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Königsberger Denkmäler und Skulpturen in Kaliningrad – Teil 3

So, 17 Apr 2016 Kultur & Sport


Königsberger Denkmäler und Skulpturen in Kaliningrad – Teil 3

Kaliningrad ist eine moderne Stadt. Im Rahmen der Entwicklung des Tourismus wird durch die Kaliningrader Regierung immer mehr Wert auf die historische Vergangenheit der Stadt und des Gebietes gelegt. Zur historischen Vergangenheit gehören auch altdeutsche Denkmäler und Skulpturen, die den Krieg und die Nachkriegswirren überdauert haben und heute noch im Stadtbild präsent sind.  In einer neuen siebenteiligen Serie zeigt ein historisch interessierter Deutscher Königsberger Denkmäler und ihr Schicksal im heutigen Kaliningrad.

Nach jahrzehntelangem Dahinsiechen, einhergehend mit allmählichem Verfall dachte ich schon meine Tage seien gezählt. Mein Anblick erfreute so richtig keinen mehr, diejenigen wenigen die mich besuchten, traten mich mit Füssen, benutzten mich als Sitzbank oder als Mülleimer. Meine Heimstatt war der Hinterhof des Hafenkrankenhauses, der ehemaligen Chirurgie in der Wagnerstraße. Es ist dieselbe Straße, die vom Schlosse kommend (oder als Orientierung vom heutigen Hotel Kaliningrad/Einkaufzentrum Plaza) in Richtung der ehemaligen Sternwarte Richtung Westen führt. Früher hatte sie den Namen Totenstraße (für viele Königsberger war dies der letzte Gang). Im Mai des Jahres 1888 wurden einige Direktoren der Uni-Kliniken beim Magistrat dahin vorstellig, dass es wohl ein Unding wäre, wenn eine inmitten von Heilanstalten gelegene Straße Totenstraße hieße und wurde daraufhin nach dem Chirurgen Karl Ernst Albrecht Wagner benannt; die Nazis nannten sie kurzzeitig Richard-Wagnerstr. Bis heute trägt sie den Namen Ulitza Wagnera.

Fotomontage: Vorderseite Chirurgie: erhaltene Reliefs (von Stürmer?)
 
Fotomontage: Schweiggerstein von 1824 Botanischer Garten
 
Warum man mich hierher verfrachtet hatte weiß ich nicht. Es lag sicherlich nicht daran, dass an der Vorderfront der Chirurgie noch zwei Reliefs der bekannten Chirurgen Dieffenbach und Richter erhalten geblieben sind und man uns zusammenführen wollte. Auch ein Entgegenkommen der sowjetischen Verwaltung zwecks räumlicher Nähe zum Gedenkstein für den ersten Direktor des Botanischen Gartens, dem Professor für Botanik und Medizin August Friedrich Schweigger oder der Gedenktafel für den Astronomen und Naturwissenschaftler Friedrich Wilhelm Bessel schließe ich aus. Auch der nahe gelegene Gelehrtenfriedhof wird es nicht gewesen sein.
 
 

Und nun will ich mich endlich vorstellen – das bin ich in meiner vollen Schönheit zu Königsberger Zeiten.

 

Als Vertreter meiner Gattung, bedingt durch unsere gegebene Trägheit bin ich eigentlich gar nicht dazu auserkoren den Standort oft zu wechseln. Trotzdem nennen mich manche Russen heute zärtlich mit dem russischen Wort Puteschestvennik was so viel bedeutet wie Reisender, obwohl die meisten mich nur „Putti“ rufen oder „Fontan Putti“; dies wohl deshalb, weil meine ursprüngliche Bezeichnung „Puttenbrunnen“ für russische Zungen und Ohren ungewohnt ist. Das Wort kommt vom italienischen „putti“ was so viel bedeutet wie Knabe oder Knirps. Wahrscheinlich hat mein Schöpfer, der in Kreuznach geborene Wahlkönigsberger Stanislaus Cauer während seiner Studienjahre in Rom die Anregung für die Schaffung meiner Wenigkeit geholt.

Mein Dasein begann sehr verheißungsvoll. Schon wenige Jahre nachdem ich das Licht der Welt in Königsberg erblickte hatte (1908) wurde ich zu einer internationalen Springbrunnenmesse nach Posen geschickt. Nachdem ich dort den ersten Preis gewann, wollten die dortigen Stadtherren mich gleich dabehalten, mein Erbauer entschied sich jedoch dagegen und schenkte mich, sein preisgekröntes Kunstwerk, der Stadt Königsberg, wo er ja Professor und Leiter der Bildhauerklasse an der Kunstakademie war und die ja auch meine Geburtsstadt darstellte. Meine unbeschwerte Jugendzeit verbrachte ich danach an einem sehr feinen Platz am Westende des Schlosses Ecke Steindamm Poststraße, etwa vor dem heutigen Einkaufzentrum Plaza. In den dreißiger Jahren musste ich dem zunehmenden Verkehr weichen und mein nächster Standort war noch exclusiver: direkt neben der Hauptwache, dem Eingang an der Ostseite des Schlosses.

 

Foto: Links neben der Hauptwache, dem Eingang an der Ostseite des Schlosses. Der gleiche Standort auf dem rechten Foto nach den Angriffen 1944

 

Die mächtigen Gemäuer der alten Ordensburg waren es dann wohl auch, die mir das Leben retteten. Nachdem sich der Rauch des Zweiten Weltkriegs verzogen hatte, war um mich herum alles zerstört aber ich stand immer noch neben den Trümmern. Zum Glück hat mein Erbauer dies nicht mehr miterlebt, denn er verstarb am 8. März 1943 in seinem geliebten Königsberg.

