Alles Käse in Kaliningrad – Käsekultur im Trend der Zeit

Alles Käse in Kaliningrad – Käsekultur im Trend der Zeit
 
In den ersten zwanzig Jahren meines Lebens in Kaliningrad hatte ich mich daran gewöhnt, dass es russischen Käse nur in zwei Formen gab – im Block und zähflüssig. Der Import von Schimmel- und Blaukäse erfolgte zögerlich. Seit 2014 änderte sich dies und in Kaliningrad begann sich die Käsekultur zu entwickeln.
 
 
2014 ist das Jahr, in dem Russland vom Westen gezwungen wurde, sich wieder auf sich selbst, seine Fähigkeiten, seine Möglichkeiten, zu besinnen. Es wurden erste Sanktionen verhängt und Russland antwortete mit Gegensanktionen. Erinnern Sie sich noch, meine lieben deutschen Leser und Zuschauer, welch ein Wehklagen in den Ländern der Europäischen Union einsetzte, als Russland den Import landwirtschaftlicher Erzeugnisse verbot?
 
Alles schon längst Geschichte. Die europäische Landwirtschaft hat sich daran gewöhnt, keine Äpfel und Pflaumen mehr an Russland verkaufen zu dürfen und Russland hat begonnen, seine jahrzehntelang vernachlässigte Landwirtschaft zu entwickeln. Wir wissen heute, dass dies ziemlich erfolgreich vor sich geht. Und der Prozess ist natürlich noch nicht abgeschlossen.
 
Neben den großen Projekten, die vom Staat gefördert oder sogar ins Leben gerufen worden, gibt es aber auch tausende kleine Projekte, wo russische Bürger sich Gedanken gemacht haben, wie man ein interessantes unternehmerisches Leben gestalten kann. Ich hatte das Glück, die Bekanntschaft mit solchen Leuten zu machen.
 
Alles begann damit, dass ich das Street-Food-Festival in Kaliningrad im August besuchte. Eine furchtbare Bezeichnung für eine tolle Sache, als wenn die russische Sprache keine Wörter hat für „Straße“ und „Essen“.
 
Ein Verkaufsstand fiel uns – ich war in Begleitung mit Kaliningrader Bekannten – gleich ins Auge. Käse! Und der Mann dort war sehr kommunikabel und ließ uns auch kosten. Es schmeckte sehr gut und ich war erstaunt über die Vielfalt der Käsesorten. Meine Vermutung, dass der Käse auf illegalen Wegen aus Polen nach Kaliningrad gekommen ist, war natürlich absurd, da an diesem Festival nur die teilnehmen dürfen, die ihre Waren selber herstellen.
 
Und so erfuhren wir, dass es ein kleiner Familienbetrieb ist, der … Er gab uns einen Zettel und meinte, wir sollten doch eine Exkursion dorthin machen. Man zeigt uns alles, wir können dort nochmal probieren und vielleicht auch etwas kaufen.
 
Gesagt, getan und schon eine Woche später fuhren wir in Richtung Osten, zur Kreisstadt Gussew. Wenige Kilometer vor der Kreisstadt, in der Siedlung Lermontow, die bis 1938 undeutsch Ischdaggen hieß und ab 1938 germanisiert wurde und den Namen Branden erhielt, befand sich die Käserei.
 
 
Wir wurden freundlich empfangen, das Wetter war herrlich, so dass die Degustierung im Freien stattfinden konnte.
 
Wir erfuhren viele technische Einzelheiten zur Käseherstellung, entschieden uns aber, dieses Handwerk doch den Spezialisten dieser Käserei zu überlassen und unseren Käsebedarf nicht selber zu produzieren, sondern im fertigen Zustand zu kaufen. Dazu muss man nicht nach Gussew fahren, sondern die Käserei hat ein eigenes Firmengeschäft in Kaliningrad, in der Portowaja 20, gleich gegenüber dem Meeresmuseum.
 
