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Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt - Teil 1

So, 29 Mär 2015 Publizistik


Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt - Teil 1

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. Lange habe ich gebraucht, um mich aufzuraffen, Kaliningrad detaillierter zu erkunden – zu sehen, was Touristen nicht zu sehen bekommen, wenn sie sich auf „Kaliningrad-Standard“ der Reisebüros einlassen.

Sensationen wird es auch mit mir nicht geben, wenn Sie sich entschließen, mich auf meiner Entdeckungsreise durch Kaliningrad zu begleiten. Auch ich werde das Bernsteinzimmer nicht finden, aber vielleicht gibt es hier und da nette Kleinigkeiten, die Spaß machen und die Anregungen für unsere Besucher geben, mal etwas anders Kaliningrad zu erkunden und dabei besser zu erkennen, wie der Russe „tickt“.

Und dabei sehen Sie das, was die Einheimischen jeden Tag sehen und als „nichts Besonderes“ empfinden. Für einen Ausländer gibt es aber oft ein „Oh“- oder „Aha“-Effekt. Wir möchten Sie mit dem ganz normalen Leben im russischen Kaliningrad etwas vertrauter machen – sehen Sie das, was organisierte Touristen nicht sehen und vielleicht haben Sie Mut, sich selber auf diese „Kaliningrad-Erkundung“ zu machen. Sollten Sie etwas sehen, was wir noch nicht gesehen haben, so teilen Sie es uns mit, kommentieren Sie den Beitrag, senden Sie uns ihre Fotos.


Ähnlich wie unsere Veröffentlichung „Die Vertreibung aus dem Paradies …“ werden wir unsere „Eroberung von Kaliningrad“ regelmäßig ergänzen und am Tag der Kultur unseres Portals, also am Sonntag, ergänzen und freischalten. Vielleicht schaffen wir es nicht jeden Sonntag, aber wir versuchen eine gewisse Regelmäßigkeit, denn um etwas berichten zu können, müssen wir erst einmal eine Reise unternehmen, denn nur wer eine Reise unternimmt, hat auch was zu erzählen – stimmt´s?

Geplant hatte ich schon lange Kaliningrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erkunden. Einfach rein in irgendeinen ganz ordinären Linienbus, Trolleybus oder in irgendeine der noch verbliebenen zwei Straßenbahnlinien und los geht´s bis zur Endhaltestelle. Links und rechts schauen was es so gibt, Interessantes notieren und besonders Interessantes vielleicht noch einmal extra besuchen. Der finanzielle Einsatz für diese Exkursion bleibt im überschaubaren Rahmen – eine Fahrt von Endhaltestelle zu Endhaltestelle kostet jetzt in Kaliningrad im Jahre 2015 die satte Summe von 18 Rubel (also rund 0,23 Euro) die Investition für eine Exkursion hält sich also in überschaubaren Grenzen.

Grafik: Kaliningrad-Exkursion mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Preis von 0,23 Euro


Immer fand ich eine Ausrede, um Kaliningrad nicht zu „erobern“. Dann aber traf ich einen Deutschen am „Trefftisch Deutschsprachiger“, der jeden Mittwoch im „Zötler“ stattfindet. Immer auf der „Durchreise“, nutzt er die Gelegenheit, um sich mit Kaliningrad auf diese Art vertraut zu machen – und er ist begeistert von Kaliningrad. Klar, dass bei mir der Neid erwachte – ich wollte mich auch so begeistern.

An irgendeinem Wochentag Ende Oktober 2014 ging es los. Das Wetter war mies – also „beste“ Voraussetzungen für eine Exkursion.

Ausgesucht habe ich mir die Buslinie „1T“ – eine völlig ungewöhnliche Nummerierung für Kaliningrad und auch der Bus ist ungewöhnlich. Ein kleiner Bus mit vielleicht 25 Sitzplätzen – irgendwie Familienatmosphäre.


Foto: Buslinie 1T in Kaliningrad – Endhaltestelle „Nordberge“

 

Warum ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln diese Exkursion mache? Nun, ich besitze keinen PKW. Es gibt in Russland jede Menge schlechter Autofahrer und ich bin der Ansicht, dass ich diese Anzahl nicht noch um meine Person ergänzen muss. Für mich ist Autofahren purer Stress und so lasse ich lieber andere fahren. Taxi ist ebenfalls keine Alternative – zu teuer und viel zu schnell und vor allem, man kommt nicht ins Gespräch mit einer Schaffnerin oder anderen Fahrgästen. Außerdem ist die Atmosphäre in den öffentlichen Verkehrsmitteln interessant. Leider nicht mehr ganz so spannend, wie noch vor 15 Jahren. Da spielten sich manchmal richtige Dramen ab, wenn der Tarif mal wieder um ein paar Kopeken erhöht wurde und „Babuschka“ nicht bereit war, diese zu berappen. Da entwickelte sich ziemlich schnell eine emotionale Situation, die die ganze Straßenbahn oder den Linienbus erfasste. Da war es besser, als Ausländer den Mund zu halten und die Situation zu „genießen“.

Vorteilhaft wirkt sich auch mein nächstes „Manko“ aus. Ich besitze kein Handy und so kann mich niemand von meinen eigentlichen Plänen durch „dringende“ Anrufe unterwegs abhalten. Was ich mir morgens vornehme, habe ich auch am Abend ohne störende Störungen umgesetzt.

Der von mir ausgesuchte Bus startet in den „Nordbergen“ (Zewernaja Gora), dem ehemaligen deutschen Quednau – eine typische Vorstadtsiedlung aus deutschen Zeiten, mit viel altdeutscher Bausubstanz – oder, wie es der deutsche Generalkonsul in Kaliningrad Dr. Krause einmal formulierte: „… mit dem Charme Schleswig-Holsteins in den 50er Jahren“.


