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Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt Teil-2

So, 24 Mai 2015 Publizistik


Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt Teil-2

Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach – so hatte ich meinen Reisebericht im ersten Teil unserer Exkursionsreportage begonnen und damit begründet, warum ich, trotz meiner ständigen Anwesenheit in Kaliningrad, erst jetzt begonnen habe, die Stadt wirklich kennen zu lernen. Wer diesen Reisebericht noch nicht gelesen hat, kann das mit einem mutigen, kurzen Klick auf die Grafik nachholen:

Diese Exkursionen machen mir nun schon Spaß, obwohl sie natürlich sehr zeitaufwendig sind. Aber man sieht viel, hört viel, macht neue Bekanntschaften und kann mitreden, wenn andere Deutsche ihre Erlebnisse in der Stadt oder dem Gebiet zum Besten geben – zum Beispiel am Trefftisch der Deutschsprachigen in Kaliningrad, der jeden Mittwoch ab 19.00 Uhr im „Zötler“ stattfindet und der sich nun schon seit 2009 einer stabilen und wachsenden Beliebtheit erfreut.

Der eigentliche Anlass für die Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt war ein Deutscher, den ich am Trefftisch kennengelernt hatte. Immer wenn er auf der „Durchreise“ ist und ein oder zwei Tage Aufenthalt in Kaliningrad hat, nutzt er die Gelegenheit, um sich mit der Stadt auf diese Art vertraut zu machen – und er ist begeistert von Kaliningrad. Klar, dass bei mir der Neid erwachte – ich wollte mich auch so begeistern.

Mir war schon klar, dass ich keine Sensationen aufreißen werde. Auch das Bernsteinzimmer werde ich bei meinen Erkundungen und Exkursionen nicht finden, obwohl ich mich manchmal an Stellen befinde, wo man durchaus versteckte Schätze erwarten kann, oder doch zumindest ehemals wertvollen Hausrat, Silberlöffel und sonstiges Familienkleinod von Deutschen, die das Gebiet damals, im Jahre 1945 in der Hoffnung verlassen haben, hierher wieder zurückkehren zu können und die Dinge, die sie nicht mitnehmen konnten, irgendwo vergraben hatten.

Wenn Sie mich auf meinen Erkundungen begleiten – vorerst nur virtuell – werden Sie das sehen, was die Einheimischen jeden Tag sehen und als „nichts Besonderes“ empfinden. Für einen Ausländer gibt es aber oft ein „Oh“- oder „Aha“-Effekt. Wir möchten Sie mit dem ganz normalen Leben im russischen Kaliningrad etwas vertrauter machen – sehen Sie das, was organisierte Touristen nicht sehen und vielleicht haben Sie Mut, sich selber auf diese „Kaliningrad-Erkundung“ zu begeben. Sollten Sie etwas sehen, was wir noch nicht gesehen haben, so teilen Sie es uns mit, kommentieren Sie den Beitrag, senden Sie uns ihre Fotos.

Vielleicht finden Sie bei Ihren Erkundungen hier und da nette Kleinigkeiten, die Spaß machen und die Anregungen für mich und unsere Besucher geben, mal etwas anders Kaliningrad zu erkunden und dabei besser zu erkennen, wie der Russe „tickt“.

Wir werden unseren Reisebericht immer in Teilabschnitten an jedem Sonntag veröffentlichen. Für diejenigen, die uns nicht tagaktuell begleiten, sondern das Portal und unsere Beiträge erst später entdecken gibt es somit die Möglichkeit, bei Interesse alles „am Stück“ zu lesen.

Somit geht es nun langsam los. Wieder investieren wir 18 Rubel in einen Fahrschein und lassen uns überraschen, wo es denn hingeht. Links und rechts schauen wir was es so Interessantes gibt, machen uns Notizen und besonders Interessantes werden wir vielleicht noch einmal extra besuchen.


Grafik: Kaliningrad-Exkursion mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Preis von 0,23 Euro

Nach der Erfahrung mit einem Linienbus des öffentlichen Nahverkehrs, von dem ich mich aus den nördlichen in die südlichen Gefilde der Stadt Kaliningrad fahren ließ, kam mir der Gedanke, doch das nächste Mal lieber eine Straßenbahn-Tour zu machen. Von ehemals neun Linien in Kaliningrad, sind jetzt nur noch zwei klägliche Reste übrig geblieben und bevor die vielleicht auch noch abgeschafft werden, sollte ich unbedingt eine Exkursion machen – meinte ich. Also ging es erst einmal ans Studium der Fahrstrecke, wie denn diese beiden Linien fahren – woher, wohin. Ich staunte nicht schlecht:

 

Fotomontage: Links die Fahrtstecke der Linie 3, rechts der Linie 5

 

Es gibt eigentlich keinen Unterschied in der Fahrstrecke. Erst so ziemlich zum Schluss, im Süden biegt die Linie 3 nach links ab, in Richtung Süd-Bahnhof oder nach rechts, hin zum stillgelegten Fleischkombinat. Ausgangspunkt ist immer die ul. Bassejnaja. Ich entschied mich, es zuerst mit der Linie 5 zu versuchen – also Richtung Endhaltestelle Fleischkombinat.

So einfach, wie es bei meiner ersten Exkursion mit dem „Linienbus 1T“ war, wo der Startpunkt bei mir in der Nähe lag, war es jetzt mit der Straßenbahn nicht. Ich suchte mir eine Stelle, irgendwo mittendrin aus, wo ich erst einmal zu Fuß hinging. 

 

Fotomontage: Startpunkt ist der Max-Aschmann-Park und Einsteigestelle in die Straßenbahn der Linie 5 die Kreuzung „Sowjetski-Prospekt“ / ul. Janalowa, dort, wo das Fliegerdenkmal steht.

