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Kaliningrad an einem ganz normalen Samstag

So, 21 Sep 2014 Publizistik


Kaliningrad an einem ganz normalen Samstag

Es wurde mal wieder Zeit, sich unter das Volk zu mischen, zu schauen, was denn so los ist in Kaliningrad an einem ganz normalen Samstag. Und so machte ich mich nach dem Frühstück auf die Socken – ohne Ziel.

Die letzten Wochen und Monate waren angefüllt mit unangenehmen Dingen. Die Politik kann einem schon das Leben vermiesen. Dabei gibt es so viel anderes Interessantes im Leben, auch im Kaliningrader Leben. Und Kaliningrad gerät auf unserem Internetportal immer mehr in den Hintergrund, verdrängt durch föderale und internationale Themen. Schade. Aber eben deshalb ließ ich gestern Politik, Politik sein und machte einen ziellosen Spaziergang. Aber auch hier ging es nicht ganz ohne Politik.

Das Wetter war herrlich und außer einem Fotoapparat, ein paar Blatt Papier, mein Diktiergerät und ein paar Rubel in der Tasche, hatte ich nichts dabei, was mich belastete.

Es ging, die noch grüne Gorkistraße entlang, vorbei an der in freundlichem gelb gehaltenen Kaliningrader Staatsanwaltschaft, zu den Festungsanlagen des „Wrangel“ in Richtung Flohmarkt. Ja, es gibt ihn in Kaliningrad. Schon viele Jahre versammeln sich gleich neben dem Zentralmarkt alle die, die irgendetwas zu verkaufen haben. Sie bekommen hier wirklich alles was nicht niet- und nagelfest ist. Man muss nur Ausdauer haben und öfter hingehen.

Ich fiel natürlich sofort auf und problemlos konnte ich alles fotografieren, was mir so vor die Linse kam. Ein bisschen Nostalgie kam auf, denn einige Dinge kannte ich noch aus meiner Studienzeit in Leningrad, die ich leichtsinniger Weise nach 1989 „entsorgt“ hatte. Als ich den Genossen Stalin sah, fiel mir mit Wehmut ein, dass ich damals das Geschenk meiner Russischlehrerin abgelehnt hatte: die vollständigen gesammelten Werke von ihm, in Leder gebunden. Aber zumindest jetzt wollte ich ihn fotografieren und sofort bot mir der Händler an, dass ich auch Mao fotografieren sollte. Der stand gleich neben Stalin. In meinen jungen Jahren hatte ich mich zwar sehr für China und Mao interessiert, aber jetzt … nein, ich wollte Mao nicht fotografieren. Ersatzweise bot mir der Händler dann noch Hitler an – den würde er gerne aus der Kiste auskramen. Ich bat ihn, Hitler da zu lassen wo er jetzt ist und entschied, dass es Zeit ist, weiterzugehen.

Am nächsten Stand fand ich Lenin und alte Postkarten aus Leningrad, allerhand Schnickschnack für die Heldenbrust und Geschirr. Mich interessierte eine alte Kanne. Sofort bot man mir ein ganzes Service dazu an. Echt Deutsch, vermutlich hatte Göring daraus seinen Tee getrunken und für läppische 2.000 Euro hätte sich der junge Mann das wertvolle Kleinod aus der Seele gerissen. Ich versprach zu überlegen und ging weiter.

An einem anderen Stand verwickelte mich ein, vielleicht 25 Jahre junger Mann, in ein Gespräch. Er fühle sich in Kaliningrad wie in einem Gefängnis, da Putin ihm kein Visum für Deutschland gebe. Er war dann doch etwas erstaunt, als ich ihm mitteilte, dass da wohl eher Frau Merkel, besser aber noch das deutsche Generalkonsulat in Kaliningrad zuständig sei. Dann mischte sich ein anderer ein und beschwerte sich über die hohen Hotelpreise in Svetlogorsk. Meine Frage, ob er in so einem Hotel dort wohne verneinte er – er meine eben nur so, dass es teuer ist und eigentlich müsste alles verstaatlicht werden und der Staat muss die Preise festlegen – dann wird alles gut in Russland. Aha, … ich ging weiter.

Um mehr Glück mit meinen Gesprächspartnern zu haben, nahm ich ein altes Hufeisen in die Hand, hielt es extra mit der Öffnung nach oben, damit das Glück nicht unten rausfällt. Aber ich fand keine weiteren Gesprächspartner – aber vielleicht war das eben mein Glück.

Es ging weiter, links am Wrangel-Turm vorbei, mit einer scharfen Wende nach rechts, in Richtung Proletarier-Straße.

