Zweimal Umziehen ist wie einmal ausgebombt

Zweimal Umziehen ist wie einmal ausgebombt
 
Umziehen in Russland sieht etwas anders aus, als in Deutschland. Richtige Möbeltransporte, so, wie man dies aus Deutschland gewohnt ist, gibt es nicht. Das macht den Umzug nicht nur billiger, sondern auch abenteuerlicher. Nun erhielten die Bewohner eines Hauses in Kaliningrad die Nachricht, dass sie zweimal umziehen dürfen, vielleicht sogar dreimal.
 

Beginnen wir damit, dass vor Ihnen ein glücklicher russischer Blogger sitzt, der endlich mal wieder etwas aus seiner Lieblingsstadt Kaliningrad berichten kann. Es ist nicht so, dass in Kaliningrad nichts passiert. Es passiert täglich sehr viel, aber für Deutsche in Deutschland sind 99,9 Prozent aller Kaliningrader Lokalereignisse nicht von Interesse – selbst für die, die ständig kundtun, wie sehr sie doch um Königsberg besorgt sind.
 
Heute geht es um ein bekanntes Haus in Kaliningrad, welches abgerissen werden soll. Nein, halt, schalten Sie nicht ab! Es geht nicht um das „Haus der Räte“, dessen Abriss in wenigen Wochen beginnen wird. Wir haben noch mehr Häuser in Kaliningrad, die im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und abgerissen werden müssen – Stichwort Baufälligkeit.
 
Videobegleitung: Pregelansichten mit Troika-Hochhäusern
 
Es geht um ein Haus auf dem Moskauer Prospekt. Eigentlich sind es drei Hochhäuser, erbaut zu sowjetischen Zeiten, die damals hunderte von Menschen glücklich gemacht haben, als diese die Schlüssel zu fernbeheizten Wohnungen übergeben bekamen – dazu noch perfekt gelegen zwischen dem Pregel und einer der Hauptstraßen der Stadt.
 
Im Jahre 2004 hatten wir ein Erdbeben in Kaliningrad. Es war ein kurzer, heftiger Stoß – mir fiel damals die Kaffeetasse in meinem Office aus der Hand – vor Schreck, nicht wegen dem Stoß. Es gab einige Schäden in der Stadt, aber alles überschaubar. Aber das Gebäude auf dem Moskauer Prospekt erhielt seinen ersten Schlag und es zeigten sich Risse.
 
Videobegleitung: Pregelansichten mit Troika-Hochhäusern
 
Im Jahre 2015 begannen die Restaurierungsarbeiten an der Pregel-Promenade. Monatelanges einhämmern von Stützpfeilern in die Uferbefestigung hatten Auswirkung auf das Haus Nr. 70. Die Risse wurden größer. Sie wurden so groß, dass eine Untersuchungskommission die Bausubstanz prüfte und feststellte, dass das Haus baufällig ist. Es musste so schnell wie möglich geräumt werden.
 
Videobegleitung: Pregelansichten mit Troika-Hochhäusern
 
Den Bewohnern wurde anderer Wohnraum angeboten und, da man nichts weiter las und hörte, scheint dieser Prozess wohl alle zufriedengestellt zu haben.
 
Dann zog auch die Kunstgalerie, die sich in einem Flachbau befand, welcher alle drei Hochhäuser miteinander verbindet, aus. Auch hier gab es wohl Risse – sagte man damals. Jetzt befindet sich diese Einrichtung, nun schon unter der Bezeichnung „Museum für bildende Kunst“ im historischen Gebäude der „Börse“ auf dem Leninski-Prospekt und dieser Flach-Vorbau wird von irgendwelchen anderen Pächtern genutzt.
 
Videobegleitung: Pregelansichten mit Troika-Hochhäusern
 
Der Abriss des Gebäudes Nr. 70 war beschlossene Sache, erfolgte aber nicht. Es erwies sich, dass auch ein Abriss wohl überlegt sein will, denn links und rechts stehen noch zwei Hochhäuser – es sind Drillinge und das Haus Nr. 68 steht in Verdacht, auch Schäden davonzutragen, wenn der Abriss des Hauses Nr. 70 nicht gut geplant erfolgt.
 
Zwei qualifizierte Projektierungsfirmen haben sich mit der Abrissplanung beschäftigt und den Kaliningrader Verantwortlichen ihre Empfehlungen übergeben. Eine der Empfehlungen war, dass die Bewohner des Hauses Nr. 68 während der Abrissarbeiten ausziehen sollen. Sie sollen in Reservewohnungen zeitweilig untergebracht werden. Wenn das Haus abgerissen ist, man geht von einem Jahr aus, sollen sie wieder zurückziehen.
 
Ich gerate schon immer in Hektik und Panik, wenn ich mal verreisen will und meinen Rucksack packe. Ich stelle mir nun diese Leute vor, die innerhalb eines Jahres zweimal umziehen sollen und sich im Ergebnis des Umzuges für diese Leute gar nichts ändert.
 
Und es geht ja nicht nur um den Umzug als rein technischen Prozess. Es geht auch um alle weiteren Begleiterscheinungen. Ist der Weg zur Arbeit jetzt umständlicher, vielleicht länger? Wie ist es mit den Kindern, die im nächstgelegenen Kindergarten oder der nächstgelegenen Schule untergebracht sind. Müssen die jetzt auch in andere Kindergärten oder Schulen oder haben sie einen längeren Anmarschweg? Von vielen anderen liebgewordenen Gewohnheiten mal ganz zu schweigen.
 
Also, zu beneiden sind die Bewohner des Hauses Nr. 68 auf dem Moskauer Prospekt nicht. Und wenn man sich die Häuser so anschaut … hm, ein optischer Augenschmaus sind sie nicht – vielleicht sollte man die Gelegenheit nutzen und zeigen, wie ein sowjetisches Hochhaus nach einer Hauptinstandsetzung aussehen kann? Einige Erfahrungen haben wir doch schon in Kaliningrad.
 
Zum Schluss dieses Beitrages ein humoristischer Beitrag – wenn Sie denn dafür noch Zeit haben. Er zeigt, wie zu sowjetischen Zeiten Wohnungsprobleme gelöst wurden.
 
Videoeinspielung: Eine sowjetische Dame weiß, was sie nicht will
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