 

Es ging zuerst durch die sich ewig hinziehende Gaidara-Straße, neu gebaut, breit und schnell. Sie führt durch das neue Wohnviertel „Selma“ – vor zehn Jahren noch ein Gebiet mit viel Wiese, viel Sumpf und einfach viel „Nichts“. Jetzt wohnen hier 50.000 Menschen und es sollen bis 2018 noch weitere 50.000 hinzukommen. Beim Bau des Viertels war man etwas nachlässig. Es ging in erster Linie um die Schaffung von neuem Wohnraum, möglichst schnell, möglichst preiswert. Möglichst schnell hat geklappt, möglichst preiswert nicht immer. Bei der Bauwut wurde die Entwicklung der Infrastruktur vernachlässigt. Schulen, Kindergärten, Einkaufseinrichtungen, Restaurants, der neue Markt „Selma“ und natürlich die neue Straße mit der Eisenbahnüberquerung kamen erst mit erheblicher Verspätung. Man muss eben manchmal etwas warten, ehe das Paradies eingerichtet ist.

Vielleicht lassen wir uns ein wenig Zeit und spazieren kurz durch den neuen Stadtteil? Er bietet natürlich keine architektonischen Leckerbissen und altdeutsche Bausubstanz ist auch keine vorhanden. Aber viele Menschen haben hier eine neue Wohnung gekauft (wir haben in Russland einen sehr hohen Anteil an Eigentumswohnungen) und sich gemütlich eingerichtet.

 

 

Und man beginnt, ein wenig sein unmittelbares Umfeld nett zu gestalten. Natürlich entsprechen viele Dinge nicht dem deutschen Geschmack, aber wir leben auch in Russland und nicht in Deutschland. Und wenn alles so aussehen würde wie in Deutschland, dann braucht man auch nicht zu uns zu fahren – nicht wahr? Schauen Sie mal, was man in den Neubaugebieten zwischen den Häusern so alles entdeckt – die netten Kleinigkeiten, mit viel Liebe hergerichtet:

 

Und wenn man durch die Straßen läuft, aufmerksam nach links und rechts schaut, auch ein wenig Zeit investiert, trifft man auf interessante Menschen. Man glaubt gar nicht, was ein altes Mütterchen, die typisch russische Babuschka, die sich mit dem Verkauf von Sonnenblumenkernen am Straßenrand ein wenig ihre Rente aufbessert, so alles zu erzählen hat. Da kommt einem gleich eine Menge neuer Gedanken, was man zukünftig noch so alles aus dem russischen Leben berichten könnte. Aber auch eine Brigade von Frauen in orangefarbener Arbeitsschutzbekleidung, die für uns die Straßen sauber halten, ist dankbar für freundliche Gespräche, die sie einen Moment von der Arbeit ablenken. Und für mich ist es die Gelegenheit mich als Russland-Versteher weiter zu qualifizieren.


Es ging also die ellenlange Gaidara-Straße entlang, über die neue Eisenbahnbrücke, vorbei am Militärinstitut der Ostseeflotte, weiter zum Fliegerdenkmal und schon sind wir am Sowjetski-Prospekt angekommen.

Fotomontage: Links Kreuzung, rechts Sowjetski-Prospekt, Militärinstitut, Richtung stadtauswärts


Wie auch bei meiner ersten Tour mit dem Bus, wurde ich von der Tram-Fahrerin argwöhnisch beobachtet und es dauerte auch nicht lange, bis die Schaffnerin mir meinen ganz individuellen Fahrschein verkaufte und unauffällig fragte, warum ich fotografiere. Nach dem ich ihr wieder meine Geschichte und mein Vorhaben erzählt hatte, erlebte ich, wie immer, die ganze gutmütige russische Seele und wir vier – ich, die Schaffnerin, die Fahrerin und die 40 Jahre alte Straßenbahn – schunkelten langsam los – Durchschnittsgeschwindigkeit geschätzte zehn Kilometer pro Stunde. Die Strecke war gut ausgelastet.

So alt und klapprig die Bahn auch war – es ist ein Erlebnis. Jede kleine Biegung löste unsägliches quietschen aus. An manchen Stellen schaukelte die Bahn bedenklich. An den Haltestellen informierte die Fahrerin höchstpersönlich wie sich die Haltestelle nennt und welche Haltestelle als nächstes kommt. In Deutschland kommen diese schnöden, unpersönlichen Ansagen vom Band. Hier haben wir noch echte Mundarbeit, der persönliche Kontakt zwischen Fahrerin und Fahrgast ist somit hergestellt – da wächst doch gleich das Vertrauen in die Transportleistung. Dazu noch die persönliche Übergabe des Fahrscheins durch eine lebendige Schaffnerin – das hat man in Deutschland nicht. Wir gönnen uns diesen Luxus weiterhin. Allerdings steht zu befürchten, dass es im Jahre 2018, dem Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft in Kaliningrad, mit diesem Individualismus auch vorbei ist. Es soll das elektronische Ticket eingeführt werden, ein einheitlicher Fahrschein, mit dem man auch umsteigen kann – kurz, es soll alles so werden wie in Deutschland.

Unserer Nostalgie-Straßenbahn fehlte es ein wenig an Farbe. Es gab eine Zeit, da wurde kräftig Werbung an der Straßenbahn gemacht und das garantierte, dass die Bahnen von außen immer irgendwie modern aussahen. Jede neue Werbung brachte einen neuen Farbanstrich. Aber jetzt sieht man nicht mehr viel aktuelle Werbung und Geld für neue Straßenbahnen fehlt gegenwärtig in der Stadtkasse. Gerade mal eine neue, polnische Bahn fährt in Kaliningrad – so als Experiment. Man ist mit der Bahn sehr zufrieden. Sie hat nur einen Nachteil – sie ist in der Anschaffung ziemlich teuer. Aber unsere Bahn war warm und sauber und mehr braucht man eigentlich nicht um zum Ziel zu kommen.

Nach einem gewöhnungsbedürftigen Abfahrtsignal – es ist kein angenehmer Gong oder so etwas westlich-elektronisches, sondern ein Klingelrasseln, so wie es wohl schon im alten Königsberg die Straßenbahnen von sich gegeben haben – ging es dann los. Eine scharfe Rechtsbiegung und wir befanden uns auf dem Sowjetski-Prospekt.

