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Geheimnisvolle Orte in Kaliningrad

So, 25 Mai 2014 Publizistik


Geheimnisvolle Orte in Kaliningrad

Wer kennt das nicht, dieses unbestimmte Gefühl wenn man Orte betritt, die jahrzehntelang keines Menschen Fuß gesehen haben. Und wie sich die Phantasie entwickelt, wenn man einen Schacht findet oder irgendwas Metallenes …

Und Kaliningrad ist wie geschaffen für diese Gefühle, für solche Reisen in die (deutsche) Vergangenheit. Bei vielen meiner Spaziergänge sehe ich alte deutsche Häuser, Bunker und andere unverständliche Dinge, fotografiere, denke, überlege und lasse der Phantasie freien Lauf.

Vor einiger Zeit lernte ich Alexej kennen. Er ist Mitarbeiter einer bekannten Makleragentur in Kaliningrad, mit denen unsere Immobilienverwaltung eine partnerschaftliche Zusammenarbeit pflegt. Alexej versuchte mir eine Immobilie zu verkaufen, irgendwo weit draußen. Ein großes altes deutsches Objekt. Natürlich ein Militärobjekt. Und um mein Interesse bis ins unermessliche zu steigern erfuhr ich noch von ihm, dass nach unbestätigten Informationen, es sich bei diesem Objekt um die ehemalige deutsche Abwehrschule für die Ostfront handelt. Oh, da war es wieder, dieses Gefühl entlang der Wirbelsäule …

Alexej meinte, dass anschauen nicht gleich kaufen bedeutet – auch wenn das Objekt gar nicht so teuer ist. Und er würde gerne mal einen Besichtigungstermin machen. Ich willigte ein und an einem sonnigen Wochentag wurden wir vom Besitzer abgeholt und es ging rund 50 Kilometer in Richtung Grenze zu Polen.

Während der Fahrt erzählte mir der Besitzer ein wenig seine Lebensgeschichte – sie war meiner eigenen ein wenig ähnlich. Er kommt aus der Sowjetunion, Kasachstan, war dort Offizier und irgendwann Mitte der 90er Jahre entschloss er sich nach Kaliningrad überzusiedeln. Einige schnell geschaffene Kontakte halfen ihm beim Start und nun betreibt er gastronomische Einrichtungen. Sein Traum, mit dem Kauf dieser geheimnisumwitterten Immobilie das große Geschäft zu machen platzte, weil die geplante Glücksspielzone in Kaliningrad nicht an der Stelle errichtet wurde – wie es eigentlich geplant war, sondern eine andere Stelle wesentlich nördlicher ausgesucht wurde … allerdings auch dort bis heute nicht eingerichtet wurde.

An einer der Wegegabelungen – es stand dort ein Ortsschild „Soldatowo“, erzählte Wassili, der Besitzer der Immobilie, dass es nur noch wenige Meter bis zur Grenze sind und das genau in diesem Abschnitt, auf dem sogenannten neutralen Grenzstreifen, noch viel alte Kriegstechnik ungeborgen liegt und vor sich hinrostet. Ja, das war die ideale Vorbereitung auf den Besuch der „deutschen Abwehrschule“.

Wir bogen in Richtung „Domnowo“ ab und nach einigen Kilometern befuhren wir einen Weg, der in einem hervorragenden Zustand war – mit altdeutschem Pflaster. Toll, die Qualität der dreißiger und vierziger Jahre.

Foto: Zufahrtsweg mit altdeutscher Pflasterung

Und endlich kamen wir an und ich sah dieses Objekt – insgesamt sechs altdeutsche Häuser aus rotem Ziegelstein mit sowjetischen Architekturdetails und russischen Modernisierungsversuchen.

Foto: Altdeutscher Hauskomplex aus roten Ziegelsteinen

Der Hausherr bat uns in das erste Haus einzutreten. Es stand gleich parallel zur Straße und über ein paar zerfallene Treppenstufen, von Gras überwuchert, näherten wir uns der Haustür, die Wassili versuchte zu öffnen.