Eigentlich wollte ich im Wrangelturm noch das Antiquitätengeschäft besuchen, wo ich vor einigen Jahren ein paar ostpreußische Scherben für einen deutschen Nachbarn in Norderstedt gekauft hatte, aber das Geschäft existierte nicht mehr. Dafür gab es dort ein Geschäft mit Töpferware. Und ein paar Schritte weiter hätte ich mich für einen Ukraine-Einsatz ausrüsten können – so wie Putin sagte: Man kann alles kaufen.

Aber ich hatte nun endlich ein Ziel – nein, nicht die Ukraine. Ich war schon ziemlich lange auf den Beinen und hatte Appetit auf Kaffee. Also mit schnellen Schritten ging es durch die Proletarierstraße. Die Vielzahl der Geschäfte links und rechts war jetzt uninteressant, denn ich wusste, ungefähr in der Mitte der Straße gibt es den „Königsbäcker“. Eine relativ neue Kette netter kleiner Cafe´s, überall in der Stadt. Klein, gemütlich und Selbstbedienung. Kuchen frisch, Kaffee heiß – was will man mehr? Es gibt da einen Schweizer, der als angestellter Mitarbeiter der russischen Besitzer, sich um die Entwicklung des „Königsbäcker“ kümmert. Außerdem ist er auch noch zuständig für die Kette „Croissant“.

Ich bat zwei Jungs, die dort am Nebentisch eine Cola tranken, mich zu fotografieren und gab ihnen meinen Fotoapparat. Die sahen wohl so ein altes Ding zum ersten Mal und schlugen mir vor, mich mit ihren Handys zu fotografieren und wollten mir die Fotos dann auf mein Handy zusenden. Na toll – nur, ich besitze kein Handy. Die beiden sahen mich sprachlos an … „na, Ausländer eben …“ mögen die beiden gedacht haben. Aber die beiden waren beeindruckt, dass man mit so einem Fotoapparat auch Bilder machen konnte.

Gleich neben dem „Königsbäcker“ gibt es einen Küchenladen. Der heißt „Germania“ – toll, nicht wahr?

Ich war gestärkt und es konnte weiter gehen, nun schon Richtung „Haus der Räte“, am Unterteich vorbei. Aber da schien irgendein Volksfest stattzufinden. Man klärte mich auf, dass der heutige Samstag der „Welttag der Läufer“ ist und in Kaliningrad ein Sportfest organisiert wird. Wie passend, dachte ich, dass ich mich gerade heute zum laufen durch die Stadt entschlossen hatte.

Während ich darauf wartete, ein paar nette Schnappschüsse machen zu können, was mit meinem hochmodernen Fotoapparat gar nicht so einfach ist, zeigte mir ein Kaliningrader, wie er mit den russischen Gegensanktionen zum Importverbot von Lebensmitteln aus der EU klar kommt. Er geht zur Eigenversorgung über und der Unterteich scheint dafür geeignet zu sein. Sein Kumpel begann auch gleich zu erzählen oder besser zu zeigen, wie groß die Fische sind, die hier im Unterteich rumschwimmen – naja, Angler eben.

Dann erinnerte ich mich, dass der Kaliningrader Gouverneur Nikolai Nikolajewitsch, immer besorgt um sein Volk, Anfang der Woche verkündet hatte, dass der Bauernmarkt, der wöchentlich auf dem Platz vor dem „Haus der Räte“, dem Sinnbild der Stadt mit deutscher Historie, sowjetischer Vergangenheit und russischer Gegenwart, stattfindet, wesentlich erweitert wird – bis zu 300 Stände für einheimische Erzeugnisse sollen dort die Kaliningrader mit ihrem frischen Angebot anlocken. Also nichts wie hin.

Irgendwie fand ich eine andere Atmosphäre vor, als auf dem Zentralmarkt oder dem neuen Markt „Selma“ im Norden der Stadt. Die Leute waren lockerer, freundlicher, forderten mich regelrecht zum fotografieren auf. Sonst muss ich das immer heimlich machen oder mit ausgesuchter Höflichkeit erbitten – hier nicht.

Und es gab wirklich ein reichhaltiges Angebot an Obst und Gemüse, Fleisch und Wurstwaren, Käse und Honig. Natürlich war mir nicht so richtig klar, was Walenkis und Hauslatschen mit Landwirtschaft zu tun haben, aber vielleicht waren die aus Pferdehaare und Schafswolle hergestellt. Na, was soll´s.

Und hier noch ein paar Eindrücke vom Kaliningrader Bauernmarkt, am Haus der Räte – jedes Wochenende – so lange es das Wetter zulässt:

... frische Fische fischte Fischer´s Fritze ... aus dem Unterteich?

... alles Käse ...

... darf es ein Kilo mehr sein?

... fleißig wie die Bienchen ...

... nimm ein Ei mehr ...

... Äpfel, Gurken, Pilze ... aber wissen Sie auch, was das für komische Wurzeln da im Fordergrund sind?

... da Kaliningrad nicht das Schlaraffenland ist, fliegen die gebratenen Tauben auch
nicht in der Luft, sondern liegen auf dem Grill ...
 
 
... große Tomaten, kleine Tomaten, runde Tomaten, Eiertomaten, rote Tomaten, blasse Tomaten ...

Zum Schluss machte ich noch einen Abstecher am „Alten Turm“ vorbei – Sie erinnern sich? Das ist, eh … das war das älteste Einkaufszentrum Kaliningrads. Nach monatelangen Streitereien zwischen den Händlern und der Stadtverwaltung, räumten die Händler das Territorium freiwillig und nun werden die Blechhütten abgerissen. Da die Stadt für den Abriss kein Geld hat (das hat man „plötzlich und unerwartet“ festgestellt), hat sich die Abrissfirma bereit erklärt, den Abriss kostenlos durchzuführen. Eine wirklich noble Geste – gelle? Aber da wir uns alle die Hose nicht mit der Kneifzange anziehen, dürfen wir ruhig vermuten, dass die Abrissfirma sich nicht in den Ruin treibt – immerhin sind die Kioske ja doch irgendetwas wert – zumindest der Schrott.

Natürlich ist dieser „Alte Turm“ kein Schmuckstück und der Abriss ist sicher notwendig. Interessant aber ist, dass es noch keinen veröffentlichten Plan gibt, was an dieser Stelle nachfolgen soll. Viele Kaliningrader vermuten, dass wieder eines der seelenlosen Handelszentren errichtet wird … na, abwarten. Es gibt schon sehr viele engagierte Bürger, die der Kaliningrader Stadtverwaltung auf die Finger schauen – insbesondere, wenn es um so ein wichtiges Grundstück geht. Denn an dieser Stelle, kurz dahinter stand das Königsberger Stadtschloss.

Langsam wurde es Zeit, den Rückweg anzutreten. Es ging vorbei am ehemaligen Hauptgebäude der bankrotten Investbank, an ein paar netten Kleinigkeiten auf dem Leninski-Prospekt …

Ich sah noch einen Stand von „Eiskönig“, einem Deutschen, der seit ein paar Jahren hier sein Softeis unter die Leute bringt. Und ein paar Schritte weiter versucht McDonalds amerikanisches Lebensgefühl in die Bäuche der Kaliningrader zu bringen. Mal sehen, wie lange noch, denn einer neuesten Umfrage zufolge, hat die Mehrzahl der Russen nichts dagegen, wenn McDonalds wieder aus Russland verschwindet.

Aber weil wir gerade beim amerikanischen Lebensgefühl sind. Es gibt in Kaliningrad so eine kleine nette Aktion – ich weiß nicht, wie sie korrekt bezeichnet wird. Menschen legen irgendwo in der Stadt Bücher aus, die sie nicht mehr brauchen. Wer dieses Buch haben möchte, kann es mitnehmen, sollte aber auch wieder ein anderes Buch an diese Stelle legen. Und auf meinem weiteren Weg über den Sowjetski-Prospekt fand ich in einem Kellerfenster der Technischen Universität so ein Buch.

Der Titel des Buches lautete: „Eine amerikanische Tragödie“. Wie passend für die aktuelle Zeit – fand ich.

Nur wenige Schritte weiter befindet sich ein Gebäude, dass viele Leute nicht unbedingt von Innen sehen wollen und welches volkstümlich immer mit „S3“ bezeichnet wird – also „Sowjetski Prospekt Nr. 3“ – der Sitz des russischen Sicherheitsdienstes. Spaßvögel haben das Straßenschild an einem Buchstaben überklebt, so dass man jetzt mit etwas Phantasie liest „Soweski-Prospekt“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Prospekt des Gewissens“.

Und wie ich noch darüber nachdenke, wie ich diese neue Straßenbezeichnung einordnen soll, rumpelt eine der noch wenigen verbliebenen Straßenbahnen an mir vorbei und schlägt vor, doch mit ihr eine „Exkursion mit der Tramwai“ zu machen. Tja, das war dann wirklich eine Gewissensfrage – noch eine Exkursion oder doch lieber nach Hause, wo mich schon eine gepflegte Tasse deutscher Kaffee und ein Stück Kaliningrader Apfelkuchen – gesponsert von Jelena erwartete? Ich entschied mich für Jelenas Apfelkuchen – die eindeutig bessere Wahl.

Und nach einem Fußmarsch von insgesamt fast fünf Stunden hatte ich mir den Kuchen wohl auch verdient.

Zufrieden und satt griff ich in die Tasten, schrieb diesen Artikel, formatierte die Fotos und schaute mit „Einem Auge in die Zweite Reihe“ der deutschen Nachrichten – eben ein ganz normaler Samstag, in der ganz normalen russischen Stadt Kaliningrad.

 

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