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Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt Teil-3

So, 12 Jul 2015 Publizistik


Der Weg ist das Ziel – Kaliningrad wie es eben lebt Teil-3

Dies ist nun die dritte Exkursion mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die erste erfolgte per Linienbus. Für die zweite Exkursion nutzte ich die Straßenbahn. Jetzt ist ein Trolleybus an der Reihe. Zum Glück gibt es in Kaliningrad keine Metro, denn dann wäre es etwas schwer zu beschreiben, was man so während der Fahrt alles Interessantes sehen kann. Obwohl, so ganz richtig ist das auch wieder nicht, denn Kaliningrad hat „METRO“ – nämlich den Supermarkt am Stadtrand, der zwar nicht das Ziel unserer jetzigen Reise ist, der aber mit auf dem Weg liegt.

Für diejenigen, die den ersten Teil unserer Kaliningrad-Entdeckungen verpasst haben, geht es hier direkt zur Lektüre.

Und zum zweiten Teil geht es hier:

Viele unternehmen Exkursionen zusammen mit Stadtführern, lassen sich alles erklären, machen Fotoaufnahmen und haben eigentlich eine Stunde später schon wieder alles vergessen. Das Ganze hat dann auch noch Geld gekostet und letztendlich hat man Land und Leute doch nicht kennengelernt, sondern nur das gesehen, was in jedem Touristenführer geschrieben steht. Ich wollte etwas anderes sehen. Ich wollte auch mal hier und da mit den Menschen schwatzen, Lebensschicksale hören oder auch Dinge aus dem täglichen Leben sehen, die mich in meinem Bestreben, ein Russland-Versteher zu werden, vorwärts bringen.

Natürlich sind diese Exkursionen sehr zeitaufwendig, manchmal sogar über mehrere Tage. Man kriecht in irgendwelche geheimnisvollen Ecken, wird bei Regen klatschnass, versinkt mit den Schuhen bis über die Knöchel in Schlamm, ärgert sich, dass es am Ziel nichts Sensationelles gibt – und trotzdem macht es Spaß und ich habe hinterher, insbesondere beim Schreiben meiner Erlebnisse, ein schönes Gefühl, das Gefühl, einem echten Neu-Königsberger immer näher zu kommen.

In Kaliningrad findet jeden Mittwoch ab 19.00 Uhr das Treffen der Deutschsprachigen statt. Jeder, der Lust, Laune und Zeit hat, kann sich uns anschließen.

Es gibt einen Stamm der Ständigen und es gibt zufällige Besucher. Zu dem „Stamm der Ständigen“ gehört auch ein Deutscher, der mit seiner russischen Ehefrau schon seit Beginn der 90er Jahre in Kaliningrad wohnt und auch geschäftlich in verschiedenen Bereichen tätig ist. Eines seiner Hobbys ist das alte Königsberg und er bereist das Gebiet sehr intensiv, um die vielen interessanten Ecken kennen zu lernen. In seiner Bibliothek hat er wohl alles, was an Literatur über Königsberg zu erhalten ist. Ich beneide ihn manchmal ein wenig, wie gut er sich auskennt, denn ich stehe erst ganz am Anfang, mich mit der Stadt und dem Gebiet vertraut zu machen.

Foto (privat): Bernhard Sontheim in seiner Kaliningrader königlichen Bibliothek

 

Mir war schon klar, dass ich keine Sensationen aufreißen werde. Auch das Bernsteinzimmer werde ich bei meinen Erkundungen und Exkursionen nicht finden, obwohl ich mich manchmal an Stellen befinde, wo man durchaus versteckte Schätze erwarten kann, oder doch zumindest ehemals wertvollen Hausrat, Silberlöffel und sonstiges Familienkleinod von Deutschen, die das Gebiet damals, im Jahre 1945 in der Hoffnung verlassen haben, hierher wieder zurückkehren zu können und die Dinge, die sie nicht mitnehmen konnten, irgendwo vergraben hatten.

Ein mir bekannter junger russischer Journalist reist auch viel durch die Stadt und das Gebiet und ich staune immer wieder, welche Entdeckungen er dann im Facebook veröffentlicht. Schade, dass er nur in russischer Sprache veröffentlicht – ein wirklich interessanter Typ.


Foto: Iwan Markow – russischer Journalist in seriöser und weniger seriöser Mission

 

Wenn Sie mich auf meinen Erkundungen begleiten – vorerst nur virtuell – werden Sie das sehen, was die Einheimischen jeden Tag sehen und als „nichts Besonderes“ empfinden. Für einen Ausländer gibt es aber oft ein „Oh“- oder „Aha“-Effekt. Ich möchte Sie mit dem ganz normalen Leben im russischen Kaliningrad etwas vertrauter machen – sehen Sie das, was organisierte Touristen nicht sehen und vielleicht haben Sie Mut, sich selber auf diese „Kaliningrad-Erkundung“ zu begeben. Sollten Sie etwas sehen, was wir noch nicht gesehen haben, so teilen Sie es uns mit, kommentieren Sie den Beitrag, senden Sie uns ihre Fotos.

Vielleicht finden Sie bei Ihren Erkundungen hier und da nette Kleinigkeiten, die Spaß machen und die Anregungen für mich und unsere Besucher geben, mal etwas anders Kaliningrad zu erkunden und dabei besser zu erkennen, wie der Russe „tickt“.

Wir werden unseren Reisebericht immer in Teilabschnitten an jedem Sonntag veröffentlichen.

Somit geht es nun langsam los. Wieder investieren wir 18 Rubel in einen Fahrschein und lassen uns überraschen, wo es denn hingeht. Links und rechts schauen wir was es so Interessantes gibt, machen uns Notizen und besonders Interessantes werden wir vielleicht noch einmal extra besuchen.


Grafik: Kaliningrad-Exkursion mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Preis von 0,23 Euro

Diesmal nutzen wir den Trolleybus und starten wieder am Kreisverkehr, ziemlich zum Ende der uliza Gorkowo.

