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Ich bin Deutscher – also geizig.

So, 23 Dez 2018 Video-Info


Ich bin Deutscher – also geizig.
Begleittext zur Videoinformation
Der hier veröffentlichte Text ist der gesprochene Begleittext zum Video und entspricht der Qualität eines Manuskripts. Am Ende des Textes finden Sie den eigentlichen Beitrag in Form einer Videoinformation. Nur der Manuskripttext enthält nicht alle angebotenen Informationen, denn im Videobeitrag gibt es zusätzliche eingeblendete Text-, Grafik- und Fotoinformationen.

 

Dies ist ein Stereotyp, den ich in vielen Lebenslagen in Kaliningrad anwende. Zum einen stimmt es, dass ich geizig bin, denn ich passe sehr genau auf, für was ich wieviel Geld ausgebe. Zum anderen ist es meine und nicht nur meine allgemeine Beobachtung, dass Deutsche geizig sind.

Der Russe selber lächelt bei meiner Selbstdarstellung immer und meint: „Uwe, Sie sind nicht geizig, sie denken nur in ökonomischen Strukturen“. Ich finde es nett, wenn der Russe versucht, die harte Selbstkritik eines Deutschen zu entschärfen, aber es ändert nichts am eigentlichen Fakt.

So erzählte mir ein langjähriger Bekannter, der als Leiter eines Duty-Free-Shops an der Kaliningrader Grenze arbeitet, eine Geschichte. Ein deutscher Reisebus traf ein. Tropische Temperaturen. Der Busfahrer, ein Russe, kaufte einen Kasten Cola, einen Kasten Seven-Up, einen Kasten Fanta und einen Kasten Mineralwasser und verstaute alles im Bus. Die deutschen Touristen kauften nichts, rein gar nichts. Es sei alles viel zu teuer in diesem zoll- und Mehrwertsteuer freien Shop und 0,50 Cent wollte man nicht ausgeben für eine Cola. Aber unterwegs nahm die Hitze zu und so fragte man den Fahrer, ob dieser nicht etwas verkaufen könnte. Das konnte der Fahrer natürlich. Die Dose kostete allerdings nicht 0,50 Cent, sondern ein Euro. Was für eine Empörung unter den Deutschen, dass der Russe das Doppelte verlangte. Und dieser meinte: „Sie hätten doch im Laden kaufen können, für den Preis der dort gültig ist. In meinem Bus ist mein Preis gültig. Sie können kaufen oder weiterhin durstig bleiben.“ Kleine Sünden bestraft Gott so gleich, den Geiz ein wenig später. Oder, wie sagt ein russisches Sprichwort: „Skupoi platit dwaschdy. Der Geizige zahlt das Doppelte.“

Und derartige Geschichten höre ich häufiger und ich höre natürlich auch Geschichten von deutschen Touristen, die sich in Hotels, in Restaurants und an anderen Orten in Kaliningrad abspielen und ich stelle fest: Viele Deutsche sind wie ich: geizig.

Und dann erinnere ich mich an mein ureigenstes Problem, an meine ureigensten Erfahrungen mit Deutschen. Im Jahre 2012 habe ich mein Internetportal aufgebaut und dafür Geld investiert. Seit dem Erscheinen des ersten Artikels bis zum heutigen Tag, ist das Portal rund eine Million Mal aufgerufen worden. Rund 600.000 Leser kamen aus Deutschland. Unter den restlichen 400.000 sind sicherlich auch jede Menge Deutsche gewesen, die haben aber das Portal von irgendwo anders außerhalb Deutschlands, aufgerufen.

Und irgendwann habe ich begonnen zu betteln: „Ham Se ma `nen Euro“ und argumentierte, dass es völlig ausreichend ist, für die von mir eingestellten Beiträge einen Euro im Monat zu zahlen. Das wären also rund drei Cent pro Tag. Im Jahre 2017 gingen Sponsorengelder ein, die ich in Russland mit sechs Prozent Einnahmesteuern versteuert habe. Ich überwies dem russischen Staat 36 Euro. Nun können Sie sich selber ausrechnen, wie hoch die Spendengelder waren. Im abgelaufenen Jahr 2018 haben sich die Sponsorengelder mehr als halbiert. Nun stelle ich mir die Frage, ob die Arbeit des Portals so schlecht ist, dass sie noch nicht mal ein Euro im Monat wert ist. Schaue ich auf die bisher veröffentlichten 6.517 Artikel – mehr oder weniger lange – und die Zugriffsquoten, so komme ich eigentlich zu einem anderen Schluss. Und auch unser, seit einem Jahr entwickelte YouTube-Kanal zeigt steigende Zugriffe – trotzdem wir keinerlei Werbung für diesen Kanal machen.

Tja, was soll ich also über meine deutschen Leser und Zuschauer denken? Na, nichts Besonderes, ich denke, sie sind genau wie ich: geizig.

Nun könnte ich natürlich bei deutschen oder russischen staatlichen Strukturen nachfragen, ob es Fördergelder gibt. Ich bin sicher, die gibt es. Aber: Leben ist Geben und Nehmen. Und wenn ich staatliche Fördergelder nehme … was muss ich dann im Gegenzug geben?

Mit diesen nachdenklichen Worten lasse ich Sie nun wieder alleine. Tschüss und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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Alltägliches, Deutsches, Kaliningrad-Domizil

   Kommentare ( 2 )

boromeus Veröffentlicht: 23. Dezember 2018 16:16:51

..ja so ist das manchmal in Germanii.Solange man etwas für Lau bekommt, ist das doch gut.Da hat man immer ausreichende "Interessierte".Sobald es aber etwa konkreter wird ,dann sind sie alle verschwunden.Nun darf man nicht alle über ein Kamm scheren.Technisches Equipment wird schon alt, bevor man es ausgepackt hat und zum Zweiten kostet die Unterhaltung an Speichermedien,Rechnerleistung und letzten Endes auch der "Wasserkopf"und wenn er noch so klein ist,Geld.Artikel müssen quergelesen,korrigiert,Videoaufnahmen geschnitten,kommentiert und komplettiert werden.Das alles macht sich nicht von selber.Da steckt jede Menge MAN-Power dahinter.Stimmt nachdenklich,dass die Lesergemeinschaft das nicht honoriert.Wie sagte neulichst Jemand."Ach wissen Sie,so weltbewegend ist dieses Portal nun auch wieder nicht,wenn es geschlossen würde".Stimmt.Aber es würde etwas fehlen.Traurig wenn es gerade aus Kostengründen schliessen müsste.Und das ist dann Schlussendlich die Konsequenz aus "Geiz ist geil !"...

Hauke Veröffentlicht: 24. Dezember 2018 11:59:57

Nun Herr Niemeyer,
Sie bzw. wir geben doch schon.
Wenn dem nicht so wäre , dann sollten sich einige Damen und Herren ihr Lehrgeld wieder geben lassen.

Uwe Erich Niemeier Veröffentlicht: 24. Dezember 2018 13:32:14

... das habe ich nicht so richtig verstanden.

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