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Vertreibung aus dem Paradies oder Wie ich die DDR verließ

So, 01 Feb 2015 Publizistik


Vertreibung aus dem Paradies oder Wie ich die DDR verließ

Ein Deutscher im Königsberger Kaliningrad - ein Wohlfühlbericht

 

Das Wertvollste was der Mensch besitzt ist das Leben.
Es wird ihm nur einmal gegeben
und er sollte es so nutzen,
dass ihn sinnlos verlebte Jahre
nicht später schmerzhaft geräuen,
das über ihn nicht Schande kommt
für Schlechtigkeiten und Kleinigkeiten
der Vergangenheit  ...
 
Nikolai Ostrowski
„Wie der Stahl gehärtet wurde“

 

 

Datum der Publizierung: 20.02.2013

EINLEITUNG

So, dies ist der …zigste Anlauf mal wieder meine Schreibblockade niederzuringen.

Seit meinem ersten, im Jahre 2002 veröffentlichten Buch, sind nun schon einige Jahre vergangen und es hat sich viel, sehr viel getan in dieser Zeit.

Foto: Titelblatt "Auf dem Weg nach Neu-Königsberg"

Es war eine erfolgreiche Periode – vielleicht die erfolgreichste in meinem bisherigen Leben. Es gibt keinen Grund zum klagen. Über einige, weniger glücklich gelaufene Dinge, muss man hinwegsehen, weil es die ganz normalen täglichen Kleinigkeiten sind über die man sich ärgert, aber die mit dem prinzipiellen Leben nichts zu tun haben.

Ja, das Jahr 1989 brachte einen harten Einschnitt für viele. Mein Leben sollte auch anders verlaufen. Es hatte im Sozialismus begonnen und sollte im Kommunismus enden. Aber im Oktober 1990 stand es dann endgültig fest, dass der Kommunismus eine feine Sache ist, aber mehr für theoretisch-philosophische Überlegungen. In der Praxis nicht so richtig anwendbar.

Heute ist klar, dass meine Entscheidung Richtung Osten zu gehen und nicht, wie viele andere in den güldenen Westen, richtig war. Hätte mich mein Weg in den Westen geführt, so wäre ich heute sicher der TOP-Spezialist zum Hartz-System – aber wohl weniger als Berater, denn mehr als Nutznießer.

Getreu dem Spruch des ollen Lenin: „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“, war ich bereit Abstriche an meinem Lebensniveau zu machen und noch einmal ganz von vorne anzufangen. Mein Schritt «vorwärts» vollzog sich immer in dem Bewusstsein, zeitweilig auch auf „zwei Schritte Lebensniveau zu verzichten“.

Die Zeit in der Ukraine war eine gute Startzeit im Osten um Erfahrungen zu sammeln. Die Zeit ab 1995 in Kaliningrad legte die Grundlage für meine heutige zufriedene Existenz. Mein heutiges Sein verdanke ich dem Land, welches  mir 1980 die Möglichkeit gab ein kostenloses Studium zu absolvieren.

 

Datum der Publizierung: 02.03.2013

Vorwort

Schon vor Jahren – 1993/94, als  die Ukraine noch mein zeitweiliger Lebensmittelpunkt war, hatte ich ein Tagebuch angefangen, dann aber wieder aufgehört. Es fehlte Zeit oder letztendlich die Lust – was soll´s.

In Kaliningrad nahm ich mir einfach die Zeit und Lust. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass meine Schreiberei irgendwann einmal von Nutzen ist. Man sammelt Fotos, hat Unmengen Fotoalben, quält damit seine Gäste in der sonntäglichen Kaffeerunde. Warum also nicht ein paar schriftliche Erinnerungen schaffen, für spätere Jahre, wenn man sich zur Ruhe gesetzt hat? Es ist doch auch so schon interessant in alten Zeugnissen oder sonstigem Schriftkram zu lesen, den man mal verfasst hat. Zu sehen, wie sich Meinungen bilden und dann im Laufe der Jahre wieder ändern. Aber vor allem, wie man mal gelebt hat. Oft ist es doch so, dass man die negativen Dinge schnell vergisst und die positiven in seinen späteren Erinnerungen noch mehr rosarot färbt. Ein Tagebuch hilft dabei, auch noch nach vielen Jahren, alles in dem Licht zu sehen, wie man es damals empfunden hat.

25 Jahre Russland – nein, nicht richtig,

23 Jahre Russland und zwei Jahre Ukraine – nein, auch nicht richtig,

vier Jahre Sowjetunion, zwei Jahre Ukraine und der Rest der Zeit Russland,

mein Gott, das scheint kompliziert zu sein. Nein, es ist nicht kompliziert, es gibt nur ein paar, nicht ganz unwesentliche Unterschiede. Und über die lohnt es sich zu berichten.  

Und, vielleicht im Vorwort noch eine kleine Erklärung zum Titel – Vertreibung aus dem Paradies. Wieso ich meine aus dem Paradies vertrieben worden zu sein.

Nun, ich war zufrieden in der DDR. Alles was ich zum Leben brauchte hatte ich. Meine Arbeit war mein Lebensinhalt. Und wenn man rundum glücklich ist, dann ist man eben im Paradies – nicht wahr? Aber der 03.10.1990 änderte alles in meinem Leben. Dieses Datum brachte mir, wie so vielen anderen DDR-Bürgern, erst einmal eine Menge Sorgen, die wir früher nicht hatten. Ich fühlte mich also nicht mehr wie im Paradies – ich fühlte mich eben daraus vertrieben. Da nützte es auch nichts, das ich jetzt in andere Paradiese fahren konnte – zum Beispiel nach Westberlin, Spanien oder den Luxuskanillen. Um dahin zu fahren brauchte man Geld – und das hatte ich nicht.

Bis 1989 sagte mir die Partei, dass ich die Sowjetunion lieben soll, weil sie unser Freund ist und die Bundesrepublik Deutschland, die BRD, die sollte ich nicht lieben. Ab1990 sollte ich dann plötzlich die Bundesrepublik lieben, weil wir uns ja nun alle lieb haben sollten in Deutschland. Und was war nun mit meiner bisherigen Liebe? Na, die war nun nicht mehr so wichtig. Also, so schnell konnte ich meine Gefühle nicht wechseln – nein, ich wollte meine Gefühle auch gar nicht wechseln. Weshalb sollte ich auch mein neues Vaterland gleich lieben? Was machte denn mein neuer „Vater“ mit mir. Er begann gleich mich zu erziehen: er degradierte mich in meinem Dienstgrad weil ich zu jung dafür war, er kürzte mein Gehalt um die Hälfte, erhöhte meine Miete um ein vielfaches und verdächtigte mich, dass ich in der Vergangenheit ein ungezogenes Kind war. Ich empfand meinen neuen Vater(land) also eher als Stiefvater(land). Mein Vater liebte mich nicht so richtig. Ich aber wollte geliebt werden.

Also suchte ich mir einen neuen Vater, ein neues Paradies. Ich ging dahin, wo ich hergekommen war. Nun, die Sowjetunion existierte schon nicht mehr. Aber es gab Russland. Das Land wo ich vier Jahre gelebt und kostenlos studiert hatte und wo ich mich, trotz aller Besonderheiten, wohl gefühlt hatte. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, ob Russland das Paradies auf Erden ist, aber eben deshalb wollte ich hinfahren um mich von den Fakten zu überzeugen.

 

Datum der Publizierung: 10.03.2013

Die Entwicklung einer sozialistischen Persönlichkeit

Die etwas Älteren unter uns kennen den Begriff noch – also ich meine die ostelbisch Geborenen: Sozialistische Persönlichkeit. Also das ist so ein Mensch der zuerst an die Gemeinschaft denkt und zuletzt an sich selber. Heute weiß ich, dass es in der DDR rund 16 Millionen Persönlichkeiten gegeben hat, aber so gut wie keine sozialistische Persönlichkeit. Das Prinzip ist zwar denkbar gut, aber ein doch mehr theoretisches.

Ich selber wollte gerne eine sozialistische Persönlichkeit sein und suchte ständig nach Kompromissen zwischen dem „ICH“ und der Gemeinschaft. Oft siegte das „ICH“. Aber trotzdem war ich im Wesentlichen ein braver sozialistischer Bub. Und bis 1989 wollten auch rund 99 Prozent aller anderen Ostelbler den Eindruck erwecken, dass sie auch brav und sozialistisch waren.

Sozialistische Kinderkrippe, sozialistischer Kindergarten, sozialistische Ganztagsschule – eine völlig normale Kindheit. Der Ernst des Lebens begann am 01. September 1961. Die sozialistische Polytechnische Oberschule ließ mir zehn Jahre eine solide und vor allem kostenlose Schulausbildung angedeihen. Natürlich war ich stolz auf meinen Jungpionierausweis, auf mein blaues Halstuch und vor allem auf das blaue FDJ-Hemd mit dem fetzigen Ärmelabzeichen – der aufgehenden Sonne.

Eltern, Vater wie Mutter, waren Arbeiter. Einer meiner Großväter hatte sogar ein paar Tage im Gefängnis verbracht, weil er über Adolf einen Witz erzählt hatte – also ideale Voraussetzungen für eine politisch unbelastete Laufbahn in der Deutschen Demokratischen Republik. Das Wort „Karriere“ gab es nicht in der DDR – das Wort war verpönt oder doch zumindest kleinbürgerlich.

Naja, es lief eigentlich alles so, wie es bei fast allen anderen auch lief. Ich beendete die Schule mit guten Ergebnissen und wählte als Beruf Kaufmann im Außenhandel. Das war ein günstiger Zeitpunkt, denn es lief gerade die internationale Anerkennungswelle der DDR und man suchte junge Leute, die die DDR auch auf dem wirtschaftlichen Sektor im Ausland vertreten konnten. Zumindest war dies die offizielle Argumentation für die Einführung dieser Berufsrichtung, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte. Mein Glück war eine Lehrstelle im Schwermaschinenbaukombinat „Karl Liebknecht“, in dem gleichen Betrieb, in dem meine Mutter arbeitete. Außer mit der Produktion von Dieselmotoren befasste sich die Firma noch mit der Herstellung von Chemieanlagen. Mit Chemie hatte ich nichts im Sinn, aber Dieselmotoren, damit konnte ich mich schon anfreunden.

Die Ausbildung dauerte zwei Jahre. Die Hälfte der Zeit verbrachten wir mit theoretischem Unterricht im Internat, gelegen im Dorf Letzlingen, ungefähr fünfzig Kilometer von Magdeburg entfernt.

Foto: "Letzlingen" der Nabel unserer Lehrlingswelt

Die Zeit war schön. Wir waren nur drei Jungs in einer Mädchenklasse. Nach dem ersten Jahr ging die Hälfte unserer Gruppe in den Harz, irgendwo in die Nähe der Grenze und setzte dort die Ausbildung fort. Und so verblieb ich als einziger Junge in der Klasse. 

Man merkte es schon ein wenig, dass mit unserer Klasse experimentiert wurde. Wir waren die ersten Lehrlinge, die auf diesem Gebiet ausgebildet wurden und der Lehrplan und die Unterrichtsfächer waren noch nicht so richtig festgelegt. Auch der Lehrinhalt schien irgendwie aus vielen anderen Ausbildungsrichtungen zusammengetragen zu sein. Insbesondere zum Außenhandel wurde relativ wenig gesagt und das sollte doch eigentlich der Hauptgegenstand der Lehre sein.

Gut erinnern kann ich mich noch an meine Sprachausbildung. Während des letzten Jahres in der Polytechnischen Oberschule musste ich extra noch einen Englischkurs besuchen, um die Lehrstelle zu erhalten. Letztlich fragte aber niemand mehr nach dem Erfolg meines Englischunterrichtes und so gerieten die spärlichen Sprachkenntnisse in Englisch schnell wieder in Vergessenheit. Auch während der Lehrausbildung war Englisch nicht  gefragt, nur Russisch. Seit der Fünften hatten wir  als Pflichtfach Russisch. Meine Noten waren nicht schlecht, aber sprechen konnte ich trotzdem nicht. Die Masse der Schüler hatte zur russischen Sprache einfach keine Einstellung. Wozu braucht man Russisch? Keiner wollte dort leben oder arbeiten. Und so dachten wir auch in der Lehrausbildung. Aber Russisch war Hauptfach und ohne bestandene Prüfung gab es auch keinen Lehrabschluss.

Foto: Russischkurs - Lernen,lLernen und nochmals lLernen

Leider lies ich mir meine negative Einstellung zur russischen Sprache in Form von Lernfaulheit anmerken. Fremdsprachen lernen ist nun mal eine Fleißfrage, egal um welche Sprache es sich handelt. Und da ich nicht fleißig war, fiel ich durch die erste Prüfung mit Pauken und Trompeten durch. Für die zweite Prüfung – extra für mich anberaumt – wurden die Pauken und Trompeten gleich bereitgestellt. Die dritte Prüfung habe ich dann „bestanden worden sein müssen.“ Ich vermute mal, dass mein Russischlehrer, übrigens ein wirklich guter Lehrer, der perfekt Russisch sprach, von „höherer Stelle“ instruiert wurde. Man war insgesamt interessiert, dass die Klasse mit guten Ergebnissen abschloss und ich, als einziger Junge, sollte da keine Ausnahme machen. Mein Lehrer nahm mich also nach bestandener Prüfung beiseite und sagte: „Uwe, ich habe eine Bitte. Erzählen sie niemandem, dass sie Russisch können. Sie blamieren sich und mich als Lehrer bis auf die Knochen.“ Ich versprach es ihm.

Nun gut, die Lehre war damit beendet und ich hätte eigentlich ins Berufsleben eintreten können, wenn nicht just zu dem Moment die Armee gerufen hätte.

 

Datum der Publizierung: 17.03.2013

Links, zwo, drei ...

Armee und eine zackige Uniform – das war schon immer ein Thema für mich. Wieso? Keine Ahnung.

Ich war völlig unsportlich und der Mutigste war ich auch nicht – also Voraussetzungen, die man eigentlich braucht bei der Armee. Aber ich habe immer viele Filme aus dem Zweiten Weltkrieg gesehen und irgendwie muss das seinen Einfluss hinterlassen haben.

Foto: Hinweisschild aus einer schon modernen Zeit

Also nichts wie hin zum Magdeburger Wehrkreiskommando am Domplatz. In meiner jugendlichen Naivität wollte ich mich erkundigen, ob man auch länger als 18 Monate dienen kann und ob man in der Armee auch Kaufleute im Außenhandel gebrauchen könne. Und der Genosse Hauptmann vom Wehrkreiskommando erzählte mir natürlich das Blaue vom Himmel herunter. Diese Kopfgeldjäger mussten eine Norm erfüllen und waren deshalb auch ununterbrochen unterwegs um nach freiwillig länger Dienenden zu suchen. Und nun kam sogar einer freiwillig in das Wehrkreiskommando um sich kundig zu machen.

Begeistert ging ich nach Hause und erzählte alles meinen Eltern. Diese hatten absolut nichts gegen meine Gedanken. Sie redeten mir weder zu, noch rieten sie ab. Mein Vater meinte nur, dass ich nichts überstürzen solle. Er bot sich an, am nächsten Tag mit mir noch einmal zum Wehrkreiskommando zu fahren und beim zweiten Gespräch mit dabei zu sein. Bei diesem zweiten Besuch war der Himmel nicht mehr ganz so blau,  aber immerhin immer noch verlockend.

Nun war die schwere Frage zu entscheiden: Gehe ich zum Studium des Außenhandels nach Berlin – den Studienplatz hatte ich schon so gut wie in der Tasche, oder gehe ich zum Studium an eine Offiziershochschule, verbunden mit der Verpflichtung 25 Jahre in der Armee zu dienen. Das ich mir den Dienstort nicht aussuchen konnte – daran verschwendete ich damals keinen einzigen Gedanken. Den Ausschlag gab letztendlich die unprofessionelle Arbeit der Kaderabteilung meines Betriebes, die mich zum Studium delegieren wollte. Unprofessionell ist nicht richtig, besser ist unklug, denn sie antworteten auf meine Fragen einfach nur wahrheitsgemäß. Sie versprachen mir nach dem Studium ein mieses Gehalt, eine Tätigkeit in irgendeinem Büro und kaum eine Chance ins Ausland zu kommen. Tja, und der Hauptmann vom Wehrkreiskommando versprach mir ein hohes Gehalt, einen Dienstwagen, einen Adjutanten und noch so manches andere. Da habe ich dann unterschrieben.

Später, als man mich fragte, warum ich Offizier werden wollte oder geworden bin, habe ich natürlich nie geantwortet, dass es wegen des schnöden Mammons war. Da habe ich dann immer davon gesprochen, dass ich von der Notwendigkeit des Schutzes des Sozialismus überzeugt war und deshalb meinen persönlichen Beitrag leisten wollte. Irgendwo hatte ich mal diese Schlagworte gelesen und sie dann einfach in meinen Wortschatz übernommen. Irgendwann, im Laufe der Zeit, ist das dann auch meine wirkliche Meinung geworden, denn die intensive politische Schulung in der Armee und meine kooperative Einstellung zum Staat zeigten Wirkung. Tja, die Entwicklung zu einer sozialistischen Persönlichkeit hatte somit einen ersten wichtigen Abschnitt genommen.

Um es vorwegzunehmen, ich glaube schon, dass ich im Sinne des Staates DDR wirklich zu einem, vom Sozialismus überzeugten, Bürger erzogen wurde. Diese Erziehung erfolgte seitens meiner Eltern nicht bewusst. Beide waren völlig unpolitisch und erzogen mich einfach so, wie man seinen Erben eben erzieht. Das gesellschaftliche Umfeld wirkte dann so, dass sich bei mir ein dankbares, positives Verhältnis zu dem Land entwickelte, in dem ich lebte.

Schon in jungen Jahren habe ich mit Begeisterung die Werke von Makarenko, dem bekannten sowjetischen Erzieher gelesen. Pawel Kortschagin, der Held aus dem Buch „Wie der Stahl gehärtet wurde“, war mein Vorbild und sicher nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Jungs in meinem Alter. Etwas später entdeckte ich meine Begeisterung für die Memoiren sowjetischer Heerführer aus dem Großen Vaterländischen Krieg.

All dies wirkte auf mich oder tat seine Wirkung. Zum Zeitpunkt der Wende war ich meinen Ziel, dem hundertprozentigen Kommunisten, schon ziemlich nah gekommen. Ja, ich gebe das auch heute noch freimütig zu, weil es eben so war und ich war stolz darauf, ein überzeugter Kommunist zu sein, auch wenn meine Vorgesetzten und Parteisekretäre dies natürlich anders sahen, denn in ihren Augen konnte man niemals ein hundertprozentiger Kommunist sein, da der Erziehungsprozess  nie abgeschlossen war. Ich habe mit tiefer Überzeugung geglaubt, dass die Arbeit der Partei richtig ist, insbesondere die Arbeit der führenden Genossen aus dem Politbüro. Das einige Dinge in der DDR nicht so liefen, daran war, nach meiner Überzeugung, nicht das System oder die Partei Schuld, sondern wir, die kleinen Genossen und die einfachen Bürger des Landes. Wir hatten die Ideen und Pläne der Partei nicht richtig verstanden oder waren nicht bereit uns für die hervorragende Idee der kommunistischen Gesellschaft noch mehr zu engagieren wie wir es bisher schon getan hatten. Meine Ausbilder und Erzieher konnten also mit ihrer Arbeit zufrieden sein.

 

Datum der Publizierung: 24.03.2013

Vom Außenhandelskaufmann zum Offizier

Drei Jahre habe ich an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte studiert. Wir pendelten während des Studiums zwischen Zittau und Löbau. Im Vorbereitungskurs, dem sogenannten Kriegsabitur, waren wir in Zittau in einem Altbau untergebracht. Danach wurde die Kompanie nach Löbau verlegt. Dort zogen wir in einen Neubau ein. Ein echter Fortschritt, denn wir lebten dort mit nur vier Mann auf der Bude, welche zu allem sozialistischen Überfluss auch noch zentral beheizt wurde. Im Keller war eine Dusche eingebaut und es gab fast immer warmes Wasser.

Im letzten Studienjahr ging es wieder zurück nach Zittau. Dort wurden wir wieder in einem Altbau untergebracht mit zwölf Mann auf der Bude und Ofenheizung.

Foto: Hauptgebäude der Offiziershochschule in Zittau

Wir fingen mit einer Kompaniestärke von hundertvierzig Mann an. Jedes Jahr gab es sogenannten Schwund. Das Studium war stark belastend und letztendlich hielten nicht alle durch. Zuletzt war die Kompanie noch achtzig Mann stark.

Studiert habe ich natürlich nicht Außenhandel, sondern landete bei den Rückwärtigen Diensten. Das Einzige, was mein Studium mit „Außen“ zu tun hatte war, dass man mir sehr gut beigebracht hatte, wie man „Außen“, also außerhalb der Kaserne, im Wald und auf der Heide leben und überleben kann. Aber ansonsten würde man meine Studienrichtung heute als Logistikstudium bezeichnen.

Drei Jahre habe ich an der Offiziershochschule zugebracht. Wahrlich kein Zuckerlecken, denn neben dem Studium musste auch der ganz normale Soldatenalltag bewältigt werden. Wir schoben Wache, nahmen an Übungen und Kompaniebesichtigungen teil, hatten Praktika in der Truppe. Ausgang und Urlaub waren streng reglementiert. Im ersten Studienjahr fast absolute Abstinenz in allen Fragen. Das zweite Studienjahr brachte dann schon ein paar Freiheiten und im dritten Jahr waren wir natürlich die absoluten „Kings“ – nein, „Kings“ waren wir nicht. Ist ja ein englisches Wort und das kannten wir damals noch nicht. Wir waren einfach die Größten.

Von irgendwelchen Erlebnissen während der Studienzeit an der Offiziershochschule ist mir recht wenig in Erinnerung geblieben. Immerhin ist es schon einige Jahrzehnte her.

Gut erinnern kann ich mich allerdings noch an unseren Hauptfeldwebel. Gerüchte besagten, dass er der beste Spieß im Warschauer Vertrag war. Wir konnten das nicht so beurteilen, weil wir nur diesen Spieß kannten - und wir verfluchten ihn. Er war wirklich erfahren und hatte schon viele Studienjahrgänge zu exzellenten Offizieren erzogen. Er war pedantisch bis zum Hacken und korrekt bis zur Kragenbinde. Er lehrte uns die Unterwäsche auf halbe Zeitungsbreite als Paket zu packen, das Bett zu bauen, dass auch nicht eine einzige Falte zu sehen war. Jeden Freitag war „Großes Stubenreinigen.“ Wir kamen nicht eher in die Betten, bis alles blitzte. Wehe, wenn auf der Lampe oben unter der Decke noch ein Staubkrümel lag. Hinter den Schränken versteckter Müll hatte keine Chance. Auch die Schränke wurden abgerückt um zu sehen, ob unter dem Schrank noch Staub lag und ob dort gebohnert war. Die Toiletten waren wohl die saubersten in der ganzen Kaserne. Selbst am 13. August 1976, als wir im  Stadion in Zittau zum Leutnant ernannt worden, verdonnerte er uns noch nach der Ernennung zum großen Stuben- und Revierreinigen. Er, damals Fähnrich, ließ uns Leutnants antreten, wedelte vor angetretener Leutnantskompanie mit unseren Urlaubsscheinen und versprach, dass wir diese erst dann bekämen, wenn jeder Leutnant ihm persönlich sein Revier abgemeldet hat und er damit zufrieden war.

Wir verfluchten ihn und wir liebten ihn. Der Spieß war auch immer die Mutter der Kompanie. Vielfach war das nur ein geflügeltes Wort, aber bei unserem Spieß war das wirklich so. Er hatte Beziehungen überall hin und in dem Maße wie er uns quälte, stellte er uns aber auch regelmäßig mit allem sicher, was wir brauchten, um den Soldatenalltag zu bewältigen. Bei unseren Härtetesten, die einmal im Jahr stattfanden, stand er persönlich an der Strecke und schüttete jedem von uns der es wollte, mit einer Schöpfkelle kaltes Wasser in den Nacken. Heute bin ich ihm dankbar für all das, was er uns beigebracht hat. Vieles von dem beachte ich auch heute noch.

Einmal schickte uns unser Spieß zum Ernteeinsatz. Man versprach uns viel Geld, wenn wir Sonnabend und Sonntag irgendwo auf einer LPG, einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, schufteten. Wir taten es, denn Geld konnten wir immer gebrauchen. Am Sonntagabend kamen wir fix und fertig in die Kaserne zurück. Montag früh beim Morgenappell dankte der Spieß für unseren Arbeitseinsatz und teilte viel Lob für unseren Fleiß aus. Nur unser Geld, das teilte er nicht aus. Nein, er teilte uns mit, dass wir kein Geld bekämen, weil er beschlossen hatte, für das Geld einen Rasenmäher zu kaufen und einige andere Gerätschaften, damit wir zukünftig unser Revier vor und hinter dem Kasernenblock noch besser säubern könnten. Wir waren stinksauer. Aber was sollten wir tun? Wir akzeptierten und beschlossen, zu keinem Ernteeinsatz mehr zu fahren.

Im letzten Studienjahr war es zum Jahreswechsel so, dass die Kompanie wegen der erhöhten Gefechtsbereitschaft, die immer zu Feiertagen ausgelöst wurde, in der Kaserne zu verbleiben hatte. Allerdings wurde eine Feier genehmigt und es wurde auch genehmigt, dass pro Offiziersschüler je eine halbe Flasche Wein getrunken werden durfte. Am Vormittag ließ uns der Kompaniechef, von uns respektlos „Süppchen“ genannt, antreten, um uns zum bevorstehenden neuen Jahr Glückwünsche auszusprechen. Unsere Patenbrigade bei den Robur-Kfz-Werken hatte gesammelt und für die ganze Kompanie eine Flasche Brandy gekauft. Wir waren damals wohl noch so um die achtzig oder neunzig Offiziersschüler. Die Flasche auf uns aufgeteilt, ergab dann also pro Offiziersschüler ungefähr drei Tropfen. „Aber“, so betonte der Kompaniechef „wie Sie wissen, Genossen Offiziersschüler, hat der Kommandeur der Offiziershochschule nur eine halbe Flasche Wein genehmigt, so dass wir diese Flasche Brandy irgendwann später mal gemeinsam im Ausgang trinken werden.“ Wir konnten diesen harten Befehl des Kommandeurs und den Beschluss unseres Ko-Chefs verkraften, denn als erfahrene Offiziersschüler hatten wir für unseren letzten Jahreswechsel an der Hochschule vorgesorgt. Wir hatten genügend Alkohol in die Kaserne geschmuggelt und wollten zum Jahreswechsel eine schöne Bowle machen. Am Morgen des 31. Dezember wollten wir die Bowle ansetzen. Erschreckt stellten wir fest, dass wir an alles gedacht hatten, nur nicht an ein Bowlengefäß. Den Mülleimer konnten wir schlecht nehmen, der war wirklich verkeimt und aus der Küche bekamen wir kein Geschirr. Dort herrschten die Soldaten im Grundwehrdienst und die konnten uns hochnäsige Dreijährige nicht leiden.

Dann fiel uns ein, dass unser Zugführer irgendwann mal erzählt hatte, dass er  ein Bowlenservice habe. Wir also eine Delegation gebildet und ab zu ihm nach Hause. Natürlich nicht zu ihm, denn er durfte davon nichts wissen, sondern zu seiner Frau, die uns auch öffnete. Wir sagten ihr, dass ihr Mann uns schickte und wir das Bowlengefäß holen sollten. „Ach, das trifft sich ja gut“, meinte sie, drehte sich um und rief ins Wohnzimmer: „Klaus, hier sind die Genossen, die du geschickt hast wegen dem Bowlengefäß. Geh doch gleich mal runter in den Keller und hole es rauf.“ Wir standen da wie versteinert. Keiner hatte mitbekommen, dass unser Zugführer mal schnell zwischendurch nach Hause gegangen war. Jetzt war die „Kacke am dampfen“, wie wir im Soldatenjargon meinten. Unser Zugführer ging aber in den Keller, gab uns wortlos das Gefäß und wir verschwanden ganz schnell, um eine Kriegsberatung in der Kaserne abzuhalten. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir die Bowle ansetzen sollten, denn wenn er uns etwas Schlechtes gewollt hätte, hätte er uns das Gefäß nicht gegeben. Gesagt, getan. Wir setzten die Bowle an. Wodka musste sein, Wein konnte sein und die Früchte rein. Tuch drüber und gut verstecken. Abends brachten wir schnell das Kulturpflichtprogramm mit unseren Offizieren hinter uns. Auch der Wein wurde brav getrunken, um uns schon ein wenig in Vorstimmung zu bringen und dann verflüchtigten wir uns nach und nach und trafen uns auf unserer Stube, wo wir damals zu zwölft lagen. Allen wurde kräftig eingeschenkt, nur einer wollte keine Bowle. Er mache sich nichts aus Alkohol, ihm reichen die Früchte – meinte er. Natürlich berücksichtigten wir seinen Wunsch und gaben ihm nur die Früchte, diese aber reichlich. Der Mann konnte mehrere Tage lang nicht leben und nicht sterben. Ich glaube, er ist dann wohl auch Obstabstinenzler geworden. Wir waren also schon in schöner Stimmung, als die Tür aufging und unser Kläuschen reinkam. So nannten wir unseren Zugführer, wenn er nicht in der Nähe war. Es zog Stille ein. Dann fragte er, ob wir denn nicht bereit wären ihn einzuladen, wenn er uns schon das Bowlengefäß zur Verfügung gestellt habe. Mit großem Hallo wurde er willkommen geheißen und die Bowle wurde ab sofort brüderlich mit ihm geteilt. Brüderlich heißt in diesem Fall allerdings, dass er das Doppelte von dem bekam was wir tranken, denn immerhin war er schon Hauptmann und wir nur Offiziersschüler. Wir waren gut erzogen und auch gute Genossen und trugen ihn dann kurz vor dem offiziellen Wecken aus der Kaserne nach Hause. Natürlich bekam niemand anderes etwas davon mit. Wir hatten einen schönen letzten Silvester, er hatte einen schönen Kater und somit hatten wir alle eine schöne Erinnerung.

 

Datum der Publizierung: 31.03.2013

Wünsch Dir was …

Wenige Monate vor Studienabschluss hing im Kompaniebereich eine Wandtafel mit den Standorten, die für uns als spätere Einsatzorte zur Verfügung standen. Jeder konnte sich nach Wunsch eintragen. Glücklich konnten die sein, die sich für einen Standort interessierten, der für andere Genossen uninteressant war, die also konkurrenzlos waren. Für die war dann der Standort gebongt. Glücklich konnten auch die sein, die verheiratet waren. Sie wurden bei der Standortwahl auch bevorzugt. Ich war leicht größenwahnsinnig und setzte meinen Namen hinter solche Standorte wie Erfurt, Schwerin, Rostock, Berlin oder so. Größenwahnsinnig deshalb, weil ich erstens  unverheiratet, zweitens bei meinem Kompaniechef nicht sehr beliebt war, so dass ich drittens keine Chance hatte, irgendeinen schönen Standort zu bekommen. Man erinnerte mich ziemlich unwirsch daran, dass ich eine Verpflichtung unterschrieben hätte in der auch stand, dass ich bereit sei, dorthin zu gehen, wo mich der Staat und nun auch die Partei brauchen würden.

Ja, ich war in der Zwischenzeit stolzes Parteimitglied geworden – logischerweise, denn ich war auch Jungpionier, Thälmannpionier und FDJ-ler.

Foto: Heißersehntes Parteidokument

Allerdings war ich etwas beleidigt, denn ich wurde als einer der letzten Offiziersschüler in die Partei aufgenommen. Ich hielt mich aber immer für einen der besten Kommunisten in der Kompanie und verstand nicht, dass andere bevorzugt wurden. Zumal sowieso alle bis zum Abschluss des Studiums Parteimitglieder werden sollten.

Ich war also ein guter Offiziersschüler und Genosse und ging zum Standort Goldberg, etwa fünfzig Kilometer östlich von Schwerin.

Foto: Goldberg - die Stadt der drei Lügen

Ich brauchte schon eine gewisse Zeit, um rauszubekommen, wo sich denn dieses Goldberg befand. Es war eine Kleinstadt mit ungefähr 5.000 Einwohnern. Man nannte diese Stadt auch die „Stadt der drei Lügen.“ Erstens gab es kein Gold, zweitens gab es keinen Berg und drittens war es keine Stadt. Dort befand sich das Panzerregiment der Schweriner Division und ich sollte dort Oberoffizier im Regimentsstab werden. Ich fand mich mit meinem Schicksal ab und ging dorthin. Nur hatten die dortigen Vorgesetzten andere Vorstellungen. Man hatte mich zwar angefordert für die Funktion eines Oberoffiziers im Regimentsstab, aber sich dann doch kurzfristig entschieden, mich zur Bewährung auf einen anderen Posten zu setzen.

So wurde ich also von diesem ungeliebten Ort in einen noch ungeliebteren Ort versetzt und dies noch während des Praktikums. Ich wurde Leiter eines Divisionslagers in Karow. Das war ein Dorf noch ein paar Kilometer weiter östlich. Das Dorf hatte bestimmt fünfhundert Einwohner. Nur die Kaserne befand sich nicht im Dorf, sondern noch ein paar Kilometer weiter in einem Wald. Ich war entsetzt, enttäuscht, wütend – ich wollte den ganzen Kram hinschmeißen. Nach einem Studium, bei dem ich mich so abgequält hatte, mit meinem guten Zeugnis und nun diese Wüste, in der man nichts weiter machen konnte als Pilze sammeln oder im Winter dem Alkohol zu verfallen. Ich machte einige schwere Tage durch und wollte den Offizierseid verweigern und meine Entlassung beantragen. Letztlich entschied ich mich jedoch, nicht zuletzt auf Anraten meiner Eltern, doch zu bleiben.

Foto: Dienstgrad Leutnant der NVA - Mot.-schützen

Wäre ich ausgestiegen, hätte ich total bei „Null“ anfangen müssen, denn der Staat hätte mir diesen Schritt nicht verziehen. Ich hätte keinen Studienabschluss bekommen und bei der Suche nach einem Arbeitsplatz wäre ich sicher nicht im Außenhandel gelandet.  So nahm ich mir vor durch gute Leistungen zu zeigen, dass ich mehr drauf hatte als andere. Und siehe da, schon nach einem Jahr bot man mir wieder eine Stelle als Oberoffizier an und zwar sogar zur Auswahl. Entweder sofort im motorisierten Schützenregiment in Prora auf der Insel Rügen oder ein Jahr später in Rostock im Artillerieregiment. Nun war meine Einstellung zu Standorten schon eine ganz andere als noch ein Jahr zuvor und so wählte ich bewusst das „sofort“, nämlich Prora auf Rügen.

Foto: Prora auf Rügen - "Traumdienstort" eines Jeden

In der Republik war dieser Ort neben Eggesin ein berüchtigter und unbeliebter Standort. Ich dachte mir aber, dass für meine weitere Laufbahn schwierige Orte und große Truppenteile nur von Vorteil sein konnten. Und so war es denn auch letztendlich.

Nach zwei Jahren machte man mir schon wieder einen Vorschlag zum Wechsel. Ich sollte stellvertretender Kommandeur im Fallschirmjägerregiment werden. Damals war es noch ein Bataillon mit ziemlich großer Personalstärke und befand sich unmittelbar neben unserem Regiment auf der Insel. Die Anregung, mich in diese Funktion vorzuschlagen, kam sicher von meiner Sekretärin, deren Mann Kommandeur dieser Eliteeinheit war. Ich wusste, dass das Fallschirmjägerregiment eine ganz wüste, verwegene und komplizierte Truppe war. Ich war mir gegenüber selbstkritisch genug, um einzuschätzen, dass ich für diese Funktion noch viel zu jung und zu wenig durchsetzungsfähig war. Es mangelte mir zwar nicht wirklich an Selbstbewusstsein, aber hier war ich doch kritisch genug. Dazu kam, dass in dieser Einheit jeder alles können musste und so auch „springen“ für jeden Pflicht war. Das überstieg natürlich das Maß an Mut, das ich mir zutraute.

Während ich mir noch so meine Gedanken machte, kam von Seiten des Divisionsstabes aus Schwerin ein anderer Vorschlag. Man wollte nicht, dass das Kommando der Landstreitkräfte, in deren Unterstellung sich das Fallschirmjägerregiment befand, mich abwarb. Deshalb bot man mir für 1980 einen Studienplatz an einer Militärakademie an. Das war natürlich ein absoluter Höhepunkt für mich, eigentlich für jeden Offizier, der sich für fünfundzwanzig Jahre verpflichtet hatte. Es standen zwei Akademien zur Verfügung. Die Dresdner Militärakademie oder die Militärakademie in Leningrad. Na, da hatte ich es doch endlich wieder – das Ausland. Da wollte ich doch immer hin. Nun gut, nicht unbedingt in die Sowjetunion, aber der Anfang war gemacht. Ich bewarb mich also für ein Studium in Leningrad und wurde tatsächlich angenommen. Das Siebungsverfahren war intensiv. Die Maschen im Sieb sehr groß und viele fielen durch. Außer mir blieben noch vier weitere Genossen hängen und siehe da, alle aus meiner alten Kompanie aus der Zeit der Offiziershochschule.

Wir trafen uns im September 1980 auf dem Flugplatz in Berlin-Schönefeld und flogen nach Leningrad. Vier Jahre Studium. Eine Zeit der Extreme, aber letztlich eine wunderschöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Sie hat eigentlich aus mir das gemacht, was ich heute bin – ein Freund des russischen Landes, egal wie es denn hieß oder heißt, des russischen Menschen und der russischen Mentalität.

 

Datum der Publizierung: 07.04.2013

Der Weg in die Sowjetunion

Das Studium begann mit einem Schock für mich. Trotz intensivem Russischunterricht in der Schule, der Lehre und an der Offiziershochschule sprach ich kein Russisch. Natürlich sollten wir unsere Russischkenntnisse im Selbststudium aufpolieren, aber „das Fleisch war willig, der Geist aber schwach.“ Ich fand jeden Tag tausende Gründe mich nicht mit Russisch zu beschäftigen und wurde dabei auch noch von meinem Regimentskommandeur unterstützt: „Russisch kann´ste drüben lernen, hier und jetzt wird gedient“ – meinte er. Und da er die sowjetische Akademie schon hinter sich hatte, sah ich in seinen Worten den Ratschlag des Wissenden.  Und so wurde ich auch nicht zu dem Sonderkurs Russisch nach Naumburg geschickt. Meine vier Mitgenossen waren da anderer Ansicht gewesen, hatten diesen Kurs besucht und sprachen schon sehr gut Russisch. Pech – für mich. Ich nutzte die einmalige Chance mich mit meinem russischen Nichtwissen zu blamieren wo ich nur konnte. Ungefähr drei oder vier Monate habe ich mich gequält, hatte die Lacher nicht immer auf meiner Seite und dann irgendwann über Nacht machte es Klick und ich sprach Russisch. Wenn das mein Lehrer aus der Lehrausbildung wüsste! Und damit endete auch mein zeitweiliger Schockzustand, denn es war doch unangenehm zu sehen, dass alle anderen in meiner Studiengruppe schon wesentlich weiter waren als ich.

Foto: Studiengruppe 611

Nun wiederholte sich an der Akademie an sich das, was wir schon an der Offiziershochschule erlebt hatten. Die Studenten des Vorbereitungskurses, der ein Jahr dauerte, waren die absoluten Deppen. Wir waren schlechte Studenten, nutzten nicht richtig die Selbststudienzeit, hatten den Auftrag der Partei nicht richtig verstanden und hatten uns wegen unserer schlechten Noten in jeder Parteiversammlung zu verantworten. Im ersten Studienjahr war es nicht viel besser, aber es gab den Vorteil, dass es einen neuen Vorbereitungskurs gab. Dem konnten wir jetzt ebenfalls das vorwerfen, was uns vor einem Jahr vorgeworfen wurden war. So war eben das System. Die Jüngsten sind die Dümmsten und mussten kritisiert werden und die Ältesten waren nicht immer die Fleißigsten, nein, ganz im Gegenteil, aber sie waren studienerfahren und wussten, wie man Erfolge organisiert.

Foto: Militärakademie, Gebäude in der 1. Linie, Sesdowskaja

Eine weitere Aufgabe, welche wir jungen Hüpfer im  Vorbereitungskurs mit zu erfüllen hatten, war die Teilnahme am internationalen Chor. Wir hassten diese freiwilligen Pflichtveranstaltungen. Die gab es schon in der DDR und nun setzte sich dieser Kinderkram auch hier in Leningrad an der Militärakademie fort. Keiner hatte Lust im Chor zu singen. Aber die Akademie brauchte unbedingt ein internationales Kulturerlebnis und so wurden die Vorbereitungskurse in den Chor aufgenommen. Wir unternahmen alles, um möglichst nicht teilnehmen zu müssen. Es fing schon damit an, wie die beiden Chorleiterinnen unsere Stimmlage feststellen wollten. Wir sangen einmal hoch und einmal tief. Wir sangen falsch und taten alles, um den Damen die Lust an unserer Teilnahme zu nehmen. Aber die Beiden hatten wohl Erfahrung mit solchen Schlaumeiern wie uns und waren standhaft. Sie hielten das ganze Jahr über durch und zwangen uns mit ihrer russischen Liebenswürdigkeit förmlich zur Teilnahme. Natürlich konnte der Chor nie auftreten. Man hätte sich einfach nur blamiert. Und nach Ablauf unseres Vorbereitungsjahres hatte dann wohl auch die Politabteilung der Akademie begriffen, dass man keinen zur Kultur zwingen kann. Der Chorgesang wurde eingestellt.

 

Datum der Publizierung: 14.04.2013

Partisanen im Einsatz

Wir hatten jedoch auch im Vorbereitungskurs schon Erfolge, auch als sogenannte „Salaka“ was ins Deutsche übertragen so was wie „kleiner Fisch“ oder „Spritzer“ oder „Grüner Junge“ bedeutete. Allerdings hatten wir die Erfolge nicht auf dem Gebiet, auf dem die Partei und unsere älteren Studienkurse dies gerne gesehen hätten.

Foto: Salaka, kleiner Fisch, grüne Jungs, Hüpfer, Spritzer  ...

Uns wurde gesagt, dass wir nur zweimal im Jahr nach Hause dürften, zu einem Kurzurlaub und einem Jahresurlaub. Nach dem Schock der ersten Tage war uns dies zu wenig. Wieso Schock? Nun, wir hatten andere Vorstellungen von der Sowjetunion. Auf den Plakaten in er DDR stand: „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.“ Was wir sahen waren aber keine Siege, wir sahen viel Trauriges. Die Geschäfte waren leer, unser Wohnheim in einem schlimmen Zustand, das Verhältnis zwischen den Studienkursen nicht gut.

Wir wollten also so schnell wie nur möglich auf Kurzurlaub nach Hause. Als günstiges Datum bot sich hier der siebte November, der Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution an. Der Feiertag, verbunden mit dem Wochenende, war ideal. Nur, wir durften nicht ausreisen. Unsere Reisepässe wurden eingezogen und wir bekamen einen sowjetischen Personalausweis.  Aber ohne Reisepass keine Reise!

Nur wussten wir aus Erzählungen der älteren Kurse, dass es durchaus möglich war, auch außer der Reihe mal nach Hause zu fliegen. Es hing immer von der Laune der sowjetischen Vorgesetzten ab. Diesmal hatten sie eben schlechte Laune und wollten niemanden fliegen lassen. Die älteren Kurse waren natürlich auch stinksauer und somit mussten wir doppelt aufpassen, denn wenn die älteren Kurse nicht fliegen durften, durften wir natürlich erst recht nicht. Wir wussten auch, dass wir einen Rausschmiss von der Akademie riskierten. Doch wer nicht riskiert, trinkt auch keinen Champagner – so ein russisches Sprichwort.

Foto: Irina Konstantinowna - Russischlehrerin an der Akademie

Unter dem Vorwand Flugtickets für unseren Urlaub zum Jahreswechsel bestellen zu wollen, erbaten wir unsere Pässe kurzfristig. Wir hatten Glück, bekamen Flugtickets für den Tag reserviert, an dem wir illegal ausreisen wollten und gaben die Pässe wieder ab. Wir wurden ganz misstrauisch von allen Seiten beobachtet. Irgendwie ahnten alle, dass wir etwas vorhatten. Jetzt mussten wir nur noch mit unserer Russischlehrerin sprechen, damit der Studienplan für den Tag geändert wurde.

Wir weihten Irina, unsere „Dicke“, in unseren Plan ein und sie schlug vor, an diesem Tag eine Exkursion zum Thema „Lenin in Leningrad“ zu machen. Neben „Puschkin“ war dies ihr zweites Lieblingsthema. Wir willigten ein. Das Thema der Exkursion war uns völlig wurscht, Hauptsache wir konnten fliegen. Da wir nun zu einer Exkursion wollten, wären wir damit ab zehn Uhr aus der Akademie offiziell abgemeldet und konnten in aller Ruhe zum Flugplatz fahren und gegen vierzehn Uhr abfliegen.

Unter dem Vorwand nochmal einige Dinge mit unseren Flugtickets zum Jahresende klären zu müssen, erhielten wir unsere Pässe vom Fakultätschef. Der deutsche Kursälteste, ein aus dem ältesten Kurs ernannter Offizier, sagte gleich, dass er unsere Pässe am nächsten Morgen wieder haben wollte. Alle rochen den Braten und sahen auch, dass diese jungen Hüpfer es wirklich wagen wollten, ohne Erlaubnis in die Heimat zu fliegen. Da kam Neid auf und die älteren Kurse begannen jetzt, uns zu überwachen. Am nächsten Tag verspäteten wir uns zum Bus und der Kursälteste hatte keine Chance unsere Pässe einzufordern. Unser Vorteil war natürlich, dass die anderen nicht wussten, wann wir genau fliegen wollten, ob heute oder morgen und so erhofften wir uns den nötigen Vorsprung.

Foto: Lenin vor dem Finnski Bahnhof in Leningrad

Irina, eine reife, gestandene Lehrerin von damals ungefähr fünfzig Jahren, welche als Kind die neunhundert Tage währende deutsche Blockade von Leningrad überlebt hatte, machte mit uns die vereinbarte Exkursion zum Thema „Lenin in Leningrad.“ Man macht sich kein Bild, an wie vielen Stätten Lenin in Leningrad war. Und überall wurde ein Museum eingerichtet, zumindest aber eine Büste aufgestellt oder eine Gedenkplatte angebracht. Wir lästerten darüber, dass, wenn alle Lenin-Museums-Wohnungen dem Wohnungsmarkt zur Verfügung gestellt würden, es keine Wohnungssuchenden in Leningrad mehr geben würde. Wir lästerten aber leise und gaben Irina die Möglichkeit unsere Lästereien zu überhören. Irina ließ sich in ihrer Begeisterung einfach nicht bremsen. Nun wurden wir langsam ungeduldig, denn wir mussten zum Flugplatz, wenn wir denn den Flieger noch erreichen wollten. Fast unhöflich mussten wir uns von Irina trennen. Wir versprachen ihr ein kleines Geschenk aus der DDR mitzubringen und rasten mit dem Taxi zum Flugplatz. Im Stillen befürchteten wir, dass uns dort der Kursälteste schon erwarten würde und als einer von uns das auch noch laut aussprach, mussten wir natürlich beraten, wie wir uns in dem Falle verhalten sollten. Wir kamen zu der Einsicht, dass wir Gehorsam zeigen und reuevoll zurückkehren müssten. Die Dann kam uns der kluge Einfall, erst einmal einen von uns als Aufklärer vorwegzuschicken und zu sehen, ob wir am Flugplatz erwartet würden. Der Gedanke war gut, aber unsere Befürchtung zum Glück unbegründet. Eine Stunde später saßen wir überglücklich im Flieger. Wir vereinbarten in der Heimat Disziplin zu wahren. Keiner sollte erkranken oder sonst wie tricksen, um noch ein paar Tage länger dort zu bleiben.

Foto: Wurst Doktorskaja oder Universalnaja

Wir waren sehr enttäuscht über die Versorgungslage in Leningrad. Wir hatten keine leeren Lebensmittelgeschäfte erwartet. Mit ein bisschen Glück gab es Wurst „Doktorskaja“ oder „Universalnaja“. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Wurstsorten war der Preis und der Wassergehalt. Dann gab es noch Eier und „Bratskaja Magila“, übersetzt „Massengrab“ oder zu gut Deutsch Fischkonserven. Butter war reine Glückssache. Kaffee war ein Fremdwort. Es gab grüne Kaffeebohnen. Wir machten einmal den Versuch, diese im Backofen zu rösten. Der Versuche missglückte gründlich. Kurz und gut, wir machten eine Bedarfsliste und jeder bekam die Aufgabe, einen Teil der Liste einzukaufen. Die Vorräte sollten dann bis zum nächsten Urlaub reichen.

Wir trafen uns alle pünktlich in Berlin-Schönefeld auf dem Airport. Ich hatte im Ministerium in Strausberg übernachtet. Mein ehemaliger Chef aus der Division hatte mich eingeladen. Irgendwie hatte ich ihm seine Einflussnahme auf mein Schicksal in Goldberg und Karow verziehen und er war großzügig genug, meine Verzeihung anzunehmen. Wir konnten letztendlich dienstlich gut miteinander. Während ich zur Akademie ging, wurde er Stellvertretender Chef einer Hauptabteilung im Verteidigungsministerium. Er war auch Absolvent der Leningrader Militärakademie. Und nun lud er mich zu sich und seiner Familie ein. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich dann so richtig einen „abgebissen.“ Mit Müh und Not kam ich am nächsten Morgen aus dem Bett und in letzter Minute zum Flugplatz.

Nun saßen wir alle wieder im Flieger. Ich saß nicht, ich hing mehr im Sessel. Mensch, war mir schlecht. Ich konnte die Landung kaum abwarten. Die anderen konnten die Landung auch nicht abwarten, aber nicht deshalb, weil denen auch schlecht war, sondern vielmehr harrten sie der Dinge, die jetzt unweigerlich passieren mussten. Der Kursälteste stand am Flugplatz mit einer stinksauren Miene. Er kassierte sofort unsere Reisepässe und meinte, dass das ein riesiges Nachspiel haben würde. Wir sollten uns am nächsten Tag sofort beim Chef der Fakultät melden. Das beeindruckte uns natürlich mächtig und wir hatten einige unruhige Stunden, auch deshalb, weil sich nicht ein einziger anderer Deutscher bei uns blicken ließ. Für uns ein Zeichen, dass Schlimmes bevorstand. Der Chef der Fakultät war Herrscher über „Leben und Tod.“ Normalsterbliche bekamen ihn eigentlich nie zu Gesicht. Und nun standen wir wie aufgefädelt in seinem Vorzimmer und warteten. Der General kaum raus, steinernes Gesicht, musterte jeden Einzelnen von uns mit undurchdringlicher Miene und sagte: „Partisanen, verdammte. Aber noch mal legt ihr mich nicht aufs Kreuz.“ Drehte sich um und ging wieder in sein Dienstzimmer. Wir standen da, sahen uns alle verdattert an und wussten nicht weiter. War das alles? „Ja, klar“, sagte uns seine Sekretärin, „und nun haut ab und freut euch, dass der General für solche Streiche empfänglich ist.“

 

Datum der Publizierung: 21.04.2013

Die erste eigene Wohnung

Klein, aber mein – meine erste Wohnung in Magdeburg. Während des „illegalen“ Urlaubs in der DDR konnte ich sie „okkupieren.  Die Wohnungssituation in der DDR war immer angespannt. Das Wohnungsproblem wollte die Partei in Kürze lösen – so war es in den Dokumenten und Zeitungen zu lesen und in der „Aktuellen Kamera“ wurde es auch ständig verkündet. Nur bis dahin brauchte man eben ein wenig Geduld. Ich hatte aber weder Geduld, noch hatte ich irgendeine Gelegenheit mein müdes Haupt zu betten, wenn ich mal in der DDR war, um mich vom stressigen Studium zu erholen.

Entgegen aller späteren Gerüchte wurden Armeeangehörige auch nicht mit Wohnungen überschüttet. Wer verheiratet war und Kinder hatte – ja, der hatte gute Karten, alle anderen mussten auf die Wohnung eben warten. Ich lebte bisher in verschiedensten Wohnheimen der Armee – allerdings gehörte ich zu den Privilegierten – d.h. entweder hatte ich ein Einzelzimmer oder ein Zimmer zu zweit. Andere Offiziere erhielten die Möglichkeit in etwas größeren Wohnkollektiven ihre Freizeit zu verbringen. Wenn wir die Situation heute so betrachten, also diese modernen, finanzsparenden Wohngemeinschaften – da waren wir damals in der DDR auch schon modern – nicht wahr?

Nun war die Situation mit Beginn meines Studiums etwas kompliziert geworden. Mein Regiment wurde von Prora nach Hagenow verlegt. Somit hatte ich noch nicht mal ein Zimmer im Ledigenwohnheim, wenn ich auf Urlaub kam. Das Regiment war auch nicht bereit, mir am neuen Standort einen Wohnheimplatz zu geben. Ich war abgemeldet und für mich war das Wehrbezirkskommando in Magdeburg ab sofort zuständig. An die wandte ich mich mit der Bitte um eine Wohnung oder zumindest ein Zimmer oder doch wenigstens ein Bett. Aber auch für das Wehrbezirkskommando war ich ein „Fremdkörper“, ein „Lästigkeitsfaktor“. Irgendwie kann man Verständnis dafür haben, aber andererseits musste ich irgendwo wohnen. Natürlich hätten mich meine Eltern in ihre kleine Zweizimmerwohnung aufnehmen können. Aber ich war nun vierundzwanzig Jahre alt und wollte langsam mein eigenes Leben leben.

Meine Überzeugungskraft war sehr schwach ausgeprägt, Argumentationsfähigkeit wenig entwickelt, Durchsetzungsvermögen steckte noch in den Kinderschuhen – kurz, die Verantwortlichen in Magdeburg gaben mir die Chance, mich schriftlich beim Genossen Honecker auszuheulen und ihm meine Sorgen und Nöte mitzuteilen. Genosse Honecker – verantwortlich für das ganze Volk, fühlte sich auch für mich, als Teil seines Volkes, verantwortlich und erhörte meine Bitte. Und nicht nur das. Er erfüllte sie auch noch und ich bekam noch vor meiner Abreise nach Leningrad eine Wohnung. Da Partei- und Staatsführung sehr für den Dialog mit dem Volk und durch das Volk waren, bekam ich nicht nur die Wohnung sondern auch die Chance noch kurz mit dem Wehrkreiskommando zu dialogisieren.  Im gemeinsamen Gedankenaustausch mit mir zeigten die Verantwortlichen fast alle Varianten menschlichen Dialogverständnisses, allerdings ließen sie die Variante „höflich“ aus. Nun, ich hatte Verständnis, die Zeit war knapp.

Es war wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag. Die Wohnung war herrlich und für mich mehr als ausreichend. Ich stresste mich vor der Abreise noch ein wenig, denn Möbel zu kaufen war auch eine Sache, die in der DDR ohne besondere Qualifikation nicht so einfach möglich war. Aber es klappte alles und meine Eltern konnten sich über Langeweile in den nächsten Tagen und Wochen nicht beklagen. Vater fing an die Wohnung zu tapezieren und Mutter sorgte für die Reinigung und alle sonstigen Dinge. Als ich dann nach Hause kam, war alles tipp topp eingerichtet.

Ich wusste, dass ich mich auf meine Eltern verlassen konnte. Und so kümmerte ich mich in Leningrad um ein kleines Geschenk für meine Mutter. Für meinen Vater musste ein männliches Schulterklopfen und „toll, danke Papa“ ausreichen. Für Mutter´n fand ich eine Uhr, die an einer Kette getragen wurde und durch einen geschliffenen roten Stein verschlossen wurde. Ich opferte dafür zwar nicht mein letztes Hemd, aber zumindest mein erstes Leningrad-Gehalt, welches wir im Oktober erhielten.

Kurz vor unserem illegalen Abflug entdeckte ich in der Bedienungsanleitung, dass die Uhr einen Goldanteil hatte. Der Goldanteil war zwar irgendeine Stelle nach dem Komma, aber für Zöllner war das sicher auch wichtig. Ich quälte mich einige Tage, wie ich denn dieses Gold außer Landes schmuggeln könnte. Erst auf der Toilette am Flugplatz fand ich ein Versteck. Ich meinte, in meinem Socken wäre die Uhr richtig aufgehoben. Also, ich ging davon aus, dass Zöllner dumm sind. Aber, es gibt nirgendwo auf der Welt dumme Zöllner. Wenn man etwas finden will, dann findet man es. Und wenn man etwas nicht sehen will, dann sieht man es eben nicht. Und bei uns wollte man nichts sehen. Wir waren Offiziere aus einem befreundeten Land und wurden in der Regel immer sehr loyal behandelt. Und so konnte ich dann meiner Mutter die Freude machen. Übrigens hat sie die Uhr heute noch. Immerhin, trotz bekannter sowjetischer Qualitätsprobleme, funktionierte sie seit 1980 – welche Westuhr hält so lange durch?

 

Datum der Publizierung: 28.04.2013

Durch Hunger und Durst – unsere Verpflegungsgemeinschaft

Natürlich haben wir nicht gehungert und durstig war auch niemand bei uns. Nur die Versorgungslage war eben extrem anders als in der DDR. Deshalb versuchten wir die Defizite durch Mitbringsel aus der DDR auszugleichen. Am ersten Tag nach unserer Rückkehr saßen wir zusammen und ordneten unser Verpflegungslager. Es wurde ein Verpflegungslager angelegt und ein „Speiseplan“ erstellt – Ordnung muss eben sein. So rechneten wir aus, wie viele Tassen Kaffee wir aus einem Paket machen konnten, multiplizierten dies mit der Anzahl der mitgebrachten Pakete und kamen zu dem Schluss, dass wir morgens eine Tasse trinken konnten und am Nachmittag eine Tasse. Sonntags konnten wir uns noch eine weitere Tasse zum sogenannten zweiten Frühstück leisten. Ähnlich verfuhren wir mit der Wurst, dem Käse und der Butter sowie den Fischkonserven. Nachdem die Aufteilung abgeschlossen war und die Vorräte in unserem Verpflegungslager verstaut waren, beschäftigte sich jeder mit seinen eigenen Angelegenheiten.

Foto: Manche sagen "Kaffeepott" manche auch "Kameradenbetrüger"

 

Am nächsten Morgen staunten wir nicht schlecht. Jeder stellte sein Frühstücksgeschirr auf den Tisch und Norbert zeigte uns seine „Besorgung“ vom gestrigen Tag. Anstelle seiner alten Kaffeetasse stellte er einen Kaffeepott auf den Tisch. Er war allerdings etwas grösser als die, die wir jetzt als Kaffeepott bezeichnen. Ungeniert füllte er sich den Pott voll. Sein Kommentar: „Wir hatten vereinbart, dass wir jeden Tag zwei Tassen trinken. Über die Größe der Tasse wurde nicht gesprochen.“ Der Jurist würde jetzt sagen: „Da hat er Recht.“ Wir waren aber sauer und regelten das Thema natürlich auf der Stelle. Eine Verpflegungsgemeinschaft kann nur auf der Basis von Gerechtigkeit funktionieren. Mit wachsendem Unmut beobachteten wir auch, wie er es sich schmecken ließ, ohne auf die von uns aufgestellten „Versorgungsnormen“ Rücksicht zu nehmen. Während wir mit superscharfem Messer die Wurst- und Käsescheiben so dünn schnitten, dass man durch diese Scheiben getrost Zeitung lesen konnte, kappte er mit seinem Fleischermesser richtig schöne dicke Kanten ab. Er kann keine dünnen Scheiben schneiden, meinte er und unser Angebot, dass wir für ihn Scheiben abschneiden würden, lehnte er ab. Wir machten dann eine Kollektivberatung zu diesem Thema, denn so konnte es nicht weitergehen. Wir kamen erst einmal zu dem Schluss, dass er mehr Geld in die Verpflegungskasse einzahlen sollte.

 

Foto: Wohnheim in der uliza M. Toresa Haus 32

 

Wir erhielten einen Sold von 146 Rubel, umgerechnet ungefähr 450 Ostmark, was damals sehr viel Geld war und davon zahlten wir fünfundzwanzig Rubel in die allgemeine Verpflegungskasse ein, um damit Einkäufe in den Lebensmittelgeschäften in Leningrad zu finanzieren. Er sollte ab sofort fünfzig Rubel einzahlen oder sich beim Essen aufführen wie wir alle. Er lehnte sowohl das eine wie auch das andere ab und so schlossen wir ihn aus unserer Verpflegungsgemeinschaft aus. Er bekam anteilig Vorräte aus unserem Verpflegungslager und damit dachten wir, dass das Thema erledigt wäre. Nein, das Thema war erst erledigt, als wir ein wirklich gutes Sicherheitsschloss an unserem Verpflegungsschrank angebracht hatten, denn er bediente sich in unserer Abwesenheit weiter ungeniert aus unseren Vorräten.

 

Datum der Publizierung: 05.05.2013

Ein Standard-Sonntag in Leningrad

Der Sonntag in Leningrad lief fast immer nach demselben Ritual ab, zumindest im ersten Jahr, als die Familien unserer Verheirateten noch in der DDR lebten. Wir schliefen am Sonntag erst einmal aus und dann gab es das gemeinsame kollektivfestigende Frühstück.

Einer von uns musste so gegen neun Uhr los und sich bei der Flaschenannahme anstellen. Für alle Flaschen und Gläser wurde Pfand in Leningrad genommen. Im Durchschnitt gab es zehn Kopeken je Flasche oder Glas und im Verlaufe der Woche kamen doch so allerhand Flaschen zusammen. Also, der Erste stellte sich um neun Uhr an der Flaschenannahme an. Die Flaschenannahme machte um zehn Uhr auf und er war nicht der Erste in der Schlange. Um zehn Uhr ging der Nächste los und zwar mit einem leeren Zehn-Liter-Kanister. Er löste den Mann in der Schlange ab und übergab den Kanister. Der ging nun mit dem Kanister zum nächsten Bierkiosk und kaufte zehn Liter Piwo. Das war so eine Art Bier. Man konnte wählen zwischen zwei Sorten: „Admiraltestwo“ oder  „Shigulewskoje.“

Foto: Etikett der "Bier"-Sorte Admiraltestwo im Jahre 1980

Die erste Sorte schmeckte nicht und die zweite Sorte schmeckte überhaupt nicht. Aber wir hatten damals noch keine "Beziehungen" zu Importbier und so mussten wir mit Piwo zurechtkommen. Also, es wurden zehn Liter Piwo gekauft und im Kühlschrank kaltgestellt. Es war dann so halb elf und es wurde Zeit, dass wir den Koffer oder die Koffer mit den leeren Flaschen packten und mit dem Taxi – vornehm geht die Welt zugrunde – vor der Flaschenannahme vorfuhren. Es fand gegen elf Uhr die zweite Wachablösung statt und gegen halb zwölf waren wir unsere Flaschen los und hatten in der Regel zwischen zehn bis fünfzehn Rubel eingenommen. Das Taxi war nicht allzu teuer, das wurde von der Summe abgesetzt. Dann ging es in den nächsten Wodkaladen, wo wir für 4,25 Rubel eine Flasche Pshenitshnaja-Wodka holten. Piwo ohne Wodka war rausgeschmissenes Geld. Der Rest des Geldes kam in die allgemeine Verpflegungskasse.

So versammelten wir uns gegen zwölf Uhr alle wieder im Wohnheim. Die anderen Genossen, die nicht an dieser Aktion beteiligt waren, hatten in der Zwischenzeit den Waschtag organisiert. Unsere Wäsche war durch jeden einzelnen gekennzeichnet, so dass wir nichts verwechseln konnten und so warfen wir alles zusammen und einer von uns war dann immer für das Wäschewaschen verantwortlich.

Foto: So oder so ähnlich haben wir Wäsche und Suppe gekocht

Wir hatten uns einen Riesentopf gekauft, der über allen vier Gasflammen unseres Gasherdes stand und kochten unsere Wäsche sauber. Liebe Leserinnen! Können Sie sich vorstellen, 35 Garnituren Unterwäsche in einem Kochtopf? Das schaffen sie heute noch nicht mal mit einer Waschmaschine. Der zweite Waschgang waren dann die Socken. Leider passierte es auch manchmal, dass man beim Sortieren einen Socken übersah und der mit in der Unterwäsche landete. Tja, Pech gehabt – bis die Wäsche dann wieder weiß wurde dauerte es eben ein paar Kochrunden. Unsere Armeeblusen und zivilen Hemden wuschen wir in Handarbeit in der Badewanne, ebenfalls nach festgelegtem Zeitplan. Aufgehängt wurde alles im Bad, der Küche und dem Korridor. Der Gasherd wurde auf „volle Pulle“ gedreht, damit die Wäsche schnell trocknete.

Ab zwölf Uhr saßen wir zusammen und tranken unser Bier und unseren Wodka und nebenbei, der Herd war wieder frei von unserer Wäsche, wurde das Mittagessen gekocht und gleichzeitig die Wäsche getrocknet. Wir waren alle aus dem Logistikbereich, so dass immer einer irgendwas besonders gut konnte. Drei von uns konnten gut kochen, einer konnte gut essen und ich konnte gut abwaschen.

Um 15 Uhr war der erste Teil des Sonntags geschafft. Wir machten ein Nickerchen und dann gab es die vereinbarte dritte Tasse Kaffee. Danach flogen wir  alle aus. Jeder machte das, was er individuell für sich geplant hatte. 

Ich hatte mir eine Karte von Leningrad gekauft. Mein Ziel war es, im Verlaufe der vier Jahre Studium alle Straßen von Leningrad zu Fuß abzulaufen. Das ist mir natürlich nicht ganz gelungen, aber die Karte, die ich heute noch aufbewahre zeigt, dass ich doch recht erfolgreich gewandert bin. Ich war der Einzige von uns Deutschen, der so eine Wanderlust zeigte. Ich kannte Leningrad nach Ablauf der vier Jahre Studium in- und auswendig. Insbesondere waren mir so kleine Geheimtipps bekannt, wo man gut Einkäufe erledigen konnte.

Es war nicht alles Defizit in der Sowjetunion. Was die Konsumgüter anbelangte, war die Versorgungslage in Leningrad um ein Vielfaches besser als in der DDR. Wir kauften Unmengen von Gläsern, Besteckkästen, Tonbandkassetten, Schallplatten, Spulentonbändern, Schallplattenspielern, Geschirr, Tischlampen und weiß der Teufel was nicht noch alles und schleppten es in die DDR. In der ersten Zeit als Eigenbedarf und dann aber auch für Verwandte und Bekannte, die uns wiederum mit Defizitsachen, die es in der DDR als Bückware gab, versorgten.

Damals prägte sich der Spruch:

„Ein Kommunist ohne Beziehungen ist dasselbe
Wie ein Kapitalist ohne Geld“

Und der Spruch stimmt heute noch. Ich hatte es geschafft, mir einige Beziehungen zu schaffen. Eifersüchtig wachten wir darüber, dass niemand vom anderen die Quellen erfuhr. Das war eigentlich keine schöne Eigenschaft von Genossen, denn wir sollten laut Parteistatut zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen. Aber es hat eben alles so seine Grenzen, auch im Sozialismus, insbesondere dort, wo der materielle und finanzielle Teil des Lebens beginnt.

 

Datum der Publizierung: 12.05.2013

Spekulanten oder Geschäftsleute – Geldverdienen im Sozialismus

Meine Beziehungen fingen in der dritten Etage des Hotels „Sputnik“ an. Das war ein internationales Hotel, das sich gleich neben unserem Wohnheim befand.

 

Foto: Hotel Sputnik in Leningrad 1980 - Prospekt Toresa

In der dritten und fünften Etage befanden sich zwei kleine Bar – ich fühlte mich aus irgendwelchen Gründen in der dritten Etage wohler. Meine Kontakte zu den Bardamen – alles hochanständige Frauen – entwickelten sich gut. In den ersten Monaten konnte ich kaum Russisch und die Bardamen halfen mir mit viel Verständnis. Ich glaube, dass gerade der alltägliche Umgang mit Einheimischen der Grundstein des Erfolges ist um eine Sprache zu lernen. Das praktische Leben bringt es.

Foto: Ausweis für den Zugang zum Hotel. Ohne diesen
Ausweis keine Chance auch nur in die Nähe der Eingangstür
zu kommen

 

Es fiel auch ab und zu ein Cognac ab (ein sowjetischer Cognac natürlich) und eine Pepsi-Cola, die damals in Lizenz in der Sowjetunion hergestellt wurde und überall zu kaufen war. Ich war auch ein Liebhaber von Trubotshkies, einem Gebäck in Form einer Röhre mit Cremefüllung. Konnte ich mir natürlich nicht jeden Tag leisten, aber nachdem ich die guten Beziehungen hergestellt hatte, bekam ich vieles kostenlos. Da ließ es sich leben. Über diese Damen bekam ich dann Kontakt in die Restaurantbar. Dort verwaltete man Importbier aus der DDR und der Tschechoslowakei. Ich bekam das Bier zum Selbstkostenpreis von einem Rubel pro Flasche. Natürlich immer noch sündhaft teuer, aber wir hatten alle schon nach wenigen Wochen mitbekommen, wie man sich noch zusätzlich Geld verdienen konnte. Das widersprach zwar sämtlichen Parteiprinzipien und war zutiefst zu verachten. Wir verachteten uns auch selber, aber nicht sehr lange. Zeitweilig verwandelten wir uns so von Kommunisten in Spekulanten. Wenn Sie nicht wissen was man im sowjetischen Kommunismus unter Spekulant versteht, so kann ich Ihnen das deutsche Wort dazu sagen. Heute heißen die Spekulanten Geschäftsleute, bzw. auf Russisch „Bisnesmen“. Wer also irgendwo eine Ware einkauft und mit einem Aufschlag weiter verkauft war ein Spekulant. Das Recht Geld zu verdienen war im Kommunismus eben dem Staat vorbehalten.

Worin bestand nun unser zusätzlicher Gelderwerb? In der DDR gab es Jeans, DDR-Jeans der Marke „Wisent“. In Leningrad gab es keine Jeans. Also kauften wir Jeans in der DDR zu 129 Ostmark und verkauften diese für 100 Rubel in Leningrad. Der Kurs war ein Rubel zu 3,20 Ostmark und so wurden aus 129 Ostmark über Nacht 320 Ostmark. Nun funktionierte das Geschäft natürlich auch umgekehrt. In Leningrad gab es Ölradiatoren, also Heizgeräte. Die gab es in der DDR nicht. In der DDR kostete ein Ölradiator eine Ostmark für ein Watt. Ein Ölradiator kostete in Leningrad 100 Rubel und hatte tausend Watt. Also mal kurz zusammengefasst: Eine Jeans kostete 129 Ostmark und brachte 100 Rubel. Für die 100 Rubel wurde ein Ölradiator mit 1000 Watt gekauft und für 1000 Ostmark verkauft. So wurde also über Nacht aus 129 Ostmark 1000 Ostmark. Das sind ungefähr 800 Prozent Gewinn. So, und nun erinnern wir uns mal schnell, was Karl Marx über das Thema Profit gesagt hatte:

Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn.
Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden;
20 Prozent, es wird lebhaft;
50 Prozent, positiv waghalsig;
für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuss;
300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.

Wir haben aber 800 Prozent verdient und hatten ein sehr geringes Risiko und brauchten auch nicht den Galgen zu fürchten.

Wir waren also schon im Jahre 1981 gute Kommunisten (wegen der Beziehungen) und gar nicht mal so schlechte Kapitalisten (wegen dem verdienten Geld). Es ist selbstredend, dass sich das Geschäft letztendlich nicht nur auf die Jeans beschränkte. Die Kontrollen an den Grenzen waren zwar uns gegenüber loyal. Immerhin waren wir Offiziere aus einer befreundeten Armee und wenn man dem Zöllner am Flughafen immer mal was zugesteckt hatte, so konnte man auch Wurst und andere Lebensmittel ohne Hygienezeugnis einführen, ganz zu schweigen von den Jeans. Diese Erfahrungen halfen mir dann auch etwas später, als die Wende mich im Jahre 1990 voll erwischte und ich bei „Null“ wieder anfangen musste.

 

Datum der Publizierung: 19.05.2013

Erste Erfahrungen mit der sowjetischen Bürokratie

Stressig wurde es, wenn man eine nette Einladung vom Hauptpostamt bekam – zur „Klärung einer Angelegenheit.“ Da konnte man sich immer schon mal warm anziehen. Wenn ich mich heute mit einigen Kaliningradern unterhalte, die mit dem Kaliningrader Hauptpostamt „Angelegenheiten“ zu klären haben – tja, es hat sich nichts verändert – manche Traditionen werden, trotz aller Veränderungen in Russland – bis heute sorgsam gepflegt. Aber auch die ganz normalen Postämter in Kaliningrad erfordern heute noch Nerven und Zeit. Aber gut, wenn man die „Besonderheiten“ kennt, kann man sich einrichten und wenn ich einen Gang zum Kaliningrader Postamt in der Gorkistraße mache, dann plane ich an diesem Tag nichts weiteres und freue mich, wenn es denn doch etwas schneller ging als ich dachte – und so schaffe ich mir meine täglichen Erfolgserlebnisse.

Foto: Hauptpost in St. Petersburg - leider kein Foto aus Leningrader Zeiten

Aber zurück zu Leningrader Zeiten.

Mein erstes Erlebnis hatte ich schon im November 1980. Als wir im September nach Leningrad flogen, war in meinem Koffer  absolut kein Platz mehr für Armeewinterbekleidung und so fasste ich den wahnsinnigen Beschluss, Wintermantel, Wintermütze und Schal mit einem Paket nach Leningrad zu senden. Ich wusste nicht, dass es nicht gestattet war, einfach so mal ein Paket in die Sowjetunion zu schicken. Dazu brauchte man eine Lizenz oder musste erhebliche Zölle bezahlen. Das Paket war sehr lange unterwegs und ich hatte schon die Befürchtung, dass ich ohne Winterklamotten auskommen müsste. Die etwas kältere Jahreszeit beginnt in Leningrad schon Ende Oktober, Anfang November. Aber zum Glück bekam ich Ende Oktober die Aufforderung, im Hauptpostamt zwecks „Prüfung eines Umstandes“ zu erscheinen.

Foto: Hauptgebäude der Militärakademie - ebenfalls (leider) eine moderne Fotografie aus St. Petersburg

Natürlich erschien ich dort in Uniform um Eindruck zu erwecken, da mich Genossen aus älteren Studienkursen schon auf die zu erwartenden Schwierigkeiten vorbereitet hatten. Das Schlimme war, dass ich dort überhaupt keinen Eindruck machte. Inquisitorisch wurde ich befragt, ob ich das Paket abgesandt hatte oder hatte absenden lassen. Ich bestätigte dies und erklärte auch meine Beweggründe und bat sehr höflich, mir das Paket auszuhändigen, da die Temperaturen schon die Wintersachen erforderten. Gnadenlos fragte man weiter, wieso ich mir eine Uniform schicken lasse und was das für eine Uniform sei. Ich fragte nun schon etwas ungehalten, ob sie die Uniformen der Armee der DDR nicht kennen. „Nein, kennen wir nicht“, war die Antwort. „Na dann schauen sie doch mich an. Ich bin Offizier der NVA.“ Na, das war ein Trumpf – dachte ich. Rückfrage: „Können Sie das beweisen?“ Ich war platt – vermutlich kannten die sowjetischen Zöllner den „Hauptmann von Köpenick“ und vermuteten in mir ein Double. Ich zeigte ihnen meinen sowjetischen Personalausweis, der aber auch keinen Eindruck hinterließ. Man wollte von mir eine Bescheinigung der Militärakademie. Ich zog also los und erbat in der Akademie eine Bescheinigung. Die war aber auch nicht so einfach zu bekommen. Ich musste einige Stellen ablaufen, um den Fall zu schildern. Nach einigen Tagen hatte ich dann die Bescheinigung, dass ich Angehöriger der Nationalen Volksarmee war und an der Militärakademie studiere.

Nun war ich doch wirklich felsenfest überzeugt, dass ich mein Paket bekäme. Das war ein Irrtum. Ich war eben noch jung und unerfahren in der sowjetischen Bürokratie. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich schon damals völlig unfähig war Beamte zu „motivieren“ sich meines Problems loyaler anzunehmen. Zumindest zeigte ich in diesem Fall keinerlei Flexibilität.  

Ich zeigte also die Bescheinigung und forderte mein Paket. „Gut, ich sehe, dass sie Offizier der NVA sind und hier studieren. Dies ist aber keine Grundlage für die Auslieferung des Paketes. Wozu brauchen Sie die Uniformen?“ Na, nun konnte ich schlagfertig antworten und meinem Kontrahenten die letzten Argumente nehmen: „Na, weil mir kalt ist.“ „Na und, unseren sowjetischen Offizieren ist auch kalt und die ziehen dann auch Winteruniformen an. Gehen Sie in ein Bekleidungslager und lassen sich eine sowjetische Uniform geben.“ Ich war platt und sprachlos. Nun wusste ich absolut nicht mehr weiter. Triumphierend sagte der Beamte, dass er Mitleid mit mir hätte und mich auch im Wesentlichen verstehe. Ich sollte noch eine weitere Bescheinigung der Akademie vorbeibringen, worin geschrieben steht, dass mir kalt ist und ich die Uniform deshalb benötige und dann bekäme ich das Paket.

Ich übertreibe nicht – diese Forderung stand wirklich – meine Unflexibilität musste eben bestraft werden. Ich zog wieder ab und ging denselben Weg in der Akademie nochmals. Die halbe Akademie lachte schon schadenfroh. Nun muss man sich auch mal vorstellen, dass ein sowjetischer General einem deutschen Oberleutnant eine Bescheinigung ausstellen muss, dass dem kalt ist und er deswegen eine Winteruniform braucht. Ich erhielt das Paket letztendlich und brauchte auch nur wenige Kopeken Bearbeitungsgebühr zu bezahlen.

Ähnlich erging es mir zum Weihnachtsfest. Wir fuhren Weihnachten natürlich nicht nach Hause. Der Urlaub wurde kurzerhand als Halbjahresurlaub umdeklariert und wir fuhren erst im Februar. Deshalb wollten wir eine Weihnachtsfeier organisieren mit einem richtigen Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann brauchte einen Mantel und ich bat in meinem alten Regiment, dass man aus rotem Fahnenstoff einen Weihnachtsmannmantel in der Bekleidungswerkstatt nähen ließ und dann nach Leningrad schickt.

Foto: Auch hier keine Originalaufnahme.

Meine ehemaligen Genossen reagierten schnell und – richtig, ich wurde zur Hauptpost „zur Klärung eines Umstandes“ bestellt. Wieder dieselben Fragen. Wieder der Vorwurf, dass ich mir illegal Pakete senden lasse ohne Lizenz. Wenn ich den Morgenmantel haben möchte, müsse ich Zoll bezahlen. Ich war irritiert. Was für einen Morgenmantel? Man zeigte mir den Weihnachtsmannmantel und behauptete es sei ein Damenmorgenmantel. Nun war es selbst für einen Blinden ersichtlich, dass es ein sehr einfach zusammengenähter Weihnachtsmannmantel aus Fahnenstoff war, aber der Mitarbeiter der Hauptpost war nicht nur blind, sondern auch taub. Er hörte meine Erklärungen nicht. Ich stand also vor der Wahl den Strafzoll von 20 Rubel zu berappen, oder auf den Morgenmantel für den Weihnachtsmann zu verzichten. Im Interesse der Kinder, die auf den versprochenen Weihnachtsmann warteten, opferte ich die 20 Rubel, versuchte wegen meiner Inflexibilität auch nicht den Preis individuell mit dem Beamten zu „besprechen“ und bekam das Paket. 

 

Datum der Publizierung: 26.05.2013

Die Organisation des Studiums

Das System des Spickens war auch damals schon bestens bekannt und verbreitet. Natürlich fehlten Mobiltelefon und sonstige „Knöpfe im Ohr“, aber trotzdem beherrschten die sowjetischen Offiziere das System der „Optimierung der Prüfungsvorbereitung“ in der Akademie bis zur Perfektion.

In der Regel waren die Prüfungsfragen rechtzeitig bekannt. Die Frauen der sowjetischen Offiziershörer arbeiteten oft als Sekretärinnen an den einzelnen Lehrstühlen und mussten die Prüfungsfragen tippen. Da wurde immer ein Durchschlag mehr gemacht und dann wurde getauscht. Examensfragen „Taktik“ gegen Examensfragen „Philosophie“, Examensfragen „Massenvernichtungswaffen“ gegen Prüfungsbillets „Politische Ökonomie“ und so weiter.

Jetzt verstanden wir natürlich auch die Genossen der älteren Studienkurse wesentlich besser, wenn sie uns in den Parteiversammlungen kritisierten, in dem sie meinten, wir hätten noch nicht verstanden das Studium zu organisieren, die Selbststudienzeit effektiv zu nutzen, uns zielgerichtet auf Prüfungen vorzubereiten. Nun, wir sammelten Erfahrungen und unsere Studienrichtung war die Logistik. Spätestens im zweiten Studienjahr hatten wir verstanden das Studium zu organisieren, oder besser die Prüfungsbillets zu organisieren, die Selbststudienzeit wirklich intensiv zur Erarbeitung der Spickzettel zu nutzen und uns somit zielgerichtet auf die Prüfungen vorzubereiten und nicht unsere wertvolle Studienzeit und Selbststudienzeit nutzlos mit dem Lernen von Dingen zu vergeuden, die dann niemand abfragte.