Foto: Wen haben diese Stufen getragen?

Wer mag da wohl vor 75 Jahren über diese Stufen geschritten sein? Stirlitz, Müller? Ach war das spannend.

Foto: Stirlitz im Gespräch mit Schellenberg - Legendärer Film "17 Augenblicke des Frühlings"

Die Tür war auf und uns empfing sofort der „deutsche Hauch“ in Form einer Holztreppe. Sie führte aufwärts und abwärts – im Bestzustand – klar, ist ja eine deutsche Treppe, wie mir Wassili anpries.

Foto: Treppen – aufwärts, abwärts

Zuerst ging es abwärts, in den Keller. Sofort pries Wassili die deutsche Qualität des Kellers: „Absolut trocken, kein Schimmel, Drenagesystem noch voll funktionsfähig – eben deutsche Qualitätsarbeit – vor 75 oder 80 Jahren.

Und dann die Türen, die Rohrleitungen – bester deutscher Stahl.

Foto: Alles Original – Rohrleitungen und eiserne Zwischentüren im Keller

Was waren das für Rohrleitungen? Nur für die die profane Fäkalienentsorgung oder waren es Leitungen für die Rohrpost der deutschen Abwehr bis ins Führerhauptquartier bei Rastenburg in Ostpreußen?

Auf dem Gelände habe er noch irgendwelche merkwürdigen Steine gefunden, so Wassili. Keine Ahnung, was die zu bedeuten haben. Da steht die Abkürzung „SK“ – vielleicht „Sonderkommando“, oder „NK“ – „Nachrichtenkompanie“? Auf Schritt und Tritt spürte man dieses historische Kribbeln entlang der Wirbelsäule. Manchmal hatte ich auch das Gefühl als ob sich meine Nackenhaare aufstellten vor lauter Ehrfurcht vor diesem Ort.

Foto: Altdeutsche Steine – was für eine Zweckbestimmung mögen diese haben?

Wassili hatte schon das Dach neu eindecken und ein paar Kleinigkeiten im Hause erledigen lassen. Man sah, das die russische Brigade aus fünf Leuten bestanden hatte: Oleg, Witas, Wowa, Petja, Jura – sie hatten am Kaminschacht im Dachboden ihre Autogramme hinterlassen – genau so wie die sowjetischen Soldaten, die 1945 den Reichstag erstürmten um die Siegesfahne auf dem Dach zu hissen und anschließend in den Mauern des symbolträchtigen Gebäudes ihre Unterschrift zu hinterlassen: „Hier war ich …“

Foto: Unterschriftensammlung erinnert an die Gedenkwand im Berliner Reichstag

Wir verließen das Haus und ich muss zugeben, dass es schon ein schönes Fleckchen Erde ist. Ich begann langsam wieder „nüchterner“, als Immobilienverwalter zu denken. Hier ein Hotelkomplex zu errichten für Besucher die nur Ruhe und frische Luft benötigen – ein gar nicht so abwegiger Gedanke. Aber dann kam der Knüller. Man schlug mir vor, noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Man wollte mir das eigentlich Geheime und Aufregende zeigen. Und so ging es weiter über den gut gepflasterten Weg, vorbei an deutschen Strommasten und irgendwelchen Wegemarkierungen.

Foto: Alter deutscher Strommast mit Leitungen ins Nirgendwo am Rand einer hervorragend erhaltenen altdeutschen Straße

Foto: Geheimnisvolle Wegemarkierung

Nach einigen hundert Metern stießen wir auf ein noch bewohntes Häuschen – wenn Lebkuchen auf dem Dach gewesen wären – es hätten Hänsel und Gretel darin wohnen können.

Foto: Wer mag hier vor 75 – 80 Jahren gewohnt haben?

