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Verkauf der Heimat bringt eine Million jeden Monat

Mo, 08 Mai 2017 Politik & Gesellschaft


Verkauf der Heimat bringt eine Million jeden Monat

In Kaliningrad wird aktiv Handel mit russischen Migrationsdokumenten und Pässen betrieben. Es scheint ein Nationalitäten-Clan zu existieren, der dieses Geschäft mit der „Heimat“ betreibt. Wer sich nicht adaptiert, hat kaum eine Chance Fuß in Kaliningrad zu fassen. Ein Insider berichtet aus der Szene.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Kaliningrader Verwaltung des russischen Sicherheitsdienstes FSB eine Aufsehen erregende Meldung. Gleich zwölf Personen wurden verhaftet, die des Terrorismus verdächtigt worden sind und die bereits seit mehreren Jahren in Kaliningrad lebten und sogar einer geregelten Arbeit nachgingen. Sie lebten völlig unauffällig und anscheinend auch legal – bis der FSB zu einer anderen Auffassung zu diesen Bürgern kam. Bei den Verhafteten handelt es sich um Bürger als Mittelasien, die mit einer internationalen Terrororganisation in Verbindung standen. Sie verfügten über legale Dokumente, über Arbeitspatente. Und es erwies sich, dass der Leiter dieser Gruppe seit Jahren in Usbekistan wegen Extremismus gesucht wird und dort auf den Fahndungslisten steht.

Nachdem diese Meldung veröffentlicht worden ist, hatte sich in der Redaktion von REGNUM ein russischer Bürger gemeldet, der im Rahmen des Programms der landsmännischen Rückübersiedler nach Kaliningrad kam, um hier einen neuen Lebensmittelpunkt für sich zu gründen. Über das Gespräch mit ihm, berichtet der Artikel des Informationsportals:

Die „Person“ berichtet, dass die langen Schlangen in der Migrationsverwaltung des Kaliningrader Gebietes von ethnischen Gruppen organisiert und kontrolliert werden, mit dem Ziel, notwendige Dokumente zu verkaufen. Und dabei zeigt sich die Migrationsverwaltung völlig unwissend.

REGNUM: Was ist Ihr Motiv, sich an die Medien zu wenden?

Person: Alles begann damit, dass ich nach Kaliningrad gereist bin. Ich habe mich bei der Migrationsverwaltung in der ul. Frunse Haus 6 gemeldet, um dort meine Dokumente für ein Zeitweiliges Wohnrecht abzugeben. Es ist eine Standardsituation für diejenigen, die über das Programm der Rückübersiedler dies beantragen. Insgesamt habe ich drei Wochen geopfert, aber konnte die Dokumente nicht abgeben.

REGNUM: Wieso nicht?

Person: Jedes Mal wird so eine Warteliste erstellt. Es gibt einfach nicht vorstellbar lange Schlangen. Aber trotzdem es diese Warteliste gibt, wurden immer wieder Leute gesondert vorgelassen. Das waren aber keine Russen, keine Rückübersiedler, sie sprachen kein Russisch, es waren junge Männer aus asiatischen Republiken, welche, ich habe das mehrere Male selber erlebt, nicht in der Lage waren, zwei russische Wörter zusammenhängend zu sprechen. Also zum Beispiel gestern. Wir haben uns in die Warteliste eingetragen, die an der Informationstafel vom Migrationsdienst hängt. Aber am nächsten Morgen war diese Liste verschwunden und eine Gruppe von Leuten aus Mittelasien laufen dort schon mit einer neuen Liste rum und wir sind auf dieser Liste nicht mehr drauf. Wir regen uns darüber auf, aber erhalten eine grobe Antwort. Ich war selber Zeuge von einigen Zusammenstößen. Da war ein Armenier mit einem Kind. Der hat die ganze Nacht in seinem Auto zugebracht, um am kommenden Tag gleich der Erste zu sein. Aber die Bande hat ihn einfach weggestoßen.

REGNUM: Und wie reagiert auf diese Unordnung die Mitarbeiter des Migrationsdienstes?

Person: Oh, das ist eine interessante Frage. Ich kann es nur vermuten, warum die Migrationsleute diesen Mechanismus mit den Listen nicht sehen wollen, nicht hören, wie ständig geschimpft wird und wie es zu Drohungen in der Masse kommt und nicht auf die Schlägereien auf ihrem Gelände reagieren. Stellen Sie sich vor, wir haben mit anderen Leidensgenossen die gesamte Situation versucht aufzuklären. Es stellte sich heraus, dass ein Platz in der Warteschlange nur gegen Zahlung einer Summe zu erhalten ist.  

REGNUM: Erklären Sie das bitte genauer.

