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Aus erster Hand: Land- und Viehwirtschaft im Kaliningrader Gebiet

Sa, 22 Jun 2013 Wirtschaft & Finanzen


Aus erster Hand: Land- und Viehwirtschaft im Kaliningrader Gebiet

Hohe Erwartungen sollte Alexander Wagner, Leiter der GmbH „Jantar“ (dt.: Bernstein), eine mit schwedischem Kapital geführte landwirtschaftliche Gesellschaft im Kreis Neman, erfüllen. Die durch ihn geleitete Firma sollte als Beispiel für eine erfolgreiche Investitionstätigkeit ausländischer Investoren im Kaliningrader Gebiet dienen und helfen, Berührungsängste potenzieller Interessenten für eine Investitionstätigkeit in Russland abzubauen. Am Ende dieses Berichts sollte das Fazit stehen: „Beim Investieren in Landwirtschaft und Viehzucht im Kaliningrader Gebiet braucht man eigentlich keine Angst zu haben.“

„Diese Angst kann und will ich den Investoren aber nicht nehmen, weil sie zum Teil berechtigt ist“, sagte Herr Wagner gleich zu Beginn unseres Gesprächs und verdeutlichte somit, dass er bereit ist, offen über die Probleme zu reden. Als er über seine langjährige Erfahrung mit ausländischen Investoren erzählte, war er stets bemüht, möglichst objektiv zu bleiben und mit harten Fakten zu argumentieren. Hoffentlich helfen seine Informationen dem einen oder anderen Leser, eine bessere Vorstellung von Potential und Problemen der Landwirtschaft und der Viehzucht in unserer Region zu bekommen.   

Herr Wagner ist in einem Dorf groß geworden. Er hat an der Moskauer staatlichen Universität für Lebensmittelproduktion studiert und sich als Lebensmittel-Ingenieur qualifiziert. Schon mit 27 Jahren übertrug man ihm eine Führungsposition. Er arbeitete als leitender Ingenieur in der Zuckerfabrik und leitete eine Konditorei-Fabrik in Kirgisien. 1995 siedelte er, wie viele andere Russlanddeutsche, nach Kaliningrad um. Seit 2005 leitet Wagner die geschlossene Aktiengesellschaft „Agroprom“ in Tschernjachowsk (ehem. Insterburg) und übernahm im April 2012 zusätzlich die Leitung der GmbH „Jantar“ mit Sitz in Uljanowo (ehem. Kraupischken). 

Foto: Alexander Jakowlewitsch Wagner in seinem Office in Uljanowo

Einleitend zu unserem Gespräch erklärte Herr Wagner, warum ausgerechnet die Landwirtschaft eine der Prioritäten in der Weltwirtschaft ist. „In Europa hat die Landwirtschaft kein Potential mehr. Es gibt dort kaum freie Böden“, sagt er.  Auf vielen anderen Kontinenten gebe es nicht genug Feuchtigkeit. Es leben aber immer mehr Menschen auf der Erde. Dementsprechend wächst auch der Bedarf an Nahrungsmitteln. „Somit sind viele Blicke auf Russland gerichtet, denn hier gibt es noch viele nicht genutzte Flächen“, resümiert der Betriebsleiter.

Im Kaliningrader Gebiet gehört die schwedische Firma „Alpcot Agro“ zu den Investitionsaktivisten, die 2005 im Kreis Tschernjachowsk die geschlossene Aktiengesellschaft „Agroprom“ mit dazugehörigen 4.200 Hektar Land ansiedelte. 2008 wurde sie um zwei weitere Betriebe  - „Agat-Agro“ und „Jantar“ - erweitert. Damals standen beide Firmen kurz vor dem Bankrott. „Jantar“ schuldete der Bank 140 Mio. Rubel Kreditgelder. Investoren haben die Kredite beglichen und in neue Technik investiert. Die Arbeit ging voran. Die Unternehmensgruppe bearbeitete insgesamt 10.000 -12.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Dann wurde die geschlossene Aktiengesellschaft „Baltika“ in Malomozhajskoje der Firmenstruktur hinzugefügt. Sie ist auf den Getreide- und Gemüseanbau spezialisiert.