Foto: Unsere nun erweiterte Studiengruppe: 5 Offiziere aus der Tchechoslowakei

Einmal wurden wir beim Spicken erwischt. Und ausgerechnet in einem außerordentlich gefährlichen Fach, nämlich Massenvernichtungswaffen. Dieses Fach war geheim und wir durften nur in der Akademie lernen und Aufzeichnungen auf registriertem Papier machen. Sämtliche Unterlagen hierzu mussten am Abend in der Abteilung zur Lagerung von geheimen Verschlusssachen abgegeben werden. Unser Lehrer, ein sehr erfahrener Oberst, hatte wirklich hervorragende praktische Kenntnisse und an seiner Qualifikation bestand kein Zweifel. Nur leider verstand er es nicht, sein Fachwissen an uns weiterzugeben. Wir mühten uns ab und verstanden wenig. Vieles wurde auswendig gelernt, ohne dass wir es letztendlich verstanden hätten. Uns grauste vor dem Examen. Aber wie der Glücksumstand so spielt, fielen einem Tschechen, mit denen wir seit Beginn des ersten Studienjahres zusammen in einer Seminargruppe waren, die Prüfungsfragen in die Hände.

Es waren zehn Billets mit je vier Fragen. Wir waren zehn Genossen in der Gruppe und somit war die Aufgabenteilung klar. Jeder hatte ein Billett komplett zu erarbeiten. Das Problem bestand nun darin, dass wir die Fragen auf speziell registriertem Papier schreiben mussten. Sollten wir mit nicht registrierten „Spickzetteln“ entdeckt werden, konnte man uns mindestens Verrat von Dienstgeheimnissen vorwerfen oder gar Spionage. Und das hätte natürlich Staub aufgewirbelt. So entschlossen wir uns die Spickzettel auf offiziell registriertem Papier zu erarbeiten – das war wohl einmalig in der Akademiegeschichte: Ehrlich betrügen. Aus Sicherheitsgründen vereinbarten wir die Spickzettel nur im Notfall zu nutzen, falls einer absolut nicht antworten konnte.

Wir wurden alle gleichzeitig in den Prüfungsraum gerufen und durften zur gleichen Zeit mit der Vorbereitung anfangen. Der Erste, der zur Prüfung aufgerufen wurde, hatte nur dreißig Minuten Vorbereitungszeit, alle anderen länger. Ich hatte Riesenglück, denn ich zog ein Examensbillett das ich, mit Ausnahme einer Frage, vollständig beantworten konnte. Plötzlich stand unser Oberst auf und ging zielgerichtet zu meinem Nachbarn, einem Tschechen, unserem sogenannten schwarzen Schaf. Er fiel immer auf und so auch diesmal. Unser Oberst fand bei ihm den Spickzettel und sofort war ihm alles klar. Registriertes Papier, darauf die beantworteten Fragen. Gott sei Dank hatte ich alles beobachtet und ließ meinen Spickzettel sofort in der Uniformjacke verschwinden. Alle anderen hatten weniger Glück und wurden erwischt. Sie durften trotzdem weitermachen und legten ihr Examen völlig normal ab. Ich war nun mit meinen Vorbereitungen soweit fertig und konnte nur die Frage nach dem chemischen Gerät nicht beantworten. Ich Dummkopf wollte natürlich glänzen und das Maximale für mich herausholen. Und so holte ich erst einmal meinen Spickzettel aus der Uniformjacke heraus, obwohl mir hätte klar sein müssen, dass ich von unserem Oberst beobachtet wurde. Urplötzlich stand der Oberst neben mir und zog triumphierend auch meinen Spicker hervor. Ich war schockiert und der Oberst wahrscheinlich mit seinem „Endsieg“ hoch zufrieden.

Ich wusste nun nicht, was weiter passiert. Ich hatte alle Fragen selber beantwortet, bis auf eine. Aber woher sollte der Oberst das wissen. Der glaubte natürlich, dass ich komplett betrogen hätte. Da ging die Tür auf und ein weiterer Oberst, ein guter Bekannter von mir, kam herein. Er nahm als zweiter Prüfender an dem Examen teil und ich drängelte mich sofort zu ihm. Nach erfolgter Prüfung sagte er mir: „Das war nicht schlecht, ich gebe ihnen die Note Vier.“ (die Note vier entspricht im Deutschen der Note Zwei). Ich antwortete: „Genosse Oberst, ich glaube nicht, dass ich die Vier bekomme, denn ...“ und ich erzählte ihm das ganze Elend. „Mensch“, sagte er, „seid ihr blöd. Spicken tun wir alle, aber man lässt sich doch nicht erwischen.“ Er hatte recht, aber helfen konnte mir das nun auch nicht. Er zwinkerte mir zu und wir gingen gemeinsam zu seinem Chef. Er meldete: “Genosse Oberst, Oberleutnant Niemeier hat das Examen mit der Note Fünf bestanden. “Donnerwetter“, dachte ich, „hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Und wieder kam mir der Spruch in den Kopf. „Ein Kommunist ohne Beziehungen …“

Zu meinem Entsetzen fing aber der Oberst an zu toben, schrie was von Betrug, Frechheit, Examen wiederholen, von der Akademie schmeißen und was weiß ich nicht alles. Ich war entsetzt und ratlos. Warum machte er ausgerechnet bei mir so ein Theater und nicht bei den anderen auch? Er hatte doch alle erwischt. Beide Oberste steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Dann sagte mir der Chef mit eiskalten Worten: „Genosse Oberleutnant, ich gebe Ihnen die Note Drei. Wenn sie damit nicht einverstanden sind, können Sie das Examen wiederholen.“ Ich war erleichtert. Eigentlich hatte ich sowieso nur mit einer Drei gerechnet und so stimmte ich schnell zu. Kurz und gut, die gesamte Studiengruppe hatte das Fach mit dem Durchschnitt dreikommanull abgelegt, das heißt, damit konnte das Thema vergessen werden. Unser Oberst rief uns aber noch einmal zusammen, unmittelbar nach dem Ende des Examens. „So,“ sagte er, „ihr Superschlauen. Ihr habt versucht, mich aufs Kreuz zu legen. Ich will gar nicht wissen, woher ihr die Prüfungsbillets habt und wie ihr das organisiert habt. Was wir hier gemacht haben, kann uns allen Kopf und Kragen kosten, sowohl Euch, als auch mir, denn ich bin für euch verantwortlich. Deshalb schlage ich vor, dass wir alle diese Angelegenheit vergessen und nie darüber sprechen.“ Wir versprachen es natürlich hoch und heilig, denn wir waren auch nicht daran interessiert, unserem Oberst Schwierigkeiten zu bereiten. Das Fach war abgeschlossen und das Thema eben erledigt. Also Klappe halten. Die ganze Angelegenheit passierte 1981/82 und ist vermutlich verjährt. Und ich glaube mit diesem Abstand ist es wohl doch möglich, das gegebene Versprechen heute nicht mehr einzuhalten.

 

Datum der Publizierung: 02.06.2013

Mein Lieblingsfach – Mein Lieblingslehrer

Eines meiner Lieblingsfächer war Politökonomie. Ich war von Beruf Außenhandelskaufmann und Ökonomie ist nun mal interessant gewesen und irgendwie lag mir dieses Fach viel besser als Philosophie, die in Deutsch schon schwer zu verstehen ist, mehr noch denn in Russisch. Unser Professor war ein erstklassiger Spezialist und konnte den Unterricht gut führen.

Einmal las er eine Lektion, es war so ziemlich zum Anfang dieses Studienkurses, und ich hatte etwas Privates zu erledigen. Ich schützte irgendwelche Bauchschmerzen vor und bat, früher gehen zu dürfen. Unser Professor war sehr besorgt um meine Gesundheit, wie übrigens alle anderen Lehrer und Lehrerinnen, die sich bei Erkrankung eines Ausländers wirklich echte Sorgen machten. Er schickte mich nach Hause mit besten Wünschen zur Genesung aber auch mit dem Hinweis, dass ich die Vorlesung von meinen anderen Genossen abschreiben sollte. Es fände bald ein Seminar statt und da würde er danach fragen. Ich bestätigte ihm meinen festen Vorsatz all das zu machen, verließ das Auditorium und vergaß auf der Stelle die Vorlesung. Mein Pech war, dass unser Professor die Vorlesung nicht vergessen hatte und mich beim nächsten Seminar genau nach einigen Fakten aus dieser Vorlesung fragte. Ich eierte herum und er fragte geradezu: „Sie haben also die Vorlesung nicht nachbearbeitet?“ Ich musste letztendlich zugeben, dass ich es vergessen hatte. Er war tief beleidigt, denn so ein nachlässiges Verhalten hatte er von einem Deutschen nicht erwartet. Die Deutschen waren  bekannt für Pünktlichkeit, Korrektheit und Disziplin. Ich bekam eine glatte Eins (also eine deutsche Fünf) und merkte sofort, dass ich anscheinend ein für alle Mal bei ihm verschissen hatte. Und das bei meinem Lieblingslehrer und meinem Lieblingsfach. Einfach eine Katastrophe. Ich bemühte mich in der nächsten Zeit besonders aktiv mitzuarbeiten und unternahm alles, um mir seine Gunst wieder zu erobern. Leider vergebens. Er blieb höflich, aber distanziert.

Nun näherte sich eine weitere Prüfung, das sogenannte Persönliche Gespräch. Hier gab es keine Billetts, sondern man unterhielt sich zwanglos mit dem Lehrer, der Fragen stellte. Dazu durfte man alle persönlichen Aufzeichnungen benutzen. Es scheint, dass das eine der leichtesten Prüfungen sei. Ich denke aber, dass diese Prüfung eine der schwierigsten ist, denn während des Gespräches erhält der Lehrer einen Eindruck, ob der Student wirklich verstanden hat um was es geht, oder ob er auswendig gelernt hat, oder ob er nur von seinen Aufzeichnungen lebt. Eine Note gibt es nicht, nur einen Eindruck und dieser ist sehr wichtig für die Zukunft in Hinsicht des Examens.

Zufällig fiel mir ein großes Album in die Hände. An Hand von wirklich guten Schemata und Skizzen  waren politökonomische Prozesse einfach und logisch erklärt und ich fragte in der Bibliothek, wer denn der Verfasser sei und wo man das Album kaufen könnte. Ich fiel aus allen Wolken, als man mir sagte, dass es ein akademie-internes Album ist und von meinem Lieblingsprofessor erarbeitet wurde. Sofort fing mein Kopf an zu arbeiten. Er ist sicher sehr stolz auf sein Album, dachte ich und wird es schätzen, wenn man es für die Unterrichtsvorbereitung nutzt. Dies umso mehr, da er uns dieses Album nie angeboten hatte. Ich konnte mich also völlig dumm stellen und das Album mitnehmen und während des individuellen Gespräches dieses Album nutzen und viele Lobeshymnen singen. Ein wenig später kamen mir Zweifel. Mein Professor ist kein Dummkopf und es könnte sein, dass ich zu dick auftrage. Deshalb entschied ich mich dafür, mir eine Unmenge Arbeit aufzuhalsen und selber so ein Album zu entwickeln. Ich wühlte Berge von  Literatur durch, las Klassiker, studierte aktuelle Zeitungen, die auf ökonomische Prozesse Bezug nahmen, zeichnete, schrieb, schnitt aus und, und, und. Eine „atzkaja rabota“ wie man im Russischen sagt. Aber mein Album stand zum Zeitpunkt des persönlichen Gespräches.

Ich wurde aufgerufen, nahm meine Aufzeichnungen mit und setzte mich an den Tisch des Professors. In sehr kühlem Ton stellte er mir die erste Frage und gestattete auch die Nutzung meiner Aufzeichnungen. Ich fing an in meinem Album zu blättern und tat so, als ob ich ein bestimmtes Schema suchte. Er wurde immer aufmerksamer und hörte meiner Beantwortung sehr interessiert zu. Dann unterbrach er mich und fragte, was ich da hätte und ob er da mal reinschauen dürfte. Er blätterte vor und zurück und fragte, was das ist, woher ich das habe. Nun war meine Zeit gekommen. Ich sagte ihm, dass ich vor einigen Wochen zufällig in der Bibliothek ein Superalbum gefunden hatte, in dem ökonomische Prozesse leicht und einleuchtend erklärt wurden und ... kurz und gut, ich lobhudelte, was das Zeug hielt und fügte aber an, dass ich mir das Leben nicht so einfach machen wollte und nur vom Album fremder Leute leben wollte, deshalb hätte ich ein eigenes Album entwickelt. Der Professor war beeindruckt. Er brach das persönliche Gespräch ab und fragte, ob er sich das Album zeitweise ausleihen dürfte. Ich stimmte zu und somit war die Sache erledigt. Ich wusste sofort, dass ich meterhoch in seiner Achtung gestiegen war und vermutlich mein unkorrektes Verhalten von damals wohl ausgebügelt hatte. Ich ahnte aber nicht, was noch danach kam.

Wenig später traf ich einen mir bekannten sowjetischen Offizier aus der ersten Fakultät, der Kommandeursfakultät. Dieser fragte: „Sag mal, du kennst dich doch ein wenig aus in der Ausländerfakultät. Da gibt es irgendeinen Streber, der hat im Fach Politökonomie so ein blödes Album erarbeitet und unser Professor hat uns dies gezeigt und gemeint, dass das, was ein Ausländer kann, auch ein sowjetischer Offizier können muss und gefordert, dass wir bis zur nächsten Prüfung alle so ein Album erarbeiten. Vielleicht kannst Du rausbekommen, wer das war, denn wir wollen mit dem Idioten mal sprechen.“ Ich weiß nicht, ob ich blass oder rot geworden bin. Auf alle Fälle hatte ich Mühe, die Fassung zu wahren. Nun bin ich aus einem Fettnäpfchen rausgesprungen und sofort mit beiden Beinen in den nächsten Fettnapf reingehüpft. Ich versprach dem Genossen natürlich mal rumzuhorchen und Bescheid zu sagen, sowie ich etwas wüsste. Zum Glück hatte sich die Sache auch damit erledigt. Ich gab  ihm natürlich keine Antwort und es wurde auch nicht weiter gefragt. Nur ich war mal wieder um eine Erfahrung reicher. Man kann es halt nicht jedem recht machen.

Foto: "Das Kapital" von Karl Marx mit der Definition von "Profit"

Wie ich erhofft hatte kam es auch. Ich wurde wieder der Lieblingsstudent des Professors und das Examen beendete ich mit ausgezeichneten Ergebnissen, ungeachtet dessen, dass ich in der wichtigsten Frage, keine richtige Antwort geben konnte. Ich sollte den Begriff „Profit“ definieren. Die Definition im sozialistischen Sinne war so kompliziert und unverständlich, dass keiner von uns diese Frage beantworten konnte und wir entschlossen uns, niemals nach sozialistisch definiertem Profit zu streben, da wir nicht wussten, was das ist. Heute weiß ich natürlich was Profit ist. Profit ist das, was in meinem Portemonnaie nach anstrengender Arbeit übrigbleibt und von dem das Finanzamt möglichst wenig wissen sollte. Die sozialistische Definition habe ich natürlich völlig vergessen.

 

Datum der Publizierung: 09.06.2013

"Student ohne Beziehungen ist dasselbe ..."

Jeder von uns aus der Studiengruppe hatte irgendwelche guten Beziehungen – eben das Grundprinzip im Sozialismus. Im Studienfach Ausrüstungswirtschaft hatte ich gute Beziehungen. Mein ehemaliger Chef aus der Division, der jetzt im Ministerium saß, hatte mir für den Chef des Lehrstuhls ein paar kleine Geschenke und einen Brief mitgegeben. Er hatte einige Jahre vor mir an dieser Akademie studiert und wollte seine Beziehungen in diesem Fach an mich weitergeben. Das klappte auch.

Ich traf mich mit dem Oberst kurz nachdem wir zum Studium in Leningrad angekommen waren und übergab die Geschenke und den Brief und mit Hilfe meiner Russischlehrerin sagte ich ihm auch ein paar Sätze auf Russisch. Er versprach mich einzuladen, so wie ich etwas besser russisch sprechen würde. Dies war dann so nach drei bis vier Monaten der Fall.

Das war meine erste Einladung in eine sowjetische Familie. So richtig wusste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte und so nahm ich erst einmal bei mir im Wohnheim ausreichend Abendbrot zu mir. Ich wusste, dass es den Leuten nicht so besonders gut ging und wollte nicht wie ein hungriger Wolf vielleicht den ganzen Kühlschrank leer essen. Ich irrte mich aber gewaltig oder mit anderen Worten, ich sammelte für den Rest meines Lebens die Erfahrungen, wie man sich verhält, wenn man in eine russische Familie eine Einladung erhält. Egal, wie gut oder schlecht es dieser Familie geht. Der Tisch ist immer reich gedeckt. Der Russe opfert für seine Gäste das letzte Hemd, wenn es denn nötig ist. Und so kam ich mit vollem Magen zu einem unwahrscheinlich üppig gedeckten Tisch. Stundenlang wurde ununterbrochen gegessen. Ich wurde regelrecht genötigt. Ausreden wurden nicht zugelassen. Zum Abschied bekam ich noch einen Aktenkoffer mit Wodka, Wein und Kaffee geschenkt.

Dies war nicht das einzige Treffen. Es entstand eine freundschaftliche Verbindung, die wir uns in der Akademie aber nicht anmerken ließen. Zum Ende des zweiten Studienjahres rief mich der Oberst zu sich ins Dienstzimmer. Ich wusste nicht, was er wollte. Er redete über alles Mögliche und sah dann plötzlich zur Uhr und meinte, dass er mal kurz für eine halbe Stunde weg müsse. Ich solle noch bleiben, da er noch etwas mit mir besprechen wolle. Dann bat er mich ziemlich auffällig, in seiner Abwesenheit bitte keine dienstlichen Unterlagen anzuschauen, die so rumlagen und trommelte auffällig auf einem Ordner herum. Er verließ sein Dienstzimmer und ich hatte sehr gut verstanden, dass ich jetzt genau eine halbe Stunde Zeit hatte, in diesen Ordner zu schauen.

Dort fand ich die Prüfungsfragen. In Windeseile schrieb ich die Fragen ab und saß nach Ablauf der halben Stunde wieder unschuldig am Schreibtisch. Der Oberst kam zurück. Alles schien unberührt und irgendwie brachte er das Gespräch dann auch zu Ende mit allgemeinen Belanglosigkeiten. Ich bedankte mich für das Gespräch und verabschiedete mich. Zwei Tage später waren, nach dem üblichen Schema, durch uns alle Prüfungsfragen ausgearbeitet worden und unsere gesamte Gruppe bestand das Fach mit allerbesten Ergebnissen.

 

Datum der Publizierung: 16.06.2013

Über Taktik und rein symbolische Prüfungen

Ein weiteres Beispiel für eine etwas schwierige Studienorganisation war das Fach Taktik. Wir kamen im zweiten Studienjahr aus dem Halbjahresurlaub zurück und bekamen den neuen Studienplan für das kommende Semester ausgehändigt. Dort sahen wir mit Entsetzen, dass für den nächsten Tag eine Zwischenprüfung in Taktik vorgesehen war. Taktik war Hauptfach und sehr komplex angelegt. Wir hatten von Anfang an großen Respekt vor diesem Fach. Dieses Fach als Offizier mit einer durchschnittlichen Note abzuschließen wäre eine große Schande. Es wäre an sich dasselbe, als wenn ein Mathematiklehrer nicht rechnen könnte. Wir waren in großer Sorge und rannten zu unserem Lehrer, einem jungen Oberst und teilten ihm unsere Sorgen mit. „Ach, es wird schon alles werden“, meinte dieser. „Es ist eine rein symbolische Zwischenprüfung. Machen sie sich da mal keine großen Sorgen.“ Wir waren erleichtert und beschlossen, uns auf den morgigen Tag überhaupt nicht vorzubereiten. Was willst du denn auch machen in einer Nacht?

Zehn Genossen erhielten am nächsten Tag die Prüfungsfragen und zehn Genossen rasselten durch die Prüfung. Rein symbolisch also, die Prüfung! Wir schauten nicht sehr aufmerksam in das Gesicht unseres Lehrers. Wenn wir dies getan hätten, hätten wir vielleicht irgendeine Schadenfreude dort entdeckt. Er machte uns im Auswertungsgespräch ziemlich eindeutig klar, dass wir für ihn alle grüne Jungs waren und bis wir echte Offiziere würden, noch viel Wasser die Newa runterfließen wird. Na gut, er war Oberst, wir nur Hauptleute.

Ja, es war so, dass wir in der Zwischenzeit an der Akademie befördert wurden waren. Unsere Wartezeit war rum und wer sich nichts hatte zuschulden kommen lassen, wurde befördert. Wir waren alle brav gewesen, zumindest konnte man uns nichts Gegenteiliges nachweisen und so erhielten wir alle gleichzeitig den neuen Dienstgrad. 

Foto: Nachweisbuch für Zulassungsprüfungen zum Examen

In einer Woche wurde eine neue Prüfung angesetzt. Fünf bestanden die Prüfung, fünf rasselten wieder durch. Das erregte nun in der deutschen Nationalität schon einiges Aufsehen und man bedeutete uns, dass wir uns schon mal warm für die nächste Parteiversammlung anziehen sollten. Wir begannen also hektisch zu lernen. Für die zukünftigen Prüfungen wurden nun keine Termine mehr angesetzt. Wer meinte, dass er bereit war, konnte sich zu einem individuellen Prüfungstermin bei unserem Taktiklehrer melden. Der hatte nun die Chance, jedem seiner grünen Jungs noch mal individuell eins „über die Rübe zu geben“. Die nächste Prüfungsrunde bestand wiederum nur die Hälfte. Es stellte sich heraus, dass ich in den Augen unseres Lehrers nicht nur grün, sondern absolut farblos war. Deshalb hatte ich auch das zweifelhafte Vergnügen, mit ihm noch zweimal eine Prüfung zu machen. Auf der einen Seite war ich natürlich sauer, aber auf der anderen Seite hatte ich nun durch die vielen Vorbereitungen ein wirklich gutes Wissen. Und ich glaubte wirklich, dass gutes Wissen eine absolute Notwendigkeit für ein gutes Examen sei. Aber mein Oberst ließ mich auf Schritt und Tritt spüren, dass er mit mir zum Thema Examen noch ein Extratänzchen vorhatte. Gut, was soll ich tun, wenn er mich nun mal nicht leiden kann. Ich bereitete mich so gut es ging auf das Examen vor. Und wieder spielte das Schicksal eine positive Rolle in meinem Leben. Am Vorabend der Prüfung erkrankte unser Taktiklehrer ernsthaft und es wurde als Prüfungsleiter ein mir persönlich sehr gut bekannter anderer Oberst eingesetzt. Der kam vor der Prüfung zu mir und sagte, dass er alles so organisieren wird, dass ich bei ihm persönlich geprüft würde. So passierte es dann auch und ich erhielt die Note fünf. Gut, die Fünf, also die beste Note im russischen System, war vielleicht nicht ganz gerechtfertigt, aber eine vier denke ich schon. Ich war überglücklich. Einige Wochen später traf ich unseren Taktiklehrer, der in der Zwischenzeit aus dem Krankenhaus entlassen worden war. „Wie sie das mit dem Examen organisiert haben, weiß ich nicht, Genosse Hauptmann. Bei mir hätten Sie eine zwei bekommen“, meinte er gehässig. Ich sah ihm nun seine Antipathie direkt an. Keine Ahnung, bis heute nicht, was er gegen mich hatte. Ich mochte ihn eigentlich, denn er war jung und hatte Ahnung vom Fach, was man nicht von jedem Lehrer an der Akademie sagen konnte.  

 

Datum der Publizierung: 23.06.2013

Irina Konstantinowna - unsere Russischlehrerin

Ein gutes Verhältnis hatte ich zu unserer Russischlehrerin. Wir hatten zwei Lehrerinnen, aber zu Irina Konstantinowna hatte ich, oder besser sie zu mir, ein besonders gutes Verhältnis. Irina Konstantinowna hatte es nicht leicht mit uns. Einige aus unserer deutschen Gruppe zeigten ihr gegenüber ein arrogantes, überhebliches Auftreten. Sie hatte so eine negative Wertschätzung einfach nicht verdient. Zum einen war sie ungefähr fünfzig Jahre alt (und wir man gerade so fünfundzwanzig Jahre) zum anderen hatte sie die Blockade von Leningrad im Großen Vaterländischen Krieg überlebt und schon alleine aus dieser Tatsache verdiente sie unseren Respekt und unsere Achtung.

Mir gegenüber entwickelte sie Muttergefühle. In unserer Gruppe gab es zwei Junggesellen und um diese beiden wollte sie sich wohl verstärkt kümmern. Der Zweite blockte sofort ab. Er war mehr ein Einzelgänger und zeigte kein sonderliches Interesse an einer zusätzlichen Mama. So blieb ich dann als Ersatzsohn übrig.

Irina war eine Frau mit Prinzipien. Obwohl sie mich in ihr Herz geschlossen hatte, wurde ich im Unterricht nicht bevorzugt. Nur beim Examen haben wir beide ein wenig geschummelt und ich erhielt das Examensbillet, welches ich mir vorher ausgesucht hatte. Das Russischexamen war sowieso eine reine Formalität. Hier konnte man nicht schummeln. Schummeln schon, nur war es für jeden sichtbar und hörbar wie gut man russisch konnte oder auch nicht. Es ging also nur um eine möglichst gute Ziffer im Zeugnis, um den Gesamtdurchschnitt anzuheben. Wir dachten damals alle noch, dass ein guter Zensurendurchschnitt beziehungsweise ein guter Akademieabschluss auch Einfluss auf den Einsatzort hat. Wie schnell hatten wir doch unsere Erfahrungen von der Offiziershochschule zu dieser Thematik vergessen. Und auch hier an der Akademie sollte sich herausstellen, dass gute theoretische Noten kein Grund waren, um an einen guten Standort versetzt zu werden. Leistung wurde im Sozialismus nicht immer  belohnt.

Irina Konstantinowna lud mich einige Male zu sich nach Hause ein. Es gab Tee und Gebäck, aber keinen Alkohol. Das war eines ihrer Prinzipien. Sie muss wohl in der Vergangenheit damit schlechte Erfahrungen gemacht haben, denn auch im Unterricht verbat sie sich jedes Gespräch zu diesem Thema.

Ich selber hatte im Unterricht, so ziemlich zum Anfang des Studiums, auch ein bemerkenswertes Erlebnis. Meine Russischkenntnisse waren noch sehr mangelhaft und so passierte mir ein fataler Fehler. Durch mich wurde der richtigen Aussprache einzelner Buchstaben einfach nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und so nahm die Peinlichkeit ihren Lauf. Die Didaktik für die Unterrichtsstunde lautete so, dass wir unserer Irina Fragen stellen sollten und sie musste uns die Fragen beantworten. Ich fragte also: „Irina Konstantinowna, sagen Sie bitte, wo befindet sich ihr Garten?“ Und bei dem Wort „Garten“, im russischen „Zad“ machte ich den Fehler, dass ich den ersten Buchstaben nicht richtig betonte und statt „Zad“ das Wort „Sad“ sagte. „Sad“ bedeutet aber so etwas wie Arsch oder zumindest Hintern. Ich fragte also meine Lehrerin wo sich ihr Arsch/Hintern befindet. Es trat Totenstille ein. Irina wurde rot und meine Mitgenossen links und rechts fingen an zu feixen. Ich fragte völlig irritiert, was denn los sei. Meine Genossen klärten mich auf. Jetzt war es an mir rot zu werden. Für den Rest der Stunde enthielt ich mich jeder weiteren Frage und entschuldigte mich nach dem Unterricht bei Irina. Da sie eine erfahrene Pädagogin war, hatte sie natürlich auch für solche Fehler, die offensichtlich keine Provokation waren, Verständnis. Trotzdem stellte sie mir die Aufgabe, an einer besseren russischen Aussprache zu arbeiten.

Einige Wochen später lud mich Irina zu sich ein. Es war so ziemlich zum Ende unseres Vorbereitungskurses, also des ersten Jahres unseres Aufenthaltes in Leningrad. Sie lud mich genau in den Garten ein, nach dem ich sie während des oben erwähnten Unterrichtes gefragt hatte. Der Garten lag außerhalb der Stadt und wir fuhren am Sonntag mit der Elektritschka, also einem Vorortzug, dorthin. Ich bildete mir ein, dass dies eine Einladung war, wie sie auch in der DDR üblich ist. Frische Luft, Tee trinken, ein wenig sonnen und am Abend wieder zurück. Weit gefehlt.

Foto: Irinas Garten "Bely Ostrow" - schlicht und naturbelassen

Sie zeigte mir ihren Garten, wenn man ihn denn so bezeichnen konnte und ihre Datsche, wenn man sie denn so bezeichnen konnte. Der Garten war eine Wüste. Es wuchs nichts außer Unkraut, die Bäume waren wohl abgestorben, es gab keine Wege und keine Beete. Die Datsche war  etwas baufällig. Ich suchte schon Stühle, auf die man sich setzen konnte um sich zu sonnen, denn das Wetter war herrlich. Aber Irina zerstörte meine Illusionen sofort. Sie drückte mir eine Säge und eine Axt in die Hand und bat mich, einige Bäume zu fällen und zu Brennholz zu verarbeiten. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keinen Baum gefällt, geschweige denn daraus auch noch Brennholz gemacht. Ich mühte mich redlich ab und irgendwas brachte ich auch zustande. Endlich rief Irina zum Mittagessen. Ich hatte Hunger wie noch nie. Es gab einen winzig kleinen Teller mit Reis und einem Stück Fleisch – schieres fettes Fleisch. Und das ausgerechnet mir, wo ich mich vor jedem Gramm Fett ekelte. Was tun? Tapfer fragte ich, ob sie sehr beleidigt wäre, wenn ich das Fleisch nicht esse. Sie war nicht beleidigt. Sie nahm es sofort zurück und legte es zu ihrer eigenen Portion.

Foto: So oder noch etwas übersichtlicher war das Mittagessen

Ich lehnte mich mit knurrendem Magen zurück und wollte eigentlich jetzt ein Nickerchen machen. Der sonntägliche Mittagsschlaf war eine heilige Sache. Aber Irina meinte, ich solle ein Gewächshaus bauen. Wenn möglich möchte sie noch in diesem Jahr Gurken und Tomaten ernten. Ich mit meinen zwei linken Händen sollte ein Gewächshaus bauen? Unmöglich! Leise versuchte ich meine Zweifel rüberzubringen, doch Irina ließ keine Ausreden gelten. Sie zeigte mir alte Bretter, verrostete und krumme Nägel und einen Spaten, und natürlich den Platz wo das Gewächshaus stehen sollte. Ich fing an zu graben. Vier Ecken, vier Löcher. Und ich grub und grub und eigentlich wusste ich gar nicht so richtig was ich machte. Ich wollte einfach nur irgendeine Beschäftigung vortäuschen. Ab und zu kam Irina und schaute, ob ich denn auch vorwärtskäme und gab mir Ratschläge.

Foto: Luxusgewächshaus aus dem Internet - mein Projekt war viel schlechter

Foto: Luxusgewächshaus aus dem Internet - mein Projekt war viel schlimmer

Einmal fragte sie denn auch, ob die Hausaufgaben, die sie zum Montag aufgegeben hatte sehr schwer waren. Und das war mein Rettungsanker. Ich sah sie erstaunt an und fragte: „Was, wir hatten Hausaufgaben auf? Nein, ich habe noch keine gemacht. Nun, Sie wissen, dass ich heute bei ihnen war und deshalb keine Hausaufgaben machen konnte. Sie werden das sicher morgen entschuldigen.“ Sie war ganz aufgeregt. „Nein, nein, so geht das nicht“, meinte sie. Es sollte nach Möglichkeit niemand wissen, dass sie mich auf ihre Datsche eingeladen hatte. Deshalb, so meinte sie, sei es besser, wenn ich jetzt nach Hause fahren und die Hausaufgaben machen würde und das Gewächshaus kann dann nächste Woche weiter gebaut werden. So schnell hatte ich noch nie meine Sachen zusammengesucht.

Ich glaube, ich habe auch einen neuen Rekord im Laufen bis zur Elektritschka aufgestellt. Ich hatte immer noch befürchtet, dass Irina mir vielleicht doch noch die Hausaufgaben erlässt und ich an diesem verdammten Gewächshaus weiterbauen müsste. Zukünftig fand ich immer wieder Ausreden, um mich vor dem nächsten Besuch auf der Datsche zu drücken. Und dann war auch der Vorbereitungskurs zu Ende. Wir fuhren auf Urlaub und als wir zurückkehrten, war auch ein neuer Vorbereitungskurs da. Wir waren nun im ersten Studienjahr und hatten Russischunterricht nur noch in wenigen Spezialrichtungen. Die „Neuen“ hatten den Vorteil, dass es Militäreisenbahner waren, also Leute, die anpacken konnten und das taten sie auch. Ich hörte  so nebenbei, dass sich Irina mit der ganzen Gruppe angefreundet hatte.  Diese verhielten sich viel höflicher oder diplomatischer als wir und so lud Irina regelmäßig alle zu sich auf die Datsche ein. Sie hat es geschafft den Garten auf Vordermann zu bringen. Naja, fünf starke junge Männer mit Erfahrung im Eisenbahnbau werden wohl Gemüsebeete und ein Gewächshaus anlegen und auch die Datsche reparieren können. Anscheinend müssen die fünf auch Gefallen daran gefunden haben, denn sie fuhren immer zusammen hinaus und suchten auch keine Ausreden.

Irina lud mich nur noch zu sich in die Wohnung ein. Sie wohnte unweit  vom Wohnheim in einer kleinen Zweizimmerwohnung und ich ging zwei-, dreimal im Jahr zu ihr. Sie hatte es nicht einfach. Sie hatte die Blockade und die Nachkriegszeit überlebt, wurde Lehrerin an der Militärakademie, bekam 105 Rubel Gehalt, im Gegensatz zu uns jungen Offizieren, die bereits 146 Rubel Sold erhielten und musste nun für diesen Hungerlohn die Enkel jener Soldaten ausbilden, die sich heute Freunde nannten, damals aber als Belagerer ihr das Leben schwergemacht hatten.

Zu diesem Thema kann man wirklich Erstaunliches berichten. Die Masse der Russen begegnete uns ausgesprochen freundlich. Selbst die Offiziere, die unsere Ausbilder waren und die bereits im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft hatten, waren deutschfreundlich eingestellt. Sie mochten die Deutschen wegen der allgemein bekannten Eigenschaften wie Disziplin, Qualität, Pünktlichkeit. Die Zeit des Großen Vaterländischen Krieges betrachteten sie irgendwie mit anderen Augen. Man spürte keinen Hass. Natürlich gab es Momente, wo wir uns deutlich unwohl fühlten. Zum Beispiel an den Feiertagen, wenn wir in Uniform zu den Ehrenfriedhöfen gingen und als deutsche Delegation Kränze und Blumen niederlegten.

Foto: Ehrenfriedhof "Piskarewskoje Kladbishe" in Leningrad

Es waren viele einfache Leningrader anwesend, die auch auf den Massengräbern, in denen sie ihre gefallenen und verstorbenen Verwandten vermuteten, Blumen niederlegten. Plötzlich sahen sie Offiziere in Uniformen, die ihnen sehr bekannt vorkamen und es kam schon vor, dass wir angespuckt oder zumindest beschimpft wurden. Gut, wir waren darauf vorbereitet und reagierten entsprechend oder besser gesagt, wir reagierten gar nicht und versuchten nur so schnell wie möglich aus der Reichweite dieser Mütterchen zu kommen. Angenehm war es nicht, aber es gehörte Gott sei Dank nicht zum Alltäglichen.

 

Datum der Publizierung: 30.06.2013

Unser alltägliches Leben

Das alltägliche Leben war vor allem gekennzeichnet durch ständiges suchen nach Defizitwaren. Also alles was selten war, was nur über Beziehungen zu bekommen war oder was eigentlich überhaupt nicht existierte – das sind Defizitwaren – durch die ostelbisch Geborenen und dort bis 1990 aufgewachsenen Deutschen auch liebevoll „Bückware“ genannt. Für den in der ostelbischen Sprache ungeübten Leser sei kurz angemerkt, dass defizitäre Ware immer unter dem Ladentisch lag. Wenn man die Verkäuferin überredet hatte, einem solche Ware zu verkaufen, musste diese sich bücken, um die Ware unter dem Ladentisch hervorzuholen. Daher der Ausdruck Bückware. In Leningrad sagte man Defizitware.

In Leningrad gab es zwei Kategorien von Ware. Defizitware, die es in der DDR überhaupt nicht gab, aber in Leningrad in den Geschäften mehr oder weniger problemlos zu beschaffen war und Defizitware, die es in der DDR überhaupt nicht gab und die auch in Leningrad nur über Beziehungen erhältlich waren.

Der Einkauf der ersteren Kategorie war nur eine Frage des Geldes und der sowjetischen Planwirtschaft. Wir hatten den Eindruck, als ob jedes Jahr ein Plan aufgestellt und mit irgendeinem Land irgendeine Importsteigerung vereinbart wurde. Im ersten Jahr meines Aufenthaltes in Leningrad wurden Audiokassetten westlicher Produktion angeboten. Ich kaufte in großen Mengen ein, denn die DDR-Kassetten fingen nach einigen Aufzeichnungen an zu quietschen und man konnte sie dann nur noch wegwerfen. Außerdem waren die Westkassetten billiger als die, die in der DDR angeboten wurden. Im nächsten Jahr wurde indische Handwerkskunst importiert. Wunderschöne Vasen und Geschirr – heute auch als Kitsch bezeichnet. Wir kauften alle dieses Zeug  und schleppten es kofferweise nach Hause. Im Jahr darauf wurde tschechisches Kristall importiert. Auch hier wieder das Gleiche. Kurz und gut, als ich in die Heimat zurückkam hatte ich alles was das Herz begehrte und was auch nicht jeder DDR-Bürger hatte.

Mir fehlten zu meinem kompletten Glück nur noch westliche Lizenzschallplatten. Meine Beziehungen in der DDR waren nun schon nicht mehr so gut und in Leningrad hatte ich es bisher noch nicht geschafft auf diesem Defizitgebiet erfolgreich organisatorisch tätig zu werden.

Um nicht alle Läden abklappern und überall betteln zu müssen, überlegte ich mir, dass ich eine neue Freundin brauchte. Meine bisherigen Freundinnen waren alle sehr lieb und sehr nett und hatten mir auch beim Lernen der russischen Sprache gut geholfen, hatten aber keinerlei Beziehungen zu irgendwelchen Dingen, die mich noch interessierten. So erinnerte ich mich, dass immer dort, wo ich auf dem Weg von der Akademie ins Wohnheim in einen anderen Trolleybus umsteigen musste, ein Schallplattengeschäft war. Ich entschied mich, es hier zu versuchen. So konnte man gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Ich wusste, dass unsere Uniform fast immer Eindruck erweckte und so ging ich dann auch in Uniform an einem Nachmittag auf der Heimfahrt in dieses Geschäft. Jedes Schallplattengeschäft in Leningrad bestand aus drei Abteilungen. Die erste Abteilung handelte mit moderner Musik, die zweite mit klassischer Musik und die dritte Abteilung mit revolutionärer Musik, also Partei- und Arbeiterkampfliedern.

In der ersten Abteilung bediente eine wirklich niedliche Verkäuferin. Ich entschied, dass es absolut aussichtslos ist, sie anzubaggern. Erstens weil sie eben sehr hübsch war und zweitens arbeitete sie in der Abteilung „defizitäre Schallplatten“ und hatte sicher schon einen ausgeprägten Kundenstamm, so dass sie mich sicher gleich abblitzen lassen würde. In der zweiten Abteilung saß eine sehr seriöse, lebenserfahrene sowjetische Verkäuferin. Ich entschied mich nicht für sie. Es blieb mir also nur noch die Abteilung für Arbeiterkampflieder übrig. Dort arbeitete auch eine gutaussehende junge Verkäuferin. Sie ließ mich sofort eiskalt abblitzen als ich ihr mein Anliegen vortrug. „Ich verkaufe nur revolutionäre Musik, wenn sie moderne Musik suchen, gehen sie in die erste Abteilung und fragen dort.“ Ich erklärte ihr meine Bedenken, aber die interessierten sie nicht. „Na gut“, sagte ich mir, „komme ich eben am nächsten Tag wieder. Steter Tropfen höhlt den Stein. Vielleicht habe ich Glück.“ Ich hatte kein Glück. Sie ließ mich wieder abblitzen, aber nicht mehr ganz so kalt wie am Vortag, so dass ich mich entschied, am nächsten Tag wieder hinzugehen. Ich machte ihr klar, dass ich Sammler von Schallplatten sei und bei uns in der DDR ... oh, was für eine Veränderung in ihr da vorging. Anscheinend hatte sie mit meiner Uniform nichts anzufangen gewusst und jetzt erfuhr sie, dass ich Deutscher war. Sie taute also auf und teilte mir mit, dass es ab und zu mal Lizenzschallplatten gäbe. Ich müsste nur öfter kommen und dann würde es schon klappen. Ich war also ein Schritt weiter. Wenige Tage später war ich wieder im Laden und das Gespräch wurde fortgesetzt. Ich meinte, dass es doch sehr mühselig sei für mich, mehr oder weniger durch Zufall in den Laden zu kommen und dass gerade in diesem Moment ein paar Schallplatten verkauft würden. Und dann musste man auch noch in der Schlange stehen.  Ob sie nicht die Möglichkeit hätte, für mich je ein Exemplar zurückzulegen, ich würde mich auch erkenntlich zeigen. Vielleicht hätte sie auch Wünsche und wenn ich in die DDR fliege, könnte ich versuchen, diese zu erfüllen. Oh, welche Veränderungen wieder in ihr vorgingen. Sie wurde noch freundlicher und meinte nun schon sehr aufgeschlossen, dass sie mal schauen werde. Ich gab ihr ein paar Tage Zeit die Logistik in dem Geschäft zu organisieren und kam wieder. Sie zwinkerte mir schon zu und meinte, ich solle zur Kasse gehen und dort 2,15 Rubel einzahlen. Gehorsam tat ich dies und bekam meine erste Lizenzschallplatte. Am nächsten Tag bedankte ich mich artig bei ihr mit einem Stück DDR-Seife. DDR-Seife in Leningrad war ungefähr dasselbe wie französischer Cognac im Delikat-Geschäft in der DDR. Und wenn man so etwas geschenkt bekommt, öffnen sich viele Türen. Um es kurz zu machen. Ich war mit ihr bis zum Ende meines Studiums befreundet. Es stellte sich heraus, dass sie noch viele andere Bekannte hatte, die von ihr Schallplatten erhielten … also lange Rede kurzer Sinn: Ich legte in der Zeit die Grundlagen für meine heutige wirtschaftliche Tätigkeit.  

Außer sogenannten langlebigen Wirtschaftsgütern nahmen wir auch Verbrauchsmittel mit. Wir kauften alle  Westwaschmittel. Es wusch natürlich viel weißer und war auch viel teurer. Aber das Westpulver war in einer bunten Drei-Kilo-Verpackung, die es in der DDR nicht gab. In der DDR brauchten wir auch keine schönen Verpackungen. Nur der konsumverdorbene Westbürger ließ sich davon beeindrucken – tja, und ich unterlag nun auch den Verlockungen der westlichen Konsumproduktion.

Nun hatte das ganze vier Vorteile. Erstens: Man wusch mit Westwaschpulver, zweitens hatte nicht jeder in der DDR dieses Waschpulver, drittens war der Karton bestens als dekoratives Element in der Küche oder im Bad geeignet und viertens konnte man immer wieder Ostwaschpulver in den Karton nachfüllen und so den subjektiven Eindruck hervorrufen, dass man immer noch mit einem Westwaschpulver seine Wäsche wusch.

Zum alltäglichen Leben gehörte auch ein Erlebnis, das mich damals lange Zeit beunruhigte. Heute, wenn ich mich an vieles versuche zu erinnern, wird mir doch bewusst, wie krank an sich die sozialistische Gesellschaft war, wie verbohrt wir waren und wie weit wir weg waren vom wirklichen vernünftigen, menschlichen Leben.

Als Offizier waren uns Westkontakte jeglicher Art verboten. Sollten wir uns daran nicht halten, dann waren uns Degradierung und Entlassung und vielleicht sogar ein Gerichtsverfahren wegen Landesverrates so gut wie sicher. Wer also für sich eine Zukunft in der DDR oder der NVA haben wollte, musste sich letztendlich an die vom Staat festgelegten Prinzipien halten. Ich hatte damit keine Probleme, da ich keine Westverwandte hatte beziehungsweise meine Eltern die verwandtschaftlichen Beziehungen seit den frühen sechziger Jahren aus familiären Gründen abgebrochen hatten. Nun saß ich mal wieder in der Bar im Sputnik und kam mit deutschen Touristen ins Gespräch. Wie üblich gab ich mich natürlich nicht als Offizier der NVA zu erkennen, sondern als Spezialist, der für Montageaufgaben zeitweilig nach Leningrad entsandt wurde. Im Verlaufe des Gespräches merkte ich aber plötzlich, dass ich es mit westdeutschen Touristen zu tun hatte. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Wenn mich jetzt jemand beobachtet und meinen Kontakt weitermeldet? Gut, Kontakt konnte man immer haben. Man sah es den Leuten nicht an der Nasenspitze an, woher sie kamen. Wenn man selber eine Meldung aufsetzte, verlief die ganze Sache in DDR-normalen Bahnen und man hatte keine negativen Folgen zu befürchten. Aber ich schrieb keine Meldung. Ich ließ mich sogar noch darauf ein, mit den Touristen auf ihr Hotelzimmer zu gehen. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat. Aber vermutlich war die Überlegung, dass man mich auf dem Hotelzimmer nicht mit den westdeutschen Touristen sehen könne. Das man aber meine Gespräche hören konnte – soweit dachte ich nicht. Mit meinem Wissen von heute muss ich sagen, dass ich sehr leichtsinnig war. Aber das Gespräch war interessant für mich. Es war das erste und einzige Mal, dass ich mit Westdeutschen Kontakt hatte. Ich kann mich an den Inhalt des Gespräches nicht mehr erinnern, weiß aber, dass ich keinerlei Staatsgeheimnisse verraten habe und meine wahre Identität auch nicht preisgegeben hatte. Zum Abschluss schenkte man mir noch einen Kugelschreiber.

So einen Kugelschreiber hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Er war aus Metall und es war eine elektronische Uhr eingebaut. Für die Westdeutschen war dies ein Reklamekugelschreiber, für mich war es damals, als wenn Weihnachten und Ostern zusammenfielen. Ich war beeindruckt von so einem Geschenk, hatte aber gleichzeitig das Problem, dass ich ihn nicht nutzen konnte, denn so ein Kugelschreiber würde sofort Fragen meiner Mitgenossen hervorrufen. Deshalb versteckte ich den Kugelschreiber und suchte erst einmal in Leningrad einen sogenannten Kommissionsladen, wo Matrosen und sonstige Auslandsreisende ihre Mitbringsel aus dem Westen verkauften. Ich brauchte einfach eine Alibiadresse, die ich angeben konnte, falls man mich nach der Herkunft des Kugelschreibers fragte. Irgendeinen Laden fand ich dann auch, der so ein ähnliches Sortiment aus dem Westen führte und danach nutzte ich den kapitalistischen Kugelschreiber für meine Mitschriften an einer sowjetischen Militärakademie. So kann man den Feind mit seinen eigenen Waffen bekämpfen, dachte ich damals vielleicht, um mein Gewissen weiter zu beruhigen.

Ich gebe es zu: Der Staat war krank, war einfach nicht normal und ich war nicht normal. Aber so war nun mal das Leben in der DDR. Ich habe mich angepasst, denn ich wollte eine Zukunft haben in dem Land in dem ich geboren wurde. Als Offizier hatte man zwar nicht unbedingt ein gutes Leben, denn das Armeeleben ist kein Zuckerschlecken, aber die Bezahlung stimmte und mit dem Geld konnte man sich doch schon etwas leisten und sich ein Leben schaffen, das ein Arbeiter oder Angestellter aus irgendeinem Betrieb sich nicht leisten konnte. Und  so passte ich mich eben an.

Datum der Publizierung: 07.07.2013

Besuch in Leningrad

Alle hatten irgendwann den Wunsch, Verwandte oder Bekannte aus der DDR nach Leningrad einzuladen. Dies war nicht so einfach, denn man brauchte dazu Besuchsgenehmigungen und es war einiges an Papierkrieg zu erledigen. Ich lud nach Absolvierung des Vorbereitungskurses meine Eltern und Bekannte aus meinem ehemaligen Regiment ein. Er war ebenfalls Oberoffizier im Regimentsstab und für Personalfragen zuständig. Er war derjenige, der mir im Regiment in meiner schweren Anfangszeit half. Ich trat, bedingt durch meine jugendliche Unerfahrenheit, mehrere Male ziemlich tief in Fettnäpfchen bei anderen, älteren Offizieren. Tja, auch junge Kommunisten müssen Lebensspielregeln beachten und zwischenmenschliche «Parteiliebe» entsteht nicht automatisch durch das  Parteistatut. Durch seine guten Kontakte zu anderen Offizieren des Stabes und seiner Lebenserfahrung gelang es ihm, meine Fehler auszugleichen und mich letztendlich gut in das Kollektiv der Stabsoffiziere einzufügen. Wir freundeten uns an und so kam es natürlich auch, dass er mich zu sich nach Hause einlud und wir auch privat miteinander verkehrten. Als Dankeschön für seine Hilfe lud ich ihn mit seiner Frau nach Leningrad ein. Wir verbrachten eine angenehme Woche.

Auf einem unserer Spaziergänge lernten wir auch einen Milizionär kennen. Wir fragten ihn nach dem Weg, da ich ein wenig die Orientierung verloren hatte und es stellte sich heraus, dass er sehr gut deutsch sprach. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch und er lud uns zu sich ein.

Wir fuhren am nächsten Tag dorthin. Allerdings war es keine Wohnung, sondern ein Wohnheim für Milizangehörige und er teilte sich ein Zimmer mit noch zwei anderen Genossen. Das Wohnheim war in einem schlimmen Zustand und das Zimmer sah aus, als ob eine Razzia durchgeführt worden war. Man sah es unserem Bekannten an, dass ihm dieser Zustand sehr peinlich war.

Noch peinlicher wurde es, als seine Zimmergenossen anfingen uns zu überreden, doch eine Ikone zu kaufen. Der Handel mit Ikonen war in der Sowjetunion verboten und ich war doch sehr erstaunt, dass sich Milizangehörige mit so etwas beschäftigten. Man zeigte uns die Ikone, die wirklich einen ziemlich alten Eindruck machte. Aber was sollte ich als Atheist mit einer Ikone? Und wie sollte ich diese überhaupt außer Landes bringen? Man schlug mir einen Schnäppchenpreis vor. Lächerliche vierhundert Rubel sollte die Ikone kosten. Dafür hätte ich vier Jeans opfern müssen. Ich lehnte ab. Sofort fiel der Preis um die Hälfte. Auch das war mir noch zu teuer. Nochmal gab sich der zwischenzeitlich schon ziemlich angetrunkene Verkäufer einen Ruck und senkte den Preis radikal auf fünfzig Rubel. Das war nun wiederum zu billig und ich dachte mir schon, dass dies keine echte Ikone sein konnte oder vielleicht sogar Diebesgut ist. Ich lehnte also weiterhin ab. „Na gut“, meinte der Milizionär, „du gibst mir für die Ikone zehn Rubel und kaufst noch eine Pulle, die wir gemeinsam austrinken. Ist das ein Geschäft?“ Nein, es war kein Geschäft und unserem Bekannten wurde es von Minute zu Minute unangenehmer. Auch meine deutschen Bekannten konnten nichts mit der Situation anzufangen. Wir merkten, dass das Umfeld einfach nicht stimmte für einen gemütlichen Abend und so verließen wir schnell das Wohnheim.

Die zweite Einladung, die unser Bekannter aussprach, nahmen wir nicht mehr wahr. Mir tat er etwas leid, aber ich wollte auf keinen Fall in solche, etwas undurchsichtigen Gruppierungen hineingeraten.

Mit meinen Eltern hatte ich keine solchen unangenehmen Begegnungen. Ich hatte es geschafft, für Vater und Mutter ein Zimmer in unserem Wohnheim zu erhalten und somit war die Übernachtung fast kostenlos. Wir organisierten ein ausgiebiges Kulturprogramm. Wir fuhren nach Puschkin und nach Peterhof. In Peterhof amüsierten wir uns über die Touristen, die sich in den Wasserspielen verirrten.

Dort war ein Park angelegt und wenn man spazierte, spritze plötzlich Wasser aus dem Boden oder aus einem Baum. Die Touristen glaubten immer, dass das Geheimnis in den Steinen lag, auf die sie gerade getreten waren. Aber als sie ein weiteres Mal auf die Steine traten passierte überhaupt nichts. Der erfahrene Besucher wusste natürlich längst, dass diese Wasserspiele von einem Mitarbeiter des Parks gesteuert wurden, der in einer Hütte im Wald versteckt war. Er beobachtete und drückte einfach auf einen Knopf, wenn er meinte, dass es der richtige Moment dazu war.

Ein schönes Erlebnis war auch der Besuch des Astoria-Hotels. Dies war eines der führenden Hotels in Leningrad. Im Jahre 1941 hatte „Adolf der Braune“ geplant, hier seine Siegesfeier zur Einnahme von Leningrad abzuhalten. Es sollen sogar schon die Einladungskarten gedruckt worden sein. Aber die Geschichte hatte zum Glück einen anderen Verlauf genommen.

In einem besonderen Raum, der als Restaurant eingerichtet war, wurde jeden Tag ein sogenannter Schwedentisch geöffnet. Das Prinzip war, dass man pro Person vier Rubel zahlen musste und konnte dann soviel essen wie man wollte. Es war ein Büfett aufgebaut mit allem, was das Herz begehrte und man konnte so oft hingehen und sich einen Nachschlag nehmen, wie man wollte.

Anschließend gingen wir noch ein wenig spazieren und fanden dabei auch im Hotel Leningrad, in einer der oberen Etagen, eine echt russische Teestube.

Die Bedienung trat in Traditionskleidung auf, der Tee wurde in einer speziellen Teekanne angekocht und auf dem Samowar über Wasserdampf warm gehalten. Wir fühlten uns dort sehr wohl. Leider existiert heute diese Teestube nicht mehr.

 

Datum der Publizierung: 14.07.2013

Sowjetischer Alltag außerhalb der Akademie

In vorangegangenen Kapiteln habe ich schon einiges über unseren Alltag geschrieben, über unser Leben im Wohnheim und über die Jagd nach Defizitwaren, aber auch, wie schwer es war, an Lebensmittel heranzukommen. Es gab genügend Lebensmittelgeschäfte, nur waren diese nach dem Motto: „Keiner soll hungern ohne zu dursten“ nicht üppig mit Ware ausgestattet. In unmittelbarer Nähe unseres Wohnheims hatten wir zwei Lebensmittelgeschäfte. Von irgendeinem unserer Vorgängerkurse hatten diese Geschäfte Namen bekommen. Zum einen, damit man diese besser auseinanderhalten konnte und zum anderen sollte der Name das Geschäft eindeutig charakterisieren. So hieß das eine Geschäft „Schlauch“. Der Name kam daher, dass es eigentlich zwei Einzelgeschäfte waren, die irgendwann durch einen überdachten schmalen Gang miteinander verbunden wurden. Dieser schmale Gang war der Schlauch und so hatte das Geschäft seinen charakteristischen Namen weg.

Das zweite Geschäft hieß „Schweinestall“. In einem Schweinestall herrscht immer hochnotpeinliche Sauberkeit … nun, in diesem Geschäft gab es einige Nachlässigkeiten … dort gab es keine Schweine. Es liefen jede Menge Kakerlaken ungestört im Laden herum und Katzen lagen auch gleich neben dem Fleisch und dem Fisch. Kakerlakenbekämpfung wurde nicht vorgenommen. Hier gab es so eine Scherzbemerkung: „Schlage nie eine Kakerlake tot, denn dann kommen hundert zur Beerdigung.

Die Butter, wenn es denn welche gab, wurde in allen Geschäften von Leningrad in großen Blöcken angeliefert und durch die Verkäuferinnen mit einem Draht, an deren beiden Enden ein Holzknebel war, in kleine handliche Stücke zerteilt und in Papier verpackt. Das Personal im Schweinestall hielt es nicht für nötig, anständiges Papier zu nehmen und die Butter nicht mit bloßen Händen anzufassen.

Es nützte nichts sich zu beschweren. In jedem Laden hing ein Buch „Kundenbeschwerden und Anregungen“ aus. Regelmäßig wurde dieses Buch kontrolliert vom Direktor des Ladens, aber nicht, um die darin enthaltenen Beschwerden zu bearbeiten, sondern um rechtzeitig festzustellen, wann das Buch voll war, damit man es wegwerfen und ein neues Kundenbuch raushängen konnte.

Es machte auch keinen Sinn diesen Laden vollständig zu meiden, denn irgendwann musste man dorthin, nämlich dann, wenn in allen anderen Läden gar nichts im Angebot war, aber ausgerechnet im Schweinestall gab es Wurst oder Butter.

Einmal kam ich von der Akademie und hatte einen Heißhunger auf Spiegelei. Übrigens das einzige Gericht, was ich wirklich gut zubereiten kann. Also rein in den Schweinestall und zehn Eier gekauft. In fast allen anderen Läden wurden Eier im Selbstbedienungssystem verkauft. Es gab einen speziellen Apparat, mit dem jedes Ei durchleuchtet werden konnte, ob es gut oder schlecht war. Im Schweinestall gab es diesen Apparat nicht. Ich verlangte also zehn Eier und die Verkäuferin machte aus einer alten Zeitung einen Fidibus und packte die verlangten Eier ein. Zu Hause angekommen schlage ich das erste Ei in die Pfanne. Es war faul. Also weg damit. Das zweite Ei war auch faul. Mit meiner damaligen Leningraderfahrung werfe ich das zweite Ei natürlich nicht weg, sondern tue es in ein Glas. Das dritte auch faul und, um es kurz zu machen, alle anderen Eier auch. Das war eindeutig eine Provokation. Man hatte in diesem Laden faule Eier gesammelt und anscheinend die Planauflage des Fünfjahrplanes für das Sammeln von faulen Eiern schon erfüllt und beschlossen, die Überproduktion an faulen Eiern an dumme Kunden abzugeben. Ich hielt mich aber nicht für dumm, verschloss das Glas gut, denn es stank erbärmlich und ging zurück in den Schweinestall. Dort konnte man sich an mich erinnern. Immerhin war ich in Uniform und das prägte ein. Aber man war nicht bereit, die Eier umzutauschen. Ich zeigte die faulen Eier im Glas und auch das überzeugte nicht. Es hätte ja sein können, dass es sich um ganz andere Eier handelt als die, die ich vor zehn Minuten in diesem Laden gekauft hatte. Ich wurde in meiner Argumentation mit dieser Verkäuferin etwas lauter und es sammelten sich schon einige Kunden an, die anfingen sich einzumischen und sich ebenfalls über den Laden beschwerten und mich unterstützten. Ich stellte ein Ultimatum und nachdem dieses ergebnislos verstrichen war, öffnete ich das Glas und begann den ganzen Laden mit dem Gestank von neun faulen Eiern zu vergasen. Man kann es Erpressung in Naturalform nennen – für mich war das Ergebnis wichtig. Ich erhielt zehn frische Eier, mein Gesicht war bekannt und auch meine Art, Beschwerde zu führen. Das half für die Zukunft.

Interessant ist auch noch anzufügen, wie in sowjetischen Geschäften Ware erworben werden konnte. Man musste, egal was man haben wollte, Zeit und Nerven mitbringen. Zuerst rein in den Laden und schauen, was es gab. Also anstellen und warten, bis man einen der vorderen Plätze für die Besichtigung der Ware ergattert hatte. Gehen wir von dem Idealzustand aus, d.h. dass es irgendwas Schönes, Interessantes gab. Nun also möglichst laut, um die anderen zu übertönen, der Verkäuferin zuschreien, was und wie viel man wollte. Daraufhin stellte die Verkäuferin einen Scheck aus, in der Regel irgendein Papierschnipsel, worauf der Preis stand. Danach kämpfte man sich durch die anderen Wartenden wieder zurück und suchte eine Kasse. Dort stellte man sich wieder in die Schlange um zu bezahlen. Wichtig war, dass man sich die Nummer der Verkaufsabteilung gemerkt hatte, denn dies war die erste Frage der Kassiererin, denn es konnte sein, dass sich die Kassiererin für diese Abteilung nicht zuständig fühlte, obwohl das letztendlich alles wurscht war, denn auf dem Kassenzettel, den man bekam, stand überhaupt nicht drauf, zu welcher Abteilung der Umsatz zugezählt wurde. Man hatte nun den Kassenzettel mit Stempel und musste sich möglichst schnell und rücksichtslos durch die "Gaffer" an der Abteilung durchdrängeln und der Verkäuferin durch Winken oder ähnlich heftige Bewegungen klarmachen, dass man ein Kunde war, der schon bezahlt hatte. Wenn man Glück hatte, war die vorher ausgesuchte Ware noch vorhanden und man bekam sie übergeben. Sollte die Ware ausverkauft worden sein, in der Zeit in der man an der Kasse angestanden und bezahlt hatte, so ging das ganze Spiel wieder von vorne los, denn man wollte sein Geld wieder haben. Also, alles nicht so einfach, aber umso grösser war das Erfolgserlebnis etwas bekommen zu haben. Wie langweilig ist es doch heute in Deutschland, wo es kaum Schlangen gibt, das Verkaufspersonal oftmals höflich ist und man nur noch die Qual der Wahl hat.  Da macht das Einkaufen gar keinen Spaß mehr und das Glücksgefühl über das „Ergattern“ eines guten Stückes verflüchtigt sich sehr schnell, falls es ein solches überhaupt gegeben haben sollte.

 

Datum der Publizierung: 21.07.2013

Kultur- und andere Erlebnisse in Leningrad

 

Nun glauben sie aber bitte nicht, dass unser Studium nur aus Lernen und der Jagd nach Defizitware bestand. Nein, wir beschäftigten uns natürlich auch mit Kultur. Hier meine ich nicht nur die Pflichtbesuche in sämtlichen Leninmuseen und den Gedenkstätten des Großen Vaterländischen Krieges. Leningrad ist eine phantastische Stadt. Angefangen bei der Metro, die man unbedingt gesehen haben muss, über den Winterpalast mit der Eremitage, der Isaakkatedrale, der Kunstkamera, Peterhof, Puschkin und vieles mehr, bis hin zu den Hinterhöfen. Ja, auch die können interessant sein, wenn sie denn noch aus alter Zeit stammen.  Ich besuchte alles. Entweder, weil die Akademie diese Besuche organisierte oder weil ich selber Interesse hatte.

Mein Ziel war, alle Straßen von Leningrad zu Fuß abzuwandern. Dafür hatte ich mir eine Stadtkarte gekauft und zeichnete mit rotem Filzstift ein, wo ich gewesen war. Bei diesen Spaziergängen besuchte ich auch alles, was an kulturellen Dingen zu besuchen war.  Kultur wurde in Russland schon immer großgeschrieben und es war nicht so einfach in die Museen zu kommen. Es gab immer riesige Schlangen vor den Museen und für gute Theater- oder Ballettkarten musste man schon Beziehungen haben. Um diese Schlangen zu umgehen, gab es drei Möglichkeiten. Entweder man war Kapitalist, oder man hatte Beziehungen oder man war ein guter „Aufklärer.“

Ich erinnere mich noch an unseren ersten Besuch in der Kunstkamera. Das Museum befand sich in unmittelbarer Nähe der Akademie und an einem eiskalten Wintertag beschlossen wir, dort hinzugehen. Stundenlang standen wir in der Schlange und kamen völlig durchgefroren rein. Wir schauten uns alles aufmerksam an. Nicht alles fand meine Zustimmung oder war nach meinem Geschmack. Das Museum wurde von Peter dem Großen eingerichtet und war das erste öffentliche Museum Russlands. Innerhalb des Museums befand sich eine Spezialabteilung, in der Absonderlichkeiten der Natur gezeigt wurden. Es mag noch interessant sein, eine Kuh mit zwei Köpfen zu sehen, aber kleine Babys in Spiritus mit einem Auge auf der Stirn, das ist dann schon eine Geschmacksfrage. Das Museum war leider so aufgebaut, dass man diese Abteilung unbedingt passieren musste, ob man wollte oder nicht.

Der Ausgang war mit dem Eingang nicht identisch und da kam mir doch gleich der Gedanke, diesen Schwachpunkt des Museums auszukundschaften. Mir war unklar, warum vor mir noch keiner auf den Gedanken gekommen war, den Ausgang als Eingang zu benutzen. Oder waren die Russen, äh, nicht Russen, das durften wir nicht sagen, denn es handelte sich natürlich um Sowjetbürger, also waren die Sowjetbürger alle so diszipliniert? Am Ausgang war nur noch eine Garderobe, dessen Zweckbestimmung ich nicht kannte, weil dort keine Garderobe hing und ein altes Mütterchen stand da so rum. Beim nächsten Mal entschied ich, den Ausgang als Eingang zu benutzen und es klappte. Niemand fragte, niemand hielt mich auf. Mir ging es dabei nicht so sehr um das Sparen des Eintrittsgeldes. Der Eintritt war lächerlich billig. Ich wollte nur nicht in der Schlange stehen.

Schlange stehen ist eine typisch sozialistische Erscheinung und ich habe bis heute eine tiefe Abneigung dagegen, denn es ist verlorene Lebenszeit. Es gab damals einen Witz in der DDR. Fragt einer den anderen: „Was machst du, wenn du eine Schlange siehst?“ Antwortet der: „Ich renne weg. Und was machst du?“ „Ich stelle mich hinten an“, antwortet der Erste. Na gut, meine Partisanentaktik klappte nicht immer, aber immer dann, wenn ich wirklich für mich wichtigen Besuch hatte, dann konnte ich mit diesem Trick viel Zeit sparen.

Interessant war natürlich auch der Winterpalast mit der Eremitage. Auch hier hieß es Schlange stehen. Und hier gab es keinen Ausgang. Zumindest wusste ich es damals nicht besser. Im Jahre 2000, als ich in St. Petersburg war, gab es auch hier geld- und zeitsparende Möglichkeiten. Aber jetzt waren Eingang und Ausgang identisch und somit musste ich mir etwas anderes einfallen lassen. Ich kehrte also wieder den Kommunisten raus und schuf mir Beziehungen. Innerhalb des Museums gab es noch ein weiteres Museum, die „Goldkammer.“ Davon wussten damals die Wenigsten und meistens wurde dieses Museum auch nur Touristen aus dem westlichen, dem nichtsozialistischen Ausland gezeigt. Für uns Offiziere wurde ein Besuch über die Akademie organisiert und da legte ich gleich die Grundlagen, um ohne anzustehen Karten sowohl für die Eremitage wie auch für die Goldkammer zu bekommen. So konnte ich für eine ganze Reihe von Touristen aus der DDR Besuche in der Goldkammer organisieren. Diese zeigten sich großzügig, so dass ich auf der einen Seite oftmals zu interessanten Gesprächen oder auch Restaurantbesuchen eingeladen wurde, aber auf der anderen Seite auch sehr oft kostenlos in die Goldkammer kam und zum Schluss des Studiums fast als Fremdenführer in diesem Museum hätte arbeiten könnten.

Neben dem Studium, der Kultur und der Jagd nach defizitären Konsumgütern oder sogenannten Westimporten, waren wir auch bemüht, einheimische Dinge zu kaufen um damit unsere Wohnung in der DDR schön auszugestalten. In Leningrad gab es nur einen Basar, den Nekrasowsky-Rynok, wo es Matroschkas und andere handgearbeitete Holzartikel gab.  Schon bald waren wir dort bekannt und konnten auch zu Vorzugspreisen einkaufen, wenn wir nur den Mund hielten, wenn andere deutsche, insbesondere westdeutsche Touristen da waren. Die bezahlten nämlich ein Vielfaches von dem, was sonst als Preis gefordert wurde. Leider habe ich von den vielen schönen Sachen so gut wie nichts mehr. Während der Wende, also so 1990 aber insbesondere 1992, als ich meine Armeewohnung auflöste, habe ich fast alles verkauft und zu Westgeld gemacht. Ein Fehler, aber wer hat damals keine Fehler gemacht, nur um an das verdammte Westgeld ranzukommen.

In Leningrad versuchten wir mit dem „harten Ost-Rubel“ an weitere schöne Dinge heranzukommen. Es wurde sehr schönes Porzellangeschirr in Leningrad hergestellt. Leningrad hat eine alte und berühmte Porzellanfabrik. Manchmal wurde davon auch etwas in den Geschäften angeboten oder vielmehr in einem Geschäft auf dem Newski-Prospekt oder besser auf dem „Alten Newski“. Aber wir hatten nie Glück, etwas wirklich Außergewöhnliches zu bekommen. So beschloss ich mit einem Genossen kurzerhand eine Delegation zu gründen und gingen als Parteibeauftragte der deutschen Studiengruppe in die Porzellanfabrik und baten, nein ... nicht mit dem Produktionsdirektor  sprechen zu dürfen, nein, nein, der Parteisekretär war für uns der Richtige. Wir schilderten ihm die Situation, dass eine Delegation aus dem Verteidigungsministerium anreist, um unsere Akademie zu besuchen und wir ein repräsentables Geschenk für die Genossen Generäle brauchen, aber in den Geschäften nichts Geeignetes zu finden wäre. Wir baten ihn um sozialistische Hilfe. Das war damals der gängige Ausdruck, wenn man in einer ausweglosen Situation war und an das Bewusstsein Anderer appellierte. Wir im Sozialismus haben uns immer etwas mit den Bezeichnungen verbogen und neue Wörter erfunden, bei denen man sich fast die Zunge abgebrochen hat. Aber wir wollten uns vom ideologischen Gegner unterscheiden und das fängt dann eben nicht zuletzt bei der Vergewaltigung der eigenen Sprache an.

Der Genosse Parteisekretär tat sich schwer mit der sozialistischen Hilfe. Wir appellierten mehrere Male an sein Parteibewusstsein und errangen einen Teilerfolg. Er übergab uns ein Service, welches eigentlich auch in der Stadt zu haben war, aber in der Komplettversion. Das bedeutet, es war ein Sahnekännchen mit dabei. In der Sowjetunion brauchte man kein Sahnekännchen, da es keine Sahne gab und deshalb war das Service, welches es im freien Verkauf in der Stadt gab, eben „ohne“ im Angebot. Wir erhielten hier also die Exportvariante. Tja, es war aber nur ein Service. Wir machten noch mal den schüchternen Versuch und wiesen darauf hin, dass die Delegation aus mehreren Generälen bestehen würde. Aber der Großmut des Parteisekretärs hatte seine Grenzen. Sicher hatte er wohl auch schon Erfahrungen mit solchen Pfiffikussen wie uns. So gingen wir schließlich zur Buchhaltung, bezahlten das Geschirr zum Industrieabgabepreis und verschwanden. Ich einigte mich mit meinem Kumpel und überließ  ihm das Service – immerhin war er verheiratet.

 

Datum der Publizierung: 28.07.2013

Zwischenmenschliches und  Peinlichkeiten

Ich erinnere mich an zwei Erlebnisse, über die man heute schmunzeln kann.

Das erste Erlebnis reicht noch in die Zeit des Vorbereitungskurses zurück. Ich bewohnte mit einem Genossen das  kleinere Zimmer in unserer Wohnung. Er  war ein Naturmensch durch und durch und immer dafür, nachts das Fenster offenzuhalten. Ich wollte es geschlossen haben. Im Sommer ist das weniger strittig, aber im Winter war das für mich schon eine Prinzipfrage. Die Fenster hatten in Leningrad eine sehr schlechte Qualität und um im Winter irgendwie die Temperaturen zu halten, wurden die Fenster und Fensterritzen mit Zeitungspapier ausgestopft und anschließend mit zugeschnittenen Papierstreifen aus groben Papierkarton abgeklebt. Dieser Prozess nannte sich auch offiziell Fensterabkleben und gehörte zur Standardwintervorbereitung des sowjetischen Volkes. Damit war es im Winter natürlich nicht mehr möglich, die Fenster zu öffnen. Um trotzdem lüften zu können, gab es die sogenannte „Fortotshka“, ein Fensterchen im Fenster. Das wurde nicht abgeklebt und mein Stubenpartner wollte es in der Nacht offen haben. Wir hatten aber in Leningrad minus 33 Grad, und das war mir dann doch ein wenig zu kalt. Und damit begann der Streit. Eines Tages kam ich abends nach Hause und die Fortotshka fehlte überhaupt. Mein Mitbewohner hatte sie kurzerhand ausgehangen und versteckt. Es war eine Saukälte in der Wohnung. Die anderen Mitbewohner hatten einfach die Zwischentür zugemacht und den Gasherd in der Küche auf volle Pulle gedreht und damit Korridor und zweites Zimmer beheizt. Und sie warteten amüsiert den weiteren Gang der Dinge ab. Es ging nicht weiter. Wo sollte ich das Fenster suchen und selbst wenn ich es fand würde mir mein Mitbewohner keine Möglichkeit geben, es wieder einzuhängen. Deshalb zeigte ich einfach schlechte Laune und legte mich schlafen. Laut sowjetischer Ausstattungsnorm stand uns eine Wolldecke zu. Ich fror schrecklich in der Nacht. Aber auch mein Mitbewohner muss die Nacht nicht besonders gut verbracht haben. Am nächsten Morgen schauten wir uns unausgeschlafen an und ich meinte immer noch schlecht gelaunt: „Ich bin vor Kälte nicht in den Schlaf gekommen. Heute Abend ist die Fortotshka wieder drin, oder Du lernst mich von einer anderen Seite kennen.“ „Mir war auch verdammt kalt und ich habe auch nicht geschlafen“, meinte mein Mitbewohner, „aber ich war einfach zu faul aufzustehen und das Fenster wieder einzuhängen.“ Ich war sprachlos. Da hatte doch der Bursche die ganze Nacht sich ebenfalls rumgequält und nur weil er zu faul war aufzustehen und innerhalb von zwei bis drei Minuten die Fortotshka wieder einzuhängen, froren wir beide uns fast den Allerwertesten ab.

Ein weiteres Erlebnis erstreckte sich über mehrere Jahre. Wir waren als Armeeangehörige der NVA auch in der Sowjetunion verpflichtet, einmal jährlich zu einer sogenannten medizinischen Jahresgrunduntersuchung zu gehen. Das lief so ab, dass wir ein Gesundheitsbuch erhielten und im Medpunkt der Akademie alle Arztstationen abzulaufen hatten. Das taten wir dann auch. Ich lief mit einem Studiengenossen die Stationen  ab. Wir waren beim Zahnarzt, beim Orthopäden und bei vielen anderen Ärzten. Es blieb noch ein kleiner Korridor mit zwei Arztzimmern übrig. Wir wussten aber nicht, welche Ärzte dort praktizierten. Üblich war auch die kollektive Abfertigung von Patienten. Es wurden immer mehrere in das Behandlungszimmer reingerufen. Es gab keinerlei Diskretion. Nun gut, als Offiziere waren wir sowieso nicht so zimperlich und so gingen wir auch in das linke Zimmer in diesem kleinen Korridor. Der Arzt forderte uns auf, uns komplett auszuziehen. OK, das machten wir. Dann forderte der Arzt mich auf, mich zu bücken und es begann die Untersuchung der intimsten Orte des Menschen in aller Ausführlichkeit. Mein Studiengenosse wusste gar nicht, wo er vor lauter Peinlichkeit hinschauen sollte. Danach wiederholte sich alles mit ihm. Auch er wurde in meinem Beisein in aller Peinlichkeit untersucht. Ich konnte den Raum nicht verlassen, weil der Doktor mit uns noch sprechen wollte und das Gesundheitsbuch bis dahin nicht rausrückte. Endlich war die Prozedur beendet und wir verschwanden aus dem Kabinett. Wir beschlossen, uns dieses Zimmer zu merken und nächstes Jahr einfach nicht mehr hinzugehen. Gesagt, getan. Es kam das nächste Jahr und wir liefen wieder alle Stationen ab und kamen zum Schluss  in den kleinen Korridor. Wir ignorierten das linke Zimmer und gingen sofort in das rechte Kabinett. Oh, Schreck, wir fanden den Arzt vom vergangenen Jahr in diesem Kabinett wieder. Man hatte die Zimmer getauscht und wir hatten das nicht gewusst. Wieder begann die Peinlichkeit. Dem Arzt machten unsere Bemerkungen überhaupt nichts aus.

Man war in der Sowjetunion ein großes Menschenkollektiv und es gab keine Heimlichkeiten untereinander. So wohnten die Leute auch in großen Kommunalwohnungen mit zehn oder mehr Familien zusammen und teilten sich eine Küche, eine Toilette und ein Bad, falls es ein Bad gab. Auch vor den Toiletten gab es keine Türen. Alles war frei einsehbar. Das hatte mit Kultur wirklich nichts zu tun und es ist wohl für niemanden erklärlich, warum dies so sein musste. Wenn man sich Kommunalwohnungen noch mit Wohnungsknappheit erklären kann, so gibt es wohl ganz bestimmt keine akzeptable Erklärung für Toiletten ohne Türen und kollektive Untersuchungen beim Arzt. Wir verließen das Arztzimmer und fassten einen strategischen Entschluss. Wir gingen davon aus, dass der Arzt wieder umziehen könnte und der Medpunkt war groß. Wir entschlossen uns, an dieser Jahresgrunduntersuchung nicht mehr teilzunehmen. Zum einen wollten wir diese Peinlichkeiten vermeiden und zum anderen waren wir nicht so richtig von der Effektivität der medizinischen Betreuung überzeugt. Außerdem stand uns auch die medizinische Betreuung in der DDR weiterhin zur Verfügung und so kam es, dass wir weitere medizinische Untersuchungen in Leningrad ablehnten. Das rief natürlich den Unmut der Akademieverwaltung hervor und man wollte uns Befehle geben. Wir weigerten uns standhaft und meinten, dass, wenn man uns zwingen würde, wir unser Ministerium über die Untersuchungsmethoden informieren würden. Da sich andere deutsche Offiziere auch unserer Meinung anschlossen und die Akademie keinen Skandal hervorrufen wollte, verlief die ganze Angelegenheit im Sande und wir hatten für die letzten beiden Jahre unsere Ruhe. Heute nutze ich diese Episode, um in munterer Runde diese zum Besten zu geben. Ich komme dabei zwar nicht gut weg, aber man muss auch mal über sich selber lachen können.

 

Datum der Publizierung: 04.08.2013

Besuch aus dem Verteidigungsministerium

1983 fand an unserer Akademie ein sogenannter „Runderneuerungskurs“ statt. Das waren Kurse von sechs Wochen zur Auffrischung und Neuvermittlung von Wissen für Leitungskader der NVA. Ich wurde gebeten, mich um zwei Mitglieder dieser Ausbildungsgruppe zu kümmern, da  diese weder Russisch konnten noch sich in Leningrad auskannten. Da konnte ich also Angenehmes mit Nützlichem verbinden, zumal sich auch noch herausstellte, dass wir uns bereits aus früheren dienstlichen Gemeinsamkeiten kannten.

So lud ich beide zu mir ins Wohnheim ein und versuchte mit meinen Möglichkeiten einen angenehmen Abend zu organisieren. Beide kamen viel früher als  wir verabredet hatten und das traf mich unvorbereitet – ich hatte noch keine «Grundlage» für den Abend geschaffen. Der ganze Tag war schon stressig gewesen und nun ahnte ich Schreckliches.

Rund zwei Stunden hielt ich durch. Mir ging es wirklich gut und den Beiden ging es noch besser. Beiden ging es so gut, dass sie sich entschlossen noch zu bleiben. Ein paar Mal wurde ich an die frische Luft geschickt um dem Fahrer mitzuteilen, dass es noch ein wenig dauert. Und dann erwischte es mich irgendwann - das kleine grüne Männchen mit dem großen Hammer, gleich hinter der Tür an der frischen Luft und versetzte mir den letzten Hieb.

Ich kam zurück, baute mich vor den Beiden auf und bat militärisch stramm wegtreten zu dürfen. Ob sie mir dies gestatteten oder nicht weiß ich nicht mehr, auf alle Fälle wachte ich am nächsten Morgen irgendwie in meinem Bett auf. Ich hatte einen Riesenbrummschädel. Die Küche sah einigermaßen vernünftig aus. Alle Teller waren sauber abgegessen, alle Flaschen völlig leergetrunken. Ich brauchte also nur noch die Flaschen für die nächste Leergutabgabe zu sortieren, die Teller abzuspülen und mich für den Akademiebesuch vorbereiten. Klar hätte ich mich krankmelden können, aber ich erinnerte mich an meinen ehemaligen Regimentskommandeur, welcher mir einmal sagte: „Niemeier, saufen kannst du immer, aber am nächsten Tag musst du trotzdem stehen.“ Und das war mir klar und so fuhr ich zur Akademie. Meine Genossen waren hilfreich. Sie weckten mich immer rechtzeitig im Unterricht damit mein Zustand nicht auffiel.

Da mir ein Stück Film fehlte, fuhr ich am Nachmittag zum Wohnheim meiner Bekannten. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen – war alles normal verlaufen? Meine Sorge war unbegründet. Beide hatten gerade ein Paket aus der «Heimat» bekommen und die Flasche «Echter Nordhäuser» wurde dann gemeinsam getrunken.

