Corona-Virus – Phantasien für die Zeit danach

Corona-Virus – Phantasien für die Zeit danach

 

Die Viren kommen, die Viren gehen. Die Welt wird bleiben. So könnte der abgewandelte Spruch eines sowjetischen Klassikers, bezogen auf die aktuelle Lage in der Welt, heute lauten. In einigen Wochen, vielleicht Monaten, wird das Leben sich wieder normalisieren. Aber es wird ein anderes Leben werden. Das Virus wird die Welt verändern. Daran gibt es keine Zweifel.

 

 

Die Welt hat in ihrer vieltausendjährigen menschlichen Besiedelung bereits ganz andere gefährliche Perioden überlebt. Und zu den Zeiten von Pest und Cholera, wo das medizinische System und die Möglichkeiten der Krankenpflege eine völlig andere Qualität, ja eigentlich gar keine Qualität hatte, hat die Welt hunderttausende und Millionen Menschen verloren, aber man hat letztendlich doch jede Krankheit besiegt. Somit besteht überhaupt kein Zweifel, dass die moderne Welt auch das Corona-Virus besiegen wird.

Bis dahin muss sich die Gesellschaft täglich etwas einfallen lassen, um effektiv gegen dieses Virus vorzugehen. Und genau dieses Vorgehen wird die Welt verändern, denn Dinge, die man heute vielleicht als notgedrungen temporär organisiert, werden sich als so gut und effektiv erweisen, dass man sie zu einem Dauerzustand macht, man zu einer neuen Qualität im Leben der menschlichen Gesellschaft, in der Arbeitswelt kommen wird.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht natürlich das Sozialnetzwerk, welches gegenwärtig in vielen Ländern eingeschränkt wird. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung hat verstanden, dass dies notwendig ist, denn es geht um die eigene Gesundheit und das eigene Leben. Und je länger diese Einschränkungen dauern, um so mehr gewöhnt sich da Mensch an die neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Da ist dann das Angebot des Arbeitgebers, die Arbeiten zu Hause, im sogenannten Home-Office fortzusetzen, noch nicht mal etwas Schlimmes, sondern eher umgekehrt. Wichtig ist, dass ein neues Organisations- und Kontrollsystem und ein neues Vertrauensverhältnis durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Vertrags- und Arbeitsverhältnis umgesetzt werden.

Der Arbeitnehmer, der jetzt gezwungenermaßen zu Hause bleibt und arbeitet, spart sich den Weg zur Arbeit. Er zwängt sich nicht in überfüllte U-Bahnen, Straßenbahnen oder Busse oder steht auch nicht im Stau mit seinem Individualfahrzeug. Er spart Zeit und Geld. Und er kann sich seine Arbeit zu Hause über 24 Stunden verteilen und ist nicht acht Stunden in einem stickigen Büro eingezwängt. Rauchen und Kaffeetrinken stört weder den Chef noch andere Kollegen mehr.

Positiver Effekt ist, dass dadurch die Straßen entlastet werden. Der bauliche Zustand verschlechtert sich weniger schnell. Somit finden weniger Reparaturen statt, es wird weniger Geld aus dem Stadt- oder Staatshaushalt benötigt. Die Luft wird besser und das tut der Umwelt gut. Das eingesparte Geld kann an anderen Schwerpunkten eingesetzt werden – zum Beispiel für die Verbesserung der IT-Infrastruktur.

Der Arbeitgeber wird feststellen – zumindest hoffen wir dies – dass dieses Home-Office-System effektiv funktioniert. Es hat viele Vorteile. Der Arbeitgeber kann sein Office verkleinern und spart Miete und Mietnebenkosten. Einen Teil der eingesparten Officemiete könnte er seinen Angestellten als Mietzuschuss für das Home-Office zukommen lassen. Krankschreibungen könnten etwas leichter gehandhabt werden, denn bei bestimmten Krankheitsbildern (verstauchter Fuß, Schnupfen) kann der Arbeitnehmer nun trotzdem zu Hause arbeiten. Auch kranke Kinder sind kein Problem mehr, denn Mama oder Papa können neben der Arbeit im Home-Office immer einen direkten Blick auf den Sprössling haben und müssen sich nicht krankmelden.

