Drei deutsche Fragen. Drei russische Antworten. Im Gespräch mit Andrej Wypolsow

Drei deutsche Fragen. Drei russische Antworten. Im Gespräch mit Andrej Wypolsow
 
Andrej Wypolsow, Kaliningrader Journalist, Chefredakteur des Informationsportsl „NewsBalt“ antwortet auf Bitten von „Kaliningrad-Domizil“ auf drei aktuelle Fragen, welche sowohl die Kaliningrader, wie auch die deutsche Gesellschaft interessieren. Es geht um das Haus der Räte, eine Pyramide und die größte deutsche Inschrift im Kaliningrader Gebiet.
 

 

Uwe Niemeier: Hallo und Priwjet aus Kaliningrad. Ich stehe vor dem Haus der Räte, das bekannte Haus in Kaliningrad und habe einen Gesprächspartner gefunden, mit dem ich zwei, drei, vier Fragen besprechen möchte, die vielleicht für viele Deutsche von Interesse sind. Wenn Sie wollen, hören Sie uns zu. Mein Gesprächspartner ist Andry Wypolsow, Kaliningrader Journalist der sich seit vielen Jahren mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigt.

Guten Tag Andrej. Sagen Sie, wo befinden wir uns hier und warum sind wir hierher gefahren?

Andrej Wypolsow: Wir stehen vor dem Symbol der russischen Stadt Kaliningrad - dem Haus der Räte. Und wir stehen deshalb heute hier vor dem Haus, weil es in der vergangenen Woche ernsthafte Aussagen der regionalen Führung gab, dass dieses Gebäude abgerissen und rückgebaut werden soll.
Persönlich lehne ich eine solche Entscheidung entschieden ab, ich nenne sie voreilig, da es sich um ein historisches Denkmal handelt.
Das Königsberger Schloss, dessen Standort sich neben dem Haus der Räte befand, betrachteten alle als historisches Denkmal. Ich will jetzt keine Wertung vornehmen, ob es richtig gewesen ist die Ruinen abzureißen oder nicht, aber wenn es sich um ein nicht zerstörtes Gebäude gehandelt hätte, welches nicht von britischen Flugzeugen bombardiert worden wäre, wäre die Frage der Erhaltung des Schlosses durch die Führung der Sowjetunion, meiner Meinung nach, anders entschieden worden.
Heute ist das Haus der Räte auch ein historisches Denkmal. Und wenn wir unser historisches Denkmal abreißen, dann ist dies, meiner Meinung nach, ein historisches Verbrechen.
Die polnischen Behörden tun dasselbe und zerstören Denkmäler ihrer eigenen Geschichte. Es spielt keine Rolle, dass dies Denkmäler für die Soldaten der Roten Armee sind, sie wurden mit dem Geld des polnischen Staates installiert und von polnischen Bildhauern geschaffen. Und jetzt sind wir wie Iwans, die sich nicht an ihre Geschichte erinnern.
 
Nun zum Zustand des Hauses der Räte - wie unsere Behörden sagen, der Hauptgrund für den Abriss des Gebäudes. Wenn wir ein wenig nach rechts schauen, sehen wir den Dom - restauriert und funktionsfähig. Deutsche Staatsbürger, deren Verwandte in Ostpreußen lebten, kennen wahrscheinlich den Namen des Militärbauingenieurs Igor Odintsow, der aus Eigeninitiative begann, den Dom wieder zu errichten. Wenn also außer den Mauern des Doms nichts weiter vorhanden war, so war das Gebäude, nach den strengen sowjetischen Gesetzen der Stadtplanung, in einem solchen Ausmaß baufällig, dass es mit Sicherheit abgerissen werden musste. Aber man baute es vollständig wieder auf, installierten Abwasserkanäle, verstärkte die Wände und Dächer.
Somit steht die Frage, ob das Haus der Räte, das tausendmal stärker ist als der schwache Dom, abgerissen werden muss? Natürlich kostet es Geld, das Haus der Räte in Ordnung zu bringen, aber es ist ja auch ein historisches Denkmal.
 
Uwe Niemeier: Aber was können wir jetzt noch tun, wenn es doch schon einen Beschluss gibt, oder fast einen Beschluss gibt, das Gebäude abzureißen. Wenn ich richtig verstanden habe, ist ein Teil der Gesellschaft dagegen. Ein Teil der Gesellschaft möchte, dass das Haus zu Ende gebaut wird. Was kann man also tun?
 