Die erste Sehenswürdigkeit ist der Fernsehturm – nicht so schön wie der Berliner, nicht so hoch wie der Berliner, nicht so technisch vollkommen wie der Berliner und leider auch ohne Restaurant, wie es der Berliner Fernsehturm hat. Dafür ist dieser Turm aber dafür verantwortlich, dass wir in Kaliningrad die vielen unterschiedlichen russischen und ausländischen Fernsehsender empfangen können.

Foto: Der Sendemast an der Kreuzung Sowjetski Prospekt/Narwskaja

 

Aber der Turm erfüllt für unsere Besucher oftmals eine ganz andere Aufgabe – er ist Orientierung, falls man sich in unserer Weltstadt einmal verlaufen hat oder einfach nur eine Orientierung braucht. Schade finde ich, dass man dieses technische Bauwerk nicht nutzt, um durch eine Design-Beleuchtung mit wenig Aufwand, einen weiteren touristischen Anziehungspunkt für die Nacht zu schaffen. Es gab mal vor zehn Jahren ein Programm des Gouverneurs, die Stadt in der Nacht zum Tag zu machen. Georgi Boos, der damalige Gouverneur, war auch Inhaber einer Firma, die sich mit Beleuchtung von Objekten und Straßen beschäftigte. Klar, dass er auf solche Gedanken kommt. Aber Georgi Boos ist abgereist und mit ihm auch viele und vieles andere – schade.

Wir schunkeln weiter, passieren das Gebäude des Migrationsdienstes, der Verwaltung des Inneren des Kaliningrader Gebietes, das nett anzusehende Gebäude des russischen Sicherheitsdienstes (fotografieren verboten!) und bleiben an der Ampel, direkt vor dem Gebäude der Technischen Universität stehen – wir warten auf grünes Licht.


Mal ehrlich, wie oft waren Sie schon in Kaliningrad, sind durch das Stadtzentrum gewandert und gedankenlos an diesen, doch wichtigen Gebäuden, vorbeigegangen? Ganz zu schweigen davon, dass man da auch reingehen kann. Gut, das Gebäude des russischen Sicherheitsdienstes wird vermutlich nicht der gemütlichste Gastgeber sein und ich vermute mal, das man dort an Gästen auch überhaupt nicht interessiert ist, aber in das Gebäude der Technischen Universität können sie reingehen. Da gibt es eine Kantine für preiswertes Essen und man kann sich mal vertraut machen zu den Studienbedingungen in Kaliningrad. Die Räumlichkeiten des deutschen „Klaus-Mehnert-Institutes“ haben hier auch ihr Domizil. Es gibt viele interessant gestaltete Wandtafeln, kleine Fotoausstellungen … trauen Sie sich, gehen Sie rein … Aber nicht jetzt, denn die Ampel hat auf grün geschaltet und mit lautem quietschen geht es in einer scharfen Linkskurve auf den Prospekt, der den Namen des Chefs des Weltproletariats trägt – nun ja, oder doch zumindest desjenigen, der die Große sozialistische Oktoberrevolution in Russland organisiert hat – mit dem Geld des deutschen Geheimdienstes, wie man so hört: also „Lenin“.

Diese Kreuzung ist kreuzgefährlich, unübersichtlich und ewig verstopft. Unbequeme Fußgängerüberwege. Wir sitzen aber in der gut beheizten Straßenbahn (es ist Mitte November und doch schon etwas kalt), schauen auf einen Straßenhändler, der Bilder mit Stadtmotiven anbietet, ein Junge versucht sich sein Taschengeld aufzubessern, in dem er Autoscheiben putzt – übrigens eine seltene Erscheinung in Kaliningrad. Nervös klingelt die Straßenbahn um Autofahrer von den Schienen zu verscheuchen und um endlich von der Kreuzung wegzukommen. Aber die nächste Kreuzung wartet schon, nachdem wir links den Platz des Sieges und rechts die Stadtverwaltung, den Sitz des Kaliningrader Bürgermeisters, passiert haben. Mit „Lenin“ hat die Straßenbahn nicht viel im Sinn und deshalb geht es jetzt auch nach
den wenigen Metern auf diesem Prospekt nach links – die ul. Tschernjachowskaja.

Foto: Kreuzungemütliche Kreuzungen am Platz des Sieges – oftmals siegt hier der Verkehrsrüpel


Die Tschernjachowskaja ist eine der Haupteinkaufsstraßen in Kaliningrad. Hier ist das Radisson-Hotel, der Zentralmarkt, der Sitz der Verkehrspolizei. Danach kommen wir zu einem interessanten Restaurant.

Foto: Restaurant in einem ehemaligen unterirdischen Luftschutzbunker an der Kreuzung zur ul. Sergejewa

 

Bis vor wenigen Jahren nannte es sich noch „Rossgarten“, aber jetzt bietet es andere Küche an und hat wohl eine tschechische Bezeichnung. Es ist in einem ehemaligen Luftschutzbunker für die Bevölkerung untergebracht. Urig und gemütlich – es lohnt sich, da mal für ein Essen Zeit zu investieren. Und wir fahren weiter, links vorbei am Unterteich und gleich dahinter ein kleiner Markt der Kaliningrader Bernsteinjuweliere.


Foto: Souvenirmarkt für Kaliningrader Bernsteinjuweliere, gleich am Bernsteinmuseum

 

Wenige Schritte danach befindet schon das Bernsteinmuseum. Die Stadt hat vor rund einem Jahr begonnen, an allen bekannten Sehenswürdigkeiten in der Stadt Touristen-Hinweisschilder in russischer und englischer Sprache aufzustellen. Über das Mobiltelefon kann der Tourist weitere Informationen erhalten, wenn er das freundlich  lächelnde schwarze Quadrat des entsprechenden Objektes richtig einscannt:

Foto: Touristenführer an jeder Sehenswürdigkeit Kaliningrads in zwei Sprachen


Wer es nicht geschafft hat, in das von uns empfohlene Bunker-Restaurant zu gehen, hat jetzt die Möglichkeit in ein etwas eleganteres Fischrestaurant einzukehren. Es befindet sich gleich im Komplex des Bernsteinmuseums und nennt sich „Sonnenstein“.

