Preußische und russische Historie – Pragmatismus fordert Kompromissbereitschaft

Preußische und russische Historie – Pragmatismus fordert Kompromissbereitschaft
 
Weder Preußen, geschweige denn Ostpreußen, noch das russische Zarenreich existieren. Eine Reanimation dieser gestorbenen staatlichen Subjekte ist wohl unmöglich – wer kann schon Tote zum Leben erwecken. Aber Millionen von Zuschauern im modernen Deutschland und Russland laufen in die Kinos oder sitzen vor dem Fernseher, um mit glänzenden Augen und romantischen Gefühlen am Leben der Vorfahren im Rahmen großformatiger Filme teilnehmen zu können. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit in der Gegenwart ist groß.
 
 
Und warum soll man diese Sehnsucht nicht auch im realen Leben befriedigen?
 
Ich versuche mich in einer kleinen Bestandsaufnahme – in der stillen Hoffnung, dass Anton Alichanow, der Kaliningrader Gouverneur und Wadim Schumkow, der Gouverneur des Kurganer Gebietes, vielleicht diesen Beitrag in seiner russischen Version anschauen und anschließend miteinander telefonieren. Mit anderen Worten: Ich versuche ein virtuelles Gespräch zu organisieren.
 
Kaliningrad hat vor einigen Jahren erkannt, dass der Tourismus eine der strategischen Entwicklungsrichtungen für die Region ist. Man nutzt den Umstand, dass Kaliningrad eine historische Vergangenheit hat, die in der Russischen Föderation einmalig ist: Die historische Vergangenheit ist Deutsch. Das macht man sich zu Nutze, um russische Bürger aus dem Mutterland anzulocken, die gerne deutsche Geschichte inhalieren wollen, ohne selber nach Deutschland fahren zu wollen oder zu können. Und man zeigt seinen russischen Landsleuten das moderne Kaliningrad, das Leben im – wenn ich mich nicht irre – jüngsten Subjekt der Russischen Föderation. Das Gebiet ist erst seit 1946 Bestandteil der Russischen Föderation als Rechtsnachfolger der Sowjetunion.
 
Eine zweite Interessengruppe, wenn auch gegenwärtig mit stark nachlassendem Interesse, sind die Ausländer, hierbei insbesondere die Deutschen. Die ehemaligen Bewohner des Gebietes sind, rein physisch, nicht mehr in der Lage das Gebiet zu besuchen. Und deren Nachfahren haben immer weniger Interesse an den verstaubten Burgen und Festungsanlagen. Die Smartphone-Generation sucht irgendetwas anderes, etwas Aufregendes, etwas Besonderes, was es sonst nicht mehr gibt.
 
So versucht sich Kaliningrad als Bade- und Kurort wieder in Stellung zu bringen – logisch, denn Wasser haben wir in der Ostsee ausreichend. Viel wird getan, um die touristische Infrastruktur zu entwickeln. Mir persönlich gefallen die großen Hotels nicht so richtig, die entlang der Ostseeküste entstanden sind oder noch entstehen. Aber so ist nun mal die Entwicklung – überall in der Welt.
 
Ich persönlich sehe verpasste Chancen darin, in den vielen noch vorhandenen Dörfern mit historischer Bausubstanz, alte Bauernhäuser, Bauerngehöfte wieder herzurichten und hier Touristen unterzubringen, die den Agrartourismus bevorzugen, die sogar bereit sind, in einer bäuerlichen Wirtschaft mitzuhelfen … eben zu leben, wie die „alten Ostpreußen“ damals gelebt und gearbeitet haben. Der Aufwand, insbesondere finanzielle Aufwand, ist wesentlich geringer, als für ein supertolles hypermodernes Hotel aus Glas und Beton. Ich denke mal, dass auch die Touristen aus dem russischen Mutterland interessiert sind, mal für eine Woche das Leben der alten Ostpreußen zu imitieren … und natürlich dafür auch zu bezahlen.
 
Kaliningrad hat es geschafft, rund zwei Millionen Touristen ins Gebiet zu holen. Eine tolle Entwicklung in den letzten Jahren.
 