2009 begann die weltweite Finanzkrise. Die Investoren haben nach Auswegen gesucht. „Zum Glück gelang es uns damals, die Schweden zu überreden, die Viehzucht fortzuführen. Es gelang uns aber vorerst nicht, die Viehzucht zu entwickeln“, so Wagner. Dennoch wurden einige Schritte in dieser Richtung unternommen. 2005 wurden in Prawdinsk (ehem. Friedland) 240 Holsteiner Kühe aus Dänemark gekauft. Diese Rinderrasse stellt gemeinhin das Synonym für die leistungsstarke Milchkuh dar. In den Nachfolgejahren wurden neue Ställe gebaut, freie Stallhaltung eingeführt sowie ein neuer Melkstall eingerichtet.

Foto: Freie Stallhaltung auf der Farm in Schilino

Nach einer ganzen Reihe weiterer Maßnahmen begannen die Investoren im Oktober 2011 die Arbeit der einzelnen Betriebe zu analysieren. „Agroprom“ erwies sich dabei als rentabel. „Agat-Agro“ wies dagegen 40 Mio. Rubel Verluste aus. Zunächst wurde die Gesamtzahl an Mitarbeitern reduziert, die damals bei 60 lag. Am 1. November 2011 wurde die Aktiengesellschaft dann ganz aufgelöst.

„Hervorzuheben ist, dass alle Leiter der Betriebe Einheimische sind. Investoren müssen eine große Portion Vertrauen aufbringen und agieren nicht immer zeitgerecht. Sie haben Angst, harte Maßnahmen zu ergreifen und zögern bis zum letzten Moment“, so Wagner. Ausländisches Personal einzustellen ist für Investoren mit sehr hohen Kosten verbunden. Außerdem sind nur wenige ausländische Fachleute bereit, hierher zu ziehen.    

Im März 2012 wurde die GmbH „Jantar“ einer Wirtschaftsprüfung unterzogen. Ihre Kreditschulden wurden von den Investoren bis auf 40 Mio. Rubel reduziert. Der damalige Leiter nahm aber in kurzer Zeit weitere Kredite in einer Gesamthöhe von 121 Mio. Rubel auf. Weitere 30 Mio. Rubel war die GmbH ihren Partnern schuldig. „Da aber das Gesamtunternehmen mit all seinen Filialen bei der Kreditbeantragung als Bürge auftritt, besteht bei so einer kurzsichtigen Finanzpolitik die Gefahr, dass eines Tages die gesamte Unternehmensgruppe vor dem wirtschaftlichen Ruin steht“, sagt Wagner. Nach mehrmaligen Bitten der Investoren übernahm er die Leitung von „Jantar“ am 15. April 2012.  

„Das erste Jahr meines Einsatzes würde ich als problematisch bezeichnen“, so der Betriebsleiter. Es gab viele Konflikte. „Als ich bei dem Betrieb anfing, wurden hier zwei Monate lang keine Löhne ausgezahlt“, sagt Wagner. Daher gab es auch Probleme mit der Staatsanwaltschaft. Wagner kümmerte sich um die Regulierung der entstandenen Situation. Jetzt werden Löhne wie auch Vorschüsse im Betrieb rechtzeitig ausgezahlt.   

Die höchste Priorität hat für den neuen Betriebsleiter die Rückzahlung von Schulden. „Um aus der Schuldenfalle herauszukommen, habe ich unpopuläre Maßnahmen getroffen“, bekennt Wagner und verdeutlicht: „50 Färsen wurden verkauft, viele Melkkühe als unrentabel ausgemustert und der Schlachtverarbeitung zugeführt.“ Die Dorfeinwohner waren beunruhigt, denn es verbreiteten sich  Gerüchte, dass in Uljanowo die gesamte Herde liquidiert werden soll. 

Darüber hinaus wurde auf firmeneigene Objekte wie Lebensmittelgeschäft, Café und Bäckerei verzichtet. Die waren zwar gut für die Mitarbeiter und Dorfeinwohner, brachten aber nur Verluste. Jetzt befinden sich diese kleinen Unternehmen in privaten Händen. Des Weiteren wurde die Situation mit der Grundstückspacht geregelt: 5.000 Rubel zahlt Wagner aktuell für einen Anteil, der je nach Bodenqualität 4,5 oder 6 Hektar umfasst. Früher bekamen die Verpächter statt Geld Kartoffeln, Heu oder Gemüse. Viele sind deshalb unzufrieden, denn nun müssen sie das alles selber anbauen.