Und genau gegenüber stand noch eine Ruine. Das schien ein Haus gewesen zu sein mit mehreren Wohnungen. Oder hatte es eine ganz andere Bedeutung? Ich nahm mir vor, nach meiner Rückkehr noch einiges in Erfahrung zu bringen.

Foto: Was macht so ein Haus im tiefsten Wald?

Gegenüber vom Haus fanden wir einen schon gut getarnten Eingang – in eine Bunkeranlage und wie wir den Blick schweifen ließen, stießen wir auf Schritt und Tritt auf Beton:

Foto: Eingang zu einer Bunkeranlage

Foto: Solider deutscher Beton

Es ging weiter über eine gut gepflasterte Straße, mitten im Wald.

Foto: Welche phantastisch gepflasterte Sorgfalt mitten im Wald

Und plötzlich standen wir vor einer weiteren Ruine. Hier war klar, dass das eine Garage, eine Kfz.-Werkstatt war – mitten im Wald!

Foto: An der Wand eine Inschrift – als wenn Sie gestern gemalt wurde

Foto: Der Müll war kein Abfall aus deutschen Zeiten

Unser Streifzug ging immer tiefer in den Wald. Auf Schritt und Tritt Beweise früherer menschlicher Aktivitäten. Eigentlich erwartete ich, dass jeden Moment noch ein bärtiger Wehrmachtssoldat uns aus einem Unterstand anrief: „Hände hoch, stehenbleiben oder ich schieße.“

Foto: http://demotivation.me/7udv0xi062e7pic.html

Aber es rief niemand. Dafür fanden wir weitere unterirdische Anlagen. Wer mag hier in diesem unterirdischen Gebäude gelebt haben? Was wurde hier gelagert oder hergestellt? Wohin führt dieser schmale Schacht, der innen noch metallene Trittstufen hatte? Von diesen Schächten fanden wir viele, sehr viele.

Foto: Unterirdische geheimnisvolle Anlagen und Tunnel

Sogar Überreste von hochwertigen deutschen Klinkersteinen fanden wir mitten im Wald. Zeugnisse von Bauten mit einem gewissen Repräsentationsbedarf?

Foto: Zu welchem Gebäude gehören diese Überreste?

Auf unserem weiteren Streifzug durch den Wald fanden wir Bäume, die im Verlaufe ihres Alterns gnädig alten deutschen Stacheldraht in ihr Inneres aufgenommen hatten.

Foto: Bäume umschlingen alten deutschen Stacheldraht – gezogen vermutlich vor 75 – 80 Jahren

Dann ging es langsam zurück, quer durch den Wald und wieder vorbei an Bauten die vielleicht als Wachposten gedient haben könnten. Wie mir Wassili versicherte, haben wir nur ganz wenig von dem gesehen, was eigentlich hier versteckt liegt.

Foto: Auf dem Rückweg vorbei am Beobachtungsstand

Natürlich waren vor uns schon viele andere hier – professionelle „Grabräuber“. Man sah es an den vielen Gruben, die schon teilweise wieder durch die Natur übernommen waren. Gesetzlich ist es verboten in Russland mit Metallsuchgeräten oder anderen technischen Hilfsmitteln nach irgendwelchen Dingen in der Erde ohne Genehmigung zu suchen. Es war zu sehen, dass dieses Gesetz im Königsberger Gebiet wohl nicht gilt.

Im Office angekommen wurde eine Auswertung der Bilder vorgenommen, Gedanken geordnet und dann begann der Jagdeifer. Es muss doch möglich sein die Geschichte dieses geheimnisvollen Ortes zu erkunden. Und teilweise gelang es mir.

Zu früheren Zeiten hieß dieser Ortsflecken „F. Koskeim“.

Foto: Kartenausschnitt zur Lage von F. Koskeim

Zu sowjetischen Zeiten wurde der Punkt „Lesnaja skaska“ (Waldmärchen) genannt. Ich finde ein passender Name. Und die Gebäude dienten als Kinderferienlager.

