Die Kaliningrader Geld-Bäume oder Wandern mit vielen Fragen

Die Kaliningrader Geld-Bäume oder Wandern mit vielen Fragen
 
In Kaliningrad liegt das Geld nicht nur auf der Straße und niemand hebt es auf. Manchmal hängt das Geld auch an den Bäumen und niemand pflückt es. Aber nicht wenige beschweren sich, dass man mit dem eigenen Lebensniveau nicht zufrieden ist.
 
 
Jeden Morgen um sechs Uhr besuche ich die Sauna im Fitnessclub „Albatros“. Für mich ist es allerdings keine Sauna, sondern ein Informationszentrum. Mit der Zeit hat sich eine richtige Stammbesatzung gebildet, die regelmäßig etwas für die Gesundheit tut, nicht nur die Sauna besucht, sondern auch schwimmt oder im Trainingssaal unnötige Gramms wieder abtrainiert. Und es wird über vieles gesprochen, Meinungen geäußert und manchmal wird es auch richtig emotional in der Sauna. Temperaturen um die 80 Grad befördern natürlich hitzige Gespräche.
 
Und einer der Stammbesucher ist Wolodja. Ständige Zuschauer meines Kanals erinnern sich sicher an ihn. Das ist der Mann, der Anfang der 90er Jahre am Strand von Svetlogorsk mit dem russischen Präsidenten Jelzin die touristische Zukunft des Kaliningrader Gebietes besprochen hatte.
 
Und Wolodja ist auch derjenige, der vor vielen Jahren eine Wandergruppe ins Leben gerufen hat. Jeden Sonntag trifft man sich entweder am Südbahnhof, am Nordbahnhof oder am Busbahnhof, um irgendwohin zu fahren, ein wenig zu wandern, die Natur zu genießen, Pilze zu sammeln, aber auch Äpfel, Pflaumen, Birnen … ja nach der Jahreszeit. Welches Wetter herrscht, spielt dabei keine Rolle, gewandert wird jeden Sonntag.
 
Wolodja zitierte mal den altbekannten Spruch: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung.
 
Lange hat es gedauert, ehe ich mich entschlossen hatte, auch mal an einer solchen Wanderung teilzunehmen. Am vergangenen Sonntag war es dann soweit. Der Besuch des Fitnessclubs fiel aus, denn um neun Uhr trafen wir uns vor dem Haupteingang des Südbahnhofes.
 
Wolodja hatte die Marschroute vorgegeben: mit dem Regionalzug bis zum Kilometer 1312. Ja, so romantische Bahnhöfe oder Haltepunkte haben wir hier in Kaliningrad.
 
Auf dem Haltepunkt wurden die Gummistiefel angezogen – ein unbedingtes MUSS. Einige der Frauen machten sich noch besonders schön, denn diesmal war ja Blogger Erichowitsch mit der Kamera dabei und alle wollen natürlich besonders vorteilhaft sich der Welt präsentieren.
 
Es ging quer durch den Wald. Fragen Sie mich bitte nicht, wie wir gelaufen sind. Ich habe keine Ahnung und habe mich voll auf die erfahrene Gruppe verlassen.
 
Pilze wurden jede Menge gefunden. Nicht immer waren sich alle einig, was das für Pilze sind, wie sie heißen und ob man sie essen kann. Logisch, dass der Scherz nicht fehlen durfte, dass man alle Pilze essen kann … einige Sorten jedoch nur ein Mal.
 
Zur typisch russischen Zeit wurde das Mittagessen improvisiert. Alle packten aus, was sie im Rucksack hatten und es kam alles auf den gemeinsamen Tisch. Ich hatte es allerdings verpasst, den umfangreichen „Tisch“ von Anfang an zu filmen. Ich war mit meiner neuen Thermoskanne beschäftigt und dem Ausschenken von Tee an alle Durstigen. Aber es gab nicht nur Tee …
 
Es ging weiter und plötzlich standen wir auf einer … tja, wie soll man es bezeichnen … Plantage, Gartenanlage … Sie war verlassen. Bereits ein paar Meter zuvor fanden wir das verlassene Gehöft des Försters … Es hatte gebrannt und der Aufbau ist wohl teurer als der Abriss und der Verkauf von hochwertigen deutschen Ziegelsteinen.
 