Foto: Quer durch die Nordberge mit offenen Augen für das „Altdeutsche“

 

Von unserem Office aus ging es somit erst einmal zu Fuß bis zur Endhaltestelle. Vor zehn Jahren war dieser Stadtteil noch verrufen und es zog niemanden so richtig in diese gottverlassene Gegend, wo noch die Kühe und Pferde über die Hauptstraße, die uliza Gerzena liefen. Aber es hat sich in den letzten Jahren viel getan. Die Kaliningrader haben den kleinen Stadtteil für sich entdeckt, als sehr gute Alternative für ein ruhiges, sauberes wohnen. Kirchen, Restaurants, Hotels werden gebaut, die Straßen werden instand gesetzt, man kümmert sich um die Kommunikationen, d.h. die Wasser- und Kanalisationsanschlüsse, Telefon, Internet – alles gehört nun schon fast zur Normalität und man darf gespannt sein, was hier noch alles passieren wird bis zum Jahre 2018, wo in Kaliningrad die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet.

Foto: Russisch-Orthodoxe Kirche, gegenüber das neue „Aschmann-Hotel“ mit Restaurant und ein paar Schritte weiter Privathäuser derjenigen, die sich keine Wohnung im Stadtzentrum leisten können.

 

Natürlich trifft man auch in diesem Stadtteil auf trauriges Vergangenes, aber auch auf interessantes Künstlerisches – von der Kirche gesponsert.

Foto: Ein betrunkener Autofahrer hat ein Denkmal für gefallene sowjetische Soldaten zerstört – und gegenüber, auf dem Gebiet der Kirche, ein großes Wandgemälde – witterungsbeständig.


Nun ging´s aber mit großen Schritten zur Endhaltestelle, vorbei an einigen Eindrücken aus der deutschen Geschichte und sowjetischen Vergangenheit – die russische Gegenwart ist hier wohl noch nicht angekommen, oder, um es optimistisch zu formulieren – hier gibt es Entwicklungspotential für Investoren und privat Interessierte:

Foto: Baracken als Wohnhaus – für deutsche Augen gewöhnungsbedürftig. Aber sie sind in der Zwischenzeit Gold wert, denn das Gebiet ist jetzt begehrtes Wohngebiet und die Grundstückspreise wachsen. Man findet aber auch noch deutsche Reklameinschriften: „Elektro-Rolle“

 

Der Bus stand schon, ich machte meine Fotoaufnahmen und die besorgte Schaffnerin – ja, wir leisten uns in Kaliningrad noch den Luxus der persönlichen Übergabe von Fahrscheinen an die Passagiere – fragte, was ich denn da so mache. Ich erklärte ihr meinen brennenden Wunsch, mit ihr und dem Busfahrer bis zur anderen Endhaltestelle fahren zu wollen und das ich einen Artikel über meine Erlebnisse in diesem Bus schreiben will. Und um den Artikel etwas interessanter zu gestalten, benötige ich auch ein paar Fotos.

Na, ich erlebte jetzt die ganze gutmütige russische Seele. Persönlich wurde ich zu meinem Platz geleitet, mit besonderer Höflichkeit bekam ich meinen Fahrschein ausgehändigt – und, wenn ich Fragen habe, dann antwortet sie auf alle – so die „Konduktorin“. Auf ihre Frage, ob ich auch mit ihr wieder zurückfahren werde, antwortete ich zurückhaltend – ich wusste ja nicht, was mich an der Endhaltestelle alles Interessantes erwartet und der Bus machte nur eine Pause von 20 Minuten an der Endhaltestelle.


Foto: Fahrscheinverkauf durch (fast immer) nette (fast immer) weibliche Hände

 

So, nun wird es aber langsam Zeit, Sie mit der Fahrstrecke vertraut zu machen. Kurz gesagt, es geht vom Norden in den Süden der Stadt:

  1. Startpunkt an der Wendeschleife in den Nordbergen
  2. Kolchosstraße, die ehemalige Großkomturstraße mit dem Wehrmachtsbekleidungsamt, heute attraktive Wohngegend.
  3. Wendeschleife der ehemaligen Straßenbahnlinie 1
  4. Thälmannstraße mit dem deutschen Generalkonsulat, dem Jugendpark mit Riesenrad und dem Oberteich
  5. Platz des Sieges, mit Bürgermeisteramt, Siegelsäule, Nordbahnhof, Europa-Zentrum, Technische Universität
  6. Gebietsregierung, Schauspielhaus, Stadion Baltika und Zoo
  7. Abzweig zur Kutusowa-Straße mit Restaurant „12 Stühle“
  8. Abzweig von der Siegesstraße zum Pregelufer
  9. Pregel Uferstraße
  10. Pregel-Siedlung
Grafik: Fahrstrecke von Nord nach Süd, mit den wichtigsten Stationen
 

Die Fahrt dauert, kleine Staus mitgerechnet, eine Stunde.

Wir fahren durch die Nordberge und die „Großkomturstraße“. Dort finden Sie auch das Hotel „Kotbus“, ein kleines Hotel und sicherlich eine preiswerte, gemütliche Alternative zum international bekannten „Radisson“ im Kaliningrader Stadtzentrum. Übrigens scheint sich das System der kleinen Hotels und Pensionen in Kaliningrad recht gut zu entwickeln. Sie müssen also nicht unbedingt in den bekannten, doch meist unpersönlichen Hotels, wie z.B. „Kaliningrad“ oder „Moskwa“ buchen.

Der Bus bog nach rechts ab und weiter geht es durch die Thälmannstraße. Eine in deutschen Zeiten „gediegene“ Straße für die Besserverdienenden. Heute bemüht man sich, diesen Ruf wieder herzustellen. Wohl deshalb hat vielleicht auch das deutsche Generalkonsulat hier sein neues Domizil unter der Nr. 14 gefunden.