Aber wir wollen nicht vergessen, dass wir bis zur Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 5 fahren wollen. Also sitzenbleiben und wenn der Hunger zu groß wird, dann die Butterstullen auspacken, die Sie hoffentlich eingepackt haben. Die Thermoskanne mit dem Kaffee oder Tee sollte man auch in der Straßenbahn nicht nutzen – die Straßenzustände können schnell dazu führen, dass es zu „Zuständen“ in der Straßenbahn kommt und das wollen wir nicht.

Wieder mit lautem Gequietsche geht es nach rechts, quer über die unbequeme Kreuzung und schon befinden wir uns auf der Straße 9. April. Eine etwas ungewöhnliche Bezeichnung für eine Straße, aber sie erinnert an die Kapitulation der Festung Königsberg im Jahre 1945.

Ich habe diese Fahrt im November 2014 unternommen. Für ein paar Monate hat danach die Bahn ihre Strecke geändert, denn diese Straße wird komplett neu gestaltet.


Foto: Vollständige Rekonstruktion der Straße 9. April – schafft Anschluss an die neue Brücke über den Moskauer Prospekt einerseits und an den Wassiljewski Platz und ul. Newskowo andererseits

 

Danach soll es eine wahre Rennstrecke für die Straßenbahn geben, wo diese mit 40 km/h durch die Straße donnert, vorbei am Gebietskrankenhaus, dem staatlichen Rentenfond, einem weiteren Gebäude des Migrationsdienstes. Wir erreichen danach eine weitere Kreuzung mit der Frunse-Straße. Wenn wir hier aussteigen würden, so kämen wir links zum Königstor und rechts zum Hochzeitspalast, zum Haus der Räte, dem Unterteich. Wir bleiben aber sitzen, holpern über die Kreuzung und befinden uns schon auf dem neuen Teil der Straße 9. April, die vor zwei oder drei Jahren zur Nutzung freigegeben wurde. Die Bahn fährt nicht über die neue große Brücke des Moskauer Prospekts, die auch Jahrzehnte als Bauruine das Stadtbild nicht verschönt hatte. Die Straßenbahn hat hier ein Gleisbett rechts von der Brücke und bewegt sich zum Moskauer Prospekt.

Wir biegen nach rechts ab, fahren an der Kunstgalerie vorbei, sehen das restaurierte Schnellboot-Denkmal, gleich hinter der Kunstgalerie und überqueren über eine alte Brücke den Pregel.

Rechts sehen wir den Königsberger Dom und mit ein wenig gut geputzter Brille erkennt man auch das Denkmal von Herzog Albrecht auf dem Gelände des Doms.

Die Straßenbahn holpert dann weiter am Fischdorf vorbei. Links ist das Baltische Ausstellungsgelände zu sehen. Das ungepflegte Gelände, gleich hinter dem Fischdorf, ist für den zweiten Bauabschnitt des Fischdorfes vorgesehen. Jahrelang führten die Stadt- und Gebietsverantwortlichen Gespräche mit dem russischen Verteidigungsministerium, dem das Gelände gehörte. Nun ist alles klar und wir hoffen, dass bis zum Jahre 2018 auch dieses Gelände zu einem Anziehungspunkt für unsere Gäste geworden ist.

Foto: Eindrücke rund um das Fischdorf


Wenn wir den Blick nach links wenden und ein wenig Phantasie walten lassen, so erkennen wir dort bereits das Fußballstadion, welches für die Weltmeisterschaft 2018 gebaut werden soll. Es steht auf der versumpften Insel – aber wie gesagt, man braucht ein wenig Phantasie.

Bevor es weitergeht, erleben wir ein Ereignis, welches wohl bei den Straßenbahn-Fans wahre Begeisterung auslösen wird. Leider hatte ich keine Möglichkeit für ein Foto – die Fahrerin stellt die Weiche mit der Hand und dem bekannten tragbaren Metallhebel um. Im Sommer sicher kein Problem, im Winter bei Kälte und Frost wohl doch ein Kraftakt, insbesondere, da die meisten Tramfahrer auch Frauen sind. Wir haben aber für Sie einen Videofilm bei „youtube“ gefunden. Vielleicht haben Sie Zeit – 14 Minuten dauert er und irgendwie um die fünfte Minute gibt es das nostalgische Erlebnis:


Wir biegen nun in die Zielgerade ein – die Aleja Smelych – also die Allee der Kühnen, der Mutigen, der Wagemutigen. Na, da kann man doch gespannt sein, was einen am Ende des Wagemutes erwartet. Ich finde, wir haben in der Stunde, die wir bisher unterwegs waren, doch schon ziemlich viel gesehen. Aber die „Allee der Wagemutigen“ bietet nicht viel – fand ich im vorbeifahren. Links kommerzielle und bürokratische Einrichtungen und rechts jede Menge deutscher Bausubstanz. Die Endstation ist erreicht, aussteigen, strecken und sich bereit machen für kühne, wagemutige Abenteuer.

Gleich nach dem Aussteigen, an dieser etwas trostlosen, entvölkerten Endhaltestelle, fallen ein paar altdeutsche Gebäude auf – irgendwie haben solche Gebäude immer etwas magisch Anziehendes, etwas Geheimnisvolles. Und da wir uns in der „Allee der Kühnen und Wagemutigen befinden, ging es kühn in diese Richtung.

