Alichanow – Kaliningrader DesIllusionist

Alichanow – Kaliningrader DesIllusionist
 
Dem Kaliningrader Tourismus bekommt die Corona-Krise anscheinend wie eine Badekur. Alle sind begeistert und schmieden Pläne für eine goldene Zukunft. Einer der Wenigen, der die Begeisterung dämpft, ist der Kaliningrader Gouverneur. Er holt seine Wähler auf den Boden der Realitäten zurück.
 
 
Im Jahre 2022 sind Wahlen im Kaliningrader Gebiet. Gewählt wird der Gouverneur. Ich gehöre zu denen, die sich wünschen, dass Anton Alichanow die Möglichkeit erhält, dass, was er begonnen hat, fortzusetzen und zu Ende zu bringen. Dafür muss der junge Mann natürlich einiges tun, denn nicht alles ist in der Vergangenheit glatt gelaufen. Und er muss rechtzeitig dafür sorgen, dass die Menschen ihr Leben nicht auf falschen Vorstellungen aufbauen und im Jahre 2022, nach dem Ende der Corona-Krise, von der neuen, normalen Realität, enttäuscht werden. Und diese Enttäuschung könnte dann schnell dazu führen, dass man einen Schuldigen sucht. Und Schuld ist in Russland immer der Präsident und in Kaliningrad natürlich der Gouverneur.
 
Die Corona-Krise hat einen erheblichen Beitrag dafür geleistet, dass nicht alle Pläne umgesetzt werden konnten. Insbesondere während der ersten Welle gingen viele Pläne, Regierungspläne aber auch privatunternehmerische Pläne, den Bach runter.
 
 
Die zweite Welle dagegen scheint, zumindest der Tourismusbranche in Kaliningrad, einen richtigen Schub gegeben zu haben, denn bedingt dadurch, dass Ausreisen aus Russland und Einreisen in andere Länder so gut wie unmöglich waren, gelangte Kaliningrad, als geographisch westlichste Region, mit einer vielgestaltigen Historie, in das Zentrum der Aufmerksamkeit reiselustiger Russen, die die Freiheiten innerhalb des Landes nutzten, um nach Kaliningrad zu kommen.
 
In einem Gespräch mit einem Kaliningrader Hotelier erfuhr ich, dass sein Hotel in Selenogradsk komplett ausgebucht ist. Er hat keine freien Zimmerkapazitäten mehr für das Jahr 2021. Und da Angebot und Nachfrage die Preise regelt, hat er auch die Preise angehoben. Auch das schreckt niemanden ab. Er ist ausgebucht. Und so wie ihm geht es allen anderen in der Tourismusbranche. Alle sind hochzufrieden. Nicht wenige scheinen bereits Pläne für die goldene Zukunft zu schmieden.
 
Und gerade während dieser Hochstimmung meldet sich der Gouverneur zu Wort und warnt davor, dass man schnell in die normale Realität wieder zurückkommen sollte. Er ist heute der Spielverderber, der DesIllusionist in Kaliningrad. Aber seine Hinweise sollte man doch ernst nehmen.
 
Anton Alichanow stellte fest, dass der Touristenboom in Kaliningrad einfach nur deshalb existiert, weil es für die Russen aus dem Mutterland keine Möglichkeiten gibt, noch weiter nach Westen zu reisen. Deshalb reisen sie eben so weit westlich, wie eben nur möglich … also bis Kaliningrad. Sollten sich die Reisemöglichkeiten normalisieren, so werden sie weiter reisen und nicht mehr in Kaliningrad anhalten. Somit darauf zu bauen, dass dieser Boom anhält oder sich vielleicht noch weiter entwickelt, wäre unreal – meint Alichanow.
 
Alichanow zeigte sich überzeugt, dass der gegenwärtige Touristenboom in Kaliningrad nicht stattfinden würde, wenn die Grenzen offen wären. Aber im kommenden Jahr, dem Wahljahr in Kaliningrad, werden die Grenzen wieder offen sein und der Kaliningrader Tourismus wird einen Dämpfer erhalten.
 
Somit soll also niemand, der heute schon napoleonische Pläne für die Zukunft schmiedet und auf die Fortsetzung des Touristenbooms hofft, sagen, dass er von nichts wusste … der Gouverneur hat rechtzeitig desillusioniert.
 
Alichanow sieht aber nicht schwarz in die Zukunft, sondern glaubt, dass Kaliningrad mit dem Tourismus eine der wichtigsten Branchen für sich geschaffen hat. Wie sich der Tourismus entwickeln wird, hängt in vielem davon ab, wie sich die Infrastruktur entwickelt. Und hier kann sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringen. Allerdings sieht der Gouverneur eine Schwierigkeit … wir haben nicht genügend Fachkräfte, die in der Touristikbranche arbeiten können. Deshalb hofft der Kaliningrader Gouverneur auf die Unterstützung der Kaliningrader Technischen Universität, die durch zusätzliche Studienangebote hier für Abhilfe sorgen könnte.
Und Alichanow beließ es nicht bei dieser Desillusion.
 
Am Wochenende kommentierte er, dass sich niemand der Illusion hingeben solle, Kaliningrad und seinen Ostseestrand mit den Stränden auf der Krim, Sotschi oder Anapa zu vergleichen. Wenn die Kaliningrader Reklamefilme dies versprechen, so ist das einfach nicht wahr. Wir haben ein völlig anderes Klima und im besten Fall sind die Monate Juli und August geeignet, sich sommerlich wohl zu fühlen, Strand und Ostsee als Bademöglichkeit zu genießen.
 
Kaliningrad muss einen ganzjährigen Tourismus organisieren. Dabei ist die Ostsee mit ihren Stränden nur ein kleiner Teil. Man solle sich an die Vergangenheit erinnern und diese wieder beleben. Hierzu gehört nicht nur die historische Vergangenheit, die man als touristisches Kleinnod nutzen kann, sondern auch die positiven Erfahrungen aus der Sowjetzeit, wo viele Sanatorien und Kurhäuser im Kaliningrader Gebiet eine einzigartige medizinische Behandlung boten. Dies sollte alles wiederbelebt und ausgebaut werden.

 

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