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Koffer, Bahnhof, Berlin: Wie die Deutschen aus Ostpreußen deportiert worden

Fr, 13 Okt 2017 Politik & Gesellschaft


Koffer, Bahnhof, Berlin: Wie die Deutschen aus Ostpreußen deportiert worden

Die populäre Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ veröffentlichte einen Artikel zu geschichtlichen Ereignissen, die vor 70 Jahren begannen und im wesentlichen innerhalb von 12 Monaten abgeschlossen waren. In dem Artikel wird an die Deportation der deutschen Bevölkerung aus dem ehemaligen Gebiet Ostpreußen erinnert, welches sich zum damaligen Zeitpunkt bereits Kaliningrader Gebiet nannte und 1946 Bestandteil der Sowjetunion wurde.

Kaliningrad-Domizil übersetzt den Artikel der „Komsomolskaja Prawda“ in seinen wesentlichsten Aussagen unkommentiert. Der Autor des Artikels ist Wladislaw Rschewski (Владислав РЖЕВСКИЙ)

Screenshot: Artikelaufmachung der „Komsomolskaja Prawda“. Klicken Sie auf die Grafik, um zum Originalartikel zu kommen.
 
Koffer, Bahnhof, Berlin: Wie die Deutschen aus Ostpreußen deportiert worden
 
Vor 70 Jahren begann man die deutsche Bevölkerung vom Territorium des jetzigen Kaliningrader Gebietes auszusiedeln. Die großangelegte Operation stand unter Geheimhaltung und war selbst für die Mehrheit der sowjetischen Bürger völlig unerwartet.
 
Foto: Den ausgewiesenen Deutschen gestattete man, nicht mehr als 300 Kilo persönliche Gegenstände pro Familie mitzunehmen. Viele verfügten aber schon nicht mehr über derart viel Eigentum.
 
Vor 70 Jahren begann die Deportation der Deutschen aus dem ehemaligen Ostpreußen. Nach dem Krieg verblieben auf dem Territorium des heutigen Kaliningrader Gebietes ungefähr 120.000 friedliche deutsche Bewohner. Es ist aber auch bekannt, dass während der zu Ende gehenden Kampfhandlungen, viele Bewohner sich weit entfernt von der Heimatstadt oder ihrem Dorf befanden.
 
Um keinerlei Panik aufkommen zu lassen, hatte die nazistische Führung bis zum Letzten eine massenhafte Evakuierung verboten. Den Parteibossen selber gelang es allerdings, als es dann doch zu heiß wurde, sich in den zentralen Teil Deutschlands abzusetzen. Aber dem einfachen Volk gelang die Flucht nur gemeinsam mit den sich zurückziehenden Truppen. Und wenn es in diesem Fleischwolf den Frauen, Kindern und Greisen gelang zu überleben, so endete die Flucht oft dort, wo die Soldaten in Gefangenschaft gerieten.
 
Foto: Deutsche in Königsberg, Frühjahr 1945
 
Aas war eine Delikatesse
 
Ehemalige Soldaten und Offiziere kamen in Kriegsgefangenenlager. Die friedliche Bevölkerung wurde überprüft (in deren Reihen versuchten sich auch „Hitler-Helden“ zu verstecken) und danach hatte sie dorthin zurückzukehren, wo sie ehemals wohnten. Aber dieses Schicksal war häufig nicht besser als das der Kriegsgefangenen.
 
Kehrten die Deutschen an ihren Wohnort zurück, so sahen sie häufig Ruinen. Aber wenn das Haus von diesem Schicksal verschont geblieben war, so war es häufig schon belegt. So waren die ehemaligen Bewohner gezwungen in Kellern, Schuppen und Hütten zu wohnen.
 
Harte Arbeit für eine dürftige Mahlzeit, ein strenger Alltag, keine medizinische Versorgung. Und dann auch noch der ungewöhnlich harte Winter. Schon im Herbst 1945 waren in Königsberg alle Hunde und Katzen weggefangen worden. Pferdeaas zählte schon zu den Delikatessen. Bereits im Winter beobachtete man bei den Deutschen erste Fälle von Kannibalismus.
 
Es ist nicht richtig, wenn gemeint wird, dass man einen „Genozid der Deutschen“ organisiert hätte. In der ersten Nachkriegszeit war es hier für alle hart. So hatten auch im Frühjahr 1947 die ersten (sowjetischen) Übersiedler aufgeblähte Hungerbäuche. Und der erste Leiter des Gebietes Pjotr Iwanow verzweifelte an dieser Situation und beging am 18. Juni 1947 Selbstmord.
 
Neue Zeit
 
Und dann, ungefähr in der Mitte des Jahres 1947 begann man dann endlich Ordnung zu schaffen, ein normales Leben im sowjetischen Gebiet zu organisieren. Aber was sollte weiter mit den Deutschen geschehen, die nicht durch Hunger, Krankheiten und Entbehrungen umgekommen waren? Je weiter die Zeit fortschritt, umso mehr kam man zu der Überzeugung, dass diese gebürtigen Deutschen Bürger der UdSSR werden.
 
Die örtlichen Verantwortlichen gestatteten es, dass immer mehr Deutsche in das neue Leben aktiver mit einbezogen werden. Mit diesem Ziel wurde dann am dem 26. Juni 1947 begonnen, eine Zeitung unter der Bezeichnung „Neue Zeit“ herauszugeben. Worüber wurde in dieser Sonderzeitung berichtet? Im wesentlichen wurde dort das gleiche geschrieben, wie in der sowjetischen Presse – eben nur in deutscher Sprache.
 