Grafik: Kreisverkehr der ul. Gorkowo. Noch vor 15 Jahren endete hier die Welt


Vielleicht erinnern Sie sich noch an einige andere Schilderungen auf unserem Portal. Die Gorkowo ist eine sehr bekannte Straße und hat sich in den letzten Jahren zu einer Hauptverkehrsader entwickelt – bedingt auch durch den neuen Stadtteil „Selma“. Wenn man die „gelbe“ Straße weiter nördlich fährt, so kommt man zum Militärstädtchen und zu einem der noch wenigen vorhandenen aktiven Truppenteile. Nicht weit entfernt finden Sie das Fort Nr. 4, zu deutschen Zeiten mit der Zusatzbezeichnung „Gneisenau“, wo von Zeit zu Zeit Motorrad-Fans ihre Künste zeigen. Am 15. Februar 2015 hatten wir hierzu mal einen Artikel geschrieben:

Und man findet auch hier sowohl große Neubauten, wie auch viele individuelle Häuser, die sich die Kaliningrader bauen, die sich keine Mietwohnung im Stadtzentrum leisten können. Glauben Sie mir, es lohnt sich auch einmal in diese Richtung zu spazieren und zu sehen, was die Russen heute unter individueller Wohnkultur verstehen. Natürlich ist nicht alles perfekt, natürlich sind die Straßen in einem schlimmen Zustand – einige sogar noch nicht mal gebaut, sondern es sind nur festgetrampelte Wege. Aber das persönliche Umfeld wird gestaltet und es ist angenehm, die Vielfalt an Individualität zu sehen.


Foto: Individualität im Norden des Max-Aschmann-Parks, entlang der Gorki-Straße

 

Bevor wir starten, vielleicht noch ein paar Worte zum sogenannten „Kreisel“ in der uliza Gorkowo. Er ist relativ neu und von ihm zweigen die Wege Richtung Airport, Richtung Ringstraße und Richtung neuen Stadtteil Selma ab. Über den Stadtteil Selma hatten wir bereits berichtet. An sich ein neues großes Wohngebiet, eine Schlafstadt für bisher 50.000 Bewohner. Aber rings um den Kreisel hat sich eine sehr gute Infrastruktur entwickelt. Neben einem großen Baumarkt haben wir drei Supermärkte, eine Unmenge kleinerer Geschäfte für alle die Dinge die man im täglichen Leben braucht, oder auch nicht braucht. Apotheken sind so viele vorhanden, dass man glauben könnte, hier wohnen nur Kranke. Schönheitssalons, wo alle Serviceleistungen rund um die Schönheit und das persönliche Wohlbefinden angeboten werden – trifft man auf Schritt und Tritt in allen Preiskategorien an. Besonders ausgeprägt sind aber die Gaststättenszene und die kleinen Cafés.

Foto: Kreisverkehr in der Gorki-Straße mit ausgeprägter Restaurantszene

 

Ich hoffe, kein Restaurant vergessen zu haben, aber in einer Laufentfernung von maximal zehn Minuten haben wir 12 Restaurants. Angeboten wird russische, deutsche, litauische, französische, spanische, italienische, asiatische und europäische Küche. Es ist für jeden etwas dabei und man muss nicht immer im Stadtzentrum die Restaurants besuchen, die alle anderen
auch aufsuchen.

Foto: Eine bunte Sammlung der Restaurantszene in der Gorkowo

 

Und schau´n Sie mal auf dieses hübsch gestaltete Gebäude. Es ist das Restaurant „Königbrau“, in unserer Kartenübersicht mit der Nr. 1 eingezeichnet. Da macht das Biertrinken im Sommer ganz bestimmt Spaß, insbesondere, da die Besitzer jetzt auch eine Sommerterrasse eingerichtet haben.

Foto: Restaurant „Königbrau“ in der Gorki-Straße im Norden der Stadt


Soweit erst einmal ein wenig Eigenreklame für den Stadtteil, wo unsere Informationsagentur ihren Sitz hat. Ich hoffe, wir konnten Sie überzeugen, dass es ein interessanter und gut durchorganisierter Stadtteil ist und wir von „Kaliningrad-Domizil“ ganz bestimmt nicht Hunger´s sterben werden. Nun aber ab zur Haltestelle und die Exkursion kann beginnen. Der Trolleybus Nr. 7 hat schon seine Runde gedreht und wartet an der Haltestelle.

Wohin geht es nun diesmal? Wieder quer durch die Stadt, vom Norden, dem jungkaliningrader Wohngebiet „Selma“ in den Osten, über eine Straße, die so jung ist wie die Stadt Kaliningrad (Moskowski Prospekt) und die zu einem altdeutschen Industriegebiet führt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das Ziel eine Reise wert ist – insbesondere für Touristen. Aber wenn man sich „zweckdienlich“ anzieht, insbesondere grobes Schuhwerk nutzt, ist auch diese wirkliche Abenteuerreise interessant und angefüllt mit Entdeckungen.


Foto: Marschstrecke des Trolleybus Nr. 7 von Nord nach Ost
 

Wie immer geht es über die schon oftmals beschriebene Gorki-Straße Richtung Stadtzentrum. In Abwandlung eines alten Sprichwortes kann man jetzt nicht nur sagen, dass viele Wege nach Rom führen. In Kaliningrad fahren alle Busse in das Stadtzentrum. Es gibt also bis zum Zentralmarkt nichts Neues zu sehen, außer das, was wir bereits in unseren vorangegangenen Exkursionen beschrieben haben. Das einzige Gebäude, welches wir wohl noch nicht gezeigt haben, ist wohl die Kaliningrader Staatsanwaltschaft:

Foto: Ein helles, freundliches Gebäude – mit finster dreinblickenden Staatsanwälten, vor Gericht
 

Und ich habe noch etwas vergessen. Kurz hinter der Staatsanwaltschaft auf der rechten Seite, macht die Straße eine Kurve und man blickt auf eine hügelige Parkanlage, die erst im vergangenen Jahr durch die Stadtverwaltung neu gestaltet wurde. Dieser Park ist voll „unterkellert“. Dort befinden sich ausgedehnte altdeutsche Bunkeranlagen, die vermutlich auch alle miteinander durch unterirdische Gänge verbunden sind. Es waren zu deutschen Zeiten Luftschutzbunker, die in großer Anzahl auch überall in der Stadt an anderen Stellen vorhanden sind. Sie werden dort vielfältig genutzt, u.a. auch als Restaurant. Warum man diese Anlagen im Stadtzentrum, dazu noch in einer Parkanlage nicht nutzt, um ein Museum, ein Café, ein Andenkenladen oder andere Dinge einzurichten ist ein wenig unverständlich. Aber vielleicht hat noch niemand diesen Gedanken der Stadtverwaltung, dem russischen Zivilschutz und dem russischen Verteidigungsministerium und der föderalen Eigentumsverwaltung im Gebiet Kaliningrad nahe gebracht? All diese Institutionen müssen nämlich ihr Einverständnis geben, wenn man hier etwas organisieren will, was Auge und Herz sowohl der Kaliningrader Bürger wie auch ihrer Gäste erfreuen soll.  

