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Zehntausend Hektar russisches Vaterland zu verpachten

Di, 28 Okt 2014 Wirtschaft & Finanzen


Zehntausend Hektar russisches Vaterland zu verpachten

Die Landwirtschaft in Kaliningrad, jahrzehntelang vernachlässigt, nimmt langsam Fahrt auf. Von allen Seiten gibt es „Druck“ und die nicht ganz einfache geopolitische Lage des Kaliningrader Gebietes bringt zusätzlichen Entscheidungsbedarf.

Dass es Bewegung in der Kaliningrader Landwirtschaft gibt, darüber haben wir sehr viele Informationen auf unserem Portal veröffentlicht. Und die Anzahl derjenigen, die sich für die Kaliningrader Landwirtschaft, deren Perspektiven und Probleme interessieren, wächst ständig. Auch wenn sich nicht jeder Deutsche, der nach Kaliningrad zur „Aufklärung“ kommt, für ein Engagement entscheiden kann – wichtig ist, dass es Bewegung gibt.

Bei all unseren Treffen mit Ausländern, entweder am „Trefftisch Deutschsprachiger“, oder in unserer Informationsagentur, oder während irgendwelcher Veranstaltungen in Kaliningrad, können wir darauf warten, dass der Satz fällt: „… also eure Landwirtschaft liegt ja völlig am Boden. Es ist ja kein Feld bestellt …“

Gesprochen werden diese Sätze meist von denen, die gerade erst vor ein paar Momenten in Kaliningrad angekommen sind. Entweder hat man beim Landeanflug aus der Luft unbestellte Flächen gesehen oder aber links und rechts der Straße von Mamonowa/Bagrationowsk Wildwuchs entdeckt. Aber Kaliningrad hat insgesamt eine Fläche von 15.000 Quadratkilometern. Wie in vielen anderen Kaliningrad-Diskussionen, wird durch unsere Gäste immer gerne stark verallgemeinert oder stereotyp Informationen wiederholt, die man irgendwo aufgeschnappt hat.

Fakt ist aber, dass wollen wir gar nicht in Abrede stellen, dass die ehemalige Kornkammer Deutschlands – so wurde Ostpreußen einmal bezeichnet – heute noch nicht einmal die Kornkammer von Kaliningrad ist. Wir haben in einem Artikel vom 02. Juni 2014 versucht zu erklären, warum es zu dieser Entwicklung gekommen ist:


Nur wenn man die Gründe für die Vernachlässigung kennt, kann man auch sachlich darüber diskutieren und findet vielleicht auch für sich eine Nische, um sich in der Kaliningrader Landwirtschaft zu engagieren.

In den letzten Jahren hat sich viel getan in der Landwirtschaft. Sowohl russische Landwirte, wie auch ausländische Investoren haben für sich Möglichkeiten entdeckt. Nicht alles läuft glatt, Probleme gibt es immer wieder, nicht immer findet man offene Ohren und offene Türen. Aber das soll auch in Deutschland so sein, dass nicht immer ein roter Teppich ausgerollt wird.

Kaliningrad hat im Jahre 2013 einen Ernteertrag (über alles …) von 130 Prozent im Vergleich zum Jahre 2012 gehabt. Der Kaliningrader Landwirtschaftsminister Wladimir Sarudni, ein ausgewiesener Landwirtschaftsspezialist (… also kein, vom Kochtopf weggelockter Universalbeamter) konnte zufrieden sein. Noch zufriedener konnte er in diesem Jahr sein, denn die Ernte 2014 ist mit 140 Prozent im Vergleich zu den Ergebnissen des Vorjahres eingefahren worden. Sicherlich haben diese Ergebnisse nicht nur etwas damit zu tun, das es gutes Wetter gab. Vermutlich gab es einfach nur mehr Landwirtschaft, mehr bewirtschaftete Fläche, effektivere Bearbeitungsmethoden, mehr Vieh und eben mehr Willen etwas zu tun.


Fotomontage: Kaliningrader Landwirtschaftsminister Wladimir Sarudni schreitet durch blühende Landschaften
 
Es wäre vermessen zu behaupten, dass die durch Russland Mitte des Jahres gegen die Europäische Union verhängten Antwortsanktionen die Kaliningrader Landwirtschaft zu Höchstleistungen beflügelt haben. So schnell kann Korn nicht wachsen und die Euter der Kühe werden auch nicht größer. Aber Kaliningrad hat „die Rechnung präsentiert bekommen“, denn man lebte in der „Zone“ zum großen Teil in Abhängigkeit von Importen aus Ländern der Europäischen Union. Und wenn wir nicht in die Zeit des „Lebensmittelprogramms“ vom Genossen Breschnew (1982) zurückfallen wollten, so musste nun etwas getan werden.
 
