Bundeswehrsoldaten in Kaliningrad – Humanitäres in einer besseren Zeit

Bundeswehrsoldaten in Kaliningrad – Humanitäres in einer besseren Zeit
 
Der Auftritt der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in der vergangenen Woche sorgte in Russland für Aufsehen. Lange gab es keine Drohungen des Landes an die russische Adresse, welches am 8. Mai 1945 die Kapitulation unterzeichnet hatte. Um so angenehmer ist es, wenn man weiß – es gab auch andere, bessere Zeiten, zwischen unseren beiden Ländern.
 
 
Betrachtet man den Zeitraum ab 1990, so stellt man sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass das optimistische Strickjacken-Verhältnis zwischen Kohl und Gorbatschow so weit in die Tiefe abrutschen konnte, dass wir heute nicht wissen, ob es morgen noch diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern geben wird, ob die russischen Politiker noch bereit sind, mit den aggressiven, drohenden, russophoben deutschen Entscheidungsträgern zu sprechen.
 
Videobegleitung: Gorbatschow und Kohl im Kaukasus in Strickjacken
 
Erinnern wir uns an das Jahr 2001, so möchte ich zwei Ereignisse erwähnen. Das erste Ereignis ist der Auftritt des russischen Präsidenten Putin im Deutschen Bundestag, wo er in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant dem deutschen Volk die Hand ausstreckte, damit die im Jahre 1989/90 erfolgreich begonnene Politik des Vertrauens, nun auch unter seiner Führung fortgesetzt, vielleicht sogar noch intensiviert wird. Die anwesenden Politiker im ehemaligen Reichstag klatschten höflich, nahmen aber die Hand nicht an. Warum?
 
Videoeinspielung: Präsident Wladimir Putin im Deutschen Bundestag
 
Andere hingegen, erkannten die Möglichkeiten und ergriffen virtuell die von Putin ausgestreckte Hand, um ihre humanitären Interessen in dem Land umzusetzen, das 27 Mio. Menschenleben opfern musste, um den deutschen Faschismus, den Mörder Europas, zu liquidieren.
 
„Lieber Erichowitsch“ … so begann ein Brief, welcher mich in Kaliningrad, dem, bis 1946 ehemaligen Königsberg, erreichte. Ein Deutscher, ein Reservist der Bundeswehr, macht sich, wie viele andere Deutsche auch, Sorgen um das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland.
 
Mein Briefpartner, Jahrgang 1942, sah mit seinen, damals dreijährigen Kinderaugen, wie sowjetische Truppen in Ostpreußen erstmals deutschen Boden betraten. Er lebte mit seiner Schwester und Mutter bis Dezember 1945 in Insterburg, einer ostpreußischen Kleinstadt. Ob er selber tote sowjetische, tote deutsche Soldaten gesehen hat, ging aus dem Briefwechsel, den ich mit ihm führte, nicht hervor – als Dreijähriger ist vermutlich auch die bewusste und erinnerliche Wahrnehmung noch nicht in dem Maße ausgeprägt.
 
Und er nutzte die Möglichkeit, die das neue Russland unter Führung von Wladimir Putin bot und fuhr als Soldat der Bundeswehr, als Reservist der Bundeswehr, gemeinsam mit anderen Kameraden aus Meppen, nach Kaliningrad. Ihr Ziel war es, Kriegsgräber aus dem Ersten Weltkrieg zu pflegen und instand zu setzen.
 
Reservisten der Bundeswehr pflegen Kriegsgräber aus dem Ersten Weltkrieg im Kaliningrader Gebiet im Jahre 2001
 
Die Gräber befanden sich im Kreis Osjorsk. Vor Ort eingetroffen, erhielten sie die Unterstützung von russischen Soldaten, bekamen Verpflegung von der russischen Armee. Begrüßt und betreut, so schreibt mein deutscher Briefpartner, wurden sie von einem Oberstleutnant der russischen Grenztruppen.
 
Eine Woche arbeitete man auf dem Friedhof „Preußisch Nassau“. Es folgte ein Kulturwochenende in Kaliningrad, in Baltisk und anderen Orten im Gebiet.
 
