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Feldmarschall Gneisenau, Fort Nr. 4 und die klügeren Russen

So, 15 Feb 2015 Kultur & Sport


Feldmarschall Gneisenau, Fort Nr. 4 und die klügeren Russen

Eine anstrengende Woche in Deutschland ging ihrem Ende entgegen und ich freute mich auf ein ruhiges Wochenende in Kaliningrad. Bis mit lautem Poltern ein Brief in unseren elektronischen Postkasten purzelte.

Geschrieben hatte mir Nastja, unsere fleißige Mitarbeiterin, die sich um Übersetzungen und Kultur kümmert. Sie besucht Konzerte, Theaterveranstaltungen, Stadtfeste und Museen und versorgt uns mit den angenehmen Informationen, die wir in der Regel am Sonntag für unsere Leser veröffentlichen.

Diesmal machte Nastja mich auf eine Kult(ur)-Veranstaltung, die am gestrigen Samstag stattgefunden hat, aufmerksam. Ich wunderte mich, warum sie mir den Besuch empfahl und nicht selber hinging.

Aber nachdem ich das Ziel erreicht hatte, war mir alles klar …

Nastja hatte mich ans Ende der Gorki-Straße geschickt, ganz hinten und dann links weg. Da geht es zum Fort Nr. 4 – auch als „Gneisenau-Fort“ bekannt. Die Polizisten die dort standen und die ich vorsichtshalber noch nach dem richtigen Weg fragte, antworteten mir nicht nur freundlich, sondern sahen auch irgendwie amüsiert aus und schauten ein wenig mitleidig auf meine ganz normale Bekleidung.

Wenige Minuten später war mir alles klar.

Foto: Wendeschleife Buslinie 30, nach 100 Metern links abbiegen

 

Trotz meiner über 25jährigen Russlanderfahrung bin ich anscheinend immer noch kein Russlandspezialist. Und jetzt hat sich erwiesen, dass ich noch nicht einmal ein Russland-Versteher bin. Wie ein verwöhnter Westeuropäer bin ich los, um Kultur zu genießen. Aber Kultur kann in Russland eben unterschiedlich sein und nicht jeder kulturelle Weg ist gepflastert.

Und wenig später sah ich, wie der Russe Probleme löst, wo der Westeuropäer vielleicht noch verzweifelt nach Lösungsansätzen sucht.


Foto: Links die westeuropäische Lösung, rechts die einfache russische Lösung, für diejenigen, die keine Gummistiefel kaufen wollen.
 

Foto: Die russische Luxusvariante – das Liebste was man hat, wird auf Händen getragen
 

Ich sah allerdings auch andere Varianten … ein junger Mann ließ seine Frau erstmal vorgehen, um zu sehen, wie tief der Schlamm war. Meinen Hinweis, dass man Frauen auch auf Händen tragen kann, kommentierte er: „Ich hab nichts dagegen, wenn Sie meine Frau tragen wollen.“

Sie wissen es bereits, unsere Nastja hatte mich „…mit lieben Grüßen“ zum Motorrad-Gelände-Rennen geschickt. Die Strecke befindet sich direkt auf dem Festungsgelände vom Fort Nr. 4 und, obwohl diese Anlage von unserem Office nur 20 Minuten Fußweg entfernt liegt, war ich noch niemals da gewesen. Für mich also eine doppelte Premiere – erstmalige Teilnahme an einem Motorradrennen und der Besuch des Fort Nr. 4 am Ende der „Gorkowo“.


Foto: (links oben) – Reste aus der vorherigen Veranstaltung – Kinderwagenrennen auf dem zugefrorenen Wallgraben und weitere Eindrücke aus Ereignissen von vor 70 Jahren


Insgesamt gab es sechs Rennen in den verschiedensten Gruppen. Begonnen hat alles in der Früh um 9 Uhr und geendet haben die Rennen mit der Auszeichnung der Sieger um 17.30 Uhr.

Foto: Viele Zuschauer auf der Strecke und ein disqualifizierter Teilnehmer (rechts unten). Das Zweirad konnte keiner Teilnehmergruppe zugeordnet werden.

 

Ich nutzte die Gelegenheiten zwischen den einzelnen Rennen, um mich mit Land und Leuten vertraut zu machen.

Foto: Oben die „Durchschnittsbürger“, unten eine Obdachlosenunterkunft – immerhin in einer historischen Immobilie

 

Auf meiner Besichtigungstour fand ich neben historischen Festungsanlagen auch jede Menge moderner Betonbauten aus den Kriegsjahren. Den Versuchen, sie zu sprengen, hatten sie anscheinend standhaft widerstanden. Und eine dieser unerklärlich niedrigen Betondinger, war Unterkunft für einen Obdachlosen – keine Fenster, keine Türen, also immer an der frischen Luft. Der junge Mann, keine 30 Jahre alt, kümmerte sich um seinen Hund. Wasser zum Tee kochen oder zum Waschen bekam er aus dem Festungsgraben, der gleich über den Weg war. Eine herabhängende Stahlstange dient als Fitness-Gerät und ansonsten sah ich, dass eigentlich alles vorhanden war, was man in einem Junggesellenhaushalt braucht und was ohne Strom betrieben werden konnte. Der junge Mann machte mir im Gespräch auch gar nicht so einen unglücklichen Eindruck. Die Frage, warum er sich nicht bei der Stadt melde, um dort eine Arbeit zu bekommen, habe ich mir aber verkniffen. Warum das gute Verhältnis mit so schnöden Zivilisationsfragen beeinträchtigen?

Es ging weiter zu anderen Standorten, wo die Streckenschwierigkeiten etwas größer waren. Ein freundlicher Russe hatte mir gezeigt, wo ich hingehen sollte – direkt rein in die Festung, auf die Insel – dort ist der schwerste Punkt:

Foto: Jeder Zweite scheiterte und musste absteigen – ein verdammt schwieriger Streckenabschnitt


Da ich „ganz dicht dran sein wollte, am Geschehen“ brauchte ich mich anschließend auch nicht zu wundern, dass meine Bekleidung insgesamt dem Zustand meiner Schuhe angepasst war.

Foto: … über sieben Brücken musst du geh´n … ehe man auf den Hund kommt, solche Typen wie rechts oben kennenlernt, sich an einer simplen, aber effektiven Heizung aufwärmen und ein frisch gegrilltes Schaschlik essen kann.

 

Kurz vor dem Ziel:

Foto: Die Jungs waren so schnell, dass nur noch unscharfe Fotos gelungen sind


Und hier noch ein paar Eindrücke vom Start- und Vorbereitungsplatz.

Foto: Früh übt sich, was ein richtiger Quadro-Fahrer werden will.

 

Ein gelungener Tag – sowohl für mich, wie auch für die außerordentlich vielen Teilnehmer. Vielleicht ist so eine Veranstaltung nicht unbedingt für den Standard-Touristen geeignet, insbesondere, wenn er sich nicht richtig auf das Gelände vorbereitet. Aber man sieht, womit sich der Russe in seiner Freizeit beschäftigt, was ihm Spaß macht – und das Ganze mitten drin in Krise und Sanktionen.

Uwe Niemeier

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Sport, Stadtereignisse

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