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Baltisches Seekriegsinstitut F.F. Uschakow - Teil II

Mi, 11 Dez 2013 Politik & Gesellschaft


Baltisches Seekriegsinstitut F.F. Uschakow - Teil II

Kaliningrad ist mit einer Vielzahl von Gerüchten und Negativattributen im militärischen Bereich belastet. „Kaliningrad-Domizil“ versucht mit Artikeln aus dem militärischen Bereich reale und sachliche Informationen über die wirkliche Militärpräsenz im Kaliningrader Gebiet zu vermitteln. Im Rahmen unserer Kontakte und öffentlich zugänglicher Quellen sowie unter Beachtung der russischen Gesetzgebung berichten wir auch zukünftig zu diesem Themenkreis.

Das Institut hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Im Rahmen der allgemeinen Abrüstungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen in Russland war geplant, diese Schule nach St. Petersburg zu verlegen und mit dortigen Ausbildungseinrichtungen zu vereinen.

Foto: Baltisches Seekriegsinstitut F.F. Uschakow

Im Jahre 2006 nahm ich zum ersten Mal an einer Offiziersvereidigung an diesem Institut teil. Dort standen noch vor einem erlauchten Publikum auf der Tribüne auf dem Appellplatz einige große Offiziers-Blöcke mit Absolventen des Jahrganges 2006.

Foto: Ehrentribüne zur Vereidigung

Die Offiziersernennung war, wie jedes Jahr, ein Stadtereignis und immer ein Anlass für den „Tag der offenen Tür“.

Foto: Angetretene Formation zur Offiziersernennung

Foto: Abnahme der Parade im Seekriegsinstitut

Foto: (privat) Offiziersernennung Jahrgang 2006

Mit jedem Jahr wurde es ruhiger und im Jahre 2013 wurden gerade einmal noch 135 Studenten zum Offizier ernannt. Dies hatte natürlich seine Ursache – zu finden in den unterschiedlichen Denkweisen der russischen Staatsführung.  

In den 90er Jahren war die damalige russische Staatsführung der Meinung, dass die ganze Welt sich lieb hat und es keine Feinde und keine feindlichen Blöcke mehr gibt. Diese Meinung war vielleicht auch nicht so ganz abwegig oder doch zumindest diktiert durch andere Prioritäten – das Land hatte noch andere Sorgen. Man beschäftigte sich mit der Privatisierung und dem Sozialumbau des Staates und diese Themen waren für die Sicherheit des Landes wichtiger, als kampfbereite Truppen. Die Armee fand sich am Rand der russischen Gesellschaft wieder. Keiner brauchte sie wirklich. Deshalb wurde auch der Beschluss gefasst die Streitkräfte zu reformieren, zu verkleinern und ein nicht kleiner Teil der Offiziere mussten in Unteroffiziers- und Fähnrich-Dienststellungen dienen, bevor auch sie dann demobilisiert, also entlassen wurden.

Ende der 90er Jahre kam dann die russische Führung wieder zur Vernunft. Die praktische Weltpolitik zeigte wohl, dass die friedliche Denkweise noch nicht zeitgemäß ist – da eben nicht alle auf dieser Welt friedlich denken. Die russische Führung verstand, dass das Land seine Rolle in der Welt einzunehmen hat – auch im militärischen Sinne, um das militärische Gleichgewicht ständig zu gewährleisten. Der Beschluss wurde gefasst neue, mobile Streitkräfte in einem Bestand bis zu einer Million Soldaten zu schaffen.

Da die Ausbildung von Offizieren der Seestreitkräfte immer sehr langfristig (5 Jahre) angelegt ist, gibt es natürlich bei Personal- und Strukturentscheidungen auch immer langfristige Wirkungen. Die Entscheidungen die bis zum Jahre 2000 erarbeitet wurden, wurden danach schrittweise umgesetzt, d.h. jedes Jahr wurden weniger Offiziersbewerber angenommen und letztlich wurde der Studienjahrgang 2008 so minimiert, das eben im Jahre 2013 (nach 5 Jahren Studium)  nur noch 135 Absolventen den Offizierseid ablegten.  In den Jahren 2010 und 2011 trat eine Denkpause ein. Es wurden überhaupt keine Offiziersbewerber eingestellt. Dies ist natürlich eine „katastrophale“ Pause, wenn es im weiteren Entscheidungen gibt, die Militärpolitik des Landes neu auszurichten. Es fehlen zwei Offiziersjahrgänge komplett und bis dahin wurden nur unvollständige Offiziersjahrgänge ausgebildet.

Das Militärinstitut in Kaliningrad begann im Jahre 2012 wieder mit 60 Studenten. Die Praxis zeigt, da das Militärstudium sehr anstrengend ist, dass ungefähr 50 Prozent der Studienbeginner auch Studienabbrecher sind. Im Jahre 2017 werden somit im günstigsten Falle nur ungefähr 30 Offiziere in Kaliningrad vereidigt werden.