Schaue ich auf die von ihm übermittelten Fotos, so kommt doch schon ein gerüttelt Maß an Verbitterung, an Empörung auf, wenn man sieht, was die heutigen Verantwortlichen aus dem guten Verhältnis zwischen unseren beiden Ländern gemacht haben, wieviel getan wurde, um zwischenmenschliche Beziehungen zu stören, nicht zuzulassen, Hass und Missgunst zwischen den Ländern und Menschen aufzubauen und dabei die Schuld am jetzigen Zustand dem Land zuzuordnen, welches die Vernichtung des deutschen Volkes im Jahre 1945 nicht zugelassen hat, welches die Vereinigung Deutschlands im Jahre 1990 ermöglicht hat und welches freiwillig im Jahre 1994 seine Soldaten aus dem Land abzog, welches heute wieder aus „der Position der Stärke“ mit Russland sprechen will.
 
Videoeinspielung: Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer im Deutschen Bundestag
 
„Dieser Einsatz war für mich, als geborener Ostpreuße, menschlich, ein einzigartiges Erlebnis. Ich hoffe, nach dem Abtreten der jetzigen Regierung, auf ein Aufblühen der deutsch-russischen Freundschaft, auf der Grundlage der Politik des deutschen Kanzlers Bismarck“, - so die Zeilen meines Briefpartners aus Deutschland, einem Reservisten der Bundeswehr.
 
 
Videobegleitung: Deutsche Militärattachès in Kaliningrad
 
 
Gerne würde auch ich in Kaliningrad deutsche Soldaten, aktive oder auch Reservisten, bei humanitären Einsätzen mit der Kamera begleiten wollen und in den, mir zur Verfügung stehenden Medien, über das humanitäre Engagement dieser Menschen informieren. Das damalige Engagement der Bundeswehr-Reservisten aus Meppen, hat mit Sicherheit dem deutsch-russischen Verhältnis mehr geholfen, als die jährlichen provokatorischen Besuche von deutschen Militärattachès ab dem Jahre 2014 in Kaliningrad, zum Tag der Deutschen Einheit, wo,  mit dem Blick auf heute, der Verdacht aufkommt, dass Deutschland schon im Jahre 2014, nach „guter alter deutscher Tradition“ aus der „Position der Stärke“ Russland in Kaliningrad etwas demonstrieren wollte …  

 

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Kommentare ( 4 )

  • Steffen Görlich

    Veröffentlicht: 30. November 2020 09:08 pm

    Hallo Erichwitsch,
    besten Dank für diesen Beitrag. Ich habe vorgestern an Frau Karrenbauer geschrieben und mich erkundigt, warum Sie das so gesagt hat. Sie sprechen davon, "wieviel getan wurde, um zwischenmenschliche Beziehungen zu stören, nicht zuzulassen, Hass und Missgunst zwischen den Ländern und Menschen aufzubauen". Können Sie mir dafür einige praktische Beispiele zur Verdeutlichung nennen.
    Mit besten Grüßen
    Ihr Paulewitsch

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 30. November 2020 09:28

      ... es gibt für den von Ihnen zitierten Satz kein konkretes namentliches, personifiziertes Beispiel. Ich bezog mich darauf, dass ein Großteil der deutschen Gesellschaft gegen Russland eingestellt ist, regelrechte Haßtiraden gegen den Präsidenten Putin, andere politische Entscheidungsträger in den Medien losgetreten werden (letztes Beispiel Nawalny-Angelegenheit), welches die Bevölkerung gegen Russland aufhetzt. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat - auf Grund fehlender Sprachkenntnisse - keine Möglichkeit, die antirussischen Meldungen in den deutschen Medien zu prüfen und so entsteht eine Hysterie gegen alles was Russisch ist. Wenn Sie die Stimmung prüfen wollen, so dürfen Sie nicht die Kommentare auf meinem YouTube-Kanal lesen, sondern müssen die Kommentare in anderen Medien lesen ... die deutsche Gesellschaft wird durch die deutschen Medien - die merkwürdiger Weise fast alle in der gleichen Tonlage berichten - gezielt auf einen antirussischen Kurs eingestimmt.