Gut, der Kaliningrader Gouverneur warnt vor übertriebenem Optimismus, denn der Corona-Spuk ist im nächsten Jahr vorbei und dann reisen die Russen wieder in den Westen. Der Logik des Gouverneurs habe ich nichts entgegenzusetzen. Es sei denn, mir kommt eine Idee, die Anton Andrejewitsch mit seinem Tourismus- und Kulturminister Andrej Jermak noch nicht haben.
 
Kaliningrad hat einen großen Nachteil: Kaliningrad hat keine historisch-russische Geschichte, mal von den vier Jahren im Siebenjährigen Krieg abgesehen. Es gibt keine historisch-russischen Gebäude in der Stadt. Es gibt nichts wirklich Historisch-Russisches. Das lässt sich nicht mehr ändern. Aber man kann mit Gebieten kooperieren, die historisch-russische Geschichte haben.
Eine Woche war ich im Gebiet Kurgan und schon beim Landeanflug auf die Gebietshauptstadt war mir klar, dass hier wohl der Tourismus blüht und gedeiht. Unendliche grüne Flächen, Wälder, 365 Seen auf 71.000 Quadratkilometer. Das Gebiet wird wohl von Touristen förmlich überschwemmt sein – dachte ich. Aber ich wurde eines Besseren belehrt.
 
Bei vielen Gesprächen in der Gebietshauptstadt, mit einfachen Menschen, mit einem Fremdenführer, mit Unternehmern, mit Bürgern in den umliegenden Dörfern und Städten erfuhr ich, dass es ab und zu mal Touristen gibt, aber es sind so wenige, dass es sich nicht lohnt, darüber zu sprechen.
 
Hätte ich mir die Struktur der Kurganer Gebietsregierung vorher angeschaut, so hätten mich diese Antworten nicht verwundert. Es gibt dort keinen Tourismusminister … das Wort Tourismus habe ich in der Struktur der Regierung überhaupt nicht entdecken können. Es gibt einen Kulturminister und ich vermute, dass er vielleicht auch ein wenig Tourismus mitmacht.
 
Dabei schreit dieses Gebiet förmlich nach einer touristischen Infrastruktur – die vollkommen fehlt. Touristen, die sich heute auf den Weg in dieses Gebiet machen, machen defacto einen Abenteuerurlaub vor den Toren Sibiriens. Ich habe so einen Urlaub eine Woche gemacht und bin hochzufrieden wieder abgereist.
 
Allerdings hatte mein Besuch andere Ziele. Ich wollte sehen, wie das wirkliche Leben im russischen Mutterland ist und ich wollte meine unternehmerischen Überlegungen wieder ein wenig aktivieren – einfach mal schauen, was man dort machen könnte. Und ich weiß heute, dass man sehr viel machen kann und eigentlich nicht sehr viel Geld dafür benötigt. Schade, dass ich in einem Alter bin, wo ich mich nicht mehr von Kaliningrad trennen möchte.
 
Mit Alexander Iltjakow, dem Duma-Abgeordneten und Unternehmer, hatte ich äußerst intensive, ausführliche Gespräche. Selbst im privaten Kreis – er hatte mich zu sich nach Hause eingeladen – sprachen wir über genutzte und ungenutzte Möglichkeiten.
 
Er hatte 1995 die Möglichkeiten genutzt, um sein Unternehmen, welches sich mit der Lebensmittelproduktion beschäftigt, aufzubauen. Er hat, gemeinsam mit seinem Bruder, viel Geld verdient. Es war so viel Geld, dass er ein Teil dieses Geldes nutzte, um Kirchen in der Gebietshauptstadt und im Dorf Schastoosjorne zu bauen, dem Standort seines Unternehmens. Straßen, Schulen, Häuser baute er oder setzte er instand. Ein Unternehmer mit gesellschaftlicher Verantwortung – so stellte ich für mich fest.
 
