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Deutscher Landwirtschaftsspezialist zu Erfahrungen im Oblast Kaliningrad.

Mi, 25 Feb 2015 Wirtschaft & Finanzen


Deutscher Landwirtschaftsspezialist zu Erfahrungen im Oblast Kaliningrad.

In der vergangenen Woche erreichte unsere Informationsagentur eine Information zur Lage in der Kaliningrader Landwirtschaft. Ein deutscher Landwirtschaftsspezialist hat eine Analyse vorgenommen, die für weitere Interessenten nützlich sein könnten. Wir danken Herrn Dr. Helmut Aniol für seinen Beitrag.

Nachdem ich Ende des letzten Jahrhunderts eher im humanitären Bereich das Land kennenlernen durfte, führt mich eine berufliche Aufgabe seit Oktober 2013 sehr regelmäßig in die Region Kaliningrad.

Als Landwirt tätig, kommt man nicht umhin Vergleiche zu früherer Zeit, die literarisch gut belegt sind, zu ziehen. Ich werde mich in den nächsten Zeilen nur um die Witterung und Drainage kümmern, der landwirtschaftliche Teil unterliegt den Firmeninteressen.

Kalte Winter, späte Frühjahre, im Norden die ‚Fünfte Jahreszeit‘ mit Überflutung, intensive Sommer, kurze Herbste … so wird die Region in der Literatur beschrieben. Jenseits der statistischen, meteorologischen Beweise der Klima- und Wetteränderung müssen wir für ganz Europa erkennen, dass die Änderung schneller Platz greift als zunächst oder noch immer angenommen. Das Klima in Nordeuropa mäßigt sich dabei, hat aber auch häufiger Witterungsextreme zu verzeichnen.

Wie bei allen Änderungen gibt es Nutznießer und Verlierer. Aus rein landwirtschaftlicher Sicht wird der Oblast Kaliningrad und angrenzende Gebiete der eindeutige Nutznießer aus den nicht umkehrbaren Änderungen sein. Die Ertragsfähigkeit - rein aus Klima- und Wetterdaten - steigt. Der Ertrag selbst ist ein Produkt aus -Boden x Wetter x Anbau- und damit auch von anderen Faktoren abhängig. Der geldliche Ertrag/Gewinn hängt dann auch von Preisen und Kosten ab. Damit gewinnen auf Basis guter Bodeneigenschaften im Oblast Kaliningrad gepaart mit „besserem Wetter“ die landwirtschaftlich organisatorischen Einflüsse relativ an Bedeutung.

In 2014 waren die benannten Extreme zu verzeichnen, sehr kalter kurzer Januarwinter, verschlepptes Frühjahr, Bodenerwärmung erst im Mai, heißer Hochsommer mit bis 38°C, regenreicher August und sehr milder Herbst. Der Herbst wurde unterbrochen von ersten Frösten um den 24. Oktober, die am Boden -10°C stundenweise unterschritten, von der zweiten Frostphase Mitte Dezember bei bis -15°C, um zum Jahresende in einen bisher (Ende Februar) milden Winter überzugehen.

Die Niederschläge in der Region sollen nach alten deutschen, umfangreichen sowjetischen und jetzt russischen Daten die 1.000 mm/Jahr Marke erreichen. In 2014 wurde diese Marke mit 940 mm in den östlichen Kreisen bestätigt. Das ist für die Anbauregionen südlich und östlich der Ostsee viel. In den letzten Jahrzehnten sind die Erträge in vielen Regionen rasant gestiegen. Verbesserte Sorten, verbesserte Technik, Düngung, Pflanzenschutz sind die Begründung. Überall aber wurde und wird das Wasser zum knappen Faktor, das gilt auch für bessere Böden. Allein in den letzten 5-7 Jahren wird dieser Effekt durch den Anstieg der CO2 Konzentration der Luft aufgefangen. Pflanzenarten reagieren auf diesen Wachstumsfaktor jedoch unterschiedlich. Das verbesserte Wachstum durch das klimaschädigende CO2 wird in  Folge der nächsten Jahre ertragssteigernd bleiben aber den Wassermangel nicht lange ausgleichen. Standort mit erhöhtem Niederschlag werden dann die begünstigten Standorte werden.

Kaliningrad kann dementsprechend wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten insgesamt profitieren. Was kann das für die Produktion aus dieser (Wasser-)Sicht bedeuten?

Weniger winterharte Arten werden zum Anbau kommen, u.a. Wintergerste. Im Herbst zu erntende Früchte, die die Sommerniederschläge bei hohen Temperaturen mit Wachstum begegnen, werden anbauwürdig: Mais ist schon heute als Körner- und Silomais vertreten, wird zunehmen. Zuckerrüben werden anbauwürdiger, es fehlt jedoch die verarbeitende Fabrik. Zweit- und Zwischenfrüchte nach Getreide werden möglich und nötig.

Dennoch gibt es weiterhin Zeiten mit Wasserüberschuss, die über entsprechende Drainagesysteme abzuführen sind. Ansonsten gibt es keine rechtzeitige Befahrbarkeit der Äcker, keine Luft im Boden und würden die Winterkulturen „ersaufen“. Das nördliche Ostpreußen war komplett drainiert, in der Elchniederung durch Graben- und Pumpsysteme, in den anderen Kreisen durch unterflur verlegte Tonrohrsysteme. Diese waren und sind in der Region relativ flach verlegt. Das ganze System wurde in der Sowjetzeit gepflegt, überholt und erneuert, bekanntermaßen ein dauerhafter Prozess.

In der jetzigen Zeit werden die Instandhaltung der vorhandenen Systeme vom Oblast geldlich gefördert, es wird rege gebaggert, gespült und drainiert. Da aber ein Teil der Agrarflächen nicht bewirtschaftet wird, dort entsprechend kein Interesse an Melioration besteht, befinden sich Bewirtschafter und die staatlichen Förderprogramme in einem Zwiespalt. Wasser lässt sich großflächig nur dann abführen wenn der Unterlieger dem Oberlieger das Wasser abnimmt und das ganze Einzugsgebiet einer Vorflut zusammenarbeitet.

Es gibt aus meiner jetzigen Beobachtung in drei Landkreisen sehr gute Ansätze diesen hydrologischen Vorgaben Rechnung zu tragen. Einfacher wird es aber, wenn der Anteil der bewirtschafteten Flächen weiter stiege.

Gleichzeitig wird Drainage in Zukunft anderen Berechnungen und technischen Lösungen folgen müssen, als es vielfach noch gelebte Praxis ist. Das gilt nicht nur für das beschriebene Gebiet. Überschusswasser muss schneller abgeführt werden, mittleres Grundwasser muss aber schneller anstaubar sein. Hohe Erträge verbrauchen mehr Wasser als in früheren Zeiten bekannt. Trockenstress der Pflanzen entsteht z.T. bereits drei Wochen nach Trockenfallen der Drains. Flächen müssen größer werden, Gräben stören, mehr Drainage wird als unterflur ausgeführt sein als heute. Jeder Drainstrang wird länger und muss einzeln spülfähig werden.

In allen diesen Fragen sind wir in einem guten Gesprächsklima mit den staatlichen Behörden in Kaliningrad, Fachleute verstehen sich überall auf der Welt. Die flächendeckende Umsetzung wird im günstigen Fall ein Jahrzehnt benötigen.

Dr. Helmut Aniol
Dipl.-Ing. agr.
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