig, weil ich immer alles in den paar Wochen erledigen muss, in denen ich an Land bin und trotzdem hat es bis jetzt immer bestens geklappt. Ich denke, in Kaliningrad ist es wie überall – so wie man in den Wald hineinruft, schallt es zurück.

Vielleicht war mein Vorteil, dass ich von Anfang an gar keine Meinung zu Russland hatte. Als ‚Wessi‘ und noch dazu aus dem hinteren Oberbayern war Russland bis 2001 für mich einfach nicht auf der touristischen Landkarte und als Land zum Leben schon gar nicht. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich anmerken, dass schon zu Kaisers Zeiten das alte Ostpreußen für uns Bayern einfach nur weit weg und seeehr exotisch war. So begegnete ich der neuen Welt mit viel Neugier und wenig Vorurteilen. Bedingt durch seine Geschichte und die ‚Insellage‘ als russische Exklave in der EU ist Kaliningrad sowieso „Russland für Anfänger“, d.h. im Verhältnis zu anderen russischen Städten schon sehr ‚westlich‘ – die alten Häuser sehen aus wie überall rund um die Ostsee von Lübeck bis nach Helsinki, fast alle Kaliningrader reisen viel, in die Nachbarländer Polen und Litauen, nach Deutschland …  Egal ob in Kaliningrad oder im sonstigen Russland - es gibt nur wenige Völker, die den Russen an Gastfreundschaft das Wasser reichen können. Ich war überwältigt und ergab mich der ungewohnten Herzlichkeit widerstandslos. Wahrscheinlich bin ich deshalb hier ‚hängengeblieben‘!


Zehn Fragen von uns – zehn Antworten von Ihnen. Vielen Dank Frau Hieber für Ihre spontane Bereitschaft zu diesem Interview. Sie sind ja erst vor kurzem von einer sehr langen Reise, die dem 70. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gewidmet war, zurückgekehrt und haben nun sicher den Wunsch, ein wenig den festen Boden unter den Füßen zu genießen. Unsere Leser werden es zu würdigen wissen, dass Sie uns während Ihres Landurlaubs Zeit gewidmet haben für unsere neugierigen Fragen.

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Deutsches, Interview

   Kommentare ( 1 )

kgd .ru Veröffentlicht: 5. Dezember 2015 22:53:54

[hinterstes Oberbayern] BGD?

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