Die populärste Rubrik war in dieser Zeitung „Arbeitsangebote“. Einigen hat sogar die „Neue Zeit“ selber geholfen zu überleben. Deutsche haben als technische Mitarbeiter und in der Redaktion mitgearbeitet, aber auch in der Druckerei. Aber es gab auch Leser, die für die Zeitung geschrieben hatten und dafür Honorar bekamen.
 
Foto: Deutsche in Kranz (heutiges Selenogradsk) lesen den Befehl der sowjetischen Militäradministration über die Deportation
 
Der Erste ging los
 
Im September 1947 während einer Gebietsversammlung des Komsomol wurde darüber gesprochen, wie man die Deutschen schneller in das Leben mit einbeziehen könnte. Den Komsomolaktivisten wurde sogar vorgeschlagen, die Sprache von Goethe und Schiller zu erlernen, um besseren Kontakt zum deutschen Kontingent herzustellen.
 
Aber schon einen Monat später hatten die „Oberen“ alles anders überlegt. Anstelle der Integration der Deutschen in unsere Gesellschaft wurde entschieden, diese in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands auszusiedeln. Am 11. Oktober 1947 beschloss der Ministerrat der UdSSR die Übersiedlung der ersten Gruppe – 30.000 Personen. Hierbei sollten zuerst die Gebiete der sogenannten „Regimezonen“ bereinigt werden: Grenzgebiet, Küstengebiet und hierbei vor allem Baltisk, dem Standort der Flotte.
 
Der erste Zug mit den zu Deportierenden wurde am 22. Oktober 1947 abgeschickt. Ein Teil zeigte offen Freude darüber, endlich dieser Hölle entkommen zu sein. Sie unternahmen alles, um möglichst unter den Ersten zu sein. Andere wiederum, wollten, trotz aller Strapazen, nicht ausreisen. „Das ist unsere Heimat, gestatten Sie uns hier zu bleiben“, - baten diese unter Tränen. Aber niemand beachtete diese Bitten. „Mit Euch können wir keinen Kommunismus errichten!“. Also verblieb nur den Koffer in die Hand zu nehmen und: Schnell, schnell! …
 
Foto: Deutsche kehren in ihre Häuser zurück. März 1945
 
Mit dem Stempel „Geheim“
 
Den Aussiedlern gestattete man nur 300 Kilo Gepäck für die Familie mitzunehmen. Aber nicht alle hatten noch so viel Eigentum. Aber wenn es mehr als diese Menge gab, so wurde es an diejenigen verschenkt, mit denen man sich angefreundet hatte.
 
Als die erste Gruppe erfolgreich deportiert worden war, wurde am 15. Februar 1948 ein Beschluss gefasst, weitere 62.000 Personen auszusiedeln. Eine solche Menge Leute schnell auszusiedeln wäre selbst heute nicht einfach, umso mehr zum damaligen Zeitpunkt.
 
Deshalb wurde die Operation in zwei Etappen organisiert: Im März/April und August/September 1948. Um keine Exzesse zu unpassender Zeit zuzulassen, sollte kein Deutscher über das vorgesehene Schicksal etwas erfahren. Alles wurde unter Geheimhaltung organisiert. Und als der Westen des Gebietes schon „gesäubert“ war, ahnte man im Osten des Gebietes noch überhaupt nichts. Und in Kaliningrad selber erschien weiterhin, so als ob nichts geschehen wäre, die „Neue Zeit“. Man konnte sie sogar noch für das Jahr 1948 bestellen. Für drei Monate Bestellung bezahlte man 5,40 Rubel, für ein halbes Jahr 10,80 Rubel.
 
Keine Trennung von der Liebe
 
Langsam, aber unaufhörlich setzte sich die Deportation fort. Mit jedem Monat verringerte sich die Anzahl der Leser der „Neue Zeit“. Am 13. Oktober 1948 erschien die letzte Nummer. Keinerlei Worte des Abschieds an die Leserschaft. Eine ganz gewöhnliche Ausgabe mit den üblichen Themen … und das war´s dann.
 
Formell endete die Übersiedlung aus dem Bernstein-Krai nach Deutschland erst im Jahre 1952. Aber nach den Massendeportationen der Jahre 1947/48 waren es danach nur noch Einzelne.
 
Geplant war eine totale Deportation, keiner sollte verbleiben. Und trotzdem ist es einzelnen Deutschen gelungen in der historischen Heimat zu bleiben. Einige wurden ausnahmsweise nicht ausgewiesen. Dabei handelte es sich um deutsche Kommunisten, die vielleicht sogar noch eine interessante Berufsspezialisierung hatten. Irgendjemand hielt sich in Litauen auf, änderte dort seinen Namen und kehrte als „Litauer“ zurück in das Gebiet.
 
Aber auch deutsche Frauen heirateten gar nicht mal so selten unsere Jungs. Als dann die Deportationen begannen, mussten diese Ehen annulliert werden. Aber es kam vor, dass der Mann, sowjetischer Staatsbürger, sich nicht von seiner „nicht richtigen“ Ehefrau trennen wollte, egal, wieviel Druck man auf ihn ausübte. Und dann lebten eben diese russisch-deutschen Familien, in der Regel lange und glücklich …
 
Anm. UN: Alle scannierten Fotos sind im Artikel der „Komsomolskaja Prawda“ enthalten und entstammen aus dem Bestand des russischen Staatsarchivs.
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