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Ich bin keine Spionin – behauptet eine Italienerin

Do, 27 Sep 2018 Politik & Gesellschaft


Ich bin keine Spionin – behauptet eine Italienerin
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation.

 

Jeder kann behaupten, dass er kein Spion oder keine Spionin ist. Das ist sein oder ihr gutes Recht. Man, also die „Zuständigen“, muss das Gegenteil beweisen.

Aber es gibt natürlich so subjektive Äußerungen, auf die Ausländer-Touristen oder auch Ausländer-Residenten in Kaliningrad immer häufiger stoßen.

So wollte ich vor ein paar Tagen in einem Anglerladen eine Schaufensterpuppe filmen, die eine Maske trug. Mir wurde das verwehrt mit den Worten, das man diesen verdammten Ausländern nicht trauen kann. Irgendwann findet man in westlichen Medien dieses Foto wieder als Beweis für die russische Aggressivität oder das alle Russen Banditen sind und man solche Masken problemlos in Kaliningrad kaufen kann – so die Argumentation des Ladenbesitzers.

Und immer häufiger wird man bei Foto- und Filmaufnahmen angehalten und muss umständlich auf alle möglichen Fragen antworten, bis man die Antwort erhält: „Iditje wy na …“

Und anscheinend habe nicht nur ich derartige Erfahrungen gesammelt, sondern auch eine Italienerin. Diese fährt in ihrer Urlaubszeit durch viele Länder, besucht irgendwelche interessanten Städte, setzt sich in eine Marschrutka und filmt und spricht mit den anderen Passagieren.

Und häufig hat sie interessante Gespräche, reine Alltagsgespräche. Aber auch nicht selten wird sie gefragt, warum sie das alles wissen will und ob sie nicht eventuell eine Spionin ist.

All diese Eindrücke teilte sie nun dem regionalen Internetportal „Klops“ und deren Lesern mit.

Kjara Dazi (ich hoffe ich habe den Namen einigermaßen vernünftig aus dem Russischen übersetzt), erzählte, dass sie ein Buch schreiben will. Und deshalb durch die Welt reist. Das Buch soll „Marschrutka“ heißen. Marschrutka sind die kleinen Minibusse mit 10-13 Sitzplätzen, die im Linienverkehr verkehren und auf Zuruf anhalten, ein- und aussteigen lassen.

Und sie schreibt über diese Marschrutkas, über die Leute, mit denen sie während der Fahrt spricht und natürlich über die Stadt selber. Und natürlich führt sie auch Gespräche mit den Fahrern der Marschrutkas – häufig auch Ausländer, die die Stadt nicht kennen, sondern nur die Straßen, durch denen die Linie führt.

Sie selber wohnt in Berlin, ist häufig in Moldawien und in Georgien. Dort bemerkte sie, dass es diese Marschrutkas anscheinend nur in den ehemaligen Sowjetrepubliken gibt und daraus wurde dann der Gedanke geboren, sich mit diesen Ländern zu beschäftigen.

Damit sie nicht auffällt (so denkt sie) hat sie keinen großen professionellen Fotoapparat dabei, sondern einen ganz kleinen, sogar noch mit Film. Tja, und gerade das scheint wohl vermuten zu lassen, dass sie eine Spionin ist, denn nur Spione haben kleine Fotoapparate. Und sie berichtete, dass sie in Moldawien konkret daraufhin angesprochen wurde.

In Kaliningrad ist es nicht ganz so dramatisch – berichtete sie. Vielleicht hilft aber auch meine ständig gute Laune und mein Optimismus in den Gesprächen, dass ich häufig eine gemeinsame Sprache mit den anderen Passagieren finde – meinte die Italienerin.

Ein weiterer Punkt während ihrer Fahrten mit den Marschrutkas ist, dass sie immer die Lieder aufzeichnet, die sie aus dem Radio des Fahrers hört. So stellt man schnell fest, welche Lieder gegenwärtig in Russland populär sind.

Und sie hat einige der Passagiere sogar mehrmals getroffen und in vertrauensvollen Gesprächen erfahren, dass diese irgendwo im Kaliningrader Gebiet leben, aber gerne in die Stadt Kaliningrad übersiedeln würden.

Sie findet dies nicht so gut, denn das Leben auf dem Land stellt doch etwas höhere Anforderungen an das Organisationstalent der Menschen. Die Stadt fördert die Bequemlichkeit und Faulheit – so die Italienerin.

Jetzt ist die Italienerin schon wieder unterwegs – nach Kirgisien. Tja, da wird man ihr wohl ganz bestimmt die Spionagefrage stellen. 

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Gesellschaft, Tourismus

   Kommentare ( 1 )

ru-moto Veröffentlicht: 27. September 2018 18:43:29

AusländerInnen gelten in Russland nicht erst seit heute als pauschal verdächtig - fotografieren sie dann noch, sind sie es erst recht. Wenn eine Italienerin in RUS filmt, fotografiert um ein Buch damit zu gestallten, ist das heikel. Sie wird es nämlich aus finanziellen Gründen tun und ist somit bei den gekauften, wertewestlichen Verlagen höchst gefragt. Wer jemals bestimmte Russland-Reiseführer eines (Nord)Deutschen Verlages las, weiß was das heißt.

Ich gehe als Ausländer beim Fotografieren kein Risiko ein, unterlasse es im Zweifelsfall. Trotzdem können sich immer wieder unangenehme Situationen ergeben. Im Zweifel frage ich vorher und respektiere einfach die Besonderheiten. Erfahrungen und Kenntnisse der betreffenden Foto-Rechte können hilfreich sein, sind aber in RUS nicht einfach 1:1 nutzbar.

Bei mir war es einmal umgekehrt. Der vorher nicht erkennbare Besitzer eines Autos mit besonders auffälligen Aufklebern fragte mich beunruhigt, ob ich vom FSB sei, weil ich es fotografierte..

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 27. September 2018 19:31:50

... der FSB interessiert sich sicherlich für viele Dinge. Aber für Autoaufkleber? Höchstens, wenn es sich um ein Hakenkreuz handelt.

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