Fotomontage: Genosse Breschnew, Autor des Lebensmittelprogramms der UdSSR 1982

 

Das erste was der Kaliningrader Gouverneur tat, war folgender Ausspruch:

Des Weiteren wurden einfache Organisationsmaßnahmen durchgeführt. Angewiesen wurde eine Bestandsaufnahme aller landwirtschaftlichen Flächen. Der Gouverneur will wissen, wer welche Flächen gepachtet oder in Eigentum hat, ob sie landwirtschaftlich genutzt werden und wenn keine Nutzung erfolgt, warum nicht. Wer seine gepachteten Flächen nicht nutzt, läuft nun Gefahr der Enteignung. Der Gouverneur gibt noch eine kurze „Galgenfrist“ vor und dann will er gnadenlos zuschlagen. Um dies tun zu können, übt er Druck auf die Kommunen, die Kreise (Rayon) im Kaliningrader Gebiet aus. Er hat angedroht, all den Kreisen die finanziellen Zuschüsse aus dem Gebietshaushalt zu streichen, die nicht innerhalb kürzester Zeit die Nutzung der Flächen aktivieren. Er will nicht nur Finanzmittel für die Landwirtschaft streichen, sondern generell keine Finanzmittel mehr überweisen. Sicher ist dies so knallhart nicht möglich, aber wenn ein Teil der Finanzmittel für kommunale Aufgaben aus dem Gebietshaushalt nicht mehr kommen, so dürfte der örtliche Kreisleiter mit seiner Verwaltung bei den Bürgern (sprich Wählern) wohl ein paar Fragen zusätzlich zu beantworten haben – und das Jahr 2015 ist Wahljahr, nicht nur für den Kaliningrader Gouverneur.

Ziel des Gouverneurs ist es, das sich das Kaliningrader Gebiet in drei Jahren vollständig selbst versorgen kann. Allen klingen die Drohungen des litauischen Außenministers und des Ex-Landwirtschaftsministers in den Ohren, die unverhüllt von einer Lebensmittelblockade für Kaliningrad sprechen. Eine Wiederholung der „Berliner Luftbrücke“ will man in Kaliningrad unbedingt vermeiden. Und deshalb ist diese, an sich negative aktuelle politische Situation, für Leute die Geld in Russland verdienen wollen, eine gute Chance – sicher nicht nur in der Landwirtschaft, denn Russland will sich in sehr vielen Bereichen vom Import lösen und gerne im eigenen Land produzieren.  

Russland sucht, das ist kein Geheimnis, trotz all der außenpolitischen Schwierigkeiten mit Deutschland und einer Reihe von europäischen Staaten, den Kontakt zu denen, die die Chance der jetzigen Situation für sich nutzen wollen. Kaliningrad hat sich dieser Suche angeschlossen und so war es nicht verwunderlich, dass vor einigen Tagen in unserer Informationsagentur das Telefon klingelte und man um ein Treffen bat.

Es erwies sich, dass mein Gesprächspartner einer meiner langjährigen Bekannten war, der jetzt in der Kreisverwaltung Selenogradsk eine zentrale Funktion ausübt. Wir trafen uns zu einem ausführlichen Gespräch. Nicht alles, was Katharina die Große den Deutschen damals 1763 versprochen hat, konnte auch er versprechen, aber einige interessante Dinge waren schon dabei.

Versprochen hat er, dass deutsche Landwirte in Kaliningrad auch heute vom russischen Militärdienst befreit bleiben, ihre Religion ausüben können, finanzielle Starthilfen und Steuerbefreiungen erhalten. Dass die Kreisverwaltung Selenogradsk Deutsch als zweite Amtssprache einführt, scheint wenig wahrscheinlich. Aber, eine gemeinsame Sprache wird die Kreisverwaltung mit ernsthaften deutschen Landwirten, die ein langfristiges Engagement wagen wollen, unbedingt finden.

Bevor ich es vergesse: Mein Gesprächspartner hat ein Studium an einer deutschen Universität in München absolviert.

 

Kreis Selenogradsk – 10.000 Hektar russisches Vaterland zu verpachten

 


 Karte: Gebiet Kaliningrad. Im Nordosten (blau gekennzeichnet) Kreis Selenogradsk

 

Der Kreis Selenogradsk liegt im nordwestlichen Teil des Kaliningrader Gebietes und grenzt an die Ostsee und das Haff von Kurskaja Kosa. Das Gebiet hat eine Fläche von rund 200.000 Hektar, 105 Siedlungen, Dörfer, Gemeinde und Städte mit einer Gesamteinwohnerzahl von fast 33.000 Menschen. Verwaltungszentrum ist die Stadt Selenogradsk mit rund 12.000 Einwohnern.