Foto: Deutsches Generalkonsulat in der Thälmann-Straße 14


Lange gab es heiße Diskussionen um die Straßenbahnlinie Nr. 1, die durch diese Straße schunkelt. Die Bewohner wollten sich von dieser Linie nicht trennen. Der Bürgermeister Jaroschuk ist aber der Meinung, dass der wirtschaftliche Faktor den nostalgischen hier überwiegt und deshalb wird die Linie eingestellt. Die Schienen sind versandet oder mit Gras überwuchert und die Oberleitungen sind auch schon lange demontiert. Eine Ära geht zu Ende.

Foto: Thälmannstraße mit verlassenen Straßenbahnschienen, dem Thälmann-Denkmal, der Musikschule und altdeutschen Villen im traurigen Zustand, die auf neue Besitzer warten.

 

Die Fahrt geht weiter, am Oberteich und dem Jugendpark mit dem Riesenrad vorbei. Ich hatte den Eindruck, als ob sich beim Riesenrad „kein Rad dreht“ – vielleicht im Herbst weniger gefragt? Ein paar Tage später, es war Feiertag in Russland, sah ich aber den großen Andrang im Park der Jugend und da drehte sich dann auch das Rad wieder.

Foto: Für umgerechnet zwei Euro gibt es eine Runde Riesenrad

 

Foto: Riesenrad im Jugendpark und die Promenade am Oberteich

 

Wir bogen ein in die Proletarskaja, fuhren vorbei am Litauischen Generalkonsulat und langsam verlor sich die Familienatmosphäre im Bus – die Sitzplätze füllten sich und meine neue Sitzpartnerin beäugte mich mit neugierigem Blick, was ich denn da so schreibe. Fragen wollte sie wohl nicht und freiwillig antworten, auf nicht gestellte Fragen, wollte ich nun wiederum nicht.


Foto: Litauisches Generalkonsulat und der gewohnte tägliche Stau in der Gorki-Straße

 

Nun, nachdem wir am Gebäude der Kaliningrader Staatsanwaltschaft vorbei sind, sind wir auch schon im Stadtzentrum angelangt. Haltestelle „Akropol“ oder „Bomba“ oder „Zentralmarkt“ – ganz wie Sie wollen. Hier sollte man der Versuchung widerstehen, mit all den vielen anderen Leuten auszusteigen. Das Zentrum können Sie immer besichtigen, es gehört zum Standardprogramm der Touristen. Wir wollen weiter, wir wollen das sehen, was der normale Tourist nicht sieht. Also sitzenbleiben und wenn eventuell der Hunger quält, dann können Sie  die mitgenommene Stulle mit Brot essen. Den Kaffee aus der Thermoskanne sollten Sie allerdings bis zur Endhaltestelle aufheben. Bei einigen Straßenabschnitten in Kaliningrad kann es durchaus passieren, dass Sie Ihr Getränk ungewollt mit dem Sitznachbarn teilen.

Foto: Double-Straße – Alter und neuer Straßenbelag in der Thälmannstraße friedlich vereint

 

Schnell geht es Richtung „Platz des Sieges“. Hier finden Sie geballt alles, was dem Normaltouristen angeboten wird: Das Rathaus, das Europa-Zentrum …

Foto: Bürgermeisteramt, links die heutige Ansicht, rechts die altdeutsche Ansicht – hätten Sie es wiedererkannt?

 

… die Siegessäule, das Klöver-Zentrum, die neue russisch-orthodoxe Kirche, den Nordbahnhof, die technische Universität und das „S3“ (Sowjetski Prospekt Nr. 3), ein wunderschönes altdeutsches Gebäude, von dem man sagt: Egal aus welchem Fenster du rausschaust – du siehst immer Sibirien … Es ist das Gebäude des russischen Sicherheitsdienstes.  Es gibt da so ein Schild wo drauf steht: „Fotografieren verboten“ – aber die Unmenge an Fotos im Internet zeigt, dass wohl auch die Bewohner dieses Gebäudes wissen, dass es ein nicht zu regulierendes Verbot ist.


Foto: Der Platz des Sieges und ein wenig „S3“


Nun haben wir die Hälfte der Gesamtstrecke schon erreicht, standen an der schwierigen Kreuzung Sowjetski Prospekt/Prospekt Mira und warteten darauf, dass die Ampel auf Grün schaltete. Jetzt rumpelte erst einmal eine der 30 oder 40 Jahre alten Straßenbahnen der Linie 5 an uns vorbei und ich beschloss, dass dies wohl meine nächste Stadtexkursion wird – Linie 5 hin und zurück. Keine Ahnung, welche Strecke die Bahn fährt, aber ich lasse mich überraschen.

Foto: Alt und neu kreuzen sich an der Kreuzung


Nun ging es zügig weiter mit unserem „1T“. Rechts schauten wir auf die beiden „Bullen“, die vor dem Nebengebäude der Technischen Universität stehen (ehem. Gerichtsgebäude), und deren „Männlichkeit“ die Studenten jedes Jahr zu Ostern mit einer originellen Farbe versehen. Die Polizei hat es wohl schon aufgegeben, dieses „Ostereier bemalen“ zu verhindern. Die Studenten sind immer etwas pfiffiger.

Foto: Die kämpfenden Bullen vor dem ehemaligen Gerichtsgebäude mit rot angemalter „Männlichkeit“


Jetzt folgen die interessanten Sehenswürdigkeiten Schlag auf Schlag. Links das Gebäude der Kaliningrader Gebietsregierung, rechts das Schauspieltheater, nur hundert Meter weiter rechts das Stadion „Baltika“, welches einige Zeit im Gespräch war, das Ausrichterstadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zu werden und weitere hundert Meter weiter der Haupteingang zum Kaliningrader Zoo.