Foto: Wendeschleife der Straßenbahnlinie 5 – Fleischkombinat

 

Ich wurde in meinen Erwartungen nicht enttäuscht und versuchte mir vorzustellen, was für ein altdeutsches Leben hier wohl bis 1945 stattgefunden hat. Wer hat hier gelebt, wer hat hier gearbeitet? Wurde auch damals hier Fleisch produziert? Was war das für eine Fabrik – damals? Wenn man die Bilder im Internet betrachtet mag es sein, das weniger Emotionen entstehen. Aber wenn man real vor solchen Gebäuden steht, die durch die neuen Nutzer nach 1945 oftmals nie so richtig „erkundet“ wurden, wo man heute noch auf Dachböden, hinter Türrahmen, unter alten Fußbodenbohlen irgendwelche altdeutschen familiären Reichtümer entdeckt, wo man beim Austausch von Fenstern in den Fensterhöhlen als Isoliermaterial alte deutsche Zeitungen aus den 30er Jahren oder früher entdeckt – nein, es hat schon was, vor solchen geschichtshauchenden Gebäuden zu stehen und einfach der Phantasie freien Lauf zu lassen.


Foto: Wohngebäude, Verwaltungsgebäude, geheimnisvoller Turm in der Allee der Wagemutigen


Lange habe ich vor dem Turm gestanden, nach einer Lücke im Zaun, nach einem Zugang gesucht. Keine Chance, er stand auf dem Gebiet des Fleischkombinats und ich musste also versuchen, den Wachmann zu überzeugen, mich auf das Gelände zu lassen. Also los zum Haupteingang. Und da gab es die nächste Überraschung, eigentlich sogar zwei Überraschungen:

 

Die erste Überraschung war, dass das Fleischkombinat geschlossen war, nichts mehr produzierte und zum Verkauf stand. Wenn Sie den Preis erfahren wollen – die Telefonnummer steht auf dem Plakat. Und die zweite Überraschung war, dass die Tür nicht abgeschlossen war und man anscheinend problemlos rein konnte. Und ich wollte rein und es gab die dritte Überraschung: Es gab keinen Wachmann.  Somit konnte ich niemanden fragen und begann meine wagemutigen Erkundungen.

 

 

Aber schnell war klar, die Eingangstür war die einzige Tür die offen war. Bis zur vierten Etage konnte ich das Treppenhaus des Hauptgebäudes erklimmen, aber alle Etagentüren waren zu. Die Fenster des Treppenhauses lange nicht geputzt, fotografieren aus den Fenstern kaum möglich. So blieb nur der Eindruck einer verlassenen Geisterstadt mit einer völlig unbefriedigten Neugier zurück.

Also weiter – hin zum verwaisten Eisenbahngelände. Keine Menschenseele zu sehen, kein Zug, keine Aktivitäten.

Aber es war Wochenende – also eine Zeit mehr zum erholen, als zum umladen und rangieren.

Ich fand das kleine Gebäude, vermutlich Stellwerksgebäude interessant. Es sah gut gepflegt aus und natürlich hatte es einen Balkon. Und es lagen unheimlich viele verrostete Nägel rum. Anscheinend waren die Gleise ausgetauscht worden – alte deutsche Gleise, noch mit Holzschwellen, gegen neuere und die altdeutschen Gleisnägel fanden keine Verwendung mehr. Groß und schwer – für mich zu schwer. Ich habe keinen Souvenir-Naael mitgenommen, aber genügend da sind, ausreichend für Ihren Besuch.


Ich entdeckte eine halbverfallene Treppe und wollte den Ausblick ganz oben genießen. Viel altdeutsche Bausubstanz und viele grün angestrichene Fahrzeuge. Da sollte man wohl lieber nicht fotografieren. Wir wollen uns ja höflich verhalten und keinen Anlass geben, dass unsere Gastgeber die Stirn runzeln …

Es gab nichts weiter zu sehen, Zeit, sich den anderen aufregenden Gebieten an der Endhaltestelle zu widmen. Ich hatte mal wieder keine Karte dabei, orientierte mich wenig und ging einfach der Nase nach. Quer über die Straße gab es so etwas wie eine Gartensiedlung. Ich sah eine Vielzahl von Beispielen von sehr individuellem Wohn-Wohlbefinden. Und am Horizont sah ich einen Kirchturm. Ich beschloss, dass es vielleicht dort etwas interessanter sein könnte als hier …

Der Weg dahin ist wirklich etwas für Leute mit Ausdauer. Besonders mutig oder kühn muss man nicht sein. Man muss nur bereit sein, auch durch etwas langweiligere Gegenden zu laufen. Aber egal wo man läuft, immer trifft man auf Zeichen der Vergangenheit.


Und man sieht die vielen netten tausend Kleinigkeiten. Mitten in einem Wohngebiet mit viel altdeutscher Bausubstanz haben die Bewohner aus einfachsten Mitteln den Vorgarten gestaltet. Vielleicht für deutschen Geschmack etwas ungewöhnlich – ich finde es sehr phantasievoll.


… und wo sieht man schon in Deutschland immerblühende Immerblüher aus bemalten Joghurt-Fläschchen und Palmen aus farbigen 2-Liter-Pet-Flaschen:


Ein paar Meter weiter, nach dem russischen Pragmatismus, finden wir Spuren deutscher Gestaltungsvorstellungen an oder besser über Hauseingangstüren – übrigens finden man diese „Hauskennung“ noch an sehr vielen Häusern in Kaliningrad.


Langsam meldeten sich aber meine Füße, kalt war mir auch und ehrlich gesagt, nach den vielen Stunden die ich schon unterwegs war, freute ich mich, endlich an der Kirche zu sein, die ich am Horizont gesehen hatte.

Es ging vorher noch vorbei an einem schönen alten Gebäude, mit ein wenig Instandsetzungsbedarf. Zu deutscher Zeit war es wohl eine Schule und auch heute ist es noch ein Ort für bildungshungrige junge Kaliningrader. Die Kirche war in einem ausgezeichneten Zustand, sowohl das Gebäude, wie auch das Grundstück – sehr gepflegt. Warum ich nicht reingegangen bin? Ich hatte es einfach vergessen und hatte auch nur noch einen Wunsch – irgendwo im warmen sitzen, Käffchen trinken und die Füße ausruhen. Aber leider gab es nichts in der Nähe, was ich mir zumuten wollte. Ich ging also noch weiter bis zur „Dscherschinski-Straße“, wartete dort auf den erstbesten Bus und fuhr, nun schon weniger aufmerksam zurück zum Office. Ehrlich gesagt, ich schlief sogar im Bus. Der Tag war anstrengend, aber ich hatte viele Zettel mit Eindrücken und die „Festplatte“ meines Fotoapparates hatte auch schon keinen Platz mehr.