Während meines nächsten Kurzurlaubs in der DDR erhielt ich den Befehl, zum Verteidigungsministerium zu kommen. Ich meldete mich in den heiligen Hallen und mit mir wurde ein Kadergespräch geführt und mir wurde mein späterer Einsatzort vorgeschlagen. Ich konnte wählen zwischen Erfurt und Eggesin. Ich entschied mich zum Entsetzen meiner Gesprächspartner für Eggesin. Man sagte mir, dass das doch nur ein Scherz sei und ich selbstverständlich nach Erfurt gehen werde. Ich lehnte dies aber ab. Ich wollte keine schöne Stadt, ich wollte in einem Ort dienen, wo man sich beweisen musste. Eggesin war, genau wie Prora für viele ein Verbannungsort. Für mich aber ein idealer Ort meine Fähigkeiten zu testen. So wurde also beschlossen, dass ich mein Praktikum in Eggesin abzuleisten hätte und dann dort als Abteilungsleiter im Divisionsstab  eingesetzt würde.

Im Sommer 1983 war es dann soweit. Zum Ende des vorletzten Studienjahres fuhren wir ins Praktikum. Voller Erwartung meldete ich mich bei dem für mich zuständigen stellvertretenden Divisionskommandeur. Dieser meinte gleich zu Anfang, dass ich mit meinem Einsatz als Abteilungsleiter völlig unterbewertet sei. Woher er diese, an sich für mich positive Weisheit nahm, war mir zwar unklar, aber er würde sich schon weiter erklären. Er wolle mich als stellvertretenden Regimentskommandeur einsetzen. Höflich, aber wohl nicht höflich genug, teilte ich ihm mit, dass ich kein Interesse an seinem Vorschlag habe und kein Kommandeur werden wolle, sondern Abteilungsleiter. Er meinte kurz angebunden, dass immer noch in dieser Division das gemacht wird was er sagt und ein guter Genosse an dem Ort zu dienen habe, wo die Partei ihn hinstellt.

Mein Gott war ich sauer. Freiwillig hatte ich mich nach Eggesin gemeldet um eine Planstelle zu bekommen, wie ich sie mir wünschte und landete nun bei einem Chef, den das alles nicht interessierte. Wenn ich also hier nicht das werden konnte, was ich wollte, wozu sollte ich dann noch nach Eggesin? Ich hatte das Ziel, mich auf der Fachstrecke weiter zu qualifizieren. Die Laufbahn als Stellvertretender Regimentskommandeur versprach zwar auch sehr viel, aber sie war ganz einfach nicht interessant für mich. Nicht nur, dass ich in der schwierigsten Division zukünftig dienen sollte, die die NVA hatte, ich landete auch noch bei einem Chef, der mich anscheinend von Anfang an nicht leiden konnte. Und der schickte mich auch noch in das schwierigste Regiment dieser Division, wo regelmäßig die Köpfe rollten.

Im Regiment selber kam ich klar, sowohl mit dem Mann, den ich im kommenden Jahr ablösen sollte, wie auch mit anderen Offizieren aus dem Stab. Ich fühlte mich auch wohl, nur die Richtung des Dienstes gefiel mir nicht. Zum Abschluss des Truppenpraktikums führte mein zukünftiger Chef ein Auswertungsgespräch mit mir und meinte, dass er sehr zufrieden sei mit meinen gezeigten Leistungen und er sicher eine richtige Entscheidung getroffen habe. Er freue sich sehr, mich nach dem Studium wieder hier in Eggesin begrüßen zu können.

Ich war sauer. Entweder hatte er wenig Menschenkenntnis oder er verarschte mich. Er musste doch sehen, dass ich keine Lust hatte. Das hatte natürlich nichts mit meiner Einsatzbereitschaft und Aufgabenerfüllung zu tun. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und gab ihm eine recht schroffe und unhöfliche Antwort. Ich sagte ihm, dass ich seine Kaderpolitik nicht verstehe und glaube, dass diese nicht mit den Interessen der Partei übereinstimme, zumindest, was meine eigene Person anbelangt.

Da hatte ich mich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, denn was die Politik der Partei anbelangt, so konnte sich hier nur der Genosse Honecker eine fundierte Äußerung leisten, aber auf keinen Fall so ein junger Hüpfer wie ich. Aber ich lehnte mich noch weiter aus dem Fenster und teilte ihm mit, dass ich keine Lust hätte, in seine Division zurückzukehren. Das war wirklich sehr mutig von mir. Ich wusste nicht, wie viel Einfluss er hatte und warum er so selbstsicher auftrat. Ich hoffte einfach nur auf meine Verbindungen zum Ministerium. Wenn die nicht funktionieren sollten und ich nach Eggesin zurück musste, dann wären für mich alle Messen gesungen.

Wir schieden also im besten Nichteinvernehmen. Ich flog zurück nach Leningrad, jedoch mit einem kurzen Aufenthalt in Strausberg. Dort erkundigte man sich nach allem und meinte anschließend: „Bleib locker“.

 

Datum der Publizierung: 11.08.2013

Feldlager Krasnoje Selo

Zum Ende des jeweiligen Studienjahres fand in den Sommermonaten immer ein Feldlager in Krasnoje Selo statt. Die Akademie wurde dicht gemacht und alle Offiziershörer wurden in das Dorf Krasnoje Selo, weit vor den Toren Leningrads verlegt. Wir waren in sogenannten Finnhütten untergebracht. In diesem Lager wurde der Unterricht einfach wie gewohnt fortgesetzt. Nur, dass wir eben an der frischen Luft waren und einige praktische Übungen machen konnten.

Einer unserer Ausbilder war Oberst Borodin, ein altgedienter Offizier, der während des Großen Vaterländischen Krieges als Panzersoldat gegen die Deutschen gekämpft hatte und dreimal abgeschossen wurde. Aber er überlebte und war uns keineswegs böse, dass unsere „Väter und Großväter“ ihm so zugesetzt hatten. Er gestaltete den Unterricht sehr locker und wir hatten viele gemütliche und amüsante Stunden mit ihm.

Er zeigte uns eine Riesengrube, die allerdings schon mit Gras und Bäumen wieder zugewachsen war. Er erläuterte, dass hier während der Blockade von Leningrad die deutschen Truppen ihre „Dicke Berta“, also die Riesenkanone stationiert hatten und von hier aus Leningrad beschossen. Es kam ein wenig gedrückte Stimmung auf, aber er meinte, wir sollten das nicht so verbissen sehen. Die Zeit des Krieges sei vorbei und heute seien wir Freunde.

Da wir keine Artilleristen waren, konnten wir den Stationierungsort für die Dicke Berta auch nicht richtig einschätzen. Uns erschien er aus völlig anderen Gründen ungeeignet. Es gab Unmengen von Mücken und es half nichts gegen dieses Viehzeug. Unter uns waren zwei Raucher und die wurden nun verurteilt, ununterbrochen zu rauchen. Wir waren auch bereit, die Kosten für das Zusatzrauchen gemeinsam zu tragen. Aber es half wenig.

Morgens machten wir unseren Frühsport. Auch dies wurde locker gehandhabt. Die Lagerleitung wünschte sportliche Betätigung, zwang aber niemanden. Wir zogen unser NVA-Sportzeug an, kurz rot-gelb genannt. Es war eine kurze rote Sporthose und ein gelbes Sporthemd ohne Ärmel. So rannten wir los, kamen aber nicht sehr weit. Ein Oberst hielt uns an und es begann eine Schimpfkanonade. Es fielen solche Worte wie unmoralisch, sexuell anmaßend, Taktlosigkeit und vieles mehr. Wir verstanden gar nicht. Er ließ sich unsere Personalien geben und schon bald wurden wir zu unserem sowjetischen Chef gerufen. Der war mit solchen Problemen wohl schon vertraut und bat uns, zukünftig Trainingsanzüge anzuziehen. Man war es in der Sowjetunion nicht gewohnt, in kurzem Sportzeug rumzulaufen. Während der Olympischen Spiele in Moskau vor einem Jahr waren zwar auch alle Sportler in kurzem Sportzeug herumgelaufen und keiner hatte Anstoß daran genommen, aber die Armee hatte wohl besondere Ansichten und Vorstellungen. Der Sommer war sehr heiß und da wir kein kurzes Sportzeug anziehen durften beschlossen wir, keinen Sport mehr zu treiben.

Überhaupt war man damals in der Armee in einigen Fragen mehr als prüde. In den Sommermonaten liefen wir natürlich in Uniformbluse herum und hatten den Kragen offen, genauso, wie es unsere Dienstvorschrift vorsah. Dies erregte öffentliches Ärgernis, weil einige unserer Genossen auf der Brust etwas stärker behaart waren und dies am Blusenausschnitt zu sehen war. Per Akademiebefehl wurde befohlen, dass wir, so wie die sowjetischen Offiziere, nur noch mit geschlossener Bluse und Binder auftreten dürften. Dies rief einen kleinen Skandal hervor, da es so einen Befehl nur an unserer Akademie gab und dieser Befehl gegen die Dienstvorschriften der NVA verstieß. Bei anderen Akademien gab es wohl weniger prüde Offiziere und so hätte es ein heilloses Durcheinander in den Bekleidungsvorschriften der deutschen Offiziere gegeben. Dazu kam ein gewisser Nationalstolz. Natürlich war „der große Bruder“ Vorbild für uns. Und trotzdem wollte sich niemand zu sehr in die täglichen Belange des Lebens hineinreden lassen. Und so versuchte man zumindest bei diesen Kleinigkeiten seine eigene Meinung und eine „nationale Unabhängigkeit“ zu demonstrieren. Und es gelang uns. Es saßen dann wieder die „Diplomaten“ zusammen, um eine Lösung zu finden. Sie wurde gefunden und zwar so, wie es vernünftig war. Die nationalen Dienstvorschriften waren für jeden bindend und prüde Vorstellungen einiger subalterner sowjetischer Offiziere hatten zurückzustehen.

Zu unserer Ausbildung in diesem Sommerlager gehörten auch Kochlehrgänge. Eine lobenswerte Sache, nur entsprachen die in der sowjetischen Armee verabreichten Speisen nicht ganz unseren Geschmacksvorstellungen. Das was wir in der Stalowaja bekamen war eine Sache, dass was unter Feldbedingungen gekocht wurde eine ganz andere. Aber unser Geschmack und unsere Lieblingsspeisen waren in diesem Kochlehrgang nicht gefragt und so bereiteten wir sowjetische Feldlagerverpflegung zu: Kascha! Es fand wieder die gewohnte Arbeitsteilung statt. Wir kochten mit unseren Tschechen zusammen. Ich war verantwortlich für das Abwaschen. Dann „durften“ wir das essen, was wir gekocht hatten. Wir hatten uns schon Mühe gegeben, aber Kascha war nun mal nicht das, was wir gerne mochten. Ich saß in der Nähe der Zeltwand und schaufelte unauffällig Löffel für Löffel dieser „Götterspeise“ vom Teller unter die Zeltwand nach draußen. Aber unser Ausbilder musste mich beobachtet haben. Nachdem mein Teller leer war kam er zu mir und meinte: „Oh, Oberleutnant, schon fertig? Es hat ihnen also geschmeckt? Dann gebe ich ihnen gleich noch einen Nachschlag. Es ist noch etwas Kascha da.“ Und schon hatte ich einen wohlgefüllten Teller wieder vor mir stehen und damit es mir nicht so langweilig wurde, setzte er sich zur Gesellschaft neben mich. Während ich mich quälte, hielt er mir einen Vortrag über die schwierige Arbeit in der Landwirtschaft, über Hungersnöte in der Welt das man Lebensmittel nicht verschwendet. Ich löffelte den Teller leer und hatte die Lektion verstanden. Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder irgendein Lebensmittel weggeworfen oder verderben lassen.

 

Datum der Publizierung: 18.08.2013

Manöver – hinter´m Polarkreis und in Kaliningrad

Zwei Ereignisse während des Studiums habe ich noch vergessen zu erzählen. Wir haben an zwei Übungen teilgenommen. Die eine Übung fand in Kandalaktscha statt. Der Ort befindet sich hoch im Norden, unweit der finnischen Grenze. Mit dem Zug waren wir fast drei Tage unterwegs um dorthin zu gelangen.

Trotzdem es Mitte März war, herrschte noch tiefster Winter. Wir waren sehr stolz auf unsere Teilnahme an dieser Übung, denn immerhin befanden wir uns hinter dem Polarkreis und nicht jedem wurde die Gelegenheit gegeben, an solche Orte zu fahren.

Wir wurden speziell eingekleidet und zogen gerne freiwillig die sowjetischen Winteruniformen an, die speziell für diese Region geschaffen waren. Unsere NVA-Uniformen waren für solche Wintereinsätze nur bedingt tauglich. Hohe Walenkis, also Stiefel aus Filz - etwas Wärmeres für die Füße gibt es einfach nicht. Dazu sind sie auch noch bequem. Dann bekamen wir noch Fußlappen und einen Schafspelzmantel mit superhohem Kragen. Es war trotzdem kalt, aber wir hielten durch. Um uns als echte deutsche Offiziere zu zeigen hatten wir beschlossen, egal wie die Kälte kneifen sollte, die Ohrenklappen der Wintermütze nicht runterzuklappen. So hielten wir es übrigens auch in den Wintermonaten in Leningrad. Die tiefsten Temperaturen, die ich erlebt habe, waren minus 33 Grad. Wir hielten durch. Wir zitterten nicht vor Kälte, sondern vor Wut, dass es nicht noch kälter war.

Die Übung war interessant. Eine ganze Panzerdivision war unterwegs und wir sahen mit großen Augen, wie ein sowjetischer Divisionskommandeur mit einfachsten Mitteln seine Division führte. Die Technik war denkbar einfach und denkbar effektiv. Die Moral der Soldaten und Offiziere die wir sahen war hoch, ungeachtet dessen, dass es den Menschen in der Sowjetunion nicht gut ging. Aber wenn es um die Verteidigung des Vaterlandes ging, gab es keine Zweifel an der Einsatzbereitschaft. Im Stillen dachte ich immer und denke auch heute noch: hoffentlich haben wir die Russen niemals mehr als Feinde. 

Zum Ende der Übung wurden wir in das Kulturhaus der Offiziere eingeladen und uns wurde das Gardeabzeichen der Division verliehen. Natürlich war dies ein symbolischer Akt, trotzdem waren wir stolz. Getragen haben wir dieses Abzeichen nicht, denn an sich wurde dieses Abzeichen im Großen Vaterländischen Krieg den Truppenteilen verliehen, welche sich durch besonders mutigen Kampfeinsatz ausgezeichnet hatten. Wir hatten nur mit der Kälte gekämpft … also kein Anlass Gardeoffizier zu werden.  

Die zweite Übung fand ungefähr sechs Monate später statt. Dazu fuhren wir in die Region Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg in Ostpreußen. Wir kannten das damals nicht. Ostpreußen war uns kein Begriff und wir empfanden es auch nicht so, dass Kaliningrad eine geschlossene Stadt war. Man erzählte es uns nicht und für uns war es nicht wichtig. Hier nahmen wir wieder an einer Divisionsübung teil. Und auch hier zeigte man uns, wie man unter Einsatz geringster Mittel gute Kampfergebnisse erzielen konnte.

Für mich ist noch besonders im Gedächtnis geblieben, wie ich dort lernte einige Dinge zu essen und zu trinken, die ich bis dato verabscheut hatte, nämlich Salar, also Speck, und Kwass, ein nicht gerade schön aussehendes, aber wohlschmeckendes hefehaltiges alkoholfreies Getränk. Es waren superheiße Tage und wir marschierten durch Wald und Flur in voller Montur. Plötzlich kamen wir auf eine Lichtung. Dort war ein riesiges Zelt aufgebaut und gleich daneben stand eine mobile Brotbackanlage, die schon einen hervorragenden Duft von frischem Brot verbreitete. Hungrig und durstig gingen wir in das Zelt. Der Tisch war eingedeckt mit all den Leckereien, die ich nicht mochte.  Das frische Brot war natürlich einmalig. Absolut nicht zu vergleichen mit irgendeinem anderen Brot, das man zu kaufen bekam. Auch heute würde ich Brot aus der Feldbackanlage jedem anderen Brot vorziehen. Ich kaute das Brot und die jungen Zwiebeln und beschloss, unter Unterdrückung allen Unwohlseins, auch den Speck zu kosten. Und siehe da, es schmeckte. Es schmeckte sogar super und ich kaute und kaute und ... Und auch der Kwass schmeckte plötzlich. Da kann man mal sehen, wie die Not einem zu neuen Erkenntnissen verhilft.  

Hätte ich damals schon gewusst, dass ich dreizehn Jahre später wieder nach Kaliningrad zurückkehre, so hätte ich mir die Stadt sicher besser angeschaut. Aber ich wusste es nicht und deshalb ist mir auch von meinem Aufenthalt nicht mehr viel in Erinnerung geblieben. Ich erinnere mich, dass wir in einem Panzerregiment in Gussew, dem ehemaligen Gumbinnen übernachtet hatten.

In meinem privaten Fotoalbum habe ich noch einige Fotos, die uns vor den damals hochmodernen und in der DDR streng geheimen Panzern T-72 zeigten. Die NVA verfügte damals nur in der Dresdner Panzerdivision über ein Regiment mit diesen Panzern. In der Zwischenzeit gab es in der Sowjetunion schon längst den Nachfolgetyp T-80, von denen wir als Offiziershörer gerüchteweise schon gehört hatten. Hier sahen wir aber zum ersten Mal den T-72.

Unsere sowjetischen Begleiter forderten uns auf, sie zu fotografieren und stellten sich vor diese Panzer. Wir hatten uns in der Zwischenzeit schon daran gewöhnt, dass man in der Sowjetarmee einige Dinge nicht ganz so verbissen sah, wie wir in der NVA. Man konnte schon fotografieren und das, was wirklich geheim war, zeigte man uns sowieso nicht. Und so kam ich dann zu Fotos vom T-72, welche in der DDR, hätte man gewusst, dass ich sie hatte, sofort als geheim eingestuft worden wären. 

 

Datum der Publizierung: 25.08.2013

SOWJETISCHE PLANWIRTSCHAFT

Ich lebte jetzt drei Jahre im Wohnheim der Akademie. Die Wohnungen waren, nach unserem deutschen Verständnis, schlicht eingerichtet. Sie hatten Küche, Bad und ein «Kombi-Zimmer». Wir wohnten zu zweit in dieser Ein-Raum-Wohnung.

In all den Jahren wurde nie etwas in den Wohnungen gemacht. Wollte man etwas ändern, so musste man es selber machen. Ansonsten verlief in diesem Wohnheim, wie eben in allen sozialistischen Ländern üblich, alles nach Plan. Irgendwann zum Ende des Jahres 1983 erhielt unser Aufgang «Kosmetika» und es wurden einige Reparaturen an der Wasserleitung vorgenommen.  Die baulichen Unannehmlichkeiten hielten sich in Grenzen. Der größte Teil der Instandsetzungen erfolgten während unseres Halbjahresurlaubes in der DDR.

Die Instandsetzung der Wasserleitungen war dringend notwendig geworden. Wenn man den Wasserhahn aufdrehte, gab es immer sehr laute Schlaggeräusche. Man konnte glauben, dass die Wasserleitung zertrümmert würde. Ein Klempner in der DDR erklärte mir, dass sicher bei der Isolierung der Verbindungsstücke irgendetwas in der Leitung drinnen hängt und durch den Wasserfluss diese starken Schlaggeräusche auftreten. Da es diese Geräusche in fast allen Häusern und Wohnungen gab die ich in Leningrad kannte, machte ich mir keine Gedanken und nahm es einfach als unabänderliche Tatsache hin.

Eines Tages am Nachmittag kam ich von der Akademie. Es war noch Winter und kalt und  eine heiße Wanne war genau das Richtige zum aufzuwärmen. Während ich das wärmende Gefühl genoss und an nichts Böses dachte, gab es plötzlich einen mächtigen Knall.

In der Wohnung über uns wohnten Offiziere aus arabischen Staaten. Sie unterschieden sich in ihrer Wohnkultur doch erheblich von unseren europäischen Standards. Sie transportierten zum Beispiel lebende Hammel im Fahrstuhl in die Wohnung, um diese zu irgendeinem Feiertag in der Wanne zu schlachten. Die Wohnheimleitung unternahm nichts, denn diese Offiziere waren Söhne von reichen Eltern und bezahlten sehr viel Geld für das Studium und den Aufenthalt in diesem Wohnheim. Und, was das Wichtigste war, sie bezahlten in harter Valuta.

Ich regte mich also wieder ab und badete weiter, als es von oben anfing zu tropfen. Ich sprang aus der Wanne und sah dann schon das Elend im Korridor und bemerkte, wie sich fast sturzbachartig das Wasser durch die Decke in der Küche und im Schlafzimmer seinen Weg bahnte. Halbnackt rannte ich zur Diensthabenden des Wohnheims. Natürlich war sie nicht da. Es ist immer so: Wenn man sie braucht, ist sie nicht da, wenn sie aber nicht da sein soll, dann liegt sie wie ein Wachhund auf der Lauer. Irgendwann fand ich sie und den Hausmeister, der den Hauptwasserhahn abdrehte. Mein Besuch bei den Bewohnern der oberen Etage brachte mich zum Staunen. Die Araber saßen in aller Gemütsruhe in der Küche und tranken Tee. Ich fragte, ob sie nicht etwas gegen das kniehoch in der Wohnung stehende Wasser machen wollten. „Nein,“ meinten sie, „es läuft sowieso nach unten ab und in spätestens einer Stunde ist die Wohnung trocken.“ Na, der Logik kann man sich wohl nicht verschließen. Ich nahm meinen ganzen Vorrat an russischen Fluch- und Schimpfwörtern zusammen und begann zu toben. Endlich bequemten sich die Herren und schöpften in aller Ruhe mit einer Schöpfkelle das Wasser in die Wanne.

Gemeinsam mit allen anderen Bewohnern der vier betroffenen Etagen kämpften wir bis spät in die Nacht mit den Folgen des Rohrbruchs. Die Wohnungen waren jetzt zwar trocken und der Havariedienst hatte die geborstene Wasserleitung repariert, aber die Wohnungen sahen natürlich schlimm aus. Die Tapeten rollten sich von den Wänden, die gekalkten Wände waren jetzt betongrau, denn der Kalk war natürlich vom Wasser abgewaschen worden, der Fußboden war eine Katastrophe.

Am nächsten Tag ging ich nicht zur Akademie, sondern zur Verwaltung des Wohnheims. Dort hatte man natürlich schon von dem Unglück gehört und hörte sich meine Lamentiererei mit höflichem Interesse an. Ich wurde bedauert und es tat allen schrecklich leid, was passiert war. Man erkundigte sich höflich, ob denn Bettwäsche, Wolldecken und die Handtücher getauscht worden waren. Na, die haben Nerven, dachte ich.

Wäschetausch war im Wohnheim alle vierzehn Tage und die waren noch nicht rum. Also war der Tausch gar nicht so selbstverständlich wie ich dachte. Mich interessierte aber vielmehr, wann denn die Instandsetzung der Wohnung erfolgt, denn in dieser Bude konnte man nun nicht mehr wohnen. Meine Frage stieß auf lebhaftes Interesse. Die Verantwortliche nahm sofort ihren Karteikasten und suchte die Wohnungskartei heraus. Sie studierte diese aufmerksam und teilte mit, dass die Instandsetzung im März des Jahres 1989 erfolgen wird. Ich glaubte, mich verhört zu haben und fragte nochmals nach dem Datum. Nein, ich hatte mich nicht verhört. Völlig emotionslos erklärte die Dame, dass gerade eben erst eine Instandsetzung des gesamten Aufganges vorgenommen worden sei und laut Plan die nächste Instandsetzung erst wieder in fünf Jahren anstehe. Da ändert auch der Umstand nichts, dass es einen Wasserrohrbruch gegeben hat. Tja, gegen diese sozialistische Planwirtschaftslogik war absolut nichts einzuwenden. Ich hatte auch gar keinen Grund, mich aufzuregen. Politökonomie war doch mein Lieblingsfach und ich hatte dieses Fach mit ausgezeichneten Ergebnissen beendet. Aber anscheinend hatte ich doch noch nicht verstanden, meine theoretischen Erkenntnisse richtig in die Praxis umzusetzen. Da war mir die Sachbearbeiterin der Wohnheimverwaltung doch schon einen Schritt voraus.

 

Datum der Publizierung: 01.09.2013

DAS ENDE DES STUDIUMS

Das Jahr 1984 – Ende des Studiums, der Ernst des Lebens sollte wieder anfangen. Jetzt, wo das Studium zu Ende war, wurde uns bewusst, dass es doch eine herrliche Zeit war. Vier Jahre haben uns viel für unsere persönliche Entwicklung gegeben. Wir haben vieles gesehen, vieles gehört, was sich von dem unterschied, was uns in der DDR im Politunterricht erzählt wurde.

In Leningrad arbeiteten wir an der Lösung anderer Probleme. Neben unserer Entwicklung zu sozialistischen Führungspersönlichkeiten, hatten wir uns auch auf Gebieten entwickelt, die nicht so richtig auf Parteilinie lagen. Wir hatten nun ausreichend praktische Erfahrungen im spekulieren … und jeder versuchte noch in den letzten Tagen sich mit Defizitsachen einzudecken. Mir waren da mehr oder weniger die Hände gebunden, denn ich hatte kein Recht einen Container für die Heimreise zu ordern.

Die Genossen, die verheiratet waren erhielten einen Container und konnten somit jede Menge Sachen einkaufen. Der Pfiffigste unter uns, wenn es ums Geldverdienen ging, machte den größten Reibach. Er organisierte den Deal mit den Heizgeräten und Jeans und fuhr als, für DDR-Verhältnisse, reicher Mann zurück in die Heimat. Er war nach dem Studium also nicht nur schlauer, sondern auch reicher. Während der Wende war er auch von uns fünf Absolventen der Militärakademie der Erste, der aus der Armee ausschied und sein eigenes Geschäft aufmachte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, bin aber überzeugt, dass er nie unter die Räder kommt. Er ist einfach nicht der Typ dafür.

Foto: Studiengruppe 601 der 6. Fakultät mit Fakultätschef und Politstellvertreter

Im Juni 1984 ging es zurück in die DDR. Es endete eine anstrengende, entbehrungsreiche, verfluchte, aber letztendlich eine wunderschöne Zeit. Wir hatten die Gelegenheit gehabt, uns mit diesem riesigen Land, den Leuten, den Lebensgewohnheiten vertraut zu machen. Wir besuchten viele Orte, lernten gute und weniger gute Seiten dieses Landes kennen und ich lernte dieses Land lieben. Bewusst geworden ist mir dies erst viele Jahre später, als ich mich entschloss nach Russland zurückzugehen.  Ich möchte meine Studienzeit  nicht missen. Sie war für meine persönliche Entwicklung von unschätzbarem Wert.

Wir kamen auf dem Flughafen Berlin Schönefeld an. Wir wurden erwartet und erhielten unsere Marschbefehle. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Mein Marschbefehl beorderte mich in meine alte Division als Abteilungsleiter. Das war wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag. Tja, ein Kommunist ohne Beziehungen ist eben wie ein Kapitalist ohne Geld …

 

Datum der Publizierung: 08. September 2013

ICH DIENE DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

Nach vier Jahren kehrte ich in die DDR und in meine alte Division zurück und berichtete natürlich nur über das Gute, was ich in der Sowjetunion gesehen hatte. Meine Erziehung und Einstellung verboten es mir einfach, über das Leben der Menschen in der Sowjetunion zu sprechen, so wie es wirklich war. Das Land war unser Vorbild und nach der offiziellen Parteipolitik sollten wir auch so ein Leben anstreben, wie es unsere sowjetischen Freunde schon lebten. Nein, ich wollte so nicht leben, wusste aber auch nicht, wie man etwas ändern könnte. So diente ich eben wieder da, wo mich Partei und Volk hinstellten.

Die Zeit in der Division war nicht sehr einfach. Die NVA war zwar groß, aber letztendlich doch klein und man kannte sich. So spürte ich viele Monate sehr unangenehm, dass mein Vorgesetzter in Schwerin und mein zeitweiliger Vorgesetzter in Eggesin sich gut kannten. Er machte mir das Leben schwer. Zum Glück nicht nur mir sondern er war als Chef für alle eine Belastung. Alle warteten nur darauf, dass er einen Fehler beging. Und unsere Ausdauer wurde belohnt. Er wurde nach zwei Jahren gemeinsamer Zusammenarbeit, wenn man denn seinen Führungsstil als Zusammenarbeit bezeichnen kann, zu einem Kadergespräch nach Strausberg gerufen und ihm wurde ein Posten beim  Stab der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages in Moskau angeboten. Hört sich ungeheuer bedeutungsvoll an, war aber letztendlich völlig bedeutungslos.

Als sein Nachfolger wurde sein Stabschef eingesetzt, den ich noch aus meiner Regimentszeit kannte und als neuer Stabschef kam einer aus unserer Leningrader Studiengruppe. Damit hatte sich ein perfektes Kollektiv zusammengefunden, in dem es nur darum ging, wie man am besten die Aufgaben erfüllen kann. Keiner schikanierte den anderen und wir kamen auch in dem darauffolgenden Jahr gut vorwärts.

Foto: Offizierskollektiv in der Schweriner Division

Als kleines Erbe hatte mir mein ehemaliger Chef noch den Posten eines Wohnungsbeauftragten der Division verschafft. An diesem Posten waren schon viele gescheitert, denn dort konnte man nicht mit Gerechtigkeit arbeiten und Lorbeeren hatte auch noch niemand auf diesem Posten geerntet. Viele meiner Vorgänger kamen nicht klar und fielen trotz guter anderer dienstlicher Leistungen in Ungnade. Ich wusste, dass mir mein Chef auch dieses Schicksal organisieren wollte. Aber er hatte Pech. Ich fiel nicht in Ungnade und schaffte es diesen Posten auch vernünftig zu erledigen. Natürlich musste man auch ein wenig lavieren und Kompromisse eingehen. Ich hatte Glück damit.

Dann kam der Ruf nach Strausberg. Natürlich hatte ich damit gerechnet, irgendwann ins Verteidigungsministerium versetzt zu werden, aber nun ging es schneller als erhofft – mit gerade mal 32 Jahren und im Dienstgrad Major. Durch einen Todesfall in der Hauptabteilung entstand plötzlich Kaderbedarf und man erinnerte sich an mich. Und die mir vorgeschlagene Arbeit entsprach einfach nur meinen Traumvorstellungen.

Noch bevor ich meinen Dienst im Ministerium antrat, hatte ich eine Wohnung und musste nicht eine einzige Stunde im Wohnheim zubringen, obwohl das Wohnheim des Ministeriums sehr gut war, sogar fast Hotelcharakter trug.

Viel Zeit zum einarbeiten blieb nicht. Aber mir standen erfahrene Genossen zur Seite und es lief alles gut.

Außer meiner Hauptfunktion durfte ich unseren Chef auch auf seinen Kontakten mit den sowjetischen Genossen in Wünsdorf begleiten. Eine Funktion wo man nicht unbedingt gut trinken, sondern gut schweigen können musste.

Foto: Tagung leitender Kader des Warschauer Vertrages

 

Datum der Publizierung: 15. September 2013

DIE WENDE – EINE UNVERSTÄNDLICHE SACHE

Ich fühlte mich also langsam heimisch in meiner neuen Dienststelle und konnte auch ein wenig positiv in die Zukunft schauen. Fachlich stand ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden und die Arbeit machte Spaß. Sie war genau das, wovon ich immer geträumt hatte, mal abgesehen von einigen bürokratischen Dingen. Zum Jahrestag der Republik im Jahre 1989 wurde ich zum Oberstleutnant befördert.

In meinem Glück erwischte mich wenige Tage später eiskalt die Wende. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was wollte das Volk? Freiheit? Was für eine Freiheit? Wir waren doch frei. Alle hatten Arbeit und was man zum Leben brauchte bekam man. Die sollten mal in die Sowjetunion fahren und sehen, wie das Volk dort lebte, wie viel Entbehrungen die Menschen dort auf sich nahmen, damit der Staat stark wurde und sich gegen die bösen Imperialisten wappnen konnte.

Foto: Letze Erinnerungen an eine wertvolle Zeit

Eigenartigerweise schauten die Menschen aber nicht dorthin, wo es anderen schlechter ging, sondern dorthin, wo es den Leuten besser ging. Naja, es kam dann so, wie es eben gekommen ist und ich verblieb erst einmal in der Bundeswehr. Dasselbe Gebäude, dasselbe Zimmer, derselbe Stuhl, dieselben Aufgaben. Gut, es nannte sich etwas anders, aber im Prinzip war alles gleich. Nur dass ich die Uniform nicht mehr anzog. Fast 18 Jahre hatte ich gedient und am nächsten Tag, dem dritten Oktober 1990 war ich statt Oberstleutnant nur noch Major und sollte nun die Uniform des ehemaligen Gegners anziehen. Degradiert wurde ich, weil ich zu jung für den Dienstgrad Oberstleutnant war. Etwas beleidigt, aber trotzdem froh einen Grund zu haben, die ungeliebte neue Uniform nicht anziehen zu müssen, zog ich jeden Tag in Zivil zum Dienst.

Unser neuer Dienstherr arbeitete mit uns. Aus den sozialistischen Persönlichkeiten mit Kaderakte wurden Beamte auf Probe mit Personaldossier. Einige gingen, andere wurden gegangen, ich blieb in Ermangelung einer anderen Perspektive und dachte, dass mit meiner Verbeamtung vielleicht auch mehr Geld in die Kasse kommt. Aber es tat sich nichts und ich fing an mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass meine Zeit bei der Bundeswehr nun doch wohl langsam zu Ende geht.

Foto: Westkollegen mit Ostgenosse

Obwohl ich auch hier gut angekommen war und gute Kontakte, sogar persönlicher Art, zu meinem Chef in Bonn hatte, sah ich schwarz für die Zukunft. Mein neuer Chef hatte mich zu sich nach Hause eingeladen. Er zeigte mir die Gegend, das Ministerium, das Beschaffungsamt und vieles mehr  und er eröffnete mir dabei, dass er vorhabe, mich als seinen Nachfolger im Ministerium vorzuschlagen, da er in wenigen Jahren in Rente gehen würde. Das war sehr schmeichelhaft, doch ich sagte ihm gleich, dass daraus wohl nichts wird. Das Misstrauen der Wessis uns gegenüber war viel zu groß. Viele Offiziere waren schon entlassen worden und man schuf insgesamt ein System, dass kaum einer von den gedienten Offizieren die Probezeit überstand. Ich selber war kein Offizier mehr, sondern Zivilangestellter, und trotzdem hatte ich Zweifel, dass man einen ehemaligen Oberstleutnant, Parteimitglied, Absolvent der Offiziershochschule und einer sowjetischen Militärakademie in eine solche Vertrauensposition lässt wie die, die mir mein Chef vorgeschlagen hat. Von einigen mir bekannten NVA-Offizieren, die in der Bundeswehr weiterdienen wollten und zu Gesprächen beim MAD in Köln waren, wurde mir erzählt, dass ihnen geradezu ins Gesicht gesagt wurde, dass die Absolventen sowjetischer Militärakademien sowieso alle Agenten des KGB sind. Mit so einer Grundeinstellung hätte ich absolut keine Chance für eine Weiterentwicklung bei der Bundeswehr gehabt, die ich eigentlich auch gar nicht wollte.  Somit bereitete ich meine Kündigung vor.

Die Wohnung wurde aufgelöst und parallel neue Arbeit gesucht, die ich in meiner Geburtsstadt auch schnell fand. Schnell fand ich eine renovierte Altbauwohnung im zweiten Hinterhof in einem Vorortstadtteil von Magdeburg für fast sechshundert Mark. Für eine Einzimmerwohnung mit Dusche ein ganz schön happiger Preis, aber ich akzeptierte, in der Gewissheit, dass ich als stellvertretender Baumarktleiter einer unbekannten ostdeutschen Baumarktkette wesentlich mehr Geld verdienen würde also vorher und mir trotz der hohen Miete immer noch mehr Geld verbleiben würde als ich bisher  bei der Bundeswehr hatte.

 

Datum der Publizierung: 22. September 2013

DIE FREIE WIRTSCHAFT

Na, det Jelbe von det Ei war det och nich. Eine ostdeutsche Firma mit einem Management aus den westelbischen Gebieten Deutschlands. Das war eigentlich die Standardsituation im Jahre 1992 in den neuen Bundesländern.

Während des Personalgespräches waren eigentlich gar nicht so sehr meine fachlichen Qualitäten von Interesse, denn die waren gleich Null. Ich hatte weder was mit Einzelhandel zu tun, noch konnte ich einen Steinbohrer von einem Holzbohrer unterscheiden. Ich wollte halt irgendwie neu anfangen und wenn man lernen wollte, dann lernt man auch und mit dieser Einstellung hatte ich mich beworben.

Für die Herren, die mich zum Personalgespräch geladen hatten, war nur meine Vergangenheit interessant. Sie saßen anscheinend zum ersten Mal einem ehemaligen Offizier gegenüber, der dazu noch in der unheimlichen Sowjetunion bei den Kommunisten studiert hatte. Ganz begeistert schauten sie sich meine Zeugnisse und Diplome an, insbesondere die aus der Sowjetunion. Die waren zwar alle auf russisch und verstanden haben sie sicher nichts, aber ein gruseliges Kribbeln lief ihnen sicher über den Rücken, als sie solche kommunistischen Papiere in der Hand hielten.

Bevor ich mich bei dieser Firma vorstellte, lehnte ich, leider, einen interessanten anderen Vorschlag ab. Ich hatte dienstlichen Kontakt zu einer Firma, welche im Auftrage der Bundeswehr arbeitete. Da man mich dort kannte, bewarb ich mich blind und wurde sofort zum Gespräch gebeten. Der Chef der Firma persönlich nahm sich Zeit, mit mir alles zu besprechen. Er zeigte mir eine interessante Perspektive auf, die damit beginnen sollte, dass ich von der Pike auf lernen sollte. Das war ganz nach meinem Geschmack. Leider gab es einen kleinen Haken an der Sache. Ich benötigte eine Fahrerlaubnis, die ich aber nicht hatte. Ich hatte mich damals an der Offiziershochschule ziemlich dumm angestellt und war mehrmals durch die Prüfung gefallen. Und dann verlor ich das Interesse an einer Fahrerlaubnis. Dies hatte dann auch seine Vorteile, denn während Übungen und Alarmausfahrten war ich von der Führung von Fahrzeugen befreit und mir ging es etwas besser als anderen Offizieren. Ein guter Bekannter sagte einmal, als ich in einer ausweglosen Arbeitssituation war: Handle nach dem Spruch „Stell dich dumm und bleibe freundlich“. Ich habe es mehrere Male probiert und es klappte wirklich.

Nun war ich aber in einer echten Zwangslage. Man schlug mir eine phantastische Arbeit mit einem wirklichen Supergehalt vor, stellte Hilfe bei der Wohnungssuche in Aussicht, forderte aber von mir die Fahrerlaubnis. Der Firmeninhaber verstand mich nicht. „Na, sie machen einfach die Fahrerlaubnis und fertig. Die paar Wochen kann ich auch noch warten.“ Tja, aber ich hatte wohl doch nicht genügend Selbstvertrauen und lehnte diese Arbeit ab.

Statt dessen fing ich in einer unbekannten ostdeutschen Baumarktkette an. Es lohnt sich nicht, viel über diese Zeit zu schreiben. Ich lernte schnell die Grundbegriffe und lernte nebenbei auch Autofahren. Ohne Druck und Zwang klappte es besser.

In der Firma klappte es weniger gut. Ich konnte meine Klappe nicht halten. Ich wollte Geld verdienen, viel Geld und machte Vorschläge, die als Kritik empfunden wurden. Niemand hörte auf mich und man verbat sich jede Einmischung. Nun gut, ich schwieg und der Firma ging es von Monat zu Monat schlechter. Meine Unzufriedenheit wuchs und ich ahnte, dass ich mir bald etwas Neues suchen würde – Ach, wäre ich doch Beamter geblieben, oder? Und da kam eines Tages ein Vertreter. Der wollte mir irgendwas verkaufen was ich nicht brauchte. Und wie wir noch so gemeinsam Kaffee tranken,  stellten wir fest, dass wir die gleiche Vergangenheit und die gleichen Bekannten hatten. Einer meiner Bekannten hatte es in der Zwischenzeit zum stellvertretenden Generaldirektor einer Duty-Free-Firma in Weißrussland gebracht und wie ich hörte, suchten die noch Leute für die Expansion der Firma. Na bitte, da war sie ja wieder, die russische Sprache – also nichts wie hin.

Foto: Firma „Baukauf“ – Experimentierfeld für Westmanager der Kategorie III

An sich hatte ich von Anfang an den Gedanken, aus der Bundeswehr auszuscheiden und wieder in die Sowjetunion zu gehen. Ich wusste nur nicht, wie ich es anstellen sollte, wie ich einen Arbeitgeber finden konnte, der sich in der Sowjetunion oder dann in Russland engagierte. Und nun konnte ich durch Zufall meine Chance bekommen und wollte diese auch wahrnehmen.

„Stop“, sagte mir eine innere Stimme. „Mensch, erinnere dich wie das damals war, während des Studiums. Du hast nach Butter angestanden, Wurst gab es nur zwei Sorten. Warmwasser wurde im Sommer abgestellt. Die Wohnungen wurden schlecht beheizt und da willst Du jetzt wieder hin? Sicher ist es durch die Umwälzungen dort noch schlechter geworden. Überlege es Dir gründlich!“ Ich überlegte aber nicht mehr. Ich hatte mich entschieden.

Ich fuhr zum Vorstellungsgespräch nach Hamburg. Dort wurde ich vom  Geschäftsführer meiner neuen Firma empfangen. Er machte auf mich einen sehr soliden Eindruck. Sein Äußeres entsprach genau meinen ostdeutschen Vorstellungen von einem typisch hanseatischen Kaufmann. Die Firma befand sich in einem alten, sehr schönen Gebäude am Alsterufer und sein Dienstzimmer war solide eingerichtet. Das Personalgespräch war kurz und schmerzlos. Man suchte dringend Personal, Bewerber gab es keine und somit war ich eingestellt. Wichtig waren meine Sprachkenntnisse. Alles andere ergibt sich dann von selber. Ich erklärte mich einverstanden, im Februar 1993 nach Lvov, dem ehemaligen Lemberg in der Ukraine zu fahren und dort ein Duty-Free-Unternehmen aufzubauen. Ich hatte keine Ahnung was Duty-Free ist, ich hatte keine Ahnung wo Lvov lag, ich hatte keine Ahnung vom Einzelhandel in der Ukraine oder den ukrainischen Gesetzen und dass man dort Ukrainisch sprach. Aber ich fuhr. Ich fuhr in eine ungewisse Zukunft, mit der Angst im Nacken völligen Schiffbruch zu erleiden und als Versager nach Deutschland zurückzukehren.

 

INTERMEZZO IN DER UKRAINE

Wenn ich gewusst hätte, was mich in der Ukraine erwartet, wäre ich nicht gefahren. Es war keine Zeit, die man unbedingt „erfolgreich“ nennen könnte. Es war, aus heutiger Sicht, eine Zeit zum Erfahrung sammeln. Und sicher war diese, nicht sehr einfache Zeit, trotzdem eine gute Voraussetzung für meinen Neustart in Kaliningrad.

Die Anreise war Stress. Als ungeübter Fahr-Neuling sollte ich von Hamburg, durch Polen bis nach Lvov fahren. Gott sei Dank war es notwendig, jede Menge EDV-Ausrüstung mitzunehmen, die es in der Ukraine damals noch nicht gab, so dass mich der Computerspezialist der Hamburger Firma begleitete. Er war ein guter Fahrer und kurz nach Mitternacht waren wir an der ukrainischen Grenze. Kein Mensch erwartete uns und wir irrten am Grenzübergang herum. Irgendwie schafften wir es, dass wir abgefertigt wurden und fuhren weiter, immer der Straße nach. Alles war stockfinster, die Straße in einem schlimmen Zustand. Wir erinnerten uns an den Satz „Loch an Loch und hält doch“. Aber wir kamen an. Auch im Hotel erwartete uns niemand. Am nächsten Tag kam ein Mitarbeiter der ukrainischen Firma und brachte uns ins Office. Der Empfang – naja, Gastfreundschaft hatte ich anders in Erinnerung. Und das Klima war geeignet für einen Pelzmantel: Kalt. Man betrachtete mich als Fremden und Eindringling, der im Interesse der westlichen Investoren die Ukrainer kontrollieren sollte.

Ich lebte im Hotel, keine Bekannten, kein Freundeskreis, Fernsehen in ukrainischer Sprache, mal ganz davon abgesehen, dass das Fernsehprogramm sowieso zum Weglaufen war. Keine Ahnung was zu tun war, keinen Fahrplan, wie es weitergehen sollte. In meinem ganzen Leben hatte ich noch keine Firma aufgebaut. Gut, aus der Armeezeit war ich das Organisieren gewohnt und hatte Ahnung von Logistik. Aber das hier war doch etwas ganz anderes. So grübelte ich abends im Hotel, wie es weitergehen sollte.

Ich entschied mich für ein Gebiet, auf dem ich nach der Wende angefangen hatte Erfahrungen zu sammeln. Von meinem ersten Westgeld hatte ich mir einen Computer gekauft und Tag und Nacht im Selbststudium mir das notwendiges Wissen angeeignet.

So fing ich an die elektronische Warenwirtschaft und die Kassen aufzubauen. Kein Schlips und Kragen, kein dunkler Anzug – Ärmel hochgekrempelt und wie alle anderen kleinen Angestellten die täglichen Aufgaben gelöst. Wir kauten zusammen in der Mittagspause trocken Brot und lösten bis spät in der Nacht Probleme. Ich lud die Mitarbeiter zum gemeinsamen Abendessen, einer Pepsi oder einem Glas Wein ein und so entstand ein immer besseres Arbeitsklima. Das war dann wohl auch der Grund, weshalb man mich  im März zu einem Ausflug der Firma in die Karpaten einlud.  

Dieses Wochenende ist mir in angenehmer Erinnerung geblieben. Wir lernten uns besser kennen und vertrauen und ich fand einen neuen Mitarbeiter, den Mann unserer Hauptbuchhalterin, der als PC-Spezialist für die Firma dringend notwendig war.  

Aber all das nützte nicht viel, da das Verhältnis zur Führungsebene, zu der ich eigentlich auch gehören sollte, immer noch sehr auf Abstand und Misstrauen beruhte. Ich kam einfach nicht klar und entschloss mich zu meinem deutschen Kollegen, einem Mitstreiter aus Armeezeiten, nach Ushgorod zu fahren.

Wir waren also nun schon zu dritt: Zwei in der Ukraine und einer in Weißrussland. Könnte eigentlich eine gute Troika werden – dachte ich. In der Praxis erwies es sich dann aber, dass eine Zusammenarbeit doch nicht so leicht zu organisieren war. Jeder hatte mit sich selber und seinen Problemen zu tun.

Während meines Besuches in Ushgorod zeigte mir mein deutscher Kollege ein wenig die Umgebung. An einem Sonntag fuhren wir zu einem Bekannten. Er wollte ihn nur mal so besuchen und wir stellten fest, dass Hochzeit in seiner Familie war. Der Hausherr kam sichtlich verlegen aus dem Haus und entschuldigte sich, dass er uns nicht einladen könne. Sein Haus sei bereits voller Gäste. Aber die Gastfreundschaft der Ukrainer ist genauso groß wie die der Russen. Frauen kamen mit Tüchern aus dem Haus und in Windeseile verwandelte sich die Motorhaube unseres PKW in eine reichgedeckte Festtafel. Natürlich auch Sto-Gramm-Gläser und eine Flasche Samagonka. Ich wusste nicht, was das ist und man versprach mir, dass ich es bald erfahren würde. Man kippte 100 Gramm ein, forderte uns auf „Dodna“, also in einem Hieb, zu trinken und hopp, weg war er. Mir blieb die Luft weg. Ich versuchte tapfer die Tränen zu unterdrücken, stellte mich kerzengerade hin und tat, als ob mich das alles nichts anginge. Natürlich sah man mir an, dass ich das Alkohol trinken nicht gewohnt war. Man hatte uns auch keinen Wodka gegeben, sondern Selbstgebrannten, eben Samagonka. Der hat in der Regel zwischen siebzig und achtzig Prozent Alkoholgehalt und hundert Gramm tun da sofort die notwendige Wirkung. Ich versuchte noch schnell ein bisschen trockenes Brot zu essen, aber es war schon zu spät. Selig knallte ich mich in den PKW und ließ den lieben Gott einen guten Mann sein. Mir war alles wurscht. Naja, irgendwie ging es nach Hause.

Dieses Thema war mir übrigens immer ein Grauen. Während der Armeezeit habe ich es recht gut geschafft, mich um den Alkohol zu drücken, aber hier in der Ukraine würde ich vielleicht doch zum Säufer werden. Aber meine Befürchtungen wurden nicht wahr. Natürlich trank ich wesentlich mehr, wie auch später in Russland, aber ich hatte Glück, dass meine Umgebung mich eigentlich nie zum Trinken drängte. Wem das Trinken nicht liegt, der muss es auch nicht. Es wird auch immer behauptet, dass man in Russland oder der Ukraine nur Geschäfte machen kann, wenn man ordentlich säuft. Das ist absoluter Unfug. Ich habe die besten Geschäfte im absolut nüchternen Zustand gemacht und auch meine zukünftigen Geschäftspartner waren dem Alkohol nicht sehr zugetan.

Foto: Zwei Jahre Ukraine/Lviv mit Familienanschluss

 

Datum der Publizierung: 06. Oktober 2013

GEMEINSCHAFTSUNTERNEHMEN AUF SCHWACHEN FÜSSEN

Das nun etwas bessere Verhältnis innerhalb des Kollektivs konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Gesellschafter des Gemeinschaftsunternehmens nicht verstanden. Die Ukrainer kannten ihre Gesetzgebung und die deutschen Gesellschafter hatten keine Lust diese Gesetzgebung zu verstehen. Da dies aber die Grundlage zum Geldverdienen ist, war es nur eine Frage der Zeit, wann es zu ernsthafteren Gesprächen über die Zukunft des Gemeinschaftsunternehmens kommen musste.

Bis dahin organisierte man einfach für den deutschen Vertreter vor Ort ein paar organisatorische Probleme. Wenn der „Aufpasser“ mit der Organisation seines persönlichen Lebens und sonstiger geschäftlicher Dinge beschäftigt ist, kann er wenigstens nicht in Firmeninterna rumschnüffeln – vermutlich war so die Denkweise. Mich ein wenig mehr ins Vertrauen zu ziehen und versuchen über mich die Problematik des Geldverdienens und die Besonderheiten der ukrainischen Gesetzgebung an die deutschen Gesellschafter heranzutragen – nein, auf diesen Gedanken kamen sie nicht. Es ging sogar so weit, dass während meiner Anwesenheit grundsätzlich ukrainisch gesprochen wurde, obwohl alle Mitarbeiter, bis hin zum ukrainischen Vorstandsvorsitzenden sonst prinzipiell russisch sprachen.

Eine meiner Aufgaben bestand darin die Shops an der Grenze zu kontrollieren. Dazu benötigte man einen Grenz-Sonderausweis. Dieser wurde regelmäßig nicht rechtzeitig ausgefertigt, so dass ich einfach nur rumsaß und nichts tat. In der Zwischenzeit liefen in den Shops an der Grenze Dinge ab, die ich nicht sehen sollte.

Irgendwann machte ich mich dann auf die Suche um mir den Ausweis direkt zu besorgen. Und ich machte bei der Gelegenheit die Bekanntschaft des Oberkommandierenden der Grenztruppen. Der Stab befand sich in Lvov und wir liefen uns zufällig über den Weg. Ich wusste nicht, wer da so plötzlich vor mir stand und so plapperte ich mir meine Sorgen von der Seele. Und dann ging alles ziemlich schnell. Erst als ich meinen ständigen Sonderausweis bekam und meine Bekanntschaft seine Unterschrift unter diesen Ausweis setzte, wusste ich, mit wem ich es zu tun hatte. Nun hatte ich ein Problem weniger.

Aber das mit den Problemen ist wie mit den Kakerlaken: Schlage nie eine Kakerlake tot – es kommen hundert zur Beerdigung. Und so war es auch mit den Problemen. Sie wurden nicht weniger.

Ein wenig später sprach mich jemand bei einem meiner Besuche an der Grenze an. Ich war zu einem Routinebesuch dort und wollte eigentlich schon wieder abreisen, als ein Mann auf mich zutrat. Er machte eine mir bekannte Handbewegung: er zog aus seiner Tasche eine Klappkarte in roter Farbe heraus, klappte diese kurz auf und dann wieder zu. Ich hatte es also mit einem Mitarbeiter des ukrainischen Sicherheitsdienstes zu tun. Wie ich etwas später erfuhr war er Mitarbeiter der sogenannten sechsten Abteilung, also der Abteilung für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens. Wir gingen ein wenig spazieren. Er erklärte mir sein Anliegen.  Es ging darum, dass man über unsere Firma und deren Mitarbeiter zu wenig wusste und man wollte mehr erfahren. Ich sagte meiner neuen Bekanntschaft, dass ich seit 1990 staatlichen Organen etwas distanzierter gegenüberstehe und ich nun eigentlich mein Geld im freien Unternehmertum verdienen wollte.  Ich bin selber Offizier gewesen und habe meinen Staat geschützt. Und als es darum ging, dass der Staat uns schützen sollte, da hat er kläglich versagt. Wir wurden einfach in die Wüste geschickt und ich wollte für keinen Staat mehr arbeiten. Er zeigte Verständnis für meine Meinung und fragte, ob ich vielleicht an einer privaten Bekanntschaft zu ihm und seiner Familie interessiert bin. Wir pflegten diese, halfen uns gegenseitig in den einfachen Dingen des täglichen Lebens. Nach meiner Abreise aus der Ukraine brach dann der Kontakt ab.

Die Firma selber entwickelte sich rasant. Es wurde ein Shop nach dem anderen eröffnet, die Logistik wurde vervollständigt und Geld wurde verdient – allerdings nicht immer so, wie es Moral und Anstand erfordern. Zum einen setzten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen den in- und ausländischen Gesellschaftern fort und die Situation begann sich zuzuspitzen. Zum anderen fanden die Mitarbeiter der Firma Möglichkeiten sich am Eigentum der Firma zu bereichern – eine Erscheinung, die ich auch später in Kaliningrad bemerkte. Der Begriff „Loyalität“ zum Arbeitgeber, zu der Firma, die mir einen Arbeitsplatz und ein regelmäßiges Einkommen sichert, war leider kein Begriff für viele Arbeitnehmer. Da grundsätzlich kein Vertrauen in die Zukunft bestand, weder bei den Ukrainern noch bei den Russen, hatte man natürlich auch kein Vertrauen zum Arbeitgeber und seinen langfristigen Plänen. Und der nächste Schritt zur Illoyalität war dann nicht groß.

Ich kümmerte mich in erster Linie um den Umsatz und weniger um die an sich viel wichtigeren Ziffern wie Ausgaben und Gewinn. Mir wurde in Hamburg bedeutet, dass es an sich nur wichtig sei, dass die Rechnungen bezahlt werden, so dass ich verstand, dass auf irgendwelche Gewinne in der Ukraine kein besonderer Wert gelegt wurde. Es musste nur genügend Geld da sein, wenn die Hamburger Gesellschafter in die Ukraine zu Besuch kamen. Wichtig war, dass die Ausgaben für Weib, Wein und Gesang von den örtlichen Firmen bezahlt wurden.

Geld verdienen wollte man aber auch auf ukrainischer Seite. Der ukrainische Vorstandsvorsitzende hatte dazu konkrete Vorstellungen, doch niemand in Deutschland war bereit, auf diese einzugehen. Dies kränkte ihn und so dachte er über eigenständige Wege nach. Dies war der Anfang vom Ende des Gemeinschaftsunternehmens und dem Ende meines Aufenthaltes in der Ukraine. Gier und gegenseitiges Überlisten des Partners standen auf der Tagesordnung und ich begann zwischen den Stühlen zu sitzen. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis ich den berühmten Tritt bekommen sollte. Egal für welche Seite ich mich entscheiden würde – es wäre die falsche Seite.

Die deutsche Seite ergriff die Initiative: «Sie sind entlassen ...», meinte einer der deutschen Gesellschafter. Na, so einfach wollte ich es den Herren dann doch nicht machen. Zum Glück fand sich ein Vernünftiger unter den Gesellschaftern und wir beredeten die „technischen“ Fragen meines lautlosen Ausscheidens aus der Firma. Ich war zufrieden, die Gesellschafter waren zufrieden und ich nutzte die mir noch verbleibende Zeit für die Suche nach einem neuen Arbeitgeber.

 

Datum der Publizierung: 13. Oktober 2013

UKRAINE – ZWEITER AKT

Ein neuer Arbeitgeber war schneller gefunden als erwartet. Eine große namhafte Firma suchte einen Verantwortlichen für Marketing in der Ukraine. Aus den von mir eingereichten Unterlagen war eigentlich eindeutig zu sehen, dass ich mit Marketing bisher noch nie etwas zu tun hatte. Trotzdem wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich sah noch mal im Lexikon nach, was das denn so ist, dieses „Marketing“ und kam zu der Schlussfolgerung, dass es weder Fisch noch Fleisch ist und ich wohl ziemlich alt aussehen würde.

Bei der Firma handelte es sich um einen großen Tabakkonzern mit Sitz in Hamburg. So fuhr ich dorthin und der Generaldirektor, der für die Ukraine zuständig war, führte mit mir das Personalgespräch. Er merkte natürlich sehr schnell, dass ich von Marketing überhaupt keine Ahnung hatte und fragte mich so nebenbei, warum ich eigentlich in die Ukraine wolle. Ich antwortete, dass ich bereits in der Ukraine gearbeitet habe, nicht unbedingt auf einen Einsatz in der Ukraine bestehe, sondern bereit bin dahin zu gehen, wo man russisch spricht und viel Geld verdienen kann. Er wurde sofort hellhörig und sagte: „Also ist es Ihnen eigentlich egal, wo Sie eingesetzt werden? Wären Sie denn auch bereit, nach Weißrussland zu gehen?“ Ich hatte nichts dagegen und er machte ein zufriedenes Gesicht. Es folgten noch die üblichen Fragen und plötzlich der Einwurf: „Sagen sie mal, rauchen sie eigentlich?“ Ich verneinte die Frage und sagte ihm, dass ich noch nie geraucht habe und auch nicht die Absicht habe, mit Rauchen zu beginnen. Er schien enttäuscht und fragte mich, wie ich denn Zigaretten verkaufen wolle, wenn ich doch selber nicht rauche. Schlagfertigkeit gehörte noch nie zu meinen starken Seiten, aber in diesem Fall traf ich genau ins Schwarze, als ich ihm antwortete: „Ach wissen Sie, da habe ich ja Glück, dass ihre Firma kein Hundefutter produziert.“  Er fing schallend an zu lachen. Der Punkt ging also an mich. Die letzte und heikelste Frage, die nach dem Gehalt. Es war mir klar, dass ich für die Funktion absolut nicht geeignet war. Deshalb konnte auch eine überhöhte Gehaltsforderung nichts mehr verderben. Wenn man mich aber trotzdem haben wollte, so aus anderen Gründen. So verdreifachte ich mein bisheriges Gehalt – die Zahl rief keinerlei Emotionen bei meinem Gesprächspartner hervor.  Das Gespräch war beendet. Ich erwähnte beiläufig, dass ich an einer schnellen Entscheidung interessiert wäre, um mit meinen anderen Bewerbungen weiter arbeiten zu können.

Schon am nächsten Tag klingelte das Telefon in Magdeburg und man bat mich zu einem weiteren Gespräch. Als ich in Hamburg ankam war bereits alles vorbereitet. Der Arbeitsvertrag erfüllte mehr als nur meine Vorstellungen. Ich unterschrieb und wenige Tage später war ich schon wieder auf dem Weg in die Ukraine.

Und ich war auf dem Weg der Bekanntschaft mit dem Modebegriff „Mobbing“. Mein neuer, unmittelbarer Vorgesetzter hatte sein Office in Kiew. Ich durfte weiter in Lvov wohnen und von dort aus meine Arbeit als Koordinator der Vertriebszentren organisieren. Aber mein Chef war nicht daran interessiert neue, junge, deutsche Mitarbeiter zu bekommen. Niemand hielt lange bei ihm aus. Entweder gingen die Leute freiwillig oder es wurde gemobbt. Ich hatte zu dem Thema keine Erfahrungen und fiel regelmäßig auf seine Fallstricke rein. Als ich dann merkte wohin der Zug fährt, war es schon zu spät. Die Probezeit von sechs Monaten überstand ich zwar, aber im siebten Monat schien es mir ratsam dem Vorschlag einer Beendigung des Arbeitsvertrages nicht viel Widerstand entgegenzusetzen. Ich hatte sieben Monate ein schönes Gehalt verdient, die Ukraine kennengelernt und war um eine Lebenserfahrung reicher. Ab und zu hörte ich noch von Kollegen, die nach mir gestolpert waren und einige Jahre später traf ich einen Mitarbeiter aus dieser Firma, der mir über das unrühmliche Ende meines Mobbers berichtete. Tja, nichts im Leben bleibt ungestraft.

Ich fuhr nach Magdeburg. Wie sollte es weitergehen? Irgendwie war ich etwas ratlos. Dann hörte ich eines Tages, dass es eine Handelskammer in Magdeburg gab, die auch eine Auslandsabteilung hatte. Dort ging ich hin. Man gab mir eine Liste aller Firmen und Organisationen die sich in der GUS engagierten. Ich staunte nicht schlecht, wie viele es davon gab und wo die sich alle befanden. Ausgerüstet mit diesen Informationen organisierte ich die weitere Arbeit zur Suche eines neuen Arbeitgebers stabsmäßig.

Ich fand wieder eine Hamburger Firma (mit einem etwas exotischen Namen), rief dort an und man bestätigte mir, dass der Mutterkonzern wirklich einen neuen Mitarbeiter sucht. Man will in Russland das Duty-Free-System aufbauen und suche einen Vertreter. Ich traute meinen Ohren nicht. Schnell war alles organisiert, Telefonnummern ausgetauscht und die notwendigen Anrufe getätigt. Meine Bewerbungsunterlagen wurden aktualisiert und schon wenige Tage später saß ich im Zug in die Schweiz. Es ging diesmal nicht alles ganz so schnell – die Schweizer sind ja für einen gemütlichen Lebensstil bekannt.

Ich nutzte die Nachdenklichkeitsphase der Schweizer, um mit meinen Eltern über die Zukunft nachzudenken. Klar war für uns, das Magdeburg für mich keine berufliche Zukunft mehr darstellte. Meine Eltern waren Rentner und klebten nicht unbedingt an Magdeburg. Hamburg, zum einen die Geburtsstadt meiner Mutter und zum anderen eine Stadt, in der ich ganz bestimmt Arbeit finden würde, falls mein dritter Anlauf Richtung Osten nicht klappen würde. Aber vielleicht war es auch die Stadt meines neuen, etwas längerfristigen Arbeitsgebers aus der Schweiz, der hier eine Tochtergesellschaft unterhielt.

Wir entschieden also nach Hamburg zu ziehen. Wir machten Nägel mit Köpfen und kauften dort gleich ein gemütliches Häuschen – ein wesentlicher Schritt zur persönlichen Unabhängigkeit. Die Zeit bis zum Arbeitsbeginn in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg in Ostpreußen, hatte ich also effektiv genutzt.

Foto: Klein aber mein – Haus in Norderstedt

 

Datum der Publizierung: 20. Oktober 2013

KALININGRAD – EIN NEUES KAPITEL BEGINNT

18. April 1995, Flugstrecke Hamburg-Kopenhagen-Kaliningrad, Flugzeugtyp Focker50 – und keine Ahnung das mein Leben eine völlig neue Richtung nehmen würde, sich Vorstellungen, Meinungen, Einstellungen bei mir prinzipiell ändern würden. Keine Vorstellung was mich erwartet. Ein mulmiges Gefühl. Aufgrund meiner Erfahrungen in der Ukraine ging ich davon aus, dass ich in Kaliningrad höchstens zwei Jahre zubringen werde und dann nun endlich als der große Osteuropaspezialist wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Die Weltwirtschaft würde sich weiter entwickeln und Russland als begehrtes Investitionsgebiet auf den Listen aller großen Konzerne stehen. Und die würden nur auf solche Leute wie mich warten. Aber es sollte ganz anders kommen. Keiner wartete auf mich, aber ich suchte auch niemanden. Aber alles der Reihe nach.  

Um 13 Uhr landete die Focker50 in Kaliningrad-Chrabrowo. Der internationale Teil des Airports lag ein paar Kilometer entfernt vom nationalen Airport machte auf mich den Eindruck eines Provisoriums im schlecht gepflegten Zustand – um mich mal höflich auszudrücken.

Ich sah relativ wenig auf der Fahrt in die Stadt oder anders gesagt, ich nahm relativ wenig wahr. Es gab so viele Eindrücke und es strömte so viel Neues auf mich ein, dass nicht alle Eindrücke der ersten Stunden im Gedächtnis haftengeblieben sind. Ich sah während der Fahrt ärmliche und verfallene Häuser. Viele waren noch aus deutscher Zeit.

Foto: Kontraste in Kaliningrad

Wir fuhren zum Hotel „Tshaika“, wo wir vom örtlichen Generaldirektor empfangen wurden. Beim gemeinsamen Mittagessen mit den anderen Mitarbeitern der Schweizer Firma, saß ich ihm gegenüber und wir versuchten, irgendwie ein Gespräch zustande zu bringen. Nein, ich versuchte ein Gespräch in Gange zu bringen. Er antwortete ab und zu höflich, aber ich merkte sofort eine gewisse Distanz. Ich schätzte ihn wesentlich älter ein als ich es war und wahrte demzufolge die entsprechende Höflichkeit. Aber uns trennten nur zwei Jahre. Die Menschen sehen hier zehn bis fünfzehn Jahre älter aus. Dies ist wohl der sichtbare Ausdruck dafür, dass das Leben in der ehemaligen Sowjetunion doch schwerer war als in Westeuropa.

Ich spürte während des Mittagessens genau dasselbe wie damals in der Ukraine. Ich war der geduldete, aber ungeliebte Ausländer. Einerseits suchte man Spezialisten, um eine Firma nach westlichem Standard aufzubauen, aber andererseits war man mehr als misstrauisch. Verdammt noch mal, wann werden die denn mitbekommen, dass ich nichts weiter als arbeiten, irgendwas aufbauen und damit natürlich auch Geld verdienen will? Wann werden die verstehen, dass ich ihnen nichts Schlechtes will? Sie verstanden es natürlich irgendwann, aber bis dahin hatte ich einige schwierige Momente zu überwinden.

Ein oder zwei Tage berieten wir uns noch in Kaliningrad und ich schaute mir die Stadt ein wenig an. Im Vergleich zur Ukraine war ich in ein Paradies gekommen. Es gab viele Dinge die ich auch aus Deutschland gewohnt war und Schlange stehen musste man auch nicht nach den täglichen Dingen des Lebens. Die Stadt selber war in einem nicht gerade touristenreifen Zustand. Sowohl der Krieg, der fünfzig Jahre zurücklag, wie auch die sowjetischen Kultureinflüsse hatten Spuren hinterlassen. Aber ich wollte sowieso nur zwei Jahre bleiben und da würde ich schon durchhalten.

 

Publizierung am 27. Oktober 2013

START-UP IN SOWJETSK

Unseren ersten Duty-Free-Shop wollten wir in Sowjetsk, dem ehemaligen Tilsit eröffnen. Mit zwei alten klapprigen Autos fuhren wir zusammengequetscht dorthin. Der Tag war heiß und wir waren froh als die Fahrt beendet war. Der Grenzübergang machte einen eher feldplatzmäßigen, provisorischen Eindruck. Der Shop stand schon. Ein einfacher Bau aus Standardelementen, den die Firma in Polen gekauft hatte. Er war auch in den letzten Monaten durch polnische Spezialisten aufgestellt worden.

Foto: Grenzübergang in Sowjetsk

Wie ich mir so den Grenzübergang ansah hatte ich meine Zweifel, ob sich denn hier überhaupt das Geschäft lohne. Es sah alles sehr trübe aus und viele Grenzpassagiere sah ich auch nicht. Na gut, das sollte jetzt nicht meine Sorge sein. Wir krempelten alle die Ärmel hoch und begannen die Ware auszupacken, zu säubern und in die Regale einzuräumen. Viele Artikel kannten unsere russischen Mitarbeiter nicht und wir mussten uns darauf einstellen, dass auch unsere Kunden die Ware nicht kennen. Produktschulung war also nötig. Und die Ausbildung an der Kassentechnik. Wir waren die erste Firma, die elektronische Kassen in Kaliningrad einsetzten. In allen anderen Geschäften arbeitete man noch mit dem Abakus. Dies ist ein Holzrahmen mit Metallstäben auf denen Kugeln laufen, die als Rechenmaschine dienen. Eine versierte Verkäuferin war mit dem Ding und den Kugeln hin- und her schleudern schneller als ich mit meinem Taschenrechner. Ein wenig später bemerkte ich noch einen interessanten Umstand. Die neue Technik hielt natürlich auch in den anderen Kaliningrader Geschäften Schritt für Schritt Einzug. Aber trotzdem stand neben den elektrischen oder elektronischen Kassen immer noch der Abakus. Zuerst wurde durch die Verkäuferinnen die Ware über die neuen Kassenapparate verkauft und danach wurde mit dem Abakus nachgerechnet, ob die elektronische Kasse auch wirklich richtig gerechnet hatte. Tja, so war das damals. Heute sind alle Geschäfte mit hochmoderner Kassentechnik ausgestattet und stehen den Supermärkten in Westeuropa in nichts nach.

Anfänglich hatten wir einen Computerspezialisten aus Moskau der für die Ausbildung des Personals zuständig war. Der junge Mann erwies sich aber als wenig teamfähig und die Schweizer gaben dem Mann die Chance sein Geld zukünftig wieder in Moskau zu verdienen. Somit hatten wir ein Personalproblem. Ein neuer Spezialist wurde benötigt. Der russische Generaldirektor hatte einen „Zögling“ und schon am nächsten Tag fand das Personalgespräch statt. Der junge Mann wurde eingestellt. Ich war von seinen Fähigkeiten nicht so richtig überzeugt, aber eine Alternative war nicht in Sicht.  

In der wenigen Freizeit versuchte ich mich ein wenig mit der Stadt Sowjetsk anzufreunden. Das ehemalige Tilsit, ist die zweitgrößte Stadt im Kaliningrader Gebiet. Sie hat ungefähr fünfzigtausend Einwohner. Von der einstigen ostpreußischen Schönheit und Gemütlichkeit, von denen die deutschen Touristen immer so schwärmen, ist wenig geblieben. Auch hier haben der Krieg und die sowjetischen Kultureinflüsse ihren Teil getan. Die Königin-Luisen-Brücke, direkt am Grenzübergang zu Litauen, machte einen stark sanierungsbedürftigen Eindruck. Die Brücke selbst existierte nicht mehr. Sie war in den letzten Kriegswochen durch deutsche Truppen gesprengt worden. Das Tor war aber erhalten geblieben und es wurde eine neue Brücke, ohne den altdeutschen Schnörkel, gebaut. Über diese Brücke lief nun der gesamte Grenzverkehr. Die ehemalige Hauptstraße von Tilsit war im Wesentlichen langweilig. Hier und da ein paar Geschäfte ohne ein nennenswertes Angebot. Zum Leben reichte es halt, aber auch nicht mehr. Die Leute waren hier noch ärmer als in Kaliningrad und wozu sollte man irgendwelche schicken Shops eröffnen, wenn doch die Kaufkraft nicht da war? Auch Restaurants gab es nur wenige, mit niedrigstem Niveau. Ich aß mein Mittagessen in der Zollkantine und verdarb mir auch regelmäßig den Magen – ich war diese Küche und die Art und Weise der Speisenzubereitung wohl noch nicht gewohnt. Im Park, der sich unweit des Flusses Neman, der ehemaligen Memel, befand, war jetzt eine Gedenkstätte mit einem T34-Panzer als Denkmal eingerichtet worden. Es gab noch einen weiteren Gedenkstein, genau gegenüber dem Grenzübergang, auf dem ehemaligen Fletcherplatz, der an den Tilsiter Frieden erinnerte, einem denkwürdigen Tag aus der Zeit der napoleonischen Kriege. Einen Gedenkstein für den Tilsiter Käse habe ich nicht gefunden und auch Tilsiter Käse war nicht in den Läden zu finden. Ich sag es mal so: An sich kann man die ganze Stadt innerhalb weniger Stunden ablaufen und besichtigen. Es gab damals nichts Sehenswertes. Heute unternimmt die Stadt sehr viel um sich für seine Bevölkerung, aber auch für die Touristen aufzuhübschen. Ein Besuch lohnt sich unbedingt und ein gemütliches Plätzchen für eine Kaffeepause findet sich nun auch schon problemlos.

Ich selber machte nur ausführliche Spaziergänge, eben wegen der Spaziergänge, wegen der frischen Luft und um auszuspannen. Ansonsten konnte ich der Stadt damals, im Jahre 1995 nichts abgewinnen. Morgens und abends lief ich in mein Hotel, welches sich weit außerhalb der Stadt befand. Es gab ein Hotel direkt im Stadtzentrum. Aber nach einer kurzen Besichtigung hatte ich mich entschlossen, lieber jeden Tag einen Fußmarsch von vierzig Minuten in Kauf zu nehmen, als in dieses Hotel umzuziehen. Das Hotel am Stadtrand war auch nicht gerade komfortabel. Aber man sah das Bemühen des Besitzers, daraus etwas zu machen. Es war sauber und ich hatte eine einfache, schlichte Dusche im Zimmer. Es gab immer Wasser und das reichte mir. Ein Fernseher war auch vorhanden. Der funktionierte zwar nicht, aber als dekoratives Element machte er sich nicht schlecht. Im Hotel konnte man alle Mahlzeiten einnehmen und die waren gut und preiswert.

Ich blieb noch eine Woche in Sowjetsk und übergab dann den Shop an das dortige Personal.

Foto: Shop in Sowjetsk

Interessant ist noch eine kleine Episode. Noch zu sowjetischen Zeiten bestand zwischen Litauen und Russland keine Grenze und es gab keine Grenzübergänge. Als der Grenzübergang in Sowjetsk gebaut wurde, wurde er an der damals einzig möglichen Stelle errichtet und so kam es, dass sich mitten auf dem Grenzübergang, am Ufer des Neman, noch ein ziemlich großes, altes deutsches Wohnhaus befand. Die Mieter konnten nicht ausgesiedelt werden, weil sie in diesem Haus registriert waren. Sie hatten eine sogenannte Propiska und waren somit unkündbar. Man hätte ihnen äquivalenten Wohnraum an anderer Stelle anbieten müssen, der war aber nicht vorhanden. Damals bestand nicht die Notwendigkeit, diese Menschen auszusiedeln. Sie störten niemanden. Aber einige Jahre später entstand der Gedanke einer Rekonstruktion des Grenzüberganges und dazu wurde dieses Wohnhaus benötigt. Es sollte abgerissen werden. Irgendwo gab es eine undichte Stelle und die Pläne sickerten durch. Da der russische Mensch sehr pfiffig ist, begannen die Bewohner dieses Hauses sofort ihre Verwandten und Bekannten ebenfalls in diesem Haus registrieren zu lassen. Sehr viele Leute erhielten eine Propiska. Sie wohnten dort nicht. Das war für den Erhalt der Propiska auch nicht notwendig. Sie hatten mit der Propiska einfach nur Anspruch auf neuen Wohnraum oder eine erhebliche Abfindung  erworben. Somit hätte das Haus mit reinem Gold aufgewogen werden müssen, wenn man die Pläne zur Rekonstruktion des Grenzüberganges verwirklicht hätte. So blieb alles beim Alten, da der russische Staat entweder nicht die Macht oder nicht den Willen für eine Zwangsenteignung hatte.

 

Datum der Publizierung: 03. November 2013

UNGLAUBLICH – WIR EXPANDIEREN

Nach Kaliningrad zurückgekehrt, hatte ich zwei Probleme zu lösen. Eine Wohnung finden und meinen Arbeitsplatz im Office einrichten.

Die Wohnungssuche war schwierig. Hilfe bekam ich keine. Die Suche war deprimierend. Ich bin mit Wohnungen nie richtig verwöhnt wurden, aber was man mir hier in Kaliningrad anbot, war einfach eine Katastrophe. Schließlich bekam ich eine Einzimmerwohnung in der Uliza Gaidara angeboten. Sie kostete schlappe 250 Dollar. Leider kannte ich den Mietspiegel in Kaliningrad nicht und als ich ihn dann kannte und wusste, dass die Wohnung mit mindestens 150 Dollar überbezahlt war, war es schon zu spät. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und war aber letztendlich doch froh, eine einigermaßen brauchbare Wohnung zu haben.

Foto: Wohnblock in der Gaidara – meine erste Wohnung in Kaliningrad

Das nächste Problem war das Arbeitszimmer für mich. Unser Office war in einer ehemaligen deutschen Schule in der uliza Sommera, der ehemaligen Schönstrasse untergebracht. Wir hatten dort nur ein Zimmer und auf dem ganzen Korridor gab es nur ein Telefon, welches sich ungefähr zwanzig weitere Firmen teilten. Und nun wollte ich noch ein eigenes Zimmer! Ich hatte aber Glück, das gleich neben unserem Office, welches eben nur aus einem Zimmer bestand, noch ein weiteres kleines Zimmer frei wurde. Mir war völlig egal, dass es in einem miserablen Zustand war, die Fenster nicht richtig schlossen, die Heizung nicht funktionierte, die Beleuchtung nur aus einer Glühbirne bestand. Wichtig war, das wir dort die PC-Technik unterbringen konnten und die personellen Anfänge der zu entwickelnden Handelsabteilung. Alle, die ich gerne in meinem Verantwortungsbereich haben wollte, sollten in diesem gesonderten Zimmer arbeiten. Dies sollte irgendwie ein Zugehörigkeitsgefühl fördern und ich hatte auch immer den Überblick, wer was machte, beziehungsweise nicht machte.

Foto: Unser erstes Office in diesem Gebäude

Die wichtigsten Probleme waren damit gelöst und ich konnte mich nun voll der Arbeit und dem Geldverdienen widmen.

Völlig unerwartet wurde uns ein zweiter Shop angeboten. Er befand sich bereits fix und fertig gebaut am internationalen Flugplatz von Kaliningrad. Es war eigentlich nur ein Kiosk und es war klar, dass bei insgesamt drei Flügen in der Woche, nicht das große Geld zu verdienen war. Bisher wurde dieser Kiosk auch schon als Verkaufsshop genutzt, aber der Inhaber hatte kapituliert. Da  niemand wusste, wie die Entwicklung in Kaliningrad laufen würde und der Kauf und die Inbetriebnahme dieses Kiosk für uns nicht allzu teuer war, kauften wir ihn und eröffneten den Shop in wenigen Tagen.

Foto: Unser Shop am Airport Chrabrowo/Kaliningrad

Damals war die Zollgesetzgebung in Russland noch völlig unausgereift und wir machten letztendlich was wir wollten. Es wurde Ware aus dem Shop Sowjetsk abgezogen und zum Airport umgelagert. Es gab keine Bestimmungen, die dies gestatteten und es gab auch keine Bestimmungen, die diese Handlungsweise verboten. Dazu kam, dass unser Generaldirektor ein erfahrener ehemaliger Zöllner war. Und dies kam uns heute zugute.

Damit begann dann auch die Etappe einer engen Bekanntschaft zwischen mir und den Grenzern dieses Airports. Mit dem Zoll entwickelten sich keine engeren Kontakte. Sowohl der Leiter des Zolls wie auch seine Inspektoren waren ein besonderes Völkchen. Er war unnahbar und immer auf Abstand bedacht und seine Inspektoren suchten auch keinen Kontakt mit „diesem Ausländer“.

Mit den Grenzern war das etwas anders. Immer, wenn ich irgendwohin und die Grenzkontrolle passiert hatte, wurde ich vom Kommandeur der Grenztruppen eingeladen in seinem Dienstzimmer zu warten. Man musste mindestens eine Stunde vor Abflug die Abfertigung passieren und wartete auf einer Fläche, die sich unmittelbar vor unserem Shop befand, bis man zum Flugzeug gebeten wurde. Da die SAS häufig Verspätungen hatte, waren die Wartezeiten ziemlich lange und Sitzgelegenheiten waren nicht ausreichend vorhanden. Im Dienstzimmer des Kommandeurs bei Tee mit Keksen saß es sich aber gemütlich. Ich durfte dann den Wodka, Cognac oder Whisky in unserem Laden zum Tee dazukaufen und konnte mir so die Zeit angenehmer vertreiben. Da ich vor dem Fliegen und während des Fluges grundsätzlich keinen Alkohol trinke, ging die Flasche in der Regel ungeöffnet in den Besitz der Grenzer über. Es war also auch ein wenig teuer, die Gastfreundschaft der Grenzer zu genießen, aber doch letztendlich angenehm.

Ich wurde auch zu anderen Gelegenheiten von den Grenzern eingeladen. Entweder gab es offizielle Feiertage oder irgendeinen Geburtstag. Hinter dem Flughafengebäude, also mitten im Grenzgebiet, wurde oft ein Feuerchen gemacht und Schaschlik gebraten oder Fischsuppe gekocht. Speck, Zwiebel, Knoblauch, Gurken, Tomaten – alles wurde von den Grenzern bereitgestellt. Ich sponserte die Getränke und war als Gast immer gerne gesehen. Ein gutes Verhältnis zu den Grenzern konnte nicht schaden.