Person: Es gibt drei Richtungen, die diese ethnische Bande betreut. Sie müssen die Fingerabdrücke abgeben. Das ist die erste Schlange. Hier kostet ein Platz 2000 Rubel. Wollen Sie ein Arbeitspatent haben, kostet der Platz in der Schlange 3.000 Rubel und der Platz in der Warteschlange für das Zeitweilige Wohnrecht kostet 5.000 Rubel. Man muss wissen, dass es im Migrationsdienst eine Norm gibt, wieviel Dokumente am Tag entgegengenommen werden dürfen. Und so ist klar, dass wir, die Russischstämmigen, es nie schaffen, dass man unsere Dokumente entgegennimmt, denn die Anzahl der Schmiergeldzahler ist so hoch, dass das Limit immer schon mit denen ausgefüllt ist.

REGNUM: Was glauben Sie, über welche Summen an Schmiergeld sprechen wir?

Person: Eine Million Rubel im Monat. Urteilen Sie selbst: Gehen wir davon aus, dass täglich zehn Personen außer der Reihe bedient werden. Nehmen wir an, es geht nur um Fingerabdrücke und Arbeitspatente. So sind das schon 50.000 Rubel am Tag. Es gibt zwanzig Arbeitstage im Monat – so, rechnen Sie selber. Wohin diese Gelder dann gehen, das überlasse ich Ihrer Phantasie.

Na gut, zum Teufel mit der Korruption. Wir sind darüber erbost, dass man durch Zahlung von Schmiergeld meistens zu einem Zeitweiligen Wohnrecht kommt. Ich wiederhole nochmal, ein Zeitweiliges Wohnrecht erhalten die Leute, die praktisch kein Russisch sprechen. Ich kenne überhaupt einen unerhörten Fall, wo ein früher Verurteilter aus Mittelasien, der seine Strafe in einer anderen russischen Region abgesessen hat, dann nach Kaliningrad gefahren ist und mit irgendeiner Zauberei hier das Zeitweilige Wohnrecht erhalten hat.

Wir erinnern uns alle, wie in St. Petersburg die METRO, genau durch so einen „glücklichen“ Inhaber eines russischen Passes, in die Luft gesprengt wurde. Und was, haben wir schon Kaschurk und Gurjanow vergessen? Haben wir schon vergessen, wie wir nachts Streife gelaufen sind in unseren Städten, damit man kein Hexogen in die Keller trägt? Was erwarten wir? Heute sind doch alle terroristischen Verbindungen sichtbar. Unsere Armee hat Palmir von einer feindlichen Gruppierung eingenommen. Bis zu 10.000 Leute aus asiatischen postsowjetischen Republiken waren dort. Die sind in einer ausweglosen Lage und beginnen zurückzukehren, aber kehren nicht in ihre Heimatländer zurück, sondern kommen zu uns nach Russland. Sehen Sie, dass sind die „schlafenden Zellen.“

REGNUM: Nach den Pieter-Explosionen hat der FSB in Kaliningrad zwölf Mitglieder solcher Zellen festgenommen. Was wollen wir weiter erwarten …

Person: Ich möchte sehr daran glauben, dass eine Operation des FSB auf unsere Informationen über die Vorgänge im Migrationsdienst erfolgt. Vielleicht noch eine kleine Anmerkung zu dem, was ich schon gesagt habe. Am vergangenen Montag, es war der 24. April, spät abends direkt am Gebäude des Migrationsdienstes in der ul. Frunse gab es wieder eine Schlägerei. Rund 50 Personen haben sich da geprügelt. Wenn ich mich nicht irre waren das Leute aus Turkmenien. Die hatten sich geweigert dieser ethnischen Gruppe zu zahlen und im Ergebnis dessen kam es zu der Prügelei. Und es wurde aus Luftdruckwaffen geschossen. Der OMON und die Schnelle medizinische Hilfe rückten an. Und zwei Tage später haben wir dann durch die Presse von der Verhaftung dieser zwölf Mujahideen erfahren. Und dazu kommt noch, dass der Chef dieser Gruppe in Usbekistan gesucht wird – wegen Extremismus. Aber in Usbekistan sind die Strafen für Extremismus schärfer als in Russland. Und trotzdem hat er in Kaliningrad eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten.

REGNUM: Bleibt also nur zu hoffen, dass die Untersuchung der Tätigkeit der Mujahideen zu einer Gesundung der Situation in der Migrationsverwaltung führt. Sie, als einer derjenigen, der mit diesem System Erfahrung gesammelt hat, was würden Sie für Schritte unternehmen?