Foto: Parkanlage im Stadtzentrum, vollunterkellert mit altdeutschen Bunkeranlagen
 

Unser Trolly bewegt sich weiter zur Haltestelle Zentralbasar/Supermarkt „Bomba“/Einkaufszentrum „Akropol“, biegt an der Kreuzung nach rechts ab.

Ach, ehe ich es vergesse, das Gebäude was man geradezu sieht, stand viele Jahre als „Das Unvollendete“ an dieser Kreuzung. Es gibt viele „Unvollendete“ in Kaliningrad, aber die Besonderheit bei diesem Gebäude bestand darin, das man dort unbedingt einen „McDonald´s“ einrichten wollte. Das war noch in den wilden 90er Jahren und damals konnte sich der amerikanische Weltkonzern noch nicht dazu durchringen, eine Konzession zu vergeben. Kaliningrad war also anscheinend noch wilder als Moskau, denn dort gab es schon McDonald´s.

Foto: „Planeta“ im Stadtzentrum – nicht nur ein Restaurant sondern ein ganzer Komplex
 

Der kleine „Turm“ rechts am Gebäude zeugt noch davon, dass hier mal „McDonald´s“-Gedanken bei der Planung eine Rolle gespielt haben. Heute ist es ein Gebäude mit mehreren gastlichen Einrichtungen – wer die Nacht durchmachen will, ist hier gut aufgehoben.

Es geht weiter Richtung Leninski-Prospekt. Wir fahren direkt auf das Europa-Center zu. Es ist wohl gegenwärtig der größte Einkaufskomplex in Kaliningrad. Auch hier jede Menge Restaurants – angefangen von kleinen Cafés, über First-Café, McDonald´s bis hin zum bayrischen Restaurant Kaiserwurst. Auch in der ersten Etage gibt es ein riesiges Bierrestaurant „Krapotkin“, die Restaurantkette „Croissant“ ist vertreten – also kein Kaliningrad-Besucher muss Angst haben bei uns hungern zu müssen.

Foto: Shopping und Essen – alles unter einem Dach
 
Ob man nun unbedingt in Kaliningrad „West-Shopping“ machen muss – ich glaube das macht keinen Sinn. Aber man kann schon nach einigen Kaliningrader Andenken schauen. Sehr reichhaltig ist das Angebot nicht, also viel Geld kann man kaum ausgeben. Aber es gibt etwas typisch russisches – neben den Matroschkas und dem Rachmalan-Geschirr. Es gibt das Geschirr „Gschel“ – ganz grob zu vergleichen mit dem deutschen „Zwiebelmuster“-Geschirr. Man muss es mögen, denn es ist wirklich etwas typisch, etwas grob … ich mag es:

Foto: Russisches Geschirr mit Gschel-Design – vielleicht ein Mitbringsel?

 

Aber wir wollen nicht vergessen, wir sitzen im Trolley Nr. 7 und haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Es geht weiter auf den Leninski-Prospekt, vorbei am Denkmal „Mutter Heimat“, einem Springbrunnen mit kleiner Parkanlage drumherum:


Foto: Kleine Parkanlage mit Denkmal „Mutter Heimat“ im Stadtzentrum

 

Und letztlich landen wir an der Haltestelle „Hotel Kaliningrad“, der letzten Haltestelle, bevor der Bus auf den Moskauer Prospekt abbiegt – einer Straße, die es im alten Königsberg nicht gab und welche im Prinzip auf dem Schutt und durch die Ruinen der Stadt neu errichtet wurde. Aber bevor wir abbiegen, fahren wir noch an einem Gebäude vorbei, welches wohl die wenigsten Touristen zur Kenntnis nehmen. Es ist das Zentralgebäude der russischen Telecom. Vor ein paar Jahren wurde es auch zu einem Kundenzentrum umgebaut und jetzt ist es schon angenehm dorthin zu gehen und Probleme zu lösen. Der Service ist höflich und professionell, es gibt eine elektronische Warteliste – also der berühmte Ruf: „Kto posledni?“ (wer ist der Letzte) erschallt hier schon nicht mehr. Böse Zungen behaupten auch, dass Gebäude habe genau so viele Etagen unterhalb der Erde wie oberhalb und unterhalb ist alles geheim. Ich habe es nicht nachgeprüft, ich besuche immer nur die erste Etage und für mich ist wichtig, dass die Telefone funktionieren. Nett fand ich auch die Gestaltung vor dem Zentralgebäude. Man hat nicht nur ein paar Bänke aufgestellt, sondern auch zwei Plastiken zugefügt. Ich finde, recht gut gelungen – der junge Mann, der auf der Bank mit seinem Laptop sitzt.

Foto: Zentraloffice der RosTelekom auf dem Leninski-Prospekt, gegenüber dem Gelände des ehemaligen „Alten Turm“
 

Außer der RosTelekom gibt es in Kaliningrad noch andere, private Telefongesellschaften. Es ist heute schon kein Problem mehr, einen Hausanschluss zu erhalten. Das sah im Jahre 2000, als unsere Firma anfing in Immobilien zu investieren, noch ganz anders aus – tja, die Zeiten ändern sich. Übrigens kann man in Kaliningrad an Hand der Telefonnummer feststellen, in welchem Stadtteil diese Telefonnummer „wohnt“, denn die Telefongesellschaften haben die Stadt unter sich aufgeteilt. Man kann auch keine Telefonnummern „mitnehmen“ wenn man umzieht.