Den ersten Teil der Reise mit der Straßenbahn der Linie 5 haben wir beendet. Eine Woche später geht es in die andere Richtung – denn auch da gibt es eine Endhaltestelle und was uns da erwartet – na schau´n wir mal.

Die Fahrt in die andere Richtung war auch nicht gerade mit bestem Wetter gesegnet – aber wie geht doch das Sprichwort? „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung“. Es ging also wieder zur schon bekannten Kreuzung „Sowjetski Prospekt – Janalow-Straße“.

Karte: Mit der Straßenbahn Nr. 5 Richtung Westen

 

Und da hatte ich Pech … die schöne neue polnische Straßenbahn fuhr in die andere Richtung – also Richtung Fleischkombinat. Ich wäre so gerne einmal mit dieser Bahn gefahren, denn das ist mir bisher noch nie gelungen. Aber zum Fleischkombinat wollte ich nur deswegen nicht nochmal hin. Muss ich mich also wieder mit einer Nostalgiefahrt zufrieden geben.


Foto: Wer die Wahl, hat die Qual – ich brauchte mich nicht zu quälen … ich nahm was so kam.

 

Es ging also los, ich investierte meine 15 Rubel (jetzt kostet der Fahrschein schon 18 Rubel), stellte fest, dass es kein „Glücksfahrschein“ ist und zückte meine Spickzettel, einen Reklamekugelschreiber meiner Lieblingsfirma und notierte, was man so alles aus dem Fenster der Bahn sah. Ein wenig krakelig sah es schon aus und ich hatte am Nachmittag, als ich im Office alles aufbereitete, doch schon ein wenig Mühe, alles richtig zu lesen – das Gleisbett ist eben nicht für Schreibarbeiten geeignet.

Es ging die „Festival-Allee“ entlang, über die Leonow-Straße, vorbei am Restaurant „Britanica“. Von diesem Restaurant, im englischen Pub-Stil gehalten, gibt es zwei in der Stadt. Das zweite, also eigentlich das erste Restaurant, wurde schon vor vielen Jahren im Stadtzentrum, im restaurierten Gebäude der Ost-Messe (heute „Bomba“) eröffnet. Man sitzt gut und gemütlich – sowohl in dem einen wie auch dem anderen Restaurant und einen Kredit braucht man zur Rechnungsbezahlung auch nicht aufnehmen.

Weiter geht es auf einem extra-Gleisbett parallel zur Karl-Marx-Allee. Für diejenigen, die gerne spazieren gehen, kann man jetzt schon die Fußgängerzone empfehlen, die sehr gut gepflastert und mit stilisierter Straßenbeleuchtung versehen ist,  entlang der Straßenbahnlinie verläuft. Und dann sieht man solche Kleinigkeiten:

Es geht dann schnell weiter und am „Brotteich“ und der Engels-Straße sind wir dann wieder direkt auf dem Prospekt Mira, fahren an der evangelischen Kirche vorbei, wo jeden Sonntag deutschsprachiger Gottesdienst stattfindet. Davor finden diejenigen, die sich für Denkmäler interessieren, eine Erinnerung an „die für die Freiheit und Unabhängigkeit Russlands
Gefallenen“. Es ist also kein Denkmal nur für die Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg.

Foto: Russisches Denkmal und Evangelische deutschsprachige Kirche am „Prospekt des Friedens 101“

 

Vor ein paar Monaten war ich an dieser Stelle schon einmal ausgestiegen und wollte mich mit der Straße gegenüber vertraut machen. Sie heißt „ul. Katina“ und in den Medien wird diese Straße recht häufig erwähnt. Aber ich war unvorbereitet, hatte schlechtes Schuhwerk und keine Karte mit. So fand ich auch nicht die altdeutsche Festungsanlage am Ende der Straße, hatte denkbar schlechte Laune, da der Schlamm am Ende der Straße knöchelhoch stand und ich beschloss mit nach einem alten Sprichwort zu richten: „Wiederholung ist die Mutter der Weisheit“.

Wir fahren nun mit der Bahn weiter – vorbei am „Herkules-Gebäude“, einem Restaurant und Einkaufszentrum und schon sind wir an der Endhaltestelle.  

Foto: Endhaltestelle ul. Bassejnaja. Unsere nette Schaffnerin macht noch ein wenig Reklame für 150 Jahre „Philharmonie“

 

Bevor ich mich auf die Socken machte, unterhielt ich mich noch ein wenig mit Maria Iwanowna, unserer Fahrscheinverkäuferin. Sie erzählte mir, dass sie noch 1958 mit deutschen Beute-Straßenbahnen in Kaliningrad gefahren ist und jetzt schon sehr lange bei „GorTrans“, dem städtischen Nahverkehr arbeitet. Meine Frage, wie es denn mit dem Gehalt aussieht und ob immer pünktlich bezahlt wird, beantwortete sie mit einer ganzen Lektion. Sie kann sich nicht beklagen, der Lohn kommt immer pünktlich. Zweimal im Monat wird bezahlt – aber es ist zu wenig. Sie hätte gerne mehr. Und sie begann mir zu erklären, wie der Lohn berechnet wird. So wie ich verstanden habe – um es mal einfach zu sagen – gibt es ein Basisgehalt und Beteiligung an den Fahrscheinen. Aber diese Beteiligung wird ziemlich kompliziert berechnet. Ich hörte aufmerksam zu – verstanden habe ich es nicht. Aber Maria Iwanowna schien mir nicht nur
gemütlich, sondern auch glücklich zu sein und das ist doch die Hauptsache.

Foto: Maria Iwanowna an der Endhaltestelle mit Abrechnungsunterlagen. Und ihr Arbeitsplatz in der Linie Nr. 5. Versuchen Sie niemals, sich auf den Platz der Schaffnerin zu setzen. Und ich sah, dass sich „GorTrans“ bereits um die Nachwuchsausbildung kümmert.