Bei Sasha, dem Kommandeur der Grenztruppen, bin ich so ziemlich zu Anfang mächtig ins Fettnäpfchen getreten. Auf einer besonderen Fläche waren Militärflugzeuge abgestellt. Sie trugen am Heck oder auf den Tragflächen den roten Stern. Die Flugzeuge selber machten auch nicht den modernsten Eindruck. Und so fragte ich Sasha, ob das Museum öffentlich ist und wann es besichtigt werden kann. Sein Gesicht wurde sehr ernst und er war irgendwie beleidigt. Er klärte mich auf, dass es kein Museum ist, sondern eine aktive Einheit der Luftstreitkräfte und die Flugzeuge gar nicht so alt sind, wie ich es darstellte. Tja, das war dann peinlich und mit vielen Verdrehungen versuchte ich aus der Situation mich herauszuwinden. 

Was unseren Shop anbelangte, so konnten wir den Umsatz natürlich nur in dem Masse entwickeln, wie sich die Flugverbindungen von und nach Kaliningrad entwickelten. Damals, als wir den Shop eröffneten, gab es nur drei pro Woche und einen Flug der „Aeroschrott“, äh, ich meine natürlich „Aeroflot“. Und sie wurden von Jahr zu Jahr weniger, bis die Flugverbindungen im Oktober des Jahres 2001 völlig eingestellt wurden. Am Flugplatz wurde auch nichts gemacht. Und so mussten wir geduldig sein.

Einen Monat später entschied der Generaldirektor den dritten Shop zu eröffnen. Er legte ein unwahrscheinliches Tempo vor. Er war kein Handelsspezialist sondern ehemaliger Zöllner. Er eignete sich sehr schnell, wie übrigens alle Russen, das notwendige Fachwissen an. Das war das, was mich immer beeindruckt hatte – das Lerntempo und die Lernbereitschaft. Hier waren noch Menschen, insbesondere die jüngere und mittlere Altersgeneration, die ihre Chance sah, im Leben noch etwas zu erreichen und für sich etwas aufzubauen. Und man spürte bei vielen Russen auf Schritt und Tritt die Aufbruchsstimmung, auch wenn die Situation in diesen Jahren doch immer ein wenig chaotisch und nach Wild-Ost-Manier war.

Foto: Ein paar Meter Shop auf Kurskaja Kosa in einem Zolllager

Wir eröffneten den neuen Shop in Kurskaja Kosa, der Kurischen Nehrung. Dies ist eine Landzunge zu Litauen. Auf der einen Seite war das Kurische Haff und auf der anderen die Ostsee. Eine herrliche, unverbrauchte Landschaft, welche durch die örtlichen Behörden im Rahmen des Möglichen geschützt, gehegt und gepflegt wurde. Dort befand sich der damals modernste Grenzübergang der Russischen Föderation. Wir mieteten ein Zimmer von ungefähr fünf Quadratmetern. An sich war dieses Zimmer für die eigentliche Grenzabfertigung vorgesehen. Dort sollte der Grenzsoldat sitzen und von den Grenzpassagieren die Ausweise kontrollieren. Da aber nach Abschluss des Baus die Einrichtung etwas anders erfolgte als vorgesehen war, blieb dieses Zimmerchen ungenutzt und wir wollten einfach diesen Übergang besetzen, bevor andere auf den Gedanken kamen. Wir gingen auch von Anfang an davon aus, dass dieser Laden uns nicht den Riesenumsatz bringt. Und da sich auch hier, unsere Investitionen in Grenzen hielten, wurde der Laden  schnell eingerichtet und mit Ware versorgt. Als Shopleiter wurde mein Wohnungsnachbar eingesetzt. Ich hatte bisher noch keinen Kontakt zu ihm aufgenommen – es fehlte einfach die Zeit. Einige Tage später begannen wir uns vorsichtig zu beschnüffeln. Aber zu mehr reichte es damals noch nicht – das gegenseitige Misstrauen war zu groß.  

 

Datum der Publizierung: 10. November 2013

ZENTRALLAGER – EINE ZEITBOMBE

Nachdem wir nun schon ein richtiges Filialnetz hatten, widmeten wir uns nun der Logistik, denn es musste neue Ware geordert werden. Das Problem war unser nicht vorhandenes Personal. Hier musste schon ein wenig auf fachliche Eignung geachtet werden, denn es ging um zoll- und lagerspezifische Probleme. Bei der ersten Warenlieferung hatten wir nur einen Shop, jetzt waren es mehrere und an irgendeiner Stelle musste die Ware gelagert, kommissioniert und weitergeleitet werden. Es mussten Vorräte geschaffen werden – kurz und gut, es wurde Zeit eine richtig funktionierende Waren- und Lagerwirtschaft zu organisieren. Es gab kein qualifiziertes Personal, es gab keine vernünftigen Lagerräumlichkeiten, es gab kein vernünftiges Computerprogramm – es gab eigentlich gar nichts.

Um nicht unseren Kunden leere Shops zu zeigen, wurde in aller Eile „irgendein“ Leiter Logistik eingesetzt. Wiederum ein guter Bekannter vom Generaldirektor aus seiner Zeit beim Zoll. In Personalunion war er auch gleichzeitig sein Adjutant für die täglichen Kleinigkeiten. Nicht die Ideallösung, aber was tun, wenn es keine Alternativen gab? Wichtig waren an sich zu diesen Zeitpunkt die Loyalität zum Generaldirektor und die Ehrlichkeit der Firma gegenüber.

Nun war die wichtigste Aufgabe irgendwelche Räumlichkeiten in Kaliningrad zu finden, die einigermaßen geeignet waren, unsere Ware aufzunehmen. Es gab viele leerstehende Räume, aber wir brauchten Räumlichkeiten mit dem Status eines Zolllagers.

Die Einrichtung eines Zentrallagers in Kaliningrad, so wie wir es vorhatten, stand nicht im Einklang mit der herrschenden russischen Zollgesetzgebung. Die forderte nämlich, dass das Lager sich in unmittelbarer Nähe des Shops befinden musste. Diese Forderung war rein logisch auch nachvollziehbar. In der Regel hat eine Duty-Free-Firma nur einen oder mehrere Shops auf sehr engem Raum, also zum Beispiel auf einem Flughafen, konzentriert und deswegen auch die Festlegungen in der russischen Gesetzgebung. Eine Situation wie in Kaliningrad gibt es, meines Wissens nach in Russland nicht noch einmal. Als das Gesetz erlassen wurde, war von irgendwelchen Duty-Free-Firmen in Kaliningrad gar keine Rede, geschweige denn von irgendwelchen Entwicklungen in diesem, weit vom Mutterland Russland liegenden Gebiet.

Warum erzähle ich so ausführlich über diesen Punkt in der russischen Gesetzgebung? Weil uns die Erlangung einer Sondergenehmigung im Jahre 1995 zur Einrichtung eines Zentrallagers fünf Jahre später, also im Jahre 2000, als wir zu einer der führenden Duty-Free-Firmen in Russland herangewachsen waren, fast das Genick gebrochen hätte. Es traten Neider auf den Plan, die eine Schwachstelle in der Firma suchten und letztendlich fanden. Aber dazu später.

Das Lager war gefunden, eingerichtet, mehr oder weniger geeignete Mitarbeiter als Lagerleiter, Lagerarbeiter und Kraftfahrer eingestellt und wir warteten auf die erste Lieferung aus Deutschland. Der Container kam, es gab Differenzen, die Dokumente waren nicht so ausgefüllt wie es sein sollte, die installierte Warenwirtschaft funktionierte noch immer nicht richtig, es kam auch nicht das an, was wir bestellt hatten, also kurz, es war eine Katastrophe. Wir versuchten dieses Chaos in Etappen zu lösen. Zuerst wurde entladen und die Ware im Lager sichergestellt. Das dauerte ein paar Tage. Dann wurde eine Bestandsaufnahme gemacht und festgestellt, was geliefert worden war. Das dauerte auch wieder. Unsere Mitarbeiter kannten die Ware nicht. Fast alle sahen zum ersten Mal in ihrem Leben diese Dinge. Keiner konnte die lateinische Schrift lesen, geschweige denn verstehen. Alles wurde in mühsamer Arbeit buchstabiert und mit der Beschriftung auf der Verpackung verglichen, die natürlich nicht immer mit der Bezeichnung in den Lieferdokumenten übereinstimmte. Im Laufe der Zeit änderte sich dies natürlich und unsere festangestellten Mitarbeiter eigneten sich sehr schnell die notwendigen Kenntnisse an.

Foto: Zentrallager in Kaliningrad

In den Sommermonaten hatten wir immer ein paar Personalprobleme, weil unsere Festangestellten natürlich auch ein Recht auf Urlaub hatten. In dieser Zeit kamen sehr viele Armeeangehörige zu uns, die auch im Sommer Urlaub genommen hatten und baten um Arbeit in unserem Lager. Die Armee zahlte damals sehr schlecht oder zahlte überhaupt nicht. Um die Familie zu ernähren brauchte man irgendwoher Geld. Selbst diese Aushilfskräfte, oftmals im Dienstgrad Hauptmann und Major, bekamen bei uns mehr Gehalt, als sie sonst vom Staat an Sold erhielten. Und es waren nicht die schlechtesten Arbeiter. Es war aber traurig zu sehen, dass solch hohe Dienstgrade, dass überhaupt Armeeangehörige gezwungen waren, bei uns zu arbeiten, um etwas Geld der Familie zur Verfügung stellen zu können.

Alle Differenzen und Ungereimtheiten wurden nach Deutschland gemeldet und es wurde um die Ausstellung neuer Lieferdokumente gebeten. Das dauerte wiederum einige Tage. Wir nutzten die Zeit, und versuchten die Software der Schweizer Warenwirtschaft nun endlich zum Laufen zu bringen. Es lag ein Softwarefehler vor. Aber wie sollte der korrigiert werden? Eine Anreise von Spezialisten der Herstellerfirma war viel zu aufwendig und dauerte zu lange. Also kam nur eine Ferninstandsetzung in Frage. Dazu war ein Telefon und ein Modem nötig. Ein Telefon war im Office vorhanden, ein sogenanntes Paralleltelefon, eine Nummer und 20 Nutzer. Alleine die Koordinierung der Telefontätigkeit war eine logistische Meisterleistung. Aber wo sollten wir in Kaliningrad im Jahre 1995 ein Modem herbekommen? Alle, die in der Firma irgendeine Ahnung von Technik hatten und dazu gehörten auch unsere weiblichen Mitarbeiter, die zu Hause bewiesen hatten, dass sie erfolgreich ein westliches Dampfbügeleisen bedienen konnten, bekamen einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem stand, was wir benötigten und begannen, aufgeteilt nach Stadtbezirken und Straßenzügen zu suchen. Wir fanden ein geeignetes Gerät. Der Verkäufer nutzte unsere Zwangslage schamlos aus und verkaufte uns das gute Stück zu einem Wahnsinnspreis. Nun war alles komplett und die Instandsetzung konnte beginnen. Dazu vereinbarten wir mit allen anderen zwanzig Firmen in unserem Office einen Telefonplan und baten inständig, auf unsere besondere Situation Rücksicht zu nehmen und in der vereinbarten Zeit auf keinen Fall auch nur in die Nähe des Telefons zu kommen. Viele taten es, aber es gab auch Leute, die schnell mal Oma anrufen wollten um eine Änderung des bestellten Mittagessens durchzugeben. Die Telefonleitungen waren so schwach, dass oftmals bei geringsten Störungen die Verbindung zusammenbrach. Und sie können sich den Ärger vorstellen, wenn ein neuer Programmteil überspielt werden sollte und wir schon zu fünfundneunzig Prozent alles erhalten hatten und dann die Leitung zusammenbrach. Dann begann das Spiel wieder von vorne. Dazu kostete die Minute Telefonnutzung  etwa drei Dollar. Es dauerte viele Tage und ich war schon bereit zu kapitulieren.  Aber wir schafften es.

Der Container wurde vereinnahmt, die Ware in alle Shops verbracht und die Verkäufe entwickelten sich. Am Airport blieb der Umsatz natürlich nach wie vor bescheiden, aber zu unserem Erstaunen liefen die Umsätze in Kurskaja Kosa enorm an. Es ist erstaunlich, was man auf wenigen Quadratmetern Fläche verkaufen kann.

 

Datum der Publizierung: 17. November 2013

FIRMENINTERNA

Unsere Firma entwickelte sich sehr schnell zu einer der führenden Firmen im Kaliningrader Gebiet. Unsere Shops waren im Jahre 1995 die modernsten, schönsten und wir hatten ausschließlich Westware.

Natürlich waren wir eine Duty-Free-Firma und durften eigentlich nur an Ausreisende verkaufen. Aber in der Praxis wurde das doch etwas lockerer gehandhabt. Es waren eben noch die wilden 90er Jahre. Viele unserer Kunden sahen die von uns angebotenen Waren zum ersten Mal. Auch unser Verkaufspersonal wusste oftmals nicht, was für eine Ware sie verkauften. So mussten wir damals sowohl unserem Personal wie auch den Kunden erst einmal erklären, was „Gin“ ist und was „Whisky“ ist. Auch „Martini“ war kein Begriff und schon gar nicht, dass man damit hervorragende Mixgetränke machen kann. Unsere Kunden sahen zum ersten Mal dreieckige Schokolade aus der Schweiz und waren erschrocken über den Preis. Sie mussten für hundert Gramm fast ein Fünftel ihres Monatsgehaltes hinlegen. Aber irgendwie legten sie das Geld hin und Schritt für Schritt entwickelten sich unsere Umsätze.

Schwierigkeiten hatten wir mit der Disziplin unseres Verkaufspersonals. Während anfänglich alles noch wie am Schnürchen lief, adaptierten sich unsere Mitarbeiter schnell an die neue Situation, erkannten Schwachstellen und organisierten für sich die Bequemlichkeiten die sie brauchten.

Für damalige Verhältnisse stellten wir natürlich auch ungewöhnliche Forderungen an das Personal. Es gab keine Schließzeiten zur Mittagspause – eine revolutionäre Neuerung. Außerdem handelt es sich um einen Duty-Free-Laden und der hatte natürlich rund um die Uhr zu arbeiten. Aber da es unangenehm ist in der Nacht zu arbeiten, wurde der Shop in der Nacht einfach dichtgemacht. Wir im Zentraloffice brauchten schon ein wenig Zeit, bis wir das herausbekamen. Stellen Sie sich das nicht so einfach vor. Die Umsatzschwankungen waren immer erheblich in diesem Shop und ich kam gar nicht auf den Gedanken, dass der Shop durch das Personal in der Nacht einfach dichtgemacht wurde. Eines Tages verglichen wir über unsere elektronische Warenwirtschaft die Stundenumsätze mit dem Fahrplan der Linienbusse, die in der Nacht nach Litauen fuhren und es war mir unerklärlich, warum nicht ein einziger Passagier aus den Bussen in unserem Geschäft zumindest einen Kaugummi kaufte. Ich sprach mit dem Shopleiter darüber. Der war sofort tief beleidigt. Er selber war ein Arbeitstier und kontrollierte den Shop und das Personal auf rigide Art und Weise. Nur das Alarmsystem seiner Mitarbeiter funktionierte einwandfrei. Wenn der Shopleiter seine Wohnung in der Nacht verließ, wurde das Personal gewarnt und der Shop geöffnet. Er konnte also gar nichts wissen. Aber ich hatte mir einen Feind geschaffen. Der Shopleiter war sehr empfindlich und empfand jeden Hinweis als persönliche Kritik an seiner Arbeit. Welche Auswirkungen dies haben sollte, erfuhr ich einige Monate später.

Ich hatte keinen Idealzustand erwartet, als ich mich entschloss nach Kaliningrad zu gehen. Irgendetwas aus dem „NICHTS“ heraus aufzubauen war immer schon eine reizvolle Aufgabe. Allerdings hatte ich mir auch mehr Kooperation von russischer Seite erhofft – die leider nicht vorhanden war. Man misstraute dem Ausländer. Jede Information, die ich haben wollte, wurde erst dem Generaldirektor vorgelegt und der legte fest was ich erfahren durfte und was nicht. Aber man gewöhnt sich daran. Und da ich sowieso nur zwei Jahre in Kaliningrad arbeiten wollte, würde ich schon irgendwie klarkommen.  

Was mich beruhigte war die Tatsache, dass die Firma mehrere Aktionäre hatte und letztendlich alle über die Dividende Geld verdienen wollten. Somit bestand die Aufgabe darin, der russischen Seite klarzumachen, dass wir ein gemeinsames Ziel hatten und wir dies nur erreichen können, wenn wir uns vertrauen und gemeinsam nach Schwachstellen suchen. Schritt für Schritt konnte ich diesen Gedanken rüberzubringen. Aber Zahlen aus der „Geheimabteilung Buchhaltung“ zu bekommen war doch mehr als schwierig.  Man dachte dort immer, dass ich diese Ziffern brauchte um Fehler bei den Angestellten zu finden und sie dann dafür eine Bestrafung erhielten. Davor hatte man Angst.

Dieses „Angst haben“ und die damit verbundene Bestrafung, meist durch Kürzung des Lohnes, ist wohl ein rein sowjetisches Phänomen, welches sich bis heute in den russischen Firmen fortsetzt. Wer wollte schon bestraft werden? Dabei ging es weder mir noch dem Generaldirektor ums bestrafen. Wir wollten nur wissen, wie wir arbeiten, wie der reale Finanzstand ist, ob wir Verluste machten oder Gewinn schrieben.  Mit großer Sicherheit würde man mir irgendwann einmal die Frage stellen: „Wo ist unser Geld?“ Und diese Frage ist in Russland gefährlich, wenn man keine plausible Antwort geben kann.

 

Datum der Publizierung: 24. November 2013

EIN NEUES OFFICE

Die Geschäfte entwickelten sich, neues Personal wurde benötigt – sowohl in den Shops wie auch im Office. Trotzdem die Löhne und Gehälter in Kaliningrad sehr gering waren, ein Angestellter bekam durchschnittlich 50 Dollar im Monat, wurde bei ein Einstellungen schon überlegt, denn auch diese 50 Dollar mussten erst einmal erarbeitet werden, wenn wir denn nicht Kredite für den laufenden Unterhalt der Firma aufnehmen wollten. Und wer hat damals schon in Russland Kredite verteilt?

Irgendwann zum Ende des Jahres war dann die Situation erreicht, dass wir kein Platz mehr in unserem Office hatten und uns nach etwas anderem umschauen mussten. Wir fanden es in der Sergejewa-Strasse, im Gebäude des alten deutschen „Parkhotel“. Es war, wie viele Gebäude damals, aufgeteilt in viele einzelne Zimmer und die wurden an Firmen vermietet. Der Generaldirektor erhielt ein winziges Zimmer mit vergittertem Fenster in der zweiten Etage. Von innen, wie auch von außen sah dieses Zimmerchen wie eine Gefängniszelle aus, denn vor dem Fenster war auch noch ein Gitter. Im Stillen dachte ich, dass dies hoffentlich nicht die Perspektive des Generaldirektors sei. Gott sei Dank war meine Sorge unbegründet.

Alle anderen Mitarbeiter bekamen Räumlichkeiten eine Etage höher. Wir hatten in der Zwischenzeit eine erfahrene Office-Leiterin eingestellt. Sie brachte eine gewisse Organisation in unser Verwaltungschaos. Ihr zur Seite stand eine Referentin. Sie hieß Tanja und hatte eine unwahrscheinlich piepsige Stimme.

Foto: Unser zweites Office in der Sergejewa-Straße

Ich nutzte die Gunst der Stunde und bat Tanja um ein wenig Büromaterial: eine Schere, einen Locher und zwei Ordner. Sie fiel fast in Ohnmacht. Schnell überschlug sie, was der ganze Spaß kostete und kam zu der Schlussfolgerung, dass meine Bitten zu teuer waren. Sie war mehr für kollektive Nutzungsrechte an schon vorhandenem Büromaterial. Gut, bei Locher und Schere würde dies noch gehen, aber bei den Ordnern? Ich machte ihr klar, dass nicht sie das bezahlen muss, sondern die Firma. Trotzdem bestand sie darauf, dass ich mir diese Investitionen noch einmal überlege. Gut, ich setzte meinen Wunsch natürlich durch und Tanja erfüllte meine Bitten mit typisch russischer Pfiffigkeit. Die neuen Sachen, direkter Westimport, behielt sie für sich und ich bekam das alte sowjetische Volkseigentum zur individuellen Nutzung von ihr übergeben.

Mein eigentlicher Arbeitsplatz bestand aus einem leeren Fernsehkarton, der mit irgendwelchem Füllmaterial ausgestopft war, damit er nicht zusammenbrach und diente mir als Tisch. Als Stuhl verwandte ich zwei Kartons Druckerpapier. Sehr einfach, sehr sozial, sehr kostensparend – aber es geht, man kann so arbeiten und vor allem, wir verschuldeten uns nicht.

In unserem neuen Office gab es noch einige weitere Besonderheiten. Wir lebten im Jahre 1995 und die Marktwirtschaft hatte sich noch nicht allumfassend durchgesetzt. Auch die Strukturen der Verwaltung waren noch sehr staatlich geprägt, auch wenn es die Privatwirtschaft betraf. Im Parkhotel, das als Office an viele Firmen vermietet war, gab es einen Kommandanten. Könnten sie sich so etwas in Deutschland vorstellen? Alleine schon der Begriff Kommandant erinnert sofort irgendwie an Belagerungszustand oder noch etwas Schlimmeres. Und so fühlten wir uns auch. Auf Schritt und Tritt wurde alles kontrolliert. Wir durften erst um kurz vor neun Uhr das Office betreten und mussten es bis neunzehn Uhr wieder verlassen haben. Samstag, Sonntag und an Feiertagen durfte nicht gearbeitet werden. Als Begründung wurde die Sicherheit angegeben und der hohe Energieverbrauch. Ich versuchte dem Kommandanten beizubringen, dass eine junge Firma nun mal etwas mehr arbeiten muss um sich zu entwickeln, aber das interessierte ihn nicht. Er habe seine Befehle, ja er sagte wirklich Befehle, und die setzte er durch. Auch mein Argument, dass wir die verbrauchte Energie bezahlen wollen, interessierte ihn nicht. Um keine Zweifel an seiner Befehlsgewalt und Machtbefugnis aufkommen zu lassen, wurde pünktlich um 19 Uhr der Strom im ganzen Haus abgeschaltet und erst am nächsten Tag um neun Uhr wieder angeschaltet. Wir gewöhnten uns schnell an dieses Regime. Nachdem uns in der ersten Zeit dieser Zwangsmaßnahmen, auf die wir nicht vorbereitet waren, ein paar Mal die Computer abgestürzt waren und wir viel Arbeit wiederholen mussten, da unsere Mitarbeiter, trotz mehrmaliger Belehrungen, natürlich keine Datensicherungen in regelmäßigen Abständen vornahmen, lernten wir schnell, uns den Befehlen dieses Kommandanten unterzuordnen.

Bemerkenswert waren auch die allgemeinen Zustände in diesem Gebäude. Natürlich ist klar, dass zu Anfang einer neuen Sache nicht immer alles gleich im Idealzustand ist. Aber in diesem Gebäude war nur eine Sache im Idealzustand, und das war die Miete für unsere Räume. Allerdings nicht ideal für uns, sondern für den Besitzer des Gebäudes. Von irgendeiner „Infrastruktur“, begonnen bei einem Einlassdienst, einer Imbissversorgung, einer Reinigung, vernünftigen und vor allem sauberen Toiletteneinrichtungen konnte man überhaupt nicht sprechen. Wenn Besucher kamen und sich erkundigten, wo unsere Firma sich befindet, reichte es aus zu sagen: „Immer der Nase nach“. Es war klar, dass dies kein Ort mit Perspektive für uns war.

 

Datum der Publizierung: 01. Dezember 2013

PERSONAL UND EIN ULTIMATUM

Völlig unakzeptabel war immer noch meine Situation in der Firma. Meine Stimmung sank auf den Nullpunkt und sogar Kündigungsgedanken schwirrten im Kopf herum. Ich wollte mich in die Firma einbringen, ich wollte etwas aufbauen und etwas leisten und nicht nur ein geduldeter Mensch sein, der mehr oder weniger kaltgestellt war. Einige werden vielleicht sagen, dass das eine dumme Einstellung ist. Man kann sich doch auch hinsetzen, den Status Quo akzeptieren, nichts tun und dafür schönes Geld kassieren. Sicher gibt es Leute, die solche Situationen mögen, aber ich gehöre nicht dazu.

Das distanzierte Verhältnis zu den russischen Gesellschaftern wirkte sich natürlich auch auf meine Autorität aus. Lange schon hatte ich mir den Befehlston abgewöhnt und nutzte eigentlich recht häufig das Wort „bitte“. Das war im Russland der damaligen Zeit aber noch zu modern und Bitten wurden immer als Art Schwäche ausgelegt. Ein Chef hatte zu fordern und zu befehlen.

Mein Verhältnis zum Shopleiter in Sowjetsk war von Anfang an angespannt. Ich fragte ihn, warum er eine bestimmte Aufgabe, um deren Erfüllung ich ihn gebeten hatte, noch nicht erfüllt ist und er antwortete mir: “Sie hatten doch eine Bitte geäußert. Eine Bitte kann man erfüllen, man kann es aber auch sein lassen. Ich habe mich entschlossen, es sein zu lassen.“

Ich war sprachlos. Dieses Gespräch fand im Office im Beisein fast aller Mitarbeiter statt. Leider hatte ich mich nicht in der Gewalt und zeigte Emotionen. Im Office hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können. Irgendein Mitarbeiter rannte zum Generaldirektor und berichtete ihm was passiert war. Der suchte mich und bat um ein Gespräch mit mir. Ich kannte dies schon. Wir hatten schon öfter mal Auseinandersetzungen gehabt und um diese zu klären, lud er mich stets zu einem Spaziergang um den See ein. Unmittelbar vor unserem Office war der Unterteich und wir gingen am Ufer spazieren und klärten dabei unsere Probleme immer relativ schnell. Meistens schafften wir es, den See nur zur Hälfte zu umrunden und waren dann schon wieder miteinander im Reinen. Diesmal drehten wir drei volle Runden um den See.

Foto: Unterteich in Kaliningrad

Ich forderte den Kopf des Shopleiters. Entweder er oder ich. Der Generaldirektor war doch ein wenig beunruhigt, denn er  war an keinem Kriegszustand interessiert. Er kannte den Shopleiter gut, mit all seinen positiven und weniger positiven Seiten. Er sah auch, dass der Shopleiter in diesem Falle nicht korrekt aufgetreten war und er sah, dass ich eventuell aus Kaliningrad weggehen würde, wenn wir keine Lösung fanden. Er kannte mich in der Zwischenzeit recht gut und war vielleicht schon zu der Überzeugung gekommen, dass man mit mir arbeiten und mir auch vertrauen konnte. Nur so richtig offiziell konnte er sich noch nicht überwinden. Wenn ich nun wegging, dann käme ein Neuer und dann fing für ihn und die russischen Gesellschafter wieder alles von vorne an. Mich kannte er, aber der Neue der nach mir kommen würde – den kannte er nicht. Er schlug mir vor, dass das gesamte Office zusammengerufen werden sollte und der Shopleiter sich offiziell bei mir zu entschuldigen habe. Er sollte einen Eintrag in die Kaderakte bekommen und beim nächsten Fehltritt entlassen werden. An das Letztere glaubte ich zwar nicht, aber die Konsequenzen, die der Generaldirektor zog waren schon mal nicht schlecht.

Ich schlug ihm etwas anderes vor. Ich sah, dass er bereit war mir entgegenzukommen und so konnte auch ich einen Kompromiss vorschlagen. Ich sagte ihm, dass mir nichts an einer offiziellen Entschuldigung lag. Das würde den Shopleiter demütigen und unser Verhältnis in Zukunft noch mehr belasten. Daran war ich nicht interessiert. Er sollte auch keinen Eintrag in die Kaderakte bekommen, denn das half uns auch nicht weiter. Ich forderte nur, dass sich so etwas nicht wiederholte und er solle zu besserer Kooperation bereit sein. Damit wollte ich die Sache dann vergessen. Ich merkte, dass meine Worte den Generaldirektor beeindruckt hatten. Und ich ahnte, dass ich hier wohl mehr als nur einen kleinen Kompromiss eingegangen war. Vielleicht war dies sogar der Start für eine gute oder freundschaftlichen, nein, sogar partnerschaftlichen Zusammenarbeit.

Meine Verhaltensweise sprach sich im Office und in der Firma rum und langsam änderte sich  das Verhältnis der Mitarbeiter zu mir. Und das war doch nun wirklich ein Sieg. Das war mir mehr wert als jede Entschuldigung oder Gehaltserhöhung.

 

Datum der Publizierung: 08. Dezember 2013

EIN KOMMEN UND GEHEN BEI DEN CHEF´S

Unsere ausländischen Gesellschafter waren immer sehr mit sich selber beschäftigt. Die innerbetriebliche Organisation und die jährlichen Strukturveränderungen belasteten uns in unserer Arbeit schon sehr. Unser bisheriger „Kontaktgesellschafter“ kündigte überraschend, ein neuer Chef blieb nur zwei Monate. Eine Reihe von weiteren Mitarbeitern aus der mittleren Führungsebene, mit denen wir zusammengearbeitet hatten, erhielten die Möglichkeit anderweitig Geld zu verdienen und letztendlich erhielten wir die Information, dass wir zukünftig von der Hamburger Tochterfirma direkt betreut werden. Und wieder bekamen wir einen neuen Chef. Schon bald kündigte er seinen Besuch an. Er war noch nie in Russland, kannte uns überhaupt nicht, hatte aber schon das Kündigungsschreiben für mich und den russischen Hauptgesellschafter in der Tasche. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie er einen Gesellschafter, einen Anteilseigner entlassen wollte – kurz ein sehr gewagter Plan von ihm.

Das erste Gespräch zum Kennenlernen brach die russische Seite bereits nach zwei Stunden ab. Sie ließen ihn einfach sitzen und gingen nach Hause. Mit dieser Situation war der neue Chef aus Hamburg überfordert. Gut, ich konnte die Situation regulieren und die Gespräche wurden am nächsten Tag fortgesetzt. Am dritten Tag verließ er Kaliningrad, schon mit dem Gedanken, keine der getroffenen Vereinbarungen mit uns einzuhalten. Ein folgenschwerer Fehler. Das merkte er aber erst, als er selber die Kündigung zwei Jahre später erhielt – mit 55 Jahren ein doch herber Schlag.

Ich fühlte mich mit dieser ganzen Situation unwohl und es wurde langsam Zeit, sich um das eigene „Schicksal“ und „Wohlergehen“ zu kümmern. Die Situation zwischen den Gesellschaftern erinnerte mich stark an die Situation in der Ukraine. Ich musste also unbedingt etwas unternehmen, um mich weniger abhängig von meinen Arbeitgebern und ihren Launen und Ansichten zu machen. Nochmal wollte ich nicht Opfer von Streitigkeiten zwischen den Gesellschaftern werden. Und so begann ich, trotz allem Stress, mich nach einem Nebenerwerb umzuschauen.

Für einen Spielzeugwarengroßhandel führte ich eine Markterhebung durch. Es gab fast kein Spielzeug in Kaliningrad, also eine Idealsituation. Aber die deutsche Firma bekam kalte Füße.

Für russische Firmen suchte ich deutsche Partner, besorgte Adressen und Ansprechpartner. Für einen stabilen Nebenerwerb oder den Aufbau einer eigenen Unternehmensberatung reichte dies aber leider nicht aus.  

Aber wie sagt ein Sprichwort in Deutschland? „Kleinvieh macht auch Mist“ und so kam ein Dollar zum anderen, wenn es auch nicht reichte um meinen Lebenstraum zu erfüllen. Der Tag hatte vierundzwanzig Stunden und mein Ziel war, mich so schnell wie möglich finanziell unabhängig zu machen. Ich träumte davon, eines Tages von niemandem, keinem Chef, keiner Firma, keinem Staat abhängig zu sein, immer unterschwellig Angst haben zu müssen vor Entlassung, vor Armut und vor der Horrorvorstellung unter einer Brücke schlafen zu müssen. Kurz und gut, die Aufgabe war klar, das Ziel war klar und der Weg dahin auch. Nur ob ich dies alles innerhalb von zwei Jahren erreichen konnte, das eben war nicht ganz klar.

Zu Weihnachten machte ich mich auf nach Deutschland. Über die Feiertage erarbeitete ich den Jahresabschluss für die Gesellschafter. Wir hatten von Mai bis Dezember mit einem Shop und zwei winzigen Kiosken immerhin einen fast siebenstelligen Betrag erarbeitet, aber trotzdem zeigte die Bilanz eine rote Zahl. Aber es gelingt wohl keiner Firma, bereits im ersten Jahr der Arbeit Gewinn zu erwirtschaften.

 

Publizierung am 22.Dezember 2013

DIE GEHALTSPOLITIK DER FIRMA

Im Jahre 1995 hatten wir in der Geschäftsführung völlig unterschiedliche Meinungen zum Gehalt für das Personal. Die russische Seite meinte, dass alle Mitarbeiter ein sehr gutes Gehalt erhalten müssten. Die russische Seite hatte wohl irgendwo etwas von sozialer Verantwortung gelesen und wie populär diese soziale Verantwortung in Westeuropa genommen wird und man wollte als Gemeinschaftsunternehmen mit westlicher Beteiligung nun auch diesem Beispiel folgen. Natürlich sollte sich das großzügige Verhalten auch in der Stadt herumsprechen und für ein entsprechendes Image der Firma und der russischen Gesellschafter beitragen. Ich sah das etwas anders und war erst einmal daran interessiert die Kosten für das Personal unseren realen Budget- und Einkommenssituationen anzupassen. Im Interesse der Aktionäre wollte ich nur den Lohn zahlen, der in Russland üblich ist und nicht mehr. Natürlich setzte sich der Generaldirektor durch.

Aber das war das Jahr 1995. Dann begann die rasante Entwicklung der Firma und die russischen Gesellschafter stellten ihre Flexibilität in vielen Fragen der geschäftlichen Organisation unter Beweis. Bis 1998 wurden die Formen der Entlohnung mindestens zweimal im Jahr geändert, bis wir irgendwann die optimale Lösung fanden. Jedes Mal gab es emotionale Diskussionen mit der russischen Seite. Die Leidtragenden waren die Mitarbeiter, welche mit unseren Experimenten leben mussten. Gott sei Dank war es aber immer so, dass niemals jemand nach einem unserer Experimente mit weniger Geld nach Hause ging als vorher. Nur die Berechnung des Gehaltes änderte sich laufend. Je länger ich in Kaliningrad arbeitete, umso mehr passte ich mich natürlich auch an die Situation an, die dort herrschte. Ich lernte die allgemeinen Lebensumstände kennen. Mein Bekanntenkreis wuchs und ich sah, wie die Menschen ihr Leben fristeten. Und so wuchs auch in mir die Einsicht, dass man unseren Mitarbeitern wirklich ein sehr gutes Gehalt zahlen sollte, welches immer im Vergleich zu den sonst üblichen Gehältern in Kaliningrad, Spitzenplätze besetzten sollte. Und so schwenkte ich auf die Linie der russischen Gesellschafter ein. Wie groß war mein Erstaunen, als mit einem Mal die russische Seite ihre Meinung änderte und gegen weitere Gehaltsanpassungen auftrat. Was war passiert? Die Situation lässt sich einfach erklären.

Die russischen Gesellschafter merkten, dass mehr Geld für die Mitarbeiter nicht automatisch auch mehr Einsatzbereitschaft, mehr Ehrlichkeit, mehr Qualität bedeutet. Und dann wuchs mit jedem Jahr auch unser Finanzbedarf für das operative Geschäft und für Investitionen. Und da auch die russischen Gesellschafter endlich von den Ergebnissen der Arbeit der Firma profitieren wollten, wurde ein neues Gehaltssystem eingeführt, welches sich an den erreichten Umsatzergebnissen orientierte. Gute Arbeit, guter Umsatz, gutes Gehalt – so einfach war die neue Formel, die natürlich auch umgekehrt anwendbar ist. Kurz und gut, die russischen Gesellschafter hatten ihre persönlichen Hausaufgaben gemacht und forderten von mir die Erarbeitung eines neuen, auf Umsatzzuwachs orientierten Gehaltssystems. Das Leben wurde nie langweilig. Jeder Tag brachte etwas Neues.

Ich erarbeitete dieses Gehaltssystem, das mit einigen wenigen Modifizierungen bis heute in der Firma gültig ist und auch erfolgreich funktioniert. Ich war und bin der Meinung, dass jedes System nur dann funktioniert, wenn es einfach ist. Und so war auch unser neues Gehaltssystem für die Mitarbeiter kontrollierbar, einfach und übersichtlich. Und da es auf Umsatzzuwachs orientiert war, erledigte sich das Thema mit den Schließzeiten in der Mittagspause oder in der Nacht automatisch. Es war einfach niemand mehr an Leerlaufzeiten interessiert.

 

Publizierung am 29. Dezember 2013

PRIVATES UND PROFANES

Was noch nicht so richtig funktionierte war die Organisation meines eigenen Lebens. Ich arbeitete nach wie vor im Office mit einem leeren Fernsehkarton als Tisch und zwei Karton Druckerpapier als Stuhl. Oft saß ich in meiner kleinen Einzimmerwohnung und arbeitete dort effektiver als im Office. Aber Licht am Ende des Tunnels war schon zu sehen. Wir hatten mit dem Neubau eines Office begonnen. Der Standort dieses Office war mit das Beste was Kaliningrad zu bieten hatte. Er befand sich in der Kastanienallee, direkt am kleinen, sogenannten Zwillings- oder auch Brotsee.

Meine Probleme waren viel banaler. Es ist üblich, übrigens in der gesamten ehemaligen Sowjetunion, dass in den Sommermonaten die Warmwasserversorgung eingestellt wird. Es gibt einfach kein warmes Wasser. Wozu auch? Im Sommer ist es sowieso warm und da kann man sich auch mit kaltem Wasser waschen. Als wirkliche Begründung führte man an, dass in den Sommermonaten Wartungsarbeiten an der gesamten Heizungsanlage durchgeführt werden, damit diese dann in der Heizperiode gut funktioniere. Irgendwie ist das zwar auch nicht nachvollziehbar, warum man eine Wartung in allen Anlagen gleichzeitig durchführen muss und dazu noch drei Monate lang, aber so war es. Natürlich funktionierten die Warmwasserversorgung und die Heizung trotzdem nicht problemlos in den Wintermonaten. Das wurde wiederum begründet mit außerordentlich schwierigen Witterungsbedingungen, egal wie die Witterungsbedingungen wirklich waren. Man fand eben für alles Erklärungen. Dem Russen war das an sich völlig egal, denn er war an dieses System seit vielen Jahrzehnten gewöhnt und nahm es wie eine Selbstverständlichkeit hin.

Ich bin davon überzeugt, dass es zu Problemen in der russischen familiären Organisation geführt hätte, wenn plötzlich rund ums Jahr die Warmwasserversorgung geklappt hätte. Es würde plötzlich ein Problem fehlen, an das man sich eigentlich so gewöhnt hatte, dass es nicht mehr fehlen durfte und wenn es doch fehlte, kam einfach die gewohnte Ordnung durcheinander.

Nun hätte man im Verlaufe von siebzig Jahren Kommunismus genügend Erfahrungen sammeln und diese auch berücksichtigen können, aber irgendwie klappte es nicht. Das Einzige, was klappte, war immer das rechtzeitige Erarbeiten von Plakaten für die Maidemonstration, auf denen geschrieben stand: „Im Sozialismus steht der Mensch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit“ oder „Alles für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen“ und ähnliches mehr. Nun schrieben wir das Jahr 1996. Es gab keinen Kommunismus mehr, also stand auch der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt. Somit hatte man Theorie und Praxis endlich in Übereinstimmung gebracht. Mir persönlich half das aber keinen Schritt weiter. Ich wollte in warmem Wasser baden. Ich kam auf einen klugen Gedanken. Ich hatte mir aus Deutschland eine Waschmaschine kommen lassen. In Kaliningrad wurden damals noch keine Waschmaschinen angeboten, so dass ich diesen umständlichen Weg gehen musste. Mit dieser Waschmaschine begann ich, im Kochprogramm heißes Wasser zu machen. Leider reichte dieses Wasser nur für eine kleine Pfütze in der Wanne aus. Kühn machte ich eine Berechnung. Wenn ich nur heißes Wasser in die Wanne einließ und sofort einen zweiten „Waschgang“ einlegte und dies fünf Mal wiederholte, dann müsste es ausreichen, dass das bisher in die Wanne eingefüllte Wasser nicht zu kalt wurde, bis das neue heiße Wasser aus dem nächsten Kochvorgang nachgefüllt wurde und so konnte ich im Verlaufe von ungefähr zwei Stunden genügend Wasser zusammen haben. Außerdem konnte ich noch auf vier Gasflammen auf dem Küchenherd ein wenig Wasser zum Kochen bringen. Die theoretische Berechnung war fertig und ich legte los. In der Praxis scheiterte die ganze Angelegenheit schon beim zweiten Waschgang. Das Sichtfenster der Waschmaschine hielt den starken Temperaturschwankungen nicht stand. Und so zersprang das Glas mit einem Riesenknall. Nun konnte ich weder baden noch Wäsche waschen. Ersatzteile gab es keine und so war das Elend groß. Bis ein Ersatzteil aus Deutschland kam, kaufte ich einen Spezialkleber und klebte gewissenhaft das zersprungene Sichtfenster. Danach konnte ich wenigstens Wäsche waschen. Baden konnte ich nach wie vor nicht, bis ich mich entschloss, in der Wohnung eine Generalinstandsetzung durchzuführen.

Das passierte während eines meiner Aufenthalte in Hamburg. Fenster wurden ausgewechselt, Fußboden neu verlegt, Tapete an die Wände, Bad und Toilette mit Fliesen versehen und, was das Wichtigste war, es wurde ein Boiler eingebaut. Und damit begann dann das Elend.

Das Material, insbesondere die Verbindungsschläuche, hatten nicht die Qualität wie notwendig. Eines Abends legte ich mein müdes Haupt aufs Bett und begann zu horchen, was mein Kopfkissen mir so flüsterte. Irgendwann in der Nacht hörte ich irgendwas rauschen oder plätschern. Ich lauschte noch so in die Dunkelheit, um genau zu definieren was ich denn da hörte und plötzlich war ich hellwach: Hier stimmte was nicht. Flugs stand ich auf und stand mit beiden Beinen im Wasser. Licht an und los. Das Wasser schoss aus der Toilette. Ein Verbindungsschlauch zum Boiler war geplatzt. Ich war in Panik. Ich weckte meine Nachbarn zu denen in den letzten Monaten ein gutes Verhältnis entstanden war. Gemeinsam mit beiden bekam ich die Situation schnell in den Griff. Wir schlossen den Haupthahn für Kaltwasser, das Wasser hörte auf zu laufen und wir begannen, die Wohnung trocken zu legen. Schon kam die Nachbarin von unten, denn auch dort tropfte das Wasser von der Decke. Die ganze Nacht wurde gearbeitet, aber wir bekamen alles in den Griff.

Ungeachtet der Katastrophe und der durchgearbeiteten Nacht, gingen wir am nächsten Tag alle zur Arbeit. An dieser Stelle muss ich daran erinnern, dass es in Kaliningrad üblich ist, in der Nacht die Warmwasserversorgung abzuschalten. In der Nacht hatten wir in der Hektik demzufolge auch nur den Haupthahn zum Kaltwasser zugedreht. Da das Wasser aufhörte zu laufen war alles in Ordnung. Wie das Schicksal es so will, wurde am nächsten Morgen das Warmwasser erst wieder eingeschaltet, nachdem wir alle die Wohnung schon verlassen hatten und so schoss das heiße Wasser wieder in die Wohnung. Es schoss ungefähr zwei Stunden in die Wohnung. Ich möchte sie nicht mit ausführlichen Schilderungen dieser weiteren Katastrophe langweilen. Ich glaube, sie haben genügend Phantasie, sich alles selber auszumalen. Irgendjemand aus dem Hause merkte das Elend, schloss sämtliche Hähne und alarmierte alles, was zu alarmieren war. Und hier zeigte sich die Solidarität aus der kommunistischen Vergangenheit. Man machte sich nicht gegenseitig irgendwelche Vorwürfe, sondern die betroffenen Hausbewohner gingen daran, gemeinsam die Folgen der Katastrophe zu beseitigen. Meiner Nachbarin unter mir gab ich Geld, damit sie die ganze Wohnung instand setzen lassen konnte und wir schieden als beste Freunde. Ihre Wohnung war sowieso in einem miserablen Zustand und so war dies für sie eine gute Möglichkeit, eine sogenannte „Euroinstandsetzung“ durchzuführen, die sie selber aber nicht hätte bezahlen können.

Nach einer Woche war die Katastrophe vergessen. Aber nach dem Motto: Keiner soll hungern ohne zu frieren, setzte sich das Elend an anderer Stelle fort. Diesmal allerdings bei meinen Nachbarn. In der Wohnung, die über der Wohnung meiner Nachbarn lag, brach ein Heizungsrohr und die Wohnung der beiden wurde überschwemmt. Wiederum halfen wir uns alle gegenseitig und beseitigten gemeinsam die Folgen. Schon damals entstand bei mir der Gedanke, wie schön es denn wäre, wenn man in einem modernen Haus eine schöne Wohnung mit allem Komfort hätte. Aber ich hatte nur noch ein Jahr in Kaliningrad vor mir und dafür lohnte es sich nicht, noch weiter zu investieren.

 

Datum der Publizierung: 05. Januar 2014

SERVICE IN KALININGRAD 1996

Während der Instandsetzung meiner Wohnung lebte ich eine Woche im Hotel „Kaliningrad“. Damals das größte Hotel am Platze. Die Übernachtung kostete für mich als Ausländer hundert Dollar, allerdings ohne Frühstück. Am ersten Morgen ging ich nach unten um zu frühstücken und merkte, dass dies gar nicht so einfach war. Ein Frühstücksbüffet gab es nicht und so wartete ich auf die Bedienung, die dann auch irgendwann kam.

Foto: Hotel „Kaliningrad“

„Ich möchte frühstücken“, sagte ich forsch. Die etwas füllige Kellnerin antwortete leicht gequält: „Es gibt Komplexfrühstück eins oder Komplexfrühstück zwei. Welches wollen sie?“ Leider war ich ungenügend qualifiziert, um diese Frage sofort beantworten zu können und fragte deshalb, was denn Komplex eins und Komplex zwei sei. Die nette Bedienung verdrehte leicht die Augen über diesen ungebildeten Ausländer. Wahrscheinlich war ich auch nicht der Erste, der heute diese dumme Frage schon gestellt hatte und sie fühlte sich leicht gestresst. „Also Komplexfrühstück eins ist: Tee, Brot, Butter und Würstchen. Komplexfrühstück zwei ist Kaffee Brot, Butter und Spiegelei.“ Nun hatte ich Appetit auf das Spiegelei. Aber Kaffee wollte ich nicht und so bestellte ich den Frühstückskomplex zwei, aber mit Tee. Sie dachte kurz nach, war etwas verwirrt und sagte, dass so ein Komplexfrühstück nicht existiere. Sie vermutete wohl, dass ich die Struktur des Frühstücks nicht richtig verstanden hatte und wiederholte nochmals. Dann wiederum wiederholte ich meinen Wunsch. Jetzt wurde sie doch etwas ungemütlicher. Schließlich hatte sie noch mehr zu tun, als diesen dummen Ausländer zu bedienen, der partout nicht verstehen wollte, dass es festgelegte Frühstücksregeln gab. Auch ich verlor langsam die Geduld. Links und rechts wurde man schon aufmerksam und begann sich zu amüsieren. Alle hatten das gleiche Problem und nun wartete man gespannt, wie das Duell zwischen ausländischem Aufsässigen und einheimischer Servierkraft mit planpolitischer Kampferfahrung ausgehen würde. Sie ging jetzt zum Angriff über und versetzte mir den Todesstoß: „Also, ich sage es ihnen nun zum letzten Mal, wir haben eine Kalkulation und deshalb kann ich ihnen das Komplexfrühstück zwei nur mit Kaffee anbieten.“ „Verstehe ich nicht“, erwiderte ich. „Ist denn der Unterschied zwischen Kaffee und Tee in der Kalkulation so groß?“ „Na sicher doch“, antwortete sie, „ansonsten wäre es doch möglich Kaffee gegen Tee zu tauschen.“ Ich nahm die Speisekarte und zeigte ihr, dass in der Speisekarte sowohl Kaffee wie auch Tee zum selben Preis angeboten wurden. Ich bat sie, mir den Widerspruch, der gar keiner war, zu erklären. Sie war empört über so einen schlecht erzogenen Gast. Sie stellte mir ein Ultimatum: „Entweder Sie entscheiden sich jetzt zwischen eins oder zwei, oder Sie können gehen. Ich werde Sie nicht weiter bedienen.“ Jetzt wurde es gefährlich für mich. Leider gab es damals keine Frühstücksalternativen. Ich konnte also nicht einfach aufstehen und woanders frühstücken. Deshalb entschied ich mich zu drei Dringen: erstens für das Komplexfrühstück Nummer zwei mit Kaffee, zweitens zu einer zusätzlichen Tasse Tee aus der normalen Speisekarte und drittens, dass dies mein letzter Besuch in diesem Hotel gewesen sein sollte.

Glauben sie bitte nicht, dass ich mit dieser Schilderung übertreibe. Als wir unsere zweite Firma im Süden Russlands eröffneten und ich öfter in Sotchi zu tun hatte, traf ich auch dort auf ein ähnliches Phänomen. Allerdings ging es hier nicht um Kaffee oder Tee, sondern um ein zusätzliches Glas Orangensaft, welches natürlich im Preis nicht einkalkuliert war. Obwohl ich bereit war zusätzlich zu bezahlen, hatte ich Schwierigkeiten. Erst nachdem ich der Servierkraft das Geld im System „Vorkasse“ gegeben hatte, war diese bereit, mir ein Glas zu besorgen. Nun, es dauert eben ein bisschen, bis auch im letzten Winkel von Russland die planwirtschaftlichen Marotten ausgemerzt sind. Mit Grausen erinnere ich mich daran, dass das auch mal meine Studienrichtung gewesen war. Allerdings hatten wir etwas ganz anderes in der Theorie gelernt. So schlecht hörte sich die Planwirtschaft in den Vorlesungen und Seminaren auf der Akademie oder der Hochschule oder während der Berufsausbildung gar nicht an. Aber in der Praxis wurde die Theorie doch arg vergewaltigt.

Mein nächstes Problem im privaten Bereich war der Friseur. Ich hatte damals in Leningrad, während meines Studiums, böse Erfahrungen gesammelt. Da gab es in der Nähe des Wohnheimes einen Salon und da stand drüber „Parikmacherskaja“, also Friseur. Ich dachte, dass das nun sehr praktisch ist, gleich so in der Nähe des Wohnheims und ging rein, immer noch in dem Glauben, dass auch drin ist, was draußen dran steht. Die Leute, die dort arbeiteten, sahen alle aus wie Friseure und schnitten auch Haare bei zwei jungen Leuten, fast Kindern. So setzte ich mich hin und wartete, dass ich bedient würde. Es dauerte nicht lange und ich war dran. In Windeseile war ich fertig. Natürlich ohne waschen und föhnen. So etwas kannte man damals nicht. Ich sah aus wie ein gerupftes Huhn. Hätte ich etwas aufmerksamer hingeschaut, hätte ich bemerkt, dass die Friseure alle sehr jung waren. Auch die Kundschaft war, wie gesagt, sehr jung. Nur ein älterer Friseur war im Laden. Aber es war gar kein richtiger Laden, es war eine Lehrausbildungsstätte und die Auszubildenden schnitten sich gegenseitig die Haare. Sie waren hocherfreut, mal einen anderen, wirklichen Kunden zu haben. Die Freude war einseitig. Das war mir damals eine Lehre und ich wollte zukünftig besser aufpassen.

Nun ergab es sich, dass ich nicht mehr so oft nach Deutschland fuhr und dringend einen Friseur in Kaliningrad brauchte. Aber es war gar nicht so einfach überhaupt einen Salon zu finden. Schließlich fand ich einen in der Nähe des Zentralbasars. Es war früh am Tag und ich war der erste und einzige Kunde. Ich meldete meine Ansprüche an: „Einmal alles.“ Man knebelte mir einen Umhang um den Hals und führte mich ins Nebenzimmer. Dort stand eine alte Wanne, die mit Wasser gefüllt war. Natürlich kaltem Wasser. In der Wanne hing eine Schöpfkelle. Ich musste mich über die Wanne beugen. Mit der Schöpfkelle wurde kaltes Wasser geschöpft und mir über den Kopf gegossen. Dann kam Shampoo dazu und meine Haare wurden kräftig durchgewalkt. Irgendwie hatte ich, als ich mich so über die Wanne beugte, das Gefühl, als ob ich an diesem Tag doch nicht der erste Kunde war, der sich die Haare waschen ließ. Zumindest machte das Wasser einen schon gebrauchten Eindruck. Aber vielleicht war es auch vom Vortag und man hatte noch keine Zeit gefunden es zu wechseln. Dann wurde ich mit tropfnassen Haaren, ein Handtuch gab es nicht, an meinen Platz zurückgeführt. Als ich saß nahm die nette Friseuse meinen Umhang hoch und trocknete mir ein wenig die Haare. Dann durfte ich in dem nassen Umhang weiter sitzen und dem Serviceprozess folgen. Ich war schon wieder verzweifelt, wusste nur nicht, wie ich aus dieser Situation wieder rauskommen sollte. Sie fing an mit der Schere anzugreifen. Ehe ich mich richtig versah, hatte sie schon die Haare in Koppelbreite über meinem rechten Ohr abgesäbelt. Ich war entsetzt und fing an, mich zur Wehr zu setzen. Aber um die Einheitlichkeit herzustellen, wurden auch über dem linken Ohr die Haare koppelbreit abgeschnitten. Ich bat, die Länge der Haare bitte nicht anzugreifen. Sie sollte einfach ein wenig kämmen und trocken föhnen. Sie fragte noch mal nach, was sie machen sollte. Das Letzte hatte sie nicht verstanden. Konnte sie auch nicht, weil sie nicht wusste, was ein Fön ist. Es gab auch keinen in diesem Laden. Ich rubbelte mir mit meinem nassen Umhang die Haare irgendwie noch ein wenig trockener, legte umgerechnet 50 Pfennig für den Haarschnitt hin und verschwand ganz schnell. In den nächsten Monaten entfiel für mich die Notwendigkeit, nach einem neuen Friseur zu suchen.

Foto: Links vom Eingang ist der Friseur

Wenn ich jetzt so sitze und diese Zeilen schreibe und versuche mich an alles zu erinnern, was ich so erlebt habe, muss ich oftmals unwillkürlich lachen. Wo ich mich früher schrecklich aufgeregt habe, kann ich heute wirklich drüber lachen und es auch als Anekdote weitererzählen, auch wenn ich nicht immer gut dabei wegkomme. Es waren schöne Zeiten und ich möchte nichts von dem missen, was ich durchgemacht und erlebt habe.

 

Datum der Publizierung: 12. Januar 2014

DIE FIRMA EXPANDIERT

 

Nun aber wieder hin zum Geschäftlichen. Die Überschrift dieses Kapitels weist darauf hin, dass es eigentlich ein erfolgreiches Jahr war. Worin bestanden unsere Erfolge? Sie bestanden darin, dass wir innerhalb kürzester Zeit drei neue Shops eröffneten. Einen kleinen Shop am nationalen Airport in Kaliningrad, wo die Passagiere abgefertigt wurden, die innerhalb der GUS fliegen wollten und zolltechnisch aber wie Ausland behandelt wurden.

Foto: Shop am nationalen Airport in Kaliningrad

Ein weiterer Shop wurde in Shernoshewskoje an der litauischen Grenze eröffnet.

Foto: Neuer Shop im Shernoshewskoje

Der dritte Shop befand sich in Goldap an der polnischen Grenze.

Foto: Shop in Goldap

Dazu kam, dass wir auch unseren kleinen Minishop in Kurskaja Kosa in eine größere Räumlichkeit verlegten, einem ehemaligen Lagerraum vom dortigen Zoll. Die Umsätze stiegen erfreulich und durch unser gutes Verhältnis zum dortigen Zoll klärten wir das Raumproblem.

Den Shop in Shernoshewskoje planten wir langfristig. Nur der Genehmigungsprozess zog sich ein wenig in die Länge und auch die Streitfrage, wo der Shop stehen sollte. Es war staatlicherseits geplant, den Grenzübergang zu rekonstruieren. Auf litauischer Seite hatte man damit schon begonnen, auf russischer Seite wartete man noch auf Sponsorengeld aus Westeuropa. Die europäische Union war daran interessiert, dass dieser Grenzübergang eine moderne Infrastruktur erhielt, weil dies das Tor in Richtung Moskau war. Somit war klar, dass wir nur ein Provisorium bauen durften. Wir mussten damit rechnen, dass jedes Jahr die Rekonstruktion des Übergangs beginnen konnte und unser Shop dann an falscher Stelle stand. Um die Kosten für einen Neubau oder die Umsetzung des Shops in überschaubaren Grenzen zu halten, entschlossen wir uns wieder zum „Container-Prinzip“ zu greifen. In Russland sagte man: Nichts ist beständiger als das Unbeständige. Und so stand dieses Provisorium viele Jahre, ergänzt durch Um- und Anbauten. Die Umsätze stiegen im Verlaufe der Jahre ins Astronomische und fielen ins Bodenlose.

Im gleichen Jahr wurde uns der Grenzübergang Goldap an der polnischen Grenze angeboten. Der Grenzübergang hatte nur örtliche Bedeutung. Kaum Verkehr und deshalb auch nicht interessant für andere. Wir entschieden uns, trotzdem einen Shop zu eröffnen. Er durfte nicht viel Geld kosten und  so kauften wir einen alten ausgedienten Container und ließen ihn zu einem Shop umbauen. Es wurde Ware angeliefert, Personal eingestellt und die Lizenz erhielten wir auch recht schnell und der Verkauf begann. Völlig unerwartet für uns begann die Reisetätigkeit an diesem Übergang. Heute ist klar, dass dies einzig und allein auf unseren Shop und dessen günstige Angebote zurückzuführen war. Was wir nicht wussten war, dass staatlicherseits geplant wurde, diesen Grenzübergang zum größten Grenzübergang im Kaliningrader Gebiet auszubauen. Das konnte sich somit nur positiv auf unsere Geschäftstätigkeit auswirken. Der Umsatz und die Kundenanzahl stiegen so schnell, dass wir uns bereits nach sechs Monaten entschlossen, einen richtigen Shop zu bauen. Es ging alles rasend schnell und schon nach weiteren sechs Monaten stand der Shop – der schönste und modernste den wir damals in der Firma hatten.

Die Firma verfügte nun über drei Shops an der litauischen Grenze, einen Shop an der polnischen Grenze und zwei Shops am Airport. Sechs Shops innerhalb von zwölf Monaten eröffnet, zweimal die Logistik aufgebaut und umorganisiert, ein festes Warensortiment erarbeitet, Personal eingestellt und ausgebildet. Ich denke, dass dies wirklich gute Erfolge waren und wir stolz sein konnten auf die Entwicklung unserer Firma. Und die Firma machte Gewinn. Eigentlich hatten wir mit einem „neutralen“ Jahr gerechnet, also kein Gewinn, kein Verlust. Nun sahen wir die steile Kurve in der Bilanz. Eine Entwicklung, die alle unsere Handelspartner in Westeuropa in Erstaunen versetzte. Niemand hatte erwartet, dass wir „Unqualifizierten“ das bewerkstelligen konnten, wozu man in Westeuropa Consultingfirmen und riesige Werbe- und Marketingabteilungen beschäftigt. . Und dazu noch ohne jegliche Hilfe aus dem Westen. Kredite wurden von uns auch nicht aufgenommen, denn wir erwirtschafteten und finanzierten alles selber.

Bei so viel Erfolg bleibt es nicht aus, dass auch Neider auftauchen. Wir versuchten immer uns nicht in die geschäftlichen Angelegenheiten anderer Firmen einzumischen. Hofften auch, dass dies durch andere anerkannt und im täglichen Leben berücksichtigt wird. Leider irrten wir uns. Wir begannen ein Störfaktor zu werden, d.h. wir störten andere beim Geld verdienen und bekamen erste Probleme. Diese waren zweimal durch unsere Neider so effektiv organisiert, dass sie uns fast in den Ruin geführt hätten.

Zuerst hetzte man uns Ende des Jahres 1996 die Steuerbehörden auf den Hals. Es war in Russland sowieso üblich am laufenden Band und ununterbrochen die Firmen zu kontrollieren. Diese Kontrollen legten teilweise die Firmen völlig lahm. Die Leute konnten nicht arbeiten, die Shops nichts verkaufen. Alles hatte Zuarbeit zur Kontrolle der Steuerbehörden oder der Handelskontrolle oder der Hygienekontrolle oder der Brandschutzkontrolle zu leisten. Diese Kontrollen zogen sich teilweise über Wochen hin. So auch diesmal. Im Ergebnis der Kontrolle stellten die Finanzbehörden einige Fehler in der Buchhaltung fest. Hierbei ging es um Fehler, die in der Gründungsphase begangen wurden. Es lag kein Betrug vor, sondern ganz ordinäre Arbeitsfehler. Im Ergebnis gab es ein Protokoll mit Aufgaben, welche in kürzester Zeit zu erfüllen waren und eine Strafe von einer halben Million Dollar. Wir waren schockiert.

Wir waren in Kaliningrad fast die einzige Firma, welche Steuern zahlte. Alle anderen Firmen tricksten den Staat aus. Zum Dank dafür kontrollierte man uns ununterbrochen und verhängte dann auch noch eine Strafe, die uns sofort in den Bankrott geführt hätte. Es fanden intensive Gespräche hinter den Kulissen statt. Es wurde gefordert, dass wir erhebliche Schmiergelder zahlen sollten, dann würde man das Protokoll ändern. Wir wollten aber keine Schmiergelder zahlen. Wenn wir einmal zeigten, dass wir dazu bereit und in der Lage waren, würden viele andere Kontrollen kommen und mit uns ebenso verfahren. Wir lehnten ab und verklagten die Steuerbehörde. Ein zum damaligen Zeitpunkt unerhörter Präzedenzfall. Wir hatten eine gute Anwältin und die erreichte in der ersten Instanz vor dem Kaliningrader Gericht, dass einige Punkte des Protokolls korrigiert werden mussten und die Strafe auf 300.000 Dollar herabgesetzt wurde. Wir gingen in Berufung. Wir hatten keine Lust, unser sauer verdientes Geld für Strafzahlungen zu nutzen. Und uns schien die Strafe immer noch zu hoch für die paar normalen Arbeitsfehler. Und zum anderen spekulierten wir darauf, dass  in jeder Instanz die Strafe herabgesetzt, die Inflation in Russland weitergehen würde und somit durch die hohe Geldentwertung die Strafe nachher eine Angelegenheit im „Kopekenbereich“ sein würde. Und zum letzten sollte es für die Steuerbehörden eine Lehrvorführung sein für die Zukunft. Es zeigte sich, dass alles, was wir uns wünschten, auch so eintraf. Das Revisionsverfahren wurde sechs Monate später in St. Petersburg durchgeführt. Die Strafe wurde auf 50.000 Dollar herabgesetzt, ein großer Teil der Punkte aus dem Protokoll musste korrigiert werden. Wir gingen wieder in Revision und nach einem Jahr fand die letzte Runde in Moskau statt. Wir zahlten noch 4.000 Dollar Strafe, dass Protokoll löste sich fast in nichts auf und die Steuerbehörde in Kaliningrad erhielt eine Ermahnung, zukünftig korrekter zu arbeiten. Wir hatten uns Respekt verschafft. Und so gingen wir zukünftig immer vor.

Wir erkannten sehr bald wie wichtig es ist einen guten Juristen zu haben. Keine Kontrolle mit negativen Ergebnissen wurde von uns, ohne Gang zum Gericht, akzeptiert. Als im Jahre 2001 unsere Firma, aufgrund von neuen Machenschaften, kurz vor dem völligen Aus stand, überzogen wir die Zollorgane mit einer Unmenge von Prozessen. Wegen jeder Kleinigkeit wurde der Zoll verklagt. Es kam in der Kaliningrader Zollverwaltung zu einem regelrechten juristischen Notstand. Die Führung einer solchen Vielzahl von Prozessen war mit der juristischen Struktur der Kaliningrader Zollorgane nicht mehr möglich. Der Zoll verlor die Prozesse in Masse. Aber dazu dann später.

 

Datum der Publizierung: 19. Januar 2014

NEUES JAHR, NEUES OFFICE

Das Jahr 1996 neigte sich seinem Ende entgegen. Wir blickten stolz auf das Erreichte zurück. Wir blickten aber auch sehr optimistisch in die Zukunft, insbesondere in Hinsicht auf unser neues Office. Der Bau schritt jetzt in schnellen Schritten vorwärts. Wir planten den Umzug noch für Dezember 1996, doch anscheinend wollten uns die Bauarbeiter den Umzugsstress zum Jahresende nicht mehr zumuten.  Dabei ging es nur um Kleinigkeiten. Hier funktionierte irgendwas nicht mit der Heizung, dort war die Toilette noch nicht eingebaut, in einem anderen Zimmer der Fußboden noch nicht fertig. Alle Gespräche mit den Bauarbeitern und dem verantwortlichen Bauleiter zeigten: kein Fanatismus zum Jahresende. Da ich es einfach nicht erwarten konnte, endlich unter vernünftigen Bedingungen zu arbeiten, entschloss ich mich zu einer Gewaltaktion. Ich tat überall kund, dass meine Abteilung noch im Dezember, bevor ich nach Deutschland zu den Feiertagen fliege, umziehen wird, egal wie der Zustand auf der Baustelle ist.

Als erstes tauchten im neuen Office die Computerspezialisten auf. Sie legten alle notwendigen Leitungen für die Vernetzung. Die Mitarbeiter der Handelsabteilung begannen den Umzug vorzubereiten und die Akten zu verpacken, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass auch alle anderen Mitarbeiter im Office nervös und fordernd wurden. Am Tag, als ich nach Deutschland flog, versammelte sich unsere Mannschaft im neuen Office. Wir hatten uns irgendwie eingerichtet, die Heizung funktionierte noch nicht und es gab auch nur eine Toilette, aber wir waren arbeitsbereit. Wir öffneten eine gute Flasche Sekt, tranken auf das erfolgreiche vergangene Jahr 1996 und ein hoffentlich noch besseres Jahr 1997 und auf unser neues Office. Alle waren zufrieden und ich flog somit auch zufrieden nach Deutschland, um mit meinen Eltern Weihnachten und das neue Jahr zu feiern.

Foto: Office der Firma "Philipp" in Kaliningrad

Anfang Januar kehrte ich nach Kaliningrad zurück. Wir spürten den Fortschritt in der Arbeit bei uns in der Handelsabteilung sofort. Wir waren vernetzt, die Informationen konnten problemlos und schnell ausgetauscht werden und die Effektivität der Arbeit stieg um ein Vielfaches. Gleichzeitig wurde das Personal entlastet und wir fanden mehr Zeit auch mal gemeinsam eine Tasse Tee oder Kaffee zu trinken und die zwischenmenschlichen Beziehungen ein bisschen zu entwickeln.

Foto: Mitarbeiterinnen der Handelsabteilung

Ich mochte es überhaupt nicht, wenn dieses Verhältnis Chef und Untergebener geschaffen wurde. Das schaffte Abstand und nicht immer Vertrauen. Meine Armeezeit war vorbei, mein Verhältnis in der Firma etabliert und ich konnte nun daran gehen, auch ein lockeres und vertrauensvolles Verhältnis zu meinen Mitarbeitern aufzubauen. Um meine Autorität hatte ich eigentlich keine Angst mehr, denn Autorität erarbeitet man sich in erster Linie durch Fachwissen und ein vernünftiges Verhältnis zu seinen Mitarbeitern. Wenn Fehler in der Arbeit auftraten, so fing ich nicht an zu toben oder zu bestrafen. Wir setzten uns zusammen, analysierten die Angelegenheit und organisierten die Arbeit so, dass eine Wiederholung dieses Fehlers nicht mehr möglich war.

Wir merkten bald, dass irgendwas in der Zusammenarbeit mit unsere Hamburger Hauptlieferanten nicht stimmte. Bisher hatten wir sowohl aus räumlichen wie auch aus technischen Defiziten nie die Möglichkeit gehabt  so zu arbeiten, wie es eigentlich normal ist wenn Ware bestellt, geliefert und vereinnahmt wurde. Jetzt aber fingen wir an Rechnungen auf Richtigkeit zu prüfen, die Liefermengen mit den bestellten Mengen zu vergleichen und zu kontrollieren, ob überhaupt das geliefert wurde, was wir bestellt hatten, das Haltbarkeitsdatum und viele andere Dinge mehr. Der Zeitdruck, der uns durch die Zoll- und Abfertigungsformalitäten auferlegt wurde und unsere beschränkten Möglichkeiten im alten Office ließen uns einfach bisher dazu keine Zeit. Nun aber hatten wir Zeit und stellten mit Erschrecken fest, dass wir in der Vergangenheit doch einiges an Sünden zugelassen hatten. Wir fingen also an, die Arbeit der Handelsabteilung neu zu organisieren. Diese basierte nun nicht mehr auf der Basis Vertrauen zu unserem Lieferanten, sondern auf der Basis des alten Leninspruches: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

 

Datum der Publizierung: 26. Januar 2014

NEUE POLITIK MIT DEN LIEFERANTEN

Unsere Lieferanten spürten sehr schnell, dass aus Kaliningrad ein anderer Wind wehte. In mehreren Gesprächen mit den Verantwortlichen in Hamburg kam ganz klar zum Ausdruck, dass man gar nicht daran dachte, eine andere Politik mit uns zu betreiben. Man forderte kategorisch, ja fast ultimativ auf darüber nachzudenken, wer denn erst die Entwicklung unserer Firma ermöglicht hätte. Anscheinend ging man in Hamburg davon aus, dass wir ewig dankbar sein müssten für die Warenlieferungen, welche man aus Deutschland für teures Geld nach Kaliningrad sandte. Man vergaß aber, dass es sich hier nicht um Geschenke oder humanitäre Hilfe, sondern um Ware handelte, welche wir natürlich bezahlten. Und man vergaß, dass es auch noch andere Firmen gab, die bereit waren zu liefern. Nur wir waren eben treue Kunden und hielten zu unseren Lieferanten, sofern diese sich natürlich korrekt verhielten.

Aber mein Gesprächspartner teilte mir im Gespräch mit, dass er der Ansicht sei, dass die Russen ihm zu schnell reich werden. Ich war entsetzt über solche Denkweise. Mir kam dieser Mann wie ein neuer Kolonisator vor, dessen russische Sklaven für ein geringes Entgelt an der Mehrung des Reichtums der westlichen Kapitalisten zu arbeiten hatten. Er hatte wohl insgesamt ein paar Probleme mit den Menschen, die östlich der Elbe geboren waren. Zum Glück hatten andere leitende Mitarbeiter in der Firma eine andere Einstellung.   Ich erinnerte daran, dass eine Partnerschaft nur auf der Basis des gegenseitigen Verstehens, der Wertschätzung und Unterstützung gelebt werden kann. Leider ließ mein Gesprächspartner nicht erkennen, ob er diese Meinung teilte.

Nun kamen wir an einen Punkt, an dem mich die russische Seite bat, während meines nächsten Aufenthaltes in Deutschland bei unserem Hamburger Lieferanten Gespräche zur Auswertung des vergangenen Wirtschaftsjahres zu führen. Das erfolgreiche Jahr 1996 war zu Ende, die Bilanz erstellt und auch alle anderen Gewinnberechnungen waren abgeschlossen, so dass konkrete Zahlen vorlagen und über die weitere Verwendung des Erwirtschafteten gesprochen werden konnte.

„Von welchen Geldern reden Sie denn?“ fragte mich der Geschäftsführer unseres Hauptlieferanten. Na gut, vielleicht hatte ich mich unklar ausgedrückt, und so wiederholte ich nochmals das Anliegen der russischen Seite. Wiederum verstand er mich nicht und ergänzte noch, dass es keine Gelder gibt und demzufolge auch nichts ausgezahlt werden könne. Ich war irritiert und wiederholte nochmals das Anliegen. Da wurde er sehr ungehalten und meinte: „Was wollen Sie von mir. Es gibt kein Geld und ich kann mich an nichts erinnern.“

Ich war entsetzt. Natürlich gibt es in jeder Firma nicht über alle Absprachen schriftliche Verträge. Es gilt zwischen den Partnern das gesprochene Wort. Zumindest dachten wir damals so. Irgendwo hatte ich auch mal den Begriff „hanseatische Kaufmannsehre“ gehört und war naiv genug diesem Begriff im Jahre 1997 noch Bedeutung beizumessen. Mir wurde wirklich flau im Magen, denn wenn ich mit einer solchen Antwort nach Russland zurückfuhr, ahnte ich, was passieren würde. So fragte ich nochmals: „Sind Sie sicher, dass Sie sich an nichts erinnern können und sich auch ihre Mitarbeiter, welche die technische Seite in den letzten zwölf Monaten bearbeitet haben, sich an nichts erinnern?“ Mein Gesprächspartner merkte wohl, dass er mit seiner Taktik der einfachen Ignorierung  nicht weiterkam. Die Diskussion wurde heftiger und sehr emotional. Wir sprachen beide in etwas lauterem Tonfall und Emotionen sind im Geschäftsleben immer schädlich. Mein Gegenüber brach das Gespräch ab und teilte mir mit, dass die Bilanz ausgeglichen sei und er überhaupt von uns die sofortige Begleichung aller offenen Warenrechnungen verlangen wird. Damit wird die Firma dann wohl in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen – war seine Hoffnung. Ich vergewisserte mich nochmals, ob ich das als Antwort mitnehmen sollte und mir wurde es so bestätigt. Schockiert fuhr ich nach Kaliningrad zurück und bat sofort die russischen Gesellschafter zu einer außerordentlichen Versammlung zur Erläuterung der Situation. 

Die russische Seite begann mit praktischen Überlegungen wie man vorgehen sollte und wir trafen gemeinsam die notwendigen Entscheidungen. Mich bat man um eine eindeutige Erklärung, wie ich  meine Position in der Firma sehe. „Zwei Jahre arbeite ich bereits in der Firma und wir haben gemeinsam viele Probleme gelöst. In diesen zwei Jahren haben wir uns aneinander gewöhnt und Vertrauen zueinander gefasst. Ich bin bereit, weiterhin in Kaliningrad zu bleiben und gemeinsam mit der russischen Seite eine starke Firma aufzubauen.“ Dies war meine Grundsatzerklärung, die mein weiteres Leben in Russland einläutete und diese Erklärung war Grundlage dafür, dass mich die russische Seite in allen geschäftlichen Dingen zu ihrem Partner machte.

Wir legten im weiteren Verlauf der Versammlung, die sich bis spät in die Nacht hinzog, eine ganze Reihe von Dingen fest, die wir in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten umsetzen wollten. Dazu gehörte in erster Linie die Lockerung der Abhängigkeit von unserem Hamburger Hauptlieferanten. Und es wurden Beschlüsse gefasst, die uns vor negativen Folgen subjektiver Entscheidungen irgendwelcher Lieferanten oder Entscheidungsträgern in diesen Firmen zukünftig schützen sollten.   

Ich arbeitete im neuen Office Tag und Nacht an der Umsetzung dieser Beschlüsse. Tagsüber wurden intensiv neue Kontakte gesucht, Telefonate geführt, Sortiments- und Preislisten und sonstige Vertragsbedingungen angefordert und abends und nachts wurde alles studiert, analysiert und ausgewertet. Ich schlief im Office und nahm nur frühmorgens in unserem Nachbargebäude, welches nun auch schon fertig gebaut war, ein Bad in unserem Schwimmbecken.

Der Generaldirektor sah natürlich, wie ich meinen 18-stündigen Arbeitstag gestaltete. Er kam regelmäßig spät abends und brachte mir Abendbrot. Er war wie ein Vater zu mir und so entwickelte sich unser Verhältnis wirklich bestens. Innerhalb von zwei Monaten schafften wir es, eine ganze Reihe von neuen Lieferanten zu finden, welche bereit waren uns zu beliefern. Wir legten die Modalitäten der Zusammenarbeit fest und bald begann die Logistik zu funktionieren. Zu unser aller Erstaunen funktionierte sie sogar ausgezeichnet, besser als die Logistik mit unserem bisherigen Hamburger Hauptlieferanten. Die Umsätze wuchsen mit jedem Monat, zumal wir auch in Sortimente einstiegen, die uns bis dahin verschlossen waren, da die Hamburger Firma uns diese Dinge nicht anbot. Um es vorwegzunehmen. Das Jahr 1997 brachte uns einen Umsatzzuwachs von über hundert Prozent.

Natürlich bemerkten die Hamburger die Veränderungen, denn die Bestellungen waren stark rückläufig, trotzdem bezahlten wir unsere offenen Rechnungen und natürlich ist die Geschäftswelt Duty-Free recht klein und Veränderungen sprechen sich schnell herum. Was wir nicht wussten war, dass die Hamburger Firma schon seit Jahren finanzielle Probleme hatte und sich nur über Wasser hielt, in dem sie uns Waren zu Konditionen lieferte, welche sie mit anderen Kunden in Westeuropa nicht hätte vereinbaren können. Da dies nun alles plötzlich wegfiel, machte sich der desolate Zustand der Hamburger Firma natürlich sofort bemerkbar. Das Ende der Zusammenarbeit und das Ende der Hamburger Firma waren absehbar. Aber dazu dann etwas später.

Wir gingen nun unsere weiteren Schritte und begannen völlig selbständig uns neuen Geschäftsideen zuzuwenden.

 

Datum der Publizierung: 02. Februar 2014

NEUE GESCHÄFTSIDEEN

Wir hatten an allen Grenzübergängen unsere Duty-Free-Shops eröffnet und so entschlossen wir uns, einen Großhandel in der Stadt zu entwickeln. Wir erhielten die Exklusivlieferrechte für einige französische Sorten Mineralwasser, für spanische Säfte, deutsches und belgisches Bier, Kaffee und weitere Sortimente. Wir hatten unsere Probleme mit dem Großhandel. Rein organisatorisch und personell bekamen wir die Sache nicht so richtig in den Griff. Dies hing vielleicht auch damit zusammen, dass die Shops Duty-Free sich weiterhin sehr schnell entwickelten und somit noch einen Großteil unserer Aufmerksamkeit benötigten. In die Struktur unserer Firma wurde keine neue Abteilung eingepasst, die sich mit dem Domestik-Markt beschäftigt, sondern es blieb alles zusammen in einer Handelsabteilung zusammengefasst. Zum anderen entwickelte sich in der Stadt natürlich auch Konkurrenz und dies wurde von uns wohl auch unterschätzt. In der Anfangsphase des Großhandels glaubten wir, dass sich der Umsatz, genau wie im Bereich Duty-Free irgendwie von alleine entwickeln würde – wir wollten also von unserem guten Namen profitieren. Dies war aber nicht so und es dauerte fast vier Jahre, bis wir zum einen unser Sortiment gefunden und zum anderen den Großhandel in die Gewinnzone gebracht hatten.

Aber es gab noch andere Gedanken. Wir sahen, dass wir in der Lage waren, Geschäfte erfolgreich zu entwickeln und Probleme vernünftig zu entscheiden. Wir sahen auch, dass wir mehr und mehr Kontakte zu Lieferanten in Westeuropa bekamen. Und wir zogen die Schlussfolgerungen, dass es immer und auf allen Gebieten wichtig ist, mehrgleisig zu fahren. Deshalb wurde der Gedanke geboren eine weitere Firma zu gründen.

Wir wählten den Süden Russlands, Sotchi. Hier sollte die Firma residieren und von hier aus die Geschäftstätigkeit entwickeln. Wir waren uns nicht bewusst, welche enormen Probleme uns erwarten würden. Die ersten Schritte liefen sich noch leicht. Die Firma wurde gegründet. Wir leiteten alles in die Wege, um die notwendigen Lizenzen, Bau- und sonstigen Genehmigungen zu erhalten und alles ging seinen Gang. Probleme bekamen wir mit einigen Lieferanten, denn die großen, international bekannten Hersteller und Lieferanten wollten diese Firma nicht beliefern. Keiner kannte diese Firma und überhaupt war das Risiko für die westeuropäischen Lieferanten wohl sehr groß. Deshalb mussten wir auf sogenannte No-Name-Lieferanten und auf Großhändler ausweichen. Das verteuerte natürlich die Ware erheblich. Auch die Logistik war mehr als kompliziert, denn es sollte alles über Griechenland abgewickelt werden. Unser Fehler war, dass wir uns zu schnell entwickeln wollten und die Schritte und Konsequenzen vorher nicht „durchspielten“. Geld, welches in Kaliningrad verdient wurde, wurde in unserer zweiten Firma schnell wieder verloren.

Der im Süden eingesetzte Generaldirektor war ein Arbeitstier und in vielen Fragen ein Organisationstalent. Letztendlich kümmerte er sich um die Entwicklung der Firma vor Ort und wir versuchten die Belieferung sicherzustellen. Schnell kamen die Shops in Adler, Sotchi, Psou, Krasnodar, Rostow am Don in die Struktur.

 

Datum der Publizierung: 09. Februar 2014

KADER ENTSCHEIDEN ALLES

Aber auch in Kaliningrad ging das Leben weiter und erfreulicherweise entwickelte sich vieles zu unserer Zufriedenheit. Aber eben nicht alles.