Wir erfuhren die Geschichte der Käserei, die im Jahre 2014 geboren wurde. Geboren wurde 2014 eigentlich nur die Idee. Drei befreundete Frauen, alle schwanger, trafen sich regelmäßig, um über Gott und die Welt und die Zukunft zu sprechen. Und irgendwann bemerkte man wohl bei den Gesprächen, dass das Angebot an Käse sehr „übersichtlich“ war. Logisch, denn durch die Gegensanktionen Russlands wurde kein Käse mehr importiert. So begannen die Frauen darüber nachzudenken, ob man nicht selber Käse herstellen kann.
 
Sie studierten Literatur, fuhren nach Moskau zu einem Kurs für die Herstellung von Käse, machten sich zu vielen Dingen kundig, die für die Käseherstellung, aber auch für die Gründung eines Unternehmens wichtig waren. Und, was wohl noch wichtiger als wichtig war – sie konnten ihre Männer für den Gedanken begeistern, eine Käserei zu eröffnen und dort mitzuarbeiten. Es entstand ein richtiges Familienunternehmen.
 
Man erarbeitete eine Businessidee und reichte diese bei der Kaliningrader Gebietsregierung ein. Die fand die Idee so toll, dass man den Jungunternehmern ein Preisgeld, einen Grand überreichte. Der reichte aus, um in Italien die notwendigen Ausrüstungen zu kaufen, sich dort schulen zu lassen und einiges andere für den Start der Produktion zu kaufen.
 
Von der Kommune konnte man ein Grundstück erwerben und es war in den drei Familien Geld vorhanden, um das Produktionsgebäude zu errichten. Alles ging ziemlich schnell und so begann die Produktion im Jahre 2016, zwei Jahre, nachdem die Idee entstanden war.
 
Das Familienunternehmen ist ständig am experimentieren, um das Sortiment zu erweitern. Die Nachfrage ist groß. Die Hauptabnehmer sind Kaliningrader Restaurants, die sich davon überzeugt haben, wie qualitativ der Käse hergestellt wird. Die Kühe sind bekannt, die Weideflächen geprüft – alles befindet sich ständig unter Kontrolle, so dass die Bio-Qualität eine Selbstverständlichkeit ist.
 
Beliefert wird natürlich auch der eigene Laden in Kaliningrad und einige ausgewählte Einzelhandelsgeschäfte.
 
Für eine private Degustierung habe ich 2,5 Kilo Käse der verschiedensten Sorten gekauft – von jedem ein bisschen und dafür 4.500 Rubel bezahlt, also 75 Euro. Noch vor einem halben Jahr wären es nur 50 Euro gewesen, aber der Kursverfall des Euros hat in Russland eingesetzt und somit wird das Leben in Kaliningrad auf Euro-Basis mit jedem Tag teurer.
 
Meine Frage, was denn passiert, wenn die italienische Technik mal Schwierigkeiten macht, wurde gelassen beantwortet. Es gibt keine Probleme in der Zusammenarbeit. Ersatzteile werden umgehend geliefert und reparieren tun die Männer selber. Sie haben alle goldene Hände. Auch einige spezielle Zutaten für die Käsefermentierung kommen aus Italien.
 
Noch ein Wort zur Firmenbezeichnung „Branden“. Man suchte nach einer knuffigen Bezeichnung für den Käse. Wie so häufig im Kaliningrader Gebiet, musste die historische Vergangenheit Pate stehen. Man erfuhr die beiden Namen des Dorfes. „Ischdaggen“ als Käsebezeichnung, das gebe ich zu, ist ein wenig schwerfällig. „Branden“ geht da schon leichter über die Zunge und lässt sich auch für einen Russen gut merken. Das es eine nationalsozialistische Bezeichnung ist … daran haben die Betreiber der Käserei wohl nicht gedacht, denn sie wissen nicht, warum der Ort 1938, wie viele andere Orte in Ostpreußen, umbenannt wurde. Es ging um die Germanisierung.
 
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Tschüss und Poka aus Kaliningrad

 

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