Und ich breitete vor ihm, ganz bewusst, ein Horrorszenario aus: Stellen Sie sich vor, eine Rinder- und Schweinepest befällt Russland und Sie können eine gewisse Zeit keine Wurst mehr produzieren. Wäre es da nicht gut, ein zweites Standbein, z.B. den Tourismus zu entwickeln? Es gibt jede Menge altrussischer Häuser aus der Zarenzeit im Dorf, im ganzen Gebiet, sogar in der Gebietshauptstadt. Mit relativ geringen Mitteln könnte man diese kaufen, instand setzen und an Touristen vermieten. Kommen die ersten Touristen, die natürlich wissen müssen, dass sie einen Abenteuerurlaub wie zu Zarenzeiten gebucht haben, beginnt auch automatisch, sich die Infrastruktur zu entwickeln. Irgendjemand eröffnet ein Cafè, ein neues Restaurant, Baumärkte kommen hinzu, die für weitere Restaurierungen Material liefern … letztendlich freut sich der Kurganer Finanzminister über zusätzliche Einnahmen aus einer Richtung, die er bisher nicht kannte. Wieviel Steuern man mit Tourismus verdienen kann, kann sicherlich der Kaliningrader Finanzminister beantworten.
 
Und dass diese zusätzlichen Steuergelder helfen, die Entwicklung des Kurganer Gebietes beschleunigt voranzutreiben – ich glaube, dass muss wohl nicht ausführlich erläutert werden. Das ist jedem klar.
 
Wir haben aber im Kurganer Gebiet nicht nur altrussische Häuser.
 
Wir haben 365 Seen, einige mit Heilschlamm, einige mit hohem Salzgehalt. Es sind medizinische Seen. Aber es gibt an diesen Seen keine Infrastruktur: Keine Umkleidekabinen, keine Liegestühle, keine Kioske für Mineralwasser und Eis. Aber vieles davon war zu Sowjetzeiten vorhanden. Wenige Schritte von dem Salzsee, den ich mit Alexander und Andrej besucht hatte, befand sich ein ganzer Komplex von Gebäuden, die zu sowjetischen Zeiten medizinische Dienstleistungen anboten. Alles Geschichte … eine Geschichte im Dornröschenschlaf. Wann kommt der Prinz, der das Gebiet Kurgan wachküsst? So wie ich bei meinem Gesprächen mit Kurganern verstanden habe, muss dieser Prinz nicht unbedingt die russische Staatsbürgerschaft haben … kann sie aber ehrenhalber bekommen, wenn er Russland Gutes antut.
 
Es gibt im ganzen Gebiet Kurgan Hügelgräber, geheimnisumwittert und noch nicht endgültig erforscht. Der Chefarchäologe des Gebietes zeigte mir alles ausführlich. Ich war von den Hügelgräbern, gerne auch liebevoll als Alternative zu den ägyptischen Pyramiden bezeichnet, begeistert. Allerdings war der Besuch auch ein wenig anstrengend, denn die Hügelgräber hatten keine wirklichen Zufahrtswege – womit man aber leben kann – es ist eben Natur. Aber es gibt keinerlei Infrastruktur, noch nicht mal Hinweistafeln, was das denn für ein „Erdhaufen“ ist. Aber es gibt etwas, was sich die Touristen anschauen können und wenn die ersten Touristen kommen, kommt auch automatisch die Infrastruktur. Man muss nur die Werbetrommel ein wenig rühren und die notwendigen angenehmen Startbedingungen für die vielen neuen Kleinunternehmer schaffen.
 
Werfen wir noch schnell einen Blick auf eine andere, geheimnisvolle Kultstätte, deren Bedeutung auch noch nicht endgültig geklärt ist. Hier hat man zumindest schon mal angefangen, ein wenig an der Infrastruktur zu bauen.
 
Unweit von dieser Kultstätte befindet sich ein kleines grünes Paradies, Wasser und ein Platz zur Erholung. Es tut sich etwas, aber nicht in dem Tempo, wie nötig, um wirklich einen echten profitablen Tourismus zu entwickeln.
 
Und es gibt in diesem Gebiet auch Dörfer in dem RusslandDeutsche wohnen. Auch hier könnte man den Tourismus entwickeln. Landsleute besuchen Landsleute – oder so ähnlich. In einer Woche Aufenthalt im Kurganer Gebiet kann man viel zeigen. Ich selber war eine Woche im Gebiet und habe für viele Wochen, vielleicht sogar Monate, Eindrücke mitgenommen, die ich nun mit Ihnen teilen möchte.
 