Unser neuer, schöner Shop in Goldap begann unser Sorgenkind zu werden. Wir hatten als Leiter des Shops eine politische Personalentscheidung getroffen und dies erwies sich als großer Fehler. Die Ehefrau des Shopleiters war die Sekretärin eines hohen Beamten in der Zollverwaltung und so glaubte wohl der neue Shopleiter irgendwelche Privilegien zu haben. Er fing an mit den Shop zu arbeiten wie er es für richtig hielt. Personal wurde von ihm nur unter dem Aspekt ausgewählt und eingestellt, wie es ihm persönlich von Nutzen war. Am Grenzübergang verbreiteten sich sogar Gerüchte, dass er nicht nur Shopleiter sondern auch Besitzer der Firma ist. Und er unternahm alle nur nötigen Schritte, damit man im Office in Kaliningrad möglichst wenige Informationen bekam und er verhinderte sogar meine regelmäßigen Besuche am Übergang. Nun, hier lagen meinerseits schon Erfahrungen aus der Ukraine vor und wie man Probleme dieser Art löst war mir auch bekannt. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir seinem Treiben ein Ende setzten. Zuerst schickten wir „Testkunden“ nach Goldap und dann eine Untersuchungskommission. Es endete mit der Entlassung des Shopleiters – allerdings nur als Shopleiter, denn wiederum aus politischen Gründen wurde ihm eine Arbeit in unserem Großhandel angeboten. Unser Generaldirektor war eben auch sehr personalfreundlich eingestellt. Ziel war, dass der junge Mann einfach nicht arbeitslos wird.

Wenige Momente später erhielt ich einen Anruf seiner Ehefrau, die mich zu einem Gespräch zu sich zitierte. Während des Gespräches, welches symbolträchtig im Vorzimmer des hohen Zollbeamten stattfand, wurde mir sehr eindeutig meine Perspektive in Kaliningrad aufgezeigt, wenn ich nicht dafür sorgte, dass der geliebte Gatte wieder in seine alte Funktion eingesetzt wird. Nun hatte ich schon ein paar Möglichkeiten in der Firma, aber diese ultimative Forderung überstieg doch eindeutig meine Kompetenzen. Deshalb hatte ich ein amüsantes Gespräch mit dem russischen Generaldirektor, der mir genauso amüsiert zuhörte. Lange Rede, kurzer Sinn – sowohl der Ehemann wie auch die Ehefrau erhielten wenige Augenblicke später die Möglichkeit ihre Qualifikation anderen Arbeitgebern in Kaliningrad anzubieten.

Nun stand aber das Problem möglichst schnell einen neuen Shopleiter zu finden. Zufällig erfuhren wir, dass der Schwager meines Wohnungsnachbarn keine Lust mehr hatte in der Armee als Offizier zu dienen. Es war damals relativ einfach aus der Armee auszuscheiden. Es war aber nicht einfach eine gutbezahlte Arbeit zu finden. Da wir uns schon ein wenig kannten, bot sich hier eine Möglichkeit, unser Kaderproblem schnell zu lösen. Bei der Gelegenheit stellten wir auch gleich einen neuen Stellvertreter für ihn ein. Der junge Mann, Alexej, arbeitete schon in unserer Firma in einem anderen Shop. Er begann dort als Verkäufer, wurde dann Schichtleiter und war jetzt dort bereits Stellvertreter des Shopleiters – eine ziemlich schnelle Karriere. Und nun boten wir ihm – kurz gesagt – den gleichen Posten mit weniger Geld und an einem völlig anderen Ort an. Wir hofften auf eine goldene Perspektive in diesem Shop und er ließ sich von uns überzeugen.

Weder Oleg der Shopleiter, noch Alexej sein Stellvertreter haben ihre Entscheidungen bereut. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich der Übergang zum Hauptumsatzträger in der Firma. Und da das Personal am Umsatz beteiligt war, waren alle zufrieden. Alexej erhielt als einziger Stellvertreter einen Firmenwagen, wurde später Shopleiter und bekleidet heute eine Führungsposition im Zentraloffice.

 

Datum der Publizierung: 16. Februar 2014

EINE PRINZIPIELLE ENTSCHEIDUNG

Es lief also alles gut in Kaliningrad, sowohl im geschäftlichen wie auch im privaten Bereich. Mit meinen Wohnungsnachbarn kam ich immer besser klar und wir bildeten so ein richtig kleines „Kollektiv“ und halfen uns gegenseitig. Wir wohnten zusammen, besuchten uns fast täglich, unternahmen gemeinsame Wochenendausflüge und man nahm mich auch mit, wenn es Einladungen zu anderen Bekannten gab. Damit erweiterte sich der Kreis meiner Bekannten in Kaliningrad auch erheblich. Beide hatten einen Sohn Sergej. Mit Sergej, einem kleinen Steppke von damals elf Jahren freundete ich mich schnell an.

Nun stand bei mir eine prinzipielle Entscheidung an. Meine Vorstellungen waren, zwei Jahre in Kaliningrad zu bleiben und dann nach Deutschland zurückzukehren um dort im Beraterbereich tätig zu werden. Aber wollte ich dies jetzt auch noch? Es lief alles gut in Kaliningrad und würde es auch gut in Deutschland laufen? Brauchte man dort überhaupt Russlandspezialisten? Ich war mir nicht mehr sicher. Und so entwickelte sich der Gedanke, meinen Aufenthalt in Kaliningrad zu verlängern.

Ich fühlte mich mit jedem Tag wohler in Kaliningrad und wollte bleiben. Nur 1995 hatten wir uns ein Haus in Norderstedt gekauft und ich erfüllte mir damit meinen Kindheitstraum. Nur wohnte ich nicht in diesem Haus und es sah auch nicht so aus, als ob ich dort jemals wohnen würde. Ich wohnte wieder in einer sehr kleinen Einzimmerwohnung mit noch weniger Komfort als in irgendeiner anderen Wohnung, die ich jemals in der DDR hatte. Und so kam der Gedanke, dass ich mir eine neue, eine Eigentumswohnung in Kaliningrad zulegen wollte. Das war damals gar nicht so einfach, denn gebaut wurde so gut wie nicht. Trotzdem fand ich einige Objekte und die auch preislich alle erschwinglich waren. Bloß gut, dass ich mich immer gleich erkundigte, wer denn in den anderen Wohnungen links und rechts, oben und unten wohnte. Ich erhielt solche Antworten wie: Der Chef einer Bank, der Leiter der Zollfahndung, der Direktor der Handelsinspektion, der Besitzer von der und der Firma. Ich kam ins Grübeln. Nicht immer waren die aufgezählten Nachbarn ehrenhafte Nachbarn. Dies zum einen. Zum anderen war es natürlich auch nützlich, als Nachbarn so hochgestellte Persönlichkeiten zu haben. Aber brauchte ich diese hochgestellten Persönlichkeiten? Eigentlich nicht, denn für die Pflege unserer politischen Beziehungen war der Generaldirektor verantwortlich und im Bedarfsfall hätte er sicher mit diesen Beziehungen geholfen. Aber wenn es mir mal persönlich, gesundheitlich schlecht ging, oder wenn ich einfach mal menschliche, kollegiale Hilfe gebraucht hätte, würden mir dann die hohen Herrschaften helfen? Ich erinnerte mich, wie meine Nachbarn mir bei meinem Wasserrohrbruch geholfen hatten und bei vielen anderen Dingen des täglichen Lebens. Das würden die neuen Nachbarn sicher nicht tun, da sie es überhaupt nicht nötig hatten. Und wie ich so an den Wochenenden durch Kaliningrad laufe, ich hatte es mir von Anfang an angewöhnt viele Spaziergänge zu machen, ähnlich wie damals während meines Studiums in Leningrad, stoße ich auf eine Neubausiedlung mit Einfamilienhäusern ganz in der Nähe meiner Wohnung. Einige dieser Häuser waren etwas grösser geraten, aber das war der Baustil in Russland in dieser Etappe der Entwicklung. Man musste zeigen, dass man Geld hatte. Es war eine Siedlung, wo sich einige neureiche Russen niedergelassen hatten und Schritt für Schritt ihr kleines individuelles Paradies aufbauten und urplötzlich war der Gedanke da und ließ mich nicht mehr los: Du baust auch ein Haus in Kaliningrad.

Glauben sie mir, ein völlig irrer Gedanke. Schon in Deutschland ist es ein mutiger Schritt, ein Haus zu bauen. Und in Deutschland ist alles organisiert. Es gibt jede Menge Firmen, alles an Material ist vorhanden, man muss nur bezahlen können. Aber in Russland, insbesondere noch in Kaliningrad? Der Gedanke ließ mich trotzdem nicht mehr los und ich begann mich ganz vorsichtig zu Immobilienfragen und zum Bauen kundig zu machen. Nach zwei Monaten hatte ich einen ungefähren Überblick. Aber wieder gab es die Frage nach den Nachbarn und weiter stand die Frage, wer den ganzen Bau organisieren sollte. Ich hatte keine Ahnung vom Bauen. Und so kaufte ich eine Flasche Wein zum Wochenende und lud mich bei meinen Nachbarn Juri und Marina ein. Gleich zu Anfang des Gespräches kündigte ich an, dass der heutige Abend ein ernsthafter Abend wird und ich möchte, dass wir gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten. Beide waren natürlich erstaunt und erwartungsvoll. Wir tranken 100 Gramm zur Eröffnung des Abends und ich schlug dann kurz und bündig vor: „Hört zu, wir bauen zusammen ein Haus.“

Punkt, aus, tiefes Schweigen. Juri war der Erste, der sich fasste und mit einer ganz praktischen Sorge rüberkam – der Finanzierung. Darauf war ich natürlich vorbereitet und meinte: „Ich schlage Euch vor, gemeinsam ein Haus für uns zu bauen. Darunter verstehe ich, dass ich das Haus finanziere, Ihr organisiert den Bau und erhaltet dafür lebenslanges kostenloses Wohnrecht in diesem Haus. Das ganze machen wir schriftlich, vor einem Notar.“

Der weitere Abend verlief sehr intensiv. In den nächsten Tagen wurde dann die „Problem- und Aufgabenliste“ erarbeitet.

Foto: Meine Nachbarn seit 1995

Es musste ein Grundstück gesucht werden, es musste ein Architekt beauftragt werden ein Projekt zu erarbeiten, es musste eine Baufirma gefunden werden, es musste Material gesucht werden, es mussten Arbeiter eingestellt werden und vieles mehr. Nach wenigen Wochen war alles erledigt. Wir hatten ein Grundstück genau in der Siedlung gefunden, in der ich die Häuser der neureichen Russen gesehen hatte. Zu deutschen Zeiten nannte sich dieses Gebiet Max-Aschmann-Park. Nach dem Krieg war dieses Gebiet vernachlässigt worden und sah jetzt nicht sehr einladend aus. Trotzdem entschlossen wir uns dort zu bauen. Wir entschlossen uns richtig, denn ohne es zu wissen oder zu ahnen, hatten wir uns eine der besten Wohngegenden Kaliningrads ausgesucht. In den kommenden Jahren sollte sich hier sehr viel tun und vermutlich waren wir auch die Initiatoren für die erfolgreiche Entwicklung dieses Wohngebietes.

Der Besitzer des Grundstücks war sogar ein alter Bekannter von mir. Das hatte aber leider keinen Einfluss auf den Kaufpreis. Wir fanden eine junge Architektin, die uns ein individuelles Haus konzipierte. Und wir klärten alle anderen Probleme.

Und diese anderen Probleme ließen auch nicht lange auf sich warten. Mir als Ausländer war es verboten, Grund und Boden zu erwerben. Auch mit der Anmietung gab es damals noch Probleme. Nun saßen wir wieder zusammen. Grundstück war da, Projekt lag vor, alle Berechnungen waren vorhanden, Geld lag bereit und nun dies. Aber wir fanden gemeinsam einen Ausweg. Ja, mir als Ausländer war es verboten Grund und Boden zu erwerben, aber Juri war Russe. Er konnte. Nur ich musste Vertrauen zu Juri haben und ich sagte ihm, dass ich Vertrauen habe. Ich gab ihm Geld und er kaufte auf seinen Namen das Grundstück. Auf seinen Namen wurde auch das Haus letztendlich gebaut. Ich hoffte nur auf eine günstigere Entwicklung der russischen Gesetzgebung und ich hoffte nicht vergebens.

 

Datum der Publizierung: 23. Februar 2014

DIE ARBEIT IN SOTCHI BEGINNT

Im Januar 1998 wurde die reale Verkaufstätigkeit in unserer zweiten Firma im Süden Russlands endlich aufgenommen. Mit Riesenproblemen hatten wir die erste Warenlieferung dorthin gebracht. Zwei Jahre lang quälten wir uns mit der Logistik, ehe wir unter den großen Logistikübeln das für uns am Kleinste fanden.

Die Ware wurde durch die hohen Transportkosten sehr teuer – teuer für uns und somit auch teuer für unsere Kunden. Da kann es auch nicht tröstend sein, dass alle anderen Unternehmer im Süden Russlands an sich das gleiche Problem wie wir auch hatten und somit das Preisniveau insgesamt sehr hoch war.

Der von uns anfänglich ausgewählte Transportweg war optimal. Die Ware wurde in Deutschland kommissioniert, in Container verladen und mit dem Schiff nach Noworossisk transportiert. Dort wurde alles auf LKW umgeladen und in die Shops verbracht. Der Nachteil war, dass der Transportweg relativ lang war. Dies versuchten wir dadurch auszugleichen, dass wir unser Bestellsystem entsprechend langfristig organisierten. Wir mussten eben für zwei bis drei Monate im voraus die möglichen Einkaufswünsche unserer Kunden, auch unter Beachtung von Zuwachstrends erkennen, um keine Out-off-Stock-Situation zuzulassen. In Kaliningrad war dies schon schwer, im Süden Russlands eine fast nicht zu lösende Aufgabe.

Die Transportkosten selbst waren bis Noworossisk auch günstig. Aber im Hafen von Noworossisk begannen dann die Ausgaben ins Unermessliche zu wachsen. Jeder Geschäftsmann, der mit dem Hafen Noworossisk zu tun hat weiß, dass der Hafen fest im Griff einiger Weniger war und diese „Wenigen“ natürlich die Preise diktierten. Tja, es waren die wilden 90er Jahre – auch wenn diese sich langsam dem Ende zuneigten. Es nützt einem also gar nichts, wenn der Transport auf dem Seeweg sehr preisgünstig ist, wenn man alleine schon für das Verhohlen der Ware vom Schiff auf den Kai sich fast in den Ruin treiben muss, ganz zu schweigen von Transportaufgaben innerhalb des Hafens oder, wie in unserem Fall, sogar noch über hunderte von Kilometern ins Landesinnere.

Seit Jahren stand im Hafen von Noworossisk ein neues Gebäude. Es sollte wohl ein Geschäft mit angeschlossenem Restaurant werden. Irgendeine ausländische Firma hatte hier investiert und irgendwann den Mut verloren. Man bot uns mehrere Male dieses Gebäude an, damit wir doch nun endlich auch in Noworossisk einen Duty-Free-Shop eröffnen. Aber wir lehnten immer wieder ab, obwohl wir wussten, dass dieser Shop Umsätze in sechsstelliger Höhe einfahren würde. Wir waren aber Realisten genug um zu verstehen, dass wohl weniger wir Nutznießer dieser guten Umsätze sein würden, sondern ein Großteil unserer Einnahmen für „Mieten und Pachten“ eingesetzt werden müssten. Und wir wollten keine überteuerten Mieten zahlen und wir wollten auch nicht mit Strukturen zusammenarbeiten, die nicht unseren Moralvorstellungen von einem ehrlichen Geschäftsleben entsprachen.

Ein Jahr nutzten wir den Hafen von Noworossisk und dann fand die russische Seite eine Alternative über Griechenland und die Türkei bis nach Sotchi. Sotchi war aber als Seehafen für Güter nicht zugelassen. Für uns machte man eine Ausnahme. Leider war weder in Griechenland, noch in der Türkei, noch in Sotchi die Logistikstruktur so abgesichert, dass wir die Ware vernünftig transportieren konnten. Wir führten zwei Transporte durch, die mit riesigen Differenzen und Kosten endeten. Von den Nerven die wir dabei auch noch verloren einmal ganz zu schweigen. Dann legte ich mein Veto ein und wir fanden im Jahre 2001 die bis heute noch funktionierende Variante über St. Petersburg.

Diese Variante bestand darin, dass die gesamte Ware in Deutschland kommissioniert wurde. Dort hatten wir unseren Agenten sitzen. Partner war eine deutsche Transportfirma, mit der wir auch in Kaliningrad seit 1995 zusammenarbeiteten. Von dort ging die Ware mit der Fähre nach St. Petersburg. Dort saß unser russischer Agent und der Zollverantwortliche der „Jug-Company“ und die eintreffenden Container wurden bereits in St. Petersburg zolltechnisch behandelt und unter bewaffnetem Zollschutz bis in die Shops im Süden Russlands transportiert. Ein Transport, also ein LKW-Zug kostete rund 6.000 Dollar. Ein stolzer Preis, aber von allen ungünstigen Varianten war dies immer noch die Beste. 

Meine, in der „Jug-Company“ zu lösenden Aufgaben waren identisch mit denen, für die ich in Kaliningrad verantwortlich zeichnete. Nur war ich nicht vor Ort anwesend und dies brachte zusätzliche Probleme. Ich kannte die Situation nur unzureichend und das machte mich etwas unsicher und notwendige Entscheidungen für eine optimalere Arbeit im Süden kamen einfach zu spät und kosteten bis dahin viel Geld. Aber irgendwann war es klar, dass die Logistik nur optimal organisiert werden kann, wenn wir weitere Shops eröffnen und damit das Transportvolumen optimieren. So wurde die Aufgabe gestellt und noch im Jahre 1998 kamen neue Duty-Free-Shops in Rostow am Don, in Kawkas und in Krasnodar hinzu. Auch wurde eine Großhandelsfiliale eingerichtet, die wir allerdings nach zwei Jahren wieder schlossen, da wir auch hier nicht in der Lage waren, die Arbeit profitabel zu organisieren.

Ungünstig war, dass ich keinen Ansprechpartner im Süden hatte. Alle Leute, die dort als ökonomischer Leiter eingesetzt wurden, erwiesen sich als nicht brauchbar. Ich saß in Kaliningrad, weit weg von Sotchi und den anderen Shops, machte die Bestellungen, organisierte die Transporte, berechnete Margen und Gewinn und vieles mehr, aber optimal war diese Situation auf keinen Fall.

Foto: Shop Adler, Shop Airport-Sotchi und Shop im Hafen Psou

 

Datum der Publizierung: 02. März 2014

MEINE ERSTE EIGENE FIRMA

In Kaliningrad suchte ein junger Mann Kontakt zu mir. Er war unser Haus- und Hoflieferant für alles was man so im Office benötigte. Persönlich hatten wir noch keinen Kontakt gehabt, da Druckerpapier und Druckerpatronen nicht zu meinem Aufgabengebiet gehörten. Dafür hatten wir eine Officeleiterin. Aber der junge Mann hatte wohl Erkundigungen über mich eingeholt und sich dann entschieden, mit mir zu sprechen.  

Er erzählte mir, wie er seine Firma gegründet, sein Vater ihn unterstützt und sich beide danach verkracht hatten und welche weiteren Probleme und Schwierigkeiten es gab und was er für Zukunftsabsichten hatte. Er wollte an sich mit seinem bisherigen Sortiment an Büromaterial und Computerzubehör expandieren, seinem kleinen Einzelhandel auch einen Großhandel hinzufügen und suchte nun einen Partner zur Finanzierung der Wareneinkäufe. Ich beschloss, mir seine Firma etwas genauer anzuschauen.

Wir fuhren zu ihm ins Office. Es lag irgendwo auf einem Hinterhof in einem Keller. Ich will nicht sagen, dass dort im Office Unordnung herrschte, aber man merkte doch, dass die Organisation der Arbeit nicht seine Stärke war. Aber so ist es nun mal, wenn eine Firma anfängt zu funktionieren. Als ich im Jahre 2001 eine weitere Firma gründete, sah es in den ersten Monaten im Lagerraum auch chaotisch aus und an ein eigenes Office war schon gar nicht zu denken.

Kurz und gut, das Office machte nicht den besten Eindruck, aber der junge Mann entwickelte Gedanken und Initiativen, welche mich beeindruckten. So stieg ich dann als stiller Teilhaber mit fünfzig Prozent ein und schoss auch gleichzeitig noch einen Kredit vor, der außerhalb meiner Beteiligung lag und mit dem ich einfach nur versuchte, ein wenig Zinsen zu verdienen. Die Zinsen lagen damals in Russland offiziell bei zwanzig Prozent, mit riesigen Sicherheiten für den Kreditgeber. Solche Leute wie mein neuer Geschäftspartner hatten an sich keine Chance offiziell einen Bankkredit zu bekommen. Wir schlossen alle notwendigen Verträge ab und ich gab ihm die benötigte Summe und zahlte meinen Firmenanteil ein. Da wir nun Partner waren, gebot es natürlich die Geschäftsmoral nicht zwanzig Prozent Zinsen zu nehmen. Ich schlug ihm fünf Prozent vor und er nahm dankbar an. Auch ich war zufrieden, hatte ich doch eine weitere finanzielle Einnahmequelle und rein arbeitstechnisch war ich nicht gefordert.

 

Datum der Publizierung: 09. März 2014

DIE FINANZKRISE IN RUSSLAND

Ungeachtet aller positiven Entwicklungen näherte sich aber eine Katastrophe. Es war die Finanzkrise in Russland. Im August 1998 war ich in Deutschland auf Geschäftsreise, als der Begriff „Finanzkrise in Russland“ durch alle Nachrichten geisterte. Ehrlich gesagt hatte ich keine richtige Vorstellung, was das bedeutete. Ich dachte Russland befände sich in einer ständigen Finanzkrise, denn Geld war nie und bei niemandem vorhanden. Nein, das Wort Finanzkrise war nicht so richtig verständlich für den Normalverbraucher und auch nicht zu vergleichen mit der Finanzkrise im Jahre 2008.

Irgendein nicht vorher bestimmbarer Stichtag war der Auslöser für eine gigantische Inflation. Der Rubel verlor stündlich an Wert im Vergleich zum Dollar oder der Deutschen Mark. Man muss wissen, dass in Russland und so natürlich auch in Kaliningrad, die Wirtschaft und die Preise zum damaligen Zeitpunkt stark an den Dollar gekoppelt waren.

Zu Anfang des Jahres 1998 fand eine Währungsreform statt. Um die Preise für Waren und Dienstleistungen wieder etwas besser verständlich zu machen, wurden einfach drei Nullen gestrichen. Aus 1.000 Rubel wurde somit ein Rubel. Gleichzeitig wurde neues Geld eingeführt. Diese Maßnahme wurde von allen begrüßt, zeigte sie doch, dass sich die Währung Russlands stabilisierte.

Bis Mitte 1998 war es so, dass ich für einen Dollar sechs Rubel erhielt. Der Wechselkurs zum Dollar veränderte sich in der ersten Jahreshälfte nur unwesentlich. Aber Mitte August stieg urplötzlich der Kurs stündlich. Als ich nach einigen Tagen aus Deutschland zurückkam, war der Kurs offiziell schon bei vierundzwanzig Rubel. Nur wollte kein Mensch mehr Rubel haben. Alle wollten nur noch harte Dollar, aber die konnte man natürlich nirgendwo mehr kaufen oder eintauschen. Die Geschäfte wurden von Stunde zu Stunde leerer. Es fanden Hamsterkäufe statt. Die Rubel-Ersparnisse schwanden bei den einfachen Menschen dahin – durch die Wechselkurse wurde das Geld einfach wertlos. Kaliningrad selber lebte damals und lebt auch heute noch von Importen aus Westeuropa und daraus ergibt sich eine unmittelbare Abhängigkeit zu anderen Valuta. Da der Rubel stündlich weniger wert war, wollte ihn auch niemand mehr haben. Valuta wollte auch keiner ausgeben. Die Waren in den Geschäften wurden sichtbar weniger. Kurz gesagt brach innerhalb weniger Tage alles zusammen.

Für unsere Firma brachen nun aber goldene Zeiten an. Fangen wir beim Personal an. In den Arbeitsverträgen des Personals waren die Gehälter in Dollar festgelegt und es war der Satz eingefügt, dass das Gehalt in Rubel zum jeweils gültigen Tagessatz am Tage der Gehaltsauszahlung ausbezahlt wird. Mit anderen Worten: Während für alle anderen Kaliningrader das Gehalt innerhalb eines Monats halbiert und geviertelt und geachtelt wurde, blieb das Gehalt für unsere Mitarbeiter stabil. Wir konnten uns dies auch erlauben, da wir für unsere Shops eine Valutalizenz hatten und somit unsere Ware gegen Dollar, Deutsche Mark, Litauische Lita und Russische Rubel verkauften. Wir griffen natürlich in die Kurse ein und machten den Einkauf für russische Rubel unattraktiv. Wir regulierten die Kurse mindestens dreimal am Tag. Für das tägliche Leben und die täglichen Ausgaben benötigten wir natürlich Rubel. Deshalb hatten die Shops die Aufgabe, stündlich den Rubelbestand in den Kassen zu melden. War die benötigte Summe erreicht, wurde sofort der Kurs für den Rubel weiter verschlechtert und die Kunden kauften nur noch gegen Valuta ein. Da es in der Stadt nichts mehr gab, fingen die Umsätze bei uns an wie wahnsinnig zu steigen. Der Umstand erklärt sich ganz einfach.

Viele russische Firmen und so auch der Großteil der Firmen in Kaliningrad, lebten vom Warenimport. Auf Grund der Krise konnten diese Firmen ihren Kreditverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Die Rubel, die durch den Verkauf der importierten Ware eingenommen wurden, konnten nicht in Dollar konvertiert werden, da der Dollar vom Valutamarkt verschwunden oder enorm teuer geworden war. Wenn man dann endlich irgendwie die Summe konvertiert bekam, war der Rubel schon wieder weniger wert und man konnte erst recht nicht die Warenrechnungen begleichen. Gleichzeitig gingen die westlichen Exporteure dazu über nur noch gegen Vorkasse zu liefern und das war das physische Aus für hunderte und tausende von Firmen in Russland und Kaliningrad.

Nicht so für uns. Wir verkauften gegen Valuta zu stabilen Preisen. Die neue Situation erforderte von uns ein Höchstmaß an Flexibilität und Einsatzwillen. Die Bilanz des Jahres 1998 zeigte einen phantastischen zweistelligen Millionenbetrag in USD – tja, auch das ist Russland, das waren die wilden 90er Jahre.

Ein wesentlicher Moment dabei war, dass der Umsatz im Tabakbereich, der bis dahin erstaunlicherweise kaum eine Rolle gespielt hatte, auf ein Vielfaches anstieg. Wenn ich mich recht entsinne, so haben wir im Verlaufe eines Jahres ein bis zwei Container Zigaretten verkauft. Das war nicht sehr viel. Jetzt stieg der Umsatz auf bis zu zehn Container im Monat an. Auch der Umsatz an preiswertem Wodka und Brandy stieg ins Unermessliche.

Bei diesen explodierenden Umsätzen wurden natürlich viele Lieferanten aufmerksam auf uns. Überall in Russland brach das tägliche Leben zusammen und die Handelstätigkeit kam zum erliegen, aber in Kaliningrad wurden Riesenumsätze getätigt. Wir konnten uns vor Besuchen von Lieferanten nicht mehr retten. Als wir 1997 neue Lieferanten suchten, so auch Lieferanten aus dem bekannten Markenbereich, stießen wir auf viel Arroganz. Man wollte gar nicht mit uns sprechen. Wer wir denn überhaupt seien und was wir denn wollten. Ich war von so viel Überheblichkeit stark beeindruckt und auch erschüttert. So hatte ich die Geschäftswelt noch nie kennengelernt. Ich dachte, dass der Kapitalist immer nur verkaufen wollte und nun sah ich, dass man das zwar wollte, aber man wollte sich nicht mit jedem kleinen „Pipelmann“ abgeben. Das traf mich natürlich 1997 in meinem Stolz und ich beschloss, mir vorsorglich kleine Aufzeichnungen zu machen, um mich zu gegebener Zeit an diese Firmen erinnern zu können. Ich tat richtig daran, denn mit einem Mal kamen diese Firmen. Es sprach sich schnell herum, was in Kaliningrad ab ging. Und nun war ich aber zum Glück nicht so unklug, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Man trifft sich immer zweimal im Leben. Aber ich ließ durchaus erkennen, dass die Organisation unserer Zusammenarbeit leider negativ vorbelastet ist. Im Verlaufe der nächsten Monate sahen eine ganze Reihe von Duty-Free-Managern bekannter Markenhersteller die Notwendigkeit ein, sich in den Flieger zu setzen und zu uns zu kommen. Die Gespräche waren intensiv und wir wurden uns fast immer einig.

Bei all diesem Verhalten hatte ich zwei Dinge im Auge: Zum einen wollte ich die bisher reserviert auftretenden Lieferanten dazu bringen, von ihrem hohen Ross runterzusteigen und mit uns vernünftig zu reden und zum anderen wollte ich die direkten Gespräche mit allen Lieferanten von Markenware, denn der ständige Einkauf über einen Zwischenhändler wirkte sich natürlich auf die Marge aus. Und da wir bei vielen Artikeln nun schon soweit waren in größerer Stückzahl bestellen zu können, machte es schon Sinn, diese Mengen direkt beim Hersteller zu beziehen. Diese Gespräche waren für uns absolut neu, da sie bisher immer nur von den Firmen geführt wurden, die uns als Zwischenhändler belieferten. Und die wachten eifersüchtig darüber, dass keine Direktkontakte zustande kamen. Eben weil man befürchtete, dass wir eines Tages zu selbständig würden.

Wir zogen natürlich aus den Ereignissen der vergangenen Jahre die richtigen Schlussfolgerungen. Wir vergaßen nicht, wie einige unserer Partner den Umstand unserer Unerfahrenheit ausnutzten und für sich einseitig Vorteile erarbeiteten. Eine Partnerschaft muss fair gelebt werden, sonst klappt sie einfach nicht. Man muss sich also nicht wundern, wenn der russische Partner auch anfängt Wege zu gehen, welche in erster Linie das Leben und Überleben der eigenen Firma absichern. Leben ist Geben und Nehmen und dieses Prinzip wurde von vielen westlichen Investoren oder Handelspartnern, die ich bei meiner Arbeit kennengelernt hatte, nicht beachtet. Es ging bei vielen nur um das schnelle Geld, also um eine kurzsichtige und somit kurzfristige Zusammenarbeit. Man wollte die Zeit der Unorganisiertheit und teilweisen Gesetzlosigkeit nutzen, um schnell Geld zu verdienen. Deshalb gingen viele Gemeinschaftsunternehmungen auch schnell wieder auseinander und Russland sammelte Erfahrungen mit westlichen Investoren und sonstigen Geschäftsleuten, die nicht immer zugunsten dieser ausfielen.

Ich möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, als ob nach dem Zerfall der Sowjetunion nur Glücksritter und zweifelhafte westliche Geschäftsleute nach Russland gekommen sind. Nein, das war ganz und gar nicht der Fall. Viele große westliche Firmen haben sich solide engagiert und sind an einer gut organisierten Zusammenarbeit und dem Aufbau einer langfristigen Perspektive interessiert. Aber die Wirtschaft jedes Landes lebt in der Masse von den mittelständischen Unternehmen und der Handelstätigkeit. Und da gab es, wie schon gesagt, in der Goldgräberzeit in Russland viele Geschehnisse, die sich letztendlich negativ für die weitere schnelle Entwicklung der Zusammenarbeit mit westlichen Investoren oder Geschäftsleuten auswirkten.

 

Datum der Publizierung: 16. März 2014

KALININGRAD – ZENTRUM DES SCHMUGGELS IN EUROPA

Die Krise in Russland brachte für Kaliningrad unangenehme Entwicklungen mit sich. Kaliningrad ist eine Exklave der Russischen Föderation. Rein logistisch gesehen liegt Kaliningrad aber ideal. Es könnte Bindeglied zwischen Westeuropa und Russland sein. Es verfügt über alle notwendigen Logistikelemente – auch wenn diese nicht immer auf dem modernsten Stand sind. Für Transport- und Umschlagprozesse eigentlich ein idealer Ort, wenn nicht die Administration solche Barrieren, insbesondere Tarifbarrieren aufgebaut hätte, so dass viele potentielle Nutzer lieber nach Kleipeda oder nach Gdansk auswichen. Aber für das, was ich berichten möchte, war Kaliningrad ideal.

Es ging um den Schmuggel von Zigaretten. Innerhalb weniger Monate entwickelte sich Kaliningrad zum Hauptumschlagplatz für geschmuggelte Zigaretten in Europa. Wenn wir es vornehmer ausdrücken wollen, so ging es um den sogenannten Re-Export.

Zum damaligen Zeitpunkt war die Lizenzproduktion westlicher Zigaretten in Russland noch nicht in vollem Umfang angelaufen. Die Tabakkonzerne waren erst dabei, die bisher staatlichen Zigarettenfabriken unter sich aufzuteilen. In Russland gab es mehr als 30 Tabakfabriken, davon damals zwölf Unternehmen mit ausländischem Kapital. An sich fingen die ausländischen Unternehmen schon sehr frühzeitig mit der Kapitalinvestition an. Im Verlaufe der neunziger Jahre wurden über zwei Milliarden Dollar von Ausländern in die Gesellschaften eingebracht.

In Russland wurden in den 90er Jahren rund 310 Milliarden Stück Zigaretten auf dem Zigarettenmarkt gehandelt. Über 70 Prozent der arbeitsfähigen Männer in Russland sind Raucher, während diese Zahl in den entwickelten Industriestaaten bei ungefähr 42 Prozent lag. 45 Prozent der Jungen und 25 Prozent der Mädchen in Russland im Alter von 16 bis 17 Jahren konsumierten in den 90er Jahren bereits Zigaretten. Um dies in greifbare Ziffern zu bringen: In Russland leben 140 Millionen Menschen. Pro Kopf bedeutet dies einen Verbrauch von über 100 Schachteln im Jahr, begonnen beim neugeborenen Baby bis hin zum hochbetagten Rentner. Wenn im Durchschnitt die Schachtel Zigaretten in Russland damals zwischen 30 und 40 Cent kostete, so kommen wir auf ein Umsatzvolumen von rund fünf Milliarden Dollar.

In den Jahren bis 2003 wurden die Kapazitäten der russischen Tabakfabriken um weitere 40 bis 50 Milliarden Stück Zigaretten im Jahr gesteigert. Die Notwendigkeit ergab sich daraus, dass die Importe zurückgedrängt werden zugunsten der preisgünstigeren Produktion westlicher Tabakkonzerne in Russland. Das macht auch Sinn, denn alleine durch Handel kann kein Staat leben, es muss auch produziert werden, auch wenn es nur die gesundheitsschädlichen Zigaretten sind.

Nun aber zurück zu den sogenannten Re-Exporten. Trotz des Aufbaus einer eigenen Lizenz-Produktion, waren die örtlich produzierten Zigaretten für den westlichen Markt nur sehr bedingt verwertbar. Hier spielte die Qualität eine wichtige Rolle. Ein Verkauf von Lizenzzigaretten nach Westeuropa war aus Qualitätsgründen also nicht möglich. Somit wurden in den westlichen Tabakkonzernen Spezialabteilungen geschaffen, welche den Verkauf von Zigaretten, welche in Westeuropa produziert wurden, an östliche Abnehmer organisierten.

Der Ausgangspunkt aller Gedanken war recht einfach. Das meiste Geld an einer verkauften Zigarette, verdiente nicht der Hersteller und auch nicht der Händler sondern der Staat. Wenn Zigaretten exportiert werden, verdient der deutsche Staat nichts daran. Der Container kommt also in Kaliningrad an und wird sofort wieder zurückgesandt. Dieser Rückversand oder vornehmer ausgedrückt, der Re-Export erfolgt in unterschiedlichsten Formen. Entweder wurde der gleiche Container, so wie er war, nur eben mit anderen Papieren wieder zurückgesandt, in der Hoffnung, dass man die Zöllner irgendwie täuschen kann, oder die Zigaretten wurden ausgeladen und in anderen Transportmöglichkeiten versteckt. Hier waren der Phantasie keinerlei Grenzen gesetzt. Ausgehöhlte Baumstämme, vollgestopft mit Zigaretten oder unter ganzen Torfladungen versteckt, oder unter Schrottladungen eingestapelt und viele andere Varianten. Nicht alles an diesen Re-Exporten ging gut, aber sicher vieles. Eine Schachtel Zigaretten kostet beim Export nach Russland ungefähr 50 Pfennig, inklusive Transport. Der Wiederverkauf dieser Schachtel Zigaretten brachte auf dem Schwarzmarkt in Deutschland ungefähr vier Mark. Der Endabnehmer sparte an einer Schachtel also eine Mark. Ein deutlicher Anreiz, auf dem Schwarzmarkt zu kaufen und derjenige, der das alles organisierte, hatte eine Marge von ungefähr 3,50 Mark an einer Schachtel Zigaretten. Auf einen Container umgelegt bedeutete dies eine Summe von rund 770.000 Mark. Das sind Summen, von denen jeder Normalverbraucher und jeder ehrliche Geschäftsmann nur träumen kann.

Es war aber kein Traum, dass in Kaliningrad ein Tabakkrieg ausbrach, der sich bis zum Jahre 2002 fortsetzte, sondern entsetzliche, brutale und blutige Realität. Die westlichen Tabakkonzerne hatten sich in Kaliningrad etabliert und jeder hatte seinen eigenen Partner vor Ort. Diese Partner begannen sich aber gegenseitig zu bekämpfen. Für Kaliningrader Verhältnisse bedeutete dies fast jeden Monat mehrere Morde. Ganze Familien mit ihren Firmen wurden ausgerottet. Dies ist keine Übertreibung. Es wurde auch keine Rücksicht auf Unbeteiligte genommen. Wenn man einen Zigarettenboss in einem Restaurant erwischen konnte, dann wurde auch schon mal eine Panzerfaust in das Restaurant abgeschossen, egal, wie viele, völlig Unbeteiligte dabei vielleicht mit draufgingen. Den letzten Toten habe ich im Jahre 2002 gesehen. Er wurde wenige Meter von meinem Haus, wo ich wohnte, durch drei gezielte Kopfschüsse ermordet. Ich kam gerade zu dem Zeitpunkt nach Hause. Wäre ich vielleicht zwei Minuten eher gekommen, hätte ich den Mörder noch gesehen und damit vermutlich auch das Zeitliche segnen dürfen.

Für uns war die Situation natürlich auch gefährlich, denn die Tabakmafia trat an fast alle unsere Shopleiter heran und versuchte diese zu überreden, geplante Warentransporte umzuleiten. Es war alles so perfekt organisiert, sogar in Zusammenarbeit mit  Zöllnern, dass eigentlich niemand niemandem hätte etwas nachweisen können. Alle Beteiligten hätten über Nacht steinreich werden können. Es wurde aber niemand steinreich. Zumindest kein Mitarbeiter unserer Firma. Es gab und gibt in der Firma einige Prinzipien, die wir immer eingehalten haben und die eine der Grundlagen waren, dass die Firma noch heute existiert und einen angesehenen Stand in Kaliningrad hat.  Niemals illegale Geschäfte machen, niemals mit der Mafia in Kontakt treten und niemals bewusst russische Gesetze verletzen. Wir wollten uns ein positives Image aufbauen und die Firma auf lange Sicht betreiben. Von Anfang an sollte sich der Gedanke verbreiten, dass die Firma eine grundsolide Firma ist, mit der man nur auf der Basis der Ehrlichkeit und des gegenseitigen Vertrauens arbeiten kann. Das ist in Russland natürlich ein langwieriger Prozess, ehe sich solche ehernen Prinzipien auszahlen. Aber wir waren alle noch ziemlich jung und hatten also auch Zeit, an der Durchsetzung dieser Prinzipien zu arbeiten.

 

Datum der Publizierung: 23.März.2014

MEIN ERSTER BESUCH IM SÜDEN

Im Dezember flog ich das erste Mal nach Sotchi. Es war eine Abenteuerreise. Nun bin ich nicht ganz russlandunerfahren, aber man kann doch auf jeder Reise wieder etwas Besonderes erleben, was der Normaltourist nicht erlebt.

Der Generaldirektor war schon vorausgeflogen und erwartete mich ein paar Tage später in Krasnodar. Von dort aus wollten wir mit einem alten VW-Bus, mehr konnte sich die Firma nicht leisten, nach Kawkas, dem Shop in einem Seehafen gegenüber der Ukraine und dann weiter über die Serpentinen nach Sotchi - und das alles in der Nacht. Ich hatte keine Vorstellungen, was das bedeutete und machte mir auch keine großen Gedanken. Witterungsprobleme sollten dort unten kein Problem sein. Es sollte ewig die Sonne scheinen. Ich setzte mich also abends in den Flieger, der direkt nach Krasnodar fliegen sollte. Irgendwann in der Luft wurde uns mitgeteilt, dass aufgrund der Witterungsbedingungen der Flieger in Mineralnye Wody landen würde - nur ein paar hundert Kilometer von Krasnodar entfernt. Man versprach einen Aufenthalt von höchstens zwei Stunden und dann würde es weitergehen. Um es vorwegzunehmen, es ging erst nach zwölf Stunden weiter.

Der Airport von Mineralnye Wody war das Hässlichste, was ich je gesehen hatte. Wir landeten dort gegen elf Uhr nachts. Ein eiskalter Betonklotz ohne jeglichen Komfort. Die einzigen Sitzgelegenheiten standen bei den Kiosken, welche Waren aller Art anboten. Mir war saukalt und ich trank einen Tee und setzte mich dazu auf einen Stuhl, der an dem Kiosk stand, wo ich den Tee kaufte. Danach trank ich noch einen Tee. Danach noch einen und noch einen und dann konnte ich nicht mehr. Sofort war die Besitzerin des Kiosks da und forderte mich in einem barschen Ton auf, aufzustehen und zu verschwinden, wenn ich nichts mehr bei ihr bestelle. Ich war erstaunt. So ein Maß an Unfreundlichkeit hatte ich noch nie erlebt in Russland. Auf der Stelle kehrte ich den Ausländer raus und tat so, als ob ich nur gebrochen russisch spreche und wenig verstehe. Die Inhaberin wurde immer lauter und aggressiver. Schließlich mischten sich andere Leute ein und riefen sie zur Ordnung. Sie wurde an die Gesetze der russischen Gastfreundschaft erinnert und das man so schon gar nicht mit Ausländern umgeht. Widerwillig trat sie den Rückzug an, konnte sich aber trotzdem nicht beruhigen. Sie murmelte etwas von Geschäftsschädigung, aber ließ mich schließlich sitzen. Ich wartete noch ein wenig und verließ die ungastliche Stätte, denn so bequem waren die Plastikstühle nun auch wieder nicht. Außerdem war es eiskalt in dieser Betonhalle und ich hatte in der Nähe des Ausgangs einen Warmlüfter entdeckt. Da stand jetzt allerdings ein Polizist mit Maschinenpistole davor. Vermutlich war ihm auch kalt und er wärmte sich dort auf. Ich stellte mich also in seine Nähe und wartete, dass er sich irgendwann mal bewegen würde und den Moment wollte ich nutzen, um mich sofort vor den Lüfter zu stellen. Ich musste ziemlich lange warten, aber irgendwann klappte es und ich okkupierte die Wärmestelle. Gut, so richtig warm blies der Warmlüfter auch nicht, aber die Luft war zumindest wärmer als die, die in dem Gebäude war.

Mit jeder Stunde weiteren Aufenthaltes verlor ich mehr und mehr Lust, in diesem Gebäude zu warten. Schließlich kam die Durchsage, dass unser Weiterflug erst am nächsten Tag gegen zwölf Uhr stattfinden wird. Wir merkten zwar nichts von schlechten Wetterbedingungen, aber was soll´s. Der Pilot war bestimmt müde und hatte sich entschlossen ein Nickerchen zu machen und dann ging es eben erst am nächsten Tag weiter. Man darf das in Russland alles nicht so verbissen sehen. Früher habe ich mich über viele solcher Dinge unsäglich aufgeregt. Und was hat es genützt? Nichts, rein gar nichts. Nur andere haben sich darüber amüsiert.

Ich wurde also mit zunehmenden Alter und zunehmender Russlanderfahrung auch ruhiger und regte mich über irgendwelche typisch russischen Erscheinungen so gut wie nicht mehr auf.

Aber nun weiter zu den Ereignissen am Flughafen in Mineralnye Wody. Ich sah durch die defekte Glastür des Flughafens ein Gebäude, das wie ein Hotel aussah. Ich also meine Sachen genommen und nichts wie hin. Es war wirklich ein Hotel. Und vor dem Hotel stand eine lange Schlange und alle in dieser Schlange wollten ein Zimmer. Ich reservierte mir einen Platz in der Schlange und ging nach vorne, um zu sehen wieviel ein Zimmer kostete. Es gab zwei Sorten von Zimmer. Luxus und Halbluxus. Halbluxus war ein Zimmer ohne Wasser und ohne WC für zehn Personen. Es kostete umgerechnet drei Dollar. Luxus war ein Zimmer ohne Wasser und ohne WC für nur fünf Personen und kostete sechs Dollar. Ich konnte mich weder für das eine noch für das andere Zimmer entscheiden und ging verbiestert zum Airport zurück. Dort kurvte ich die ganze Nacht zwischen Plastikstuhl und freigewordenem Heizlüfter. Morgens so gegen acht Uhr kam dann endlich wieder Leben in den Flughafen. Es wurden wirklich jede Menge Passagiere abgefertigt. Es wurde auch interessanter, da man mit seinen Leidensgenossen links und rechts ins Gespräch kam. Die Zeit verging und schließlich konnten wir den Flug fortsetzen und ich kam so gegen fünfzehn Uhr in Krasnodar an. Der Generaldirektor hatte dort für zwei Stunden ein Hotelzimmer für mich gemietet, damit ich mich ein wenig in Ordnung bringen konnte.

Dann besichtigten wir unseren Shop. Ich war beeindruckt. Der Shop in Krasnodar, wie auch alle anderen Geschäfte hinterließen bei mir einen wirklich guten Eindruck. Manchmal sogar einen besseren Eindruck als unsere Shops in Kaliningrad. Das Personal war motiviert, obwohl die Gehälter noch niedriger waren als in Kaliningrad.

Ich fand in der Firma genau die Situation vor, wie wir sie im Jahre 1995 in Kaliningrad hatten. Wir fuhren  weiter nach Kawkas, dem Seehafen gegenüber der Krim. Dann wollten wir zurück nach Sotchi. Es waren nur 500 Kilometer bis Sotchi und für deutsche Verhältnisse hätte man gesagt, dass wir das in fünf bis sechs Stunden schaffen. Aber dem war nicht so. Wir mussten über ein Gebirge, Serpentinen und dann setzte mitten in der Nacht auch noch Schneefall ein, in einer Menge, wie man es dort unten noch nie gesehen hatte. Zweimal blieben wir in einer Schneewehe stecken. Weit und breit keine Hilfe in Sicht. Mit viel Mühe und Muskelkraft befreiten wir uns. Es war uns klar, dass es unmöglich ist, in der Nacht und unter diesen Bedingungen bis Sotchi zu fahren und beschlossen in Noworossisk zu übernachten. Wir fanden schnell ein Hotel. Dort war auch die Zeit stehengeblieben.

Als ich vor einigen Monaten ein Buch von Gerd Ruge, den ich sehr verehre, las, über sein Leben und seine Arbeit in der Sowjetunion und Russland, wo er auch das Einchecken in ein Hotel schildert, habe ich herzhaft lachen müssen. Er hat alles genau so geschildert, wie es wirklich in den siebziger und achtziger Jahren war und leider war es in Noworossisk auch im Jahre 1998 noch so. Ein Riesenpapierkrieg und das Schlimmste, ich war Ausländer. Da galten ganz andere Tarife. Während meine russische Begleitung für ihr Zimmer 15 Dollar bezahlten, musste ich für das gleiche Zimmer 100 Dollar bezahlen. Dazu wurde eine Unmenge von Papierchen ausgefüllt. Kurz und gut, wir brauchten fast eine Stunde, um in unser Zimmer zu kommen und unser müdes Haupt auf die Kissen zu legen.

Die Zeiten, als ich mich über solche Dinge aufregte, waren vorbei. Gerade diese Erlebnisse machen das Leben in Russland so interessant und in Westeuropa steht man mit seinen Erzählungen immer im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter nach Sotchi. Eine Stadt, die man unbedingt gesehen haben muss. Auf der Karte ist es nur ein kleiner Punkt, aber in Wirklichkeit zieht sich diese Stadt über vierzig Kilometer entlang am Ufer des Schwarzen Meeres hin. Die Architektur ist phantastisch. Diese Stadt wurde durch Stalin aufgebaut, mit dem Ziel, für den sowjetischen Menschen einen Ort der Erholung zu schaffen. Durch die sowjetischen Kultureinflüsse hatte natürlich die Stadt in den letzten Jahren gelitten, aber die Schönheit war immer noch unverkennbar. Und es war auch unverkennbar, dass Leute mit Geld dieses schon wieder investierten, um aus dieser Stadt einen  Touristenmagneten zu machen, der bestimmt nicht schlechter ist als irgendein anderes westliches Touristenzentrum.

Das neue Office lag traumhaft. Man hatte einige Räume in einem botanischen Museum angemietet und das botanische Museum lag natürlich in einem botanischen Garten. Jetzt im Winter blühte natürlich nichts, aber trotzdem ließ die Anlage erkennen, in welchem Paradies unsere Mitarbeiter im Sommer arbeiteten. Sommer, daß ist für Westeuropäer so der Zeitraum von Juni bis September. In Sotchi ist das allerdings der Zeitraum von April bis Oktober. Ich war begeistert und nahm mir vor, regelmäßig mein zweites Baby zu besuchen. Ich sah auch die Mitarbeiter, wie sie sich engagierten und mich erinnerte vieles an unsere Anfänge in Kaliningrad.

Während unseres Aufenthaltes besuchten wir die Shops am Airport in Sotchi und im vierzig Kilometer entfernten Grenzübergang nach Abchasien – in Adler. Dort war es nicht ganz ungefährlich.

Abchasien war damals ein Teil von Georgien und beide befanden sich miteinander im Kriegszustand. Abchasien kämpfte um seine Unabhängigkeit. Trotzdem riskierten wir es, in dieser Krisenregion einen Shop zu eröffnen. Ich war stark von dem Grenzübergang beeindruckt. Und alle anderen westlichen Gäste, die uns später besuchten, waren es auch. Tausende von Menschen überquerten wie die Ameisen die Grenze hin und her. Es gab überhaupt keinen normalen Grenzverkehr mit Pässen und sonstigen Kontrollen. Natürlich gab es Schlagbäume und Soldaten und Zöllner, aber irgendwie war das alles ein riesiges Durcheinander.

Wir verbrachten in Sotchi noch einen schönen Abend zusammen und fuhren am nächsten Tag mit dem Zug nach Rostow. Mit viel Mühe gelang es dem Büroleiter des Generaldirektors, für mich ein Ticket im Liegewagen zu bekommen, so dass ich recht komfortabel die Nacht zubrachte.

Der Büroleiter beeindruckte mich. Er war sehr jung, so um die zweiundzwanzig  Jahre und studierte noch. Er sprach russisch, englisch, französisch und italienisch. Er hatte sich alles im Selbststudium angeeignet. Und er war ein sehr gut erzogener junger Mann mit ausgeprägtem diplomatischem Verhalten.

Am nächsten Tag besichtigten wir den Shop auf dem Flughafen in Rostow am Don. Danach erhielten wir eine Einladung zum hiesigen Zollchef, einem General, in seine Privatwohnung. Ich möchte mich nicht näher über die Einzelheiten der Wohnung auslassen. Aber auch für deutsche Verhältnisse hätte ich gesagt, es wäre eine Luxuswohnung auf zwei Etagen.

Den Abend verbrachten wir im besten Restaurant in Rostow. Der Zollchef von Rostow mit einigen engen Mitarbeitern leistete uns Gesellschaft. Ich stellte keine Fragen sondern genoss nur den Abend. Irgendwann in der Nacht brachen wir unsere Zelte in diesem Restaurant ab und der Zollchef lud uns nun in ein „Objekt“ ein. Es war ein Erlebnis seine Gastfreundschaft zu genießen. Ich merkte, dass meine zweite, neu gewählte Heimat begann mich aufzunehmen und zu akzeptieren. Mit diesem glücklichen Gefühl konnte ich das Jahr 1998 abschließen und zum Jahreswechsel nach Deutschland fliegen.

 

Datum der Publizierung: 30. März 2014

DAS JAHR 1999 – EIN GANZ NORMALES JAHR

Als ich in meinen Erinnerungen versuchte, irgendetwas „Sensationelles, Aufregendes, Wichtiges“ für das Jahr 1999 zusammenzutragen, gab es ein paar Probleme. Es war ein völlig normales Jahr, ohne irgendwelche „Aufreger“. Russland fing wohl an langsam normal zu werden – also langweilig – oder? Nein, Normalität hatten wir noch nicht erreicht – nur das wusste ich zu Anfang des Jahres noch nicht.

Unsere Filialen, insbesondere an der polnischen Grenze, entwickelten sich phantastisch. Das Geldverdienen machte Spaß. Natürlich bekamen wir Konkurrenz, denn in unmittelbarer Nähe zur Grenze machten sich illegale Kioske breit, die auch mit den begehrten billigen Zigaretten und gepanschtem Wodka handelten und keiner tat diesen illegalen Kiosken ein Leid an – da hatte bestimmt auch „jemand“ Interesse daran. Aber was soll´s – Leben und leben lassen.

Unser Vorteil war, dass die Waren (Zigaretten und Alkohol), die in diesen Kiosken verkauft wurden, oftmals von minderwertiger Qualität waren und die Endabnehmer irgendwo in Polen oder Deutschland dies natürlich irgendwann merkten. Über lang oder kurz kamen die polnischen Zwischenhändler wieder zu uns, kauften ein wenig teurer, dafür aber Qualitätsware.

Trotzdem es auf der einen Seite erfreulich war zu sehen, wie sich die Umsätze in unserer Firma entwickelten, umso mehr machte ich mir Sorgen, dass sich die Umsätze leider nicht proportional ausgewogen entwickelten. Unser Shop in Goldap brachte uns bald die Hälfte aller Umsätze in der Firma und das machte uns Sorgen. Denn wenn dieser Shop – egal aus welchen Gründen – keinen Umsatz mehr brachte, zeitweilig geschlossen würde oder die Kunden sich anders orientierten, dann bestand die Gefahr, dass die Firma insgesamt „den Bach runterging“. Und unser Risikomanagement gab uns Signal, dass ein Ausweg aus dieser Situation gefunden werden musste – ein nicht ganz einfacher Prozess, den wir versuchten im Jahre 1999 zu bewältigen.

Probleme bekamen wir an der litauischen Grenze. Dort brachen ab Mai die Umsätze ein.

Litauen ist ein kleines Land. Es hat ungefähr vier Millionen Einwohner und wir hatten es wirklich geschafft, mit unseren kleinen Shops an der Grenze die litauische Wirtschaft in Bedrängnis zu bringen. Wir boten wesentlich preiswerter Zigaretten und Alkohol an und damit brach natürlich der Umsatz der litauischen Industrie in diesen Warengruppen schlicht und einfach zusammen. Deshalb nahm die litauische Regierung ein neues Gesetz an, welches festlegte, dass nur noch ein halber Liter Alkohol eingeführt werden durfte und nur fünf Schachteln Zigaretten. Gleichzeitig erhielten die Zöllner eine erhebliche Gehaltserhöhung. Damit hatte die Regierung das Problem der Bestechung im wesentlichen geklärt. Ein Zöllner, der dabei erwischt wurde, dass er Schmiergeld nahm, wurde sofort entlassen. Er fand weder im Staatsapparat noch in der freien Wirtschaft je wieder eine gut bezahlte Arbeit. Deshalb gingen die Umsätze an der litauischen Grenze um ungefähr fünfzig Prozent zurück. Und leider veränderte sich dieser Zustand über viele Jahre nicht. Licht und Schatten liegen also eng beisammen. Goldap brachte uns die Kompensation der Verluste an der litauischen Grenze – oder umgekehrt.

Einen weiteren Ausgleich für die Unwägbarkeiten im Duty-Free-Geschäft suchten wir auf dem Domestik-Markt. Auch hier war logischerweise dieselbe Firmenpolitik nötig, wie bereits weiter oben geschildert. Duty-Free ist ein zeitweiliges Geschäft und unterliegt immer einer rigiden staatlichen Reglementierung. In Westeuropa wurde Duty-Free abgeschafft, aber in Osteuropa aufgebaut. Es gab aber auch Staaten in Osteuropa, in denen Duty-Free über Nacht wieder verboten wurde, wie z.B. in Weißrussland. Deshalb mussten auch wir ein weiteres Standbein aufbauen für den Fall, dass Duty-Free im Kaliningrader Gebiet oder in Russland insgesamt irgendwann mal nicht mehr existieren sollte. Und so begannen wir den Aufbau eines neuen Geschäftes im Domestik-Markt.

 

Datum der Publizierung: 06. April 2014

Domestik-Markt – ein neues Betätigungsfeld

Die Idee auf dem Domestik-Markt tätig zu werden war prinzipiell richtig. Aber so, wie wir tätig werden wollten, war es mehr eine Schnapsidee, obwohl wir nach der kategorischen Meinung des Generaldirektors nie mit Schnaps im Domestik-Markt handeln wollten. Er verbot mir, bei Strafe des Verlustes seiner guten Laune, mit ihm jemals über dieses Thema zu sprechen.

Er hatte die Vorstellung eines Luxusshop für Bekleidung in Kaliningrad zu eröffnen. Luxusbekleidung gab es damals in Kaliningrad nicht, aber der Kreis derjenigen, die sich eine Pariser Modemarke in Kaliningrad leisten konnte, war auch recht übersichtlich. Die russische Seite ging wohl davon aus, dass viele andere Kaliningrader auch, genau wie sie, in den letzten Jahren zu einem guten Einkommen gekommen sind und sich die Bekleidung leisten können. Ein Fehler, wie sich Monate später herausstellte.

Sicherlich bestand der Bedarf an einem hochwertigen Bekleidungsgeschäft, denn das, was bisher in Kaliningrad angeboten wurde, sowohl an Bekleidung wie auch an Parfüm und sonstiger Markenware, war in der Regel gefälscht und entsprechend billig. Wir hatten das Problem unseren Kunden klarzumachen, dass unsere Markenware echt war und deshalb auch seinen Preis hatte. Aber wie wollen sie einem Kunden das klarmachen, wenn der noch nicht mal weiß, dass Ware in anderen Kaliningrader Läden in der Mehrzahl gefälschte Ware ist.  Aber auch hier rechneten wir auf lange Sicht. Wir wussten, dass unsere Firma im Gebiet und darüber hinaus einen guten, soliden Ruf hatte und dass sich im Laufe der Zeit auch ein Marken- und Qualitätsbewusstsein in Kaliningrad herausbilden wird. Auch die Kunden würden erkennen, dass, wenn sie Markenware auf dem Zentralbasar oder in einem Kiosk billig kauften, sich dies wohl kaum um echte Ware handeln würde. Dazu kam, dass die Leute, die das Geld dazu hatten sich Markenware zu kaufen, letztendlich auch ein Einkaufserlebnis haben wollten. Und dieses Einkaufserlebnis habe ich eben nur in einem Luxusshop in exponierter Lage in der Stadt und auf keinen Fall auf einem Basar. Auf einem Basar kann ich Touristenartikel kaufen oder Atmosphäre schnuppern. Unsere Erfahrungen besagten, dass alles das, was in Westeuropa im Verlaufe der letzten fünfzig Jahre in Fragen des Kundenbewusstseins sich entwickelt hat, sich auch in Russland so entwickelt, nur eben etwas schneller.

Wir kauften also für horrendes Geld eine große Wohnung in einem alten deutschen Haus, welches sich in der uliza Krasnaja, der ehemaligen Schrötterstrasse befand und begannen mit der Rekonstruktion. Das war gar nicht so einfach, denn bei der Rekonstruktion stellten wir fest, dass dieses Haus während der Kämpfe im Jahre 1945 stark beschädigt und durch sowjetische Pioniereinheiten nur notdürftig instandgesetzt wurden war. Irgendwann wurden die Wände verputzt und mit Papier überklebt und mit der Zeit geriet die Baufälligkeit in Vergessenheit. Wir investierten nochmals Unsummen in den Shop und auch die uns empfohlene Ladeneinrichtung einer französischen Ladenbaufirma verschlang eine Wahnsinnssumme. Wir waren leider zu unerfahren und stellten viele Dinge erst zu spät fest.

Dann hatten wir natürlich Träume, was für Marken in diesem Shop geführt werden wollten. Diese zerplatzten alle wie Seifenblasen. Nach vielen Mühen haben wir es dann doch geschafft, eine bekannte Pariser Marke aufzunehmen und unseren Shop zu einer exquisiten Herrenboutique umzugestalten.

Ich hatte nur ein paar Probleme mit der Shopleiterin. Die Einstellung dieser Frau war wieder mal eine politische Angelegenheit. Ihre Ansichten deckten sich selten mit den meinen. Sie war für den Einkauf eigenverantwortlich. Zweimal im Jahr fuhr sie nach Paris zum Abkauf. Der Laden war vollgestopft mit teuren und hochwertigen Klamotten, nur die Umsätze kamen nicht. Bis ich mich dann doch mal mit diesem Shop beschäftigte.

Ich sage es gleich, ich liebte diesen Shop nicht. Nur ab und zu ließ ich mich dort blicken, aber nur, um wieder irgendwelche negativen Momente festzustellen und sie dem Generaldirektor brühwarm auf den Tisch zu packen, immer in der Hoffnung, dass er den Laden schließen oder im Sortiment umstrukturieren würde. Bekleidung war einfach nicht unser Thema.

Ich ging also in den Shop und sah mir die Sachen an. Die waren wirklich nicht schlecht. Aber als ich für mich eine Lederjacke aussuchen wollte stellte ich fest, dass wir nur Größen vierundfünfzig und sechsundfünfzig hatten. Ich war ein wenig erstaunt und ging dann zu den Anzügen und stellte dasselbe fest. Auch die Hemden hatten größte Kragenweiten. Die Dame hatte ein sehr einfaches Prinzip für ihre Einkäufe in Paris. Sie wollte mit dieser exklusiven Kleidung nur ihren Bekanntenkreis versorgen. Und ihr Bekanntenkreis war nun mal ausschließlich in dieser Größenkategorie. Ich lernte ihren Bekanntenkreis kennen, als mich ihr Mann zu seinem Geburtstag einlud. Gut, es waren wirklich Kaliningrader Kapazitäten, aber außer diesen Kapazitäten gab es auch noch andere, die etwas kleinere Größen hatten. Ich erreichte beim Generaldirektor, dass die Shopleiterin zukünftig nicht mehr alleine nach Paris fuhr. Trotz aller privaten Freundschaft zwischen dem Generaldirektor und der Familie der Shopleiterin war er konsequent und trennte die Interessen. Zum Glück hatte auch der einflussreiche Ehemann unserer Shopleiterin Verständnis für uns.

 

Datum der Publizierung: 13. April 2014

ENDSPURT IM  HAUSBAU

Meine Privatangelegenheiten entwickelten sich zufriedenstellend. Der Hausbau ging jetzt sehr schnell voran. Wir hatten während des Bauprozesses einige Male das Personal ausgetauscht, hatten Litauer beschäftigt und Polen, aber die besten Arbeiter waren doch noch unsere Leute aus Kaliningrad. Im März war es soweit, dass die Treppen eingebaut waren, es wurde tapeziert und der Teppichboden verlegt und die erste Grobreinigung wurde vorgenommen.

Ich machte mich auf die Suche nach Möbeln. Das war nicht so einfach. Die Finanzkrise war immer noch nicht überwunden und es gab nur wenige Firmen, welche so finanzstark waren, um Möbel gegen Vorkasse zu importieren. Aber letztendlich fand ich alles und Ende April wurde zügig angeliefert und aufgebaut.

Am dritten Mai 1999, also genau ein Jahr nach unserem Baubeginn, zogen wir in unser neues Haus. Wir waren glücklich. Es war zwar noch nicht alles fertig, aber wohnen konnten wir schon und zwar besser als in unseren bisherigen Wohnungen.

Bis zum Jahresende bepflanzten wir den Garten, legten Grünflächen an. Das war das Verdienst meiner Nachbarn, die bewiesen, dass sie goldene Hände und einen grünen Daumen hatten.

Im Sommer kam meine Mutter besuchsweise nach Kaliningrad. Mutter sah das Haus mehr von der praktischen Seite. Sie meinte, es sei viel zu groß und wer denn, wenn wir alle älter würden, saubermachen und die vielen Fenster putzen würde. Auch die Kosten für Heizung wären dann so hoch, dass wir uns das Haus nicht mehr würden leisten können. Ich beruhigte meine Mutter, denn bis zur Rente hatte ich noch ein paar Jahre Zeit, die ich auch nutzen wollte um ein paar Rubel zu verdienen. Wir konnten meine Mutter wohl nicht so richtig überzeugen, aber das war auch nicht das Ziel ihrer Reise nach Kaliningrad. Trotz der Finanzkrise, konnte sie sich überzeugen, dass man in Kaliningrad weder hungerte noch durstete und dass ich durchaus vernünftig lebte und mir auch alles leisten konnte, was für ein normales Leben notwendig war. Meine Mutter hatte wohl auch immer noch meine Zeit in der Ukraine in Erinnerung, wo ich  fast alles, was man zum Leben brauchte, aus Deutschland mitgenommen hatte. Diese Zeiten waren aber in Kaliningrad schon lange vorbei.

Im Laufe der kommenden Monate und Jahre veränderte sich unser Wohngebiet. Alle unsere Nachbarn pilgerten regelmäßig zu uns, um sich das Haus anzuschauen, was von der Architektur her auch etwas ungewöhnlich war. Auch der Garten setzte viele in Begeisterung und man begann uns nachzuahmen. Damit wurde das ganze Wohngebiet natürlich aufgewertet und man konnte von Jahr zu Jahr zusehen, wie die Preise wuchsen. Als ich dann im Jahre 2002 versuchte ein weiteres Grundstück zu kaufen, war es so gut wie unmöglich und das, was man mir anbot, war um 300 Prozent teurer als mein jetziges Grundstück.

 

Datum der Publizierung: 20. April 2014

EINLADUNG NACH DEUTSCHLAND

Im Sommer hatte ich ein paar Tage Urlaub eingeplant und mir kam der Gedanke, dass man sich rechtzeitig um die Zukunft von Sergej, dem Sohn meiner Nachbarn kümmern sollte. Mir schwebte eine Berufsausbildung in Deutschland vor und anschließend könnte er studieren, in Russland oder anderswo. Als Vorbild für solche Gedanken hatte ich mir unseren Generaldirektor genommen. Er hatte seine Tochter auch sehr zeitig in die Schweiz zu einer Berufsausbildung geschickt und anschließend zu einem mehrjährigen Studium nach London. Er dachte an die Zukunft, denn irgendwann musste der Staffelstab in der Firma  an jemanden weitergeben werden. Und dies sollte wohl seine Tochter sein.

Mit Sergej dachte ich ähnlich. Sicher war er zu jung um mich direkt ablösen zu können. Aber für eine gute Position in unserer Firma hätte ich schon gesorgt. Aber dazu brauchte er eine gute Ausbildung. Auch ich war es gewohnt, auf Jahre im voraus zu denken und so nahm ich das Thema in Angriff.

Ich schlug vor, dass Sergej mit seiner Mutter besuchsweise nach Deutschland reist. Bedingung war, dass Sergej in der Schule mindestens die Note „gut“ im Fach Deutsch haben müsste. Meine Rechnung ging nur teilweise auf. Sergej brachte zwar die Leistung und fuhr mit Mama nach Deutschland, aber für eine Berufsausbildung in Deutschland konnte er sich einige Jahre später nicht entscheiden.

Erzählenswert ist, was die deutsche Bürokratie mit uns anstellte um diese Deutschlandreise durchführen zu können.   

Per Antrag bat ich um eine Besuchsgenehmigung. Das Wort Besuchsgenehmigung war mir noch ein Begriff aus der DDR-Zeit, wo die Mauer noch stand und auch Besuchsgenehmigungen beantragt werden mussten. Nun gab es keine Mauer mehr, dafür aber das Ausländeramt in Bad Segeberg. Dort fuhr ich mit meinen Anträgen hin und stellte mich geduldig in die Schlange der Wartenden. Der Beamte nahm meinen Antrag entgegen und gab mir neue Anträge die ich gewissenhaft ausfüllen sollte.  Ausfüllen musste ich die Dokumente in seinem Beisein – warum mich der Beamte beim Ausfüllen unbedingt beobachten musste, sagte er mir nicht.  Gehorsam war ich gewohnt aus alten Zeiten und so tat ich alles, was der deutsche Beamte von mir forderte.

Er prüfte und stellte Fragen. „Können sie den Besuch ihrer Gäste finanziell überhaupt absichern?“ „Ja, natürlich“ antwortete ich. „Dann zeigen sie mal Ihre letzten drei Gehaltsbescheinigungen.“ Ich tat dies und man überzeugte sich, dass ich in der Lage war ein Kind und eine Frau  für eine Woche zu verpflegen. Mein Sparbuch wollte er nicht sehen – da hatte ich Glück, denn das hatte ich nicht mitgenommen.

„Und wenn Krankheit eintritt?“ fragte der Beamte weiter. „Haben sie da eine Versicherung abgeschlossen?“ Brav zeigte ich die Krankenversicherung für beide Gäste.

„Wo sollen die Gäste denn wohnen?“ fragte er weiter. „Na, bei mir zu Hause. Die Adresse habe ich doch angegeben.“ „Ach ja, sehe ich. Ist das ein Haus oder eine Wohnung?“ „Das ist ein Zweifamilienhaus“, erwiderte ich. „Und das gehört Ihnen?“ „Ja“, antwortete ich, „das gehört mir.“ „Können sie das beweisen?“ fragte der Beamte. Zum Glück hatte ich einen amtlich beglaubigten aktuellen Auszug aus dem Grundbuch dabei.

Der Beamte war zufrieden. Er klebte auf jeden Besuchsantrag noch zwei Verwaltungsmarken drauf und verlangte von mir vierzig Mark. Wofür weiß ich zwar nicht, aber zahlen musste ich. Dann bekam ich zwei Besuchseinladungen. Diese dienten dazu, der Botschaft mitzuteilen, dass ich, ein Deutscher, Geld habe um Gäste zu empfangen und auch die Möglichkeit habe, diese unterzubringen. Mit diesen Dokumenten ging ich in Kaliningrad in das Visabüro, denn ein Generalkonsulat existierte damals noch nicht. Hier erhielt ich Vordrucke für die Beantragung von Reisevisa. Diese Vordrucke bekam ich aber nur, weil ich die Besuchseinladungen vorweisen konnte. Gemeinsam füllten wir zu Hause den vierseitigen Vordruck aus – für jede Person extra. Nach zwei Wochen wurde ich in das Visabüro in Kaliningrad gebeten. Die Unterlagen waren unbearbeitet aus Moskau zurückgekommen. Es fehlte die Einwilligung des Vaters, dass er einverstanden ist, dass seine Frau mit Sohn, ohne den Vater, für eine Woche nach Deutschland fahren kann. Wir gingen also zu viert zu einem Kaliningrader Notar. Dort gab Juri seine Erklärung ab und der Notar beurkundete dies. Dann gingen die ganzen Dokumente wieder nach Moskau an die Botschaft. Nach vier Wochen fragte ich bescheiden nach, was denn nun mit dem Visum sei. Man antwortete mir, dass ein Schreiben von der Botschaft angekommen sei. Die Botschaft wollte meine Nachbarin persönlich sprechen. Ich war langsam am Verzweifeln. Ich versuchte die Botschaft in Moskau anzurufen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen. Das Telefon war laufend besetzt. Ich merkte schon, dass ich mit sporadischen Anrufen nicht weiterkam. So programmierte ich die Nummer ein und drückte auf automatische Wahlwiederholung. Ob sie es glauben oder nicht, fünf Stunden lief die Wahlwiederholung, dann klappte es. Der zuständigen Sachbearbeiterin erklärte ich die Situation und fragte, warum meine Nachbarin nach Moskau kommen solle. „Das werden wir mit ihrer Nachbarin bereden und nicht mit ihnen“, war die etwas pampige deutsche Antwort. Ich versuchte es noch mal und merkte, dass ich auf Granit biss. Auch das Argument, dass meine Nachbarin extra mit dem Flugzeug nach Moskau kommen und auch dort übernachten müsste und dass dies alles einen Haufen Geld koste und man vielleicht das Problem auch per Telefon klären könne, zählte nicht. „Entweder ihre Nachbarin kommt nach Moskau, oder wir lehnen den Visaantrag ab“, war die endgültige Antwort. Also flog meine Nachbarin nach Moskau. Wir warteten voller Ungeduld. Sie musste stundenlang vor der Botschaft in der Schlange stehen ehe sie eingelassen wurde. Dann wurde ihr die Frage gestellt. „Wollen sie in Deutschland heiraten?“ Sie verneinte und wies darauf hin, dass sie bereits verheiratet sei und Doppelehen weder in Deutschland noch in Russland gestattet sind. Daraufhin wurde der Visaantrag genehmigt, das Visum in den Pass eingeklebt und sie konnte zurückfliegen.

Bei dem Visum gab es aber noch eine Besonderheit. Ich hatte ein Visum beantragt, welches drei Monate gültig ist, aber nur zur einmaligen Einreise und zum Besuch für sieben Tage berechtigt. Dabei hatte ich berücksichtigt, dass jemand krank werden konnte und sich der Besuch demzufolge verschiebt und dabei das Visum ungültig werden könnte, wenn es denn auf einen konkreten Zeitraum von nur sieben Tagen ausgestellt wird. Die deutschen Beamten waren so freundlich, das zu ignorieren und schrieben den Besuchszeitraum ganz konkret vor, also genau so, wie ich es nicht wollte. Nur gut, dass wir alle bei bester Gesundheit waren und blieben. 

 

Datum der Publizierung: 27. April 2014

EINE MESSE UND IHRE FOLGEN

Geschäftlich lief das Jahr ruhig ab. Die Finanzkrise zeigte zwar noch Wirkung, aber der absolute Tiefpunkt war bereits durchschritten. Wir merkten es an unseren Umsätzen, die sich nicht mehr so rasant entwickelten wie noch im vergangenen Jahr, denn das Angebot im Domestikmarkt stabilisierte und entwickelte sich langsam wieder.  

Eines Tages entschied sich der Generaldirektor die Duty-Free-Messe in Cannes zu besuchen. Dies ist eine Messe, die jedes Jahr stattfindet. Man zeigte sich dort und man wollte gesehen werden. Ich besuchte diese Messe nie, da sie in meinen Augen keine „Arbeitsmesse“ war.

Der Generaldirektor fuhr ohne mich und machte dort die Bekanntschaft einer Dame. Sie war die Leiterin einer Unternehmensberatung und bot Consultingleistungen zur Entwicklung des Produktsortimentes und zum Marketing an. Er war ganz begeistert von ihr. Auch ich war von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Spezialisten überzeugt, welche sich in führenden Marken im Tabak- und Spirituosenbereich auskannten, aber insbesondere im Parfümbereich, der bei uns noch entwicklungsfähig war.

Allerdings hatte ich meine Zweifel, ob uns die Consultingleistungen dieser Dame wirklich etwas brachten, denn sie war mit ihren Leuten sicherlich gut in Westeuropa, aber Ahnung von Osteuropa im allgemeinen und Russland im Besonderen hatte weder sie noch ihre Produktmanager. Ich brachte dies gegenüber dem Generaldirektor zum Ausdruck, doch dieser kritisierte mich als ewigen Nörgler.

Kaum dass die Zusammenarbeit organisiert war, begannen sich die Unternehmensberater in alles einzumischen und wollten Preise und Sortimentspolitik diktieren. Ich war aber davon ausgegangen, dass sie beraten und empfehlen sollten. Dann bemerkten wir, dass es keine Personalstabilität in der Unternehmensberatung gab, denn die Produktmanager wechselten am laufenden Band. Kaum hatten wir uns an jemanden gewöhnt, hatte dieser schon wieder gekündigt oder wurde gekündigt. Ein Zustand, der eigentlich keine positiven Resultate in der Arbeit bringen konnte.

Irgendwann entschlossen wir uns dann, dieser Firma einen Besuch abzustatten. Während dieses Treffens besprachen wir die Situation im Tabakbereich, da die Umsätze anfingen zu stagnieren. Auch die Situation unseres Luxusshops in der Stadt Kaliningrad wurde besprochen. Die Chefin der Consultingfirma schlug nach langer Diskussion vor, den Luxusshop völlig umzubauen. Sie wollte „Kosmetik“ betreiben und wir verstanden nicht, wie dadurch die Umsätze gesteigert werden konnten, denn vom rein äußerlichen war der Shop völlig in Ordnung. Wir gingen auf diesen Vorschlag natürlich nicht ein.

Um die Tabakumsätze zu stimulieren schlug die Unternehmensberaterin vor, mit der Kaliningrader Mafia in Kontakt treten, um Preisabsprachen zu treffen. Wir waren alle sprachlos. Die Meinung des Generaldirektors zur Qualität dieser Frau begann zu schwanken. Und als sie dann noch anfing die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit der Mafia zu begründen, war es mit dem guten Verhältnis endgültig aus. Er brachte kurz und knapp seine Meinung zum Ausdruck und lehnte jede weitere Diskussion zu diesen Themen ab.

Nach unserer Rückkehr nach Kaliningrad mussten wir leider feststellen, dass unsere Hoffnungen, mit Hilfe dieser Spezialisten einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Firma nach vorn tun zu können, leider nicht erfüllt wurden. Wir kündigten diesem Team die Freundschaft und trennten uns für immer. Der Westen war also für uns nicht das Allheilmittel und die guten Ratschläge die von dort kamen, waren nicht immer gut – zumindest nicht für uns. Wir konzentrierten uns somit wieder auf unsere eigenen Fähigkeiten und versuchten ohne westliche Hilfe unsere Firma zu entwickeln.

 

Datum der Publizierung: 04. Mai 2014

EINE PERSÖNLICHKEIT - UNSER KOORDINATOR

In Kaliningrad arbeiteten wir an der Vervollständigung der Struktur der Firma. Wir stellten einen sogenannten Koordinator ein. Ein, in meinen Augen, furchtbarer Begriff, welcher mich auch an meine, mit wenig angenehmen Erinnerungen verbundene, Zeit bei der Zigarettenfirma in der Ukraine erinnerte. Aber eine bessere Bezeichnung fanden wir nicht und der Posten wurde besetzt mit einem pensionierten Oberst der Grenztruppen. Bis zu seiner Pensionierung war er Chef aller Grenzkontrollposten in Kaliningrad und hatte diese auch nach dem Zerfall der Sowjetunion auf dem Kaliningrader Gebiet aufgebaut. Und eben deshalb hatten wir ihn zu uns geholt. Wir wollten seinen Einfluss und seine Beziehungen nutzen.

In der ersten Zeit kam ich mit ihm überhaupt nicht zurecht. Er hatte unendlich viel Zeit und hielt mich von der Arbeit ab. Ich brauchte viele Monate, bis ich mich an seinen Stil gewöhnt hatte und bis ich, und das ist viel wichtiger, davon überzeugt war, dass er ein sehr wichtiger Mitarbeiter war, der wirklich Beziehungen hatte und der auch, trotz seiner merkwürdigen Art, wirklich erfolgreich arbeitete. Dort, wo er stand, war für uns grünes Licht. Etwas später, als wir uns schon besser kannten und gegenseitig wertschätzten, begrüßten wir uns auch nicht mehr so wie üblich. Alexander, als langjährig gedienter Offizier, knallte bei der Begrüßung immer mit den Hacken. Zumindest versuchte er dies, was ihm aber regelmäßig misslang. Er hatte einfach nicht die richtigen Schuhe an. Bei mir klappte es besser.  Ich nahm ihn dann gönnerhaft beiseite und schlug vor: „Genosse Oberst, wenn sie es wünschen, kann ein Oberstleutnant der ostdeutschen Armee ihnen mal das Hackenknallen beibringen.“ Das war natürlich im Scherz gesagt, er nahm es aber immer wieder zum Anlass, um ein Loblied auf die ehemaligen Waffenbrüder der NVA zu singen.

Was die Vergangenheit anbelangt, so verstanden wir uns. Nicht, dass ich dem Sozialismus hinterherweinte. Nein, dazu hatte ich mich schon viel zu sehr an meine jetzige Situation gewöhnt und mir innerhalb von zehn Jahren einen gewissen Wohlstand erarbeitet, was mir in der ehemaligen DDR nie gelungen wäre. Wo ich mit Alexander nicht einer Meinung war, war zu den Punkten, wo er politische Witze aus der Kriegszeit erzählte. Dabei kamen immer die Russen und die Juden schlecht weg. Meine Einstellung zu diesen Dingen war in der Firma bekannt. Mir war es egal, wenn die Russen unter sich irgendwelche anrüchigen Witze dieser Art erzählten. Die konnten es vielleicht auch. Aber ich als Deutscher, auch wenn ich Jahrgang 1955 war, konnte und wollte mir solche Witze nicht erlauben, wollte auch keine hören und wollte und konnte auch nicht darüber lachen.

