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Thema des Jahres: Die Germanisierung des Kaliningrader Gebietes

Sa, 26 Nov 2016 Politik & Gesellschaft


Thema des Jahres: Die Germanisierung des Kaliningrader Gebietes

Sollte es einen Wettbewerb geben zur Festlegung des meist- und kontrovers diskutiertesten Themas des Jahres, so hätte die „Germanisierung Kaliningrads“ gute Chancen einen der vorderen Plätze zu belegen.

Am Donnerstag veröffentlichte das föderale Informationsportal „REGNUM“ eine Information unter der Überschrift:

Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges und Personen des öffentlichen Interesses haben sich in einem offenen Brief an den Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow gewandt und darin gebeten:

Die Pressestelle der Gebietsregierung informierte, dass ein entsprechender Brief eingegangen ist und registriert wurde – und somit auch der Bearbeitung unterliegt. Fristen für die Bearbeitung sind maximal vier Wochen. Dauert es länger, ist dem Autor des Schreibens ein Zwischenbescheid zu geben.

Einer der Autoren des offenen Briefes ist der, unseren Lesern bereits bekannte, Doktor der Geschichtswissenschaften Wladimir Schulgin.

Der Brief hebt die erhebliche Zuspitzung der internationalen Lage im Allgemeinen und die besondere geopolitische Lage des Kaliningrader Gebietes im Besonderen hervor. Die Autoren meinen im weiteren, dass das „Flirten“ mit dem sogenannten „deutschen Erbe“ zu unumkehrbaren Veränderungen in der Selbstfindung der Bewohner der Region, insbesondere bei der Jugend führt.

Bereits vor über einem Jahr, im März 2015 hatte man auf dieses Problem aufmerksam gemacht, geschehen ist aber seitdem nichts.

Die Autoren haben nun dem Gouverneur vorgeschlagen aktiv zu werden und haben eine Liste der Punkte aufgestellt, die nach ihrer Ansicht nach dringend umgesetzt werden sollten:

Keine weitere Umsetzung von Plänen zum Wiederaufbau des Königsberger Schlosses. Selbst eine teilweise Wiedererrichtung lehnen die Autoren des offenen Briefes ab, da die Wiedererstehung eines deutschen symbolischen Zentrums in Kaliningrad zu einem weiteren Anwachsen der deutschorientierten Stimmung unter der Bevölkerung führt.

Auf diesen Punkt hatte der Gouverneur am Donnerstag, während eines Gespräches mit Chefredakteuren regionaler Informationsportale bereits indirekt, aber nicht abschließend, geantwortet:

Eine weitere Forderung ist, die Überreste des Schlosses und die Spuren weit früherer Besiedlungen dieses Platzes, die bei den jetzigen Ausgrabungsarbeiten gefunden worden sind, zu konservieren und daraus ein Museum zu machen.

Grafik: Projektentwurf für die Bebauung des Zentralplatzes in Kaliningrad
 
Weiterhin soll der bisher unvollendete Bau des Hauses der Räte in das Programm für die Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 mit einbezogen werden. Das Gebäude soll fertiggestellt und im weiteren als Gebäude der sowjetischen Architektur unter Denkmalschutz gestellt werden.
 

Die vierte Forderung lautet, generell das Projekt „Herz der Stadt“ nicht zu realisieren, da es sich bei diesem Projekt um die Planung einer umfassenden Bebauung des Gebietes der ehemaligen Altstadt mit Häusern altdeutscher Architektur handelt.

Foto: Eine Variante der möglichen Bebauung im Rahmen des Projektes „Herz der Stadt“
 
Weiterhin fordern die Autoren des Briefes in einem fünften Punkt den Zentralplatz Kaliningrads (also dort wo die Fundamente des Schlosses und das Haus der Räte sind) mit russischer Symbolik zu bebauen, einer kirchlichen Gedenkstätte zu Ehren der Teilnehmer am Sturm Königsbergs.

Der sechste Punkt fordert die Erarbeitung und Annahme eines Konzeptes zur regionalen Kulturpolitik in Übereinstimmung mit den Grundlagen der staatlichen Kulturpolitik der Russischen Föderation mit dem Ziel, die russische Identität im Kaliningrader Gebiet zu erhalten.

Weiterhin sollen in allen Städten des Kaliningrader Gebietes Denkmäler für die in den Lagern internierten Kriegsgefangenen aber auch für die Helden aus den verschiedensten Kriegen errichtet werden – dem 7jährigen Krieg, dem französisch-preußisch-russischen Krieg, dem Ersten Weltkrieg, dem Großen Vaterländischen Krieg. Weitere Denkmäler sollen für russische Persönlichkeiten der Geschichte und Kultur errichtet werden, deren Leben in einem Zusammenhang mit der Region steht.

In einem achten Punkt fordert die Gruppe eine neue Herangehensweise bei der Vergabe von Preisen und Fördermittel für gesellschaftliche Organisationen. Hier sollte eine Vergabekommission entscheiden und die regionalen Medien sollten freien Zugang zu den Vergabeprinzipien bekommen.

Der neunte Punkt beinhaltet die Forderung, den Kulturrat beim Gouverneur des Kaliningrader Gebietes zu erneuern und in den Bestand auch Vertreter der regionalen patriotischen Öffentlichkeit aufzunehmen.

Im vorletzten Punkt fordert die Gruppe personelle Entscheidungen im Zusammenhang mit der Tätigkeit der führenden Universität im Kaliningrader Gebiet. Die Kant-Universität, als föderale Universität, soll die ehemals vorhandene Fakultät für russische Geschichte, russische Philosophie, russische Sprache und Kultur wieder einrichten.

Im letzten Punkt wird eine wesentliche Überarbeitung des regionalen Schulfaches „Geschichte des Westens Russlands“ gefordert, welches gegenwärtig die Kinder im Geiste einer prodeutschen Orientierung erzieht.

Unterzeichner des offenen Briefes sind:

  • Leiter der Kaliningrader Filiale der Akademie geopolitischer Probleme Wladimir Schulgin
  • Erster Stellvertreter des Vorsitzenden des Kaliningrader Gebietskomitees der Veteranen
  • Schriftsteller Herman Bitsch,
  • Leiter des russischen Literaturverbandes „Baltische Kammer“ Wladimir Belalow
  • Vorsitzender der Kaliningrader regionalen Abteilung des Schriftstellerverbandes Russlands Alexander Malyschew
  • Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, Teilnehmer am Sturm Königsbergs, Iwan Dmitrijewitsch Tichonow
  • Teilnehmer an der Befreiung der Ukraine und Osteuropas Nikolai Pawlowitsch Scherbakow

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Deutsches, Gesellschaft

   Kommentare ( 7 )

kgd .ru Veröffentlicht: 26. November 2016 01:27:23

Ein Russe wird das befürworten und andere fragen ja auch nicht, ob es recht sei, was da heute so nach an der Russischen Grenze geschieht...

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 26. November 2016 03:14:02

Also aus deutscher Sicht kann ich keine Germanisierungs-Wünsche oder Tendenzen bezüglich des Kalinigrader Gebietes feststellen. Allerdings auch ein bisschen Blöd, die Geschichte des eigenen Landes zu ignorieren. So wird das keine Heimat, und das ist da Problem einiger Russen, viele fühlen sich bis heute nicht Zuhause im Kalinigrader Gebiet. Wenn jetzt die junge Generation Fragen nach der Geschichte des Gebietes stellt und eine eigene Heimatverbundenheit entstehen lassen will, ist das mitnichten eine Germanisierungstendenz, sondern der berechtigte Versuch, Heimat neu zu definieren.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 26. November 2016 09:27:00

... es ist aber auch wichtig zu sehen, wie die Fragen gestellt und wie sie denn beantwortet werden. Natürlich gibt es eine vielhundertjährige deutsche Historie für das Kaliningrader Gebiet und die sollte sich aber unter Beachtung heutiger Fakten in die moderne russische Geschichte Kaliningrads einbetten und nicht die Oberhand gewinnen.