Im Jahre 2013 wurde durch Präsident Putin ein neuer Verteidigungsminister eingesetzt – der ehemalige Minister für Katastrophenschutz, Sergej Schoigu, ein enger Vertrauter des russischen Präsidenten, erwies sich einfach nur als Glücksfall für die Armee – wie ich diversen Gesprächen mit Armeeangehörigen entnehmen konnte.

Foto: Verteidigungsminister Sergej Schoigu

Und dieser belebte auch die Arbeit des Kaliningrader Seekriegsinstitutes wieder. Im Jahre 2013 wurden bereits 269 Offiziersbewerber neu eingestellt, sowie weitere 149 Bewerber für die Fähnrich-Laufbahn. Offiziersstudenten studieren weiterhin fünf Jahre, Fähnrich-Bewerber studieren zwei Jahre und zehn Monate.

Der Kommandeur des Institutes, Admiral Alexander Zurkan schaut, nach all dem Ungewissen der Vergangenheit, wieder optimistisch in die Zukunft. In einem Interview mit unserem Medienpartner „newkaliningrad“ führte er aus:

„… ja, es gab Pläne, das Institut bis zum Jahre 2017 nach St. Petersburg zu verlegen. Zuerst wollte man ein neues einheitliches wissenschaftliches Seekriegszentrum in Kronstadt organisieren und alle Seekriegsausbildungsstätten dorthin dislozieren. Aber das Projekt erwies sich als zu teuer. Dann gab es noch andere Gedanken, die aber alle verworfen worden. (…) Blieb also die Frage, wie es mit dem Institut in Kaliningrad weitergehen sollte. Die Region ist ziemlich kompliziert und unser Institut ist ein Garant für Stabilität und Hoffnung für die Zukunft für die Bewohner des Gebietes. Immerhin bereiten wir in erster Linie Patrioten unserer Heimat vor. (…) Letztendlich wurde (nach Intervention durch den ehemaligen Oberkommandieren der Ostseeflotte und Ex-Gouverneur Jegorow und dem russischen Patriarchen Alexander II) der Beschluss gefasst, das Institut in Kaliningrad zu belassen und in allen Kursen 1.200 Menschen auszubilden. Zusätzlich erfolgt eine Ausbildung von Ausländern in einer Spezialfakultät.“
Quelle: http://www.newkaliningrad.ru/news/community/2842403-nachalnik-bvmi-aleksandr-tsurkan-nas-deystvitelno-khoteli-perevesti-v-sanktpeterburg.html

Foto: Admiral Alexander Zurkan

Auf die Frage, welche Spezialrichtungen am Institut ausgebildet werden, antwortete der Admiral, dass dies in erster Linie Raketen- und Artilleriespezialisten sind, Nachrichtenoffiziere und Spezialrichtungen für die nachrichtenelektronische Seeaufklärung. Und seit April 2013 widmet sich das Institut auch wieder der Ausbildung von Fähnrichen.

Zur Frage der Ausbildung von Ausländern informierte der Admiral, dass es schon seit 1978 eine Fakultät für Ausländer gibt. Diese kommen aus insgesamt acht Ländern: Kasachstan, Vietnam, Tadschikistan, Angola, Burundi, Mosambik, Jemen und Lybien. Die Ausbildung erfolgt kostenlos. Im ersten Jahr erfolgt die Sprachausbildung und dann beginnt eine 5-jährige Spezialausbildung.

Auf die Frage unseres Medienpartners nach weiblichen Armeeangehörigen, informierte der Leiter des Instituts, dass einige Jahre keine Ausbildung erfolgte. Jetzt gibt es wieder Bedarf und auch Frauen werden wieder für Offiziersdienststellungen ausgebildet.

Russland ist sich wieder bewusst geworden, dass ein Land mit solchen nationalen und internationalen Dimensionen natürlich auch Elemente für die Sicherheit des Landes braucht. Und Putin hat ein Programm der radikalen Erneuerung der Armee und Flotte „auf Kiel“ gelegt. Aber neben den rein technischen Neuanforderungen, gibt es auch Bedarf in die moralische Erneuerung der Armee. Sie muss sich in der russischen Gesellschaft neu integrieren, sie muss durch die russische Öffentlichkeit einfach neu wahrgenommen werden.

Somit wurde auch einiges getan, um den Dienst attraktiver zu gestalten. So wurden die Wohnbedingungen für die Studenten verbessert. Es gibt keine Massenunterkünfte mehr, es gibt kein „Gemeinschaftsduschen“ mehr. Alles wurde etwas individueller organisiert. Auch die „Ausgangsregelungen“ werden liberaler gehandhabt. Hier allerdings haben die vorgesetzten Militärs einen Vorteil gegenüber den Professoren an zivilen Hochschulen: Wer nicht die erwarteten Studienergebnisse bringt, bekommt auch keinen Ausgang sondern darf im Institut seinen Lernbedarf auch nach Feierabend nachholen. Und wer ein Examen nicht im ersten Anlauf besteht (egal in welchem Studienfach) wird exmatrikuliert.