Alexander hörte irgendwann auf mir Witze zu erzählen. Es machte auch kein Sinn, wenn er anstelle einer Lachsalve von mir nur ein saures Gesicht sah. Anstelle dieser Witze begrüßte mich Alexander dann etwas später mit dem Hitlergruß - dem nach hinten abgewinkelten Arm, allerdings ohne dazugehörigen Text. Ich war im ersten Moment schockiert. Er als Oberst, dazu noch im Beisein anderer. Nun, ich antwortete ihm entsprechend, in dem ich die rechte Hand zu Faust ballte, den Arm ebenfalls anwinkelte und antwortete: „Rot Front, Genosse Oberst.“ Damit waren wir quitt.

Eine seiner etwas weniger wichtigen, aber dennoch notwendigen Aufgaben war, für Firmenangehörige die Grenze zu bestellen. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass, wenn wir nach Polen fahren wollten, er bei seinen ehemaligen Genossen für uns die freie und ungehinderte Durchfahrt zu organisieren hatte. Wir standen natürlich nicht in der Schlange und wir bezahlten auch kein Wartegeld. Wir hatten einem ehemaligen Angehörigen der Grenztruppen Lohn und Brot gegeben und ab und zu luden wir auch noch andere verantwortliche Offiziere aus dem Stab der Grenztruppen zu uns ein und sicherten uns somit ein gutes Verhältnis.

Leider hing bei unserem Oberst vieles von der jeweiligen Tagesform ab. So hatten wir einmal einen brandeiligen Auftrag in Polen zu erledigen und ich schickte meinen PKW mit noch einem Mitarbeiter, welcher für zolltechnische Probleme verantwortlich war, nach Polen und am Vorabend wurde natürlich die Grenze bestellt. Dachten wir zumindest. Am Abend kam der Mitarbeiter unverrichteter Dinge zurück. Unser Oberst hatte die Grenze nicht bestellt und nachdem er über Mobiltelefon angerufen worden war, hatte er nur sehr schwache Anstrengungen unternommen, um seinen Fehler auszubügeln, so dass mein Mitarbeiter am nächsten Tag, einem Sonnabend, noch mal fahren musste.

Ein zweites Mal betraf es mich selber. Ich wollte mit Juri, meinem Wohnungsnachbarn nach Deutschland fahren und wir fuhren sehr früh los. Auch hier war die Grenze durch Alexander nicht bestellt worden. Wir mussten ihn aus dem Bett trommeln, was bei ihm schon schwer genug war und verloren über eine Stunde dadurch. Als ich zurückkam, bat ich Alexander zu einem Gespräch zu mir. Nun muss man sich die delikate Situation einmal vorstellen. Ein 47-jähriger Oberstleutnant der NVA führt ein Personalgespräch mit einem 60-jährigen Oberst der Sowjetarmee. Zu DDR-Zeiten waren wir das umgekehrt gewohnt. Ich teilte Alexander mit, dass ich nicht sehr zufrieden mit ihm war und einen etwas anderen Einsatz von ihm erwarte. Sasha war sichtlich verlegen und versprach, zukünftig alles zur allgemeinen Zufriedenheit zu unternehmen.

Dazu hatte er zwei Wochen später die Gelegenheit. Ich fuhr mit dem PKW nach Gdansk, um zum Flughafen zu kommen. Für die Überquerung beider Grenzen benötigte ich nur neun Minuten. Russische Grenzer und Zöllner erwarteten mich und übergaben mich nach der Blitzprozedur an ihre polnischen Kollegen, die auch bereits warteten. Also die internationale Zusammenarbeit klappte auf dem kleinen Dienstweg. Ich war stark beeindruckt und bedankte mich bei Alexander. Ich sagte ihm aber auch, dass wir jetzt endlich eine konkrete Vorstellung über die Möglichkeiten einer schnellen Grenzüberquerung haben. Es waren neun Minuten und ich sagte: „Also Alexander, probieren wir beim nächsten Mal alles in acht Minuten zu schaffen.“ Sasha verdrehte leicht die Augen, sagte aber nichts.

 

Datum der Publizierung: 11. Mai 2014

NOCH EIN INTERESSANTES GESCHÄFTSFELD

Fast ohne mein eigenes Zutun kam ich zu einem weiteren, sehr interessanten Geschäftszweig. Ein Bekannter aus dem Süden Russlands, der schon 1994 nach Kaliningrad gekommen war, nahm mit mir Kontakt auf. Wir kannten uns aus der Zusammenarbeit auf anderen Gebieten, so dass wir schnell eine gemeinsame Sprache fanden. Eine Anekdote, die über ihn in Kaliningrad in Umlauf war besagte, dass er 1994 nach Kaliningrad gekommen war und nur einen einzigen Sack Gepäck bei sich hatte. Der war aber voller Geld. Das konnte man wirklich glauben, denn ich war mehrere Male in seinem kleinen Häuschen. Es hatte wohl um die siebenhundert oder achthundert Quadratmeter Wohnfläche. Dort wurde der schwarze Kaviar mit großem Löffel gegessen und an Technik war das Neueste im Haus eingebaut, was auf dem Markt zu haben war. Kurz und gut, er kam zu mir und suchte einen Partner für Handelsgeschäfte im No-Name-Alkoholbereich. Unsere Firma wollte sich mit diesem Sortiment im Domestikmarkt nicht beschäftigen und er wollte aber diese Ware nicht nur für Kaliningrad haben sondern auch für andere russische Regionen. Nach Rücksprache mit meinen russischen Partnern ging ich auf seinen Vorschlag ein, für ihn ein Sortiment zusammenzustellen und die Lieferungen zu organisieren.

Nun wissen wir alle, was mit diesem Sortiment in Russland zu verdienen ist. Mit unehrlichen Methoden wird man innerhalb von sechs Monaten zum Millionär, mit ehrlichen Methoden kann man nur reich werden. Mein russischer Bekannter hatte sich Gott sei Dank das Ziel gesetzt, nur noch reicher zu werden. Ich gehe mal davon aus, dass er bereits Millionär war. Wir einigten uns  auf ehrliche Geschäftsmethoden. Für etwas anderes hätte ich auch nicht zur Verfügung gestanden.

Unter Nutzung vorhandener Kontakte in Westeuropa, wurden die Lieferungen recht schnell organisiert.  Es gab ein paar Anlaufschwierigkeiten, wie bei jedem Geschäft üblich, aber dann lief die Ware containerweise. Von einigen Schwankungen im Umsatz, bedingt durch Mitwettbewerber und von einigen Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der russischen Zahlungsmoral mal abgesehen, lief das Geschäft gut und man konnte recht zufrieden sein.

Für mich war das Geschäft insofern interessant, als es mir Möglichkeiten gab, meine Kenntnisse in der Organisation von Logistik- und Consultingleistungen und in der Herstellung von Geschäftsverbindungen zu erweitern.

 

Datum der Publizierung: 18.Mai 2014

ZUSAMMENARBEIT MIT PERSPEKTIVE

Langsam näherten wir uns unserer großen Krise in der Firma – wir wussten es nur noch nicht. Optimistisch schauten wir in die Zukunft und versuchten die Firma in allen Fragen auf solide, moderne, zukunftsorientiere Füße zu stellen.

Wir machten einen Großteil unseres Umsatzes mit Zigaretten. Das freute natürlich die Hersteller und für viele waren wir ein „Selbstläufer“. Wir verkauften alles und man brauchte sich um uns nicht groß zu kümmern. Einmal im Jahr absolvierten die Firmen einen Höflichkeitsbesuch, gaben ein paar Werbegeschenke ab und setzten uns von der neuen Preisliste in Kenntnis.

Eine bekannte deutsche Tabakfirma hatte da aber andere Vorstellungen. Im Gegensatz zu allen anderen Tabakherstellern hatte sich diese Firma seit 1998 intensiv um uns gekümmert. Uns wurde speziell ein Mitarbeiter zur Verfügung gestellt, der intensiv den Kontakt pflegte und sehr häufig bei uns in Kaliningrad auftauchte. Und man lud uns auch nach Deutschland ein. Hier sahen wir zum ersten Mal, wie man vollautomatisch Zigaretten herstellt. Ein Erlebnis, welches uns stark beeindruckte. Zumal uns diese Firma auch ihr soziales Umfeld zeigte, welches sie für ihre Mitarbeiter organisiert hatte.

Nach einem Jahr wechselte der zuständige Mitarbeiter und ich erhielt als neuen Ansprechpartner einen Ossi, der viele Jahre in Moskau in der dortigen russischen Vertretung der Firma tätig und jetzt nach Deutschland zurückgegangen war. Er sprach russisch, kannte sich im Markt aus und war ringsum ein gemütlicher Typ. Wir verstanden uns von Anfang an sehr gut. Beide beschlossen wir ein Pilotprojekt für die Werbeausstattung einer russischen Duty-Free-Firma zu entwickeln. Wir beschäftigten uns fast ein Jahr mit diesem Konzept, ehe es so stand, dass es beide Seiten befriedigte. Die Tabakfirma investierte viel Geld für die Umgestaltung unserer Shops und wir wiederum taten alles, um die Ware der Firma zu protegieren. Ich denke, auch damit ist das Prinzip Geben und Nehmen gleichberechtigt eingehalten worden.

Unsere Shops bekamen endlich einen „ästhetischen“ Schub und sahen nun den westlichen Duty-Free-Shops schon ein wenig ähnlicher. Der Umsatz mit dem Zigarettensortiment unserer Partnerfirma wuchs rasant. Er wurde sogar bei einigen Marken so groß, dass die für uns zuständigen Mitarbeiter in Deutschland schon mal Sorgenfalten auf der Stirn bekamen, da Produktionsvolumen und Auslastung geplant werden mussten. Aber auch in solchen Phasen wurde von beiden Seiten vernünftig, sachlich und operativ gearbeitet. Kurz gesagt, es war alles im grünen Bereich zwischen uns.

Nun kam uns der Gedanke, dieses Werbekonzept auch auf unsere zweite Firma im Süden zu übertragen. Wir wussten, dass andere Tabakhersteller schon sehr eifersüchtig auf unseren „Hauptlieferanten“ schauten und wir uns mit unserem guten Verhältnis zu dieser Firma natürlich nicht das Wohlwollen der anderen Tabakhersteller sicherten. Jede Firma hatte so ihre eigene Art auf dem Markt aufzutreten und sich die notwendigen Erfolge zu sichern. Mir war die Art wie unser „Hauptpartner“ im Tabakbereich mit uns arbeitete am angenehmsten. Es ging alles ehrlich zu und beide profitierten nur von den Umsätzen und von nichts anderem.

Es war für mich immer wichtig, im Geschäftsleben moralisch absolut sauber zu sein und mich in keine subjektive Abhängigkeit zu begeben. Vielleicht war dies auch ein Grund, weshalb ich nicht immer bei Lieferanten beliebt war. Aber damit konnte ich leben.

Wir schlugen nun der Tabakfirma vor, auch im Süden Russlands unser Werbekonzept umzusetzen. Dort waren die Marken dieser Firma relativ unbekannt und es wurde auch wenig Reklame gemacht. Man dachte nicht lange nach und willigte ein. Es wurde ein Vertrag geschlossen und dieser beinhaltete auch, dass unser Betreuer mit mir in den Süden fahren sollte um alles vor Ort zu regeln. Wir vereinbarten natürlich eine Reise in den Sommermonaten des Jahres 2000. Ich fragte meinen Betreuer, ob er denn unbedingt alle Shops sehen wolle, denn nach den Erfahrungen meiner bisherigen Reisen in den Süden wusste ich, dass, wenn wir auch Rostow am Don besuchten, wir einige organisatorische oder besser zeitliche Probleme hatten. Er meinte: „Wenn ich einmal unten bin, dann will ich auch alle Shops sehen.“ Und so ging es denn los.

 

Datum der Publizierung: 25. Mai 2014

… machst du eine Reise, kann´ste was erzählen

Rolf, unser Betreuer kam nach Kaliningrad und wir flogen gemeinsam nach Krasnodar. Dort empfing uns Alexander, mein Ansprechpartner in unserer Süd-Firma. In Krasnodar  besichtigten wir unseren Shop am Airport und fuhren dann mit dem PKW weiter nach Kawkas, unserem Shop im Seehafen, der gegenüber der Krim, damals noch ukrainisches Territorium, lag. Danach ging es wieder zurück nach Krasnodar und mit dem Flugzeug nach Rostow am Don. Nach der Besichtigung unseres Shops am Airport begann das Elend. Von Rostow wollten wir zurück nach Sotchi, aber es war für Sasha nicht möglich, vorher Flugtickets zu kaufen, da das Flugzeug nur bei Bedarf flog. Ob es einen Bedarf gibt oder nicht wurde aber erst unmittelbar vor dem geplanten Abflug festgelegt. Wenn sich nicht genügend Leute vor dem Ticketschalter eingefunden hatten, wurde eben nicht geflogen. Sehr einfach, sehr praktisch für die Fluggesellschaft, die ihren Mitarbeitern damit zwar Ruhe, aber keine Perspektive bieten konnte. Diese Zufallsvariante kam also für uns nicht in Frage. Irgendwie sah ich Rolf ein wenig triumphierend an, denn er schien mir leicht genervt. „Ich habe gleich gesagt, dass wir Rostow auslassen sollen“, entgegnete ich und Erinnerung meines Ratschlages bei der Vorbereitung der Reise. Rolf stimmte mir zu, meinte aber, dass man der ganzen Sache auch etwas Positives abgewinnen sollte. Machen wir eben eine Abenteuerreise mit dem Zug – meinte er.

Der Zug wäre fast einen ganzen Tag bis Sotchi unterwegs gewesen. Aber auch hier brauchten wir Tickets. Auch die gab es nach einem ähnlichen Prinzip. Der Zug wurde nicht in Rostow eingesetzt, sondern kam von irgendwoher. Und nur dort wurden Fahrkarten verkauft. Da man aber damals noch nicht mit EDV arbeitete, wusste man in Rostow nicht, welche Plätze noch frei waren oder nicht. Deshalb stiegen erst einmal alle Reisenden, die nur bis Rostow wollten aus, alle anderen mussten auf ihren Plätzen bleiben. Durch die Waggondiensthabende wurde eine Bestandsaufnahme der freien Plätze gemacht und diese wurden dann an die Ticketschalter gemeldet. Tja, entweder reichten die Plätze aus, oder sie reichten nicht aus. Wer sich also nicht rechtzeitig angestellt hatte, und rechtzeitig anstellen hieß in Rostow ungefähr fünf Stunden vor Abfahrt des Zuges, hatte nur noch minimale Chancen mitzukommen. Natürlich konnte man versuchen den Waggonbegleiter zu schmieren, aber wir waren keine Russen und wir würden sofort auffallen. Ich glaube, die geduldig, stundenlang wartenden Russen hätten uns schlicht und einfach zerfleischt. Also kam auch diese Variante nicht in Frage.

Da wir aber nun geschäftlich unterwegs waren und an sich keinen Abenteuerurlaub machen wollten, kam eine Fußwanderung bis Sotchi über die Berge auch nicht in Frage. Es war ja nicht weit. Mein Gott, schlichte 600 Kilometer. Was war das schon. In Deutschland mit dem Auto ungefähr sieben bis acht Stunden. Und so kamen wir auf den Gedanken, ein Taxi zu mieten. Wir brauchten auch nicht lange zu suchen. Wir fanden ein offizielles Taxi und einen bereitwilligen Fahrer, der uns für 300 Dollar bis nach Sotchi brachte. Natürlich erhielten wir keine Quittung und einen Taxameter gab es auch nicht. Um sein Fehlen bis zum nächsten Tag zu kaschieren, meldete sich der Taxifahrer auf Grund eines plötzlichen Unwohlseins bei seiner Zentrale ab und los ging die Fahrt.

Ehrlich gesagt, ich hatte es mir zu Anfang schlimmer vorgestellt. Ich kannte die Straßenverhältnisse in Kaliningrad. Die waren damals schlicht eine Katastrophe. Ich lebte zwar 1945 noch nicht, aber der Zustand der Straßen brachte mir den Eindruck, dass es so ungefähr nach dem Ende des Krieges ausgesehen haben musste. Und irgendwie hatte ich auch eine ähnliche Vorstellung über die Straßen in Rostow und die großen Autotrassen über Land. Aber weit gefehlt. Die Straßen in Rostow waren gut und die Überlandstraßen hervorragend ausgebaut. Gut, nicht so wie die Autobahnen in Deutschland, aber sie waren breit und wirklich in gutem Zustand. Es wurde auch auf der gesamten Strecke bis zu den Bergen gebaut. Die Straßen sollten noch verbreitert werden, um einen ungehinderten Warenfluss von Moskau und zurück zu gewährleisten. Es tat sich also was im großen russischen Lande.

Allerdings war der Service entlang der Strecke auch noch ausbaufähig. Wenig Tankstellen und auch wenig Imbissstände. Irgendwann knurrte aber der Magen und wir entschlossen uns, bei der nächsten Gelegenheit anzuhalten und irgendwas zu essen. Der Fahrer kurvte an einem Rastplatz ein. Unsere Einladung zum Essen lehnte er dankend ab und meinte, dass er im Auto bleiben wolle.  Wir drei gingen also in die Raststätte, bestellten uns Sossiski, also auf gut deutsch Würstchen, irgendeinen Salat und ein paar Butterbrote.

Plötzlich, so ganz nebenbei, meinte Rolf, dass er sein Portemonnaie im Auto vergessen habe. Ich sah ihn mit schreckensweiten Augen an, denn ich hatte mein Geld auch im Auto und nicht nur mein Geld. Ich hatte alles im Auto, Geld, Ausweis, Visum, einfach alles. Und Rolf auch. Und Sasha auch. Wir dachten alle drei sofort dasselbe. Niemand hatte sich die Nummer des Taxi aufgeschrieben, niemand hatte gesehen, dass wir mit diesem Taxi weggefahren waren. In der Raststätte waren wir die Einzigen. Warum war der Fahrer im Taxi sitzen geblieben? Wenn der jetzt weggefahren war mit all unseren Sachen, dann hätten wir ein echtes Megaproblem. Wir ließen alles stehen und liegen und stürzten nach draußen. Unser Taxi mit samt dem Fahrer war weg!

Nun gut, nicht ganz weg. Er hatte sich einen Platz gesucht, wo keine Lampe war und machte im Auto ein kleines Nickerchen. Was waren wir erleichtert! Sasha blieb jetzt beim Auto, Rolf und ich nahmen Geld und Papiere, wir bezahlten unseren Verzehr und fuhren weiter.

Ich bildete mir wirklich ein, ein erfahrener Russlandkenner zu sein (heute sagt man ja zu solchen Leuten wie mir Russlandversteher – aber da sind wir schon wieder bei der Politik). Aber dass ich mich so laienhaft verhalten konnte! Schande über mich. Ehrlich, ich schämte mich wirklich ein bisschen. Aber als wir im Laufe des nächsten Tages in Sotchi ankamen, konnten wir über diesen Vorfall schon wieder lachen und haben ihn auch als kleine Anekdote erzählt. Bei den Russen stießen wir nicht so richtig auf Verständnis. So schlimm sei das doch nun auch nicht, war die Reaktion. Aber versuchen sie mal in Russland, egal ob sie Russe oder Ausländer sind, sich ohne Papiere irgendwohin zu bewegen. Ohne Vorzeigen eines Passes bekam man damals noch nicht einmal einen Busfahrschein bis in den nächsten Ort. Und wir waren Ausländer und die staatlichen Unterkünfte, die wir zweifellos hätten in Anspruch nehmen dürfen bis zur Klärung der Angelegenheit, sind nicht so sehr auf westliche Reisende ohne Papiere eingestellt. Dann hätten wir neue Papiere benötigt. Dazu hätten wir nach Moskau zur Deutschen Botschaft gemusst und zu diesen neuen Papieren hätten wir ein neues Visum benötigt und hätten dann anschließend noch einen Eintrag in die Grenzdatei bekommen. Naja, nun waren wir alle etwas klüger. Ein wenig übermüdet besichtigten wir noch das Zentraloffice, den Shop am Airport in Sotchi und unseren Shop in Psou an der abchasischen Grenze. Dann ging es für mich wieder zurück nach Kaliningrad und Rolf flog nach Deutschland und arbeitete alle notwendigen Details für die Umgestaltung der Shops im Süden aus.

In Kaliningrad wurde ich schon ungeduldig vom Generaldirektor erwartet. Er bat mich zu einem vertraulichen Gespräch unter vier Augen an einen Ort unter freier Luft.

 

Datum Publizierung: 01. Juni 2014

DAS UNHEIL NAHT

Dieses Gespräch fand bei mir zu Hause im Garten statt. Freie Luft war dort genügend vorhanden. Es war das erste Mal, dass wir uns auf diese Art und Weise trafen, um Gespräche zu führen. Es musste also etwas Ernstes vorgefallen sein.

Irgendwann in den neunziger Jahren, unsere Firma arbeitete bereits, tauchte ein Bekannter der russischen Gesellschafter auf. Seine Vergangenheit im Zollapparat war nicht unumstritten und etwas nebulös. Er gründete in Kaliningrad irgendeine Firma und er erhielt von den russischen Aktionären notwendige Hilfe, damit er auf die Beine kam. Als die Firma dann lief, bekamen beide von ihm den bekannten „Dankbarkeits-Tritt“. Er brauchte sie nicht mehr. Beide zogen sich geräuschlos zurück. Es gab keine Notwendigkeit, mit dem Herrn zu streiten. Sie versuchten niemandem auf die Füße zu treten oder andere Leute in ihren Geschäften zu stören. Nun hatte sich ein Partner als wenig zuverlässig herausgestellt und da zog man sich eben aus dem gemeinsamen Geschäft zurück. Der Nachteil war, dass sie nun kein Geld mehr mit diesem Partner verdienen konnten und der Vorteil war, dass man lebte und gesund war. Das konnte man nicht immer in solchen Fällen in Russland sagen.

Der Herr gründete eine weitere Firma. Diese war viel raffinierter. Es war eine Art Unternehmensberatung, die den Firmen, die Waren importieren und exportieren wollten, half, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten mit dem Zoll gab. Da er ehemaliger Zöllner war, kannte er sich in der Materie bestens aus. So weit, so gut. An sich eine lobenswerte Sache. Das Problem war nur, dass es nicht genügend Probleme mit dem Zoll gab oder zumindest nicht solche Probleme, mit denen sich genügend Geld verdienen ließ. Deshalb nutzte er seine noch existierenden Beziehungen zum Zoll und organisierte, dass einigen Firmen Probleme bereitet wurden. Diese wurden in eine schwierige Lage getrieben und irgendein „gutmeinender“ Zöllner gab dann diesen Firmen den Rat, sich doch an die Unternehmensberatung XYZ zu wenden. Das taten sie auch und gegen ein Honorar wurden auch wirklich alle Probleme geklärt. Die Leistungsfähigkeit und Kompetenz dieser Firma sprach sich in Kaliningrad herum und das Geschäft florierte. Wenn sie jetzt sagen, dass dies Mafiamethoden sind, so möchte ich ihnen nicht widersprechen.

Nun reichte diesem Mann aber das Geld nicht. Völlig unerwartet wurde er wieder in den Zollapparat aufgenommen und zwar, und das ist das eigentlich erstaunliche, in einem hochsensiblen Sicherheitsbereich als Chef. Eine absolut unantastbare und einflussreiche Funktion. Diese Funktion wurde durch den Chef des Zentralen Zollkomitees in Moskau direkt besetzt. Es stellte sich heraus, dass man sich aus früheren Zeiten kannte.

In seiner neuen Funktion nahm er auch Einfluss auf das Zollregime. An sich ging die Zollabfertigung nach einem bestimmten Schema vonstatten. Die LKW wurden abgefertigt und fuhren nach der Zollkontrolle weiter. Nun richtete aber dieser Herr an den Grenzübergängen sogenannte Zollager für die zeitweilige Lagerung von Waren ein. Dies tat er natürlich nicht selber, denn das war einem Zollbeamten verboten. Er nutzte Strohpersonen. Das Zollregime, auf dessen Gestaltung er Einfluss hatte,  wurde so verändert, dass es wesentlich zeitaufwendiger wurde und deshalb die LKW prinzipiell in dieses Zollager fahren und dort warten mussten, bis sie zur Zollabfertigung aufgerufen wurden. Für die Nutzung dieses Lagers musste Geld entrichtet werden. Wer nicht bereit war außer den offiziellen Gebühren auch noch Schmiergeld zu zahlen, der musste in diesem Lager einige Tage warten. Gleichzeitig organisierte man wieder Zollprobleme und für die Behebung dieser Zollprobleme war wiederum die Unternehmensberatung des Herrn zuständig. Natürlich war er jetzt auch nicht mehr der Inhaber dieser Firma, sondern ebenfalls eine Strohperson.

So einfach wurde also Geld verdient. Natürlich verdiente er auch noch durch andere Möglichkeiten Geld, aber die sind für das, was ich schildern möchte, uninteressant.

Ein weiteres Geschäft war der Handel mit Alkohol und Zigaretten. Natürlich illegal. In seiner neuen Funktion konnte er auch Einfluss nehmen auf die Personalbesetzung des Zolls an den Übergängen. Natürlich platzierte er seine Leute dort wo es möglich war. Möglich war es an unserem Übergang in Tschernyschewskoje. Seine Leute hatten dafür zu sorgen, dass die LKW mit der Schmuggelware nicht kontrolliert wurden. Das lief auch alles recht ordentlich und reibungslos. Die Einzigen, die störten, waren wir mit unseren Duty-Free-Shops. Bei uns lief das Geschäft auf gesetzlicher Basis ab und die Umsätze die wir machten, störten natürlich in nicht unerheblichem Maße seine eigenen Geschäfte. Deshalb traf er sich mit seinen ehemaligen Freunden und schlug ihnen vor, dass sie die Hälfte ihrer Firma ihm überschreiben sollten, natürlich kostenlos.

Der Leser dieser Zeilen wird dies sicherlich mit einigem Unverständnis lesen, weil sie mit westlicher Denkweise herangehen. Und eben dies dürfen sie jetzt nicht tun. Lehnen sie sich ab diesem Moment zurück, vergessen sie alles, was sie von westlicher Rechtsstaatlichkeit wissen und versetzen sich in die Lage eines Staates unmittelbar nach einem Umsturz, in dem keine Gesetze normal funktionieren und nur das Gesetz des Stärkeren gilt, wenn nötig unter Nutzung von physischer Gewalt. So, jetzt haben sie die besten Voraussetzungen nachfolgende Schilderungen gut zu verstehen. Sie werden die nachfolgenden Zeilen noch besser verstehen, wenn sie wissen, dass Russland damals nach eigenen Einschätzungen jährlich rund 15 Milliarden Dollar an Staatseinnahmen durch Korruption verloren hat. Nach Einschätzung des damaligen russischen Innenministeriums  kontrolliert das organisierte Verbrechen 40 bis 60 Prozent der staatlichen Betriebe und 50 bis 80 Prozent der Banken des Landes. Das Schatten-Business mache 40 Prozent des russischen Bruttosozialproduktes aus und beschäftigt neun Millionen Menschen. Im Zeitraum 1995 – 1999 soll die Zahl der organisierten kriminellen Gruppen, was immer man darunter auch verstehen mag, um das 17-fache, und die der Gruppen mit korrupten Beziehungen um das 170-fache gestiegen sein.

Natürlich lehnten die russischen Gesellschafter die Forderung nach Überschreibung der Hälfte der Firma ab. Es gab noch mehrere Gespräche die so verliefen, dass der Herr seine Übergabeforderung nur auf den Übergang Tschernyschewskoje beschränkte und als dies auch von uns abgelehnt wurde, forderte er, dass wir ihm jeden Monat einen fünfstelligen Dollarbetrag als Schmiergeld zahlen sollten. Auch dies lehnten wir ab. Natürlich wussten die russischen Aktionäre, dass jetzt irgendetwas auf uns zukommt, aber was genau, das wussten wir nicht.

 

Datum der Publizierung: 08. Juni 2014

Der Krieg beginnt

Der erste Schlag, der gegen uns geführt wurde, war eine Kontrollkommission aus Moskau. Sie reiste an um die Arbeit der Kaliningrader Zollverwaltung zu kontrollieren. Man stellte, was nicht anders zu erwarten war, gravierende Mängel fest. Als Konsequenz musste der Kaliningrader Zollchef seinen Hut nehmen. Das war ein schwerer Schlag für uns, denn dieser Mann war mit unseren russischen Gesellschaftern seit vielen Jahren befreundet und wir hatten gemeinsam in kollegialer Zusammenarbeit die Firma geschaffen und an sich ein Modellbeispiel für die Organisation einer gesetzlichen Zusammenarbeit im Kaliningrader Gebiet begründet.

Nun kam ein neuer Zollchef, der sich für nichts interessierte, außer für seine Ruhe und seine regelmäßige Dosis Alkohol. Es wurden noch eine Reihe weiterer nachgeordneter Zollmitarbeiter abgelöst. Dann wurde aus dem Bestand der neuen Kaliningrader Zollverwaltung eine Untersuchungskommission gebildet, die die angeblichen Machenschaften der ehemaligen Zollverwaltung untersuchen und hierbei auch insbesondere irgendwelche Verbindungen zu unserer Firma aufspüren sollte. Es gab aber nichts Illegales in unserer Freundschaft mit der ehemaligen Zollverwaltung. Und so fing man an, Negatives zu konstruieren.

An dieser Stelle ein kleiner Ausflug in die damalige russische Zollgesetzgebung. Diese schrieb den Duty-Free-Firmen vor, ein Warenlager unmittelbar neben dem eigentlichen Shop zu haben. Eine durchaus logische und nachvollziehbare Gesetzgebung. Aber in Kaliningrad gab es Besonderheiten, die niemand in Moskau kannte, als dieses Gesetz erarbeitet wurde. Nirgendwo auf der Welt, wenn ich richtig informiert bin, gibt es eine so hohe Konzentration von Duty-Free-Shops wie in Kaliningrad. Auch die Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Shops war  unterschiedlich. Deshalb gab es auch Probleme in der Logistik. Um diese zu lösen, war der einzige Ausweg die Schaffung eines Zentrallagers. Dorthin sollten alle Waren geliefert werden und aus diesem Lager sollten dann die Waren in die Shops gebracht werden. Dies war für alle Beteiligten durchaus logisch, entsprach aber nicht der Gesetzgebung. Deshalb beantragten wir im Jahre 1995 eine Ausnahmegenehmigung. Diese wurde vom Kaliningrader Zoll genehmigt und zur Bestätigung nach Moskau geschickt. Auch der damalige Chef des russischen Zoll akzeptierte die Ausnahme und in Form eines Befehls wurde diese Ausnahme legalisiert. Jetzt wurde durch die Kontrollkommission behauptet, dass dies alles ungesetzlich geschehen sei und man diesen Befehl außer Kraft setze. Wir erhielten bis zum Jahresende Zeit, das Zentrallager zu liquidieren. Wir begannen sofort, die Waren in unsere Shops umzulagern.

Die Situation war schwierig, da wir in jeden Shop nur ein winziges Handlager hatten, aber im Zentrallager Waren für ungefähr zwei Millionen Dollar lagerten. Als unser „Gegner“ sah, dass wir uns vermutlich irgendwie aus der Lage herauswinden würden, organisierte er kurzerhand eine nochmalige Kontrolle aus Moskau. Sie werden sich erinnern, dass er beste Kontakte zum russischen Zollchef hatte. Diese Kontrolle verkürzte den Zeitraum der Räumung des Lagers und gab uns noch genau einen Monat Zeit. Dies war eine Katastrophe. Wir fingen an, die Shops umzubauen, um zusätzliche Lagerfläche zu schaffen. Damit verstießen wir aber wieder gegen Zollgesetze, denn wir durften ohne Genehmigung des Zolls diese Shops nicht umbauen. Unser „Lieblingszöllner“ sah dies natürlich alles und befürchtete, dass es uns doch noch gelingen könnte, das Zentrallager zu beräumen. Deshalb gab er einen Erlass heraus, dass das Zentrallager innerhalb von zwei Wochen zu räumen sei. Danach untersteht es seiner Verfügungsgewalt. Wir schafften es natürlich nicht. Nach zwei Wochen wurde das Lager versiegelt, eine Zollwache aufgestellt und damit war der Traum ausgeträumt. Sie werden jetzt bestimmt sagen, dass das staatliche Willkür ist. Damit haben sie auch Recht, aber ich bat auch, dass man beim weiteren Lesen dieser Zeilen alles vergessen sollte, was unter westlicher Rechtsstaatlichkeit verstanden wird.

Gut, nun hätten wir natürlich wieder Ware direkt ordern und in die Shops liefern lassen können. Dies verhinderte man dadurch, dass es einen weiteren Befehl aus Moskau gab, der die Schließung der Shops erwirkte, da diese ohne Zollgenehmigung umgebaut wurden. Gleichzeitig reiste eine dritte Untersuchungskommission aus Moskau an, die die Firma total auf den Kopf stellte. Es wurden alle Unterlagen geprüft, vom ersten Tag der Existenz der Firma. Es wurde eine komplette Bestandsaufnahme organisiert und es wurden gezielt Gerüchte, auch in Westeuropa ausgestreut, um unsere Firma, insbesondere bei unseren Lieferanten, zu diskreditieren. 

Die Kontrollen und Bestandsaufnahmen entwickelten sich ins Absurde. Obwohl unser Zentrallager bis unter die Decke voll mit Ware war und eine Bestandsaufnahme eigentlich gar nicht möglich war, wurde diese trotzdem durch Zollmitarbeiter durchgeführt. Sie brauchten dazu vierzehn Tage. Das Lager war eiskalt und wir taten natürlich nichts, um diesen Leuten die Arbeit zu erleichtern, denn es waren nicht nur einfache Zollmitarbeiter, sondern sorgsam ausgewählte Mitarbeiter, die unbedingt etwas finden sollten und wenn es absolut nichts zu finden gab, so sollte manipuliert werden. Da wir dies wussten, stellten wir jedem Zollmitarbeiter einen Mitarbeiter von uns zur Seite. Prompt schickte man am nächsten Tag ein, mit Maschinenpistolen bewaffnetes, Zollkommando ins Lager, welches die Aufgabe hatte, die Zollmitarbeiter der Kontrollkommission vor unseren Mitarbeitern zu schützen. Es war alles einfach lächerlich. Aber das angestrebte Ziel wurde erreicht. Die Firma war handlungsunfähig. Zusätzlich organisierte der Zoll eine Kontrolle durch die Steuerinspektion, die uns bisher schon jedes Jahr mehrere Male kontrolliert hatte. Kurz und gut, alles was Rang und Namen in Kaliningrad hatte und sich in Abhängigkeit von diesem einflussreichen Zollmitarbeiter befand, erschien in der Firma, um uns die Luft zum atmen zu nehmen.

Wir sahen alles, was vor sich ging, in der ersten Zeit zwar als dramatisch, aber nicht tödlich an. Wir meinten, dass alle die, die kontrollierten, sich maximal einen Monat in der Firma aufhalten konnten. Sie würden irgendetwas finden, wie jede Kontrolle irgendetwas findet, wir würden eine Strafe bezahlen und alles so organisieren, wie es denn jetzt gefordert wurde und die Firma würde wieder arbeiten. Was uns beruhigte war eben der Fakt, dass das Zollkomitee in Moskau laut Gesetz uns nur für drei Monate die Shops schließen durfte. Danach musste es die Firma entweder generell schließen, wenn erhebliche Verstöße gegen die Gesetzgebung vorlagen oder eben die Shops zur Arbeit wieder freigeben. Aber wir waren überzeugt, dass man uns viel zeitiger wieder die Shops öffnete. Aber die Zeit verging und es tat sich nichts. Wir hatten alle Forderungen, die uns das Zentrale Zollkomitee in schriftlicher oder mündlicher Form übermittelt hatte, erfüllt, und jedes Mal, wenn wir in Moskau anriefen, kam noch irgendeine weitere Forderung hinzu, oder der zuständige Mitarbeiter war nicht anwesend oder es musste noch irgendeine Sache geprüft werden. Und so verging die Zeit.

 

Datum der Publizierung: 15. Juni 2014

Viel Feind, viel Ehr

Keiner soll hungern ohne zu frieren. Und was ist schon ein Gegner, wenn man viele Gegner haben kann. Und da selten ein Unglück alleine kommt, hatten wir auch bald einen weiteren Gegner – einen alten „Feind“ aus den Gründungszeiten der Firma.

Was wir nicht wussten, jedoch bald erfuhren, war auch die Tatsache, dass ein alter „Freund“ auch wieder gegen uns  mitmischte. Zufälligerweise hatten sich unser Kaliningrader „Freund“ aus dem Zoll und unser Hauptkonkurrent in Russland irgendwo kennengelernt und gemeinsam den Plan geschmiedet, unsere Firma in den Ruin zu treiben. Die Aufgabenteilung war relativ einfach. Der Zöllner hatte alles in Kaliningrad zu organisieren und unser „Alt-Feind“, der wirklich gute Beziehungen auch im Zentralen Zollkomitee hatte, hatte alles in Moskau zu torpedieren, was für unsere Firma von Vorteil sein könnte. Wir erfuhren von diesem Komplott im Januar des Folgejahres, als ein deutscher Mittelsmann bei einer Kaliningrader Firma anrief. Seine Aufgabe bestand darin, verschlüsselt ein Kaufangebot zu unterbreiten. Diese Kaliningrader Firma sollte als „Kaufinteressent“ auftreten und den Übereignungsvorgang einleiten und betreuen. Natürlich setzte sich diese Firma mit uns in Verbindung, unterbreitete den Vorschlag, aber wir merkten bald, dass es sich um eine vorgeschobene Firma handelt. Über unsere eigenen Möglichkeiten bekamen wir schnell das ganze Netzwerk zusammen, welches gegen uns aufgebaut worden war und wir verstanden, dass wir uns in einer mehr als ernsten, eigentlich in einer tödlichen Situation befanden.

Gleichzeitig mit unseren Problemen in Kaliningrad entwickelten sich auch Probleme in unserer Firma im Süden Russland. Unsere dortige Firma verfügte über kein Zentrallager und somit konnte man das Schema, welches in Kaliningrad erfolgreich gegen uns angewendet wurde, nicht einfach auch auf den Süden umlegen. Dort war alles so organisiert, wie es laut Gesetz gefordert war. Aber laut einem neuen Gesetz benötigten jetzt auch Duty-Free-Firmen eine Importlizenz für Alkohol, obwohl Duty-Free-Firmen nichts importierten. Ein Import findet ja rein rechtlich dann statt, wenn die Ware die Zollgrenze überschreitet. Aber bei Duty-Free-Shops verbleibt die Ware, rein formal rechtlich gesehen, immer in der zollfreien Zone des Landes – wird also nicht importiert.

Unsere Firma im Süden beantragte alle Lizenzen – und sie wurden alle verweigert. Natürlich geschah dies nicht so grob – einfach mal nur so eine Ablehnung. Man gab vor, dass man erst einmal alle Unterlagen prüfen müsste. Und man prüfte und prüfte und prüfte. Wir machten aber unseren Hauptumsatz, also ungefähr 70 Prozent des Gesamtumsatzes, mit Alkohol. Und irgendwann waren unsere Vorräte an Alkohol aufgebraucht und auch diese Firma kam zum Stehen – diesmal  wegen Mangel an Ware. Die Situation war nicht nur deshalb so gefährlich, weil wir keine Ware verkauften und somit keine Einnahmen hatten, sondern weil sich unsere Stammkunden nun nach neuen Lieferquellen umsahen und wir es förmlich spürten, dass es viele Monate bräuchte, bis wir nach Erhalt der notwendigen Lizenzen auch hier wieder alles zum Laufen gebracht hätten.

Wir beendeten das Jahr 2000 also mit einem fast völligen „AUS“ für unsere beiden Firmen. Der Zukunft unserer beiden Firmen und meiner eigenen persönlichen Zukunft in Russland sah ich tief besorgt entgegen.

 

Datum der Publizierung: 22. Juni 2014

DAS JAHR 2001 – EIN JAHR DER ENTSCHEIDUNGEN

Anfang Januar kehrte ich mit größten Sorgenfalten nach Kaliningrad zurück. Ich hatte in Deutschland über die Feiertage viel gearbeitet, Kontakte gesucht, mit unseren Lieferanten gesprochen. Leider brachte dies alles nicht viel. Einer unserer wichtigsten Partner in der Schweiz beurteilte die Lage anders und sah alles nicht so verbissen. Tja, hier fehlten eben die praktischen Russlanderfahrungen. Er meinte, wir sollten noch ein bisschen abwarten, es wird schon alles werden.

Ich war verzweifelt über so viel Optimismus. Wir verloren jeden Monat Umsatz in beachtlicher Höhe, aber auch der Januar verging ohne Ergebnisse. Nur aus unserer Firma im Süden erreichten uns einige positive Nachrichten. Die Firma arbeitete zwar, verkaufte Zigaretten, Parfüm und Schokolade, jedoch keinen Alkohol. Aber die Frage der Alkohollizenz sollte sich bald klären. Zuerst gab man noch als Grund an, dass ein neuer Gouverneur gewählt wurde und ehe nicht sein Apparat arbeitsbereit wäre, könnten keine neuen Lizenzen vergeben werden. Dann wurden bürokratische Probleme in Moskau angeführt, dann gab es wieder irgendwelche Probleme in der Region. Kurz und gut, all diese Erklärungen und Begründungen waren lächerlich und viel zu durchsichtig. Irgendwann gingen dann den Leuten die Argumente aus und so erhielten wir  schließlich im März die Alkohollizenzen. Damit war das eine Problem geklärt.

Über Kanäle hinter den Kulissen hatten wir es geschafft, unsere Gegner im Süden zu neutralisieren und somit war zumindest diese Firma wieder voll arbeitsfähig. Wir benötigten noch fast sechs Wochen, um die Firma wieder voll mit Waren zu versorgen und bis Mitte des Jahres hatten wir unser altes Umsatzniveau wieder erreicht. Bis Jahresende unternahmen wir noch einige Anstrengungen zur weiteren Verbesserung der Liefer- und Verkaufsorganisation und wir konnten das Jahr, obwohl wir drei Monate zu Anfang des Jahres kaum Umsatz gemacht hatten, mit einer weiteren Umsatzsteigerung im Vergleich zum Vorjahr abschließen. Gut, es waren zwar nur 15 Prozent mehr, aber immerhin.

Wesentlich schwieriger sah es in Kaliningrad aus. Hier tat sich nichts und wir spürten an allen Ecken und Kanten, wie man versuchte uns die Luft abzuschnüren. Schließlich gelang es mir unseren Hauptpartner in der Schweiz zu aktivieren. Ich hob die ganze Angelegenheit auf ein politisches Niveau. Außer unserer Firma hatte unser Partner in den letzten Monaten eine Reihe eigener Firmen in Russland aufgebaut beziehungsweise sie waren im Gründungsstadium. Ich machte klar, dass Kaliningrad möglicherweise die Generalprobe ist für einen generellen Angriff gegen die aufstrebenden Tochtergesellschaften und vielleicht für alle Firmen eine feindliche Übernahme bevorsteht. Wenn es unseren Gegnern gelang Kaliningrad dicht zu machen, würden sie es mit den anderen Firmen viel leichter haben. Sie hatten bereits Erfahrungen gesammelt und mit den anderen Firmen, die wirtschaftlich bei weitem nicht so stark waren wie wir, hätten sie ein viel leichteres Spiel.

Dies nun endlich überzeugte unseren Partner. Es stellte sich heraus, dass die Schweizer einen guten Bekannten in hoher Position im Schweizer Außenministerium hatten. In Kürze sollte eine hochrangige Regierungsdelegation zu Gesprächen nach Moskau fahren und es gelang, unsere Firma mit ihren Problemen auf die Tagesordnung zu setzen. Nun ist es so, dass diese Tagesordnungen sehr rechtzeitig abgestimmt werden und man auch im Vorfeld solcher Treffen versucht, bestimmte Arbeitsprobleme vorher zu lösen, damit ein besseres Klima für wichtigere Dinge während des Treffens herrscht. So war es auch diesmal. Über irgendwelche Kreuz- und Querverbindungen in Moskau kam die Tagesordnung auch auf den Tisch der entsprechenden Verantwortlichen im Moskauer Zentralen Zollkomitee und dies löste endlich die notwendige Bewegung aus. Es wurde eifrig hinter den Kulissen gearbeitet. Einige vergossen sicher auch Tränen, denn es wurde ersichtlich, dass langfristig geschmiedete Pläne nun wohl den Bach runtergingen.

 

Datum der Publizierung: 29. Juni 2014

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Anfang März 2001 wurden wir zu einem Gespräch nach Moskau gebeten. Irgendein nachgeordneter Beamter musste die unangenehme Aufgabe dieses Gesprächs übernehmen. Aber uns war das letztlich egal. Es wurde uns mitgeteilt, dass die Firma ab sofort wieder arbeiten könne, dass wir allerdings das zentrale Zollager zu liquidieren und in jedem Shop ein eigenes Lager zu bauen hätten, dass wir für die Liquidierung des Zentrallagers so viel Zeit hätten, wie wir eben bräuchten. Und zu guter Letzt wurde auch mitgeteilt, dass man uns keine Verstöße gegen geltende Gesetze vorwerfen könne. Selbstverständlich wurde nicht über eine Verlängerung oder sonstige Kompensation der zeitweise zu Unrecht eingefrorenen Duty-Free-Lizenzen gesprochen. Auch wurde keine Entschuldigung geleistet und natürlich wurde auch nicht über eine finanzielle Wiedergutmachung der uns entstandenen Verluste gesprochen. Leider war der Rechtsstaat Russland damals noch nicht ganz auf dem Niveau, welches man in anderen Staaten schon erreicht hatte. Putin war erst kurze Zeit Präsident.

Nun dachten wir, dass wir am neunten März mit der operativen Tätigkeit in Kaliningrad wieder beginnen könnten.  Da dachten wir aber verkehrt. Natürlich musste die Entscheidung des Zentralen Zollkomitees schriftlich an die Nachgeordneten weitergereicht werden. Die Erarbeitung dieser Entscheidung nahm über zehn Tage in Anspruch. Wir telefonierten jeden Tag mehrmals mit der dafür zuständen Abteilung des Zollkomitees. Schließlich musste noch eine Vertrauensperson nach Moskau, um vor Ort den notwendigen Druck für die Erarbeitung der notwendigen Befehle und Weisungen auszuüben. Dann war der Befehl endlich fertig und er wurde sowohl uns wie auch allen Verantwortlichen in Kaliningrad per Fax übermittelt. Wenn sie jetzt denken, dass wir endlich die Shoptüren wieder  öffnen konnten, haben sie sich wiederum geirrt. Ungeachtet dessen, dass die ganze Angelegenheit sowohl national wie international einiges Aufsehen erregt hatte, ließ sich der Kaliningrader Zoll durch nichts beeindrucken. Wir hatten nach wie vor unsere Feinde hier sitzen und die versuchten, bis zum Letzten zu reizen und unserer Firma Schaden zuzufügen. Man erkannte das aus Moskau abgesandte Fax-Dokument nicht an, obwohl es eindeutig war, dass dieses Dokument und der Absender echt waren. Man hätte auch in Moskau anrufen können und innerhalb von fünf Minuten wäre die Echtheit des Dokumentes klar gewesen. Nein, man tat dies alles nicht. Man wartete auf das Original. Das ließ auf sich warten, denn irgendeine Sachbearbeiterin im Zentralen Zollkomitee hatte wohl irgendwelche Probleme mit dem Eintüten des Schreibens. Sie war wohl überlastet. Sie ahnen gar nicht, mit wie wenig Aufwand man einer Firma existenzbedrohende Probleme bereiten kann.

Ende März erhielten wir endlich die Genehmigung und öffneten sofort die Shops. Natürlich hatten wir bis dahin nicht die Hände in den Schoss gelegt. Wir hatten die Liquidierung des Zentrallagers vorbereitet, in den Shops hatten wir die notwendige Ordnung geschaffen. Überall wurde ungefähr die Hälfte der Verkaufsräume in Lagerfläche umgewandelt. Alle Dokumentationen wurden umgearbeitet und zur Genehmigung eingereicht. Insgesamt wurden im Monat März von uns dreißigtausend Blatt Papier kopiert und erstellt und bei den zuständigen Organen eingereicht.

Die wichtigste Aufgabe war das Zentrallager zu räumen. Hier hatte man uns eigentlich unbegrenzt Zeit gegeben, aber ich forderte die schnellstmögliche Räumung, denn es hätte jederzeit sein können, dass man wieder Maßnahmen gegen uns ergreift und ich wollte bis dahin die Ware komplett in unseren Shops haben. Wir brauchten drei Monate, dann war das Lager besenrein. Ich genehmigte mir daraufhin einen guten Cognac.

Die Situation in den Shops war natürlich katastrophal. Die einstige Schönheit der Shops war dahin. Sie glichen einfach nur unordentlichen Lagern. Die Ware war bis unter die Decke gestapelt. Jeder Quadratmeter wurde genutzt, auch die Toiletten, die Dienstzimmer und die Korridore. Etwas Luft bekamen wir im Mai. Immerhin bestellten wir fast keine Ware bei unseren westlichen Partnern, sondern bauten in erster Linie unsere Bestände ab.

Dieses Vorgehen kann man in Russland anwenden, würde in Westeuropa aber nicht möglich sein. In Russland ist es oft noch so, zumindest in Kaliningrad, dass der Kunde fast immer bereit ist, etwas anderes zu kaufen, wenn gerade das nicht da ist, was er eigentlich kaufen wollte. Eine ganze Reihe unserer westlichen Lieferanten saß natürlich auch wie auf glühenden Kohlen, denn für sie war auch ein Großteil des Umsatzes weggebrochen und je kleiner die Firma war, umso schwieriger gestaltete sich die Situation. Aber schließlich stiegen wir Ende Juni wieder in die volle normale Logistik ein. Es verging aber noch das gesamte Jahr, ehe wir wieder ein normales Umsatzniveau erreichten.

Immer wieder kam es zu Zwischenfällen, die uns nicht wohlgesonnene Zöllner organisierten. Dies änderte sich erst, als auf Grund von Strukturveränderungen im Zoll Köpfe anfingen zu rollen. Auch wir hatten dazugelernt und hatten die Zeit genutzt, um hinter den Kulissen einige Machtfragen für die Zukunft zu klären. Und als dann die offizielle Strukturbereinigung aus Moskau angeordnet wurde, fielen genau die Köpfe, die sich uns gegenüber nicht korrekt verhalten hatten. Wie gesagt, ich spreche nicht über die, die korrekt die gestellten Aufgaben im Zoll erfüllt haben, auch wenn dies nicht zu unserem Vorteil war. Ich spreche von denen, die aktiv gegen uns gearbeitet haben und die Gesetze und Befehle so ausgelegt hatten, dass uns unbedingt Schaden entstehen musste. Natürlich bemerkte man bald im Zollapparat gewisse Tendenzen und fing an, uns zu fürchten. Es war irgendwas hinter den Kulissen vor sich gegangen, was viele Zöllner nicht wussten oder bemerkt hatten und nun war es zu spät, das Fähnchen wieder umzudrehen. Zwei Monate und wir hatten unsere Zielstellung erreicht. Auch unser Kaliningrader Intimfeind wurde seiner Funktion entbunden. Er erhielt eine andere Funktion im Zollapparat und sollte wenige Monate später befördert werden – der Generalsdienstgrad stand an. Just in diesem Moment erschien in einer großen örtlichen Zeitung ein umfangreicher Artikel, der alle Seiten der Entwicklung dieses Herrn in einem nicht gerade günstigen Licht zeigte. Anscheinend hatte sich hier eine Interessengemeinschaft der „Geschädigten“ gefunden, die nun konsolidiert gegen diesen Herrn vorging. Natürlich stürzte er ab, denn es wurde dafür gesorgt, dass die Zeitung, die eigentlich nur in Kaliningrad erschien, auch auf den Tisch von Entscheidungsträgern in Moskau und St. Petersburg kam. Fazit: Kleine Sünden bestraft Gott sogleich, die größeren nach neun Monaten …

 

Datum der Publizierung: 06. Juli 2014

NEUE STRATEGIEN

Wir hatten nun also unsere prinzipiellen Probleme gelöst und die Firma arbeitete wieder. Trotzdem begannen wir schon im Januar, also noch während die Shops geschlossen waren, über die Zukunft nachzudenken. Es war klar, dass uns jederzeit wieder so etwas passieren konnte. Deshalb mussten Strukturen geschaffen werden, die es uns gestatteten, unabhängig vom russischen Staat und irgendwelchen Willkürentscheidungen seiner Beamten weiterhin unseren Geschäften nachzugehen und Geld zu verdienen. So kamen wir auf den Gedanken, genau das Gegenteil von dem zu machen, was man in Westeuropa tat. Dort hatte man schon die Duty-Free-Shops abgeschafft und wir waren dabei, diese bei uns aufzubauen. Nun hatte man vor einigen Monaten die Butterschiffsfahrten eingestellt und wir kamen auf den Gedanken, diese bei uns einzuführen.

Das Thema Butterschiffe war und ist nicht so einfach. Das Problem beginnt damit, dass es in Russland keine geeigneten Schiffe gibt. Also müsste man sich mit westeuropäischen Schiffseignern in Verbindung setzen. Dazu gibt es in Kaliningrad eine ziemlich komplizierte Grenzlage auf dem Wasser zu beachten. Unsere Absicht war, die Schiffe  nicht unter russischer Flagge fahren zu lassen. Bei diesem Beschluss ging es eindeutig darum, uns nicht mit diesen Schiffen in die Abhängigkeit des russischen Staates zu begeben. Sollten diese Schiffe unter russischer Flagge fahren, so mussten Duty-Free-Lizenzen, Alkohollizenzen, Tabaklizenzen, Einzelhandelslizenzen, Valutalizenzen beantragt werden und die Genehmigung aller anderen Institutionen, wie Gesundheitsdienst, Handelskontrolle, Brandschutz und so weiter brauchten wir ebenfalls von russischen Behörden. Gerade diese Institutionen sind in Russland mit unwahrscheinlicher Bürokratie verbunden und haben auch einen nicht gerade respektablen Ruf. Des Weiteren war zu beachten, dass es in Russland keine Gesetzgebung zur Betreibung von Schiffen dieser Art gab und es also zu großen Organisationsproblemen kommen würde. Gleichzeitig wären wir wieder voll in die Abhängigkeit des Staates geraten und dies wollten wir nicht. Es sollte eine neue Firma gegründet werden, unabhängig von der Stammgesellschaft und unabhängig vom russischen Staat. Also insgesamt eine nicht gerade leichte Aufgabe.

Unser Gedanke war, Schiffslinien zwischen Kaliningrad und Polen und zwischen Kaliningrad und Litauen zu eröffnen, ohne dem russischen Staat und nach Möglichkeit auch dem polnischen und litauischen Staat die Möglichkeit der wirtschaftlichen Einflussnahme auf diese Schiffslinien zu geben. Auf beiden Strecken gab es die Möglichkeit über das Haff, das heißt, Richtung Polen über das Frische Haff und Richtung Litauen über das Kurische Haff zu fahren oder als Alternative eben über offene See. Wenn wir über das Haff führen, benötigten wir Schiffe, die nicht hochseetauglich sein mussten, also in der Anschaffung, Anmietung und im Unterhalt günstiger waren. Allerdings sah die russische Gesetzgebung vor, dass Schiffe, die über das Haff fahren entweder polnische, litauische oder russische Flagge tragen müssen. Dies kam unseren Vorstellungen nicht entgegen. Positiv war jedoch, dass Fahrten über das Haff wesentlich weniger Zeit in Anspruch nahmen als Fahrten über das offene Meer, obwohl auch die Größe des Kurischen Haffs recht beeindruckend war. Das Kurische Haff ist fünfmal so groß wie der Bodensee und trotzdem wären die Butterschiffe in der Lage gewesen am Tag mindestens fünf bis sechs Fahrten durchzuführen, wenn man entsprechende Kleinhäfen ausgesucht hätte.

Wenn wir die Strecke über offene See nehmen wollten, stand die Frage der Flagge nicht zur Debatte, aber dafür waren die Forderungen an die Schiffe sehr hoch. Die Schiffe, die hochseetauglich sein mussten waren grösser, konnten mehr Passagiere aufnehmen, konnten aber nur maximal zwei Fahrten am Tag machen, da die Entfernungen grösser waren. Dann kamen noch die Probleme der Hafengenehmigungen hinzu. Deshalb waren wir auch in erster Linie an Fahrten über das Haff interessiert, weil wir dort sehr kleine Häfen anlaufen konnten, die wenig Geld kosten und wo auch die Grenz- und Zollabfertigung loyaler war als zum Beispiel im Hafen von Gdansk, den wir anlaufen müssten, wenn wir die Seelinie nutzen wollten. Auf russischer Seite hatten wir natürlich unsere Beziehungen, aber auf polnischer Seite fehlten uns sowohl diese Beziehungen als auch die Logistikkontakte.

Die Logistik war ebenfalls nicht einfach, denn es musste unbedingt ein neues Lager geschaffen werden, denn die tägliche Versorgung der Schiffe mit frischer Ware war sonst unmöglich. Ein Lager in Polen wäre nicht schlecht, aber wir hatten keine Beziehungen dorthin. Dazu kam, dass der Transport von Zigaretten und Alkohol im Landtransport durch Polen erhebliche Probleme verursachte, da solche Transporte nur im Konvoi und unter besonderen Sicherheitsbestimmungen stattfinden durften. Ein Lager in Kaliningrad wollten wir nicht einrichten, da hier wieder der Staat Zugriffsmöglichkeiten hatte. Sie sehen, eine Unzahl von Problemen.

Zur Lösung der eben geschilderten Probleme entschlossen wir uns zur bewährten Aufgabenteilung. Unser Koordinator hatte die russischen Probleme zu klären und ich sollte mich um die Logistik und mögliche Partner in Westeuropa kümmern.

 

Datum der Publizierung: 13. Juli 2014

Butterschiffe fallen ins Wasser

 Ich begab mich auf die Suche nach Schiffseignern, die ich auch in Deutschland fand. Nach einigen Auswahlmöglichkeiten entschieden wir uns für eine Firma, die uns über andere Bekannte als sehr solide empfohlen wurde. Der Generaldirektor fuhr gemeinsam mit mir nach Deutschland. Wir wollten uns vor Ort mit der Firma und dem Inhaber vertraut machen. Alles hinterließ einen recht ordentlichen Eindruck und wir luden den deutschen Inhaber der Firma zu Gesprächen nach Kaliningrad ein. Er kam und wir merkten, dass er sich über uns schon recht gut informiert hatte. Natürlich waren ihm unsere derzeitigen Probleme zu Ohren gekommen und er sprach uns auch direkt darauf an. Leider war ihm in Deutschland von seinen Informanten einiges an Unfug erzählt worden über uns und unsere Probleme. Natürlich glaubte er seinen Bekannten und ihren Erzählungen in Deutschland mehr als uns. Wenn wir versuchten zu entkräften, verstand er es als Schutzbehauptung. Unsere Karten waren also nicht besonders gut. Dazu verhielten wir uns auch noch unklug.

Ich hatte den Generaldirektor auf das Gespräch vorbereitet und ihn gebeten, unsere Forderungen oder Vorstellungen nicht zu hoch anzusetzen. Für uns war es wichtig, im ersten Schritt einen Partner zu finden, der uns günstig die Schiffe zur Verfügung stellte. Und da kein einziger westlicher Reeder auf diesem Gebiet Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit russischen Firmen hatte, hatten natürlich alle gewisse Sicherheitsbedenken. So auch unser Gesprächspartner. Der Generaldirektor verstand einfach nicht, warum westliche Geschäftsleute Angst vor Russland oder vor unserer Firma hatten. Er ging davon aus, dass unsere Firma eine sehr solide Angelegenheit ist und man unsere Firma im Westen einfach kennen und akzeptieren musste. Natürlich waren wir solide, natürlich brauchte man keine Angst vor uns zu haben – das wussten wir. Aber im Westen dachte man eben anders. Alles, was sich in Russland befindet, ist eben mit einem gewissen Vorurteil von westlicher Seite belastet und man sollte eventuelle Investoren nicht durch übertriebene Vorstellungen über die Partnerschaft noch weiter verschrecken. Eine Zusammenarbeit muss ruhig und auf lange Sicht gesehen organisiert werden. Sie muss klein anfangen und sich Schritt für Schritt entwickeln. Vertrauen zueinander muss langsam wachsen.

Der Generaldirektor ging aber anders vor. Seine Vorstellungen waren, dass die deutsche Firma uns drei Schiffe stellen sollte. Die Miete drückte er auf ein Minimum, so dass unser deutscher Gesprächspartner schon die Frage stellte, worin denn nun sein Vorteil bestände, da er über die Vermietung der Schiffe an uns im Prinzip nichts mehr  verdiente. Dazu kam für ihn noch der Unsicherheitsfaktor, was mit seinen Schiffen passiert. Er wollte seinen eigenen Kapitän und Techniker einsetzen, die das Schiff im Notfall irgendwie in internationale Gewässer gebracht hätten. Aber diese beiden Leute kosteten so viel Geld, dass uns die Augen tränten. Hier kamen wir also erstmal nicht zusammen.

Wir wechselten das Thema. Es ging um Warenlieferungen für diese Schiffe. Unser Gesprächspartner verfügte über ein Warensortiment und hatte in Polen eine Logistik aufgebaut, da er bereits eine Butterschiffslinie zwischen Deutschland und Polen betrieb. Wir hatten die Logistik und die Beziehungen in Russland. Hier hätte man also zusammenkommen können. Wir hatten aber kein Geld, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt, um Ware zu kaufen und auch hier hatte ich den Generaldirektor gebeten, bescheiden aufzutreten. Aber er ging gleich ins Volle und forderte eine erste Warenlieferung für eine halbe Million Dollar und das noch auf Kreditbasis. Das brachte unseren deutschen Gesprächspartner natürlich völlig durcheinander. Ehrlich gesagt habe ich ihn voll verstanden, konnte dies leider nur nicht zeigen, denn immerhin hatte ich die Interessen meiner Firma zu schützen.

Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, brachte der Generaldirektor auch noch unsere Firma im Süden ins Spiel. Auch hier war es durchaus möglich, eine Fährverbindung zur Türkei und Richtung Abchasien, nach Suchumi, einzurichten. Boris wollte hier sofort ein großes Schiff einsetzen und dieses sollte  mit Ware vollbepackt werden, um die Landtransportkosten zu sparen. Er dachte an eine Warenbestückung von mindestens einer Million Dollar. Dies natürlich auch auf Kreditbasis. Das konnte nicht gut gehen. Ich sah deutlich, wie unser Besuch gute Miene zum bösen Spiel machte. Er versprach, sich alles durch den Kopf gehen zu lassen und verschwand nach Deutschland. Wir hatten noch zwei- oder dreimal Kontakt, aber  die Sache war erledigt.

Der Generaldirektor schwankte auch weiterhin sehr in seinen Ansichten. Plötzlich wollte er Luxusfährschiffe einsetzen für die neureichen Kaliningrader und ein andermal wollte er Billigkutter auf die Reise schicken, um in Masse Billigwodka und Zigaretten zu verkaufen. Die Duty-Free-Welt im Allgemeinen und die Welt der Butterschiffe im Besonderen ist sehr klein und natürlich hatte sich rumgesprochen, dass wir in dieser Frage nicht sehr professionell auftreten. Alle weiteren Anfragen, die wir starteten, verliefen im Sande. Wir wurden nicht mehr ernst genommen und unser Image hatte wohl etwas gelitten. Für mich war dies besonders peinlich, da ich viel Wert auf meinen Ruf in Westeuropa legte. Da wir im April wieder anfingen normal zu arbeiten, trat die Frage der Butterschiffe auch erstmal in den Hintergrund. Aber der Generaldirektor erinnerte mich im Laufe des Jahres noch mehrmals daran, dass wir dieses Projekt nicht aus den Augen verlieren sollten. Dies wird eines unserer Zukunftsprojekte werden – meinte er. Wir unternahmen Anfang des Jahres 2002 nochmals einen schüchternen Versuch, irgendwas mit Butterschiffen auf die Reihe zu bringen, aber es gelang uns nicht.

Andererseits hörten wir auch, dass die Firma, die zwischen Gdansk und  Kaliningrad schon ein Fährschiff laufen hatte, diese Verbindung wegen Unrentabilität eingestellt hatte. Die Zeit für Butterschiffe war also für uns noch nicht gekommen.

Vorerst war Polen noch nicht in der europäischen Gemeinschaft und deshalb war es auch möglich, dass die in Deutschland stillgelegten Butterschiffe jetzt teilweise an der deutsch-polnischen Grenze eingesetzt wurden. Das Geschäft lief dort, nach unseren Informationen, einfach phantastisch. Aber im Jahre 2004 trat Polen der Europäischen Union bei und somit war das Thema Duty-Free und Butterschiffe auch zwischen Polen und Deutschland erledigt. Vielleicht, so dachten wir, gibt es dann eine neue Chance für uns.

 

Datum der Publizierung: 20.Juli 2014

NEUE SCHRITTE IM GROSSHANDEL

Wie schon beschrieben, hatten wir in der Firma aus dem Vorgefallenen Schlussfolgerungen gezogen. Ich war schon immer ein Befürworter dessen gewesen, dass wir die Firma auf mehrere Füße stellen sollten. Nur allein Duty-Free, als Handelsgegenstand für die Firma, war viel zu gefährlich. Deshalb dachte ich über die Entwicklung des Domestik-Marktes nach. Allerdings nicht mit unserem Luxusshop. Er entsprach mit seinem Sortiment überhaupt nicht meinen Vorstellungen. Ich meinte und meine auch heute noch, dass wir uns mit diesem Shop und diesem Sortiment verzettelten. Aber er war nun mal da und ich kümmerte mich wenig darum. Nun hatten wir noch unseren Großhandel. In der Vergangenheit hatten wir viel experimentiert und sind im Großhandel nie auf einen grünen Zweig gekommen. Hier lag es einfach daran, dass wir nicht das richtige Personal hatten und wohl auch nicht das richtige Konzept.  Nun wechselten wir zum wiederholten Male die Mitarbeiter und stellten einen neuen Leiter ein. Es war wieder ein Bekannter eines unserer Gesellschafter und wie sich bald herausstellte, auch nicht in der Lage, die Interessen der Filiale wahrzunehmen. Er versuchte mich mehrere Male zu überzeugen, dass wir in dieser Filiale mit Kartoffeln, Rüben und Zucker handeln müssten. Er verstand einfach die Politik der Firma nicht.

Ich bat den Generaldirektor die Filiale zeitweilig direkt führen zu dürfen. Im Verlaufe von sechs Monaten wollte ich die Tätigkeit und die Ergebnisse der Filiale komplett analysieren und dann meine Vorschläge unterbreiten. Es sollte sich jetzt von den Gesellschaftern niemand mehr einmischen, weder in die Sortiments-, noch in die Verkaufs- und Personalpolitik. Ich wollte die Filiale völlig alleine führen. Er erklärte sich damit einverstanden. So machte ich mich auf nach Deutschland und suchte ein Sortiment an Genussmitteln zusammen. Das begann im April bei uns einzulaufen.

In einem weiteren Schritt wurden der Personalbestand und die Personalkosten optimiert.  Der nächste Schritt war die Einstellung der Geschäftsbeziehungen zu ungefähr 90 Prozent aller bisherigen Kunden. Diese 90 Prozent brachten insgesamt nur zehn Prozent Umsatz, aber 99 Prozent aller Probleme. Die Ware wurde nicht bezahlt, die Schulden wuchsen und so war die Trennung von diesen Kunden nur logisch und dringend nötig.

Leider bemerkte ich aber auch, dass wir die neuen Waren nicht verkauften. Mir standen die Haare zu Berge. Ich hatte für ungefähr hunderttausend Dollar Genussmittel mit einem begrenzten Haltbarkeitsdatum eingekauft und es bestand die Gefahr, dass die Ware verdirbt. Mehrere Gespräche mit den verbliebenen Mitarbeitern nutzten nichts. Wir hatten einfach nicht das richtige Personal. Diese Leute hatten keine Einstellung weder zur Ware noch zur Politik der Firma. Zudem waren unsere Verkaufsagenten nur schwer zu kontrollieren, da sie den ganzen Tag unterwegs waren. So bemerkten wir erst spät, dass die meisten dieser Agenten noch für eine Reihe anderer Firmen arbeitete und unter der Quantität leidet sehr häufig eben die Qualität. Ich sprach mit dem Generaldirektor darüber und teilte ihm meine Besorgnisse mit. Wir entschlossen uns, die Politik der Großhandelsfiliale nochmals zu ändern. Die Genussmittel wurden alle umgelagert in die Duty-Free-Shops, andere Restbestände an Altware wollten wir im Ausverkauf loswerden und dann wollten wir uns auf exklusive Getränke konzentrieren. Dies war unsere starke Seite und die sollten wir auch im Domestik entwickeln. Alle waren der Ansicht, dass dies ein Selbstläufer werden würde. Daraus zog ich die Schlussfolgerung, dass wir an sich überhaupt kein Personal in dieser Filiale mehr brauchten. So entließen wir außer dem Filialleiter und der Lagerleiterin alle verbliebenen Mitarbeiter. Und siehe da, die Filiale begann mit Gewinn zu arbeiten.

Es blieb noch das Sortiment französischer Mineralwasser und Kaffee bestehen und auch dieses Sortiment verkaufte sich von selbst. Es fielen nur noch minimale Personalkosten an und wir waren somit einen Schritt vorwärts. Ich fuhr nochmals nach Deutschland zu einigen Ausstellungen und dort fand ich wieder eine Zukunft für uns.

 

Datum der Publizierung: 27.Juli 2014

FRANZÖSISCHER COGNAC – EINE WEITERE PERSPEKTIVE

 

Ich entdeckte den französischen Cognac für uns. Natürlich hatte ich schon ein wenig Ahnung von französischem Cognac. Aber meine Ahnung beschränkte sich nur auf die bekannten Marken. Cognac ist viel mehr als nur Hennessy, Remy Martin und Martell. Literatur kaufen, Selbststudium, Gespräche – so machte ich mich zusätzlich schlau zu diesem Thema.  

Auf einer internationalen Ausstellung fand ich eine unbekannte Cognacfirma, die bisher nur im Großhandel tätig war. Der Umsatz mit Cognac war weltweit rückläufig und die Firma wollte über den Einstieg in den Einzelhandel und die Entwicklung einer Eigenmarke den Umsatzrückgang im Großhandel kompensieren. Eine Marke hatten sie bereits entwickelt und suchten weltweit Partner für die Zusammenarbeit. Man konnte förmlich das zu verdienende Geld riechen. Es kribbelte in allen Fingern und ich musste mich bei den Gesprächen zurückhalten, um meine Begeisterung für dieses neue Projekt nicht zu sehr zu zeigen.

Außer dieser Firma besuchte ich noch drei weitere Firmen, sicherte alle notwendigen Informationen und flog zurück nach Kaliningrad.

Ausführlich berichtete ich den russischen Gesellschaftern über die Ergebnisse meiner Reise und über meine Vorstellungen zur weiteren Entwicklung der Firma. Wir sollten uns so schnell wie möglich die Exklusivrechte von möglichst vielen Cognacfirmen für Kaliningrad, für den Süden Russlands und wenn möglich überhaupt für Russland sichern. Dazu sollten  wir noch Whisky, Wein und Champagner in das Sortiment aufnehmen.

Wir wollten im Großhandel arbeiten, Restaurants und Bars versorgen und ein eigenes Filialnetz sowohl in Kaliningrad, wie auch im Süden Russlands aufbauen. Die russischen Gesellschafter ließen sich überzeugen und wir planten für den Monat Mai eine Reise in die Provinz Cognac, um direkt vor Ort mit möglichst vielen Lieferanten und Herstellern zu sprechen und Nägel mit Köpfen zu machen.

Die Reise war ein voller Erfolg. Mit der bereits erwähnten Firma vereinbarten wir ein ganzes Paket von Maßnahmen zur Entwicklung der Zusammenarbeit. Beide Seiten waren sehr vorsichtig. Wir wollten uns nicht gegenseitig zu viel versprechen. Vermutlich hatte auch der Generaldirektor aus der Butterschiffangelegenheit einige Schlussfolgerungen gezogen. So schieden wir im besten Einvernehmen und stellten uns für das laufende Jahr keine allzu hohen Ziele.

Den Aufenthalt nutzten wir um noch mit einer Reihe weiterer Cognacfirmen Verträge abzuschließen.

Durch einen Fehler meinerseits kamen wir sogar noch zu einem Weinlieferanten. Während der Reiseplanung dachte ich, dass eine Firma sich mit Cognac beschäftigt, wusste aber nicht, dass die Firma sich geteilt hatte. Ein Teil verkaufte weiterhin Cognac und ich hatte einen Termin mit dem Teil der Firma vereinbart, die französische Weine verkaufte. Zuerst waren wir gar nicht begeistert von diesem unglücklichen Termin. Aber als wir in Kaliningrad zurück waren, beschlossen wir eine Probebestellung zu machen. Wir wussten damals noch nicht, dass gerade das Weinsortiment uns einen sehr großen Umsatzschub sicherstellte. Es begann eine hervorragende Zusammenarbeit mit dieser Zufallsbekanntschaft.

Nach unserer Rückkehr gingen wir sofort an die Umsetzung der vereinbarten Dinge. Wir suchten ein Ladenlokal. Die russischen Gesellschafter entsprachen meiner Bitte, in die Instandsetzung des Ladens nicht viel zu investieren. Es sollte alles in Eigeninitiative geschaffen werden und die Investitionssumme sollte unter 10.000 Dollar liegen. Mit meinem Wohnungsnachbarn entwarfen wir ein Projekt für den Kellershop, den wir auf dem Prospekt Mira, der ehemaligen Hufenallee, gegenüber dem Stadion gefunden hatten und bauten diesen mit gebrauchten Altmaterial innerhalb von drei Monaten zu einem der schönsten Ladenlokale von Kaliningrad aus. Wir schafften es, die Kosten sogar um dreitausend Dollar zu senken.

Ab Oktober lief die erste Ware ein. Wir brauchten deshalb so lange, weil der Import auf dem Domestikmarkt anderen gesetzlichen Regelungen unterlag. So mussten unter anderem Akzisemarken, also Steuermarken gekauft werden. Diese konnte man nur in Moskau bestellen und bis zum Erhalt muss man ungefähr zwei Monate warten, falls man keine Beziehungen hat. Dazu war im weiteren eine gesonderte Alkohollizenz notwendig und viele andere Dinge mussten noch beachtet werden. Wir hatten keine Erfahrung und mussten uns langsam vortasten. Aber wir schafften es.

Am fünfundzwanzigsten Dezember eröffneten wir unseren Laden. Gut, es war noch nicht viel Ware da und es sah alles noch ein wenig leer aus. Und trotzdem machten wir in den letzten fünf Tagen des Jahres noch einen sehr guten Umsatz – immerhin war es die Hauptumsatzzeit des Jahres.

Mich erreichte diese Nachricht in Deutschland, während meines üblichen Urlaubs zum Jahresende. Ich war unendlich stolz. Zum Jahresanfang sah es so aus, als ob wir unsere Firmen schließen müssten und nun hatten wir nicht nur unsere Lage stabilisiert, sondern hatten ein neues, riesiges, interessantes Betätigungsfeld gefunden was dazu noch meinen ganz persönlichen Neigungen entsprach. Aber wie schon erwähnt wollten wir uns nicht nur mit Cognac und Wein beschäftigen sondern auch mit Whisky. So machten wir uns ab September, als wir sahen, dass unsere Pläne reale Gestalt annahmen, auch auf die Suche nach Whiskylieferanten.

 

Datum der Publizierung: 03.August 2014

NEUE WHISKYLIEFERANTEN

Wir mussten allerdings feststellen, dass, genau wie beim Cognac, alle bekannten Marken bereits ihre Exklusivrechte an andere Firmen in Moskau vergeben hatten. Moskau war eben schneller und dort saßen die Leute mit viel Geld, die es sich auch leisten konnten, sich sehr rechtzeitig Markenrechte zu sichern, obwohl für den Kauf dieser Ware bei den Leuten noch gar kein Geld vorhanden war.  So mussten wir uns also mit weniger bekannten Herstellern begnügen und somit unsere Nische füllen. Und es gelang uns.

Wir fanden in Schottland eine interessante Firma. Gut, der Kenner dieser Firma würde sofort sagen, dass die Firma auch einen guten Namen hatte, aber eben nicht so wie andere Marken.

Der Generaldirektor und ich entschieden uns, nach Schottland zu fahren. Es war nicht unbedingt die beste Jahreszeit, aber die kann man sich im Geschäftsleben recht selten aussuchen. Wir fuhren zuerst mit dem Auto nach Warschau, da es seit Oktober bekanntlich keine Flugverbindung von Kaliningrad nach Westeuropa mehr gab. Von dort ging es nach London mit dem Flieger. Hier hatten wir bis zur Abfahrt des Zuges nach Schottland noch ein wenig Zeit und der Generaldirektor nutzte diese, um sich mit seiner Tochter zu treffen, die in London studierte. Wir hatten noch Kolja mitgenommen. Kolja arbeitete seit kurzem in meinem Bereich. Ein junger, sehr gewissenhafter Mann, der es blendend verstand mit dem Generaldirektor umzugehen. Während alle anderen Mitarbeiter immer irgendwelche Hemmungen hatten, wenn sie mit ihm sprachen, war Kolja völlig ungezwungen, immer lustig – einfach ein Typ, der ständig gute Laune verbreitete. Wir benötigten ihn als Dolmetscher. In seiner Kindheit war er viele Jahre in Kanada gewesen, weil seine Großeltern dort als Diplomaten eingesetzt waren. Daher sprach er perfekt Englisch.

Wir gingen also zu viert in ein japanisches Restaurant und ließen es uns schmecken, während der Generaldirektor die Anwesenheit seiner Tochter genoss. Sie war eben sein ein und alles.

Spät am Abend fuhren wir zum Bahnhof und machten es uns in unseren Abteilen gemütlich. Jeder hatte ein eigenes Abteil mit Bett und Waschgelegenheit.  Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung und bei den leisen rhythmischen  Bewegungen fiel ich schnell in den Schlaf der Gerechten. Mitten in der Nacht wachte ich auf und war doch sehr erstaunt, wie gut das Schienennetz in Schottland ausgebaut war. Man hörte keinen Schienenstoß, der Zug lief absolut ruhig. Wenn ich da an unsere Züge in Russland denke! Aber irgendwie machte mich dieses superruhige Fahren doch misstrauisch und plötzlich merkte ich, dass ich dieses Kompliment den schottischen Bahnen zu früh gemacht hatte, denn der Zug fuhr nicht, sondern er stand. Mitten auf der Strecke lag ein umgestürzter Baum und bis zur Räumung und Weiterfahrt brauchte man über drei Stunden. Dadurch kam unser ganzer Zeitplan durcheinander, denn wir wollten insgesamt nur einen Tag bleiben. Das schien uns auch ausreichend, aber durch die Verspätung wurde es nun wirklich sehr knapp, um ordentliche Gespräche zu führen.

Wir hofften, dort in Schottland ebenso einen Partner zu finden, wie wir ihn in Frankreich gefunden hatten. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht ganz. Aber immerhin war die Firma zur Zusammenarbeit bereit. Wir vereinbarten nach der Besichtigung der Firma und einer Warenverkostung und einer überhaupt hervorragenden Betreuung ein Sortiment und die allgemeinen Bedingungen der Zusammenarbeit.

Noch im Dezember lösten wir die Bestellung über einen Container aus. Wir sahen deutlich, wie sich nun unsere neue Perspektive abzeichnete. Wir mussten nur klug und vorsichtig vorgehen.

Von unseren Reisen profitierte natürlich auch unsere Firma im Süden Russland. Auch dorthin wurde Warensortiment geschickt und auch dort entwickelten sich die Umsätze hervorragend.

 

Datum der Publizierung: 10.August.2014

FREUNDE UND LIEFERANTEN

In Kaliningrad liefen die Geschäfte normal weiter. Wir arbeiteten immer noch an der Vervollständigung der neuen Struktur. In Goldap begannen wir Mitte des Jahres mit dem Neubau eines großen neuen Lagers. In Tschernoshewskoje, unserem ewigen Provisorium, bauten wir nun auch ein neues Lager und für Sowjetsk begannen wir überhaupt einen neuen Shop zu planen.

Neben den innerbetrieblichen Schlussfolgerungen, die wir aus dem Vorgefallenen gezogen hatten, fingen wir auch an die Verhaltensweisen unserer Lieferanten zu analysieren. Doch, wir gingen schon systematisch und gründlich vor. Wir konnten zwar nicht alle Probleme entscheiden, aber wir bemühten uns.

Wenn die Firmen Umsätze mit uns machten, dann waren wir die Besten, die Schönsten, die Größten. Aber wenn es uns nicht so gut geht, dann gab es doch schon einige Unterschiede bei den Lieferanten.

Unser größter Lieferant im Nicht-Marken-Bereich, die Firma Krohnen & Sohn, zeigte sich von der allerbesten Seite. Wir hatten einen ziemlich hohen Warenkredit bei ihr. Da die Firma Krohnen & Sohn ein Ein-Mann-Betrieb war, war sie dringend auf die Zahlungsmoral der Kunden angewiesen. Ich setzte mich mit dem Inhaber zusammen und wir legten fest, wie es weitergehen sollte. Wir fanden Möglichkeiten, unsere Schulden bei ihm noch vor Wiedererlangung der Duty-Free-Lizenzen für unseren Handel zu begleichen. Er drängelte nicht, bewahrte Ruhe und in dieser Ruhe klärten wir die Probleme Schritt für Schritt. Er hatte auch jede Menge Ware vorproduzieren lassen und saß somit auf einem Riesenberg von Ware, welcher auch Geld kostete. Auch dieses Problem lösten wir schnell nach der Wiedereröffnung. Kurz und gut, die Zusammenarbeit lief in guten und auch in schlechten Zeiten und das wollten wir auch in unserer zukünftigen Gestaltung der Zusammenarbeit berücksichtigen.