Und vielleicht gehörte zu diesem Gehöft auch mal eine umfangreiche Landwirtschaft und die riesigen Flächen mit Apfelbäumen, Pflaumenbäumen … Niemand kümmerte sich darum und meine Frage, warum hier niemand eine Obstzucht-Wirtschaft aufbaut, blieb unbeantwortet. „Es gibt keinen Besitzer für das Grundstück“, - war eine der Antworten.
 
Schwer vorstellbar, dass es in Kaliningrad Grundstücke, landwirtschaftliche Grundstücke ohne Besitzer gibt.
 
Aber es war zu sehen, dass hier niemand erntete, niemand sich um das Gras kümmert oder um die Wege, die zu diesem Grundstück führen. Ich glaubte zu sehen, wie das Geld an diesen Bäumen hing … unterschiedliche Geldscheine, mal größere, mal kleinere.
 
Wir pflückten einige dieser Geldscheine.
 
Nicht alle Äpfel waren genießbar, könnten aber gut für Apfelmuss sein, oder aber auch um Apfelkuchen zu backen. Auch, so denke ich mir, Apfelmarmelade, mit leicht säuerlichem Geschmack, könnte man herstellen und damit Geld verdienen. Niemand muss in Kaliningrad hungern oder sich über sinkenden Lebensstandard beschweren. Das Geld liegt nicht nur auf der Straße, sondern hängt auch an den Bäumen. Aber niemand will es ernten.
 
Ziemlich nachdenklich ging ich dann weiter. Bis zum Ort Laduschkin war es nicht mehr weit. Von dort aus wollten wir mit dem Bus wieder zurückfahren.
 
Während der Busfahrt bedauerte ich noch, dass ich in Kaliningrad in meinem jetzigen Umfeld recht gut etabliert bin. Wäre ich noch ein wenig jünger, könnte das alte, abgebrannte Försterhaus restauriert werden und eine gute Basis für eine Obst-Landwirtschaft sein. Wozu brauchen wir geschmuggelte Äpfel aus Polen, teure Äpfel aus dem russischen Mutterland und Apfelmus aus Weißrussland, wenn wir alles doch schon in Kaliningrad haben. Wir müssen es nur pflücken. 

 

 

Reklame

Kommentare ( 1 )

  • Steffen Görlich

    Veröffentlicht: 1. September 2021 22:14 pm

    Hallo Herr Niemeyer,
    schön, mal wieder einen Beitrag von Ihnen über das Kaliningrader Gebiet zu sehen! Ich freue mich immer sehr über solche Informationen, da man dadurch auch immer Tipps für die nächste Reise bekommt. Gespannt bin ich auch, wie es bei Konstantin weitergeht.
    Ich erinnere mich, dass vor Laduschkin, von Kaliningrad kommend, viel Militär im Wald an der linken Straßenseite beheimatet ist. Sollte man deshalb als Ausländer in diesem Gebiet nicht so ausgedehnt durch die Wälder streifen oder ist das unproblematisch?
    Dann lassen Sie sich das Apfelmuss schmecken!

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 1. September 2021 22:16

      ... wenn Sie die Hinweisschilder beachten, die aufgestellt sind und die "unsichtbaren" Linien nicht überschreiten, kann nichts passieren.

      Konstantin ist fleißig, aber es ist noch zu früh, einen weiteren Beitrag zu senden. Es sollte schon etwas Handfestes zu sehen sein. Ich denke mal, in einem Monat könnte ein neuer Beitrag kommen.

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung