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Die Kaliningrader haben ein besseres Gesundheitswesen verdient

Mi, 29 Mär 2017 Politik & Gesellschaft


Die Kaliningrader haben ein besseres Gesundheitswesen verdient

Die Woche begann wie immer mit dem Montag und mit einem „Ausritt“ des „Zarewitsch“ durch spezifische Gebiete seines kleinen Reiches. Er wollte sich vom Zustand des Gesundheitswesens überzeugen. Vermutlich wusste er aber schon bestens Bescheid, denn er kam schnell auf den Punkt und setzte auch einen Punkt.

„Zarewitsch“ Alichanow ist keine Beleidigung, eher umgekehrt. Noch ist er nicht gewählt und ein Zarewitsch war traditionell in Russland immer die Hoffnung der Nation auf eine (noch) bessere Zukunft. Gehen wir also davon aus, dass der junge Mann sich weiter erfolgreich entwickelt und wir dann am 10. September 2017 ihn als Gouverneur (nicht als Zar) wählen.

Er hat schon verstanden, dass, um wirklich echt gewählt zu werden, man das Volk echt und wirklich für sich gewinnen muss und nicht mit irgendwelchen statistischen Berechnungen, sich die Wahl schön redet. Er will sich für die kommenden fünf Jahre legitimieren und das kann man, wenn man zeigt, dass man die wirklichen Probleme kennt und dann natürlich auch löst.

Es ist kein Geheimnis, dass das Gesundheitswesen in Russland weltweit keine Spitzenpositionen belegt. Nach 1990 war es zusammengebrochen. Keiner wollte mehr Arzt werden, die Bezahlung, wenn sie denn überhaupt erfolgte, war mies und so haben wir heute den Fakt, dass wohl zwei Generationen Mediziner aller Ebenen fehlen. Ärzte der sowjetischen Generation qualifizierten sich nicht weiter, junge Ärzte wurden miserabel ausgebildet und hatten kaum Chancen, sich in der Praxis zu qualifizieren. Daraus entstand ein Defizit an medizinischen Dienstleistungen. Das wiederum war die beste Grundlage für die Entwicklung von Korruption und persönlicher Bereicherung, Amtsmissbrauch, Schlamperei und Interessenskonflikten. Leute, die es sich leisten können, fliegen z.B. nach Deutschland zur medizinischen Behandlung. Andere bezahlen Schmiergeld, um in der Warteschlange auf einen Termin etwas vorzurücken, andere sterben in der Warteschlange, weil sie kein Geld haben, um sich einen besseren Platz zu kaufen.

Und nun kommt Alichanow, dessen Vater, nach nicht offiziellen Informationen, hochqualifizierter Arzt in Moskau sein soll und räumt im Kaliningrader Gesundheitswesen auf. Er weiß genau, dass er damit bei den Wählern viele Punkte sammelt. Und das soll er auch, wenn er die Probleme anspricht und löst.

Ich werde jetzt nicht bis ins kleinste Detail gehen, was sich am Montag vor aller Augen und vermutlich die Wochen davor hinter den Kulissen abgespielt hat. Das entschiedene Vorgehen des Gouverneurs am Montag zeugt aber davon, dass er nicht „zufällig“ die Missstände entdeckt hat, sondern seine Kontrollfahrt in eine zentrale medizinische Einrichtung in Kaliningrad nur der Vorwand war, um im Ergebnis der Besichtigung mit dem „Reinemachen“ zu beginnen.

Foto: Anton Alichanow vor Ort zum Zustand des Kaliningrader Gesundheitswesens. Neben ihm die Ex-Ministerin für Gesundheitswesen
 
Kaum angekommen im „Zentrum für die Gesundheit der Frauen“ informierte der Gouverneur, dass drei Mitarbeiter des Kaliningrader Gesundheitswesens dabei erwischt worden sind, wie sie medizinische Ausrüstung für die Mammographie  zu überhöhten Preisen einkaufen wollten. Neun Millionen Rubel Unterschied sollten in irgendwelche Taschen fließen. Diese drei Personen sind entlassen worden.
 

 
   

Bei den drei Entlassenen handelt es sich um Mitarbeiter des Krankenhauses und um Mitarbeiter der Gebietsregierung.

Man habe sogar versucht, so Alichanow, Mitarbeiter der Ausschreibungsagentur zu beeinflussen, damit dieser Handel über den Tisch gehe – das ist misslungen. Man habe sogar die Parameter der Ausschreibung verändert, also die eigentliche Ausschreibung sabotiert. Diese ganzen Manipulationen führten dazu, dass sogar die Eröffnung des „Zentrums für die Gesundheit der Frauen“, welche für den April vorgesehen war, verschoben werden musste.

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass dies nicht der einzige Fall von Betrug und Korruption war. Deshalb wurden gegen den medizinischen Leiter des Kaliningrader Gebietskrankenhauses weitere Ermittlungen eingeleitet.

Das sich etwas anbahnt im Ministerium für Gesundheitswesen der Kaliningrader Gebietsregierung war schon Anfang März zu spüren, denn es stand die Verlängerung des Arbeitsvertrages für die stellvertretende Ministerin an, aber der Vertrag wurde nicht verlängert. Er wurde deshalb nicht verlängert, weil ihr Ehemann sich mit der Lieferung von medizinischen Ausrüstungen beschäftigt und hier ein eindeutiger Interessenskonflikt vorlag – der lange bekannt war, aber es wurde nichts unternommen. Jetzt wurde informiert, dass gegen die ehemalige stellvertretende Ministerin vermutlich durch den Staatsanwalt ein Ermittlungsverfahren eröffnet wird.  

Aber das ist noch nicht alles. Vor zwei Wochen wurde durch die Aufsichtsbehörde im Gesundheitswesen im Rahmen einer Kontrolle festgestellt, das in der „Pharmafirma des Kaliningrader Gebietes“ abgelaufene Medikamente im Gesamtwert von 7 Millionen Rubel lagerten und auch ausgeliefert worden sind und das sich die Firma über drei Monate geweigert habe, Insulin zu kaufen, welches dringend in den medizinischen Einrichtungen benötigt wurde. Gründe hierfür sind bis heute unbekannt. Die Firmenleitung war über alles informiert und hat bewusst verheimlicht, dass sie abgelaufene Medikamente (teilweise mit Datum 2015) an die Patienten ausliefert. Im Ergebnis der Kontrolle wurde der Leiter der Firma entlassen. Eingesetzt wurde ein Stellvertreter dieses Direktors, was eigentlich verwunderlich ist, denn hier scheint es generelle Probleme zu geben und es müsste eigentlich die gesamte Firmenleitung rausgeworfen werden. Alichanow hat nun angewiesen, dass nochmals eine umfassende Kontrolle durchgeführt wird. Bei Bedarf wird er die Staatsanwaltschaft hinzuziehen.

Dem Gouverneur liegen auch Informationen vor, dass man Manipulationen mit Insulin vorgenommen habe. Um das Fehlen von Insulin in den zentralen Vorräten des Gebietes während der Kontrolle zu verschleiern, wurden Vorräte aus den Kaliningrader Apotheken abgezogen und man zeigte der Kontrollkommission somit „Potjomkinsche Medikamentenregale“ vor.

Wie der Gouverneur den Journalisten mitteilte, habe er bereits am Freitag vergangener Woche den Staatanwalt, den russischen Sicherheitsdienst, das Innenministerium informiert und gebeten, sofort aktiv zu werden.

Dann widmete sich der Gouverneur der pathologischen Abteilung des Gebietskrankenhauses. Dieser Gebäudeteil war gerade erst instandgesetzt worden. Dort stellte er die rhetorische Frage, warum man im Gebietskrankenhaus noch nicht das elektronische Patientenbetreuungssystem eingeführt habe. Nach wie vor wird alles wie vor 50 Jahren mit Papier und Krankenkarten gehandhabt. Er gab auch gleich die Antwort: Wenn man alles auf Elektronik umstellt, gibt es keine Möglichkeiten mehr, die Warteschlangen und Behandlungstermine für die Patienten zu manipulieren. Jetzt, auf dem Papier kann man künstlich die Warteschlangen schaffen die man braucht, um für vorgezogene Termine Geld zu bekommen – also Korruption in Reinform. Der Gouverneur informierte, dass er über ausgezeichnete Informationsquellen verfüge, die ihm alles erzählen, was in diesem Gebietskrankenhaus vor sich gehe. Er gab dem Krankenhaus genau zwei Wochen Zeit, um das elektronische System vollständig in die Praxis umzusetzen – ergänzte allerdings etwas später im Gespräch mit Journalisten, dass er Zweifel an der Kompetenz der Verantwortlichen im Gebietskrankenhaus habe und diese wohl den Termin nicht halten. Nun, ich denke mal, dass er schon auf der Suche nach kompetenten Leuten ist, die seine Aufgaben im Gesundheitswesen besser erfüllen.

Als die Kontrolle vor Ort sich dem Ende zuneigte, informierte der Gouverneur, dass alle Mitarbeiter im Kaliningrader Gebiet, die irgendetwas mit dem Gesundheitswesen zu tun haben, ab sofort unter besonderer Aufsicht stehen.

Es vergingen nur wenige Momente und dann wurde bekannt, dass die Kaliningrader Gesundheitsministerin ihr Amt niedergelegt hat und die Gebietsregierung noch am gleichen Tag verlassen hat. Die Kaliningrader Öffentlichkeit hat dies, insbesondere in den Sozialmedien, mit einem erleichterten Aufatmen zur freudigen Kenntnis genommen, denn besonderer Beliebtheit hat sie sich nicht erfreut. Ich erinnere mich noch an Gespräche mit „gewöhnlich gut unterrichteten Personen“, vor rund anderthalb Jahren. Da wurde mir erzählt, wie die Gesundheitsministerin, damals noch in der Funktion als Leiterin der Schnellen medizinischen Hilfe des Kaliningrader Gebietes, „Flexibilität“ in ihrer Funktion zeigt – im Zusammenhang mit der Anschaffung von neuen Fahrzeugen für den Dienst. Nun, die kommenden Tage werden zeigen, ob es da noch Konsequenzen gibt.

Der Gouverneur zeigte keinerlei Bedauern. Man habe lange mit Ludmilla Siglajewa gearbeitet. Er selber habe sich mit vielen Einzelproblemen im Gesundheitswesen beschäftigt und mit seiner Ministerin darüber gesprochen – es hat sich nichts verändert. Sie hat keinerlei Personal- oder sonstige Veränderungen in den letzten sechs Monaten vorgenommen.

Und diesen Worten hat der Gouverneur am Dienstag auch gleich Taten folgen lassen und einen neuen Minister mit der Führung des Ministeriums bis zu den Wahlen im September beauftragt. Es handelt sich um den Onkologen Alexander Krawtschenko. Er kam im Jahre 2016 aus Moskau nach Kaliningrad. In Moskau hat er im Chirurgischen Wissenschaftszentrum und in der „Ersten Moskauer staatlichen medizinischen Universität“ gearbeitet. Seit August 2016 war Alexander Krawtschenko eingesetzt als Chefarzt des Onkologischen Zentrums des Kaliningrader Gebietes eingesetzt.

Der Gouverneur stellte dem neuen Minister sofort konkrete Aufgaben:

  1. Persönlich die Eröffnung des Zentrums für die Gesundheit der Frauen zu überwachen und dies in kürzester Zeit in Nutzung zu überführen
  2. Einhaltung der Projektfristen für das neue onkologische Zentrum des Kaliningrader Gebietes
  3. Herstellung der Ordnung im Finanzbereich des Kaliningrader Gesundheitswesens in allerkürzester Zeit
  4. Zentralisierung des Einkaufs hochwertiger Medizintechnik
  5. Neuordnung der Arbeit der Pharmafirmen im Kaliningrader Gebiet.
  6. Neuorganisation der Arbeit der Polikliniken nach Fachrichtungen
  7. Werbung von neuen Ärzten aus anderen russischen Regionen

Gleichzeitig laufen natürlich alle anderen, bereits früher gestellten Aufgaben im Gesundheitswesen weiter. Hierzu gehören der Bau neuer Polikliniken und der Gesundheitspunkte in den ländlichen Gemeinden, Modernisierung der medizinischen Ausrüstung, Verbesserung des Informationsflusses zwischen den medizinischen Einrichtungen, Verbesserung der Zusammenarbeit mit der Kant-Universität zur langfristigen Ausbildung von medizinischen Spezialisten. Der neue Minister hat vom Gouverneur „völlig freie Hand“ in der Personalpolitik erhalten.

Uwe Niemeier

 
   
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Gebietsregierung, Gesundheitswesen, Korruption

   Kommentare ( 2 )

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 29. März 2017 10:19:36

Solche Besen braucht - nicht nur Kaliningrad! Mögen ihm keine Borsten ausfallen.

Robert Robert Laack Veröffentlicht: 29. März 2017 23:17:42

Ein sehr aufschlussreicher Bericht. Ich drücke allen Beteiligten an der Neuordnung des Gesundheitssystems bei Daumen. Ich selbst habe ein paar Jahre im Internat für Behinderte Menschen in Sowjetsk mitgearbeitet, um die Beschäftigung von Behinderten (betreuten Personen) in der Landwirtschaft zu organisieren. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt. Ich bewundere die Frauen, die täglich sehr liebevoll und mit großer Selbstverständlichkeit sich ihrer Arbeit und den Menschen widmen.

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