Auch mit der Firma Alster-Tobacco gestaltete sich die Zusammenarbeit weiterhin gut. Sie hielten zu uns und beteiligten sich nicht an der Verbreitung von irgendwelchen unsinnigen Gerüchten über uns. Demzufolge war auch hier klar, dass wir zukünftig alles unternehmen würden, um dieser loyalen Firma die besten Chancen bei uns einzuräumen.

Für eine sehr bekannte Tabakfirma wurden wir sofort uninteressant, nachdem wir keine Bestellungen mehr auslösten. Wir waren der größte Abnehmer für diese Firma im Duty-Free-Bereich – aber eben nur so lange, wie wir bestellten. Man ließ uns fallen wie eine heißte Kartoffel. Das merkten wir uns. Als wir dann die Verkaufstätigkeit wieder aufnahmen, berücksichtigten wir natürlich unsere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit diesem Lieferanten. Bis zur Firmenkrise hatte die Tabakfirma einen Umsatzanteil von 50 Prozent im Tabakbereich bei uns.  Dieser Anteil fiel nun auf sechs Prozent. Tja, kleine Sünden bestraft Gott sogleich, die großen Sünden nach neun Monaten.

Ein wesentlich schlimmeres Thema war die Zusammenarbeit mit einer anderen Tabakfirma. Diese Firma wurde von uns komplett ausgelistet. In schwierigen Zeiten hatte man versucht, uns zu erpressen. Innerhalb dieser Firma gab es eine nicht ganz klare Struktur, welche sich mit dem Export von Zigaretten nach Kaliningrad für den Domestikbereich beschäftigte. Diese Zigaretten wurden irgendwie auf den Markt gebracht und machten uns das Leben sehr schwer. Aber auch wir waren für diese Firma ein Störfaktor. Und schon fingen diese Leute an, über ihre Kontakte bei der Zigarettenfirma Einfluss zu nehmen.  Über dritte Personen, welche wiederum Kontakte zu uns hatten, wollte man uns Weisungen geben, die Zigarettenpreise in unseren Shops zu erhöhen, damit bei uns der Umsatz zumindest stagniert und die Zigaretten somit auf dem Domestikmarkt besser verkauft würden. Wir waren empört. Erstens interessierte uns der Domestikmarkt  überhaupt nicht und zweitens wollten wir keinerlei Absprachen mit irgendwelchen Mafiaorganisationen in Kaliningrad treffen. Warum sollten wir zugunsten der Kaliningrader Tabak-Mafia auf Umsätze verzichten?

Es fanden an den unterschiedlichsten Orten sehr emotionale Gespräche statt. Man versuchte uns direkt und über Dritte zu bedrohen. Wir wollten uns weder bedrohen lassen noch wollten wir uns mit ungesetzlichen Dingen beschäftigen. Außerdem hatten wir keine Zeit für derartige unappetitliche Dinge und beschlossen ganz einfach diese Firma auszulisten – also rauszuschmeißen. Den Umsatzanteil kompensierten wir ganz leicht mit anderen Zigarettenlieferanten.

Ungefähr ein Jahr später begann  dieser Zigarettenlieferant wieder Kontakte zu uns zu suchen. Man teilte uns mit, dass es einige Struktur- und Personalveränderungen gegeben habe und die  Entscheidung getroffen wurde, keinerlei Zigaretten mehr nach Kaliningrad auf den Domestikmarkt zu liefern. Das waren für uns interessante Entwicklungen und als es im Jahre 2002 zu einem völligen Wechsel der Verantwortlichen bei dieser Firma kam, wurden im Ergebnis von sehr kooperativen Gesprächen im Mai 2002 die Bestellungen wieder aufgenommen.

Dann gab es noch eine Firma, welche sich sehr merkwürdig verhielt. Die Firma, ein Hersteller und Lieferant von sehr bekannten Alkoholika, wollte uns urplötzlich keine Ware mehr liefern. Als Begründung wurde angegeben, dass wir uns mit dem illegalen Handel von Duty-Free-Ware im Domestikbereich von Kaliningrad beschäftigen. Sie hatten diese Information von der Firma erhalten, die in Kaliningrad ihr Vertreter auf dem Domestikmarkt war und für diese Firma war unsere Firma natürlich ein Dorn im Auge, denn es gab doch gewisse Umsatzeinbußen für sie durch unsere Existenz. Ich nutzte eine Geschäftsbesprechung in St. Petersburg, um mit dem russischen Vertreter dieser Firma zu sprechen. Schon vorher hatten andere Mitarbeiter unserer Firma versucht, die Lage zu klären, was ihnen aber durch die unzugängliche Art des russischen Vertreters nicht gelungen war. Ich sagte dem Vertreter der Firma  gleich zu Anfang des Gespräches, dass ich mit ihm nicht mehr diskutieren will. Ich will nur hören, ob die Firma die Warenlieferungen wieder aufnimmt oder nicht. Ich setze ihn in Kenntnis, dass die ihm vorliegenden Informationen über uns nicht der Wahrheit entsprechen. Er gab mir ausweichende Antworten, die mich absolut nicht befriedigten. Somit teilte ich ihm kurzerhand mit, dass seine Firma ausgelistet ist und verabschiedete mich.

Der Vertreter der Firma kam einige Wochen später nach Kaliningrad. Ich nahm notgedrungen an dem Gespräch teil, welches er mit dem Generaldirektor führte. Wassiljew war für mich Luft. Er hatte mich als Mitarbeiter von Maxim beleidigt und ich reagierte sehr kühl auf einige Fragen, die er stellte. Auch der Generaldirektor war sehr reserviert und teilte ihm mit, dass er an der von mir getroffenen Entscheidung über die Auslistung der Firma nichts ändern möchte. Der Vertreter verstieg sich dann noch zu der Frage, wie wir denn ohne seine Ware auskommen wollen. Das war natürlich einfach lächerlich. Wir teilten ihm mit, dass es für jede Ware ein Ersatzprodukt gibt und wir bereits einen Großteil seiner Artikel durch andere Artikel von Konkurrenzfirmen ersetzt hätten. Ihm blieb nichts weiter übrig, als unverrichteter Dinge abzuziehen.

Im August des Jahres 2002 erhielten wir die Information, dass dieser Vertreter von seiner Firma entlassen worden war. Das war dann endlich mal eine erfreuliche Nachricht im Zusammenhang mit dieser Firma. Gut, wir hatten natürlich auch nicht ganz untätig in Kaliningrad gesessen, denn es kann nicht sein, dass ein einzelner Mitarbeiter einer so großen Firma mit uns machen kann was er will. Ungefähr einen Monat später wurden die gegenseitigen Geschäftsbeziehungen wieder aufgenommen. 

Natürlich gab es noch eine ganze Reihe von weiteren Firmen, mit denen wir unser weiteres Verhältnis klärten. Unser Lieferantenverzeichnis hatte damals schon einen Bestand von über 70 Firmen. Wir schafften es mit sehr vielen unserer Lieferanten ein partnerschaftliches Verhältnis, beruhend auf Vertrauen und gegenseitiger Achtung aufzubauen. Sicherlich ist dies eines der Erfolgsgrundlagen sowohl unserer Firma wie auch der Firmen, die uns belieferten.

 

Datum der Publizierung: 17. August 2014

ÜBERLEGUNGEN FÜR DEN SÜDEN

 

Das Jahr war  so gut wie zu Ende und wir konnten auch für die Jug-Company, trotz der Probleme am Jahresanfang einen guten Abschluss konstatieren. Was mich nicht zufrieden stellte, waren die relativ geringen Umsätze im Tabakbereich. Deshalb planten wir gemeinsam mit unserem Hauptpartner im Tabakbereich eine Reise zum Ende des Jahres nach Sotchi.

Der Flug war etwas komplizierter – es gab keinen Direktflug. Also ging es über Moskau. Ich flog jedes Jahr zweimal zur Jug-Company und hatte immer ein etwas mulmiges Gefühl, wenn ich mich in die alten Schrottkisten der Kaliningrader Fluggesellschaft setzte. Jedes ungewöhnliche Geräusch brachte mir eine erhöhte Herzfrequenz und so richtig entspannen konnte man sich nicht. Die Sitze gaben keine Beinfreiheit, sie sind zerschlissen und von Bordservice sprechen wir gar nicht. Zu Anfang, als Kaliningrad-Air-Company noch nicht bankrott war und nur unter Zwangsverwaltung gestellt wurde, war die Bordversorgung noch sehr üppig. Es wurde vorab ein Glas Mineralwasser angeboten und wenig später ein üppiges Essen, bestehend aus einem trockenen Brötchen, fünf Scheiben sehr fettiger eingeschweißter Salami, die man nur mit äußerster Gewalt aus der Verpackung herausreißen konnte, einem Stück Schmelzkäse, der auch bestens als Fensterkitt geeignet war und einer Waffel. Dazu gab es als krönenden Abschluss einen Tee oder Kaffee, selbstverständlich mit Zucker. Milch oder Kaffeesahne war nicht vorgesehen. Dann erfolgte der Bankrott dieser Fluglinie und bei gleichbleibendem Flugpreis wurde das Essen reduziert. Es gab nur noch Mineralwasser und Kaffee oder Tee. Da sich die wirtschaftliche Lage nicht besserte, wurde noch mal auf das Essen Einfluss genommen. Es wurde noch ein Glas Mineralwasser angeboten und das wurde in der letzten Etappe des Niedergangs der Fluggesellschaft dann auch noch abgeschafft.

So saßen wir also im Flieger nach Moskau und ließen uns verwöhnen. Wir nutzten die Zeit im Flieger effektiv, um ein wenig zu arbeiten Wir kamen pünktlich in Moskau an, obwohl es Dezember war und die Witterungsbedingungen immer Schlimmes hoffen ließen. Klaus erwartete uns in Scheremetjewo mit einer Hiobsbotschaft. Der Flieger, der uns nach Sotchi bringen sollte, kam von irgendwoher und hatte 14 Stunden Verspätung. Wir waren sauer, weil dadurch natürlich unser ganzer Zeitplan durcheinanderkam. Klaus lud uns zu sich nach Hause ein, damit wir unser Gepäck abstellen konnten. Anschließend fuhren wir in die Stadt zum Mittagessen und um uns ein wenig Moskau anzusehen. Mein russischer Mitarbeiter war noch nie in Moskau gewesen und sah seine Hauptstadt zum ersten Mal. Übrigens recht typisch für Kaliningrader, die sich in Westeuropa besser auskennen als im russischen Mutterland. Reisen nach Westeuropa sind billiger und einfacher zu organisieren als Reisen in das Große Russland. Ich kannte Moskau, insbesondere die Innenstadt, schon ein wenig und so ließ ich mich von den riesigen Einkaufszentren am Stadtrand beeindrucken. Um zweiundzwanzig Uhr gingen wir in ein Restaurant um Abendbrot zu essen. Regelmäßig telefonierten wir zum Airport, um uns nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Endlich sagte man uns, dass der Start für drei Uhr nachts vorgesehen war. Mit einem klapprigen Lada, welcher sich als Taxi ausgab, fuhren wir für läppische 50 Dollar zum Airport. Der Flug verschob sich nochmals, weil in Moskau Schneetreiben eingesetzt hatte. Schließlich stapften wir über das verschneite Vorfeld zum Flugzeug und hangelten uns die Treppe hoch. Dort bekam Klaus erstmal von der Stewardess einen Anranzer, weil er sich die Schuhe nicht richtig abgetreten hatte und den ganzen Schnee in das Flugzeug reinschleppt. Sie hätte noch mehr zu tun, als sich um den Dreck zu kümmern, den die Passagiere reinschleppten. Wir waren sprachlos. Anstatt sich für die Verspätung zu entschuldigen und uns alle möglichen Annehmlichkeiten für den Weiterflug zu bereiten, bekamen wir noch einen Anschiss. Alle, die den Anraunzer der Stewardess mitbekommen hatten, fingen natürlich sofort an die Schuhe zu säubern und die Stewardess zeigte ihr Wohlwollen dabei.

Natürlich waren alle Passagiere todmüde und hatten nur einen Wunsch: schlafen. Das war aber im Arbeitsplan der Stewardess nicht vorgesehen. Sie weckte die Passagiere – einen nach dem Anderen und fragte, ob sie nicht etwas essen möchten. Ob man wollte oder nicht, man bekam es hingeknallt und fertig. Irgendwann, nach ungefähr drei Stunden Flugzeit, kamen wir in Sotchi an und wurden vom dortigen Vertreter unserer Firma in Empfang genommen.  Wir vertrödelten nicht viel Zeit. Schon um sieben Uhr saßen wir am Frühstückstisch und begannen die verlorene Zeit wieder herauszuarbeiten.

Gemeinsam mit unserem Zigarettenlieferanten überlegten wir uns einiges, um den Umsatz im kommenden Jahr nicht nur im Tabakbereich anzuheben. Wir meinten, dass eine Verdoppelung des Gesamtumsatzes durchaus real wäre. Wir erarbeiteten einen Businessplan für die Umsetzung unserer Gedanken. Der Plan war an sich real. Das schwächste Element waren eben nur unsere Mitarbeiter, die den Plan verstehen und umsetzen mussten. Wir machten alles schriftlich und ließen uns unsere Pläne von allen Aktionären unterschreiben und in persönlichen Gesprächen sowohl mit dem dortigen Generaldirektor, wie auch mit den anderen Aktionären bat ich, uns einfach nur zu vertrauen. Im kommenden Jahr bedurfte es zwar noch einige Male mahnender Worte gegenüber den Aktionären, aber letztendlich sahen alle, wie die Firma mit großen Schritten vorwärts kam.

 

Datum der Publizierung: 24. August 2014

GEDANKEN ZUR UNABHÄNGIGKEIT

Nach dem nun in unseren Firmen alles wieder anfing in normalen Bahnen zu verlaufen, wurde es langsam Zeit, dass ich mich auch um meine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Die Vorfälle der letzten Zeit zeigten mir, wie anfällig und wie abhängig ich war, wenn in den Firmen, in denen ich arbeitete, irgendetwas nicht so lief, wie es eigentlich sollte. Und es war immer mehr zu erkennen, dass durch Einflussnahme Dritter meine eigene Zukunft in Russland ziemlich schnell beendet werden könnte. Es wurde also langsam Zeit, sich Gedanken um eine wirkliche Unabhängigkeit zu machen. Unternehmensberatung hatte ich mir 1995 auf die Fahne geschrieben, als ich nach Russland ging.  Und einiges hatte ich auch in den letzten Jahren erreicht. Aber all dies war nichts Grundsolides. Alle diese Quellen konnten versiegen, da ich nur als Vermittler oder Kreditgeber oder stiller Teilhaber tätig war – also letztendlich doch nicht unabhängig war. Deshalb musste in meinem privaten Bereich zum einen Ordnung geschaffen werden und zum anderen eine wirkliche solide und beständige Einnahmequelle gesucht werden, die ich alleine bewirtschaften konnte. Und so begann ich denn an neuen Dingen zu arbeiten und bei unbefriedigenden Geschäften Ordnung zu schaffen.

Schon seit längerer Zeit ärgerte ich mich über die Verhaltensweise und Zahlungsmoral meines Partners in der Firma Office-Express. An sich waren monatliche Gewinnausschüttungen vereinbart. Zu Anfang lief auch alles gut, aber dann wurde mein Partner sehr nachlässig und ich musste meinem Geld hinterherlaufen. Dies gefiel mir nicht und ich beschloss, hier Ordnung reinzubringen. Ich kündigte ihm meine Mitarbeit auf und forderte mein Geld zurück. Er willigte ein, wir erarbeiteten einen Rückzahlplan und ich wartete wiederum jeden Monat auf mein Geld. Schade, dass mich mein Geschäftspartner zwang, doch noch mehrere klärende Gespräche mit ihm zu führen – aber er hatte irgendwann verstanden, dass es besser ist, seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und die Geschäftsbeziehung ohne Schulden zu beenden.

Mit einem anderen Geschäftspartner begann ich andere Geschäftsfelder zu erschließen. Damals begann der Boom mit Mobiltelefonen in Kaliningrad und ich stieg als Kreditgeber in eine kleine Firma ein. Wenige Monate später stieg ich wieder aus – es war nicht das, was ich unter unabhängiger Perspektive verstand.

Dann gründete ich mit einem Partner eine Firma zum Verkauf von russischen Automodellen. Ich selber bin seit meiner Kindheit Sammler von englischen Automodellen und sah eine Nachfrage nach den wirklich guten und interessanten russischen Automodellen in Deutschland. Es lief auch alles recht gut an. Wir erhielten sogar von den Herstellerfirmen Lieferrechte nach Deutschland. Aber letztendlich ist der Bedarf doch sehr begrenzt gewesen. Wir hatten Glück, dass unsere Abnehmer in Deutschland unsere Lagerbestände aufkauften. Danach liquidierten wir die Firma wieder.

Dann tauchte der Gedanke auf, elektrische Eisenbahnen aus Deutschland nach Russland zu importieren. Ein Markt, der auch bis heute noch völlig unerschlossen ist. Aber auch hier kam ich über die Planungsphase nicht hinaus. Viel Arbeit mit den Lieferanten in Deutschland. Ich war ein wenig klüger auf diesem Gebiet. Aber Geld konnte nicht verdient werden.

Und dann kam ein Gedanke, der nun wirklich den Durchbruch brachte – ich wusste es damals nur noch nicht. Warum sich nicht mit Immobilien beschäftigen? Ich hatte keine Ahnung von Immobilien, von der Immobilienwirtschaft – also die „denkbar besten“ Voraussetzungen, um sich dieser Tätigkeit zu widmen. Zwar hatte ich ein Haus in Kaliningrad bauen lassen, in das wir im Mai 1999 umgezogen waren, aber als „Erfahrung“ um in die Immobilienwirtschaft einzusteigen – nein, das konnte man so nicht bezeichnen.

Foto: Erster Hausbau in Kaliningrad, Lugowaja-Straße in den Jahren 1998/1999

 

Datum der Publizierung: 31. August 2014

 

IMMOBILIEN

In Kaliningrad wurde seit einiger Zeit intensiver gebaut aus jemals zuvor. Der staatliche Wohnungsbau fand aus Geldmangel defacto nicht statt, der private Wohnungsbau begann sich zu entwickeln. In den Jahren 1996 bis 1999 verringerte sich in Russland die gebaute von 233 auf 220 Quadratmeter je tausend Menschen. Im Gebiet Kaliningrad war dieser Rückgang noch drastischer. Hier verringerten sich die durch den Staat gebauten Quadratmeter von 218 auf 113. Es taten sich also für private Baufirmen ungeahnte Möglichkeiten auf. Mitte des Jahres 2002 sprach man sogar von einem regelrechten Bauboom in Kaliningrad. Während im Jahre 2001 alleine in der Stadt Kaliningrad 180.000 Quadratmeter neuer Wohnfläche geschaffen wurde, war diese Zahl im Jahre 2002 schon bis Juni erreicht, also eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Der einheitliche sozialistische Baustil war bei diesen Neubauten verschwunden und auch der individuelle Wohnungsbau schritt rasch voran.

Bei einem meiner vielen, ausgedehnten Spaziergänge stieß ich auf ein altes Militärobjekt. Es befand sich in der uliza Kolchosnaja, der ehemaligen Großkomturstraße. Zu deutschen Zeiten diente es als Heeresbekleidungsamt. In sowjetischen Zeiten befand sich in diesem Komplex irgendein militärischer Truppenteil. Ab ungefähr 1998, als in Kaliningrad die allgemeine Entmilitarisierung im verstärkten Umfang begann, stand das Objekt leer und eine Baufirma mit sehr energischen jungen Leuten sanierte das ganze Objekt und baute es zu attraktiven Wohnungen um. Ich war sofort begeistert, obwohl die Rekonstruktion noch in vollem Gange und von dem letztendlich zu erreichenden Ergebnis noch recht wenig zu sehen war. Aber die Lage des Objektes gefiel mir und die Gestaltung des ganzen Gebietes war wirklich nicht schlecht.

 

Foto: Karte Kaliningrad mit zukünftigem Interessensgebiet

 

Schnell fand ich mit der Baufirma eine gemeinsame Sprache und kaufte eine Wohnung. Sie war für Kaliningrader Verhältnisse preiswert und so ignorierte ich, dass sie mit 140 Quadratmetern Fläche vielleicht doch für meine vorgesehenen Ziele etwas zu groß war. Im Verlaufe von drei Monaten wurde die Wohnung auf den notwendigen Standard endausgebaut und mit Möbeln ausgestattet.

 

Foto: ul. Kolchosnaja, ehemals Großkomturstraße und Heeresbekleidungsamt

 

Erläuternd muss vielleicht noch hinzugefügt werden, dass es in Kaliningrad üblich ist, die Wohnungen nicht schlüsselfertig zu übergeben, sondern im Zustand des Rohbaus. Das bedeutet, dass keine Türen eingesetzt waren, kein Fußboden ausgelegt ist, keine Sanitärtechnik eingebaut wurde. Es gab nur die nackten Wände, eingebaute Fenster, die Heizung und der Heizboiler waren installiert und die Elektrik verlegt. Somit wurden die Startkosten für eine Wohnung niedrig gehalten und der Käufer hatte die Möglichkeit, nach seinem Geschmack und seinem Geldbeutel die Wohnung in den gewünschten Endzustand zu bringen. Zuerst verstand ich das ganze System nicht und fand es unmöglich, Immobilien in dieser Art und Weise zu verkaufen. Aber jetzt empfinde ich das als sinnvoll. Ich erfüllte mir mit diesem ersten Schritt meinen Traum vom Einstieg in eine zweite Selbständigkeit oder Unabhängigkeit.

Der in Kaliningrad einsetzende Bauboom wurde von Monat zu Monat sichtbarer. Und auch die Nachfrage stieg in einem Umfang, dass die Baufirmen diesen nicht befriedigen konnten. Das Ergebnis war natürlich ein Ansteigen der Preise. Noch im Jahre 2000 konnte man in Kaliningrad guten Wohnraum für ungefähr 200 bis 250 Dollar je Quadratmeter kaufen. Im Jahre 2002 hatten wir schon Preise von 620 Dollar und mehr pro Quadratmeter. In einer russlandweiten repräsentativen Analyse über die Entwicklung der Immobilienpreise rangierte Kaliningrad im Jahre 2002 schon an dritter Stelle, gleich nach Moskau und St. Petersburg. Wenn ich also auf diesem Gebiet für mich etwas bewegen wollte, so musste ich mich schon ein wenig sputen, wenn ich es denn preiswert haben wollte.

 

Datum der Publizierung: 07. September 2014

EUROPÄISCHE UNION UND DIE KALININGRAD-PROBLEMATIK

Natürlich gingen mir einige Gedanken durch den Kopf, bevor ich mich in das Abenteuer Immobilien stürzte. Nicht nur mein Bauchgefühl arbeitete hier.

Polen und Litauen planten ihren Beitritt in die Europäische Union und würden dann zum Gebiet des Schengen- Abkommens gehören. Damit würde sich das Grenzregime verändern, das Visaregime gegenüber Russland eingeführt werden. Kaliningrad würde also  in eine Art Isolation geraten. Daran könnte eigentlich niemand interessiert sein und ich war überzeugt, dass man auf internationalem Parkett eine Lösung finden würde. Zum Zeitpunkt meines Wohnungskaufs, also im September 2001, wurde noch sehr wenig über dieses Thema gesprochen, aber schon neun Monate später erregte die vielfältige und umfangreiche internationale Berichterstattung erhebliches Aufsehen.

Grafik (Kaliningrad-Domizil) - Kaliningrad in Nachbarschaft zu NATO und Europäischer Union und isoliert vom Mutterland

 

Weiterhin wurde immer viel darüber diskutiert, dass Kaliningrad eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa spielen müsste. Dazu müsste dann auch gehören, dass Russland in Kaliningrad für Ausländer und ausländische Investoren besondere Bedingungen schaffen würde, um diese Leute ins Land zu holen. Wirtschaftlicher Aufschwung bedeutet aber auch diplomatische Vertreter im Gebiet und ständige Vertreter von Wirtschaftsorganisationen und von Firmen. Alle diese Leute brauchten Wohnraum. Guter Wohnraum war in Kaliningrad selten und wenn er existierte, so wurde er als Eigenbedarf gekauft und genutzt. Das Thema Vermietung von Wohnraum spielte in Kaliningrad eine völlig unbedeutende Rolle. Ich betrat also mit meinem Gedanken Neuland für Kaliningrad.

Und so entschloss ich mich, gerade noch rechtzeitig, bevor die Immobilienpreise explodierten, mich auf dem Gebiet des Kaufes und der Vermietung von Immobilien zu tummeln. Natürlich musste man perspektivisch arbeiten und ich erwartete auch nicht, sofort irgendwelche Mieter zu finden, denn zum jetzigen Zeitpunkt waren kaum Ausländer in Kaliningrad und russische Geschäftsleute aus Moskau oder St. Petersburg hatten Kaliningrad für sich auch noch nicht entdeckt. Alleine durch den Wertzuwachs, der im Durchschnitt 25 Prozent im Jahr betrug, machten sich jedoch die Investitionen im Immobiliensektor bezahlt.

Nun aber zurück zur Politik und zum sogenannten Kaliningrad-Problem.

Die Diskussion um die Lösung der Visumfrage nahm manchmal recht groteske Formen an. Russland war besorgt darüber, dass seine Kaliningrader Bürger nun ein Visum benötigten, um ins russische Mutterland reisen zu können. Die Europäische Union aber hatte auch ihre Prinzipien und es war nötig, hier eine Lösung zu finden.

So wurde von europäischer Seite die Einführung eines besonderen Passes vorgeschlagen, oder alternativ eine Plastikkarte für die Bürger Kaliningrads. Von russischer Seite wurde aber die Frage aufgeworfen, was die Bürger tun sollen, welche vom Mutterland nach Kaliningrad fahren wollen. Bekommen die auch einen gesonderten Pass oder eine Plastikkarte?

Es wurde die Einrichtung einer Fährverbindung von Kaliningrad nach St. Petersburg geplant. Dies geschah natürlich nicht, um das Visaproblem zu lösen, sondern weil es hierzu einfach eine geschäftliche Notwendigkeit gab, aber gleichzeitig konnte natürlich diese Verbindung genutzt werden, um problemlos von und zum Mutterland ohne Visum zu reisen. Dies ist sicher eine mögliche Variante, aber sehr zeitaufwendig und auch nicht preiswert. Dazu ist die Transportkapazität dieser Fähre natürlich auch begrenzt.

Eine der absurdesten Varianten war der Vorschlag des Baus eines unterirdischen Tunnels durch polnisches Territorium nach Weißrussland. Von dort sollte es dann mit dem Zug weitergehen.

Ein weiterer Plan sah den Bau eines Tunnels durch litauisches Gebiet, direkt ins russische Mutterland vor. Aber, so kommentierten Zeitungen, sind diese Pläne wenig ernst zu nehmen, da für solche Phantastereien weder Geld noch Zeit vorhanden sind.

Die eigentliche Sorge für die europäische Union waren mögliche illegale Einreisen. Die Grenzen Russlands waren nicht so geschützt wie eigentlich erforderlich. Und so wäre es möglich, dass über Kaliningrad Bürger aus anderen Ländern illegal nach Westeuropa einreisen. Nach Angaben von Mitarbeitern des Migrationsdienstes gelangen unerwünschte Migranten überwiegend mittels innerstaatlicher Flugverbindungen nach Kaliningrad.

Ein Anwachsen von illegalen Einreisen war schon zu vermerken. Während es im gesamten Jahr 1994 nur 75 Grenzverletzungen gab, so wurden in den ersten neun Monaten des Jahres 2000 bereits 556 Grenzverletzungen registriert. Innerhalb von acht Jahren, also von 1991 bis 1999 nahmen die Mitarbeiter der Grenzdienstverwaltung 1.845 Grenzverletzer fest. Dabei wurden 176,5 Kilogramm Drogen, 36 Kg Sprengstoff sowie 3.376 Waffen und Munition verschiedenster Art beschlagnahmt. Dies ist also schon ein Negativpotenzial, welches die westlichen Nachbarn natürlich beunruhigte.

Bei der Diskussion um das „Kaliningrad-Problem“ ging es zwar in erster Linie um die Menschen, aber es gibt auch wirtschaftliche Aspekte. Gerade in den Jahren nach der Finanzkrise 1998 entwickelte sich Kaliningrad und seine Wirtschaft positiv. Im Jahre 2001 wuchs die Industrieproduktion in Kaliningrad im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent. Damit ist der Zuwachs dreimal so hoch wie in den übrigen Landesteilen Russlands. In Kaliningrad gab es 1.800 Gemeinschaftsunternehmen mit Beteiligung von ausländischen Partnern. Man befürchtet, dass ein Großteil dieser Firmen ihre Partner verlieren wird, wenn die Visumspflicht eingeführt werden würde. Nach offiziellen Berechnungen müssten im Gebiet täglich ungefähr fünftausend Visa ausgestellt werden, um das bisherige Niveau der Reisetätigkeit weiterhin zu gewährleisten. Eine enorme Zahl und es tauchten berechtigte Zweifel auf, ob die Generalkonsulate von Polen und Litauen in der Lage wären, diese Arbeit zu bewältigen. Sollte es aber zu einer Erweiterung der diplomatischen Tätigkeit kommen, so wäre dies für meine neue Immobilienverwaltung und deren Entwicklung die beste Voraussetzung.

 

Datum der Publizierung: 14. September 2014

EIN WENIG PRIVATES

Das Zusammenleben mit meinen Nachbarn, jetzt schon in unserem gemeinsamen Haus in der „Wiesenstraße“ gestaltete sich nach wie vor gut und völlig problemlos. Da wo wir konnten, da wo es nötig war, halfen wir uns gegenseitig. Sergej hatte seine Schulausbildung mit guten Ergebnissen beendet. Lange konnte er sich nicht entschließen, was er nach der Schule machen wollte. Letztendlich entschied er sich für ein Studium an der Offiziershochschule der Ostseeflotte in Kaliningrad. Damit waren die nächsten fünf Jahre für ihn vorprogrammiert und ausgelastet.

Mit gespanntem Interesse nahm ich natürlich die Einladung der Offiziershochschule zur feierlichen Vereidigung der neuen Offiziersschüler an. Bereits zwei Jahre zuvor war ich zur Ernennung der neuen Offiziersabsolventen eingeladen gewesen. Hier erhielt ein Bekannter von mir seine Leutnantssterne. Ich war emotional schon damals stark beeindruckt, da es mich natürlich an meine eigene Offiziersernennung am 13. August 1976 erinnerte.

Foto: Militärinstitut der Ostseeflotte in Kaliningrad

Die Offiziersschule befand sich auf dem Sowjetski-Prospekt, der ehemaligen General-Litzmann-Straße. Wir fanden uns rechtzeitig ein und ich suchte mir einen Platz, wo ich am besten Videoaufnahmen machen konnte. Das war gar nicht so einfach, aber mit ein wenig Höflichkeit und dem Demonstrieren von deutscher Unbeholfenheit ergatterte ich doch eine gute Position.

Die Zeremonie war sehr eindrucksvoll. Gut, sie war nicht so pedantisch durchorganisiert wie das die Deutschen machen, aber trotzdem beeindruckend. Sergej war der erste, der den Soldateneid ablegen durfte. Wir waren alle unendlich stolz auf ihn. Nach Abschluss der Zeremonie wurden alle Besucher aufgefordert die Unterkünfte zu besichtigen, in denen die Jungs für die nächsten fünf Jahre wohnen würden.

Im Korridor des Kasernenblocks empfing uns ein Oberst. Er sagte, dass wir uns alles ansehen können und wir können auch fotografieren und Videoaufnahmen machen. Nur die sanitären Einrichtungen bat er nicht zu filmen, mit dem Hinweis,  dass noch nicht alles in dem Zustand ist, wie es eigentlich wünschenswert wäre. Leider hat die Schule kein Geld und man bat die Angehörigen um Spenden oder Sachleistungen um weiter instand zu setzen, Gardinen zu kaufen, Fernseher und Kühlschrank anzuschaffen – kurz, es fehlte an allem. Ich wartete nur noch darauf, dass uns der Oberst auffordern würde, auch Geld für die Beschaffung der Bewaffnung und Ausrüstung zu spenden. Damit wären wir dann bei den Sitten und Gebräuchen des alten Rom angelangt, wo die zum Wehrdienst einberufenen Männer auch Schwert und Pferd mitbringen mussten. Aber der Oberst forderte uns hierzu nicht auf und ich war beruhigt, dass zumindest für diese Kleinigkeiten die Armeeverwaltung noch Geld hatte.

Sergej war in einem Schlafraum von ungefähr 40 Quadratmetern untergebracht. Dort schliefen jetzt 20 Offiziersschüler. Zwischen den Betten war kaum Platz, dass man aufstehen konnte. Zwei Wochen später wurden die Einzelbetten gegen Doppelstockbetten ausgetauscht und die Stube wurde noch enger. Alles war sehr spartanisch. Es gab für zwei Offiziersschüler einen kleinen Nachtschrank. Jeder hatte einen Hocker. Stühle oder ein Tisch waren nicht vorhanden. Gardinen gab es nicht vor den Fenstern und einige Scheiben wiesen Sprünge auf. Auf dem Korridor befanden sich zwei Zimmer. In dem einen wurde die gesamte Uniformausstattung der Schüler aufbewahrt. In der Stube waren keine Schränke vorgesehen, so dass die Bekleidung für alle zentral in diesem Zimmer gelagert wurde. Dies war aber in der ganzen Armee so üblich. Im zweiten Zimmer waren die Waffen untergebracht. Am Ende des Korridors war noch eine Krafttrainingsecke eingerichtet. Kurz zusammengefasst war die Unterkunft spartanisch einfach und gut geeignet zum Schlafen. Zum Leben hätte ich mir etwas anderes gewünscht. Ich habe mich bei Videoaufnahmen an die Worte des Genossen Oberst gehalten. Ja, man sprach sich auch im Jahre 2001 noch mit Genosse an, oder besser mit „Towarisch“, was man auch als Kamerad übersetzt. Ich wollte einen positiven Film über die Vereidigung von Sergej erstellen und vermied es deshalb, Unzulänglichkeiten auf Film zu bannen.

Foto: Zeitsprung fünf Jahre später – Unsere kleine Familie zur Offiziersvereidigung

Anschließend fuhren wir nach Hause, um den Anlass zu feiern. Das Haus war voll. Sergej hielt einige Toaste auf sich und seine glückliche Zukunft durch, saß mit seiner Freundin aber wie auf glühenden Kohlen. Schließlich gaben wir ihm den Laufpass, denn natürlich wollte er unbedingt mit seiner Freundin, die er seit einem halben Jahr kannte, diesen Tag verbringen.

 

Datum der Publizierung: 21. September 2014

KALININGRAD OHNE FLUGVERBINDUNG

Das Jahr 2001 endet nun auch langsam im privaten Bereich. Wir Kaliningrader erhielten per Oktober noch einen Tiefschlag. Die Fluggesellschaft SAS, die seit ungefähr 1994 die einzige Flugverbindung nach Westeuropa anbot, wenn man mal von zeitweiligen Flügen der russischen Fluggesellschaft „Aeroschrott“, eh, ich meine natürlich „Aeroflott“, nein, noch mal falsch, natürlich „Aeroflot“ absah, stellte ihren Flugbetrieb von und nach Kaliningrad ein. Das löste natürlich Unruhe aus. Gut, die Flieger waren seit der Krise 1998 nicht mehr richtig ausgelastet, aber trotzdem hätte man doch über Alternativen nachdenken können. Erst noch zu Anfang des Jahres wurde die Fokker50 gegen einen moderneren, größeren und sicher auch teureren Flugzeugtyp ausgewechselt. Die SAS flog an sechs Tagen in der Woche und zahlte sehr viel Geld an die bankrotte Kaliningrader Fluggesellschaft für die Nutzungsrechte. Ich hatte den Eindruck, dass die Verantwortlichen in Kopenhagen sich überhaupt keine Gedanken machten um die Menschen. Man hätte zum Beispiel wieder die alte Fokker einsetzen können, man hätte anstelle von sechs Flügen vielleicht drei Flüge organisieren können. Man hätte auch Gespräche mit dem Kaliningrader Airport führen können. Auch hätte man auf das Office Einfluss nehmen können. Mitten im Stadtzentrum in einer teuren Immobilie befand sich das Office und es waren mindestens sechs Mitarbeiter beschäftigt und fünf weitere auf dem Flughafen, und das bei nur einem Flug am Tag. Aber man wollte wohl nicht nachdenken und lies deshalb die Kaliningrader im Stich. Leider spitzte sich damit die allgemeine Diskussion um die Zukunft des Kaliningrader Gebietes zu und die Stimmen, die politische Veränderungen herbeiführen wollten, wurden auch wieder etwas lauter.

Die Zugverbindung zwischen Kaliningrad und Deutschland wurde bereits im Mai des Jahres 2000 eingestellt. Angeblich ging es hier um Rentabilitätsgründe. Es sollen zu wenige Fahrgäste gefahren sein. Aber auch hier machte man sich anscheinend überhaupt keine Gedanken. Zum einen hätte man über den Service in diesem Zug nachdenken sollen und dann vielleicht auch über die Intervalle. Wenn er denn nicht täglich ausgelastet ist, so doch vielleicht dreimal in der Woche? Aber es wird schon sicher so sein, dass alle Nostalgiker nun schon mal in Kaliningrad waren und langsam das Interesse abflaute. Kaliningrad stellte nichts Besonderes mehr dar.

Ich fuhr also Ende Dezember über die Grenze nach Gdansk. Es war mir immer ein Horror über diese Grenze zu müssen. Hier in Bagrationowsk und Mamonowa hatte die Firma Ostpreussen Trading ihre Duty-Free-Shops. Diese liefen genauso gut wie unser Shop in Goldap. Allerdings war die Ordnung an diesen Grenzübergängen einfach schlimm. Trotz Polizei und Grenzordnungsposten war alles dort ein mittleres Chaos. Die Leute warteten bis zu 48 Stunden, um über die Grenze zu kommen. Diese langen Schlangen wurden speziell organisiert, denn, ob sie es glauben oder nicht, man konnte damit Geld verdienen. Wie funktionierte das nun?

Zuerst musste man koordinieren. Unklare Strukturen hatten Kontakt zu Zoll und Grenze. Anscheinend wurde vereinbart, dass die Zöllner und Grenzer speziell langsam abzufertigen hatten, damit sich eben solche Schlangen bildeten. Der Großteil der Leute überquerte die Grenze um irgendwie durch den kleinen Grenzhandel Geld zu verdienen. Und Zeit war Geld. Nun gingen „Leute“ an der Schlange entlang und verkauften bessere Warteplätze in der Schlange. Je weiter vorne umso teurer wurde der Platz. Wer ganz vorne stehen wollte, musste 50 Dollar zahlen. Das Geschäft florierte. Dieses Geld wurde dann geteilt mit Zoll und Grenze. Allerdings nicht mit den einfachen Zöllnern und Grenzern, die dort standen. Nein, die bekamen davon nur einen geringen Teil. Abgeführt wurde weiter nach oben. Nun gab es zu diesem System noch die Luxusvariante. Man kannte eine Adresse oder Telefonnummer. Die rief man an und gegen die direkte Zahlung von zwanzig Dollar wurde von oben die Weisung gegeben, das genannte Fahrzeug außer der Reihe passieren zu lassen. Dies wurde von einigen Geschäftsleuten, Taxi- und Busfahrern genutzt und war auch sehr einträglich. Damit waren aber die Schwierigkeiten noch nicht erledigt. Man legte nun zwei Dollar in seinen Pass und der Zöllner, der als erster in den Pass schaute, nahm diese zwei Dollar und kontrollierte nur sehr oberflächlich, aber er kontrollierte. Man konnte auch fünf Dollar in den Pass legen. Dann wusste der Zöllner sofort, dass der Betreffende etwas zu verbergen hatte und winkte das Auto durch. Wer also über genügend Geld verfügte und keine Zeit hatte, konnte, wenn alles bestens organisiert war, die russische Grenze innerhalb von einer Stunde überquert haben.

Nun stand man auf polnischer Seite. Dort lief ähnliches ab, allerdings auf etwas höherem Niveau und etwas zivilisierter. Auf russischer Seite hing an allen Abfertigungsgebäuden ein Hinweisschild: „Die Grenzabfertigung ist kostenlos. Zahlungen an Grenzpersonal sind nicht zu leisten.“ Als ich zum ersten Mal dieses Schild las, kam in mir ein etwas peinliches Gefühl auf und mich erinnerte dies an die Hinweistafeln „Nicht füttern“ im Hagenbecker Tierpark in Hamburg. So ein Schild hing auf polnischer Seite nicht. Ich glaube, es muss nicht besonders hervorgehoben werden, dass sich nicht alle daran hielten. Die Staatsbediensteten lebten von diesen Schmiergeldern, denn von den gezahlten Gehältern konnte man nicht sterben und leben schon gar nicht.

Für unseren Shop am Airport bedeutete die Einstellung der Fluglinie  natürlich auch defacto das „AUS“. Erst zu Anfang des Jahres, nachdem die Firma allgemein die Arbeitsgenehmigung wieder erhalten hatte, hatten wir auch für den Shop am Airport eine neue Lizenz gekauft, weil die alte, die immer nur drei Jahre gültig ist, abgelaufen war. Siebzehntausend Dollar hatten wir nun in den Sand gesetzt. Nun gut, vielleicht gab es doch noch irgendwas zu retten.

Mit der Hoffnung fuhr ich nach Gdansk und flog weiter nach Hamburg und verbrachte dort die Feiertage. Insgesamt begann das Jahr mit einer Katastrophe, aber zum Jahresende konnten wir mit dem Jahr zufrieden sein. 

 

Datum der Publizierung: 28. September 2014

WEITERE SCHRITTE AUF DEM IMMOBILIENMARKT

Das Immobiliengeschäft war für mich neu, aber ich war der Meinung, dass es arbeitstechnisch beherrschbar war. Hatten wir den Bau unseres eigenen Hauses in allerschwierigsten Zeiten gut in den Griff bekommen, so würden wir wohl auch bei guter Planung, weitere Immobilienobjekte bauen, rekonstruieren, renovieren, ausrüsten können – so unser Gedanke. Und so schlug ich Anfang des Jahres wieder zu.

Ich liebte es am Wochenende viel spazieren zu gehen, insbesondere in meiner Wohngegend. Schon längere Zeit beobachtete ich an einer anderen Ecke des Max-Aschmann-Parks, dass jemand dort elf Reihenhäuser baute. Die Lage war einfach super, denn die Häuser lagen direkt an der Parkallee und die führte weiter zum See im Max-Aschmann-Park. Und so fing ich an den Bauherren zu suchen. Ich hatte Glück und auch der Zufall spielte eine Rolle und nach einem Monat hatte ich den Kontakt hergestellt. Ich besichtigte  das Objekt und wir wurden uns schnell handelseinig. Alexander, der Bauherr Bauherr, machte einen vertrauenerweckenden Eindruck. Er erzählte viel von seinem wirtschaftlichen Engagement in Kaliningrad, dass er einer der Investoren im Kaliningrader „Fischdorf“ ist, warf mit Millionenbeträgen nur so um sich und forderte fünfzigtausend Dollar für ein Reihenhaus. Ich war einverstanden, insbesondere weil er das Geld nicht sofort haben wollte. Ein paar Wochen später trafen wir uns bei einem anderen Bekannten von ihm – seinem Architekten. Noch ein Alexander, der damals ganz jung und unverbraucht war. Schon wenige Jahre später spielte er eine nicht ganz unwichtige Rolle in der Stadtverwaltung und jetzt in der Gebietsregierung. Das lockere persönliche Verhältnis zu beiden erweckte Vertrauen und so hoffte ich, dass alles planmäßig läuft.  Aber es lief nicht planmäßig und mein Misstrauen wurde ziemlich schnell geweckt. Es gab ein paar Hinweise von Alexander, dem Architekten und ich bekam noch ein paar andere Informationen – von guten Bekannten.

Foto: Neue Reihenhäuser in den Nordbergen 

 

Eigentlich erhielt ich keine negativen Informationen über den Bauherrn, aber auch keine positiven. Man kannte den Bauherrn einfach nicht in Kaliningrad, weder als Bauunternehmer noch als Finanzier von Bauvorhaben. Ich war froh, dass ich nur tausend Dollar Anzahlung geleistet hatte, denn Geld verlieren konnte man in Russland sehr schnell, insbesondere im Bauwesen und beschloss, keine weiteren Zahlungen zu leisten. Ich beobachtete aufmerksam das Baugeschehen, aber es tat sich eigentlich nichts mehr und mir wurde bald klar, dass ich wohl Luftschlösser geträumt hatte. Ab März nahm Alexander auch keinen Kontakt mehr mit mir auf. Das bestätigte mich in meinem Verdacht, dass irgendwas nicht so lief, wie es eigentlich laufen sollte. Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, machte ich mich nun auf die Suche nach weiteren Objekten. Für das Objekt „Reihenhaus“ machte ich finanzielle Rückstellungen – vielleicht klappte es ja doch noch und danach begann die weitere Suche.

Fündig wurde ich gleich bei mir um die Ecke, dreihundert Meter von unserem Haus entfernt – also ideal. Das Haus selber sah von außen hässlich aus. Die Besichtigung hinterließ bei mir Null-Emotionen, wenn man denn einen Negativeindruck so bezeichnen kann. Ich entschloss mich, das Haus nicht zu kaufen. Eine Woche später ging ich nochmal dorthin. Vielleicht hatte ich vorher einen Cognac getrunken – ich weiß es nicht mehr – auf alle Fälle war es nicht mehr ganz so hässlich und mit ein wenig Phantasie konnte man innen auch ein paar schöne Wohnungen zaubern. Aber, ich kaufte es nicht, ging aber mit einem besseren Eindruck wieder nach Hause. Die Anzahl der Besichtigungen nahm zu und mit jeder Besichtigung wurde das Haus schöner und idealer. Nach zwei Monaten war ich davon überzeugt, einen Palast für billiges Geld zu kaufen.

Mit einem Mal stand Reihenhaus-Alexander wieder bei mir vor der Tür. Er war etwas kleinlaut. Er sagte es zwar nicht so direkt, aber er hatte wohl erhebliche Probleme und konnte sein Objekt nicht zu Ende bauen. So kam er zu mir, um mir dies mitzuteilen und mir auch gleich die geleistete Anzahlung von tausend Dollar zurückzugeben. Ich war etwas erstaunt, denn so was war in Russland eigentlich nicht üblich. Ich hatte das Geld  schon abgeschrieben. Entweder war Alexander so ehrlich und prinzipienfest, oder er war der Meinung, mit mir lieber ehrlich auseinanderzugehen. Egal – er war also einer von den angenehmeren Geschäftspartnern. Wir unterhielten uns noch eine Stunde und verabschiedeten uns in aller Freundschaft mit dem Versprechen, Kontakt zu halten.

Nun hatte ich ein Bauvorhaben weniger und wir entschlossen uns mit vollen Kräften den „Palast“ im Max-Aschmann-Park zu kaufen und zu rekonstruieren. Innerhalb von einem Monat wurden die Verkaufsformalitäten geregelt. Es kamen noch eine ganze Reihe von Schwierigkeiten auf mich zu, die ich heute, mit dem nötigen Abstand, nun schon mit einem gewissen Vergnügen erzählen kann. An sich müsste ich aber ein Extra-Buch mit dem Titel „Wie ich ein Haus in Russland kaufte“ schreiben.

 

Datum der Publizierung: 05. Oktober 2014

WIE KAUFE ICH EIN HAUS

Also, ein Buch zu diesem Thema habe ich nicht geschrieben, sondern im Rahmen meiner jetzigen Firma ein Informationsmaterial, damit niemand die Fehler wiederholt, die ich gemacht habe. Hier beschränke ich mich nur auf eine sehr komprimierte Form der Ereignisse.

Das Bankensystem in Russland im Jahre 2002 war wenig vertrauenerweckend. Somit lag das Geld der Leute entweder unterm Kopfkissen oder im Ausland. Bei mir war es ähnlich – es lag im Ausland und es bereitete mir schon einiges Kopfzerbrechen, wie ich die Summe nach Kaliningrad bekomme. Gegen Gesetze wollte ich nicht verstoßen und ein Risiko wollte ich nicht eingehen. Ich schaffte beides – nicht ideal, aber immerhin.

Dann begann das „Theater“ mit den Verkäufern. Der Besitzer des Hauses war ein bekannter russischer Tennisspieler, aber die Wortführer waren seine Eltern, oder besser, seine Mutter. Am Vorabend vor dem Verkauf trafen wir uns alle in der Makleragentur. Die Verkäufer waren sich ihrer Sache schon sehr sicher und mich erwartete eine geldgierige, raffsüchtige, streitsüchtige Mutter. Sie führte das große Wort und der Sohn, übrigens sehr sympathisch und ruhig, saß da wie ein Mäuschen vor der Schlange. Er tat mir ein wenig leid.

Zuerst wurde ich kritisiert, warum ich das Geld in Kaliningrad in bar übergeben wollte und nicht nach Lichtenstein geschickt habe, so wie es die Mutter wollte. Ich hatte keine Lust, das schon lang ausdiskutierte Thema nochmals aufzuwärmen, sagte dies und bat das Gespräch zu beenden.

Dann wurde die nächste Bitte an mich herangetragen. Auch keine neue. Auch dies hatten wir alles schon besprochen und ich wollte dieser Bitte nicht entsprechen. Man wollte im Kaufvertrag nicht die volle Summe eintragen, um damit der Steuerzahlung in Russland zu entgehen. Ein durchaus üblicher Weg, auch heute noch, aber nicht für mich mit meinem Verständnis von Moral, Anstand und Steuerehrlichkeit. Man war aufs tiefste empört, dass ich mich auf so einen Kuhhandel nicht einlassen wollte. Alle machen das so in Russland und man verstand nicht, warum ich dies nicht wollte. Ich erklärte, dass ich meine Prinzipien habe und diese nicht verletzten möchte – und erklärte das Thema für beendet. Man versuchte mich noch damit zu erpressen, dass man das Verkaufsgeschäft platzen lassen wollte. „Gut, dann lassen wir es eben“, - war meine Antwort. Allerdings verwies ich auf die russische Gesetzgebung, die für so einen Fall eine Entschädigungszahlung vorsah und die war in unserem Falle recht erheblich. Ich saß nun also völlig ruhig und dachte mir, dass ich so leicht noch nie Geld verdient hätte. Es herrschte eisige Stille im Maklerbüro. Auch die Maklermitarbeiter waren schockiert. Man zog sich zur Beratung zurück und nach zehn Minuten kamen alle wieder zurück und stimmten nun dem Verkauf zu.

Wir verabredeten alle weiteren Schritte für den nächsten Tag und wollten uns um neun Uhr wieder im Maklerbüro treffen. Ich sorgte für den nächsten Tag für die nötige persönliche Sicherheit, denn ein Koffer voll mit Geld ist schon verlockend. Die Makleragentur wurde für die Zeit der Formalitäten geschlossen. Es wurde ein Mitarbeiter einer Bank mit Geldprüfgerät bestellt. Alle versammelten sich um den Tisch und beobachteten. Der Bankmitarbeiter prüfte das Geld und legte es dann in die Mitte auf den Tisch. Sofort stürzte sich die Ehefrau auf das Geld, als wenn sie befürchtete, dass ich es mir vielleicht doch noch anders überlegen würde und fing mit zittrigen Händen an, das Geld nachzuzählen. Ich beobachtete sichtlich amüsiert diesen ganzen Vorgang. Sie war so nervös und die Hände zitterten so, dass sie mehrmals mit dem zählen von vorn anfangen musste. Auch die Mitarbeiter des Maklerbüros genossen augenscheinlich die Situation. Jeder blamiert sich eben so gut er kann. Nach ungefähr einer Stunde waren wir mit dem Geld zählen fertig. Alles wurde verpackt, der Koffer versiegelt und wir stiegen zusammen in ein Auto und fuhren zu einer Bank und in einem gemeinsam angemieteten Safe wurde die Summe eingelagert.

Danach ging es zur Registrierungsbehörde. Durch die Maklerfirma war ein Termin vereinbart und innerhalb von anderthalb Stunden wurden alle Formalitäten erledigt. Ich saß zum ersten Mal alleine mit dem Verkäufer, dem Tennisspieler zusammen und es begann ein Gespräch zwischen uns. Wir vermieden beide sehr bewusst Themen, die sich auf das Haus und den Verkaufsvorgang bezogen. Sowohl er wie auch ich spürten deutlich, dass die Situation peinlich war und so unterhielten wir uns über alles Mögliche. Er war wirklich ein sympathischer Gesprächspartner und es war mir angenehm, mich mit ihm zu unterhalten.

Foto: Kaliningrader Grundbuchamt – im Keller des Gebäudes, in dem unsere Firma 1995 das erste Office-Zimmer hatte

Nachdem wir nun in der Registrierungsbehörde alle Angelegenheiten geregelt hatten, fuhren wir zur eigentlichen Hausübergabe. Dort setzte sich das Elend fort. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel. Dass das Haus komplett geräumt war, war klar. Es waren auch sämtliche Glühbirnen ausgeschraubt, das Telefon war demontiert und an die Nummer konnte man sich nicht erinnern. Nur im Keller und im Empfangsraum hatte man noch jede Menge Gerümpel zurückgelassen. „Sie sind doch sicher so kulant und räumen dies selber fort“, - wurde mir von der Mutter fragend nahegelegt. Ich war so kulant. Dann kam das nächste Thema. Man wollte unbedingt den Gasherd aus der Küche noch mitnehmen. Es war ein amerikanischer Herd. Ein Riesenmonstrum, das ich sowieso nicht gebrauchen konnte. Außerdem war dieser Gasherd in Russland nicht zertifiziert und ich hätte ihn sowieso rauswerfen müssen, damit ich keine Probleme mit den Gaswerken oder mit der Versicherung bekam. Jetzt entschied ich aber, Prinzipienreiter zu werden. Ich stimmte dem Ausbau zu, wenn wir sofort in ein Geschäft fahren und einen neuen kaufen. Wir konnten uns nicht einigen und so zog sich die Angelegenheit noch über Wochen hin – wie gesagt, eine Prinzipienfrage für mich.

Die Hausübergabe war also erledigt und wir gingen auf die Straße um uns zu verabschieden. Als wir so die Treppe zum Vorgarten runtergingen meinte plötzlich die Mutter: „Ach, die Blumen, die habe ich völlig vergessen. Ich werde in den nächsten Tagen noch mal vorbeikommen und die Blumen aus dem Vorgarten ausgraben. Die kann ich noch gebrauchen.“ Das führte nun schon langsam ins Absurde. Ich stellte mich einfach über die Dinge und meinte: „Graben Sie nur, graben Sie.“ Und dann schieden wir nun endlich.

Ein paar Wochen später, unsere Bauarbeiten liefen schon auf vollen Touren, kam der Vater des Tennisspielers zu mir und wollte noch weitere Dinge aus dem Haus ausbauen. Jetzt platzte mir langsam der Kragen – auch ich habe nur ein Nervenkostüm. „Das wir uns nun ein für alle Mal verstehen! Der Verkauf des Hauses ist abgeschlossen. Ich habe es so gekauft, wie sie es mir gezeigt haben und dafür den Preis gezahlt, den sie gefordert haben. Jetzt wollen sie nach und nach das Haus demontieren und nun ist aber Schluss.“ Er war wohl ein wenig erschrocken über meine Reaktion und verschwand sehr schnell und für immer.

 

Datum der Publizierung: 12. Oktober 2014

FORTSCHRITTE IM SÜDEN

Wie ging es nun aber in der Firma in Sotchi weiter? Hier tat sich allerhand. Als Ergebnis unseres Besuches Ende vergangenen Jahres in Sotchi, hatten wir einen gut durchdachten Businessplan für die Entwicklung des Umsatzes erarbeitet und von allen Aktionären bestätigen lassen. In Gesprächen mit den Gesellschaftern bat ich um die Einhaltung des Planes, so wie wir ihn besprochen und beschlossen hatten. Wenn man mich machen ließe, so versprach ich die vollständige Rückzahlung des Investitionskredites an den Hauptaktionär und eine Umsatzsteigerung um mindestens fünfzig Prozent und im Tabakbereich um hundert Prozent. Unsere gesamte Tätigkeit ordneten wir ab Januar diesem Plan unter und so unglaublich es klingt, der Plan wurde Monat für Monat fast so erfüllt, wie wir es uns gedacht hatten. Die Marge wuchs, die Gewinne wuchsen, die Logistik wurde fast perfekt. Wir waren zufrieden.

Obwohl die Geschäfte in Sotchi sich insgesamt gut entwickelten, gab es einige Besonderheiten. Zum einen ging es um billigen Wodka. Ich kämpfte von Anfang an um einen bestimmten Verkaufspreis für eine Flasche Wodka, konnte mich aber gegenüber den Aktionären nicht durchsetzen. Diese legten einen wesentlich niedrigeren Verkaufspreis fest und nahmen einfach nicht zur Kenntnis, dass wir bei diesem Artikel mit Verlust arbeiteten. Man begründete die Entscheidung damit, dass im Süden Russlands und gerade in der Region, wo wir unseren Hauptshop hatten, sehr arme Leute wohnten und die Konkurrenzsituation so ist, dass wir den von mir geforderten Preis nicht nehmen können. Die Aktionäre meinten, dass wir günstigere Zeiten abwarten und bis dahin eben mit Verlust arbeiten müssten. Ich gab erstmal Ruhe und wir fingen dann aber, unabhängig und unbemerkt von den Gesellschaftern an, ab Anfang des Jahres den Preis des Wodkas monatlich um einen Dollarcent anzuheben. Ja, es ist lächerlich, aber anders wusste ich mir nicht zu helfen. Nach drei Monaten wurden wir dann mutiger, da die Kunden nicht negativ reagierten und hoben die Preise um zwei Cent an. Auch hier reagierten die Kunden nicht negativ. Ganz im Gegenteil, die Umsätze wuchsen und so setzte ich meine Politik der kleinen Schritte fort bis zu dem Preis, der mich zufriedenstellte. Irgendwann bemerkten natürlich die Aktionäre meine eigenmächtigen Handlungen, nahmen aber keinen Einfluss mehr, da die positiven Ergebnisse auf der Hand lagen und wer hat schon was dagegen, mehr Geld zu verdienen.

Ein anderes Problem war der Tabak. Wir machten in Kaliningrad ungefähr fünfzig Prozent unseres Gesamtumsatzes mit Tabak aber in der Jug-Company nur rund acht Prozent. Sowohl das eine, wie auch das andere waren nicht normal. So fassten wir in unserem Businessplan den Entschluss, im Jahre 2002 den Tabakumsatz auf 20 Prozent vom Gesamtumsatz anzuheben. Dies war nach Aussagen der Shopleiter jedoch nur möglich, wenn wir Billigzigaretten in größeren Mengen in die Shops bringen. Billigzigaretten bedeutete allerdings, dass die Schachtel Zigaretten nicht teurer sein durfte als fünfzehn Dollarcent. Ich suchte lange nach solchen Zigaretten. In Russland hätte ich diese sofort gefunden, da die in Russland produzierten Zigaretten, auch wenn es westliche Lizenzzigaretten waren, wesentlich billiger waren. Aber es sollten auch noch Zigaretten westeuropäischer Produktion sein. Die waren teurer. Dann kam noch der Transport dazu. Also eigentlich eine Aufgabe, die nicht zu lösen war. Ich löste aber diese Aufgabe und fand drei Zigarettenmarken, die wir zu diesem Preis anbieten konnten und damit sogar noch Geld verdienten. Nur erwies sich, dass die Kunden die Zigaretten nicht kauften. Wir organisierten Reklame, wir führten Promotionen durch, wir boten den Kunden Rauchproben an. Der Umsatz entwickelte sich zwar, aber absolut nicht in den Dimensionen, die wir wollten. Eigenartigerweise wuchs aber der Umsatz von sehr teuren Zigaretten. Hier entstand für mich einer der Widersprüche, auf die ich im Verlaufe meiner Tätigkeit in Russland stieß und die ich nicht erklären kann. Einerseits sind die Leute so arm, dass ich beim Wodkapreis um jeden Cent kämpfen muss und mir somit auch erklärlich ist, dass man zu billigem Wodka auch billige Zigaretten raucht. Dann stellt sich aber heraus, dass die armen Leute keine billigen Zigaretten wollen, sondern nicht nur teure Zigaretten, sondern auch noch Zigaretten der Extraklasse. Russland ist eben mit dem normalen Verstand nicht zu verstehen …

Ein weiteres Problem war, dass sehr viel gefälschte Ware auf dem Markt war. Das traf zwar nicht nur für den Süden Russlands zu, sondern generell für ganz Russland, aber es machte uns in unserer Tätigkeit das Leben nicht einfach. In Russland wurde alles, was einen guten Namen im Westen hat, gefälscht. Dies geschieht in unglaublich hoher Qualität und in einer Intensität, die im Westen kaum vorstellbar ist. Man fälscht in einer so guten Qualität, dass selbst westliche Spezialisten und Sicherheitsexperten der Originalherstellerfirmen Schwierigkeiten hatten, echte von falscher Ware zu unterscheiden. Es muss allerdings gesagt werden, dass sich die hohe Qualität der Fälschung in erster Linie auf die Verpackung oder die Flasche bezog. Der Inhalt war natürlich auf der niedrigsten aller Qualitätsstufen angesiedelt. Hier probierte man auch gar nicht, an westliches Niveau heranzukommen. Der Kunde kauft zuerst die Verpackung. Dass er getürkte Ware gekauft hat stellt er erst fest, wenn es schon zu spät und der Verkäufer nicht mehr greifbar ist. Außerdem wären auch die Analyse der Originalware und die Nachproduktion auf dem festgestellten hohen Qualitätsstandard so teuer, dass dann nicht mehr überproportional Geld verdient werden könnte. Und darum ging es. Die gefälschte Ware war nur in der Verpackung exzellent, aber im Inhalt wesentlich schlechter. Die Herstellungskosten im Vergleich zur Originalware waren wesentlich billiger, aber der Verkaufspreis fast derselbe. Man konnte also an einer Flasche Wodka der Marke „Absolut“ gut und gerne fünf bis sieben Dollar reinen Gewinn machen. Es gab Leute in Russland, die intelligent genug waren, dieses Geschäft zu organisieren und es gab Leute in Russland mit goldenen Händen, die diese Ware herstellen konnten. Um es mal positiv zu sehen: Russland hat also ein gutes Arbeitskräftepotential, Leute mit Ideen und einer hohen Qualifikation. Man muss es nur verstehen, diese positiven Eigenschaften in die richtige Richtung zu lenken und dann profitieren alle davon.

Damals profitierten wir aber nicht von solchen Aktivitäten, sondern mussten mit den Fälschungen leben. Wir versuchten durch solide Arbeit und ständiges Angebot unseres Gesamtsortimentes unseren Ruf als Firma mit erstklassiger Ware westlicher Produktion zu festigen und so über das Qualitätsmerkmal die Umsätze zu steigern. Auch wenn uns die Umsatzsteigerung in einzelnen Punkten nicht so gelang wie wir uns das gedacht hatten, so machten wir doch insgesamt die Fortschritte, die wir wollten. 

 

Datum der Publizierung: 19.Oktober 2014

Zeit für neue Weichenstellung

Natürlich war es schön zu sehen, wie nun langsam alles wieder in geordneten Bahnen verlief, die Umsätze sich entwickelten und alle normales Geld verdienten. Aber so ganz in meinem Inneren kam der Gedanke auf, dass es Zeit wird, sich wirklich auf völlig eigene Füße zu stellen. Aber nicht nur auf eigene Füße stellen, sondern auch diese Füße ein wenig zu entlasten. Man lebt nur einmal – sagt ein Sprichwort und ich sah, dass ich eigentlich nur für die Arbeit lebte und für Privates kaum Zeit blieb. Und so kam der Gedanke, meine Immobilienaktivitäten in geordnete, organisierte, solide Bahnen zu lenken. Es müsste also als erstes ein Businessplan erarbeitet und eine Firma gegründet werden. Wieder eine Aufgabe, die erst einmal noch mehr Belastung mit sich brachte, die aber auch schon ein wenig das berühmte Licht am Ende des Tunnels zeigte. Mir wurde langsam bewusst, dass meine Zeit im Einzelhandel sich dem Ende neigt und ich wohl meine Firma in Kaliningrad verlassen werde. Die Interessen entwickelten sich in eine neue Richtung.

Und so begann ich, mich mit der Stadt Kaliningrad ein wenig mehr zu beschäftigen – diesmal vom Standpunkt der Organisation einer Immobilienverwaltung. Ich kam zu dem Schluss, dass es rein organisatorisch besser wäre, alles möglichst kompakt zu organisieren, die Immobilienobjekte an einem Ort, in einem Stadtbezirk zu haben. Dazu sollte das finanzielle Engagement sich auch in überschaubaren Dimensionen halten. Das bedeutete wiederum, sich langfristig zu orientieren. Mir kam da der Ort „Blankenese“ in Hamburg in den Sinn. Vor vielen Jahren war dies ein Ort zum Nase rümpfen, viel Elend, Schmutz und Modder. Bis zu dem Moment, wo sich ein reicher Hamburger dort ansiedelte – eben bewusst auf die Zukunft setzte. Und so ein Gebiet gibt es auch in Kaliningrad, gleich in unmittelbarer Nachbarschaft, wo ich privat wohnte. Das waren die Nordberge, zu deutschen Zeiten „Quednau“.

Ich begann intensive Spaziergänge und mir standen danach immer ein wenig die Haare zu Berge. Mir war unklar, wie Menschen so wohnen konnten. Hier stimmte einfach nichts. Und hier wollte ich mich mit meiner Immobilienfirma tummeln? Ich beschloss die Zeit zum Nachdenken etwas großzügiger zu bemessen.

Es kamen auch andere Gedanken auf, die berücksichtigt werden mussten. Wie organisiere ich meinen weiteren Aufenthalt in Russland, wenn meine bisherige Firma kein Visum mehr organisiert, keine Arbeitsgenehmigung sicherstellt? Brauche ich ein Auto für meine neue Tätigkeit? Brauche ich Mitarbeiter und wenn ja wie viele? Ich erinnerte mich an ein Wort des Genossen Stalin: „Ein Mensch, ein Problem. Kein Mensch, kein Problem.“ Ich wollte keine Probleme und entschied mich nach Varianten zu suchen, ohne festangestelltes Personal auszukommen.

Und so begann ich als erstes einen Test – komme ich ohne Firmenauto aus? Ich stellte meinen Firmenwagen der Allgemeinheit zur Verfügung und ging ab sofort nur noch zu Fuß. Das erregte allgemeine Heiterkeit in der Firma, denn die Mitarbeiter meinten, dass beim ersten Regen oder beim ersten Schnee ich ganz schnell wieder das Auto nutzen werde. Diesmal irrten sich meine Mitarbeiter. Ich brauchte weder das Auto noch meinen Fahrer.

Ich brauchte in erster Linie Zeit zum Nachdenken und zur Erarbeitung eines Businessplanes.

 

Datum der Publizierung: 26. Oktober 2014

WIEDERSEHEN MIT LENINGRAD

Die von mir gewählte Überschrift ist nur bedingt richtig, denn ich sah nicht Leningrad wieder, sondern ich reiste nach St. Petersburg. Aber ich gehe nun mal davon aus, dass ich in meine Vergangenheit reiste und mit der Überschrift wollte ich nur den Erinnerungssprung herstellen.

Die Reise war ein wirklicher Glücksumstand. Sicher stellte es für mich überhaupt kein Problem dar, zu jeder von mir gewünschten Zeit nach St. Petersburg zu fliegen. Von Kaliningrad aus gingen mehrmals am Tag regelmäßige Flüge. Nur ließ ich mich oftmals durch die Arbeit einfach auffressen und dadurch wurde die Reise immer wieder verschoben. Der Vollständigkeit halber muss ich aber auch sagen, dass ich im Jahre 2000 schon mal für einige Tage in St. Petersburg war. Auf vielfache Bitte eines deutschen Bekannten, der mich mit seiner Lebensgefährtin  in Kaliningrad besuchte, reiste ich als Reiseführer mit nach St. Petersburg. Meine Interessen habe ich natürlich den Interessen meiner Bekannten untergeordnet, so dass der jetzige Besuch für mich einen anderen Stellenwert in nostalgischer Hinsicht erhielt.

Diesen Besuch hatte ich einem Geschäftspartner zu verdanken, der uns mit Zigaretten belieferte. Wir arbeiteten schon viele Jahre sehr erfolgreich zusammen. Ein Grund dafür waren auch unsere regelmäßigen Kontakte und Treffen in Hamburg, Kaliningrad, Sotchi und Moskau. Diesmal schlug man mir ein Treffen in St. Petersburg vor. Ich griff begeistert zu, auch in der Hoffnung, neben den geschäftlichen Dingen auch ein wenig Privates erleben zu können. Das Treffen wurde im Mai organisiert, also genau zum Zeitpunkt der „Weißen Nächte“ in St. Petersburg. Klaus und Rolf, zwei alte Bekannte aus der Partnerfirma waren aus Hamburg angereist. Beide waren Ost-Elbler, beide hatten Russland- und Leningraderfahrung. Ich hatte dort studiert, Klaus hatte einige Jahre im Interesse einer großen deutschen Genussmittelfirma dort ein Restaurant geleitet und Rolf hatte kurze Zeit für eine deutsche Werbefirma in St. Petersburg gearbeitet.

Ich kam mittags auf dem Flughafen Pulkowo an und wurde von beiden abgeholt. Meine Unterbringung erfolgte in einem sehr guten Hotel direkt auf dem Newski-Prospekt. Schon alleine das war ein Erlebnis. Morgens beim Frühstück aus dem großen Panoramafenster des Hotels im zweiten Stock zu sehen, das Frühstück zu genießen und den Newski aufmerksam beobachten zu können. Ich sah jetzt auch mit ganz anderen Augen auf die Stadt. Damals, während des Studiums, ging es im Wesentlichen nur darum, Geschäfte zu finden, wo man Defizitware einkaufen konnte. Heute ging es mir darum überhaupt nicht. Ich schaute auf die Architektur, auf die Qualität der Restaurierung vieler Gebäude, auf die Gestaltung der Außenanlagen. Es tat sich viel in St. Petersburg, denn es war auch viel nachzuholen. Da im Jahr darauf das 300-jährige Stadtjubiläum begangen wurde, unternahm man auch besonders viele Anstrengungen. Dazu kam, dass Wladimir Putin aus dieser Stadt kam und natürlich viel tat, damit diese Stadt wieder zur echten nördlichen Alternative zu Venedig wurde.

Nach dem Mittagessen machten wir eine kleine Stadtrundfahrt und fuhren zu meiner Akademie. Sie hatte sich überhaupt nicht verändert. Nur jetzt standen ein paar Gerüste da, um die Außenfassade neu zu verputzen. Die Akademie befand sich in der Ersten Linie, der sogenannten Parteitagsstraße, direkt am Newa-Ufer in der Nähe der Kunstkamera und des Menschikow-Palastes.

Frechforsch ging ich, gemeinsam mit Klaus und Rolf, auf den Wachposten zu und erklärte, dass ich hier mal Student war, vor zwanzig Jahren, und ich möchte mir noch mal die Akademie anschauen. Natürlich war mir an sich klar, dass mich der Soldat nicht so einfach durchlassen konnte, aber er tat es zu meinem Erstaunen. Leider bekam er dafür anschließend ein paar Probleme. Das hatte ich bei meinem Verhalten nicht berücksichtigt, aber ich konnte leider nicht mehr helfen.

Wir waren also drin und sahen sofort das sogenannte neue Gebäude, in das wir damals im letzten Studienjahr umgezogen waren. Es sah schlimm aus. Die Fassade sah wie nach einem Artilleriebeschuss aus. Ringsum wäre es auch nötig gewesen, ein wenig für das Außenrevier zu tun. Wir gingen in das Gebäude und als erstes stellte ich fest, dass sich eine Sache nicht geändert hatte. Der Fahrstuhl funktionierte schon vor zwanzig Jahren nicht und jetzt hing wieder ein Schild dran, welches die gleiche Information verkündet: „Lift arbeitet nicht.“  Bevor ich jedoch eigenmächtig mich nach oben begeben konnte, kam auch schon der Diensthabende an und fragte woher und wohin. Ich erklärte ihm alles und sofort wurde der Chef der Fakultät geholt, ein Oberst, ungefähr in meinem Alter. Irgendwie kamen wir sofort gut ins Gespräch. Ich fing an von vergangenen Zeiten zu erzählen, einige Anekdoten und was wir sonst noch so erlebt hatten. Er war damals auch Hörer an der Akademie, aber gemeinsame Bekannte hatten wir nicht. Er stellte mir einen Oberstleutnant zur Seite, der mich durch die Akademie begleiten und mir alles zeigen sollte, was ich sehen wollte. Dieser war mir aber weniger gut gesonnen. Als wir in der dritten Etage im Kinosaal waren, machte ich die Bemerkung: „Oh, hier konnten wir immer gut schlafen, wenn die Kinolektion nicht so besonders interessant war.“ „Ich dachte, sie waren zum Studieren hierhergekommen und nicht zum Schlafen“, - war sein trockener und humorloser Kommentar. Ich musste schlucken. Es war nur als Scherzbemerkung gedacht, aber anscheinend war ich an einen Akademielehrer geraten der vergessen hatte, dass er auch mal Student war, der auch nur das gemacht hatte oder auch nicht gemacht hatte, was alle anderen Studenten taten. Ich entschied, den Besuch etwas zu verkürzen, denn mit so einem humorlosen Begleiter konnte ich einfach nicht. Er brachte mich noch in das Lehrerzimmer. Dort hatten sich einige Oberstleutnante und Oberste versammelt, die mehr Humor hatten und sofort ein intensives Gespräch mit mir begannen. Einige hatten in der DDR gedient und freuten sich, jetzt mit einem ehemaligen Oberstleutnant der NVA, der dazu noch an dieser Akademie studiert hatte, ein Gespräch führen zu können. Schließlich begann für mich ein Examen. Einer der Lehrer kam auf mich zu und deutete auf eine Fotografie an der Wand. „Wer ist das?“ fragte er. Das Gesicht kam mir bekannt vor, aber ich wusste es nicht. „Was, du willst hier studiert haben und kennst den Mann nicht? Das ist Frunse“, - meinte er. „Ja, Frunse ist mir natürlich ein Begriff. Aber er hat mit dieser Akademie absolut nichts zu tun. Frunse war ein Heerführer und Kommandeur und hatte mit meiner Studienrichtung absolut nichts zu tun und auch nichts mit dieser Akademie. Frunse ist der Namensgeber für die Kommandeursakademie in Moskau“, - antwortete ich. „Na gut“, meinte der Oberst, „und wer ist das?“ Die Frage war einfach zu beantworten: „Das ist Putin, unser Präsident“, antwortete ich. Er war verdutzt: „Wieso unser Präsident? Ich denke, du bist Deutscher?“ „Ja, ich bin Deutscher, lebe aber nun schon so viele Jahre in Russland, dass ich mich eigentlich auch als Russe sehe und schon weniger als Deutscher, auch wenn ich nicht die russische Staatsbürgerschaft habe.“ Er war wohl ein wenig beeindruckt, denn ein Deutscher, der gerne Russe sein wollte, das gab es wohl nicht allzu oft. „Und nun die letzte Frage: Wer ist das?“ Auch diese Frage war leicht zu beantworten - dachte ich zumindest. „Das ist Gorbatschow, der ehemalige Generalsekretär und Präsident der Sowjetunion!“ „Falsch“, antwortete der Oberst. „Das ist der Verräter, der Schuld ist am Untergang des Sozialismus und dem Zerfall der Sowjetunion, unserer Heimat.“ Ich war etwas betroffen. Ich kannte natürlich die Meinung vieler Russen zum Thema Gorbatschow. Er war in Russland nicht sehr beliebt und wurde wirklich vielfach ganz offen als Verräter am Vaterland bezeichnet. Ich hatte zu diesem Thema auch meine Meinung, behielt sie aber für mich, da ich einerseits mich mit der verdammten Politik nicht mehr befassen wollte und andererseits meine Meinung abwich von der eben geäußerten. Ich rechnete Gorbatschow doch einige Verdienste an dem  positiven Verlauf der Geschichte der letzten 15 Jahre an. Dass dabei nicht alles zugunsten der Sowjetunion ausfiel, musste auch klar sein, denn die Geschichte kann nicht nur Gutes tun, zumal an bestimmten negativen Prozessen auch die sowjetischen Menschen selber Schuld sind, so wie alle anderen Menschen auf der Welt ihren Anteil an dem Lauf der Geschichte haben.

Ich verabschiedete mich aus der Akademie, zufrieden mit dem, was ich gesehen hatte. Am Ausgang erwartete mich noch eine traurige Nachricht. Ich traf dort eine Frau, welche mir bekannt vorkam und ich fragte, ob sie nicht damals als technische Mitarbeiterin in der Ausländerfakultät tätig gewesen war. Sie bestätigte dies und sagte auch, dass sie sich an mich erinnern könne. Ich fragte sofort, ob sie denn noch wüsste, was aus Irina, unserer Russischlehrerin geworden sei. Sie sagte mir, dass sie  leider vor ungefähr fünf Jahren gestorben sei. Es tat mir natürlich leid, denn ich hätte Irina gerne besucht und gesehen, ob ich ihr irgendwie helfen könnte.

Im Anschluss an den Akademiebesuch fuhren wir raus zum Prospekt Toresa. Ich wollte mein Wohnheim sehen. Hier hatte ich weniger Glück. Das Wohnheim stand zwar noch und war auch noch ein Wohnheim, aber genau in dem Aufgang, in dem ich gewohnt hatte, hatte man mit der Hauptinstandsetzung begonnen. Der Aufgang war völlig ausgehöhlt worden und es standen nur noch die nackten Mauern. Es gab also nichts mehr zu sehen und wenn in absehbarer Zeit die Instandsetzung abgeschlossen sein würde, würde ich bestimmt nichts wiedererkennen.

Danach ging es zum „Piskarewskoje Kladbishe“, dem Heldenfriedhof von Leningrad. Hier lagen Hunderttausende Opfer der Neunhundert-Tage-Blockade von Leningrad begraben. Wir hatten alle drei den Wunsch dorthin zu gehen. Dieser Ort des Gedenkens war wie immer sehr gut gepflegt und wirkte ergreifend auf den Besucher. Ich würde jedem Besucher von St. Petersburg empfehlen, diesen Ort in das Besuchsprogramm mit aufzunehmen. Auch mit dem Gedanken zu sehen, welch großes Unglück wir Deutsche damals über diese Stadt gebracht haben und dann das Verhalten des russischen Menschen heute zu uns zu beurteilen. Ich glaube, dass wir in Loyalität, Menschlichkeit und aufeinander zugehen und von der Art und Weise, wie man sein Gegenüber akzeptiert, so wie er ist, von dem russischen Menschen einiges lernen können.

Am Abend gingen wir in ein Restaurant namens „Russischer Kitsch“. Ein wirkliches Erlebnis. Die Gestaltung des Restaurants direkt am Newaufer war originell. Die Speisekarte war eingebunden in alten kommunistischen Büchern, das Essen war schmackhaft und wurde phantasiereich serviert.

Alles, was St. Petersburg braucht, um Touristen gut zu empfangen, war vorhanden. Viele Restaurants mit höchstem Niveau, sogar besser als in Deutschland, würde ich mal behaupten. Es hatte sich wirklich viel getan.

Danach bummelten wir noch ein wenig am Newaufer entlang und dann ging es zurück ins Hotel. Den nächsten Tag hatte ich bis Mittag Zeit, mich alleine ein wenig umzusehen und ich nutzte die Zeit, den Newski-Prospekt hoch und runter zu laufen. Der Künstlerbasar hatte es mir besonders angetan und nach einigem Feilschen erstand ich auch ein sehr schönes Bild.

Eis habe ich nicht gegessen. Das war damals eines unserer Hobbys in Leningrad vor zwanzig Jahren. Egal, welche Temperatur herrschte. Eskimoeis wurde immer gegessen. Es schmeckte hervorragend und fünf, sechs Portionen konnte man schon verdrücken, bis man zum Platz Wosstanjia kam. Jetzt wurde leider nur Importeis angeboten und das schmeckte mir nicht. Den Nachmittag nutzten wir, um uns mit dienstlichen Dingen zu beschäftigen und fanden, was nicht anders zu erwarten war, für alle unsere Probleme eine gute Lösung.