  • Werner Sachs

    Veröffentlicht: 30. November 2020 18:10 pm

    Hallo Herr Niemeier,
    ein interessanter Bericht über den Einsatz der Reservisten aus Meppen. Frage: Sie würden die Männer gern bei einem Einsatz begleiten und berichten; haben Sie denn erst jetzt Kenntnis davon erhalten ? Diese Truppe ist im Kaliningrader Gebiet bereits seit 25 Jahren tätig und wurde mehrfach geehrt. Durch meine Besuche in der Oblast konnte ich Kontakte zu den Meppenern knüpfen. Die ehrenamtlichen fleißigen Einsätze, gemeinsam mit russ. Soldaten, bewundere ich sehr. Meine jährl. Spende soll eine kleine Anerkennung sein.
    Leider fiel der Einsatz 2020 coronabedingt aus.
    Viele Grüße
    Wernero

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 30. November 2020 20:10

      ... ich habe gewusst, dass ab und zu mal Deutsche nach Kaliningrad kommen, die gemeinsam mit der Kriegsgräberfürsorge einige Gräber pflegen. Aber von dieser Reservistengruppe und deren langfristiges Engagement, habe ich erst vor wenigen Tagen erfahren. Ein Treffen mit diesen Reservisten ist natürlich von Interesse.

  • Hannelore Jülicher Nehme

    Veröffentlicht: 3. Dezember 2020 06:40 pm

    Hallo Werner, mein alter Berliner Kumpel 😄, lieber Uwe, mein neuerer russischer Freund 😄🙋
    In den vielen Jahren, die ich wegen Opa beim VdK bin, sehe ich jedes Jahr die vielen Berichte über den Einsatz osteuropäischer Einsätze von Bundeswehrgruppen, die, egal wo, Friedhöfe pflegen. Freiwillig, auf eigene Kosten, nehmen sie privat 1 Woche Urlaub, um diese Arbriten durchzuführen. Sie sind oft auch zur Stelle, um neue Fundorte von Soldatengräbern auszuheben als Unterstützer des VdK.
    Diese Arbeiten sind mental bestimmt nicht leicht. Bei diesen Reisen helfen sie, sowie auch private deutsche Bürger/Jugendkiche, Bauarbeiten in Dörfern auszuführen, oder einfach einen Kindergarten zu bauen, und mit Spenden von Spielgeräten zu füllen. Diese tausende von Menschen, die sich so engagieren, tun das von ❤en. Wir sind dabei, auch mit Spenden, denn WIR sind uns bewußt, dass man so auch danke sagen kann. Wir normalen Bürger sind nicht russlandfeindlich, wir wollen Frieden... Bleibt gesund! 😊😊🙋🙋

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 3. Dezember 2020 06:44

      ... wichtig ist, dass alle diese humanitären Arbeiten und Einsätze auf der Grundlage abgeschlossener Verträge erfolgt und vor allem, dass die Arbeit Einzelner im Rahmen dieser Organisation nicht durch andere staatliche deutsche Strukturen mißbraucht wird, um in anderen Ländern noch "andere Arbeiten" zu erledigen, wovon die vielen tausend Freiwilligen nichts wissen und nichts ahnen ...

  • Werner Sachs

    Veröffentlicht: 3. Dezember 2020 12:30 pm

    Hallo Herr Niemeier,
    da kann ich Sie beruhigen. Es läuft alles im Rahmen abgeschlossener Verträge, es besteht auch eine Freundschaftskooperation mit russ. Behörden vor Ort. Die Gruppe aus Meppen wurde vom Bürgermeister von Gusev (Gumbinnen) empfangen und war auf Einladung des russ. Militärattaches in der russ. Botschaft in Berlin. Ehrungen und Auszeichnungen erfolgten von russ. Seite. In der Region um Gusev konnte ich mich bei Einsätzen auf alten Soldatenfriedhöfen von der Arbeit dieser Männer, sowie russ. Soldaten, überzeugen. Die hierbei geschlossene Freundschaft ist beispielhaft !

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 3. Dezember 2020 12:33

      ... wenn dem so ist, so ist es um so mehr interessant, über die Arbeit dieser Deutschen zu berichten. Im kommenden Jahr werden wir wohl diesen komischen Virus endlich im Griff haben und das Leben normalisiert sich wieder. Wenn also der Wunsch besteht, sich mit mir zu unterhalten ... gerne, melden Sie sich dann bitte wieder.

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