Natürlich funktioniert Home-Office nur für Büroangestellte. Menschen in der Produktion, die Autos zusammenschrauben oder in einer Schlachterei Wurst herstellen, werden sich wohl kaum dem Haus-Arbeitsplatzsystem anschließen können. Und natürlich gibt es Personen, die auch zukünftig keinen häuslichen Arbeitsplatz erhalten werden: der Präsident des Landes oder Mitarbeiter des FSB werden wohl kaum von zu Hause aus arbeiten.

Rasant entwickelt sich gegenwärtig in Kaliningrad die Belieferung der Haushalte mit Lebensmitteln bis zur Haustür. Die Menschen gewöhnen sich an dieses System, werden feststellen, wieviel Zeit man spart. Man steht nicht mehr an der Kasse Schlange, muss nicht lange einen Parkplatz vor dem Supermarkt suchen. Die Lieferfirmen werden ihre Struktur in den kommenden Wochen immer besser ausbauen, so dass die Haustür-Lieferungen wohl in wenigen Wochen perfekt organisiert sind. Und die Menschen gewöhnen sich daran. Warum sollte man also nach dem Ende der Corona-Krise von dieser Bequemlichkeit wieder entsagen?

Wieder werden die Straßen entlastet, man spart Benzingeld, Geld für Falschparken und Nerven. Die Umwelt wird sich dankbar zeigen. Die Einzelhändler müssen sich natürlich neu orientieren, denn Supermärkte und Hypermärkte werden zukünftig immer weniger benötigt. Aber diese könnte man zu Auslieferungslagern umfunktionieren.

Und auch gesellschaftliche Ereignisse, wie Wahlen und Referenden, könnten zukünftig einfacher und erfolgreicher organisiert werden. In Russland findet am 22. April das Referendum für die Verfassungsänderungen statt. Vielleicht wird es aber auch ein wenig verschoben – je nachdem, wie sich die Lage entwickelt. Hätte jeder russische Bürger einen eigenen email-Postkasten, der ihm vom Staat, gemeinsam mit der Übergabe seines Passes zum 14. Geburtstag, eingerichtet wird, so ließen sich viele Dinge in der gesellschaftlichen und staatlichen Bürokratie viel einfacher lösen. Der Bürger sitzt zu Hause, egal ob krank oder nicht, und kann von dort aus an der Wahl oder dem Referendum teilnehmen – per Internet. Würde dieses System heute schon existieren, bräuchte man sich um den 22. April keine Sorgen machen. Und auch die Wahlbeteiligung würde wohl nach oben schnellen. Dazu käme die Entlastung des Sicherheitssystems zu den Wahlen, denn es gibt keine Wahllokale mehr, die bewacht werden müssen. Für diejenigen, die mit dem Internet und PC nicht klarkommen, gibt es mobile Wahllokale. Und man ist für Wahlen und Referenden nicht mehr an einen Sonn- oder Feiertag gebunden, denn den Klick per Internet kann man zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort, also z.B. auch auf dem Klo machen, wenn man sein Smartphone dorthin mitnimmt.

Was die Schule, die Universität anbelangt … da gibt es auch genügend Möglichkeiten, einen Teil des Unterrichts auszulagern und zu Hause im Bildschirm durchzuführen. Jetzt wird es bereits temporär praktiziert und man braucht nur nach Schwachstellen zu suchen, korrigiert, optimiert und schon ist Home-Schule ein praktikables Modell. Prüfungen werden natürlich zentral durchgeführt, so wie bisher auch. Spezielle Unterrichte, wo z.B. im Labor gearbeitet wird oder auch der Sportunterricht … da wird man Möglichkeiten finden, um dies effektiv zu organisieren.

