Gespräche in der Sauna zur Logik der eiskalten Taufe

Gespräche in der Sauna zur Logik der eiskalten Taufe

 

Jeden Morgen pünktlich um sechs Uhr gehe ich in die Sauna. Das macht nicht nur fit für den beginnenden Alltag, sondern man erfährt dort auch alles, was am Vortag und in der Nacht in Russland und in der Welt passiert ist. Die Sauna in Russland ersetzt defacto das Internet.

 

 

In unserer Sauna im Norden Kaliningrads werden nicht nur heiße Themen besprochen. In dieser Woche drehen sich fast alle Themen um die eiskalte Taufe, die in der Nacht vom 18. zum 19. Januar hunderttausende Russen über sich ergehen lassen. Wobei es bei diesem Zeremoniell, dem dreimaligen Untertauchen unter eiskaltes Wasser, nicht um die Taufe an sich geht, sondern um die Reinwaschung von Sünden – zumindest habe ich dies so verstanden.

Und seit Anfang der Woche gibt es fast nur noch dieses eiskalte Thema in der heißen Sauna. Und man fragt sich gegenseitig, ob man zur Eistaufe geht oder nicht, wo man hingeht, denn Orte gibt es viele. Einige tauchen in einen großen Bottich mit eiskaltem Wasser ein, welcher auf dem Gelände der jeweiligen orthodoxen Kirche aufgestellt wird. Andere fahren weit vor die Stadt zu einem offenen See, der für diese Zeremonie speziell vorbereitet wurde.

Einer unserer intensivsten Saunabesucher, ein verdienter Rentner des Volkes, brachte aber das heißdiskutierte Thema sofort zum Stillstand, als er befragt wurde, wohin er denn zur Eistaufe fahre. Er meinte: „Was für ein Unfug. Ich fahre nirgendwohin. Christus ist doch auch mit warmem Wasser getauft worden. Weshalb soll ich da in Eiswasser springen.“

Diese Logik machte uns alle erstmal sprachlos und keiner hatte Gegenargumente.

Dann stand ich plötzlich wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit – der schweigende Deutsche und ich wurde gefragt, ob ich zur Eistaufe gehe. „Natürlich“, bestätigte ich. „Schon im vergangenen Jahr habe ich an der Eistaufe in der Kirche im Nordberg teilgenommen und in diesem Jahr fahre ich in die Nähe von Gurewsk an einen See.“

Da war unser Saunakollektiv doch echt überrascht, denn das hatten sie von diesem gottlosen Deutschen dann doch nicht erwartet.

Nachdem ich einige Zeit die bewundernden und anerkennenden Blicke der Orthodoxen in der Sauna genossen hatte, erzählte ich, dass ich mit Kamera und Mikrophon an der Eistaufe teilnehme, aber ganz bestimmt nicht in das eiskalte Wasser springe. Ich halte es, zumindest in diesem Fall, wie Christus, auch wenn ich eigentlich eine für ihn verlorene Seele bin.

Das wiederum provozierte die Frage bei den Anwesenden, ob ich denn überhaupt gläubig bin. Das konnte ich bestätigen. Ich war mein ganzes Leben gläubig. Zuerst habe ich an den Kommunismus geglaubt. Das ist schief gegangen. Dann habe ich an die deutsche Marktwirtschaft geglaubt. Das ist auch schiefgegangen. Dann habe ich angefangen, an Russland zu glauben und das hat dann letztendlich geklappt, auch wenn ich Russland nicht immer verstehe. Aber, so sagte schon Fjodor Iwanowitsch Tjutschew: Russland kann man mit dem normalen Verstand nicht verstehen. An Russland kann man nur glauben.

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