Sonntagsplauderei: Russen sind Weltmeister im Schlange stehen

Sonntagsplauderei: Russen sind Weltmeister im Schlange stehen
 
Schlange stehen will gelernt sein. Die im Sozialismus Geborenen, aber insbesondere die im sowjetischen Sozialismus Geborenen haben hier weltmeisterliche Qualitäten entwickelt.
 
 
In der ehemaligen DDR gab es einen Witz:
 
Fragt der DDR-Bürger einen West-Besucher: „Was machst Du, wenn Du eine Schlange siehst?“ Antwortet der West-Bürger: „Ich renne weg. Und was machst Du?“ Antwortet der DDR-Bürger: „Ich stelle mich hinten an.“
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Der Revisor“
 
An der Stelle lachten sich die DDR-Bürger halbtot und der marktwirtschaftlich verwöhnte Westdeutsche schaute verständnislos, denn den Begriff „Schlange stehen“ kannte man eigentlich nicht in den angenehm duftenden, mit übervollen Regalen ausgestatteten, Verkaufseinrichtungen.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Der Revisor“
 
Das „Schlange stehen“ gehörte zum ganz normalen sozialistischen Alltag. Alle ärgerte es, denn letztendlich könnte man mit dieser Zeit etwas Besseres anfangen, also auf der Straße rumzustehen und zu warten, bis man die zugeteilte Ein-Kilo-Menge Apfelsinen oder Mandarinen zu Weihnachten kaufen durfte oder aber auch einen Videorekorder, der erstmals im 40. Jahr der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1989, aus Japan importiert und für ein Wahnsinnsgeld – 8.800 Ostmark, in einem Laden am Berliner Alexanderplatz verkauft wurde. Die Schlange war damals hunderte von Metern lang. Und wer nach stundenlangem Anstehen endlich an der Verkaufstheke stand, erfuhr, dass er zu diesem Videorecorder sogar noch drei Kassetten kaufen durfte – zu je 80 Ostmark das Stück.
 
Ich selber habe mir auch so einen Videorekorder gekauft, aber habe nicht in der Schlange gestanden. Nein, ich hatte keine Beziehungen, um durch die Hintertür etwas zu bekommen. Ich hatte nur vier Jahre in der Sowjetunion studiert.
 
Der Unterschied zwischen der deutschen und der sowjetischen Schlange bestand darin, dass der DDR-Deutsche ordentlich und diszipliniert in der Schlange stand und wartete, bis er planmäßig dran war. Die optische Struktur der deutschen Schlange war auch eindeutig zu erkennen. Eine schnurgerade Menschenschlange.
 
Der Sowjetbürger war weniger diszipliniert und liebte mehr die unübersichtlichen Menschenansammlungen. Das hatte den Vorteil, dass man sich vordrängeln konnte. Jeder Sowjetbürger war Weltmeister im vordrängeln. Und ich war ein durchaus guter Student – zumindest in diesem Unterrichtsfach.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Besonderheiten der nationalen Jagd“
 
Lange Rede, kurzer Sinn. Um was geht es eigentlich?
 
Es geht um einen merkwürdigen Vorfall im größten Land der Welt, wo jemand unbedingt Schlange stehen will, aber alle, die vor ihm schon stehen, gerne bereit sind, ihn vorzulassen – ein vorerst unverständliches psychologisches Phänomen, schien mir … bis ich am Ende des Beitrags sah, warum die russische Wartegemeinschaft so verständnisvoll für denjenigen war, der eigentlich, wie üblich in Russland, hätte rufen müssen: Wer ist hier der Letzte?  Film ab!
 
 
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