Foto: Gebietsregierung, Dramatisches Theater, Kaliningrader Zoo und Stadion Baltika

 

Bitte die Fotos nicht verwechseln. Das Bild oben links ist die Kaliningrader Gebietsregierung und rechts ist das Theater. Manchmal finden aber auch im linken Gebäude Dramen und Schauspiele statt. Aber wir wollen heute nicht mit spitzer politischer Zunge schreiben, sondern setzen unsere Exkursion mit der Linie „T1“ des Kaliningrader Stadtverkehrs fort.

Nun nähern wir uns dem neuen Restaurant „London“. Es befindet sich in einem Gebäude, welches lange Jahre leer gestanden hat. Davor wurde exklusive Haushaltstechnik darin verkauft und davor war es eine Fischhandlung. Ich war vor ein paar Tagen in diesem Restaurant. Gemütlich eingerichtet, Küche ist schmackhaft, aber für sparsame deutsche Touristen wohl eher nicht geeignet. Gleich danach kommen dann schon das berühmte „Saria“ und das „Universal“ – zwei sehr bekannte Restaurants in Kaliningrad. Auch gegenüber gibt es noch zwei Restaurants. Es geht am Kosmonauten-Denkmal, gegenüber der uliza Leonowa vorbei, ein paar Schritte weiter kann man „Japanisch“ essen und kurz darauf haben wir das „Croissant“ erreicht, eine Restaurantkette, die stark expandiert. Nicht ganz billig dort, aber gemütlich. Eine preiswerte Alternative haben die Besitzer mit dem „Königsberger Bäcker“ geschaffen. Selbstbedienung und kein Porzellangeschirr, aber immer frische Backwaren und der Kaffee schmeckt auch aus dem Pappbecher.

Foto: Königsbecker und Croissant – ein Besitzer, zwei empfehlenswerte Café

 

Nun biegen wir in die „Kutusowa-Straße“ ein – der wohl begehrtesten Straße in Kaliningrad, wenn man ein Office eröffnen will. Noch gibt es einige Gebäude, die einen neuen Besitzer suchen. Aber wenn Sie keinen siebenstelligen Euro-Betrag auf dem Sparbuch haben, so sollten Sie gar nicht erst fragen …

Bevor wir in die „Kutusowa“ einbogen, ging es vorbei an einem Restaurant mit der Bezeichnung „12 Stühle“. Man sieht es dem Gebäude nicht an, dass es eines der ältesten Restaurants in Kaliningrad beherbergt. Wenn Sie so wollen, es ist ein Geheimtipp für Sie von uns. Das Restaurant ist in einem Keller untergebracht, mit bunt zusammen gewürfeltem Mobiliar. Urgemütlich und die Küche ist wirklich zu empfehlen. Wenn Sie also mal ein ausgefallenes Restaurant in Kaliningrad suchen – hier ist man bestens aufgehoben.


Foto: Haus der Akteure mit Restaurant „12 Stühle“


Aber wir wollen nicht essen, wir wollten endlich zur Endstation um zu erfahren, was es da Interessantes gibt – wenn es denn dort etwas gibt. Es geht vorbei an dem Lieblingsgebäude vieler Kaliningrader Unternehmer – dem Finanzamt Nr. 8 auf dem Prospekt des Sieges.

Foto: Steuerinspektion Nr. 8 im Prospekt des Sieges


Es ging dann noch ein wenig weiter auf diesem Prospekt, alte Häuser, sowjetische Häuser, Einkaufszentren … und dann bogen wir links ab in einen Weg. Links und rechts Bäume, viel naturbelassenes Gelände und ein Kanal rechterhand mit viel Entengrütze drauf.

Foto: Kanal in Richtung Pregel – Anscheinend Fischreich
 

Und urplötzlich standen wir direkt am Wasser, dem Pregel, der Pregel-Uferstraße. Wir fuhren am Hafen vorbei, an einer Werft, sahen ein Handelsschiff Richtung Ostsee schwimmen und auch jede Menge Angler.

Foto: Pregel-Uferstraße mit Hafenanlage

 

Foto: Angler und Werftanlage

 

Von der ganzen Fahrt fand ich diese drei, vier Minuten entlang am Pregelufer als das Interessanteste – vielleicht deshalb, weil dieses Ziel, dieser Anblick völlig unerwartet kam. Ein ganz klein wenig fühlte man sich an Hamburg und seinen Hafen erinnert – aber eben nur ein ganz klein wenig.

Dann ging es anscheinend in die Zielgerade. Wir waren schon eine Stunde unterwegs und irgendwann musste ja nun die Endstation kommen. Und sie kam und nannte sich „Pregel-Siedlung“. Die Siedlung bestand aus einem sowjetischen Wohnhaus, zwei kleine Läden, einem hochherrschaftlichen altdeutschem Haus, wo mir eine nette Frau auf dem Rückweg erzählte, dass hier eine Firma ihr Domizil hat, welche sich mit der Förderung von Bodenschätzen beschäftigt. Und sogar eine kleine Kirche, im Jahre 2010 eingeweiht, stand am Ortseingang:


Foto: Das alte Schloss Holstein (erbaut 1693-1697) für Friedrich III., zuerst Friedrichstein genannt


Ich fand auch an diesem Ort, wo sich anscheinend Fuchs und Hase „Gute Nacht“ wünschen, ein Denkmal mit 27 gefallenen sowjetischen Soldaten. Warum hier gekämpft wurde, sah ich erst ein wenig später. Aber auch eine russisch-orthodoxe Kapelle, gebaut im Jahre 2010 stand unweit des Pregelufers – allerdings versehen mit einem soliden Schloss.

Foto: 27 gefallene sowjetische Soldaten – was war hier so wichtig, dass 27 Menschen sterben mussten?