Das Gebiet verfügt auch über eines der ältesten Klosteranlagen in Russland, malerisch gelegen im Zentrum der Kleinstadt Dalmatowo – einer Stadt völlig ohne Touristen, dafür aber mit einem See, der in wenigen Wochen ein kleines grünes Paradies sein wird. Ein tolles Erlebnis, wenn Touristen, insbesondere westliche Touristen, durch diese Anlage geführt werden und dann auch noch von den Mönchen im Kloster mit Selbstgebackenen, Selbstgekochtem, Selbstgebrautem, Selbsteingemachtem, Selbstgesammeltem bewirtet werden.
 
Dann hörte ich von Alexander Iltjakow das Totschlag-Argument: „Alles schön und gut. Aber wie bekommen wir die Touristen, insbesondere die ausländischen Touristen nach Kurgan“?
 
Ja, das erforderte meinerseits dann doch schon ein paar Augenblicke des Nachdenkens, denn eine internationale Fluggesellschaft „Kurgan-Airlines“ gibt es nicht und wird es wohl auch in absehbarer Zeit nicht geben.
 
Aber eine regionale „KaKu-Airline“ könnte man schaffen, also eine direkte Flugverbindung zwischen Kaliningrad und Kurgan. Ich selber bin teilweise mit einer AN-2 geflogen, ein tolles Erlebnis im Himmel über das Kurganer Gebiet. Für den Flug von Kaliningrad nach Kurgan und zurück, sollte man aber doch etwas modernere Flugzeuge wählen.
 
Somit können Kurganer nach Kaliningrad kommen und Kaliningrader nach Kurgan fliegen. Aber die Ausländer? Tja, da braucht man schon einen Zubringer, der direkt nach Kaliningrad fliegt. Aber da es sich sicherlich, zumindest in der Anfangszeit, um organisierten Tourismus, also Reisegruppen handelt, sind Charterflüge, also keine Linienflüge, nötig, die das ausländische Tourismusunternehmen, mit dem beide Regionen in Westeuropa zusammenarbeiten müssten, natürlich organisiert. Wenn Kaliningrad und Kurgan ein gemeinsames Tourismusbüro schaffen, wird die Zusammenarbeit mit ausländischen Reisebüros sicherlich viel besser funktionieren.
 
In der Zeit, wo die Mitarbeiter des Ka-Ku-Reisebüros auf Kunden warten, können sie in den sozialen Netzwerken ein wenig kostenlose Reklame für beide Regionen machen. Vielleicht findet man ja aber auch fanatische Blogger, die bereit sind, über die Entwicklung des Projektes zu berichten.
 
Ich war nur eine Woche im Kurganer Gebiet und ich bin nicht der hochqualifizierte Unternehmensberater, der fertige Entwicklungskonzepte vorlegt. Ich bin Blogger und hatte Eindrücke und habe Gedanken. Vielleicht können Sie, Anton Andrejewitsch und Sie Wadim Schumkow mit meinen Gedanken und Ideen etwas anfangen. Ich würde mich riesig freuen, wenn ich in einem Jahr ein neues optimistisches Video veröffentlichen kann … gerne natürlich auch früher.
 
Gelingt das Vorhaben und wird das KaKu-Tourismuscluster geschaffen, hat zwar Kaliningrad immer noch keine russische Historie und Kurgan immer noch keine ostpreußischen Häuser, aber beide zusammen haben all das, wovon insbesondere der Westtourist, Russlandfan und Ostpreußennostalgiker träumt. Verpassen Sie nicht die Chancen die Gebiete zu entwickeln und den ganzen Reichtum Russlands zu zeigen. Folgen Sie den Empfehlungen des russischen Präsidenten: Pragmatismus dort anwenden, wo es für uns von Vorteil.
 
Holen Sie die Touristen aus dem westlichen Ausland eine Woche zu uns nach Kaliningrad. Setzen Sie sie in den Regionalflieger nach Kurgan um eine Woche russische Historie, russische Romantik zu inhalieren. Danach erfolgt die Rückreise nach Kaliningrad um dann ihre Eindrücke in ihrem Heimatland zu verbreiten. Eine einfache Idee, vielleicht aber nicht ganz einfach umzusetzen. Aber Probleme sind dafür da, dass wir sie lösen.
Reklame

Kommentare ( 0 )

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung