Kaliningrad-Domizil

Informationsagentur
+7 (4012) 32-65-32

Einer kleinen Meldung hinter die Kulissen geschaut

Mo, 11 Sep 2017 Wirtschaft & Finanzen


Einer kleinen Meldung hinter die Kulissen geschaut

Nicht alles läuft immer nach Plan in Russland. Auch die Planung für den russischen Präsidenten Putin kann mal durcheinanderkommen. Gründe gibt es viele. Und wenn es mal passiert, heißt es Haltung bewahren. In einem Fall, vor wenigen Tagen, war es eine Unterschrift, die ein mächtiger Mann in Russland verweigerte oder verhinderte. Und Putin musste schnell reagieren.

Vielleicht erinnern Sie sich an eine kurze Mitteilung bei „Russland-Kompakt“ vom 9. September? Es wurde über einen Besuch des russischen Präsidenten Putin in der modernsten Schiffswerft Russlands „Swesda“ (Stern) berichtet. Putin nahm an der Kiellegung eines Schiffes teil und forderte die russischen Erdöl- und Gasfirmen auf, mehr Schiffe aus einheimischer Produktion zu bestellen und damit die russische Schiffbauindustrie, insbesondere aber die neue Schiffswerft, wirtschaftlich durch Bestellungen zu unterstützen. Die ganze Meldung las sich schon etwas schwierig, gequält, holprig und irgendwie spürte man zwischen den Zeilen: Da stimmt was nicht, da kommt noch was. Und so war es dann auch.

Screenshot: Meldung von Russland-Kompakt
 
Am 8. September wurde Putin auf der Werft erwartet. Klar, dass Großreinemachen angesagt war und alles bis ins Kleinste vorbereitet wurde. Geplant war die Teilnahme des Präsidenten an der Kiellegung für vier Versorgungsschiffe für die Firma „RosNeft“, der größten Erdölfirma Russlands, geleitet von Igor Setschin und die Unterzeichnung von weiteren Verträgen für den Bau von fünf Riesen-Tankschiffen mit je 114.000 Tonnen.
 


Foto: Russlands Präsident Putin mit RosNeft-Chef Igor Setschin

Aber Verträge haben manchmal Feinheiten und Tücken. Und obwohl man Chefs manchmal nachsagt, dass sie keine Ahnung haben, war es wohl in diesem Fall nicht so, denn RosNeft-Chef Igor Setschin wunderte sich schon, warum er für etwas bezahlen sollte, was ihm dann nicht gehört. Die Angelegenheit mit den vier Versorgungsschiffen war wohl unstrittig, aber die Riesentanker? Nein, da hatte er noch Fragen und das kurz bevor der Präsident Russlands einfliegen sollte.

Während alle noch auf den Präsidenten warteten, der im Hubschrauber von Wladiwostok aus unterwegs war, machten sich die anwesenden hochgestellten Persönlichkeiten, Gäste und Journalisten mit dem supermodernen Office der Werft vertraut. Anscheinend ist in dieser Werft alles super, denn Journalisten kommentierten, dass hier das Modernste errichtet wurde, was man gegenwärtig in der Welt unter „Office“ versteht und geknausert hatte man auch nicht bei der Ausstattung. Besonderen Eindruck scheinen bei einigen die supermodernen Toiletten hervorgerufen zu haben -  was immer man darunter auch verstehen mag.

Man besprach weiterhin die technischen Möglichkeiten der Superwerft an sich, die in der Lage sein wird, die geplanten Riesenschiffe aus Einzelblöcken zusammenzusetzen, so wie dies schon in Südkorea hocheffektiv praktiziert wird. In den Gesprächen wurde die super Zusammenarbeit mit der führenden niederländischen „Damen Shipyards Group“ beim Aufbau der russischen Werft erwähnt. Die Niederländer sind wohl die Erfinder der sogenannten Modulbauweise, die nun auch bei „Swesda“ praktiziert werden soll. Man hat auf der russischen Werft supermoderne Kräne, die bis zu 1.200 Tonnen anheben können. Und 750 supermotivierte Spezialisten sind schon auf der Werft mit dem Schiffbau real beschäftigt, obwohl die Werft selber sich immer noch in der Bauphase befindet. Wenn alles fertig ist, wird man Schiffe wie am Fließband produzieren können. Der Bau der Blöcke dauert nur drei Monate. Gearbeitet wird Tag und Nacht. Vom Moment des Zusammensetzens der Blöcke bis zur Einsatzfähigkeit sollen nur noch 20 Tage benötigt werden. Alles super beeindruckend und das, während der Krise und den Sanktionen des Westens, wo doch Russland eigentlich schon längst auf die Knie gezwungen sein sollte.