Person: Also eigentlich kann man das Problem der Warteschlangen ganz einfach lösen. Warum kann man die Dokumente zum Erhalt des Zeitweiligen Wohnrechts oder der Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr in den Migrationsabteilungen des Stadtbezirkes abgeben? Alles konzentriert sich in der Verwaltung in der Frunse-Straße. Und eben aus diesem Monopol heraus entstehen die Warteschlangen, mit denen man Geld verdient. Weiter – es gibt in der Migrationsverwaltung nur zwei Geräte um die Fingerabdrücke zu nehmen. Und deshalb entstehen auch hier wieder Warteschlangen. Wenn wir diese beiden Faktoren ändern und dann auch noch elektronische Wartebons ausgeben, so wie das in der Sberbank oder der Post schon üblich ist, kann man das Problem der Schlangen ganz einfach lösen. Aber warum unternimmt man solche Schritte nicht in der Migrationsverwaltung? Man kann natürlich das ganze Problem noch viel besser lösen, aber dafür benötigt man schon die Autorität der Gebietsführung.

REGNUM: Was meinen Sie damit?

Person: Wir brauchen in Kaliningrad ein einheitliches Zentrum für die Unterbringung von Gastarbeitern. Es gibt hier viele leerstehende Kasernen, bitte schön, da kann man Wohnheime organisieren. Diese Territorien können von den Rechtspflegeorganen kontrolliert werden, dort kann die Ärztekommission arbeiten, hier kann man die Fingerabdrücke nehmen und auch eine Kantine organisieren. Dorthin können auch die Arbeitgeber fahren und entsprechend den Quoten sich ihre benötigten Arbeiter abholen. Das ist eine richtige Migrationskontrolle. Aber so .. jetzt kommt jede Woche aus Usbekistan zwei Flugzeuge, voll mit Gastarbeitern und die verflüchtigen sich sofort im ganzen Oblast.

Übersetzung: Uwe Niemeier

 

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FSB, Gesellschaft, Korruption, Migration

   Kommentare ( 2 )

Frank Werner Veröffentlicht: 8. Mai 2017 18:50:00

@OttoRussfreund
Täuscht der Eindruck, dass Verschwörungstheorien hoffiert werden?
Das dargestellte Problem ist mit Sicherheit nicht auf Kaliningrad begrenzt. Und eine Lösung offensichtlich nicht gewollt. Denn die russische Unsitte mit den Wartelisten ist weder neu noch auf Kaliningrad begrenzt. Das System lädt geradezu zu Missbrauch ein. Dass das offene Tor genutzt wird ist übel, aber wenig verwunderlich. Und es wird nicht darum gehen, Kliningrad explizit zu schaden, sonder die eigenden Taschen zu füllen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. Mai 2017 18:56:17

... wissen Sie Techniker, manchmal habe ich den Eindruck, wenn ich die russische Medienlandschaft so durchforste, dass erst eine Meldung in den Massenmedien erscheint (von irgendeinem wichtigen oder weniger wichtigen Medium), und dann werden Aktivitäten ausgelöst. Warum? Nun, weil aus irgendwelchen Gründen eine Untersuchung in den eigenen Reihen aus eigener Initiative nicht möglich ist, aber die Medien "jetzt dazu zwingen". Ich glaube, wir werden bald von einer Aufräumaktion im Migrationsdienst hören und dabei auch lesen, dass dies Dank der Arbeit der Medien geschehen ist.

Natürlich haben Sie recht, dass dies kein typisches Kaliningrader Problem ist. Aber typisch für Kaliningrad ist jetzt (seit rund einem halbem Jahr), dass aufgeräumt wird ...

ru-moto Veröffentlicht: 29. Mai 2017 20:06:48

[Personalveränderungen in der Migrationsverwaltung?]

Die Migrationsleute haben also Kenntnis von diesem gängigen Korruptions-Mechanismus mit den Wartelisten, und wissen, dass ein Platz in der Warteschlange nur gegen illegale Zahlung einer hohen Schmiergeld-Summe zu erhalten ist.

Wer gut schmiert, fährt gut - und das läuft noch immer so wie bisher !!!

Wann wurde/wird da endlich aufgeräumt? Oder soll ich als mehr als 40 Jahre lang brav arbeitender und Steuern zahlender Bürger jetzt schon Schmiergeld für korrupte russische Migrationsleute ansparen, um jemals Aussicht auf ein Zeitweiliges Wohnrecht zu haben?

Was hat der Gouverneur bisher dazu unternommen?

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 29. Mai 2017 20:10:29

... der Gouverneur kann dagegen gar nichts unternehmen, da die Migrationsverwaltung ein Bereich des Innenministeriums ist. Es handelt sich also um eine föderale Struktur, auf die der Gouverneur keinen Zugriff hat. Aber, ru-moto, keine Sorge, Zeitungsartikel werden gelesen und es wird auch gehandelt, auch wenn nicht immer alles sichtbar ist.

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