Und auch im ganz privaten Bereich kann man sich neu organisieren – zum Beispiel im Rahmen von Familienfeiern – Geburtstage, Jubiläen usw. Was ist das immer für ein Theater, die ganzen Einladungen auszusprechen, Einkäufe erledigen, für eine Unzahl von Personen kochen. Anschließend das Geschirr abwaschen und die Wohnung saubermachen. Häufig sind derartige Einladungen Zwangsveranstaltungen, auf die man aus Sitte und Anstand nicht verzichten kann – glaubt die Mehrzahl der heutigen Gesellschaft. Ich z.B. feiere schon seit vielen Jahrzehnten meinen Geburtstag nicht mehr. Ich bin an diesem Tag einfach nicht zu erreichen. Aber, ich könnte nun überlegen, ob ich nicht einfach einen großen Bildschirm in meiner Küche über den Küchentisch aufhänge (in Russland empfängt man Gäste in der Küche) und man lädt die Gäste per TV-Bildschirm ein. Jeder sitzt bei sich zu Hause, hat für sich selber das gekocht, was ihm schmeckt und muss nicht das essen, was ich ihm vorsetze. Man muss nicht künstlich in Verzückungen über mein tolles Essen ausbrechen, obwohl man es lieber ausbrechen würde. Man blickt über den TV-Bildschirm in meine Küche, isst sein eigenes Essen, trinkt sein eigenes Bier und unterhält sich mit mir und allen anderen Zugeschalteten über TV-Internet. Die virtuellen Versammlungen und Besprechungen der Staats- und Regierungschefs in den letzten Tagen beweisen, dass das System funktioniert. Warum soll es nicht auch im Privaten funktionieren?

Das Ganze hätte auch noch einen anderen Vorteil. Wenn sich ein Gast nicht anständig benimmt, so muss ich ihn nicht mehr rausschmeißen. Man braucht nur noch den Fernseher abzuschalten.

 

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Kommentare ( 5 )

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 24. März 2020 12:05 pm

    @UEN
    Sie haben völlig recht. Vieles wird sich weiter in der Arbeitswelt verändern und insbesondere wird sich die Veränderung beschleunigen. Die Entwicklungen gabe es ja schon länger. Ob alles gut ist - ein andere Frage.

    >Und er kann sich seine Arbeit zu Hause über 24 Stunden verteilen
    Das ist wohl wahr. Ich profitiere auch schon länger davon. Aber dazu gibt es auch das schöne Stichwort "Entgrenzung der Arbeit".

    Eine irrige Annahme - zumindest in Bezug auf den Umfang - ist, dass der Straßenverkehr wegen Home-Office deutlich abnimmt. Es gibt auf jeden Fall zeitliche Verlagerungen. Aber sonstige Besorgungen - welche man sonst auf dem Weg von oder zur Arbeit erledigte, fallen weiter an. der Effekt ist also nicht so groß, wie man allgemein gehofft hat.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 24. März 2020 12:06 pm

    @UEN

    >Der bauliche Zustand verschlechtert sich weniger schnell.
    Das ist leider eine falsche Annahme, weil die PKW nur einen geringen Einfluß auf den Verschleiß einer Straße haben. Da sind die LKW der Knackpunkt. Und der kann bzgl. dem Lieferverkehr eher zunehmen.

    >Der Bürger sitzt zu Hause, egal ob krank oder nicht, und kann von dort aus
    >an der Wahl oder dem Referendum teilnehmen – per Internet.