Ich fand aber auch Häuser, die aussahen, als ob der Krieg eben noch hier getobt hat und es gab noch eine gepflasterte Straße – vermutlich so, wie sie auch 1945 aussah:

Foto: Schade …


Nun stand ich an der Endhaltestelle. Wohin jetzt gehen? Es schien so, als ob es hier nichts Besonderes gäbe. Aber ich irrte mich gewaltig. Zwei Ziele, für die es sich lohnt hier ein wenig mehr Zeit zu verbringen.

Grafik: Pregel-Siedlung
Grafik: Kartenausschnitt Gartenstadt und Fort Nr. 7 Herzog von Holstein

 

Wir laden Sie zuerst ein, mit uns die Gartensiedlung, die „Zadowoje Obschestwo“ zu besuchen. Ob es eine Gartensiedlung oder schon eine Gartenstadt ist … auf alle Fälle haben diese, im ganzen Kaliningrader Umfeld vorhandenen Gartenanlagen, sehr große Ausmaße. Der Unterschied zu den deutschen Gartenanlagen besteht darin, dass hier nichts geregelt ist. Es gibt hier nicht die knackige deutsche Ordnung – der Russe genießt hier seine individuelle Freiheit. Dadurch gibt es keine uniformierte Schönheit, sondern einfach nur den individuellen Geschmack jedes einzelnen. Im Gegensatz zu den deutschen Datschen-Grundstücken, erfüllen diese Anlagen in Russland auch einen völlig anderen Zweck. Sie dienen der Selbstversorgung mit Obst und Gemüse.

Grafik: Gartensiedlung oder Gartenstadt? Stundenlange Spaziergänge an frischer Luft und vielen Schmunzel- oder Aha-Erlebnissen
 

Jede Gartensiedlung hat eine Verwaltung, die mehr oder weniger aktiv ist.

In der von uns besuchten Gartensiedlung gibt es eine Chefin und eine Buchhalterin. Das sich ein Ausländer, also ein deutscher Ausländer hier in diese abgelegene Gegend verirrt und sich dann auch noch mit vielen neugierigen Fragen für die Gartenanlage interessiert – das war wohl auch für die beiden Damen ein Premieren-Erlebnis. Wenn ich meinen Besuch angekündigt hätte, dann wäre auch Kaffee und Kuchen auf den Tisch gekommen, aber so ist man jetzt ein wenig mit Arbeit ausgelastet – so die Chefin. Trotzdem nahm man sich Zeit und  erklärte mir einige grundsätzliche Dinge.

Seit dem Moment, wo die russische Gesetzgebung geändert wurde und eine Datscha auch Meldeadresse sein kann, ziehen mehr und mehr Leute aus der teuren Stadt in die Natur. Die längeren Anfahrtswege zur Arbeit und das vielleicht nicht ganz so pulsierende Leben wie im Stadtzentrum, nimmt man gern in Kauf. Auch das der Komfort natürlich sich zum Stadtleben unterscheidet – verständlich.

Foto: Die Ansprüche an eine Datscha sind sehr unterschiedlich

 

Aber es gibt auch Vorteile, die für Leute mit einem kleineren Geldbeutel ziemlich gewichtig sind.

Man bekommt ein Grundstück mit 600 Quadratmetern zu einem Spottgeld, Strom ist in fast allen Anlagen vorhanden, Gas besorgt man sich über Gasballons und Wasser gibt es auch aus unterschiedlichsten Quellen: Regenwasser, Brunnen, „Wassertürme mit  Pumpen. Gerade zu den Wassertürmen sieht man manchmal recht abenteuerliche Konstruktionen.  

Fotokombination: Abenteuerliche, einfache und immer funktionierende Wasserversorgungssysteme

 

Der Russe ist viel anspruchsloser. Deutsche Journalisten haben festgestellt, dass „der Russe viel leidensfähiger ist als ein Westeuropäer“. Das stimmt. Sie sind nicht nur leidensfähiger sondern viele haben „goldene Hände“ und bauen und reparieren selber Dinge des täglichen Lebens, wovor ein Deutscher (ich spreche da auch von mir) kapitulieren würde.


Fotokombination: Auch wenn der Russe anspruchsloser ist, ein Balkon muss unbedingt am Haus sein

 

In der letzten Zeit, so die nette Buchhalterin weiter, kommen auch viele Bürger aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere Kasachstan, nach Kaliningrad und richten sich in diesen Gartensiedlungen ein. Eigentlich wollen sie nach Deutschland, zu ihren dortigen Verwandten, aber irgendwie bekommen sie keine Genehmigung, um nach Deutschland zu fahren. So entscheiden sie sich, möglichst dicht bei ihren Verwandten zu leben und da ist Kaliningrad die beste Variante und ein kleines Gartenhäuschen am Stadtrand eine preiswerte Wohnmöglichkeit.

Fotokombination: Je nach Herkunft, fällt die „Kunst am Bau“ unterschiedlich aus. Übersiedler aus den südlichen Regionen bevorzugen Teppiche am Gartenzaun und ersetzen echte Palmen durch Plastikpalmen aus leeren Kwas-Flaschen. Andere nutzen ausgediente Limo-Dosen als Pfostendekoration, Russen aus St. Petersburg nehmen zur Verzierung Tassen aus dem „Lomonossow-Porzellanwerk und andere schmieden „irgendwas“

 

Fotomontage: Interessant sind auch die „Baumlampen“ und ein wenig Kitsch im Fenster

 

Bei meinem Spaziergang durch die Gartensiedlung fand ich die „Zentralstraße“ – ich vermute mal, dass es eine solche Straßenbezeichnung wohl in jeder Gartenstadt gibt. Sie heißt so, weil sie eben die zentrale Straße ist. Von hier zweigen dann die vielen kleineren Straßen und Wege ab. „Immer der Nase nach …“ dachte ich und ging los. Ich fand solche Straßen wie „Grüne Straße“, „Nordstraße“, „Gartenstraße“, „Beerenstraße“ – alles nette und logische Bezeichnungen, passend zur Gegend und Lage. Dann sah ich aber plötzlich die „Hotel-Straße“ und freute mich schon, dort ein Gästehaus zu sehen und ein Käffchen zu trinken. Es gab aber kein Hotel oder Gästehaus. Die nächste Straßenbezeichnung „Flottskaja“ versprach zumindest einen Hafen oder vielleicht einen See mit vielen Ruderbooten – nein, wieder falsch. Dann traf ich auf die „Montaschnaja“, also die Montage-Straße. Hier sah ich, dass jemand sein Auto reparierte, ein anderer fummelte am Dach seiner Datsche rum – das ergab eine gewisse Logik.