Sie zeigte mir noch ihre umfangreichen Abrechnungsunterlagen. Ich war beeindruckt, wie kompliziert doch so ein Fahrscheinverkauf sein kann. Ich hatte da völlig verkehrte Vorstellungen und dachte mir, wie viel Fachwissen da bis 2016 verloren geht, wenn in Kaliningrad das elektronische Ticket eingeführt wird und dann irgendwelchen Computer die Berechnungen vornehmen. Mal vom Verlust der zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen der Schaffnerin und dem Passagier mal ganz abgesehen. Aber nun hatte es Maria eilig. Für die Rückfahrt wollte sie für sich und die Fahrerin noch Bulotschki und eine Flasche Milch kaufen. Und an der Endhaltestelle gab es einen 24-Stunden-Laden mit recht interessantem Äußeren und auch einem interessanten Namen: „Bärenfang“

Foto: Restaurant und Minimarkt „Bärenfang“. Bären, die man dort fangen konnte, habe ich nicht gesehen. Aber Kunden scheinen sie dort genügend zu fangen, wie die Schlange zeigte.

Es ging also weiter zu Fuß, entlang dem Prospekt Mira und ich traf auf einen Friedhof. Gegenüber dem Friedhof Neubauten oder rege Bautätigkeit. Ich erinnerte mich an einen Artikel in einer Kaliningrader Zeitung, die über die in diesen Häusern angebotenen Eigentumswohnungen geschrieben hatten. Die Schlagzeile lautete: „Eigentumswohnung mit Blick auf Friedhof“ und es wurde diskutiert, ob dies wirklich ein geeigneter Ort für Wohnungseigentum ist. Aber wie es ausschaute, sind die Wohnung belegt und so schlecht ist der Ort nicht, obwohl – der Friedhof selber, es ist ein altdeutscher Friedhof, ist für einen Deutschen, der ja Friedhöfe doch eher als Parkanlage kennt, ein wenig gewöhnungsbedürftig.


Foto: Der Spaziergang wurde etwas länger, als eigentlich geplant

 

Foto: Links ein Kindergarten mit typischen Rettungstreppen – einfach, zweckdienlich und vor allem billig, dafür ästhetisch eher weniger ansprechend. Rechts Wohnhaus mit Blick zum Friedhof

 

Die Kultur der Beisetzung in Russland ist anders wie in Deutschland. Für mich ein immer wieder schwerer Moment, wenn ich in Kaliningrad einen mir bekannten Menschen auf seinen letzten Weg begleite. Die Aufbettung in einem offenen Sarg vor dem Wohnhaus oder in der Kirche. Der dazugehörige Gottesdienst – schwerste Momente für mich und ich weiß, dass bei meinem ausgeprägten Bekanntenkreis in Russland, diese schweren Momente noch häufig sein werden.

Auch die Ordnung, die Gestaltung der Friedhöfe ist für mich gewöhnungsbedürftig. Am Eingang des nun von mir besuchten Friedhofs herrschte noch vorbildliche Ordnung und Sauberkeit. Man nutzt diesen Bereich zur Bestattung von bekannten Persönlichkeiten aus der Kaliningrader Gesellschaft. Ich fand aber auch Grabstatten für Opfer von Katastrophen, Schiffsunglücken – alles gut hergerichtet und gepflegt.


Foto: Links der Haupteingang zum Friedhof mit Kapelle. Rechts das Grab von L. Gorbenko, dem zweiten Gouverneur des Kaliningrader Gebietes (1996-2000)

 

Je weiter man aber auf dem Friedhof läuft, umso schlimmer wird der Zustand der Gräber, der Wege und man kann kaum noch von einer letzten Ruhestätte sprechen.


Foto: Gräber sind so eng aneinander, dass kaum ein Weg noch vorhanden ist. Selten frische Blumen oder überhaupt Anzeichen einer Pflege.

 

Ich hielt mich über zwei Stunden auf dem Friedhof auf, stand vor Grabsteinen und versuchte zu erahnen, welche Schicksale sich dahinter verbargen und ich versuchte auch zu erahnen, warum man diese letzten Ruhestätten so häufig vernachlässigt. Ich kam zu keinem Ergebnis – es herrscht eben eine andere Kultur – auch nach dem Ableben, als es die Deutschen gewohnt sind.

Und plötzlich fand ich mich auf einem größeren Platz wieder, auch im hinteren Bereich des Friedhofs. Einerseits wird er genutzt, um Abfälle und irgendwelchen Grabungsschutt zu lagern, andererseits haben hier die Mitarbeiter des Friedhofs eine kleine Ausstellung altdeutscher Grabsteine geschaffen. Mit ein wenig mehr Mühe könnte man natürlich diesen Platz zu einem Anziehungspunkt machen – auch für Touristen, insbesondere diejenigen, die historische familiäre Wurzeln in Königsberg haben. Aber nach meinen, doch eher deprimierenden Eindrücken der letzten zwei Stunden, war ich schon zufrieden, so einen Platz vorzufinden.


Foto: Gesammelte altdeutsche Grabsteine auf einem Platz im hinteren Teil des Friedhofs

 

Und ich schaute auf einige Grabsteine etwas genauer:


Foto: Eine kleine Auswahl von über 50 ausgestellten altdeutschen Grabsteinen mit Sterbedaten aus den Jahren 1898, 1931, 1933 und 1942


Langsam kroch mir die Kälte in die Knochen und die Atmosphäre des Friedhofs gab mir den Rest. Es wurde Zeit, die Exkursion fortzusetzen. Zum Glück fand ich gleich gegenüber des Friedhofes eine Tankstelle mit einem kleinen, gemütlichen, warmen Café und ich gönnte mir eine Pause zum Aufwärmen und einem Käffchen.

Foto: Kaffee Amerikano, zwei Stück Kuchen und gemütliche Atmosphäre für 290 Rubel. Und selbst hier konnte man mit EC-Karte bezahlen.