Andrej Wypolsow: Meine bescheidene Meinung ist, dass das Haus der Räte instand gesetzt werden muss. Es gibt bereits Projekte im Internet. Ein Teil der Fassade muss demontiert werden, die Konstruktion selber muss um einige dutzend Tonnen erleichtert werden. Aber zerstört werden darf das Gebäude nicht. Denn wenn wir es abreißen, werden wir ein Denkmal für die Geschichte unseres Landes abreißen, und dafür wird uns die Geschichte bestrafen, ernsthaft bestrafen.  Das sind so metaphysische Dinge, die nicht greifbar sind. Auf dem Planeten Erde wurden die Menschen und die Gesellschaft immer dann historisch bestraft, wenn sie Geschichtsdenkmäler abgerissen hatten.
 
Uwe Niemeier: Andrej, warum sind wir hierher gefahren? Ich sehe, hier steht eine Pyramide. Meinen deutschen Zuschauern habe ich schon erklärt, wo wir uns befinden, dass es sich um einen alten Kasernenkomplex handelt. Hier steht eine Pyramide und ich sehe sogar den Bruchteil eines alten deutschen Grabsteins. Warum also sind wir hier hergefahren?
 
Andrej Wypolsow: Ich wollte den deutschen Zuschauern zeigen, wie wichtig für Russland die deutsche Geschichte ist. Auf Facebook gibt es Gerüchte, dass die Russen angeblich Barbaren sind, sie zerstören deutsche Gebäude in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. Das alles ist nicht wahr.
Hier ein anschauliches Beispiel: Wir sehen ein Denkmal für die Soldaten der Kaiserlichen Armee während des Ersten Weltkriegs. Tatsächlich handelt es sich um ein Denkmal für unsere Gegner, für Deutsche, gegen die mein Urgroßvater im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Trotzdem wurde das Denkmal unter die Obhut des russischen Staates gestellt. Es wurde restauriert, das umliegende Territorium wurde gestaltet, es wurden Schilder mit dem Hinweis auf den Denkmalschutz aufgestellt. So können Ausländer, Deutsche, die hierher kommen, sehen, dass wir nicht wie die Polen handeln, keinen Vandalismus in Bezug auf Denkmäler begehen und Denkmäler für Soldaten anderer Armeen auf ihrem Territorium nicht zerstören.
Eigentlich ist dies hier ein richtiges deutsches Fleckchen von Kaliningrad, welches jeder Tourist besuchen sollte. Sie können die ehemaligen Kasernen des Radziwill-Sapper-Regiments Deutschlands sehen, sie sind erhalten geblieben, die Dächer wurden repariert. Hier sind auch über 100 Jahre alte deutsche Inschriften erhalten. Niemand zerstört sie.
 
Wir sehen, dass die deutsche Inschrift „Familienwohnhaus“ erhalten geblieben ist, wo zu damaligen Zeiten die Soldaten einer feindlichen Armee lebten. Auf der anderen Seite ist auch die Abkürzung eines deutschen Regiments erhalten. Sie sehen, die Restaurierung ist im Gange. Wir erhalten deutsche Gebäude und bauen die Infrastruktur aus.
 
Wir sehen auf dem Plakat, dass es sich um das „Nationalprojekt Wohnen und städtische Umwelt“ handelt. Wichtig ist hierbei das Wort „National“. Also Volksprojekt. Somit ist klar, dass deutsche Häuser für uns keine "deutschen", fremden Häuser sind. Dies ist, wenn Sie so wollen, unser nationaler Schatz.
 
Wenn wir auf die Rückwand des Hauses schauen, sehen wir die zahlreichen Spuren von Angriffen mit Granaten und Kugeln. Offensichtlich waren es unsere Soldaten der Roten Armee, die hier die improvisierte deutsche faschistische Festung stürmten. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dies zu bewahren, denn 75 Jahre sind vergangen, aber wenn wir uns diese Einschusslöcher heute ansehen, verstehen wir, dass Krieg ein Ereignis ist, das nicht im letzten Jahrhundert stattgefunden hat, sondern heute. Wir sehen das alles. Es ist auch eine Art historisches Denkmal für zukünftige Generationen. Damit sie mit eigenen Augen sehen können, wie beängstigend es ist - Krieg.
 
Uwe Niemeier: Was können wir den Deutschen antworten, die hierher reisen und sagen, dass die Russen keine Instandsetzung vornehmen. Warum zeigen sie die Spuren des Krieges, wo dieser doch schon seit 75 Jahren beendet ist. Es sollte eine Instandsetzung durchgeführt werden – vermutlich werden viele so diskutieren.
 