Bevor wir aber nun endgültig auf den Moskauer Prospekt abbiegen, noch schnell ein Blick auf das Gelände des „Alten Turms“. Kaliningrad-Kenner wissen, es war das älteste Einkaufszentrum Kaliningrads, aber in den letzten Jahren hat es sich zu einer hässlichen Ansammlung von blechernen Verkaufskiosken entwickelt. Die Stadt hat dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln „Überzeugungsarbeit“ geleistet und nun ist dieses Einkaufszentrum verschwunden.


Foto: Einkaufszentrum „Alter Turm“ – vor und nach dem Abriss

 

Heute präsentiert sich der Platz als Parkplatz und am Wochenende ist es ein Markt für den Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus Eigenproduktion. Ich glaube schon, dass sich ein Besuch auch für Touristen lohnt. Er ist nicht ganz so „knuffig“ wie in Deutschland – aber interessant – vor allem die Typen, die man dort sehen kann.

Foto:  Eindrücke vom landwirtschaftlichen Wochenmarkt am Haus der Räte

 

Nun geht es abwärts, der Trolley biegt rechts ab vom Leninski-Prospekt in Richtung Moskauer Prospekt. Dieser liegt niedriger und somit geht es abwärts und es geht auch rückwärts, denn der Trolleybus fährt erst einmal in die entgegengesetzte Richtung. Nach einigen hundert Metern hält er nochmal an einer Haltestelle und wir können einen Blick auf einen alten deutschen Hochbunker, reingequetscht zwischen Wohnhäusern werfen. Man kann sich streiten, ob die beiden Wohnhäuser den Hochbunker vor dem Umfallen stützen sollen oder ob der Hochbunker die beiden Wohnhäuser „zusammenklebt“.


Foto: Altdeutscher Hochbunker zwischen sowjetischen Klassikbauten

 

Und wir nähern uns dem Kreisverkehr. Dort fällt ein rotes Backsteingebäude auf. Im Volksmund wird der Gebäudekomplex immer noch „Milizschule“ genannt. Ausländer glauben sogar, dass hier die russischen Spione ausgebildet werden. Aber dem ist nicht so, denn es handelt sich hier einfach nur um das Kaliningrader juristische Institut des russischen Innenministeriums. Es ist ein Ableger der dazugehörigen Universität in St. Petersburg und hier werden die zukünftigen Milizionäre ausgebildet und mit dem Fachwissen versorgt welches nötig ist, um dem ausländischen Touristen auch gesetzlich begründen zu können, warum man auch in Russland nicht bei Rot über die Straße gehen darf.


Foto: Kreisverkehr am Moskauer Prospekt mit der „Milizschule“

 

Das Institut wurde 1953 gegründet und bildet in verschiedenen Kategorien, bis hin zur Hochschulausbildung, Polizisten aus. Das Studium dauert in der Regel fünf Jahre, im Fernstudium sechs Jahre.

Nun geht es aber schon wieder in die richtige Richtung mit unserem Trolleybus Nr. 7, vorbei an der Hauptfiliale der Sberbank in Kaliningrad, dem „Baltischen Business-Zentrum“ und weiter in Richtung der neuen, alten Brücke, die jetzt fast voll funktionsfähig den Moskauer Prospekt
überspannt.

Foto: Moskauer Prospekt mit Baltischem Business-Zentrum

 

Viele Jahrzehnte stand diese Brücke, ähnlich wie das Haus der Räte, als Bauruine und vor drei, vier Jahren wurde sie nun endlich fertiggestellt. Voll funktionsfähig wird sie dann, wenn die Straße 9. April, die gegenwärtig hauptinstandgesetzt wird, für den Verkehr freigegeben wird. Alle hoffen dann auf eine erhebliche Entlastung des innerstädtischen Verkehrs. Um diese Brücke bauen zu können, insbesondere die Abfahrt auf der Pregelseite, musste ein altdeutscher Hochbunker beseitigt werden. Ich habe im Internet noch ein paar Aufnahmen davon gefunden:

Foto: Beeindruckende deutsche Wertarbeit – aber russische Spezialisten haben es geschafft, auch dieses Bollwerk zu beseitigen

 

Danach geht es schnell zur Haltestelle, wo wir aussteigen wollen. Wir kommen vorbei am Sackheimer Tor und hundert Meter weiter teilt uns die nette Lautsprecherstimme des Trolley mit, dass wir uns an der Haltestelle „Jaltinskaja“ befinden.

Foto: Sackheimer Tor in Kaliningrad

 

Schnell den Notizblock eingesteckt und den Kugelschreiber verstaut, meine nette Sitznachbarin gefragt: „Tschas wychoditje?“ (steigen Sie jetzt aus?). Sie verneint, steht auf um mir Platz zu machen, ein nettes Lächeln von ihr, ein höfliches „danke“ von mir und dann stehe ich auch schon auf der Straße und vor einem Haus …

… wo noch vor wenigen Monaten Demonstrationsplakate hingen. Man protestierte gegen das Abholzen der Bäume im dahinterliegenden Park und gegen die Pläne, dort Hochhäuser zu bauen. Viel hat es nicht geholfen. Jetzt stehen dort mehrere Hochhäuser, das umliegende Territorium macht schon einen gepflegten, wenn auch noch nicht fertigen Eindruck. Und gleich hinter diesen Hochhäusern liegt ein Flachbau – obwohl, das Innenleben dieses Baus ist durchaus nicht flach, denn es handelt sich um das Deutsch-Russische Haus in Kaliningrad.

Foto: Deutsch-Russisches Haus in Kaliningrad. Oben der Geschäftsführer Andrej Portnjagin, unten der deutsche Generalkonsul Dr. Krause mit dem Präsidenten des Haues Viktor Hoffmann.