    Es gab mal eine Zeit voller Optimismus, da hätte ich das auch unterschrieben. Jetzt muß ich ganz klar sagen, dass elektronische Wahlen abzulehnen sind. Sie öffnen Manipulationen jeglicher Art Tür und Tor (sei es durch staatliche Stellen, aber auch durch "externe"). Sie sind definitv für den Bürger nicht nachvollziehbar oder kontrollierbar. Eine Wahl muß von jedem Bürger mit geistiger Gesundheit nachvollziehbar sein. Das ist bei Kreuzen auf Zetteln gewährleistet. Bei einer elektronischen Wahl reicht dafür nicht einmal ein IT-Studium.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 24. März 2020 12:44

      ... ich habe da andere Erinnerungen. Die Kreuze auf Wahlzetteln waren der Anfang vom Untergang der DDR. Wer manipulieren will, wird hierzu immer Mittel und Wege finden.

  • Frank Werner

    Veröffentlicht: 24. März 2020 12:59 pm

    @UEN
    >Die Kreuze auf Wahlzetteln waren der Anfang vom Untergang der DDR

    Weil es nachvollziehbar war - die Zählung vor Ort und die Differenz zu den gefälschten offiziellen Ergebnisse. Wie wollen sie das bei einer elektronischen Wahl machen - unmöglich.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 24. März 2020 13:02

      ... ich habe keine Ahnung, aber auch hier wird es Kontrollmechanismen geben. Es werden ja jetzt schon in großer Anzahl elektronische Wahlurnen genutzt, wo zwar auch noch Kreuze auf dem Papier gemacht werden (in Russland macht man keine Kreuze, da setzt man Haken) und dann liest der Automat den Wahlzettel ein ... was danach geschieht ist auch nicht ersichtlich für Außenstehende. Aber wenn dieses Thema aktuell wird, müssen alle Interessierten, insbesondere die "Kritiker" darüber beraten, um alle Manipulationsmomente vorher zu erkennen und Instrumente dagegen zu finden.

  • May Tupac

    Veröffentlicht: 24. März 2020 15:22 pm

    Sehr geehrter Herr Niemeier,
    wenn ich Ihren Artikel nicht zu schnell gelesen habe, dann würde ich gerne mein Resümee daraus ziehen: Es geht politisch um größtmögliche Zersplitterung der Gesellschaft. Sobald alle in Angst vor dem Nächsten leben, läßt sich eine (vermeintlich) rettende Hand aus irgendeiner Richtung für temporäre Problemlösungen eher ergreifen. Ich denke dieser Verhalt zieht sich allgemein durch die Gesellschaft bis auf individueller Ebene zum Einzelnen.
    Auch ohne Fernseher läuft so bei jedem immerzu und immer weiter ein Film im Kopf ab. Aus diesem Dilemma hilft nur Außerordentliches. Gehen Sie in Kaliningrad schon mal in eine römisch-katholische oder orthodoxe Kirche?
    Ihnen und Ihren Nächsten alles Gute,
    Vergelt's Gott
    May

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 30. März 2020 13:05 pm

    Uwe, ich finde, es ist eine falsche Schlußfolgerung bezüglich der vorletzten Wahlen in der DDR. Der Betrug hatte eigentlich nichts mit den Wahlzetteln an sich zu tun. Die Bürger hatten anders gewählt, als danach von den Wahl-Organisatoren nach Berlin gemeldet worden ist. Aufgefallen ist der ganze unnötige Schwindel, weil die Opposition organisiert hatte, daß beim Auszählen immer jemand von denen in jedem Wahllokal anwesend war und die wahren Wahlergebnisse der organisierten Opposition mitteilten. Wären die wirklichen Zahlen zur Veröffentlichung gekommen, hätte die "Nationale Front" immer noch haushoch die absolute Mehrheit gehabt, aber eben nicht über dem 90-Prozentbereich. Und das sahen die Organisatoren des Politbüros in Berlin in ihrem Hurra-Wahn als unmöglich an.
    In Rußland ist doch auch der Papierwahlzettel noch vorhanden und kann im Zweifelsfall "händisch" nachgezählt werden. Und das ist für den Zweifelsfall wichtig und oft entscheidend. Anders als in den USA mit den Wahlmaschin

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