In einem speziellen Kaliningrader Internetforum, welches sich mit vielem Geheimnisvollen aus früheren Königsberger Tagen befasst,  fanden wir weitere Aufnahmen und Erklärungen. Ein ganz Mutiger hatte sich sogar getraut in einen Schacht einzusteigen.

Foto: Innenaufnahme einer unterirdischen Bunkeranlage

Und es wurde auch ein Foto von einem kleinen Bahnhofsgebäude mitten im Wald gemacht.

Foto: Eisenbahnhaltepunkt mitten im Wald

Eine tolle Infrastruktur, mitten im tiefsten Wald, weit weg von jeder menschlichen Zivilisation.

Und dann schrieb ein User in diesem Kaliningrader Forum:

„Allen eine gute Nacht. Vor drei Monaten (August 2010) war ich in Koskeim mit einem mir bekannten Deutschen. Sein Vater war der Kommandeur dieser ganzen Einrichtung. Als er im März des Jahres 1945 das Gelände räumen musste und sich auf dem Weg nach Pillau befand, wurde er von einem Tiefflieger angegriffen. Sein Fahrer wurde leicht verletzt an der Hand, sein Vater, im Dienstgrad Oberst erhielt einen schweren Brustschuss. An der Verwundung starb er und wurde auf einem Friedhof neben einem Flugplatz auf der Baltischen Kosa beigesetzt.

Der Oberst diente bei der Luftwaffe und hieß Fritz Brach. Das von uns oben gezeigte größere Gebäude im Wald war das Stabsgebäude des Militärobjektes. Die anderen Gebäude dienten als Unterkünfte für die Offiziere – je nach Familienstand (verheiratet oder nicht). Die Kinder fuhren mit dem Fahrrad zur 7 km entfernten Schule.

Das Objekt selber war ein Munitionslager der Luftwaffe. Im März 1945 wurden die Einrichtungen vom Personal dieses Lagers gesprengt. Der Oberst fuhr nach Pillau um von dort weiter verlegt zu werden. Er erhielt den Befehl nochmals in das Lager zu fahren und sich zu überzeugen, dass auch wirklich alles vernichtet wurde. Er erfüllte diesen Befehl und wurde auf dem Rückweg nach Pillau dann tödlich verwundet.“

So wurde also alles aufgeklärt – sogar der Fakt, dass es hier vermutlich keine Aufklärungsschule der Wehrmacht gab – aber vielleicht ist dieser Umstand bis heute noch geheim – wer weiß es?. Aber es gibt viel Geheimnisvolles und für einen Investor mit Unternehmungsgeist, Mut und Phantasie sicherlich hier auch viel zu tun.

Ein wenig später traf ich mich mit einem Bekannten und erzählte ihm die ganze Geschichte. Es stellte sich heraus, dass er diese „Abwehrschule“ kannte und er schmunzelte ein wenig bei meiner Erzählung. Und er ergänzte, dass es wirklich jede Menge solcher geheimnisvollen Orte noch gibt. Erst vor kurzem wurde in Kaliningrad ein Geheimlager entdeckt – offiziell wurde darüber nicht berichtet. Es war wohl auf dem Rückzug durch Deutsche eingerichtet wurden. Man fand alles was für ein längeres Überleben notwendig war: Waffen, Verpflegungskonserven, Medikamente, Geld. Vielleicht war es vorgesehen wir Diversanten, für Wehrwölfe …

Und nun zum Schluss dieser Geschichte: Wo können Sie solche geheimnisumwitterten Orte noch finden? Nirgendwo, nur bei uns in Kaliningrad. Und wo können Sie solche geheimnisumwitterten Objekte noch kaufen? Nirgendwo, nur bei uns in Kaliningrad.

Uwe Niemeier

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