 

Sie können hier gerne eine kleine Pause einlegen. Das Haus ist immer offen, einen Kaffee bekommt man immer (vielleicht haben Sie ja aber auch ein paar Kekse dabei). Fast alle Mitarbeiter sprechen dort Deutsch und werden Ihnen sicherlich auch die Türen zur deutschen Bibliothek und zu den Räumlichkeiten öffnen, wo Ausstellungen gestaltet sind. Gleich in der Empfangshalle finden Sie Bekanntmachungen zum Veranstaltungsplan und vielleicht findet ja auch in der Zeit Ihres Aufenthaltes in Kaliningrad ein Konzert, klassisch oder modern, statt. Bei Eintrittspreisen zwischen zwei bis fünf Euro ist da die Reisekasse sicher nicht überfordert.

Nun beginnt aber langsam der Teil unserer Exkursion, die auch unser Endziel sein soll und ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich ein „normaler“ Tourist sich den weiteren Abschnitt zumuten möchte. Also, ehrlich, wenn es ein kalter und verregneter Tag ist, so sollten Sie lieber noch ein wenig länger im Deutsch-Russischen Haus bleiben und danach sich etwas anderes vornehmen. Ist der Tag angenehm und Sie haben sich auch passend gekleidet, insbesondere beim Schuhwerk, so kann man den Spaziergang fortsetzen. Goldene Kirchenkuppeln, gepflasterte Wege und grünende Bäume wird es allerdings recht wenig geben – also?

So richtig konsequent war ich nicht und nutzte die erste Querstraße nach dem Deutsch-Russischen Haus, um abzubiegen. Eine schlimme Straße, ein schlimmer Platz, teilweise als Trainingsplatz für eine Fahrschule genutzt, Pfützen, Müll – und plötzlich stand ich am Ufer des Pregel. Wenig gepflegt, also naturbelassen – um es höflich zu umschreiben und es regt die Phantasie an, was man hier alles machen könnte um ein kleines Paradies mit herrlicher Aussicht zu schaffen und wie viel Geld die Touristen hier in einem kleinen Café lassen würden, wenn es denn eins gäbe:

Foto: Motive zum verweilen und zum nachdenken …


Danach ging es wieder zurück auf die Hauptstraße. Neugierige Blicke begleiteten mich – was der „Zwirbelbart“ wohl in dieser wilden Gegen macht – mögen die Leute gedacht haben. Aber ich wollte mit niemandem sprechen ich wollte zum Industriegelände. Dort hoffte ich auf Bekanntschaften und Gesprächspartner. Und so ging es auf der Hauptstraße „Jaltinskaja“ weiter, bis zum Eingang des Industriegebietes:

Foto: Ein Schild aus gruseligen kommunistischen Zeiten. Alles haben damals die Kommunisten verboten – so auch das Rauchen auf dem Gelände des Kombinates (Foto links). Und es gab einen geheimnisvollen holzummantelten Turm.

Und wenige Schritte weiter auf dem Gelände, in einer versteckten Ecke, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen:

Foto: Oldtimer im Bestzustand

 

Alles hätte ich in diesem dreckigen Hinterhof erwartet, nur nicht einen solchen top-gepflegten und anscheinend fahrbereiten Oldtimer. Jeden Moment hatte ich erwartet, dass mich ein wilder bissiger Wachhund von hinten anfällt, oder mir ein bulliger Wachmann seine Pranke von hinten auf die Schulter packt – aber nichts passierte – ich konnte diesen Superwagen in aller Ruhe fotografieren.

Aber ich habe vergessen Ihnen zu zeigen, wo wir denn jetzt konkret sind – falls Sie sich auch auf die Suche nach diesem Oldtimer machen wollen. Hier wird also die Karte nachgereicht:

Karte: Das Ziel der 3. Exkursion durch Kaliningrad – bestimmt 10 Kilometer Fußweg und am späten Nachmittag glücklich im Trolleybus Nr. 7 fast bis zur Haustür zurückfahren zu können.

 

Gleich nach diesem Oldtimer auf vier Rädern fand ich einen anderen Oldtimer – auf festem Fundament. Dessen Zustand war aber wesentlich trauriger und auch die Leute, die ich rundherum sah, machten mir nicht den Eindruck, als ob sie an diesem Zustand etwas wesentliches ändern wollten oder konnten. Es handelt sich um eine altdeutsche Industrieruine. Irgendwie wird wohl teilweise darin noch etwas gearbeitet – ehrlich, ich habe mich da nicht reingetraut. Aber ein bisschen traurig kann man schon bei so einem Anblick werden:

Foto: Altdeutsche Industrieruine im Industriegebiet in der ul. Jaltinskaja


Der weitere Weg war auch gekennzeichnet durch den Spruch „Licht und Schatten …“, denn auf den Eisenbahnschienen, schienen lange schon keine Züge mehr gerollt zu sein. Die Silos machten einen leeren und unsicheren Eindruck, die Straßen waren keine Straßen, sondern, wie man in Russland sagt „Naprawlenije“ – also eine „Richtung“, überall Gras, Pfützen und für ungeübte Fußgänger eine reine Folter. Aber ich sah Licht in Form einer Reklame mit dem Hinweis, dass es hier irgendwo etwas zu essen gibt – aber wo?

Foto: Ödes, aber trotzdem noch genutztes Industriegebiet. Wieviel ungenutzte Möglichkeiten?

 

Ich entschied mich einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Irgendwo wird es schon hingehen. Aber die deprimierenden Erlebnisse nahmen leider nicht ab. Da steht man plötzlich vor neuen Ruinen, vor Lokschuppen mit verschlossenen Toren und grasüberwucherten Schienen, vor Verladeschuppen mit Eisenbahnanschluss, wo keine Eisenbahn mehr hinfährt und weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Was wurde hier zu deutschen Zeiten produziert, was wurde hier verladen? Und danach? Warum kümmert sich niemand um dieses Gebiet?

Foto: Fortsetzung des depressiven altdeutschen Industriegebietes – ungenutzte Möglichkeiten in Menge.


Und es gab noch mehr zu sehen und sich zu ärgern, denn dieses Industriegebiet hat auch noch einen Hafen. Natürlich sind die Anlagen heruntergekommen, aber im Prinzip ist alles vorhanden. Selbst einen Hubschrauberlandeplatz könnte man einrichten.

