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Der russische Kulturskandal: der nächste, bitte!

Mi, 01 Apr 2015 Politik & Gesellschaft


Der russische Kulturskandal: der nächste, bitte!

Die Oper Tannhäuser von Richard Wagner auf  der weiten Nowosibirsker Bühne hat für  föderalweiten Wirbel gesorgt.

Die Zuschauer, die «in ihren Gefühlen beleidigten» Einwohner der sibirischen Metropole, die einfachen und nicht besonders einfachen Christen, hohe Beamten und das hohe Gericht, sogar der Pressesprecher des russischen Präsidenten Peskow, alle wollen und müssen ihre Meinungen zum Ausdruck bringen.

Das Portal hat davon schon in Details berichtet:

Wenn es mit dem Schicksal der Aufführung unter der harten Regie des neuen Direktors Wladimir Kechmann schon alles mehr oder weniger klar ist, so bleibt die Frage, was wird  mit dem Unruhestifter passieren. Wird er vielleicht die große Bühne in der russischen Metropole, also des Bolschoi-Theaters ersiegen oder doch wegen der Obstruktion den staatlichen Brettern fernbleiben sollen - wer weiß.

In Russland hängt es sehr oft davon ab, welche Laune in dem Moment „da oben“ herrscht.

Aber viel interessanter bleibt, in welche Richtung die Tendenz rollen wird und wer bitte der nächste ist.

Die Opern von  Wagner werden in Russland eher rar inszeniert, das ist die profane Statistik.  Aber gerade dieser Komponist war und bleibt  Beweis dafür, dass die Oper bis in heutiger Zeit lebendig ist und die alte Klassik brisant und intellektuell  bleiben kann. Die Israelis können wohl hier ihre Meinung haben, jedoch jeder hat ein Recht für seinen Wagner.

Nicht zu vergessen aber, dass der große deutsche Komponist Wagner sein ganzes Leben lang sowohl politisch, wie auch moralisch kein Musterknabe war. Man spricht und schreibt Bände über seine revolutionären Aufschwünge, von seiner Reform des damaligen «dekadenten» Theaters bis zu den nationalistischen Phantasien von der totalen Einheit eines Volkes und antisemitischen Ressentiments. Geschweige denn, wenn wir uns an seinen Versuch erinnern, das Budget des Freistaates Bayern zu ruinieren oder eben an die Vielzahl der skandalösen Liebesaffären.

Ich kann es mir schwer vorstellen, was wird mit den Eiferern der Religiosität passieren, wenn sie erfahren, dass zu den größten Fanaten des Komponisten Wagner Hitler und Friedrich Nietzsche gehörten. Hitler klammern wir hier mal aus, aber der große Denker Nietzsche schrieb über „marode gewordene christliche Zivilisation“ und rief dabei auf: «Gott ist tot!»

Mit so einem Background ist es wohl höchste Zeit zu zweifeln, ob der Wagner vor dem Regisseur Kuljabin geschützt werden soll oder es wäre angebracht, das Schaffen des verdächtigen Komponisten schnell ins Auge zu fassen.

Der Skandal, Umsturz und die Diskussionen gehören nämlich zur Kunst, es ist nichts Tragisches dabei. Was mir aber tragisch erscheint ist das jähe Verbot der Inszenierung und das höchstwahrscheinliche Berufsverbot des bekannten und verdienstvollen Regisseurs.

Die vielen prominenten Stimmen aus der Bühnen – und Kinowelt, interessant dabei auch von denen, die nie in ihrem Leben gegen die Macht etwas  gemuckt hatten,  geben jedoch wenigstens Hoffnung auf Einsicht und versprechen dem Kulturministerium kein leichtes Leben. Die Eparchie des Kulturministers Medinskiy darf ab jetzt wohl den Titel des Ministeriums der Zensur und beleidigten Gefühle erhalten.

Es gibt auch eine gute Seite in der Geschichte in der russischen Kulturszene, allerdings im philologischen Sinne. Statt unflätige Vokabeln zur Darstellung anrüchiger Dinge zu benutzen kann man ab jetzt quasi gutklingende fremde Wörter wie  „Leviathan“ oder „Tannheiser“ gebrauchen. Kurz und bündig.

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Kultur, Sapunov

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