Wie beginnt man in Russland ein Business?

Wie beginnt man in Russland ein Business?
 
Es gibt zehn Gründe, sich nicht als selbständiger Unternehmer in Russland zu engagieren. Der erste Grund ist: Kein Geld. Wollen Sie jetzt noch die anderen neun Gründe wissen? So lautet einer der klugen Sprüche in Russland, wenn man etwas will und nicht weiß, wie man es umsetzen soll. Aber außer ein wenig Startkapital benötigt man auch Vertrauen in sich selbst und in die Zukunft. Begleiten Sie einen Neu-Kaliningrader bei der Umsetzung seiner Geschäftsidee.
 
 
Ständigen Zuschauern meiner Kanäle ist Konstantin natürlich bereits bekannt. Gemeinsam mit seiner Frau war er zweimal zu einem Touristenaufenthalt in Kaliningrad und man entschloss sich, von Omsk nach Kaliningrad überzusiedeln. Der Haushalt in Omsk wurde aufgelöst, die Wohnung verkauft und im Januar 2021 erfolgte der Umzug nach Kaliningrad.
 
Eine Wohnung wurde gefunden, die bürokratischen Dinge, die bei jedem Umzug zu erledigen sind, schnell erledigt. Vieles erfolgt in Russland schon über das Internet. Gerade die Corona-Krise hat den Prozess der Digitalisierung, insbesondere der Verwaltungsprozesse in Russland erheblich beschleunigt.
 
Dann begannen die Überlegungen, mit was man sich in Kaliningrad beschäftigen könnte. Gesucht wurde eine Tätigkeit als selbständiger Unternehmer und nicht als angestellter Mitarbeiter und zum anderen sollte der Broterwerb natürlich langfristig gesichert sein.
 
Eine der Hauptentwicklungsrichtungen in Kaliningrad ist der Tourismus. Vor einigen Jahren wurde diese Entscheidung gefällt und mit Blick auf die heutige, nicht gerade einfache Zeit für die Tourismusbranche, hatte die Kaliningrader Gebietsregierung die richtige Strategieentscheidung getroffen. In Kaliningrad boomt der Tourismus.
 
Ausländer haben in der Statistik keine dominierende Rolle gespielt und deren Zahl ist gegenwärtig, bedingt durch die Reisebeschränkungen, rückläufig. 80 Prozent aller Touristen kamen vor der Corona-Krise aus dem russischen Mutterland. Diese Zahlen sind in den letzten 18 Monaten nicht nur im prozentualen Verhältnis gestiegen, sondern auch in absoluten Ziffern. Man will in diesem Jahr zwei Millionen Touristen begrüßen – so viele, wie nie zuvor in der Geschichte Kaliningrads.
 
Die Infrastruktur wird intensiv ausgebaut, kommt aber wohl mit den aktuellen Erfordernissen nicht in Einklang. Der Tourist, der somit nach Kaliningrad kommt, muss bereit sein, Kompromisse einzugehen, auf irgendwelche Dinge zu verzichten, die er aus anderen Urlaubsorten gewohnt ist. Dafür nimmt er aber teil am Aufbau einer touristischen Infrastruktur, die in wenigen Jahren keine Wünsche mehr offenlässt.
 
Für mich persönlich, in meiner Eigenschaft als Blogger, ist das fertige Ergebnis zwar auch von Interesse, aber der Prozess des Aufbaus – möglichst aus dem Nichts heraus – ist wesentlich interessanter. Und somit konnte ich Konstantin überreden, dass ich ihn während der Umsetzung seiner Geschäftsidee begleiten darf – von Zeit zu Zeit werde ich somit meine Kamera einpacken und ihm über die Schulter schauen.
 
Konstantin hat sich entschlossen, ebenfalls eine Art Tourismusbusiness aufzubauen. Allerdings orientiert er sich nicht auf Touristen, die von außerhalb kommen, sondern auf erholungssuchende Kaliningrader.
 
Hier hatte sich, nach einer durchgeführten Marktanalyse herausgestellt, dass es einfach völlig unzureichende Möglichkeiten für die Kaliningrader gibt, um sich über das Wochenende oder einfach nur mal so am Abend irgendwo zu erholen. Die Ostseestädtchen, die Strände sind übervoll, Parkplätze kaum frei, überall Schlangen. Die wenigen Aktivitäten, die bereits andere Investoren in Kaliningrad eingeleitet haben, um kleine Erholungsoasen zu schaffen, sind nicht ausreichend. Wochenlang vorher muss man sich anmelden, um einen Platz an der Sonne zu buchen … in der Hoffnung, dass dann wirklich die Sonne auch am Platz ist.
 
Und genau in diese Lücke will Konstantin mit seinem Geschäftsgedanken hineinspringen.
 
Gesucht und gefunden wurde ein Grundstück, welches irgendwo auf dem Weg zwischen Kaliningrad und den Ostseestädtchen Svetlogorsk und Jantarny liegt. Unweit dieses Fleckchens, mit dem romantischen Namen „Dworiki“, also frei übersetzt mit „Höfe“, führt eine Straße vorbei, die in Kürze als weiteres Teilelement der sogenannten Ostseeautobahn ausgebaut wird. Somit ist die Transportlogistik perfekt und der erholungssuchende Kaliningrader erreicht den Ort in maximal 30 Minuten.
 