Schwer gestaltete sich auch das Verhältnis zu den Mitarbeitern. Rund 70 Prozent des technischen Personals mussten den Betrieb verlassen, weil sie den gehobenen Anforderungen des neuen Betriebsleiters nicht gerecht werden konnten. Auch der leitende Agronom ging kurz vor der Ernte im Juli 2012. Von 112 Mitarbeitern im Jahr 2011 ging die Zahl der Beschäftigten im Jahr 2013 auf 97 zurück.

Bei der Personalpolitik setzt Herr Wagner darauf, dass die Mitarbeiter eine genaue Vorstellung davon haben, was von ihnen erwartet und gefordert wird. „Die Mitarbeiter müssen wissen, dass der Chef von ihrer Arbeit etwas versteht und ihnen jederzeit zeigen kann, wie man es besser macht“, sagt Wagner. Sein Führungsstil basiert auf dem Prinzip des persönlichen Vorbilds.

Die genannten Maßnahmen wurden von den Dorfeinwohnern unterschiedlich wahrgenommen. „Bei ihrer Durchführung habe ich aber nur ein Ziel verfolgt – den Betrieb und somit auch das ganze Dorf am Leben zu erhalten“, versichert Wagner und fügt hinzu: „Denn ohne das eine wird es das andere nicht geben.“  

Insgesamt konnten in Folge dieser Maßnahmen 40 Mio. Rubel der Bank zurückgezahlt werden. 75 Mio. Rubel Schulden drücken noch auf die Schultern des neuen Betriebsleiters. „Wir werden mindestens zwei Jahre gebrauchen, um uns von allen Schulden zu befreien und anzufangen, mit Gewinn zu arbeiten“, so Wagner. 

Die schwierigste Phase hat der neue Betriebsleiter offenbar hinter sich. „Mittlerweile sind wir an den Punkt gekommen, wo wir sagen können, dass es dem Betrieb relativ gut geht“, sagt Wagner und belegt es mit folgenden Zahlen: Seit 2011 stieg das Getreidevolumen um 2.000 Tonnen. Der gesamte Milchertrag erhöhte sich von 3.000 Tonnen im Jahr 2011 auf 3.900 Tonnen im Jahr 2012. Der Milchertrag pro eine Kuh lag bei etwa 7.200 Liter/Jahr. Geplant ist eine Kapazität von 1.200 Milchkühen mit einem gesamten Milchertrag von 25 Tonnen Milch pro Tag und 9.000 Tonnen Milch pro Jahr.

Die Viehzucht kommt, wenn auch nur langsam, voran. Auf den Farmen in Uljanowo und Schilino (ehem. Schillen) sind es aktuell 540 Milchkühe und 750 Jungtiere mit bis zu 70 Prozent Holsteiner Blut. Zum Vergleich: 2008 hatte „Jantar“ nur 200 Stück Vieh.

Foto: Kalb auf der Farm in Schilino

Es wurde im Betrieb eine eigene Verarbeitungshalle gebaut. Dort werden Quark, saure Sahne und Desserts hergestellt. „Dank dieser kleinen Produktion hat der Betrieb Bargeld, das in Reparaturarbeiten, Diesel, Vorschüsse und weiteres fließt“, sagt Wagner. Kaufen kann man die Erzeugnisse von GmbH „Jantar“ auf den Märkten in Sowjetsk (ehem. Tilsit) und Tschernjachowsk.

2012 wurde ein neuer Melkstall gebaut. Er wird aber noch nicht in vollem Umfang genutzt, denn es müssen um ihn herum noch weitere Ställe gebaut werden. „Die Kühe durch den Hof zu treiben ist mit hoher Verletzungsgefahr für die Tiere verbunden“, so der Betriebsleiter. Im neuen Melkstall haben 40 Kühe Platz. Der Melkprozess ist automatisiert. Für Personal sind Duscheinrichtungen vorgesehen.  