Am Nachmittag fuhren wir nach Kronstadt. Ich fuhr zum ersten Mal dorthin. Zu meiner damaligen Zeit war dies verboten, es war Sperrgebiet, weil dort ein Teil der Flotte ihren Stützpunkt hatte. Es war sogar angeraten, den Namen „Kronstadt“ nicht zu erwähnen. Umso mehr war ich gespannt, was ich denn jetzt sehen würde. Ich sah nichts Besonderes. Ich denke mal, dass zur Zarenzeit dies sicher ein sehr schöner Ort gewesen war, indem es sich gut leben und arbeiten lies. Jetzt war alles etwas eintönig und runtergekommen. Der Wachposten erhielt von Klaus einen Reklamekugelschreiber geschenkt und schon öffneten sich die Tore zum Allerheiligen und wir durften in das ehemals streng verbotene Gebiet rein. Auch hier sah ich nichts Besonderes. Es lagen noch ein paar schrottreife Kähne an der Mole, einige waren untergegangen und es schauten nur noch traurige Reste aus dem Wasser und die paar U-Boote, welche wir von weitem sahen, machten auch nicht gerade einen gefechtsbereiten Eindruck. Nach einer halben Stunde fuhren wir wieder zurück und es ging in Richtung Repino am Finnischen Meerbusen. Hier waren wir jeden Sommer zum Baden hingefahren. Damals mussten wir alles mitnehmen, weil es absolut keine Infrastruktur gab. Kein Kiosk, kein Restaurant, einfach nichts. Und heute gab es einfach alles. Direkt am Strand gingen wir in eins von vielen kleinen, sauberen Restaurants und wurden hervorragend bewirtet. Anschließend zeigte mir Klaus noch einige andere Sehenswürdigkeiten. Es gab sehr schöne Kirchen und auch die Landschaft lud zu einem Spaziergang ein. Dann sahen wir noch die Häuser derjenigen Russen, welche sich in St. Petersburg keine Mietwohnung leisten konnten. Gut, Scherz beiseite. Ich habe in meinem Leben, insbesondere nach 1990 wirklich viele schöne Orte gesehen, aber was ich hier sah, war einfach unbeschreiblich. Geld spielte anscheinend überhaupt keine Rolle. Sehr schöne, große und mit viel Geschmack gebaute Häuser, Villen, Paläste. Tief beeindruckt  fuhren wir nach St. Petersburg zurück. Wir hielten noch am Hotel Sputnik an und gingen in das Cafe´ in der fünften Etage. Leider existierte die Bar in der dritten Etage nicht mehr, aber das Cafe´ in der fünften Etage war fast genauso eingerichtet wie damals. Wir tranken Tee und anschließend ging es durch das Großstadtgetümmel zum Airport, denn um neunzehn Uhr ging mein Flieger nach Kaliningrad zurück.

 

Datum der Publizierung: 02. November 2014

EINE KLEINE REVOLUTION IN DER FIRMA

Naja, ganz so schlimm wie es die Überschrift aussagt war es nicht. Aber eine neue Etappe in der Entwicklung sowohl der Firma, wie auch einzelner Mitarbeiter war es schon. Und es war ein Schritt für meinen geplanten Ausstieg aus der Firma. Zuviel Verantwortung war in einer Hand konzentriert, in meiner Hand und dies war für die Firma nicht gut.

Wir hatten den Schwachpunkt Logistik in der Firma schon vor längerer Zeit erkannt und deshalb hatte ich meinen Assistenten Dima auch nach Deutschland geschickt, damit er sich zu speziellen Fragen dort bei Spezialisten kundig machte.  Nun war der Moment gekommen für die von uns angestrebten Veränderungen.

Der Anlass für Veränderungen war ein kleiner, wie fast immer im Leben. Der Zeitpunkt günstig. Der Generaldirektor befand sich auf Urlaub im Ausland und ich hatte ihm versprochen, bis zu seiner Rückreise radikal Ordnung im Großhandelslager zu schaffen. Wir hatten schon neues Personal eingestellt und dieses wartete nun auf neue Aufgaben. Viele Dinge organisatorischer und technischer Art waren nicht optimal organisiert, die Zusammenarbeit mit den Lieferanten musste reorganisiert, Zollprobleme gelöst werden. Das war eigentlich die Aufgabe von Logistikspezialisten. Die waren aber in der Firma nicht vorhanden. Wir hatten damals im Jahre 1995 eine sogenannte Versorgungsgruppe geschaffen, welche sich mit dem Warenempfang, der Lagerung und der Belieferung der Shops aus dem Zentrallager befasste. In dieser Gruppe befanden sich ausschließlich enge Vertraute oder Freunde vom Generaldirektor. Diese versuchten natürlich so gut es eben ging, die notwendigen Aufgaben zu erfüllen. Doch auf Grund mangelnder Qualifizierungen gelang dies nur bedingt. Es fehlten Fremdsprachenkenntnisse und Kenntnisse der Zollgesetze und auch sonstiger Transport- und Lagerbedingungen. So musste oftmals mein Assistent diese Aufgaben wahrnehmen. Und nun kam uns der Gedanke, dass er doch diese Aufgabe als neuer Logistikleiter der Firma prinzipiell übernehmen könnte. Mir tat es im ersten Moment etwas weh, dass er mich als Assistent verlässt, aber im Interesse der Firma mussten meine Interessen eben zurücktreten. Da ich prinzipielle Entscheidungen dieser Tragweite grundsätzlich nicht alleine treffe, setzten wir uns in der Firma zusammen und begannen eine neue Struktur für die Firma zu entwickeln. Dabei merkten wir, dass nicht nur die Logistikabteilung neu geschaffen werden musste, sondern auch die Handelsabteilung einer Reformierung unterzogen werden musste. Wir merkten schon eine geraume Zeit, dass wir einer Krise auch in der Handelsabteilung entgegensteuerten. Es wurde kein Stein mehr auf dem anderen gelassen. Bis zur Rückkehr des Generaldirektors standen unsere Vorschläge.

Ein wichtiger Punkt und die größte Schwierigkeit bei unseren Vorschlägen war, das wir nicht wussten, was wir mit dem Personal der bisherigen Versorgungsgruppe machen sollten. Ich wusste genau, dass der Generaldirektor es nie zulassen würde, diese Leute auf die Straße zu setzen. So nahmen wir als neues Strukturelement eine Transportabteilung auf. Eigentlich gehörte dieses Element natürlich auch in die Logistikabteilung. Aber um die Position des neuen, in der Personalführung noch unerfahrenen Logistikleiters zu stärken, schien es mir ratsam, hier eine gesonderte Abteilung zu schaffen, die man dann zu späteren Zeiten weiter vervollständigen – sprich in die Logistikabteilung eingliedern konnte. Kurz gesagt, uns gelang dieser wichtige Schritt.

Den Generaldirektor war natürlich sofort die Bedeutung dieser Transportabteilung klar, aber er sagte nichts. Über einen Monat wurde noch an unseren Vorschlägen gefeilt, aber es gab zum Glück keine prinzipiellen Änderungsforderungen von seiner Seite.

Der Umbau der Handelsabteilung lief etwas holprig. Wir hatten einige Schwierigkeiten, geeignetes, qualifiziertes, neues Personal zu finden. Das bisherige Personal musste sich in die neuen Aufgaben einarbeiten, konnte die alten Aufgaben noch nicht abgeben – kurz, es gab schon einige kritische Momente.

Gleichzeitig war es so, dass durch die erfolgreiche Arbeit der neuen Logistikabteilung der Umsatz wuchs und immer mehr und größere Bestellungen ausgelöst werden mussten. Dies fiel aber in die Verantwortung der Handelsabteilung. Wir hatten also einige kritische Wochen zu überleben.

Es war natürlich nicht so, dass das ganze System vor dem Zusammenbruch stand. Nur die Belastung für die Mitarbeiter war enorm. Viele arbeiteten bis in die späten Nachtstunden. Natürlich gab es auch Mitarbeiter, die genau auf die Arbeitszeit achteten. Diese Tendenz hatten wir in der Firma auch schon seit einiger Zeit bemerkt. Sogenannte Patrioten gab es von Jahr zu Jahr weniger in der Firma. Es lief alles und die Aufbau- und Pionierjahre waren vorbei und so schaffte sich jeder seine eigenen Bequemlichkeiten. Gut, es musste nicht unbedingt länger gearbeitet werden, wenn keine Notwendigkeit bestand. Aber zu bestimmten Zeiten erwartete ich dies einfach von den Mitarbeitern.

Unsere kleine Revolution war sehr erfolgreich. Es wurde also nicht langweilig in Kaliningrad. Und genau das war es, was mich in diesem Land hielt. Jeder Tag brachte neue, interessante Aufgaben und Probleme. Und man sah, dass es vorwärts ging.

Und vorwärts gehen sollte es nun auch mit meiner Immobilienfirma.

 

Datum der Publizierung: 09. November 2014

Die Grundidee der Immobilienverwaltung

Gut war der Umstand, dass es keinerlei Zeit- oder Finanzdruck für die Erarbeitung des Businessplanes für meine geplante neue Tätigkeit gab. So suchte ich mir auch in aller Ruhe eine Partneragentur, über die die ganzen Immobilienangelegenheiten, für die der Staat zuständig ist, geregelt werden konnten. Und ich fand eine kleine, ehrliche Agentur.


Foto (privat): Sofia – von der Immobilienagentur „Sofia“

 

Diese erhielt die Aufgabe alle Immobilienobjekte, die in den Nordbergen zum Verkauf standen, an mich zu übermitteln. Stimmten der Ort, das Objekt und der Preis, wurde gekauft. Grundidee war, dass wir sowieso nie ein ideales Immobilienobjekt kaufen werden. Es waren alles mehr oder weniger Schrottmobilien, die mit großem Kraftaufwand auf unsere Verhältnisse umgebaut werden mussten. Deshalb war in erster Linie der Platz wichtig und das die Immobilie möglichst im schlechten Zustand war, denn das bedeutete eben auch relativ preiswert zu kaufen. Geplant war, alle Gebäude völlig zu entkernen und von innen neu aufzubauen.


Foto: Kartenausschnitt Kaliningrad – Nordberge mit unserem geplanten Interessengebiet

 

Ein weiterer Gedanke war ein langfristiges Engagement. Also sollte nicht gekauft, instandgesetzt und wieder verkauft werden, sondern es sollte Geld über Vermietung verdient werden. Woher allerdings die Mietkunden kommen sollten – das war immer noch unklar. Auch boten wir mit diesen Objekten Wohnungen zur Miete an, die es bis dato nicht in Kaliningrad gab. Es waren Häuser mit zwei bis drei Wohneinheiten, auf individuellem Grundstück mit Rund-um-Service. Das hatte natürlich alles seinen Preis und für diesen Preis gab es keine Kunden. Aber bei jedem Plan ist ein gewisser Optimismus, eine gewisse Zuversicht nötig. Und so, wie wir eine Duty-Free-Firma in Kaliningrad und eine in Sotchi aufgebaut und damit Neuland betreten hatten, so hoffte ich auch auf eine Erfolgsgeschichte in Rahmen einer Immobilienverwaltung.

Um diese Erfolgsgeschichte zu organisieren, war es allerdings auch notwendig, das Image des Stadtteils anzuheben. Und so wurde in den Businessplan aufgenommen, in einschlägigen Immobilienzeitungen Artikel zu schreiben über die Entwicklung der Nordberge, über Vor- und Nachteile des „arbeiten im Stadtzentrum, wohnen am grünen Stadtrand“. Und wir nahmen in die Planung auch die optisch ansprechende Gestaltung der Grundstücke auf, um so Signale an die Nachbarn zu senden, auch etwas für ein schönes, gepflegtes Grundstück zu tun. Und mit ein wenig Geduld und Ausdauer, würde sich der Status der Nordberge schon ändern. Und damit möglichst das Gesamtgebiet eine Entwicklung erfuhr, wollten wir auch in erster Linie, entlang einer „gedachten Linie“, quer durch die Nordberge Immobilien kaufen – bis hin zum Stadtrand. Wenn dies erfolgt war, dann sollten weitere Objekte, links und rechts von dieser „gedachten Linie“ erworben werden.

 

Datum der Publizierung: 16. November 2014

Erste Erfolge in der Immobilienwirtschaft

 

Meine erste Immobilie in der Kolchosstraße war schon seit langem fertig. Mieten wollte sie niemand. Zu groß, zu teuer? Internet und Internetportale für Immobilien gab es damals in Kaliningrad noch nicht und so waren wir auf Makleragenturen angewiesen, die sich gerade erst entwickelten und das Thema „Vermietung“ spielte hier nur eine geringe Rolle.

Und ich begann mir natürlich Sorgen zu machen, ob die neue Immobilie wirklich eine richtige Investition war, denn immerhin wollten wir in diesem Haus sofort drei Wohnungen schaffen. Aber wenn wir die erste Wohnung schon nicht vermietet haben, wie soll es dann mit diesen drei Wohnungen werden?

Aber meine Sorgen waren unbegründet. Noch waren wir im vollen Baugeschehen, als sich plötzlich eine norwegische Firma für eine der Wohnungen interessierte. Sie wollten in Kaliningrad eine Vertretung eröffnen und suchten für eine Mitarbeiterin eine Wohnung. Kaum hatten wir einen vorläufigen Mietvertrag abgeschlossen, stand auch schon der nächste Kunde für die zweite Wohnung bei mir im Office. Dann vermieteten wir auch die Kolchosstraße – alles innerhalb kürzester Zeit. Ich habe bis heute keine Erklärung für diese völlige Änderung der Situation. Aber eigentlich ist es typisch für Russland – wir leben hier in einer ständigen Sinuskurve der Ereignisse.

Da aber alles sich plötzlich so schnell entwickelte, musste ich auch personell darauf reagieren. Die Struktur wurde durch einen technischen Direktor erweitert, eine „Hausdame“ zur Betreuung der Mieter wurde eingesetzt und wegen der Bequemlichkeit erhielt sie auch die dritte Wohnung in unserer neuesten Erwerbung als Dienstwohnung. Für alle anderen Dienstleistungen wurden Verträge mit Dienstleistungsfirmen abgeschlossen. Das war zwar etwas teurer, dafür war ich aber nicht für das Personal verantwortlich.  

Und wenn denn alles so gut lief, dann sollte man die Entwicklung auch weiter vorantreiben. Die Makleragentur „Sofia“ erhielt nun Signale, sich mit weiteren Objekten zu beschäftigen. Aber wir schrieben nun schon das Jahr 2003 und die Preise für Immobilien begannen zu steigen. Um es vorwegzunehmen. Die Preise stiegen jährlich um mindestens 25 Prozent und erreichten ihren absoluten Höhepunkt im Jahre 2006, wo alleine in diesem Jahr die Immobilienpreise durchschnittlich um 62 Prozent explodierten.

Es musste also etwas Druck gemacht werden, wenn ich nicht zu tief in die Tasche greifen wollte. Immerhin waren die Berechnungen im Rahmen des Businessplanes so, dass sich die Immobilien innerhalb von zehn Jahren maximal amortisiert haben sollten. Für Russland war dies ein langer Zeitraum, denn der Russe war und ist es gewohnt, schneller Geld zu verdienen. Ich hatte aber eigene Prinzipien und die ließen eben nicht zu, auf Kosten anderer schneller reich zu werden, als es die Moral gestattet.

Zuerst wurde das kleine Viertel durchkämmt, wo wir bereits seit 1999 wohnten und welches sich bereits zu einem sehr gefragten Wohnviertel entwickelt hatte. Es standen schon viele Häuser zum Verkauf – also keine fertigen Häuser, sondern irgendein Rohbau. Und die Bauherren, die diesen Rohbau vor ein paar Jahren begonnen hatten und nur wenige Rubel dafür aufwenden mussten, konnten nun über Nacht sich für den Rest ihres Lebens finanziell sanieren – zumindest für Kaliningrader Verhältnisse. Heute bedaure ich, dass mir diese Immobilien zu teuer waren – ich kaufte direkt in den Nordbergen, dem (noch) verrufenen Wohngebiet, für die Hälfte der Preise die in meiner Siedlung gefordert wurden, die doppelte Anzahl von Quadratmetern. Leider war das für mich entscheidend. Mit meinem Wissen von heute ist klar, dass es nicht die richtige Entscheidung war.

Foto: Einige Objekte in der Bjedny-Strasse (Scherzhaft übersetzt als „Straße der Armen“, aber der Name stammt von einem sowjetischen Dichter, der dem Genossen Stalin sehr nahe stand).
 
 
Datum der Publizierung: 23. November 2014
 

Der Einstieg in den Ausstieg

In der Firma merkte man, dass meine Interessen sich immer mehr meiner eigenen Firma, der Immobilienverwaltung, zuwandten. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis Gespräche stattfinden mussten, wie es denn weitergehen sollte. Der Generaldirektor nutzte eine Geschäftsreise mit mir in die Schweiz, um, einer alten Tradition folgend, bei einem Spaziergang am Genfer See, mit mir dieses Thema anzuschneiden. Ich war darauf nicht so richtig vorbereitet. Natürlich wusste ich, dass das Thema mal kommt, aber gerade hier und jetzt – das kam dann doch etwas unerwartet und ich lavierte ein wenig. Natürlich merkte das der Generaldirektor – wir kannten uns beide zu gut, um uns noch etwas gegenseitig vorzumachen. Er meinte, dass er es schon verstehe, wenn ich jetzt andere Interessen habe, aber ich sollte auch bedenken, dass auch er sich um seine Firma kümmern muss und er wollte mich als volle Arbeitskraft behalten. Wenn ich das nicht will oder kann, dann, so sein Vorschlag, sollte ich über andere Formen der Zusammenarbeit nachdenken. Er würde dann die Funktion seines Stellvertreters neu besetzen.

Seine Position war einfach, klar und nachvollziehbar. Und so begann ich nach unserer Rückkehr sofort die Weichen weiter zu stellen. Viele Dinge, die ich bisher persönlich bearbeitete, wurden Schritt für Schritt auf andere Mitarbeiter aufgeteilt. Die empfindlichen und vertraulichen Dinge übergab ich im Verlaufe des Jahres an einen Mitarbeiter meines Vertrauens, die ganz vertraulichen Dinge blieben weiterhin bei mir.

Dann machte ich mir Gedanken, wie ich meinen Aufenthalt in Russland weiter regeln sollte. Da ich mich mit der ganzen Migrationsgesetzgebung nie befasst hatte, lenkte ich meine Schritte zur Adresse „Sowjetski Prospekt“, wo damals die zuständige Stelle saß.

Foto: Migrationsdienst auf dem Sowjetski-Prospekt in Kaliningrad

 

Ich traf auf nette, hilfsbereite Mitarbeiter. Alles das, was man mir über die russische Bürokratie, die unhöflichen Mitarbeiter erzählt hatte – ich fühlte, dass ich wohl in irgendeiner anderen Behörde eines anderen Landes gelandet war.

Man bat mich, ein paar persönliche Daten dazulassen und man würde mich anrufen, wenn man näheres wüsste. Ein paar Tage später wurde ich zu einem Gespräch gebeten und man fragte, warum ich ein Businessvisum haben will und nicht das Zeitweilige Wohnrecht. Ich hatte keine Ahnung, was das ist. Man erklärte mir, dass es eine neue Migrationsgesetzgebung gibt und da ist es möglich, wenn man einen längerfristigen Aufenthalt in Russland plant, das zeitweilige Wohnrecht zu beantragen. Es ist ein wenig mit Laufereien verbunden, aber man versprach mir zu helfen. Ich bekam die Liste der Dinge die zu beschaffen und zu erledigen sind und machte mich selber auf die Socken.

Wie ich all die Dinge abarbeitete – medizinische Untersuchungen an verschiedensten Stellen, Staatsanwaltschaft, Gerichtsvollzieher, Steuerinspektion – merkte ich, wie wenig ich mich doch mit dem eigentlichen Leben in Kaliningrad auskannte. Also war die Beantragung des Zeitweiligen Wohnrechts eine echte Chance, mich mit dem täglichen Kleinkram, den täglichen Sorgen, die mir bisher meine Firma abgenommen hatte, besser vertraut zu machen. Das brachte auch mehr Verständnis für die Probleme der Menschen, die in Kaliningrad, in Russland wohnten, mit sich.

Nach einem Monat hatte ich alle Unterlagen zusammen. Die netten Damen im „Sowjetski 13“ halfen die letzten Unebenheiten glatt zu hobeln und baten mich nun zu warten. Sechs Monate sollte die Prüfung dauern und wenn keine Versagungsgründe vorliegen, würde ich von ihnen hören. Ich musste keine sechs Monate warten, bis ich die Aufforderung erhielt, mit meinem Pass bei der Migrationsbehörde zu erscheinen. Auf meine erstaunte Frage, warum es so schnell geht, gab man mir zu verstehen, dass ich schon acht Jahre in Kaliningrad lebe und natürlich bei allen Stellen bekannt bin. Negativ war ich auch nie aufgefallen und so gibt es recht wenig „Klärungsbedarf“. Das war natürlich angenehm zu hören und dann kam der große Moment: Der Stempel „Zeitweiliges Wohnrecht Kaliningrad“ füllte eine ganze Seite in meinem Pass aus. Nun durfte ich wohnen, arbeiten, Geld verdienen, Geld ausgeben, machen und tun was ich wollte – toll.

Foto: Zeitweiliges Wohnrecht

 

Nach ungefähr drei Monaten, ich reiste mal wieder geschäftlich in die Schweiz, sprach mich ein Grenzbeamter an. Wir kannten uns alle noch aus den früheren Zeiten. „Uwe, warum stellst Du eigentlich keinen Antrag auf „Aufenthaltsgenehmigung“? Mein Gott, was war denn das nun schon wieder? Ich habe doch gerade erst das Zeitweilige Wohnrecht erhalten und nun gibt es noch eine Aufenthaltsgenehmigung? Mein Bekannter hatte Zeit, ich hatte auch Zeit bis zum Abflug und so setzten wir uns bei einer Tasse Tee hin und er erzählte …

Gleich nach meiner Rückkehr ging ich sofort wieder zum „Sowjetski 13“ und stellte dort die Frage nach der Aufenthaltsgenehmigung. Keine Ahnung wieso und warum, aber die Damen schienen schon auf mich gewartet zu haben. Tja, Kaliningrad ist eben klein und das bringt Vorteile, kann aber auch nachteilig sein. Auf alle Fälle brauchte ich nicht mehr viel zu erklären. Die einzige Frage die ich hatte war, dass man mir erklärt hatte, dass das Zeitweilige Wohnrecht drei Jahre gültig ist und erst danach kann ich einen Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung stellen. Die netten Damen meinten, dass das nicht meine Sorge sein soll. Ich sollte so schnell wie möglich dieselben Dinge erledigen, die ich bereits für das Zeitweilige Wohnrecht erledigt hatte und alles andere würde schon laufen. Gesagt, getan und – um es kurz zu machen – im März 2005  hatte ich das begehrte Dokument in Händen.

Foto: Aufenthaltsgenehmigung

 

Einen kleinen Schönheitsfehler hatte die Aufenthaltsgenehmigung allerdings. Sie war nur für ein Jahr gültig, obwohl sonst diese Genehmigung für fünf Jahre ausgegeben wird. Aber da die Aufenthaltsgenehmigung immer an die Gültigkeit des Reisepasses gekoppelt ist und mein deutscher Reisepass nur noch bis Juli 2006 gültig war, hatte ich die Gelegenheit, schon nach einem Jahr wieder die Verlängerung zu beantragen – diesmal mit neuem deutschen Pass und diesmal erhielt ich auch die 5-Jahresfrist.

Ich versuche viele Dinge, auch die Negativen, möglichst positiv zu sehen. Das meine erste Aufenthaltsgenehmigung nur ein Jahr gültig war, war ein negativer Fakt – natürlich durch mich selber verschuldet – aus Unwissenheit. Aber die vielen Laufereien innerhalb nur weniger Monate führten dazu, dass ich mit der Migrationsgesetzgebung recht gut bekannt war - ich besaß also Erfahrung, die andere nicht hatten. Warum dies also nicht für zukünftige Tätigkeiten nutzen? Und so begann ich Consultingmaterial für dieses Thema zu erarbeiten. Langfristig eine völlig richtige Entscheidung.

Meine Aktivitäten blieben natürlich in meiner bisherigen Firma nicht verborgen. Man merkte, dass ich kein Visum mehr brauchte, man merkte, dass ich keine Arbeitsgenehmigung mehr beantragte … und so war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich die Karten auf den Tisch packen musste. Aber bis dahin mussten noch einige Dinge richtig und korrekt geregelt werden.

Springen wir also nochmal kurz in das Jahr 2003 zurück – dem Jahr weiterer Entscheidungen zur Entwicklung der Immobilienverwaltung.

 

Datum der Publizierung: 30. November 2014

Der Immobilienbestand wächst

Die Zusammenarbeit mit unserer Partneragentur „Sofia“ entwickelte sich. Sofia war fleißig und schlug eine ganze Reihe von „Schrottmobilien“ vor, von denen allerdings nur wir überzeugt waren, dass es Schrottmobilien waren. Die Besitzer und zukünftigen Verkäufer erzählten von Architekturprojekten nach deutschem Vorbild, von Hochtechnologien die beim Bau verwendet wurden, von ökologischem Baumaterial und vor allem von viel Liebe, die sie persönlich in den Bau hatten einfließen lassen.

Das nächste Objekt erwarben wir in der Bogatyrskaja und da das alles so gut ging, kauften wir auch gleich noch das Haus gegenüber.

Foto: Vor und nach der Rekonstruktion – Gebäude mit drei Wohnungseinheiten, Garage und Stellplatz

 

Dann sollte noch ein drittes Haus, gleich daneben verkauft werden, aber der Besitzer spürte wohl meinen „Immobilienhunger“ und dachte, dass er mal schnell die Preise hochschrauben könnte. Er konnte mich also nicht von seinem Schmuckstück überzeugen. Und so blieb es bei unseren zwei Neuerwerbungen, die nach dem Umbau fünf neue Wohnungen zur Vermietung bringen sollten.

Foto: Vor und nach der Rekonstruktion – Gebäude mit zwei Wohnungseinheiten, Garage und Stellplatz

 

Während wir uns mit der Rekonstruktion der Gebäude beschäftigten, setzte sich unsere Glückssträhne fort. Der Kaliningrader Airport hatte im Jahre 2002 einen neuen Besitzer gefunden. Diese organisierten in den ersten Monaten alle notwendigen Projektarbeiten für die Rekonstruktion des Airports an sich und den Aufbau der Fluglinie „KD-Avia“. Nach dem alle Vorbereitungsarbeiten erledigt waren, siedelten die ersten Mitarbeiter nach Kaliningrad um. Und diese brauchten alle Wohnraum. Aber auch unsere Duty-Free-Firma brauchte etwas – nämlich die Genehmigung, des weiteren Ausbaus und der weiteren Nutzung von Räumlichkeiten für unsere Shops auf dem Airport. So wurde die Zusammenarbeit organisiert. Treffen im Office verliefen alle sehr erfolgreich und die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Firmen, also der Duty-Free-Firma und KD-Avia lief in hervorragender Art und Weise – bis zum Jahre 2008, dem Jahr wo KD-Avia wieder von der Bildfläche verschwand.

Die Gespräche im Office wurden natürlich durch mich genutzt, um auch die Wohnungsfrage für die ganzen Mitarbeiter zu klären. Es gab einen Riesenbedarf, denn angefangen von der Chefetage, über die Piloten bis hin zu anderen Spezialisten die sich mit der Rekonstruktion des Airports beschäftigten – alle brauchten Wohnraum. Und wir einigten uns.

Dann trat das ein, was wir vorausgesehen hatten. Plötzlich stand Kaliningrad im Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit. Die bisherigen kleinen diplomatischen Vertretungen wurden aufgestockt und auch Deutschland entschloss sich, in Kaliningrad ein Generalkonsulat zu eröffnen.

 

Datum Publizierung: 07. Dezember 2014

Druck, Druck … zu viel Druck

Die Entwicklung lief so rasant, dass ich nur noch wenige Stunden am Tag schlief. Es gab keinen Urlaub, keine Freizeit. Die Dinge fingen an, mir über den Kopf zu wachsen. Immerhin zeichnete ich für die Kaliningrader Duty-Free-Firma verantwortlich, betreute unsere Firma in Sotchi, arbeitete an einigen kleineren Consultingprojekten und baute die Immobilienverwaltung auf. Wenn es so weiter ging, dann war das Chaos, zumindest aber der Herzinfarkt, vorprogrammiert.

Es war notwendig, ein klärendes Gespräch zu führen. Und wir führten das Gespräch. Es lief nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber wir einigten uns. Der 31. Dezember 2004 sollte mein letzter Arbeitstag im russischen Einzelhandel, sprich Duty-Free sein. Bis dahin sollte ich einen Nachfolger einarbeiten. Einige Restfragen wollten wir etwas später klären.

Dann standen die deutschen Diplomaten vor der Tür. Sie suchten Wohnraum, sie fanden Wohnraum. Allerdings – das war für mich sehr erstaunlich, wollten sie bei mir anmieten, obwohl die vorgestellten Wohnungen entweder noch im Bau waren, oder erst gekauft werden sollten. Man wollte sich gedulden – ein halbes Jahr Wartezeit auf guten Wohnraum schien den Diplomaten angemessen zu sein.

Heute bin ich etwas klüger, wir haben viele Erfahrungen in der Vermietung gesammelt – gute und weniger gute. Und heute verstehe ich auch die Worte eines Generalkonsuls, geäußert während eines privaten Bieres viel besser: „Herr Niemeier, ich verstehe Sie nicht, dass sie an Diplomaten vermieten. Ich würde nie an Diplomaten vermieten! Wissen Sie, dass es Diplomaten in Deutschland sehr schwer haben, Wohnraum zu finden. In vielen Fällen muss das Auswärtige Amt eine Garantieerklärung für die Diplomaten abgeben, ansonsten würden sie alle im Hotel wohnen müssen.“

Aber im Jahre 2004 entschlossen wir uns, in völliger Euphorie, an Diplomaten zu vermieten. Dies betraf Diplomaten aus Deutschland, Litauen, Lettland, Polen. Aber um diese alle unterbringen zu können, wurden neue Objekte benötigt. Und so wurde weiter gekauft.

Zuerst ein Rohbau gleich neben unserem Office. Wir ahnten damals noch nicht, dass dieses Gebäude zum „Flaggschiff“ unserer Firma und zu einem der teuersten Objekte in unserer Wohnsiedlung werden sollte. Unsere Glückssträhne setzte sich also fort:

Foto: Unser zukünftiges „Flaggschiff“ vor und nach der Rekonstruktion im Jahre 2004

 

Vermietet hatten wir dieses Objekt also schon im Rohbau und das setzte uns unter enormen Druck, denn im Vertrag hatten wir uns verpflichtet, bis zum 1. Oktober alles fix und fertig zu machen.

Vierzehn Tage vor dem Einzugstermin bekamen wir Schwierigkeiten mit dem Gasanschluss. Irgendetwas klappte nicht. Panik in der Firma, denn ohne Gasanschluss ist eine Wohnungsnutzung schlicht unmöglich. Alle diejenigen, die sich in Russland etwas mit dem Bauwesen auskennen wissen, dass es einige Organisationen gibt, die einen an den Rand der Verzweiflung bringen können – aber ohne diese Organisationen geht es nicht. Das wissen die Organisationen und wer sich auf das berühmte Spiel mit dem Geld im Umschlag einlässt – der hat verloren. Der hat nicht nur dieses Geld verloren, sondern wird auch zukünftig immer Probleme haben – man weiß ja, dass derjenige bereit ist, Probleme mit Hilfe von Schmiergeldzahlungen zu lösen. Ich war dazu nicht bereit – unter keinen Umständen. Und so suchte ich den Kontakt zur obersten Leitung der Organisation, die „das letzte Wort hat“. Ich stellte das Problem dar, bekannte mich auch schuldig, dass ich an irgendeiner Stelle wohl was nicht so richtig in den Griff bekommen habe und bat um Hilfe. Ich bekam die Hilfe und zahlte nur mit einem „Vielen Dank“ dafür. Innerhalb von drei Tagen wurde der Gasstrang gelegt, die Papiere ausgestellt, und der „Schnitt“ in die Hauptleitung gemacht. In der letzten Septemberwoche war das Haus warm und die zukünftigen Mieter konnten Essen kochen.

Noch größer war der Druck mit anderen Diplomaten. Hier hatte ich mich auch entschlossen, zwei Reihenhäuser zu kaufen, die noch im Bau waren. Und hier gab es so große Probleme, dass ich vom Kauf zurücktreten musste. Aber wohin mit den Diplomaten? Intensiv suchten wir in den Nordbergen und fanden auch ein Haus in der Krasnocholmskaja – groß genug, um dort zwei Wohnungen einzurichten. Weitere Baubrigaden wurden angeheuert und Tag und Nacht gearbeitet. Wir alle waren am Ende unserer Leistungskraft und wussten eigentlich schon nicht mehr, wie wir diesen Stress überleben sollten. Aber wir schafften es – irgendwie schafften wir es und auch dieses Gebäude wurde rechtzeitig fertig, bevor der Möbeltransport der Deutschen eintraf.

Foto: Haus mit zwei Wohnungseinheiten, Sauna, Garage und kleinem Garten vor und nach der Rekonstruktion im Jahre 2004

 

Datum der Publizierung: 13. Dezember 2014

Ende und neuer Anfang

Das Jahr 2004 neigte sich seinem Ende. Es war angefüllt mit Arbeit, viel Arbeit. Alle beteiligten in allen Firmen waren froh, sich über die Neujahrsferien ein wenig erholen zu können. Für mich erfolgte der Abschied schon Mitte Dezember, denn ich flog wie üblich nach Deutschland zu meiner Mutter. Wenn ich im Januar 2005 zurückkehre, dann schon in meine eigene Firma, denn meine Mitarbeit im Duty-Free-Einzelhandel war gekündigt.

Foto: Erste Visitenkarte für die Immobilienverwaltung „Kaliningrad-Domizil“

 

Meine Rückkehr Anfang Januar 2005 brachte eine kleine Überraschung, denn mein ehemaliger Chef bat mich um ein Gespräch. Es ging darum, dass er wollte, dass ich einige Dinge in der Firma doch persönlich weiterführe. Er machte den Vorschlag, dass ich nicht als festangestellter Mitarbeiter arbeiten sollte, sondern meine Arbeit als Consultingleistung abrechne.

Ich verstand seine Beweggründe schon, denn in jeder Firma gibt es Dinge, die eben nur ein begrenzter Kreis von vertrauenswürdigen Mitarbeitern wissen sollte. Und eben diese Arbeiten sollte ich weiterführen. Ich erklärte mich dazu bereit, wohl wissend, dass ich einiges tun muss, um in möglichst kurzer Zeit für mich eine personelle Alternative zu finden. Die Immobilienverwaltung hatte nun einen Umfang angenommen, wo ich mich eigentlich ausgelastet genug fühlte – und ehrlich gesagt, ich wollte eigentlich auch das Leben ein wenig genießen.

Ich willigte also ein und arbeitete als Unternehmensberater „nebenbei“ in meiner alten Firma weiter. Nach einem Jahr war es dann so weit, dass ich einfach nicht mehr konnte. Die Belastung hatte jedes menschlich erträgliche Maß verloren und es wurde Zeit, ernsthaft auf die Bremse zu treten. Ich fand jemanden, den ich in die Arbeiten einwies und war davon überzeugt, dass der junge Mann diese Aufgabe über viele Jahre erledigen könnte – insbesondere auch deshalb, weil es sich um einen guten Bekannten des Generaldirektors handelte.

Leider hatte ich mich geirrt und dem jungen Mann stiegen einige Dinge zu Kopf und er glaubte, sein Wissen und seine von ihm vermutete „Unentbehrlichkeit“ ausnutzen zu können. Damit hatte er sich geirrt. Der Generaldirektor zeigte sich hier sehr schnell, sehr konsequent. Natürlich beriet er sich mit mir, wie dieses Problem „möglichst leise“ zu lösen ist und wir fanden eine Lösung. Die sah aber nicht so aus, dass ich in die Firma zurückkehrte. Ich hatte schon die „Freiheit“ genossen, mein eigener Chef zu sein, mir selber Aufgaben zu stellen und das zu tun was ich wollte. Ein phantastisches Gefühl, was ich nicht mehr missen wollte. Natürlich hat die Selbständigkeit auch den Nachteil, dass man sich nicht mehr auf feste Einnahmen verlassen kann. Aber auch als festangestellter Mitarbeiter kann ich meine Arbeit und somit mein Gehalt verlieren.

Aber ich brauchte mir keine großen Gedanken zu machen. Die Immobilienverwaltung entwickelte sich hervorragend, die Verwaltung der Objekte und die Betreuung unserer Mieter waren gut organisiert und wir schufen uns nach und nach einen Namen in der Stadt. Da auch die Stadt sich entwickelte, wuchs der Bedarf an Mietwohnungen stark an und in dem von uns besetzten Segment war das Angebot sehr klein. Letztendlich hatten wir sogar Wartelisten von denjenigen, die wir anrufen sollten, falls bei uns eine Wohnung frei wird.

Wir waren froh, als uns unsere Partneragentur „Sofia“ wieder anrief und uns ein neues Objekt anbot. Es entsprach ganz und gar unseren Vorstellungen: Schrecklich hässlich, schrecklich unpraktisch, vollständig vermatschte Hausstruktur, schlechte Straße, vernachlässigtes Grundstück, ärmliche Nachbarn links und rechts und ziemlich weit am Außenrand der Nordberge – also eine weitere „Perle“ auf der Kette, die wir durch die Nordberge spannen wollten. Wir kauften und renovierten.

Foto: Haus mit zwei Wohneinheiten, Garage, Stellplatz – fast am Stadtrand

 

Und während wir noch renovierten, bekamen wir gleich noch ein Haus am sogenannten Außenring angeboten. Diesmal ein kleines altes deutsches Siedlungshaus. Das Haus hatte 92 Quadratmeter und wir hätten es auch dabei belassen sollen und lieber auf dem sehr großen Grundstück noch zwei oder drei dieser kleinen Häuser dazu bauen sollen. Aber hier hatte ich wohl schon den berühmten „Tunnelblick“. Es gab ein Konzept, alles lief gut und so wurde stur danach gearbeitet – mit anderen Worten, wir brauchten große Häuser, große Wohnungen und dachten nicht daran, dass es irgendwann einmal nicht so gut läuft und die Kunden sich vielleicht große Wohnungen und große Häuser nicht mehr leisten können. Und im Falle eines Verkaufes lassen sich kleine Immobilienobjekte immer schneller veräußern als große, teure Objekte. Aber so war es nun mal, wir kauften das Siedlungshaus und erweiterten es um das Doppelte.

Foto: Dort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen – ein Kauf mit viel Mut und Hoffnung auf die Zukunft.

 

Während wir das Haus in der Nemanskaja renovierten, blieb das kleine Siedlungshaus erst einmal liegen. Wir merkten, dass wir das Tempo drosseln mussten, auch wenn die Leute nach unseren Wohnungen Schlange standen. Der Verwaltungs- und Betreuungsaufwand wuchs in einem Umfang, den wir so auch nicht erwartet hatten und wir wollten nicht auf einer Seite expandieren und auf der anderen Seite unseren guten Ruf ruinieren, indem wir uns nicht um unsere zahlenden Mieter kümmerten.

Das kleine Siedlungshaus nahmen wir erst Ende 2005 in Angriff und Mitte 2006 waren wir mit den Bauarbeiten fertig. Gerade rechtzeitig zu einem Zeitpunkt, wo ich – auch ein wenig unplanmäßig, eine weitere Entscheidung fällte. Aber dazu später.

 

Datum der Publizierung: 21. Dezember 2014

Politische Veränderungen in Kaliningrad

Das Jahr 2005 brachte politische Veränderungen in Kaliningrad. Wir erhielten einen neuen Gouverneur, ein Import aus Moskau und ich erlebte zum ersten Mal bewusst, was es bedeutet, einen richtigen Mann an der richtigen Stelle zu haben. Die Rolle des Gouverneurs hatte ich bisher immer nur als „Figur“ eingeordnet, der eine Provinz zu verwalten hat, regelmäßig Berichte schreibt und ansonsten das macht, was sein Vorgesetzter in Moskau anweist. Vielleicht war dies in der Vergangenheit auch so, aber Georgi Walentinowitsch Boos, der neue Gouverneur zeigte, dass er selbständig agierte. Er zeigte, dass er Unternehmer ist und unternehmerisch denkt. Und er zeigte, dass er viele Beziehungen in Moskau hatte. Und diese Beziehungen nutzte er, um russische Unternehmer nach Kaliningrad zu holen. Es begannen die Boom-Jahre in Kaliningrad. Es ging rasant vorwärts und wir schwebten im siebten Himmel – auch was das Geldverdienen anbelangte.

Eines guten Tages flatterte dann eine interessante Information auf meinen Tisch. Ein Haus, gleich über den Zaun zu unserem „Flaggschiff“, wurde zum Verkauf ausgeschrieben. Es war ein Rohbau und als ich den Preis hörte, ordnete ich die Besitzerin in die Kategorie „nicht zurechnungsfähig“ ein. Ich irrte mich aber, denn es fand sich sehr schnell ein Käufer. Und es war unser neuer Gouverneur. Er war kinderreich und für Frau und fünf Kinder war ein Häuschen mit rund 500 Quadratmetern wohl nicht zu klein. Somit erhielten wir sehr prominente Nachbarn, die Immobilienpreise explodierten in unserem Umfeld, die Stadtverwaltung nahm das Wohngebiet unter besondere Obhut und die Liste derjenigen, die in der Nähe des Gouverneurs eine Wohnung mieten wollte, wurde noch länger.

Foto: Georgi Walentinowitsch als begeisterter Gitarrespieler

 

Eigentlich hätten alle mit der Entwicklung der kommenden Jahre zufrieden sein können, aber irgendwie fing ich an misstrauisch zu werden. Ich erinnerte mich an die Krisen, die ich seit 1995 durchgemacht hatte und es wurde langsam Zeit, dass wieder irgendetwas Negatives passiert. Wir schrieben jetzt das Jahr 2005 und weit und breit war nichts Negatives zu sehen. Somit führten wir unsere Neubauten weiter, vervollständigten die Firmenstruktur, statteten die Wohnungen mit vielen Details aus, die ich, mit den heutigen Erfahrungen, zutiefst bedaure.

Wir wollten immer besser sein als alle anderen und deshalb hatten die Wohnungen alles, was man brauchte – angefangen vom Toilettenpapier über Handtücher, Geschirr komplett, Musikanlagen und natürlich hochwertige Möbel. Ein Mindestmaß an Ausstattung muss natürlich eine Wohnung haben, aber Handtücher, Bettwäsche und Geschirr … Wir wurden für unsere Großzügigkeit bestraft. Die Ausstattung hatte nur sehr wenig Einfluss auf die Vermietung, denn die Mieter mieteten die Wohnung wegen der Lage und nicht wegen der Bettwäsche. Und nach Beendigung des Mietvertrages erwartete man von uns Großzügigkeit, wenn Bettwäsche fehlte oder defekt war, der Fernsehapparat nicht funktionierte, die Kaffeemaschine so verkalkt war, dass wir sie wegschmeißen mussten. Und die Neuausstattung einer Wohnung mit diesem „Verbrauchsmaterial“ kostete mal ganz schnell ein paar tausend Euro.

Und während wir uns um die Entwicklung unserer Immobilienverwaltung kümmerten, ganz im Hintergrund über mögliche Krisen nachdachten, kam es zu einer Entwicklung, die völlig unerwartet für mich war.

 

Datum der Publizierung: 28.Dezember 2014

Ein Vorschlag den man nicht ablehnen kann

Eines Tages erhielt ich einen Anruf und man schlug mir ein Treffen vor. Man wolle mit mir gegenseitig interessierende Themen zum Geldverdienen besprechen. Na, wenn es ums Geldverdienen ging, dann hatte ich immer Zeit.

Wir trafen uns und ich merkte bald, dass ich mich nicht mit dem eigentlichen Gesprächspartner traf, sondern mit einer Vertrauensperson. Gut, warum nicht.

Diese Vertrauensperson vertrat einen Investor, der sein Geld in Immobilien in Kaliningrad anlegen wollte. Auch er sah in der Vermietung ein interessantes Geschäftsmodell und rechnete natürlich zusätzlich noch mit dem Wertzuwachs. Auch er hatte die Statistik auf dem Schoß und wusste, dass die Preise für Immobilien in Kaliningrad alleine im Jahre 2006 um 62 Prozent explodiert waren und selbst wenn es so nicht weiter geht und die Preise sich jährlich nur um 20 oder 30 Prozent nach oben bewegten, so ist jede Investition einfach nur hochprofitabel. Und so erhielt ich den Vorschlag, die Firma zu verkaufen. Ein völlig unerwarteter Vorschlag und ich war etwas sprachlos. Womit sollte ich mich beschäftigen, wenn ich die Firma verkaufe? Für ein Rentnerdasein war die Zeit noch lange nicht reif. Ich bat mir Bedenkzeit aus.

Vieles lies ich mir durch den Kopf gehen, sprach mit meinen engsten Mitarbeitern und vereinbarte dann einen weiteren Gesprächstermin.

Der begann gleich wieder mit einem interessanten Vorschlag, der mich aller Sorgen enthob. Man bot mir an, dass ich nicht die Firma verkaufen soll, sondern nur die Immobilien und meine Firma dann die Verwaltung dieser Immobilien weiterführt. Die Bezahlung erfolgt über Beteiligung an der erzielten Miete. Also letztendlich blieb alles so wie es war, nur das ich keine Immobilien mehr hätte. Die Preisvorstellungen meiner Gesprächspartner waren ziemlich dicht an meinen eigenen Vorstellungen und somit gab es nicht viel zu diskutieren. Es war das beste Geschäft meines Lebens.

Nun dachte ich weiter nach. Die Verträge sahen natürlich auch ein Wettbewerbsverbot vor. Ich durfte weder direkt noch indirekt neue Immobilien kaufen und somit meinem Auftraggeber Konkurrenz machen. Eine normale, logische Vereinbarung. Aber ich konnte die Verwaltung sogenannter Fremdwohnungen übernehmen. Meine Immobilienverwaltung war nun gut bekannt in Kaliningrad. Es gab sehr viele Investoren, die nicht in Kaliningrad wohnten, aber auch über Vermietung Geld verdienen wollten und so suchten sie jemanden, der sich um die ganze Betreuung kümmerte. Und so wuchs die Anzahl der Wohnungen, die wir für Dritte betreuten. Das alles lief in den Jahren 2006 und 2007 ab und alle waren glücklich und zufrieden. Niemand dachte an irgendetwas Böses, an irgendeine Krise und das Geld saß bei allen locker. Meine neuen Geschäftspartner waren zufrieden mit den Einnahmen und Vermietungen, waren auch zufrieden mit dem Wertzuwachs und was wollten wir noch mehr. Aber das Jahr 2008 näherte sich unerbittlich.

 

Datum der Publizierung: 4. Januar 2015

Die Sinuskurve setzt sich fort

Schon Anfang 2008 begannen erste Gespräche über irgendeine Krise. Ich verstand das alles nicht und ich sah auch keine Krise. Die Krise war in den USA und was interessieren mich die USA. Wir leben in Russland, dazu noch im boomenden Kaliningrad und wenn es den Amerikanern schlecht geht – wen interessiert das schon.

Aber ich irrte mich. Die Krise kam auch nach Russland und somit auch nach Kaliningrad. Im Immobilienbereich, insbesondere bei der Vermietung, spürt man die Krise erst mit einiger Verspätung, genauso, wie man das Abklingen einer Krise auch erst mit Verspätung spürt. Bevor ein Mieter aus finanziellen Gründen seine Wohnung wechselt, versucht er an anderen Stellen zu sparen und zögert den „Krisenmoment“ für einen Wohnungswechsel somit hinaus. Und dann ist er misstrauisch genug, um nicht gleich wieder eine neue, teure Wohnung anzumieten, wenn es anscheinend im Geschäftsleben wieder aufwärts geht.

So begann dann die Krise in unserer Immobilienverwaltung auch erst Mitte 2009. Die teuren Objekte wurden leergezogen und blieben auch lange leer stehen. In die preiswerteren Wohnungen zogen nach und nach Leute ein, mit denen wir auch nicht immer glücklich waren. Und es gab sogar Fälle, wo wir Mieter verklagen mussten, um diese aus der Wohnung herauszubekommen. Wir hätten natürlich das Problem der nicht solventen Mieter auf eine Weise lösen können, wie dies viele russische Vermieter tun. Aber wir wollten auch in Krisenzeiten korrekt bleiben – und das kostete dann Geld – unser Geld.

Und es begann auch relativ ruhig zu werden in der Immobilienverwaltung. In Abwandlung eines Ausspruches von Stalin: „Hast du Kunden, hast du Ärger. Keine Kunden, keinen Ärger.“ Und so konnte ich auch mal ein wenig die freie Zeit genießen. Zumindest dachte ich dies, bis ich einen Anruf aus meiner alten Firma und eine Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen erhielt. Man wollte mit mir „beiderseits interessierende Themen“ besprechen.

Eigentlich habe ich Prinzipien und beachte diese auch sehr konsequent. Eines dieser Prinzipien heißt, wenn eine Angelegenheit abgeschlossen ist, nicht mehr zu dieser zurückzukehren. Gekündigt ist gekündigt und es gibt kein zurück mehr zur Firma, egal unter welchen Bedingungen. Warum ich nun gegen dieses Prinzip verstieß – ich habe keine Ahnung.

Das Mittagessen schmeckte und die mir gemachten Vorschläge waren auch schmackhaft. Die Krise hatte natürlich auch Auswirkungen auf den Einzelhandel und man bot mir an, den Großhandel der Firma zu übernehmen, zu reformieren und aufzubauen. Ich konnte mein Gehalt selber festlegen und alle meine Wünsche sollten erfüllt werden. Man versprach mir völlig freie Hand.

Nach einer kurzen Bedenkzeit willigte ich ein. Einzige Bedingung die ich hatte war, dass durch mich ein Business-Plan erarbeitet, mit den Gesellschaftern abgestimmt wird und wir streng auf dieser Basis den Großhandel aufbauen. Ohne Diskussion wurde eingewilligt.

Einen Monat benötigte ich, dann stand der Plan. Dieser sah unter anderem vor, kein Personal zu entlassen, schon gar nicht den bisherigen Leiter des Großhandels, denn ich hatte nicht die Absicht, den Großhandel wirklich zu leiten, ich wollte ihn nur aufbauen und schrittweise die Verantwortung an russische Mitarbeiter übergeben. Nach einem Jahr, so dachte ich, wäre diese Aufgabe im wesentlichen erfüllt, mein Engagement könnte ich auf eine zeitweilige Anwesenheit zurückfahren und im Jahre 2010 wieder völlig ausscheiden. Dann wäre die Krise insgesamt überwunden und es würde auch mit der Immobilienverwaltung wieder vorwärts gehen.

Meine Rechnung hatte ich aber ohne den Wirt gemacht und als ich morgens zur Arbeit kam, fand ich einen verbitterten Leiter des Großhandels vor, der soeben seine Kündigung erhalten hatte. Ein Gespräch mit dem Generaldirektor brachte keine Änderung – er will mit mir keine Personalfragen besprechen. Hm, das hatten wir aber so nicht vereinbart. Kein guter Auftakt für meine Pläne.

In den nächsten zwei Monaten gelang es mir das Office des Großhandels aufzubauen, Personal zu gewinnen für die Außenaufgaben, die Abrechnungen und Kundenbetreuung zu organisieren, das Sortiment zu optimieren und vor allem die riesigen Schulden bei unseren Kunden fast komplett einzutreiben.

Im Verlaufe der Arbeit stieß ich aber auf immer mehr Probleme, deren Ursache nicht im Großhandel lag, sondern in der Struktur der Firma überhaupt. Und ich sprach mit der Geschäftsführung darüber und schlug vor, die Struktur der Firma generell zu verändern. Einen Plan hatte ich auch schon erarbeitet und wollte darüber diskutieren. Es gab aber nichts zu diskutieren. Man wollte einen funktionierenden Großhandel und keine Reformierung der Firma. Einen funktionierenden Großhandel konnte ich aber nur bis zu einer gewissen Grenze aufbauen, denn dann begannen die existierenden Strukturen mich zu behindern. Meine Überzeugungsarbeit war wohl zu schwach ausgeprägt.

Während meiner Zeit im Großhandel wuchs der Umsatz jeden Monat im zweistelligen Bereich. Im November begann die Stagnation, im Dezember traten Versorgungsprobleme auf. Es waren die Monate, wo man sich intensiv auf den Jahreswechsel und den Hauptumsatz vorbereitete. Da man keine Änderung der Firmenstruktur vorgenommen hatte, behinderten sich jetzt der Duty-Free-Bereich, der Einzelhandel und der Großhandel gegenseitig. Da viele Verantwortlichkeiten im Duty-Free-Bereich konzentriert waren, hatte man dort auch alle Macht in Händen und dies wirkte sich negativ auf Groß- und Einzelhandel in der Stadt aus.

Meine Hinweise verhallten ungehört und ich entschloss mich, meine Nerven zu schonen. Ich bin in meinem Leben erfolgsverwöhnt worden und hatte es nicht nötig, mich aufzureiben. Ich stellte eine Dokumentenmappe zusammen mit all dem was erreicht wurde, mit all dem was nicht erreicht wurde und mit meinen Gedanken für eine rosige Zukunft für die Firma, legte diese der Geschäftsführung auf den Tisch und verabschiedete mich in den Urlaub zum Jahreswechsel.

Richtig bedauern tue ich meinen Einsatz im Großhandel nicht. Ich konnte weitere Erfahrungen sammeln. Schade eben nur, dass das Projekt nicht erfolgreich zu Ende geführt wurde.

 

Datum der Publizierung: 11. Januar 2015

Ein neuer Gouverneur für Kaliningrad

Im September 2010 kam es zu Unruhen in Kaliningrad. Das Volk ging massenhaft auf die Straße und beschimpfte den Gouverneur Georgi Boos. Er hatte einige unpopuläre Entscheidungen getroffen, dabei nicht auf seine Ratgeber gehört und erhielt nun die Quittung präsentiert. In fünf Jahren Tätigkeit hatte er sehr viel für Kaliningrad erreicht und war durch seine Erfolge sehr verwöhnt wurden. Und wer viel Erfolg hat, kann schnell zu der Einsicht kommen, dass er alles kann und unfehlbar ist. Die Kaliningrader zeigten dem Gouverneur, dass er irrt und das föderale Moskau war derart erschrocken, dass man sich entschloss, zu dem anstehenden Gouverneurswechsel im September 2010 Georgi Boos nicht wieder als Kandidaten aufzustellen.

Aufgestellt wurde ein Kandidat, den Georgi Boos selber empfohlen hatte, als man ihn um die Empfehlung eines Kandidaten bat. Es handelt sich um seinen Zögling, den er über fünf Jahre eifrig gefördert und mit vielen regionalen Fördermitteln als Bürgermeister von Gussew unterstützt hat. Nikolai Nikolajewitsch Zukanov war auch im Westen bekannt, denn viele Journalisten fuhren in das Vorzeige-Gussew um die dortigen Erfolge zu dokumentieren.

Georgi Boos wusste nicht, dass er eine Natter an seiner Brust genährt hatte, denn kaum das der neue Gouverneur in Amt und Würden war, begann das große, publikumswirksame Aufräumen in Kaliningrad. Die Hälfte der Kaliningrader Regierung lief sofort weg, die andere Hälfte wurde in wenigen Wochen entlassen. Der Gouverneur besetzte alle Posten neu und schaffte es, innerhalb von vier Jahren, also 48 Monaten, auch 48 Minister, die er selber ausgesucht hatte, wieder zu entlassen. Seit September 2010 stolperte er nun von einer Krise zur anderen, von einem Skandal zum nächsten. Mit Kaliningrad ging es abwärts und die kritisch eingestellten Medien berichteten genüsslich jeden Monat über die Negativentwicklung der Stadt und des Gebietes.

Es entwickelte sich ein Machtkampf zwischen dem Kaliningrader Bürgermeister Jaroschuk und dem Gouverneur Zukanov und die skandalverwöhnte Kaliningrader Öffentlichkeit wartete begierig auf neue Meldungen über den „Kampf der Giganten.“ Differenzen zwischen einem Gebietsgouverneur und dem Bürgermeister der Gebietshauptstadt sind in Kaliningrad normal, vermutlich auch in vielen anderen Regionen Russlands normal. Die Differenzen resultieren vorrangig aus der Tatsache, dass die Gebietshauptstadt den Großteil der Einnahmen des Gebietes erwirtschaftet, aber auch einen Großteil in das Gebietsbudget abführen muss. Und eben über diesen „Großteil“ kommt es zu ständigen Reibereien. Bei diesen Streitigkeiten kann man Verständnis für beide Seiten haben. Es kommt eben nur darauf an, wie dieser Streit ausgetragen wird. Aber der Streit in Kaliningrad zwischen den beiden war weder sachlich noch moralisch sauber. Und darunter litten alle.

Es war klar, dass unsere Immobilienverwaltung davon lebte, dass sich das Kaliningrader Gebiet entwickelt. Gibt es Entwicklungen, gibt es auch Investoren. Dann kommen teure Mitarbeiter nach Kaliningrad, die guten Wohnraum benötigen. Wenn sich aber nichts entwickelt, dann bleiben auch die Wohnungssuchenden aus. Und hier zeigte sich der prinzipielle Denkfehler, den wir anfänglich gemacht haben und für den wir jetzt bestraft wurden. Wir hatten uns strikt auf das Segment „Premium“ und „Business“ ausgerichtet und dabei auch noch auf große Wohnungen. Selbst unsere Zwei-Raum-Wohnungen waren überdurchschnittlich groß und somit auch teuer. Und das von uns organisierte individuelle Wohnen hatte seinen Preis und diesen Preis konnte jetzt niemand bezahlen. Wir hatten versäumt, kleine Ein-Raum-Wohnungen zu schaffen, die in Krisenzeiten immer einen Mieter finden und deren Einnahmen ausreichten, um die ganze Immobilienverwaltung mindestens kostenneutral zu halten.

Eine Beratung mit unseren Investoren ergab, dass sie sich zwischenzeitlich auch nicht mehr sicher waren, ob Kaliningrad die richtige Entscheidung für sie gewesen ist. Sie sahen auch kein Licht am Ende des Tunnels und jetzt nochmals eine runde Million Euro für einen soliden Bestand an kleinen Wohnungen zu investieren – nein, das wollten sie nicht. Und so begannen wir auf der Stelle zu treten.

Dann kam das Jahr 2012 und das brachte neue Hoffnungen, sowohl im Geschäftsbereich, wie auch für das Gebiet Kaliningrad.

 

Datum der Publizierung: 18. Januar 2015

Ein neuer Geschäftsvorschlag

Wieder wurde ich zum Mittagessen eingeladen, wieder schmeckte mir sowohl das Essen, wie auch ein Vorschlag, der eigentlich so richtig in die Thematik Immobilienverwaltung passte. Man bot mir an, die Verwaltung eines Hotels zu übernehmen, welches sich noch im Bau befand. Ahnung vom Hotelbetrieb hatte ich natürlich nicht, aber da es nicht darum ging, einen schon erfolgreich laufenden Betrieb zu übernehmen, sondern etwas ganz von „Null“ an aufzubauen, war die Aufgabe reizend und wenn es mir gelingen sollte, eine gute Mannschaft zusammen zu stellen, dann würden wir gemeinsam alle notwendigen Fehler machen und gemeinsam diese auch beseitigen und uns erfolgreich einarbeiten.

Das Problem bestand darin, dass sich das Hotel irgendwo im Kaliningrader Gebiet auf der Strecke Richtung polnische Grenze befand. Ein wirklich idyllischer Platz, in waldreicher Gegend, direkt an einem großen See gelegen. Aber mehr war dort nicht los. Am anderen Ufer des Sees befand sich eine ärmliche Siedlung. Die Mehrheit der Bewohner war arbeitslos, weil die einzige dort vorhandene Firma, eine Nerzfarm aus sowjetischen Zeiten, bankrott war. Ab und an fanden Minidemonstrationen im Dorf statt, wo sich die wenigen Bewohner über ihre Lebensbedingungen beschwerten. Das machte mir Sorgen, denn diese Bürger würden eines Tages auch vor dem Haupteingang des Hotels stehen.

Eine andere Sorge war, was wir den Kunden des Hotels anbieten können, außer einem bequemen Bett, eine guten schmackhaften Küche und viel Natur.

Wie immer machte ich mich erst einmal vor Ort ausgiebig kundig, sprach mit Dorfbewohnern, sprach mit den Gesellschaftern und erarbeitete wieder einen Plan, wie ich mir die Arbeit des Hotels vorstellte. Hierzu gehörte, dass wir versuchen sollten, im Rahmen der Möglichkeiten und der Qualifizierung der Dorfbewohner, diese in die Arbeit des Hotels mit einzubeziehen. Auch das Dorf selber hätte ein Teil des Hotelbetriebes werden können. Man hätte Übernachtungen bei russischen Familien oder einen Abend mit Speis und Trank bei „echten Russen“ organisieren können. Dorfbewohner hätten kleine Souvenirläden für den Verkauf von russischen, hausgemachten Produkten einrichten können. Man hätte die Bevölkerung in die Belieferung des Hotels mit landwirtschaftlichen Produkten „nach Art des Hauses“ einbeziehen können. Und es hätte noch jede Menge anderer Dinge gegeben, die durch die Dorfbevölkerung hätte angeboten werden können – Pferdesport, landwirtschaftlicher Zoo, Fahrradausleih, Bootsverleih, Wanderstreckenbetreuung usw. Auch die Zobelfarm hätte wieder den Betrieb aufnehmen und durch Besichtigungen ein wenig Geld verdienen können. Kurz und gut, meine Vorschläge waren ziemlich umfangreich und trafen auf Null-Interesse seitens der Gesellschafter.

Man machte mir einen „Kompromiss-Vorschlag“, der mich in Erstaunen versetzte, denn ich ging davon aus, dass meine Geschäftspartner mich kannten und eigentlich wussten, dass ich zu Finanzfragen und zum Geldverdienen ausreichend Erfahrung habe. Deshalb fühlte ich mich von dem Vorschlag doch etwas „für dumm verkauft“. Man schlug mir vor, dass ich den Hotelkomplex zu einem Fixpreis anmieten sollte. Ich sollte jeden Monat eine Miete bezahlen, die den Gesellschaftern garantierte, dass sich ihre Investitionen in x-Jahren amortisierten. Sollte von den Einnahmen darüber hinaus noch etwas übrig bleiben, so wäre dies mein Gewinn. Es versteht sich von selbst, dass auch alle anderen Fragen, wie die laufenden Kosten, Löhne und Gehälter, Instandsetzungen und mögliche Investitionen, durch mich selber zu bezahlen waren. Natürlich kann man über so ein Modell sprechen, denn viele große Hotelketten arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip. Als ich aber die Vorstellungen zum Mietpreis hörte, brauchte ich genau zehn Minuten um auszurechnen, wann ich bankrott bin.

Trotzdem wollte ich nicht gleich die Flinte ins Korn werfen und fuhr immer wieder auf die Baustelle, besichtigte das große Gebiet rings um die Hotelanlage und fand hervorragende Plätze, wo man mit relativ wenig Aufwand eine Infrastruktur für das Hotel entwickeln konnte. Mit ein wenig Glück könnte man unter Nutzung von Beziehungen auch regionale und föderale Fördermittel zur Tourismusentwicklung für dieses Fleckchen Erde erhalten. Auch weitere ausländische Investoren hätte man für das Projekt mit allem drum herum interessieren können.

Wieder fanden einige Gespräche statt. Wieder versuchte ich zu überzeugen. Es gelang mir nicht. Schließlich war mir meine Zeit zu schade, um sie weiter in dieses an sich interessante Projekt zu investieren. Ich sagte meinen Partnern, dass ich unter den gegebenen Bedingungen kein Interesse mehr habe, weder als Immobilienverwaltung und schon gar nicht als angestellter Mitarbeiter in diesem Hotel. Wir tranken noch einen geadelten Cognac, versprachen uns ab und an uns zu Gesprächen und Gedankenaustausch zu treffen und jeder ging seinen Weg. Heute, im Jahre 2015 weiß ich, dass ich damals richtig entschieden habe. Regelmäßig landen in unserer Informationsagentur Mitteilungen aus der Hotelbranche in Kaliningrad und ich bedaure jedes Mal, keine Nachrichten zu hören, die mich zu diesem Projekt in Euphorie oder doch zumindest in gehobene Stimmung versetzen.

Ein weiteres Ereignis im Jahre 2012 versetzte mich auch nicht gerade in Hochstimmung, sondern verschaffte mir ein paar unangenehme Momente. Aber da ich versuche aus allem Negativen immer etwas Positives herauszulesen, so fand ich auch in der, durch die Kaliningrader Steuerinspektion veranlassten Schließung meiner Firma, Positives für meine Zukunft.

 

Datum der Publizierung: 25. Januar 2015

Meine Firma wird geschlossen

Springen wir wieder ein paar Monate zurück. Ende 2011 erhielt ich einen Anruf aus der Pensionsverwaltung. Ich hatte dorthin einen guten Kontakt und voller Sorge fragte mich meine Gesprächspartnerin, warum ich meine Firma abgemeldet habe und ob ich ausreisen wolle. Ich war etwas irritiert, denn ich hatte weder die Absicht Russland zu verlassen, noch hatte ich meine Firma abgemeldet. Sie versicherte mir aber, dass ihr ein offizielles Schreiben der Steuerbehörde vorliegt, dass meine Firma dicht sei.

Mit solchen Sachen scherzt man nicht und man sollte solche Informationen in Russland dann auch ernst nehmen und schnell handeln. Ich meldete mich in der Steuerinspektion an und erfuhr, dass ich ein ganz schlimmes Vergehen begangen hatte – ich hatte einen verkehrten Vordruck ausgefüllt.

Meine Aufenthaltsgenehmigung war im Jahre 2011 verlängert wurden und ich hatte, so wie es das Gesetz vorschreibt, die Steuerbehörde darüber schriftlich informiert. Die zuständige Mitarbeiterin nahm die Information entgegen, bestätigte mit Stempel und Unterschrift auf meinem Exemplar, das ich meiner Pflicht nachgekommen bin und damit dachte ich, dass alles erledigt sei. Aber ich hatte für diese Meldung nicht den Vordruck genutzt, den die Gesetzgebung neuerdings vorschrieb. Das mich die Mitarbeiterin der Steuerinspektion nicht darauf aufmerksam machte zeugt davon, dass auch sie nicht wusste, dass man dafür einen Vordruck nutzen musste. Meine formlose Mitteilung wurde somit als „gegenstandslos“ angesehen. Somit hatte ich nicht gemeldet, dass meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert wurde und ohne Aufenthaltsgenehmigung durfte ich auch keine Firma in der von mir gewählten Rechtsform als Einzelunternehmen betreiben. Ein Knopfdruck am Computer genügte und meine Firma war liquidiert.

Das Problem bestand aber auch darin, dass ich nicht so einfach eine neue Firma gründen konnte, denn ich hatte ein Steuerproblem. Mir wurde offiziell nicht mitgeteilt, dass meine Firma geschlossen wurde und so hatte ich illegal eine Firma geführt, eine Firma mit vereinfachter Steuerveranlagung. Somit hatte ich mich strafbar gemacht. Dies zum einen. Und da die Einnahmen weiter liefen, so musste ich für diesen Zeitraum die Einnahmen wie eine Privatperson versteuern, also nicht mit sechs Prozent sondern mit 13 Prozent und das war doch ein erheblicher Unterschied. Und ich hatte keine Lust ein paar tausend Euro Steuern nachzuzahlen, nur weil die Steuerinspektion sich nicht korrekt verhalten hatte.

Über ein etwas „kundenfreundlicheres“ Vorgehen dachte niemand in der Steuerinspektion nach. Schon gar nicht dachte man daran, sich für das fehlerhafte Verhalten der Mitarbeiterin zu entschuldigen. Als die Wellen anfingen hochzuschlagen, wurde ganz schnell diese Mitarbeiterin nebst der Chefin der Abteilung entlassen –  bedauerlich, wie ich fand, denn mit einem vernünftigen Gespräch wäre das Problem ohne große Dramatik aus der Welt geschafft worden. Aber das ging nicht – sagte man mir.

Ein Gespräch mit der Leiterin der Steuerinspektion spitzte die Lage noch mehr zu. Als ich andeutete, dass ich zur Klärung der Angelegenheit bereit bin, alle notwendigen Wege zu gehen, erlebte ich erstmalig, das eine staatliche Mitarbeiterin versuchte, mich unter Druck zu setzen, denn sie drohte mir mit einer umfassenden Kontrolle meiner wirtschaftlichen Tätigkeit.  Vermutlich kannte sie mich nicht und dachte, dass ich vor so einer Kontrolle Angst habe. Ihre Mitarbeiter hatten sie wohl auch nicht informiert, mit was für einem Ausländer sie es zu tun hatte. Leider nahm die Leiterin auch nicht die „helfenden Hinweise“ ihrer Mitarbeiter zur Kenntnis. Sie war sehr von sich überzeugt. Ich brach das Gespräch mit der Dame ab und setzte meine weiteren Versuche zur Klärung der Angelegenheit auf der obersten Ebene der Steuerverwaltung in Kaliningrad fort. Auch dort fanden wir nicht sofort eine gemeinsame Sprache.

Aus sozialistischen Zeiten erinnerte ich mich, dass eine Eingabe an den Genossen Honecker in der Regel immer schnell die gewünschten Ergebnisse brachte. Nun wollte ich nicht gleich an Putin schreiben und fand für meine Problemlösung eine Alternative. Die Alternative war der Vertreter des Präsidenten im Kaliningrader Gebiet. Ein junger, sehr erfolgreicher Mann, ehemals stellvertretender Wirtschaftsminister im föderalen Moskau und seit Mitte 2012 nun Vertreter des Präsidenten in Kaliningrad.

Dann ging alles ziemlich schnell. Kurzfristig bekam ich einen Gesprächstermin bei Stanislaw Woskresenski und dann klingelte wenige Momente später schon das Telefon bei mir im Office und man bat mich zu einer Tasse Kaffee oder wahlweise auch Tee – allerdings nicht zu Woskresenski, sondern in die oberste Steuerbehörde.

Den dortigen Verantwortlichen war sehr daran gelegen, jetzt diese Angelegenheit in eigener Zuständigkeit zu klären. In sehr kurzer Zeit wurden alle Probleme besprochen, gemeinsam erarbeiteten wir eine Lösungsvariante, stimmten alle Einzelschritte ab, begannen uns sogar anzufreunden und in wenigen Tagen war meine alte Firma wieder aktiviert. Da ich versprochen hatte, mich im Gegenzug beim Vertreter des Präsidenten nicht zu beschweren, sondern ich, ganz im Gegenteil, noch einen Dankesbrief an die Steuerbehörde für das kooperative Verhalten aufgesetzt hatte, schieden wir als beste Freunde und erinnern uns immer wieder gerne an die gemeinsame erfolgreiche Lösung von Problemen. Tja, „… ein Kommunist ohne Beziehungen ist wie ein Kapitalist ohne Geld“ – nicht wahr?

Wenige Monate später erfuhr ich dann – rein zufällig – dass die Steuerinspektion eine neue Leiterin erhalten hatte. Die ehemalige Leiterin ging erst einmal für rund ein Jahr in die Arbeitslosigkeit, ehe sie dann eine Anstellung in der Kaliningrader Gebietsregierung erhielt. Sie wurde dort Mitarbeiterin in einem Ministerium und war verantwortlich für die Unterstützung und Förderung von Einzelunternehmern.

Aber es blieb noch eine Angelegenheit offen – mein Treffen mit dem Vertreter des russischen Präsidenten. Immerhin war ein Termin vereinbart. Aber dieser Termin war nicht mehr notwendig. Und so ging ich nochmals zum Leiter der Präsidialverwaltung und wollte den Termin absagen. Der sah mich ganz erstaunt an und selbst als er erfuhr, dass ich mein Problem schon im guten Einvernehmen mit der Steuerbehörde geklärt hatte, meinte er: „Uwe, Sie sollten sich trotzdem mit Stanislaw treffen. So eine Bekanntschaft schadet nicht.“ Tja, und er hatte Recht. Wir trafen uns und machten uns miteinander bekannt. Eine interessante Persönlichkeit und er war derjenige, der mir die Impulse gab, über weitere mögliche geschäftliche Interessen und Entwicklungen in Kaliningrad nachzudenken. Er versprach, dass Kaliningrad eine sehr interessante Zukunft haben wird. Und so wurde der Gedanke geboren, eine Informationsagentur zu gründen.

 

Datum der Publizierung: 01. Februar 2015

Die Gründung einer Informationsagentur

Im September 2012 fiel die Entscheidung, dass Kaliningrad Ausrichterstadt für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 werden sollte – neben zehn weiteren russischen Städten. Dieses erfreuliche Ereignis beschleunigte natürlich meine Gedanken für die Gründung einer Informationsagentur.

Der rein technische Prozess war sehr einfach. Über die Steuerinspektion wurde der genehmigte Tätigkeitsbereich meiner schon existierenden Firma um ein paar Codes für die wirtschaftliche Tätigkeit erweitert und schon konnte mit der Schöpfungsgeschichte begonnen werden.

Alles begann mit einem intensiven Selbststudium von Gesetzen, Bestimmungen, Strukturen. Der bisher schon vorhandene Bekanntenkreis musste erheblich erweitert werden – Kontaktpflege war eine der wichtigsten Aufgaben. Mein Arbeitstag betrug wieder 15 Stunden und mehr und war angefüllt mit der Erarbeitung von sogenanntem Standard-Informationsmaterial. Eine sehr zeit- und arbeitsintensive Periode. Sie brachte mir im Ergebnis einen Riesenschub in meiner persönlichen Qualifizierung und es war genügend Grundmaterial vorhanden, um es Interessenten anzubieten.

Parallel begann die Erarbeitung einer neuen Internetseite. Der Grundgedanke zu diesem Internetportal war Anfang 2013 richtig. Aber der Charakter der dort vermittelten Informationen änderte sich im Laufe des Jahres 2013/14 rasant und auch die Aufgaben, die wir mit der Informationsagentur erfüllen wollten, änderten sich. Und schon Ende 2014 war klar, dass die Arbeit auf eine völlig neue Basis gestellt werden musste. Die Jahre 2013/14 waren Testjahre – anders kann man es nicht bezeichnen. Das Jahr 2015 muss nun genutzt werden, um die Arbeit der Agentur auf solide Füße zu stellen. Im September 2015 erfolgen die Gouverneurswahlen in Kaliningrad und wir versprechen uns davon eine generell neue Politik im und mit dem Kaliningrader Gebiet.

Welche Vorstellungen und Träume über eine Entwicklung des Kaliningrader Gebietes unsererseits bestehen, können Sie nun täglich auf unserem Portal lesen, insbesondere in der Rubrik „Meine Meinung, … mit deutschem akzent“.

Damit ist diese Publizierung vorläufig beendet. Bleiben Sie uns weiterhin treu und lesen Sie andere, täglich aktuelle Beiträge auf unserem Portal. Und wenn dieses Portal Ende 2015 sein Gesicht ändern sollte – erschrecken Sie nicht, wir passen nur das Äußere an, die Inhalte bleiben.

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Paradies, Publizistik

   Kommentare ( 4 )

Jenenser Veröffentlicht: 6. Mai 2013 01:07:56

Hallo Uwe,

nahezu jeden Sonntagabend erwarte ich neben dem Kaliningrader Wochenblatt auch Deine aktuelle Publizierung. Weil ich gern Biographien lese bzw. studiere, weil ich auch irgendein Bezug zu Russland habe und mich seit einiger Zeit sogar mit Kaliningrad beschäftige. Heute las ich, dass Du Leningrad nach dem Ablaufen in- und auswendig kanntest. Speziell die Wortkombination: in- und auswendig amüsierte mich kurz. Bei uns Jugendlichen stellte sie sich damals im Zusammenhang mit dem Erlernen der russischen Sprache. Unsere Lehrerin, sie hieß Olga, eine „russische Muttersprachlerin" kannte natürlich den Unterschied zwischen inwendig und auswendig nicht. Und gerade deshalb formulierten wir frechen Schüler die entscheidende Frage, welche Variante nun die richtige ist - für das Lernen. Doch unsere Lehrerin schwieg nicht lange. Schon am nächsten Tag teilte sie uns ihre Recherchen über diese eigenartige deutsche Redewendung mit. Wir trugen es alle mit Humor. Die Abiturprüfung in Russisch bestand ich später übrigens mit „gut“...

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 6. Mai 2013 05:59:41

Hallo und Guten Morgen Jan,
... richtig, ich versuche immer einen gewissen "Zeitplan" für meine Veröffentlichungen hier im Portal einzuhalten. Die Informationsagentur ist jung und wir sind viel am experimentieren, wie, wo, was, wann am besten ist. Aber die Veröffentlichung der Publizistik und des Kaliningrader Wochenblattes am Sonntag früh hat sich nun fest organisiert.
Völlig richtig, das sich die Muttersprachler bestimmter Redewendungen bedienen - als Automatismus - und schon recht wenig darüber nachdenken. Ich merke dies, wenn ich im Club der Liebhaber der deutschen Sprache an der Uni in Kaliningrad in unverständliche, fragende Gesichter schaue und anschließend erklären muss. Aber es macht Spaß zu sehen, wie dann diese "Redewendungen" angewendet werden - und umgekehrt freue ich mich über russische Sprach-"Schmankerln"

Jenenser Veröffentlicht: 15. Juli 2013 10:33:52

Beim Lesen der letzten Zeilen der gestrigen Ausgabe Deiner Publizierung zum sowjetischen Alltag außerhalb der Akademie könnte man den Eindruck gewinnen, Deine beschriebene Verkaufskultur in der Sowjetunion besteht eben im heutigen Russland weiterhin fort. Doch gerade in den letzten Jahren kam es zu einer gewaltigen Entwicklung und Anpassung. Und so gibt es mittlerweile auch einige Russen, die das Einkaufen im Russland von heute genau so charakterisieren, wie Du die Situation im heutigen Deutschland. Die meisten Russen distanzieren sich jedoch von einem Spruch, dass früher alles besser war und sind froh, dass zu mindestens in Sachen Einkaufen die alte Zeit vergangen ist. Sicher wirst Du im weiteren Verlauf Deiner Publizierung darauf eingehen. Ein originales Flair a la Sowjetunion erhält man heute noch auf den zahlreichen zentralen Märkten, u.a. auch in Kaliningrad. Dort gibt es immer noch die Butter im Block, welche durch die Verkäuferin mit beschriebenem Draht zerschnitten wird, inklusive Kommunikation über dieses und jenes. Doch auch diese Märkte sind Auslaufmodelle, allein schon wegen aktueller Hygienebestimmungen und Fragen der Ästhetik. Verkaufskultur in Russland, gestern und heute, das kann im Gespräch mit Russen ganze Abende füllen. Vergleiche zu dem Deutschland, in dem Du und auch ich aufwuchsen, sind durchaus erlaubt. Und man erinnert sich spaßig an die einst offizielle Aussage, dass es im Prinzip ja alles gäbe und wir wissen wollten, wo es nun ist, das Kaufhaus mit dem Namen “Prinzip“...

.g Radeberger Veröffentlicht: 24. Februar 2014 05:10:05

Es ist gerade 2.49 Uhr
Vor einigen Tagen hatte ich begonnen, die locker geschriebenen Memoiren von Uwe, dem Auswanderer in Richtung Osten zu lesen.
Ganz ehrlich, ich habe mich über viele Teile so köstlich amüsiert, daß manches Mal die Tränen gekommen sind. Und Vieles habe ich auch mit einer gewissen Wehmut gelesen.
Da kamen mir meine Erinnerungen an meine kurze Zeit in Moskau hervor. In Moskau nannte man das kleine Fensterchen übrigens "oknotschko". Ich erinnerte mich an meine Kontakte zu den "Freunden" in Dresden.
Viele Schilderungen kamen mir von der Sache her so vertraut vor.
Also ich warte auch auf die Fortsetzungen und hoffe, daß es ansonsten alles gut ist.
Warum wird die Seite ab Mitte 09.06.2013 schwarz? Läßt sich nicht so gut lesen.
Poka
Radeberger

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 24. Februar 2014 05:57:55

... vielen Dank für Ihren Kommentar.
Natürlich erfolgt die Fortsetzung und es bleibt auch ein wenig spannend, denn es passiert auch noch einiges - nicht immer nur positives.
Auch richtig die Anmerkung, dass es nun keine Fotos mehr gibt. Aber der Aufwand zur "Bebilderung" war groß und das Portal hat eine unerwartet schnelle Entwicklung genommen, so daß für Fotos keine Zeit mehr war. Aber ... ich nehme Ihren Kommentar zum Anlass über eine "Nachbesserung" nachzudenken. Schaun wir mal.

Dietrich Völker Veröffentlicht: 4. September 2014 12:48:58

Lieber Herr Niemeier,
immer wieder interssant zu lesen, wie Sie Ihre Vergangenheit beschreiben. Schön gewürzt mit Selbstironie und Humor. Auch die Erkenntnis, dass es - ich schätze Mal - bis Anfang der 1970er Jahre durchaus etliche Gemeinsamkeiten über den Zaun hinweg gab, als einige Politiker uns dies Glauben machen wollen. Schade nur, wenn bei schnellen Durchscrollen der Text immer unleserlicher wird. Vielleicht sehen Sie eine Möglichkeit, dem abzuhelfen.
Beste Grüsse von einem Fan der liberaleren und nicht so globaliseirten Fan der "Bonner Republik".

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 4. September 2014 13:00:00

... danke für den Kommentar.
Leider kann ich Ihnen bei dem technischen Problem nicht helfen. Ich hatte auf einem älteren Laptop auch dieses Problem. Es hängt wohl mit der Leistungsfähigkeit ihres PC zusammen. Im vergangenen Jahr habe ich meine gesamte Office-Technik ausgetauscht und alles läuft bestens. Auch andere Leser haben mich auf dieses Problem schon angeschrieben - aber es hängt mit ihrer Technik zusammen. Wenn wir irgendwann mal mit unserem Portal Geld verdienen (ohne unsere Unabhängigkeit dafür an der Garderobe abgeben zu müssen), investiere ich gerne bei Ihnen in einen neuen PC, um mir einen treuen Leser zu erhalten ... bis dahin kann ich Sie höchstens zu mir ins Office nach Kaliningrad einladen und Sie können sich bei einer netten Tasse Kaffee (von mir persönlich gekocht), gerne an unserer Technik mit dem Lesen des Beitrages beschäftigen - so lange Sie wollen ...

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