Foto: Hafenanlagen, großer Verladeplatz und Müll, Schutt, Ruinen

 

Aber dann sah ich doch noch den Lichtblick – durch all den Müll und Unrat. Am ganz äußeren Ende, also wie man in Deutschland sagt: JWD (janz weit draußen) fand ich einen Yachthafen. Natürlich nicht so aufgemopft wie in Deutschland und jetzt auch noch ohne Schiffe – es war keine Saison, aber es existierte ein Yachthafen.


Foto: Yachthafen am Pregel – janz weit draußen im Industriegebiet

 

Aber ich stand am anderen Ufer und weit und breit war keine Brücke oder ein Steg zu sehen. Wie komme ich nun da rüber, denn außer den Anlegestellen muss es doch dort noch etwas anderes geben? Ich suchte, machte mich auf den Rückweg, immer entlang des Nebenwasserarms und fand sogar Zeichen menschlicher Zivilisation:

Foto: Zeichen menschlicher Zivilisation am Pregelufer und ein weiterer wertvoller Hinweis zu einem Restaurant

 

Wieder fand ich auf dem Rückweg ein Hinweisschild auf ein Restaurant und ich dachte mir schon, dass es sich sicherlich im Yachthafen befinden wird. Ich freute mich schon riesig auf ein Tässchen Kaffee und vielleicht eine heiße Suppe oder irgendetwas anderes, womit ich meinen leeren Magen verwöhnen konnte. Die Füße machten sich auch schon bemerkbar und es wurde wirklich Zeit, irgendwo eine Pause zu machen. Und irgendwie, nach einigem hin- und herirren, befand ich mich auf der „Einflugschneise“ zum Yachthafen:


Foto: Einflugschneise zum Yachthafen im Kaliningrader Industriegebiet

 

Also die Bezeichnung „Einflugschneise“ ist wirklich richtig gewählt. Eine richtige breite Betonstraße mit Baumallee – da ist man schon ein wenig erstaunt. Im gesamten Industriegebiet habe ich so eine Straße nicht gesehen und hier, wo sich eigentlich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ wünschen, finde ich eine sehr gut ausgebaute Straße und die führt zu einem Yachthafen. Und wie ich gleich feststellen konnte, ist dieser Yachthafen noch nicht einmal sehr groß und man leistet sich so eine Autobahn …


Foto: Yachthafen mit ziemlich guter Infrastruktur „am Ende der Welt“.

 

Aber ich staunte nicht schlecht, als ich ein paar Meter noch andere Dinge sah und auch endlich verstand, wohin die netten Wegweiser den Neugierigen führen, wenn sie zum Essen und Trinken einladen.

Foto: Der Weg ist das Ziel? Oder ist das Ziel doch wichtiger als der Weg?

 

Ich stand also mit einem Mal vor einem nett gestalteten Restaurant. Aber links und rechts keine Menschenseele zu sehen. Plötzlich öffnete sich eine Tür und irgendein junger Mann eilte geschäftig hin und her, nahm von mir keine Notiz und verschwand dann wieder. Na, auf mich als Gast scheint man nicht gewartet zu haben.


Foto: Restaurant direkt am Ufer des Pregel mit Blick auf die „Insel“

 

Ich warf noch einen Blick durch die großen Panoramafenster und sah viel Personal, alle irgendwie beschäftigt – aber keine Gäste. Und die Eingangstür war abgeschlossen. Nun stand fest – auf mich wartete wirklich niemand. Es traf der Spruch zu: Niemand soll hungern ohne zu frieren. Mir taten die Füße weh, kalt war mir auch, denn wie immer passte das Wetter nicht zu meiner Bekleidung und nun bekam ich weder einen heißen Kaffee noch sonst irgendetwas zu essen. Dann wollte ich mich wenigstens noch ein wenig mit dem Territorium vertraut machen und stapfte mißmutig weiter, kam aber nicht weit, denn eine militärisch geschulte Stimme forderte mich auf, stehen zu bleiben – nein, ich hörte nicht: „Stehenbleiben, es wird scharf geschossen“, es war irgendwie so... „halt, wer sind Sie, suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Natürlich suchte ich etwas bestimmtes – ein Kaffee und ein warmes Plätzchen und siehe da, es fand sich so ein Plätzchen und derjenige, der mich am Weitergehen gehindert hat, lud mich zu sich ein, nachdem er festgestellt hatte, dass ich kein „Feind der Heimat“ war, sondern nur ein neugieriger Deutscher.

Sergej, der diensthabende Wachmann für das Objekt, hatte in einem Haus eine kleine Dienststube und lud mich zu einer Tasse Tee ein. Vielleicht war auch er froh über eine kleine Abwechslung, denn hier war nun wirklich nichts los. Ich hatte noch nicht einmal ein Hund bellen gehört. Nachdem Sergej den Tee für uns Beide aufgebrüht hatte, erzählte er mir, dass der ganze Komplex eigentlich nur in der Saison arbeitet. Außerhalb der Saison verirrt sich hier kaum jemand her und das Geschäft lohne sich nicht. Das Restaurant wird nur gebucht für Feierlichkeiten – Hochzeiten, Todesfälle, Jubiläen und gerade heute ist so eine Buchung, deshalb ist auch das Personal da, wird mich aber nicht bedienen, da einfach dazu keine Zeit ist.

Und wir kamen ins Schwatzen, stellten fest, dass wir beide ehemalige Offiziere waren, schwärmten von unserem Dienst, den guten alten Zeiten und er erzählte mir, dass er lange Jahre in der DDR gedient habe. Sein Standort war die Lutherstadt Wittenberg, wo er bis 1974 stationiert war. Sergej war besonders stolz auf das Denkmal des Panzers T-34 welches er mit seinen Soldaten dort errichtet hatte. Ich hatte im Internet gesucht, ob ich noch ein aktuelles Foto finde. Wäre doch schön gewesen, wenn ich bei einem weiteren Besuch ihm dieses Foto hätte schenken können, denn um nochmal nach Deutschland zu reisen – dafür reicht seine Rente nicht und so kann er nur noch von seinen Erinnerungen leben. Ein Foto habe ich leider nicht gefunden.