Und während man das alles so besprach, war Putin im Anflug, nur noch wenige Augenblicke bis zu seiner Landung und zur Unterzeichnung der Verträge. Der große Tisch mit den benötigten Stühlen stand im Konferenzsaal und wartete darauf, von allen Beteiligten genutzt zu werden.

Plötzlich kam ein wenig unauffällige Bewegung in die Wartenden und Viktor Olerski, der stellvertretende Verkehrsminister wurde in einen Nebenraum gerufen. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und wies an, dass Tisch und Stühle aus dem Saal entfernt werden sollen. Es gibt eine Planänderung … und Putin schwebte schon über der Werft in seinem Hubschrauber.

Dann verbreitete sich das Gerücht, dass der Vertrag über die fünf Riesentanker nicht unterzeichnet werden wird. Für die anwesenden Journalisten natürlich die Sensation, für die Werft und die anwesenden Verantwortlichen natürlich die Katastrophe schlechthin.

Was war passiert?

Igor Setschin, einflussreicher Chef eines der mächtigsten Konzerne Russlands, hatte nochmal kurz durch die Verträge geblättert und festgestellt, dass mit den vier Versorgungsschiffen eigentlich alles soweit in Ordnung ist. „RosNeft“ hat bestellt, bezahlt und ist Eigentümer. Aber bei den fünf Super-Tankschiffen sollte „RosNeft“ eine merkwürdige Rolle spielen, die dem Chef nicht klar war. Der Vertrag zum Bau der Tankschiffe wurde zwischen der Werft und der Firma „SowKomFlot“ abgeschlossen. Eigentümer der Schiffe wird also „SowKomFlot“ sein, eine Struktur, die nicht zum Konzern „RosNeft“ gehört. „RosNeft“ sollte für die Schiffe bezahlen, wurde aber kein Eigentümer, sondern nur Charterer. Und Setschin fragte, wie das denn sein kann. Monatelang haben …zig Spezialisten an der Ausarbeitung dieser Verträge und vieler Zusatzvereinbarungen gearbeitet. Und niemandem ist dieser Widerspruch aufgefallen? Da muss erst der Konzernchef kommen und fünf Minuten vor der Ankunft Putins beim durchblättern der Verträge feststellen, dass hier doch etwas mächtig schiefläuft. Um zu klären, was schiefläuft, hatte Setschin den stellvertretenden Transportminister zu sich ins Kabinett gerufen, dort, wo er auf Putin wartete. Das Ergebnis des Gesprächs ist bekannt – die Tische und Stühle wurden weggeräumt.

Und dann kam Putin. Mit ein klein wenig Verspätung betrat er den Saal. Natürlich war er im Bilde über das, was fünf Minuten vor seiner Landung passiert war. Schnell wurden die Glückwünsche auf vier Versorgungsschiffe gekürzt und die fünf Supertanker nicht erwähnt. Dann drehte Putin noch ein paar Schrauben an der Namenstafel für eines der Schiffe fest und versprach, dass er alles unternehmen werde, damit sich die Werft zu einer der führenden Schiffsbauwerften der Welt entwickeln wird. Dann setzte er sich in den Hubschrauber und flog Richtung Perm ab, um sich dort kulturellen Problemen zu stellen.

Nach der Abreise des Präsidenten wurde beschlossen, die Arbeit an den Verträgen für die fünf Supertanker wieder aufzunehmen. Allerdings meinte Igor Setschin, dass er jetzt daran mitarbeiten werde. Das war eine Superentscheidung, denn dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Tja, das war eigentlich schon alles. Als (ausländischer) Blogger, mit nur begrenzten Informationsmöglichkeiten, freut man sich über solche Kleinigkeiten, wenn man sich bestätigt fühlt, dass ein merkwürdiges Gefühl bei einer, anscheinend banalen Nachricht, doch seinen Grund hatte. Und dann möchte man sich auch anderen mitteilen, was ich hiermit getan habe.

Reklame

Föderales, Präsident, Wirtschaft

   Kommentare ( 0 )

Um einen Kommentar zu schreiben müssen Sie sich registrieren oder autorisieren
Melden Sie sich an