Irgendwann in den Jahren danach muss ich dann meinen traurigen Weg an die anfänglich geschilderte trostlose Stätte hinter der Chirurgie angetreten haben.

Foto: Standort nach dem Krieg hinter der Chirurgie in der Wagnerstraße
 
Der dortige Direktor des Krankenhauses Herr Svistunov hatte dann ein Erbarmen mit mir und in Zusammenarbeit mit der Leitung des Ozeanmuseums und nach Überwindung zahlreicher Hindernisse begab ich alter Brunnen, mehr als hundert Jahre alt, mich auf meine vorerst letzte Reise. Nach dem Umzug in den Hof vor dem Ozeanmuseum am Ufer des Pregels in der Uferstraße Peter des Großen Nr.1 /Lizentstraße und einer ausgiebigen Heilbehandlung die ca. 25.000 Euro gekostet hat, erstrahle ich fast wieder in altem Glanze. In einer aufwendigen Operation wurde mir eine Springbrunnentechnik eingesetzt und mein Muschelkalk aufgepäppelt. Aber es hat sich gelohnt und ich fühle mich als wäre ich in einen Jungbrunnen gefallen.
 
Foto: Das bin ich heute nach meiner Runderneuerung
 
Stanislaus Cauer, geb. 1867 aus einer Bildhauerfamilie stammend, erfuhr bei seinem Vater eine gewissenhafte Lehre der Handwerkerkunst. Langen Studienjahren in Rom folgten weite Studienreisen ins  Ausland ehe er, schon 38jährig, nach Berlin zurückkehrte.  1907 begann seine Königsberger Ära die sich bis zu seinem Tod 1943 anhielt. Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit und die meisten Bewohner der Stadt kannten ihn zumindest vom Sehen. Sein Lebenswerk ist überwältigend und vornehmlich in Königsberg und Ostpreussen, aber auch Dresden, Berlin und Kassel fanden sich seine Arbeiten wieder. Er war ein gefragter Mann und nicht wenige wollten sich von ihm verewigen lassen. Bekannt ist sein Spruch zu seinen Studenten als er während eines Rundgangs sagte:
 
 
Noch in den 1990er Jahren sprach man von vier Werken Cauers die den Krieg überstanden, doch heute kann man ihm bedeutend mehr in unserer Stadt zuordnen und erst vor kurzem tauchte eine neue Skulptur aus dem Jahre 1928 auf. Der „Säer“ wurde zum  Tode des bekannten Besitzers des seinerzeit größten Buchladens Europas, Otto Paetsch, von Gräfe und Unzer geschaffen. Die Skulptur, die sich im Besitz eines Offiziers der Roten Armee befand, war kurzzeitig im Ozeanmuseum ausgestellt, ist jedoch momentan der Öffentlichkeit wegen Renovierung nicht zugängig. Die Einschusslöcher im Rücken der Plastik erklären diesen Schritt.
 
Foto: Der „Säer“ oder auch „Sämann“, rechts mit Kriegsverletzungen
 

Aufgetaucht sind auch wieder zwei verschollen geglaubte Werke von Cauer:

Das Hochrelief „Genius“, ein kauerndes Mädchen, geschaffen aus Marmor vor 1912. Ursprünglich angebracht am Treppenaufgang der Königsberger Universität, sowie die Figur Mutter und Kind in bemaltem Gips von 1919. Erstere ist in der Kunstgallerie (Moskovskij Prospekt 60/62)  und Zweitere im Innenhof der Universität zu sehen.

Foto: Links „Genius“, rechts „Mutter und Kind“
 

In der Ausstellungshalle des Packhauses, ein Teilmuseum des ganzen Ozeanmuseums ist im Obergeschoss ein „Rückkehrer“ zu bewundern. Es handelt sich um die lebensgrosse, 1939/41 aus Sand- Kunststein geformte „Katzenliesel“ . Es ist ein Werk des, 1885 in Gumbinnen geborenen und bis 1945 in Königsberg arbeitetenden Arthur STEINER, dessen Werke ihren Weg bis zu Kaiser Wilhelm II. fanden und dessen Tierplastiken bereits 1930 in einer Ausstellung zu bewundern waren. Seine Werke waren in vielen Städten Ostpreussens zu bewundern und auch nach seiner Flucht  hat er besonders in Erfurt noch viel geschaffen. Cauer schätzte ihn so hoch, daß er ihm bei seinem Tode sein gesamtes Werkzeug und seinen Marmor vermachte. Die „Katzenliesel“ wurde von seiner Enkelin vor nicht allzulanger Zeit dem Ozeanmuseum vermacht.

Sein zweites Werk welches noch in Kaliningrad zu bewundern ist, steht heute im Zoo. Es ist ein lebensgroßer Orang-Utan, roter Porphyr aus dem Jahre 1930 . Rechts vom Eingang des Packhauses ist noch eine interessante „Hausmarke“ von einem Speicher am Hundegatt angebracht. Bei einem Besuch in unserer Stadt, sollten Sie einen Besuch im Ozeanmuseum unbedingt einplanen.

Foto von links nach rechts: „Katzenliesel, Orang-Utan aus rotem Porphyr, Hausmarke  
 
 
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