A. Bienenfreund Veröffentlicht: 26. November 2016 11:35:50

"Musealisierung" lautet das Lösungswort. Die deutsche Geschichte gehört in Museen "verbannt", dort sollte sie mit Licht und Schatten ihren Platz haben. Im Alltag aber sollte klar das Russische dominieren und auch in der Architektur sollte dies seinen Ausdruck finden. Eine falsche Ehrfurcht vor dem deutschen Erbe sollte klar abgewiesen werden. Ich habe manchmal den Eindruck, das manch "Besserrusse", den die gefühlte "Unkultiviertheit" seines Volkes nervt, sich Identifikationen sucht, welche es ihm ermöglichen sich von der nervenden Verwandschaft abzuheben, auf sie herabzuschauen und sich etwas Besseres zu dünken. Dies ist meiner bescheidenen Meinung nach der Kern der sogenannten Germanisierung. Aber man mache sich keine Illusionen, diese Tendenzen werden von interessierten Kreisen, auch in D, ohne Skrupel ausgenutzt: fürs Geschäftemachen, fürs Unterwandern, zur Zersetzung, für geopolitische Spielchen etc
Ach ja, ehe ich es vergesse: Das Stadtschloss sollte nicht wieder aufgebaut werden, an der Stelle seines Turmes sollte ein Gedenkstein stehen auf dem steht (auf deutsch): "Hier stand einst das Königsberger Stadtschloss, Symbol deutscher Herrschaft in Pruzzen. Es wurde zerstört, als der deutsche Wahn, zur Weltherrschaft bestimmt zu sein, sein grausames Ende fand."

Klaus Szelitzki Veröffentlicht: 26. November 2016 12:32:07

Hallo und guten Tag, allen hier an Bord.
Mit Befremden habe ich die oben stehenden Veröffentlichungen zur Kenntnis genommen.
Als ich bereits Mitte der 90er Jahre mit mehreren Hilfstransporten für Kinder in der einstigen Heimatstadt weilte, konnte ich bereits damals in vielfältigen Gesprächen mit den Menschen vor Ort feststellen, daß sie es gut und auch richtig fanden, alte Substanzen vielfältigster Art zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Begründet wurde das bereits damals mit der tausendjährigen Geschichte der einst deutschen Stadt, die durch den Krieg nicht urplötzlich geschichtslos ist.
Folglich ist es auch meine Meinung, den deutschen Ursprung des "gewonnenen Gebietes" nicht totschweigen oder verleumden zu müssen. Betonen möchte ich aber unbedingt, daß mit meiner Meinung NICHT der Wunsch nach Reanimierung "Heim in´s Reich" verbunden ist. Dennoch sollte doch - bei allem Verständnis - die deutsche Vergangenheit des Gebietes gerade der Jugend keineswegs verborgen bleiben. Es gab schon damals eine umfangreiche Studentenbewegung "Pro Königsberg", die absolut nichts mit Revanchismus zu tun hatte. Auch den Veteranen wird nichts vorenthalten! Es gibt doch bereits mehrere dementsprechende Ehrenmale für den "Sturm Kenigsberg".
Allen westlichen Bestrebungen - im Zusammenhang mit der Hetze gegen Wladimir Putin - widersetze ich mich mit meiner Meinung grundsätzlich! Kaliningrad ist heute eine russische Stadt, in großen Teilen schöner als je zuvor! Daran wird und soll sich aus meiner Sicht auch mit einer evtl. Neuerrichtung des Schlosses und anderer Bausubstanz NICHTS ändern.-

Eckart Veröffentlicht: 26. November 2016 22:13:29

Wie unterschiedlich der Begriff "Kultur" verstanden und dementsprechend benutzt wird, kann man an dem Denkmal erkennen, dass in der Nähe der St. Nicholas Kathedrale zu betrachten ist. Es nennt sich
Арка "Новая эпоха возрождения" (Der Bogen "Die neue Epoche der Wiedergeburt"), Кнайпхоф (Kneiphof).
Ein Ami Tourist betitelte dieses Denkmal als "Erotical Monument" . - Und das nur, weil dieser puritanische Unmensch sich an der freikörperlicher Darstellung störte, der Frau und des Mannes, die den Bogen tragen, in dem jeweils 9 Anlitze eingemeißelt worden sind.

In der Nähe des Hauptportals der Kathedrale befindet sich rechts eine schmiedeeiserne Einfriedung die eine größere Granitplatte umzäunt. Auf dieser Platte sind u.a. Bronzemodelle der Kathedrale und auch des Schlosses neben einigen anderen charakteristischen Stadtbauten zu erkennen. usw., usw. , Kultur und Überlieferung findet man schon überall. Man muß nur die Augen auf machen.