Karte: Kreis Selenogradsk mit Struktur der Landkreise

 

Es befindet sich 34 Kilometer von Kaliningrad entfernt und ist über die Autobahn innerhalb weniger Minuten zu erreichen. Jährlich freut sich Selenogradsk über rund 38.000 Urlauber.

Und Selenogradsk bietet nun im ersten Schritt 10.000 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche zu langfristiger Pacht. Im Gespräch wurde der Pachtzeitraum mit 13 Jahren angegeben. Auf meinen Einwurf, dass dies vielleicht etwas knapp bemessen ist für einen deutschen Landwirt, der mindestens drei Jahre benötigt, um die Flächen so zu bearbeiten, dass sie erste Erträge bringen, sagte man mir, dass dies alles Verhandlungssache ist. Alle Angaben sind einfach nur Vorstellungen und die Kreisverwaltung, wie auch die Verpächter sind bereit, allen Vorschlägen aufmerksam zuzuhören.

Vorgeschlagen wird eine Vielzahl größerer und kleinerer Flächen. Wieviel jeder Landwirt pachtet, ist ganz seine Sache und unterliegt keiner Begrenzung. Die Pachtpreise belaufen sich auf 18 – 42 Euro je Hektar.

Mein Einwurf, dass ein deutscher Investor sicherlich Probleme damit hat, dass er keine Grundstücke kaufen und ein Pachtvertrag durch den Verpächter jederzeit gekündet werden kann, wurde von meinem Gesprächspartner nicht geteilt. Einerseits tritt die Kreisverwaltung als Verhandlungspartner auf, weiterhin werden staatlich garantierte Pachtverträge abgeschlossen, die im „Grundbuchamt“ registriert und somit nicht gekündigt werden können. Außerdem wird die Kreisverwaltung nur landwirtschaftliche Flächen vorschlagen, wo der Verpächter als solide bekannt ist.

  
Karte: Pachtflächen im Kreis Selenogradsk.

 

Unsere Informationsagentur hat von der Kreisverwaltung eine umfangreiche Liste mit der Aufschlüsselung von Subventionen und sonstigen Vergünstigungen erhalten, die ein Landwirt im Kaliningrader Gebiet erhalten kann. Wir geben hier nur einige wenige Möglichkeiten wider. Für Interessenten ist unsere kommerzielle Informationsagentur gerne bereit, weitere Informationen zu liefern.

Weiterhin gibt es vielfältige Subventionen für den Kauf von Saatgut und Setzlingen in der Obstzucht. Auch für die Wiederherstellung des Meliorationssystems gibt es sowohl föderale wie auch regionale Fördergelder im erheblichen Umfang.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Strom und Treibstoff in Kaliningrad preiswert sind. Gegenwärtig kostet ein Liter Diesel 0,70 Euro und ein KW Strom 0,09 Euro.

In Abhängigkeit der gewählten Rechtsform, gibt es auch eine ganze Reihe von Steuererleichterungen.

Für Landwirte gibt es ein spezielles Besteuerungssystem – sofern man sich mit der erzeugenden Produktion beschäftigt. Um in den Genuss der speziellen Steuervergünstigungen zu kommen, muss der Landwirt mindestens 70 Prozent seines Einkommens aus landwirtschaftlicher Produktion beziehen. Ist diese Voraussetzung erfüllt, so werden folgende Vergünstigungen gewährt:

  • Befreiung von Steuerzahlungen auf den Gewinn,
  • Befreiung von Steuerzahlungen auf Grundmittel,
  • Befreiung von der Mehrwertsteuer,

Im Gespräch wurde mir versichert, dass die Kreisverwaltung Selenogradsk jedem Investor einen Betreuer zur Seite stellt, der alle Schwierigkeiten gemeinsam mit dem Investor klärt.

Natürlich gibt es für einen ausländischen Investor noch eine Unzahl anderer Fragen.

  • Wie organisiert man die Technikversorgung und –instandsetzung.
  • Was ist vorteilhafter – Technik kaufen oder zeitweilig importieren?
  • Woher kommen qualifizierte Mitarbeiter?
  • Wie gründet man eine Firma?
  • Wie kann ein Ausländer sein Eigentum schützen, sein Eigentum beaufsichtigen, Kontrolle über die Tätigkeit seiner Angestellten ausüben?
  • Wie erhält man ein Businessvisum und eine Arbeitsgenehmigung?

Die Liste der Fragen kann beliebig fortgesetzt werden. Auf alle Fragen werden Antworten gefunden.

Unsere Informationsagentur möchte mit diesem Artikel nur einen Informationsimpuls geben und Denkanstöße für diejenigen, die die jetzige politische Situation als Chance für sich verstehen.

Uwe Niemeier

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