Die Essensversorgung wurde ausgelagert. Hierfür ist jetzt eine zivile Firma zuständig, die das System „Schwedentisch“ in der Armee organisiert. Der Armeeangehörige kann hier aus der „Speisekarte“ auswählen – vielleicht nicht ganz so umfangreich wie in einem 5-Sterne-Restaurant, dafür aber ein erheblicher qualitativer Fortschritt im Vergleich zu früheren Zeiten.

Die Hälfte aller Studierenden am Institut, so der Admiral weiter, kommt aus Kaliningrad selber. Das zeugt von einem gewissen örtlichen Patriotismus oder gar Stolz auf die eigene Studieneinrichtung.

Ein Student kommt sogar aus Kamschatka. Ehrlich gesagt, bedaure ich diesen Burschen ein wenig, denn der Admiral, Leiter der Schule, kann sich an ihn persönlich erinnern und das bedeutet, dass der „Chef“ auf ihn ein Auge geworfen hat und das bringt dann auch einen gewissen Erfolgsdruck für den jungen Mann mit sich.

Nicht ganz ohne Stolz kann das Institut auch auf solche Absolventen zurückblicken wie den Kaliningrader Bürgermeister Alexander Jaroschuk. In der Kaliningrader Gebietsregierung arbeiten zum jetzigen Zeitpunkt 18 Absolventen des Institutes.

Auch die Praxis des Einsatzes von Absolventen der militärischen Bildungseinrichtungen hat sich wieder zum Positiven geändert. Es gab Zeiten, da war der Staat nicht mehr interessiert an seinem Offiziersnachwuchs. Und die jungen Offiziere, so unglaublich wie das klingen mag, mussten sich selber einen Ort zum Dienen suchen. Sie waren also den zivilen Studienabgängern gleichgestellt, die auch nach dem Studium sich einen Arbeitgeber suchen müssen. Mit dieser Praxis wurde jetzt wieder Schluss gemacht. Es gibt in der russischen Armee und Flotte einen „Bedarfsplan“. Natürlich können die Absolventen Wünsche äußern. In Abhängigkeit von den Studienergebnissen werden diese dann berücksichtigt, insbesondere wenn es auf eine ausgeschriebene freie Stelle mehrere Bewerber gibt. Letztendlich braucht sich der Absolvent einer militärischen Bildungseinrichtung in Russland keine Gedanken über einen Dienstort zu machen – der Staat stellt dies sicher auf der Grundlage des persönlichen Ratings des jungen Offiziers.

Zum heutigen Zeitpunkt verfügt Russland über 12 Wissenschaftseinrichtungen in Form einer Militärakademie. Im Bestand dieser Akademien wurden auch alle wissenschaftlichen militärischen Forschungseinrichtungen aufgenommen, die früher selbstständig waren. Die Seekriegsmarine verfügt über eine Militärakademie in St. Petersburg. Des Weiteren hat die Flotte ein Institut in Wladiwostok und das Institut in Kaliningrad.

Die Zeiten haben sich geändert – zum Glück für Russland. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, dem Zerfall der Sowjetunion, durchlebte die gesamte russische Gesellschaft, deren Bestandteil natürlich auch die Militärs waren, eine schwierige, langjährige Periode. Ein Offizier mit Hochschulausbildung und jahrelanger militärischer Diensterfahrung erhielt an Sold (wenn er ihn denn erhielt) wesentlich weniger als ein Moskauer Straßenbahnfahrer.

Der Appetit auf die russischen, nun scheinbar herrenlosen Reichtümer, wuchs im Westen. Die Amerikaner waren sogar so mutig (oder frech?), den Russen vorzuschlagen die Bewachung der militärischen Flottenbasen im Norden des Landes mit amerikanischem Militär zu übernehmen – da Russland wohl nicht mehr in der Lage dazu war. Während die amerikanischen Berater in der russischen Ökonomie noch irgendwie ihr Unheil treiben konnten, waren die Militärs dann doch weniger naiv und ließen natürlich solch eine „Fremdverwaltung“ nicht zu.

Heute erhält ein Absolvent des Institutes ein Gehalt von ungefähr 1.100 Euro, plus Prämien und Erschwerniszuschläge. Er wird verpflegt und eingekleidet. Selbst ein Offiziersschüler erhält schon 450 Euro Stipendium. Zusätzlich gibt es noch eine Reihe von sozialen Programmen für die Unterstützung der Armeeangehörigen, so u.a. auch mit Wohneigentum.

Wie sicher sich nun die Armeeangehörigen im Rahmen der neuen Denkweise des Staates fühlen, davon zeugen auch Zahlen, die der Leiter des Kaliningrader Institutes zum Abschluss des Gespräches nannte: Noch vor einigen Jahren waren von zehn Absolventen zum Zeitpunkt des Studienabschlusses nur zwei verheiratet – es gab eben kein Vertrauen in die Zukunft. Heute sind bereits sieben bis acht Absolventen verheiratet. 

Uwe Niemeier

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Föderales, Gebiet, Kaliningrad, Militär

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