Das eigentlich typisch "Ostpreußische" findet man nirgends mehr. Keiner spricht mehr diese voll Seele und liebenswerte Menschichkeit ausstrahlende Sprache. - Was es nicht mehr gibt, kann auch nicht zurückkehren. - Die Russen sollen den Boden dort mit ihrer eigenen Seele unbeirrt durchdringen und von westlicher McDonald's Unkultur frei halten. - (Der Mensch ist das, was er isst)

Es bleibt ein Drahtseilakt, wenn man versucht von der Wiederherstellung historischer Baumasse auf neuerliche Infiltration aus dem Westen schließen zu wollen. - Das wird nie gelingen, denn dazu müßte man auch die Spuren zumindestens abmildern, die 70 Jahre sowjetischer Baustil hinterlassen haben.

Es wäre allen gedient, wenn man sich auf die Erhaltung und Pflege beiderseits würdiger Kulturgüter konzentrieren täte. Z.B. die Erhaltung der Honigbrücke aus dem Jahre 1882 (!)

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 26. November 2016 22:22:49

... ich habe zwei gute und eine schlechte Antwort für Sie. Ich beginne mit der schlechten: Wir haben bereits drei McDonalds-Filialen und zwei weitere sind geplant. Und nun die zwei guten: Die "Hohe-Brücke" wird gegenwärtig neu gebaut, stark angelehnt an den altdeutschen Baustil. Die alte Brücke konnte wegen baufälligkeit nicht mehr gehalten werden. Die technische Apparatur wird dem Historischen Museum übergeben. Die Honigbrücke wartet auch auf die Instandsetzung. Sie beginnt gleich, nachdem die Hohe Brücke wieder für den Verkehr freigegeben wird - im ersten Halbjahr 2017.

boromeus Veröffentlicht: 26. November 2016 22:33:41

An der Souveränität der Menschen im Oblast gibt es nichts zu deuten.Jewede Einmischung und Beeinflussung aus der BRD sollte entgegengewirkt werden.Es geht hier um Belange seiner russischen Bürger,nicht die der Deutschen.Was allerdings die Identifikation mit ihrer jungen Heimat anbelangt, ändert sich die Historie eines erbeuteten Landes nicht plötzlich, wenn man durch Umbenennung von Städten und Dörfern versucht ueber 750 Jahre Geschichte zu verdrängen oder auszulöschen..Immerhin hatte man seid 71 Jahre Zeit gehabt, für ein eindeutiges Heimatgefühl zu sorgen und in diesem Zusammenhang einer fortschreitenden Germanisierung Einhalt zu gebieten.Es protestiert ja heute auch keiner gegen Germanisierung, wenn jeden Tag mit dem Namen Königsberg reichlich Rubel gemacht werden, durch Verkauf von Touristennippes .Und wenn das alles nicht funktioniert... Zumachen .Wie schon bis 1990.Dann hat man auch wieder Zeit und Muße sich um ureigene Dinge zu kümmern.Und dann wird bestimmt alles viel besser ,wenn die "Stummen" sich nicht überall einmischen und klugschxxxx.. Ratschläge geben.

Karsten-Wilhelm Paulsen Veröffentlicht: 28. November 2016 11:37:19

Ich finde diese Germanisierungsdiskussion überfällig und auch historisch notwendig. Eine Standortbestimmung der russischen Bevölkerung im ehemaligen Ostpreussern und der Bezug zur historischen Vergangenheit kann auch ein Akt der Aussöhnung sein.

Persönlich empfinde ich die deutschen Strassenschilder in Tilsit Советск, nicht als Germanisierungsversuch sondern als ein freundliches entgegenkommen deutschen Touristen und deutscher Geschichte gegenüber. Wie wenig sich die Russen mit der Vergangenheit auseinandergesetzt haben erkennt man z.B. an dem Umstand, dass an einem Gebäude in Tilsit Советск immer noch der an die Wand gemalte Spruch "Rache für Nemmersdorf" zu lesen ist. Damit sollte man mal einen Umgang finden, ich unterstehe mich aber irgendwelche Empfehlungen abzugeben.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 28. November 2016 11:58:59

... dazu empfehle ich unseren Artikel, der am Montagabend freigeschaltet wird:
"Russland-Puzzle – Versuch einer Extremismus-Analyse in Kaliningrad"

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