Foto: Neuer Melkstall auf der Farm in Schilino

Es gelang dem neuen Betriebsleiter, einen Vertrag mit der offenen Aktiengesellschaft „Moloko“ in Kaliningrad abzuschließen und einen annehmbaren Preis für den Liter Milch auszuhandeln. Für 13 Rubel pro Liter nimmt „Moloko“ derzeit die Milch von „Jantar“ ab.

„Jantar“ wurde auch schon von der Schweizer Käserei angefragt, ob man nicht vielleicht eine Kooperation mit der zu bauenden Käserei in Sowjetsk organisieren könnte. „Dazu sind wir momentan nicht bereit“, sagt Wagner und erklärt die genauen Gründe: „Für die Herstellung des Tilsiters braucht man Milch mit einem bestimmten Säuregehalt. Der ist gegeben, wenn die Kühe Gräser und Heu fressen. Wenn sie aber wie bei uns mit Silo, Silage und Kombifutter gefüttert werden, sind die physisch-chemischen Werte ganz andere.“ Sollte „Jantar“ auf die Gesamtzahl von 700-900 Melkkühen kommen, könnte man eine besondere Gruppe von 100-150 Kühen bilden und diese nur mit qualitativ hochwertigem saftigem Futter versorgen. Das ist durchaus möglich, nur nicht zum jetzigen Zeitpunkt.                             

„Im Vergleich zur Viehzucht gestalten sich die Prozesse in der Landwirtschaft viel einfacher, denn es ist eine saisonale Arbeit, während die Viehzucht einen kompletten Einsatz rund um das Jahr erfordert“, erklärt der Betriebsleiter. Auf den Feldern von „Jantar“ werden Raps, Weizen, Gerste, Hafer, Hülsenfrüchte und Mais angebaut. Bis zu 2.000 Tonnen Raps, 6.500 Tonnen Weizen und Gerste sowie 400 Tonnen Hülsenfrüchte – dies ist die Bilanz des vergangenen Jahres.

Probleme gab es mit dem Mais, der zu Tiernahrung verarbeitet werden sollte. Der Herbst war so feucht, dass der Mais gar nicht richtig getrocknet werden konnte. Ungetrocknet wurde er in Grube gelegt. Schwierigkeiten bestehen auch beim Rapsanbau. Hier bereitet selbst der Boden Probleme. Für die Entwicklung der Pflanzen muss er gekalkt werden. An manchen Stellen steht aber bis zu einem Meter Wasser und wäscht die Düngung wieder aus. „Dass wir in diesem Bereich Probleme haben, hängt auch noch damit zusammen, dass der Boden im Laufe der letzten 15 Jahren nicht gekalkt wurde“, so der Betriebsleiter.

Abschließend ging Herr Wagner noch kurz auf Unterschiede bei der Unternehmensführung in Russland und Europa ein. „In Europa sind die meisten Landwirtschaftsunternehmen in privater Hand. Der Betriebsleiter ist oft auch der Inhaber und führt professionell und effektiv den Betrieb“, so Wagner. In Russland haben viele Chefs aber keine dermaßen starke Bindung zum Betrieb und sind daher nicht unbedingt auf eine effektive Arbeit ausgerichtet. Außerdem gibt es in Russland viele verschiedene Kategorien von Managern, wie z.B. Finanz- oder Technologie-Manager, wobei diese Funktionen in Europa von nur einer Person ausgeführt werden.

„In Russland haben die Manager oft goldene Verträge, arbeiten aber mit weniger Effizienz als im Westen“, so Wagner. Ihm zufolge lässt sich das westliche Modell auf Russland nicht direkt übertragen, denn hierzulande müssen viele Faktoren inklusive Bürokratie berücksichtigt werden.

Ganz zum Schluss teilte Herr Wagner überraschend mit, dass der Cluster „Agroprom-Jantar-Baltika“ von der schwedischen Firma „Alpcot Agro“, die darin insgesamt 14 Mio. Euro investiert hat, nun verkauft wird. Interesse haben bereits mehrere Investorengruppen aus den USA, Deutschland, Dänemark, Irland und Holland bekundet. Wer nun die Unternehmensgruppe übernimmt, wird in den kommenden Monaten entschieden. 

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