Andrej Wypolsow: Es muss daran erinnert werden, dass der Frieden in Europa, ungefähr 30 Jahre nach dem Ende des Krieges, nur dank der Tatsache erreicht wurde, dass Politiker diejenigen waren, die sich an die Schrecken des Krieges erinnerten. Und wenn deren Kinder und Enkelkinder, die nicht wissen, was Krieg ist, heute an die Macht kommen, kommt ihnen vielleicht auch mal der Gedanke in den Kopf, warum man nicht einen Krieg beginnen sollte. Aber solche Dinge (die Einschusslöcher) erinnern daran, was passieren wird, wenn es sogar nur einige lokale militärische Auseinandersetzungen gibt.
 
Uwe Niemeier: Unser dritter Ort, den wir heute aufsuchen, befindet sich am Litauer Wall. Hier befindet sich die Festungsanlage „Bastion Grolmann“. Was gibt es hier für meine deutschen Zuschauer Interessantes zu erfahren?
 
Andrej Wypolsow: Ich möchte einen weiteren Mythos zerstreuen, nämlich den, dass in Kaliningrad deutschsprachige Inschriften übermalt werden. Wir sehen die vermutlich größte deutschsprachige Inschrift, die mehr als 80 Jahre alt ist - "Bastion Grolman". Niemand übermalt diese, denn dies ist eine historische Inschrift. Es zeigt uns und zukünftigen Generationen nur, wer vorher hier gelebt, gearbeitet hat.
Wenn ich derartige deutschsprachige Inschriften, d.h. Inschriften nicht in meiner Muttersprache, kommentiere, möchte ich eine Parallele zu Deutschland ziehen.
Wenn ich heute mit Mitgliedern der Partei „Alternative für Deutschland“ spreche, sehe ich, dass sie für die Reinheit ihrer Muttersprache kämpfen, in diesem Fall Deutsch. Sie sagen, dass eine fremde Kultur, in diesem Fall arabisch, das Gehirn junger Deutscher neu formatiert. Und die "Alternative für Deutschland" versucht, Menschen und Behörden davon zu überzeugen, dass es beispielsweise in Deutschland keine arabischsprachigen Inschriften geben soll. Ebenso kämpfen wir in Russland darum, moderne deutsch- und englischsprachige Inschriften und Zeichen zu vermeiden, da dies eine fremde Kultur ist. Wir müssen unsere Kultur, unsere Muttersprache, bewahren. Das bedeutet nicht, dass wir etwas gegen historische Inschriften haben, egal, in welcher Sprache sie geschrieben sind. Denn das ist die Geschichte des Volkes, in diesem Fall des deutschen.
 
Uwe Niemeier: Nun, was bleibt noch zu sagen? Vielen Dank Andrej für Antworten auf Fragen. Ich denke, das wird die Deutschen interessieren. Vielen Dank nochmals.

 

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Kommentare ( 1 )

  • Andreas

    Veröffentlicht: 17. November 2020 01:10 pm

    Mein Vater war 5 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft, hat aber niemals schlecht über die Russen erzählt. Ganz im Gegenteil, da er nie schlecht behandelt wurde, im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen Deutschen der Amerikaner in den Rheinwiesen. Die haben ihre Gefangenen unter freiem Himmel einfach verrecken lassen! Die Deutschen haben 27 Millionen Russen umgebracht, wie bekannt auch 6 Millionen Juden. Es wird aber nur über die 6 Millionen getöteten Juden gesprochen, nie über viereinhalb mal so viele ermordete Russen, das empört und beschämt mich als Deutscher! Auch die israelische Verbrecher-Regierungsbande wird von unseren deutschen Politikern hoffiert. Ein versöhnendes Verhältnis zu Russland ist mit unseren grottenschlechten Politikern Merkel, Steinmeier und Maaß leider vollkommen ausgeschlossen. Putin hat uns damals im Bundestag die Hand gereicht...Daher kann ich auf mein Deutschland nicht stolz sein, sondern mich bestenfalls dafür schämen! Es grüßt Andreas aus dem Schwabenländle

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 17. November 2020 05:59

      ... danke für Ihre Gedanken und vor allem: Herzlich willkommen auf meinem Portal. Wenn ich die richtige Übersicht habe, haben Sie auch auf YouTube kommentiert - danke.

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