Ich nutzte die erstbeste Gelegenheit und sprach jemanden an – einen etwas älteren Mann, der sich auf seinem Grundstück beschäftigte und mir vielleicht erklären könnte, woher die Straßenbezeichnungen kommen. Als Deutscher geht man ja immer von einer gewissen Logik aus – aber hier fand ich keine Logik.

Zuerst bat ich um Genehmigung, seine interessante Laube – äh, tschuldigung, ich meine natürlich Datscha, fotografieren zu dürfen. Ihm war nicht ganz klar, was an seiner Datscha so besonderes war, aber nach dem ich ihm mein Gesamtanliegen erklärt hatte, war er begeistert von dem Gedanken, dass ein Deutscher eine Reportage über eine Gartenanlage schreiben will. Und so wurde ich sein Gast.

Er erklärte mir, dass die Gartensiedlung im Jahre 1973 gegründet wurde. Grundstücke erhielten in erster Linie die Arbeiter aus der Schiffswerft („… zum Teufel mit denen, die da jetzt das Sagen haben. Alles haben sie runtergewirtschaftet, nichts funktioniert mehr … ach was waren das damals noch für Werften bei uns in Kaliningrad … zum Teufel mit denen“, – so seine nostalgischen Einwürfe), aber auch Militärs, die damals noch reichlich in Kaliningrad waren, erhielten „Uschastki“. Und je nachdem, wo die Leute herkamen, vergaben sie die passenden Straßennamen. Also, ich fand bestätigt, dass auch bei den Russen eine gewisse Logik bei der Namensvergabe vorhanden war.

Nun war das Große und Ganze klar und er begann, mir sein kleines Fürstentum zu erklären.

Früher hatten sich 11 Familienmitglieder um dieses kleine Paradies gekümmert. Hier wuchs alles was man zum Leben brauchte. Aber jetzt, so klagte er, kümmert sich nur noch seine Frau gemeinsam mit ihm um den Garten und deshalb sieht er auch etwas verkommen aus. Die Hälfte wird nicht mehr bewirtschaftet und die andere Hälfte eben nur so, wie der Eigenbedarf ist. Die Kinder, so meinte er, gehen lieber in den Supermarkt um dort alles zu kaufen. Die Arbeit
im Garten ist denen zu mühselig.

Foto: Nicht ganz die deutsche Ordnung- aber schöne Sommertage kann man hier auch verbringen und die Eigenversorgung mit „Sanktions-Obst-Gemüse“ ist gesichert

 

Und er erwähnte, dass er auch auf der Schiffswerft gearbeitet hat – viele Jahre. Und da gab es viel, was man auf der Datscha gebrauchen konnte. So stammt die Fassadenverkleidung seiner Datscha aus Holzabfällen von irgendwelchen Schiffseinbauten. Der Brunnen auf dem Grundstück stammt auch aus Metallabfällen von irgendwelchen Schiffen und sehr stolz war er auf seinen „Pogrib“, also einen winzigen Keller unter der Datscha, wo alles Geerntete gelagert wird. Er war vollständig aus Metall mit Belüftung – auch ein Teil, auf das wohl irgendein Schiff verzichten musste. Dort kann man Obst lagern, selbst wenn es draußen minus 25 Grad sind. Der Keller ist so gut isoliert, dass das Obst und Gemüse das alles aushält. Er erklärte mir auch die Belüftung dieses unterirdischen Verlieses – ich war beeindruckt zum Erfindungsreichtum der Russen. Irgendwie kamen mir dann doch so Gedanken zur politischen Lage und im Inneren dachte ich mir, mit Blick Richtung Westen: „Ach, wenn ihr wüsstet, wozu die Russen in der Lage sind – im Großen wie im Kleinen – ihr würdet sicher eine andere Politik betreiben und keine Hoffnungen hegen, dass dieses Land irgendwann mal zusammenbricht.“


Foto: Sommerernte an Äpfeln, der gut belüftete winterfeste Pogrib und eingelegte saure Gurken – für die „saure Gurken Zeit“

 

Und er zeigte mir seine Wohnstube. Gemütlich – mehr gibt es da nicht zu sagen. Es braucht dort niemand irgendwelchen Schnick-Schnack. Ein Bullerofen, ein Klappsofa, ein wackliger Tisch und passend einen Hocker dazu. Fernsehen funktioniert dort auch – allerdings war der Fernseher selber kaputt. Aber, so meinte Wassili, mein Gastgeber, bleibt recht wenig Zeit zum fernsehen, denn der Garten fordert viel Zeit. Manchmal übernachtet er auch auf dem Grundstück, insbesondere wenn viel zu tun ist und er die weite Anfahrt scheut.