Er begleitete mich noch ein wenig über das Gelände, erzählte mir, dass es auch einen Schießstand gebe, wo man seine Künste ausprobieren kann – aber es muss alles vorher bestellt werden – es ist eben noch keine Saison.

Foto: Im Sommer sicherlich ein herrlicher Fleck zur Erholung – für Erwachsene und Kinder

 

Ich schaute auch noch über den Pregel, es eröffnete sich ein unglaublich weiter Blick über flaches Gelände und ich sah am anderen Ufer eine endlose Kolonne von Fahrzeugen. Alle transportierten Sand. Das war also der Bauplatz für des Stadion, wo gerade in diesem Moment hunderttausende Tonnen Sand aufgeschwemmt worden, damit das Stadion für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 dort einen festeren Baugrund erhält. Das Gebiet der sogenannten „Insel“ ist völlig versumpft. Und dort ein Stadion zu bauen ist schon ein gewagtes Unternehmen. Um den Grund noch zu verfestigen, werden 7.000 Betonpfeiler mit einer Länge von 24 – 28
Metern eingerammt.

Foto: Eindrücke vom Stadionbauplatz direkt vor Ort

 

Mir ging es also wieder gut nach dem heißen Tee von Sergej, die Füße hatten sich erholt und nun konnte es weitergehen. Es gab keine andere Möglichkeit als den ganzen bisherigen Weg auch wieder zurückzugehen. Und ich machte es mir nicht einfach, denn noch hatte ich nicht alles entdeckt und die Industrieruinen zogen mich magisch an.

Ich gebe es zu, ich hatte gespaltene Gefühle bei den nachfolgenden Anblicken. Einerseits ist es spannend in diesen Ruinen irgendetwas spannendes zu suchen und vielleicht auch zu entdecken, andererseits ist es ein verdammt trauriger Anblick. Zu deutschen Zeiten gab es hier blühendes Leben, hier wurde produziert, hier wurden Werte geschaffen, hier wurde Geld verdient. Viele Menschen hatten hier Arbeit, Lohn und Brot. Und heute ist dies alles nichts mehr wert? Das hier an keine Belebung der Vergangenheit mit neuer russischer Zukunft gedacht wird, kann doch nur der Zweifel der Bewohner sein, ob es sich lohnt, hier zu investieren. Man hat also kein Vertrauen in die Zukunft – oder?

Foto: Weit und breit nur Industrieruinen


Und es gab geheimnisvolle Treppen – wer mag hier wohl hochgegangen sein, wann sind die Stufen das letzte Mal betreten worden? Ich wagte den Weg nach oben, immer mit dem klammen Gefühl, wenn hier etwas einbricht, dann findet mich kein Mensch in dieser Gegend, wo es noch nicht mal einen Fuchs und Hasen gab, die sich Gute Nacht wünschen …

Foto: Altdeutsche Industriebauten – auch hier mit netten architektonischen Elementen … und geheimnisvolle Treppen – fast wie im Schloss von Dornröschen

 

Aber ich irrte mich, wenn ich glaubte, dass es hier keinerlei menschliches Leben geben würde. Nach dem durchkriechen von irgendwelchen dunklen Gängen und verlassenen Straßen, entdeckte ich Anzeichen menschlichen Lebens:

Foto: Unvorstellbar – aber es gibt menschliches Leben in dieser Abgelegenheit


Auf dem Foto vielleicht schwer zu erkennen, aber vor dem Fenster hängen Gardinen und auf dem Fensterbrett stehen Blumen. Also hier wohnen keine Obdachlosen, hier wohnt Kultur. Trotzdem bleibt es für mich unvorstellbar, wie man in diesem Umfeld wohnen kann. Ich wagte auch nicht an die Tür zu klopfen, zu fragen, wie es mit der Heizung und dem Wasser ist und wie man die täglichen Einkäufe erledigt – bis zum nächsten Zivilisationspunkt sind es mindestens dreißig Minuten zu Fuß.

Foto: Hier existiert schon wieder Leben, irgendwer nutzt einzelne Räume


Ich bemerkte, dass nicht alles leer stand, denn je weiter ich zum Eingang des Industriegebietes kam, umso mehr Aktivitäten sah ich. Einige Momente verweilte ich noch vor einigen Gebäuden und bewunderte die verblasste Industrieeleganz und schaute auch auf dekorative Momente an den Gebäuden, für die man vor hundert Jahren noch Zeit und Geld hatte.

Foto: Letzte Eindrücke …


Aber es gibt auch hoffnungsvolle Momente auf diesem Gebiet. So fand ich dort die Niederlassung der litauischen Firma „Kaliningrader Delikatessen“, - tja, fast ein Hohn in dieser Gegend – man kann hier Delikatessen produzieren: Wurst, Fleisch … es ist eine der größten und bekanntesten Lebensmittelproduzenten in Kaliningrad und mindestens seit 2005 im Gebiet tätig, denn seit diesem Zeitpunkt gehört dieser litauische Investor schon der Assoziation ausländischer Investoren an und produziert Lebensmittel für den regionalen Bedarf:

Foto: Firma „Kaliningrader Delikatessen“ im altdeutschen Industriegebiet

 

Gleich vor dem Haupteingang hatte die Firma einen „Fliegenden Stand“ eingerichtet und verkaufte seine Produkte. Und ich staunte nicht schlecht, dass sich ausreichend viele Kunden fanden, die hier, „janz weijt drausen“ anstellten und kauften. Fotos durfte ich nicht machen. Weder die Verkäuferin wollte dies, noch die Leiterin des Wachdienstes, die mich schon eine ganze Weile aus ihrem Pförtnerhäuschen beobachtet hatte. Erst als ich meine friedlichen Absichten ausreichend plausibel begründet hatte, zauberte sie ein Lächeln in ihr Gesicht und ich durfte ein paar neutrale Fotos knipsen.

Dann wurde es aber auch langsam Zeit, diesen eindrucksvollen Ort zu verlassen. Wieder vor dem Tor schaute ich nach links und nach rechts – links ging es den alten und vermutlich kürzeren Weg zur Bushaltestelle zurück, nach rechts ging es zu neuen Erkenntnissen. Ich entschied mich für die neuen Erkenntnisse – ungeachtet dessen, dass ich die Füße schon nicht mehr spürte.