 

Wenige Minuten später setzte sich noch ein Mann an den Nebentisch. Es war Mittagszeit und er bestellte sich etwas Deftiges. Tja, nachdem ich den reichhaltigen Teller sah, stellte ich für mich fest, dass ich wohl doch nicht das richtige bestellt hatte – immerhin, es war ja Mittagszeit.

Aber ich will nicht meckern. Ich war satt, der Kaffee hatte geschmeckt und aufgewärmt hatte ich mich auch und so konnte es an den zweiten Teil meiner Marschstrecke gehen.

Ich lief durch die „Krasnoselskaja“ – eine ganz normale Straße, nichts besonders Aufregendes. Ich fand ein schönes Straßenschild an einem Haus – Königsberger Motiv, Kaliningrader Straßenbezeichnung:

Foto: Altdeutsches Haus, altdeutsches Motiv des Stadtschlosses, russische Straßenbezeichnung im Haus Nr. 72 in der „Krasnoselskaja“


Allerdings hatten wohl die Bewohner des benachbarten Hauses Nr. 71 etwas andere Vorstellungen von Wohn- und Umweltkultur – tja, die Ansichten sind eben unterschiedlich.

Foto: Solche Fotomotive findet man, wenn man sich auch in die Hinterhöfe wagt


Ein wenig weiter wurde ich jedoch wieder getröstet. Man sah, wie die Bewohner mit möglichst wenig Aufwand aber einem Maximum an Phantasie ihre Außenanlagen mit einfachsten Mitteln gestalten. Natürlich kann man auch hier geteilter Meinung sein und über Geschmack streiten, aber schöner als der Hinterhof der Krasnoselskaja Nr. 71 sieht es allemal aus:

Foto: Alte Autoreifen, leere PET-Flaschen, ausgediente Abflussrohe und Wasserschläuche …

 

Der weitere Weg zog sich endlos hin. Die übliche „Stadtlandschaft“ mit Straßenhandel, frierenden Menschen – keine Chance einen Schwatz zu beginnen und Familiengeschichten zu erfahren. Ich landete wieder auf dem Prospekt Pobedy und begann mich in Richtung Bushaltestelle zu bewegen. Irgendwie war ich doch ein wenig „fertig auf den Röhren“.

In der Charkow-Straße, gleich nach dem Krieg umbenannt nach einer ukrainischen Stadt, fand ich Altdeutsches in Masse vor. Gleich hinter den dunkelroten Ziegelsteinhäusern verläuft eine Eisenbahnstrecke und vor den Häusern fand ich ein wenig Kleinkunst – Geld aus dem Füllhorn. Davon träumen sicherlich alle und nicht nur die Bewohner des Hauses, vor dem diese kleine Kunst steht:


Foto: Geld aus dem Füllhorn und der Wohnwagen vielleicht schon eine Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 – Unterkunft für Gäste?

 

Und auch mein weiterer Weg durch die Querstraßen des Prospekt Pobedy zeigte, dass Kaliningrad die Stadt der Widersprüche, der Extreme ist. Neben Schönem, Reichen, Gepflegtem, auch gleich das andere Extrem:


Foto: Schönes und weniger schönes auf engstem Raum beisammen

 

Wovon ich mich bei dieser Exkursion überzeugen konnte ist, dass die weit verbreitete Meinung, dass Königsberg im Kriege fast völlig zerstört wurde, einfach nicht stimmt. Es mag sein, dass im Stadtzentrum selber, sehr wenig Bausubstanz aus der Vorkriegszeit erhalten geblieben ist. Aber kaum das der Besucher sich ein wenig aus dem Stadtzentrum herausbewegt trifft er auf Schritt und Tritt auf Steinzeugen der Königsberger Geschichte. Man muss sich nur Zeit nehmen und vorurteilsfrei durch die Stadt laufen. Kaliningrad ist nicht immer Königsberg. Verabschieden muss man sich von der immer so umschwärmten Postkartenidylle der Vorkriegszeit. Und Kaliningrad ist auch nicht St. Petersburg. Kaliningrad ist eine Stadt mit deutscher Geschichte, sowjetischer Vergangenheit und russischer Gegenwart und jeder Besuch und jede sachliche und kritische Anmerkung von Ausländern hilft dieser Stadt, wieder ein historisch-modernes Gesicht zu erhalten.

Damit beenden wir unsere zweite Exkursion. Auch die nächste Exkursion wird uns in einen Bereich der Stadt Kaliningrad führen, den wirklich kaum ein Tourist kennt. Wir fahren in Richtung des Deutsch-Russischen Hauses – immer ein zentraler Anlaufpunkt für deutsche Kaliningrad-Besucher. Aber dann geht es weiter – wohin genau? Besuchen Sie unser Portal und erfahren Sie es.

 

 

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   Kommentare ( 1 )

Regul Veröffentlicht: 10. Mai 2015 12:08:42

Sehr geehrter Herr Niemeier,

ich freue mich die ganze Woche auf Ihre Kolumne und man ist fasziniert mit von der Partie um Kaliningrad mit anderen Augen zu entdecken. Zugegeben war ich ja noch nicht vor Ort, doch man gewinnt einen ersten Eindruck von der Stadt und ab und an auch von den offenherzigen Einwohnern. Durch die kleinen Anekdoten z. Bsp. über die Nöte der Fahrkartenverkäuferinnen oder landraubende Datschen-Besitzer bekommt die Fahrt auch eine persönliche Note. Vielen Dank für das farbenfrohe Bild.

Gute Zeit!

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 10. Mai 2015 12:12:46

... nun, die zweite Exkursion nähert sich langsam ihrem Ende. Es wird noch zwei Episoden geben und dann beginnen wir die dritte Exkursion, die "literarisch" fast fertig ist. Allerdings, um diese Exkursion zu machen, bedarf es dann bei Touristen doch schon ein wenig "Überwindung" ... Also, bleiben Sie dran und schalten Sie nicht ab. Es bleibt spannend.

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