Foto: Einfach, gemütlich, zweckorientiert – mehr braucht ein Russe nicht um zufrieden und glücklich zu sein

 

Bei dem Grundstück gab es im Laufe des Jahres auch Veränderungen – erzählte er weiter. Zuerst hatte er nur 600 Quadratmeter, jetzt sind es über 700 Meterchen. Gleich neben dem Grundstück war mal ein Weg, ein ziemlich breiter Weg. Aber Menschen brauchen keine breiten Fußwege. Und so verschob er von Jahr zu Jahr den imaginären Zaun und grub die Erde ein wenig mehr um, bis eben der Weg ganz verschwunden war. Dann wurde ein vernünftiger Zaun gesetzt. Das nennt sich dann Privatisierung von öffentlichen Wegen. Jetzt, so meinte er, gibt es schon niemanden mehr, der sich daran erinnert, dass hier mal ein Weg war und es kommt auch niemand, um die Größe seines Grundstückes nachzumessen. Und wenn doch mal jemand kommt, so gibt es jetzt Gesetze, die sein aktuelles Eigentum schützen. Er hat sich sein vergrößertes Grundstück eben „ersessen“. Tolle Geschichte – dachte ich und war wieder etwas klüger.

Ich freute mich über die Gastfreundschaft von Wassili. Eine ganze Stunde seiner kostbaren Zeit hatte er diesem neugierigen Deutschen geopfert.

Als ich wieder meinen Weg fortsetzte, kam mir ein ulkiger Gedanke. Wenn ich jetzt, wie ehemals beim Militär, schreien würde: „Stillgestanden, Volkseigentum raustreten“ – würde dann die Siedlung zusammenbrechen und ich mich in einer Sandwüste wiederfinden? Ich machte den Versuch nicht und beließ es bei der Erinnerung an einen Ausspruch des Genossen Honecker auf einem der letzten Parteitage: „Genossen, aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen.“ Und die Arbeiter haben sich mit Begeisterung an die Umsetzung seiner Aufforderung gemacht.

Ich sah noch sehr viele nette Kleinigkeiten auf meinem weiteren Weg. Zwei ältere Damen luden mich auch auf ihr Grundstück ein. Ich sah abenteuerliche Konstruktionen zur Wasseraufbereitung. Ich fand Tassen in Kobaltblau-Design mit Goldverzierung, für die ich damals während meines Studiums in Leningrad stundenlang Schlange gestanden hatte, die hier im Garten als Wärmeisolierung für Pflanzen dienten. Ich machte den beiden Frauen natürlich ein Kompliment zu ihren Garten. Dabei erinnerte ich mich an einen kapitalen Fehler, den ich 1980 gegenüber meiner Russischlehrerin begangen hatte. Die russische Sprache kennt viele Feinheiten der Betonung, und wenn ich den beiden Damen gesagt hätte:

„Oh, was haben Sie für einen schönen, großen „Sad“, dann wäre ich sicher mit dem Kochlöffel vom Grundstück verjagt worden, denn ich hätte übersetzt gesagt: „Oh, was haben Sie für einen schönen, großen Hintern. Denn „Sad“ heißt „Hintern“ und „Zad“ heißt Garten. Also – Vorsicht, wenn Sie jemandem in Russisch ein Kompliment machen wollen – es könnte „nach hinten“ losgehen.


Foto: Abenteuerliche Konstruktionen zur Wasserversorgung und wertvolles Porzellan zweckentfremdet

 

Und wenn man irgendetwas braucht in dieser Gartenanlage – kein Problem, Reklame gibt es an jedem Laternenmast, an vielen Zäunen. Überall, egal ob ein Baum gefällt werden soll, Sand benötigt wird, Kohle und Schotter wird angeboten und auch wenn man „Naturdünger“ benötigt – alles wird frei Haus geliefert.

Foto: Zentrale Reklameannahme – Unterabteilungen gibt es in jeder Straße dieser Gartenanlage

 

Nach rund vier Stunden habe ich die Gartenanlage verlassen – mit der Erkenntnis, dass man Russland nicht auf der „Zentralstraße“ kennenlernt. Wenn ich Russland und die Russen verstehen will, denn muss ich die Nebenstraßen besuchen – da tobt das wirkliche Leben.

Der nächste Abschnitt war die Festungsanlage – das Fort Nr. 7. Als ich unterwegs nach dem Weg fragte, drucksten die Leute ein wenig rum. Ein Ausländer fragt nach dem Fort Nr. 7? Ich war davon ausgegangen, dass es einfach nur eine alte, verlassene, verkommene deutsche Festungsanlage ist. Man belehrte mich eines Besseren und empfahl, dass ich mich dort korrekt verhalten sollte, denn das Fort ist noch aktiv. Ich versprach korrekt zu sein und machte mich auf den Weg dorthin.

Eine nette Verkäuferin, die mir in einem kleinen Lebensmittelgeschäft eine „Wurst im Brötchen“ verkaufte – und dabei noch nett fragte, ob sie es nicht aufwärmen solle und ob ich nicht auch einen Tee trinken will, erklärte mir, wie ich am besten laufen müsste, um die Festung zu besichtigen. Ich musste trotzdem nochmal unterwegs nach dem Weg fragen und traf dort einen Russen mit einem interessanten Gefährt. Ein Auto kann er sich nicht leisten, meinte er und irgendwie muss doch Baumaterial und die Ernte transportiert werden. Selber wollte er nicht fotografiert sein – er habe seine Krawatte nicht umgebunden … Aber mich wollte er unbedingt vor seinem Universalfahrzeug „Made in Russia“ fotografieren.

Foto: Motorrad mit Beiwagen-Seitenlader – auch bestens geeignet zum Munitionsnachschub an die Front

 

Die Festung liegt wirklich ein wenig versteckt, es gibt keine Hinweisschilder und man muss ein klein wenig klettern – und das Ergebnis ist insgesamt „bescheiden“. Ich scheine nicht der einzige gewesen zu sein, der dieses Fort Nr. 7 besichtigt hat, denn die Trampelpfade entlang dem Wassergraben zeigen, dass es hier wohl öfter Besucher gibt.


Foto: Frei zugängliche Festungsanlage des Fort Nr. 7

 

Ich machte die große Runde um die ganze Anlage. Nicht nur, um alles anzuschauen – nein, der Tee aus dem netten kleinen Laden machte mir zu schaffen und ich suchte nach einem passenden Ort.