Kurz darauf stand ich vor einem Gebäude, das eigentlich noch zum Industriegebiet gehörte, aber zu einem Club umfunktioniert wurde. Erst vor kurzem war der „Darfi-Club“ in die Schlagzeilen geraten. Nachdem er jahrelang ein Anziehungspunkt für Feiern und Vergnügungen war, soll er nun in finanziellen Schwierigkeiten sein. Vielleicht hatte man den Anschluss an modernere Entwicklungen verpasst, oder es waren die ganz normalen Schwierigkeiten, in die sich die Kaliningrader Restaurant- und Vergnügungsszene permanent befindet – ich habe keine Ahnung:

Foto: Darfi-Club am Rand des Industriegebietes in der Jaltinskaja

 

Die Straße selber gibt zukünftigen Städteplanern ausreichend Gelegenheit, sich hier zu tummeln. Ich habe noch eine altdeutsche Villa gefunden – vielleicht hat hier zu deutschen Zeiten der Besitzer der Fabrik gewohnt? Und natürlich waren auch noch Schutzräume zu finden – so wie sie in Kaliningrad noch hundertfach existieren:

Foto: Altdeutsche Villa mit Luftschutzbunkern am Rande des Industriegeländes

 

Danach begann sich das Industriegelände in modernerer Form fortzusetzen. Irgendwelche Firmen, Autowerkstätten, Ersatzteilhändler haben sich angesiedelt – hier schien das Leben besser zu blühen. Und ich fand im weiteren die Bestätigung eines Ausspruches, den der ehemalige Vertreter des russischen Präsidenten – Stanislaw Woskresenski – getätigt hatte: Kaliningrad ist die Stadt der drei Architekturen: deutsch, sowjetisch, russisch …

Foto: Kaliningrad – Stadt der architektonischen Kontraste

 

Und ziemlich schnell landete ich dann auf dem Moskauer Prospekt, dem Ausgangspunkt meiner dritten Exkursion, dort wo mein 10-Kilometer-Fußmarsch begann. Der Moskauer Prospekt ist eine der Hauptverkehrsadern der Stadt und, wie in vielen westlichen Städten üblich, haben sich auch hier jede Menge Firmen angesiedelt, insbesondere Vertretungen von bekannten westlichen Automarken.

Einen Vorgeschmack auf interessante Automarken fand ich aber noch auf dem Weg dorthin, in einer Seitenstraße:


Foto: Vermutlich unglaubhaft – aber es fährt wirklich, sagt der Besitzer …


Aber dann stand ich vor der ganzen modernen Pracht westlicher Automarken in Kaliningrad:

Foto: Moderne Autohäuser auf dem Moskauer Prospekt am Stadtausgang Kaliningrads

 

Und endlich fand ich am Ende meiner Exkursion das, wovon ich bei jeder Exkursion träumte – ein kleines gemütliches Café – und diesmal sogar der Extra-Klasse:

Foto: Mercedes-Café im Mercedes-Autohaus am Moskauer Prospekt in Kaliningrad

 

Naja, der Name verspricht mehr, als es dann wirklich ist. Aber wenn man durchgefroren ist, sämtliche Gefühle in den Beinen verloren hat und man eine saubere Räumlichkeit, einen heißen Tee und auch einen kleinen Imbiss bekommt, dann kann man schon zufrieden sein. Die Bushaltestelle war dann auch nicht mehr weit …


Foto: Mit dem modernsten Bus Kaliningrads ging es zurück – einmal quer durch die Stadt

 

Somit endet die dritte Exkursion mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt Kaliningrad. Wir setzen unsere Berichterstattung über Sehenswürdigkeiten fort – vielleicht auch in einer etwas anderen Form. Lassen Sie sich überraschen.

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Publizistik, Stadtverkehr, Tourismus

   Kommentare ( 2 )

Regul Veröffentlicht: 21. Juni 2015 13:02:12

Sehr geehrter Herr Niemeier,

vielen Dank für die Streiftour, immer wieder sehr unterhaltsam. Bin gespannt wie es mit dem Yachthafen weiter geht.

Was das 'Bedürfnis' betrifft, kann ich nur von früheren Reisen nach Polen berichten. Wir haben uns in jedem Restaurant die Mühe gemacht, auf einer Notenskala eine Bewertung der Örtlichkeit ab zu geben. Insgesamt war es doch ziemlich ernüchternd. Die allerbesten Noten wurden vergeben, wenn eine Fachkraft vor Ort war und eine Gebühr verlangt hat. Dann war man zumindest vor Überraschungen gefeit und fand Papier vor.

Gute Zeit!

sualk Veröffentlicht: 8. April 2016 16:24:30

Ich bin ganz zufällig auf Ihre Seite gestoßen, habe Ihre Kaliningrad-Exkursionsberichte mit Begeisterung gelesen und freue mich jetzt noch viel mehr auf unsere Radtour von Danzig über Kaliningrad nach Klaipeda (15.- 20.5.16). Aufpassen werden wir schon, aber eigentlich machen wir uns auch noch keine großen Ängste. Wir sind zu 8 und ziemlich alte Radfahrer. Ich bin mit 75 noch nicht der älteste. Wenn es irgendwie terminlich paßt, werden wir am 18.5. ins "Zötler" kommen. Wie bezahlt man denn am einfachsten? Geht die Kreditkarte oder gar die EC-Karte? Vielleicht haben Sie noch einen Moment Ihrer kostbaren Zeit.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 8. April 2016 18:15:15

... na dann, viel Spass bei der Radtour durch Kaliningrad. Ich lebe in dieser Stadt schon 21 Jahre ohne Angst, allerdings auch ohne Fahrrad. Als Radfahrer sollten Sie wissen, dass diese noch nicht die "Wertschätzung" durch Vier-Rädrige andere Verkehrsteilnehmer genießen, wie z.B. in Deutschland.

Sie können in Kaliningrad mit allen gängigen Geldkarten bezahlen - überhaupt kein Problem. Aber auch Rubel-Bargeld wird natürlich nicht verschmäht.

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