Für die Entwicklung des Grundgedankens, wie man das Grundstück am effektivsten nutzen kann, wurde eine Projektfirma in Kaliningrad beauftragt, Vorschläge zu unterbreiten. Innerhalb weniger Wochen wurden die Grundstücksmöglichkeiten mit den Vorstellungen Konstantins und den finanziellen Möglichkeiten abgestimmt. Natürlich mussten Kompromisse und Abstriche gemacht werden.
 
Parallel liefen bereits alle anderen Arbeiten, für die sich Konstantin selber verantwortlich fühlte. Für alle Arbeiten findet man in Kaliningrad bereits Firmen, die diese übernehmen, die die Kontakte haben und die helfen, dass man Nerven und Zeit spart. Geld spart man dabei allerdings nicht. Und derjenige, der sich selber engagiert und persönlich durch die Bürokratie läuft, sammelt einerseits Erfahrung bei der Bewältigung der Probleme und kann diese zukünftig einsetzen, um anderen zu helfen … natürlich gegen entsprechende Bezahlung und macht andererseits natürlich auch die Bekanntschaft mit vielen Entscheidungsträgern … und, Sie meine lieben Zuschauer, kennen ja einen Spruch von mir: „Kommunist ohne Beziehungen, ist dasselbe wie ein Kapitalist ohne Geld.“ Und wenn Beziehungen und Geld vorhanden sind, dann steht dem Gelingen einer Geschäftsidee eigentlich nichts mehr im Wege.
 
Wichtigste Voraussetzung ist natürlich der Anschluss an die kommunalen Dienstleistungen.
 
Konstantin hatte Glück, denn die Hauptstromleitung mit den entsprechenden Anknüpfungspunkten befindet sich in unmittelbarer Nähe des Grundstücks. Der Erstanschluss mit Strom ist dazu noch kostenlos – wenn man mal die 500 Rubel Bearbeitungsgebühren vernachlässigt. Auch ein Gasanschluss ist in Laufnähe. Leider fallen kommerzielle Objekte nicht unter die Weisung des russischen Präsidenten, diese in Jahresfrist kostenlos an das Gasnetz anzuschließen. So hat sich Konstantin entschlossen, vorläufig auf Gas zu verzichten, denn der Gasanschluss ist ein teures Vergnügen und für seine Geschäftsidee auch nicht dringend erforderlich.
 
Für die Wasserversorgung wird ein eigener Brunnen gebohrt. Wichtig ist, dass dies auch eine professionelle Firma vornimmt, denn die Wasserqualität ist in diesem Gebiet in unterschiedlichsten Schichten auch in unterschiedlicher Qualität. Konstantin will tiefer bohren, er will Quellwasserqualität. Dabei ist klar, dass je tiefer gebohrt wird, man auch tiefer in die Tasche greifen muss.
 
In den letzten Tagen rollte bereits die erste Technik an.
 
Ein Container wurde aufgestellt, um Baumaterial und Maschinen unterzubringen.
 
Das Grundstück wurde grob planiert und von der Grasdecke befreit.
 
Sand wurde angefahren und wird wohl noch in größeren Mengen benötigt, um das Gelände im Gefälle ein wenig auszugleichen.
 
Und noch in diesem Jahr plant Konstantin mit dem Bau der ersten Häuser zu beginnen. Baugenehmigungen sind für die Häuser, die Konstantin plant, nicht nötig, denn sie werden kein Fundament haben und somit sind es „mobile Häuser“, befreit von einer Reihe von Genehmigungsverfahren.
 
Gebaut werden sollen kleine Gästehäuser für maximal vier Personen sowie mehrere Saunen. Ein Schwimmbecken mit regulierbarer Wassertemperatur gehört ebenso zu den Plänen, wie ein Parkplatz, Grillplätze für jedes Haus, Umkleidezonen für die Badelustigen.
 
Rings um den kleinen Teich wird es eine Promenade mit Anglerstegen geben.
 
Für diejenigen, die nicht um den See herumlaufen wollen, wird an dessen engster Stelle eine Brücke errichtet.
 
Viele Arbeiten werden von der im Dorf ansässigen Bevölkerung erledigt, die auch zukünftig in den Geschäftsgedanken von Konstantin mit einbezogen werden soll: Frische Eier, Obst, Gemüse, Marmelade, Honig, selbst gebackenes Brot und Brötchen sollen den Gästen des Naherholungsobjektes angeboten werden.   
 
Auf meine Frage an Konstantin, wann er das Objekt in Nutzung überführen wird, erhielt ich die Antwort, dass man eigentlich noch in diesem Jahr ein Haus und eine Sauna fertigstellen wolle, um diese auf Eignung zu testen. Läuft alles so, wie man es sich vorstellt und die Bauten entsprechen den Qualitätsvorstellungen, so wird das Objekt in Schritten ausgebaut und in drei, vier Jahren fertiggestellt sein.
 
Die ersten, wirklichen Gäste, sollen allerdings schon im kommenden Jahr kommen – zu Schnupperaufenthalten und Schnupperpreisen.
 
Im Gespräch mit Konstantin merkte ich seinen Optimismus. Und ich war ein wenig stolz auf ihn und unsere Bekanntschaft, denn in wenigen Tagen feiert er seinen 60. Geburtstag und mit 60 Jahren in eine andere Stadt zu ziehen und eine neue Firma zu gründen, wissend, dass vier Jahre Arbeit ohne Urlaub und Erholung vor ihm liegen – dazu gehört schon eine gehörige Portion Optimismus in die Zukunft.
 
 
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