Nachdem das Dringende erledigt war, ging es schnurstracks zum Haupteingang. Der war allerdings neu und gut bewacht – von einem Zivilisten. Er gestattete mir das Firmenschild zu fotografieren und durch den Zaun hindurch das Denkmal aus mehreren stilisierten Raketen. Ich verstand, dass es sich hier um einen Zivilbetrieb für Raketeninstandsetzungen handelt und verkniff mir spezielle Fragen. Der Wachmann war nett, freute sich über meine Pläne, Kaliningrad mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu „erobern“ und wir schwatzten ein wenig.


Foto: „Offene Aktiengesellschaft – 69. Instandsetzungswerk für Raketen und Artilleriebewaffnung“


Staatsgeheimnisse habe ich von ihm nicht erfahren – ich habe es auch nicht versucht. Ich lief danach zurück, machte neue tierische Bekanntschaften, fand geheimnisvolle verlassene Häuser, schwankende Stege die über Verteidigungsgräben führten und spürte, dass es langsam Zeit wurde, wieder in das gemütliche Kaliningrad zurückzukehren.

Foto: Geheimnisvolle Häuser, schwankende Stege die ins Nichts führen und neue tierische Bekannte


Die erste Exkursion fand ich persönlich für mich interessant. Wie vermutet – das Bernsteinzimmer habe ich nicht gefunden und so richtig gesucht habe ich auch nicht danach. Aber ich bin trotzdem wesentlich reicher – an Eindrücken und Erfahrungen. In der kommenden Woche beginnen wir mit der zweiten Exkursion. Mal schaun, was es da Interessantes und Wissenswertes zu berichten gibt.

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   Kommentare ( 6 )

Regul Veröffentlicht: 8. Februar 2015 12:25:19

Eine wunderbare Idee, bin schon freudig gespannt auf die Entdeckungsreise.

Walter Mogk Veröffentlicht: 8. Februar 2015 13:33:46

Da werden sicher einige interessante Tipps für meinen nächsten Königsberg-Besuch dabei sein. Ich freue mich auf die Beiträge.

.g Radeberger Veröffentlicht: 8. Februar 2015 14:00:07

Hallo Uwe,
Ein sehr schöner Artikel, finde ich. Sie haben so einen eigenen lockeren Stil, eine schöne Art, anderen Wissen zu vermitteln. Ich find´s Klasse. Auch die Fotos sind sehr schön, eben echt aus dem Leben gegriffen.
Ihre Schilderungen vermitteln Lebenswirklichkeit in einer Zeit, wo gerade über dieses Land so viel Haß und so viele Lügen ausgeschüttet werden, daß es einen schlicht anwidert.
Ich freue mich schon darauf, weiteres über Kaliningrad und diesen Oblast zu erfahren.
mit freundlichen Grüßen zum Sonntag

Der Radeberger

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 24. Februar 2015 23:32:58

Unsere Mitarbeiterin Anastasiia hat sich auf die Suche gemacht, was das wohl für eine Frauenfigur am Oberteich ist. Und sie hat herausgefunden, dass es nicht das Ännchen von Tharau, sondern einfach nur eine junge Frau ist, die mit verträumtem Blick auf den See schaut und von dort das Auftauchen ihres Prinzen erwartet. Das Denkmal mit dem Barometer war ursprünglich gedacht als romantischer Treffpunkt für Verliebte.
Unser Medienpartner "newkaliningrad" hat unter nachfolgendem Link alle Frauenfiguren die es in Kaliningrad gibt aufgelistet und eine Beschreibung vorgenommen. Recht interessant ...

https://www.newkaliningrad.ru/realty/publications/3367330-est_zhenshchiny_v_prusskikh_selenyakh_zhenskie_monumenty_kaliningrada.html

Frank Schröter Veröffentlicht: 15. März 2015 14:21:26

Erst an einem Sonntag zum Winterausgang (bei uns im Vogtland lag gestern noch genug Schnee zum Skifahren) bin ich einmal dazu gekommen, den Bericht von der 1T einmal in Ruhe zu lesen. Wunderbar geschrieben! Und für mich mit soviel wehmütigen Gedanken an meine unvergesslichen Jahre in Kaliningrad. Danke. Ich warte schon auf den Bericht von der 5. Die fährt in der Karla Marksa ganz dicht bei meiner Schwiegermutter vorbei :-)

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 15. März 2015 14:42:27

... nach der Straßenbahn Nr. 5 kommt eine Trolleybuslinie und danach geht es dann etwas nach Außerhalb von Kaliningrad ... also immer schön neugierig bleiben.

Regul Veröffentlicht: 22. März 2015 12:45:32

Eine wunderbare Kolumne, ich freue mich immer wieder auf den Sonntagsausflug mit vielen netten kleinen Details. Man bekommt Einblicke in das tägliche Leben und auch die ... charmanten Eigenarten ... der Menschen in Kaliningrad. Ganz nebenbei verändert sich, für mich als Ortsfremden, allmählich auch das erste Bild, das ich mir von Kaliningrad gemacht habe. Das ersetzt zwar nicht eigene Erfahrungen, doch das Interesse wächst, dort einmal selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Vielen Dank!

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 22. März 2015 13:31:44

... genau das ist es, was ich mit meiner Exkursion durch Kaliningrad erreichen wollte. Den Blick für die tausend Kleinigkeiten dieser Stadt schärfen. Man braucht keine sensationellen Dinge, um ein schönes Urlaubserlebnis zu haben. Und man versteht auf diese Art und Weise auch die Menschen besser, wie sie denken, fühlen und wie sie ihr Leben organisieren. Das hilft mir Fehler im Umgang mit den Russen zu vermeiden und ein angenehmes Leben hier zu führen.

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