Das Wunder der russischen Krisen

Das Wunder der russischen Krisen
 
Wer sich in der modernen russischen gesellschaftlichen Entwicklung seit 1991 ein wenig auskennt weiß, dass diese eine Geschichte der regelmäßigen Krisen ist. Das Wunder der russischen Krisen besteht allerdings darin, dass das Land danach stärker ist, als vor der Krise. Man kann auch meinen, dass Russland die Krisen braucht, wie die Ernte einen guten Dünger.
 
 
Beobachtet man andere Länder, die in eine Krise geraten sind, so sehen wir häufig, dass die Krise über einen längeren Zeitraum anhält, ein allgemeiner Niedergang zu spüren ist. Häufig wird dieser Prozess mit Massendemonstrationen unzufriedener Bürger begleitet, die Regierung wird gestürzt oder tritt zurück. Und dann beginnt der mühsame Wiederaufbau.
 
In Russland beobachtet man etwas anderes. Für Iwan-Normalverbraucher kommt die Krise immer plötzlich und unerwartet. Er empfindet sie als heftig, aber nicht so heftig, dass man deswegen auf die Straße gehen und demonstrieren muss, geschweige denn den Rücktritt der Regierung fordert. Die Krise dauert rund zwei Jahre und danach – wie Russland dies macht … keine Ahnung – steht das Land stärker da, als vor der Krise. Anscheinend braucht Russland die Krisen für seine Entwicklung so, wie eine gute Ernte regelmäßigen Dünger braucht, damit die Pflanzen wachsen.
 
Erinnern wir uns kurz.
 
1989 begann die größte wirtschaftliche Krise der Sowjetunion. Im Ergebnis zerfiel das Land und es wurde Russland als selbständiger souveräner Staat geboren. Im Ergebnis der wilden 90er Jahre entstand ein Land, welches heute stärker ist, als die ehemalige Sowjetunion.
 
1991 – Geldreform, in deren Ergebnis die russische Bevölkerung defacto ihre sämtlichen Spareinlagen verlor.
 
1998 Finanzkrise – Anfang des Jahres 1998 fand die Devalvierung des Rubels, sprich das Streichen von drei „Nullen“ auf den Geldscheinen statt. Noch war man mit dem Umtausch der Geldscheine beschäftigt, da kam es im August 1998 zum großen Finanzkrach, die Wirtschaft brach zusammen, die Läden waren leer und niemand wollte weder für Rubel noch für Dollar irgendetwas verkaufen.
 
Grafik: Devalvierung des Rubels
 
2008 durchlebte Russland, wie alle anderen Länder der Welt auch, die durch die USA perfekt organisierte Finanzkrise. Sie erinnern sich? Der Zusammenbruch der Lehmann-Bank für der Ausgangspunkt.
 
2014, im Zusammenhang mit den Vorgängen in und um die Ukraine, begann eine weitere Finanzkrise, in Russland auch als Valutakrise bezeichnet.
 
Und letztendlich das Jahr 2020, welches in die Geschichte der Welt sicher als Corona-Virus-Jahr eingehen wird.
 
Es gibt wohl kaum ein Land in der Welt, welches in so kurzer Zeit so viele Krisen durch- und überlebt hat und aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen ist – so zumindest mein Eindruck.
 
Schauen wir auf einige wirtschaftliche und finanzielle Eckziffern, um uns zu überzeugen, ob die bisher von mir getätigten Aussagen stimmen.

Beginnen wir mit dem Leitzins, dem wohl einfachsten Thema.
 
Grafik: Entwicklung des Leitzinses
 
Ein zu hoher Leitzins ist schlecht für die Wirtschaft und gut für die Sparer. Ein zu niedriger Leitzins ist gut für die Wirtschaft und schlecht für die Sparer. Die Kunst besteht also darin, einen für beide Partner des gesellschaftlichen Lebens interessanten Leitzins zu finden. Russland scheint diesen gefunden zu haben.
 
Videobegleitung: Banken in Deutschland
 
Sie erinnern sich sicherlich, dass die Europäische Zentralbank kürzlich den Leitzins bei 0,0 Prozent belassen hat. Für die europäische Wirtschaft erfreulich, wenn sie Kredite gegen geringe Zinsen von den Banken erhält. Für Otto-Normalverbraucher weniger gut, der gehofft hatte, mit seinen Ersparnissen vielleicht noch ein wenig Geld hinzuverdienen zu können, um die drohende Altersarmut, von der so häufig in Deutschland gesprochen wird, noch ein wenig abzufedern. Er verdient schon seit vielen Jahren keine Zinsen. Einige Banken sollen Anfang des Jahres sogar über sogenannte „Lagergebühren“ für Privatanleger nachgedacht haben.
 
In Russland ist der Leitzins in den letzten Jahren ebenfalls erheblich gefallen und der jetzige Zins von 4,25 Prozent stellt mich als Privatsparer auch nicht so richtig zufrieden, wenn ich mich erinnere, dass ich schonmal acht und sogar 15 Prozent erhalten habe. Dann stand aber auch eine rasante Preisentwicklung für Waren aller Art dem gegenüber.
 
Wenn wir aber abgeklärt, mit kühlem Kopf auf diesen russischen Leitzins schauen, so scheint er für beide Seiten akzeptabel – sowohl für die Wirtschaft, die preiswerte Kredite bekommt, wie auch für die Bevölkerung, die mit diesen Zinsen jetzt zumindest den Inflationsausgleich verdient.
 
Somit sind wir schon beim zweiten Thema – der Inflation – einer ebenfalls wichtigen Eckziffer in der gesellschaftlichen Entwicklung des Landes.
 
Grafik: Entwicklung der Inflation in Russland seit dem Jahre 2000
 
Seit dem Jahre 2000 fällt die Inflation, von einigen Zuckungen in den Krisenjahren 2008 und 2014 einmal abgesehen. Im Jahre 2000 betrug die Inflation 20 Prozent, im Jahre 2020 vier Prozent. Irgendwie glaube ich hier die harte Hand des russischen Präsidenten Putin zu spüren, denn die Inflation ist rückläufig seit dem Zeitpunkt, wo er die Verantwortung für das Land übernommen hat.
 
Der nächste, wohl auch wichtige Punkt, ist die Auslandsverschuldung Russlands.
 
Grafik: Entwicklung der Auslandsverschuldung Russlands seit 1991
 
Schauen Sie sich die Grafik genau an und Sie bemerken, wie die Auslandsverschuldung Russlands in den Jahren 1991 – 2000 in Riesenschritten gewachsen ist. Sie erinnern sich, dass Präsident Boris Jelzin, mit Hilfe der Amerikaner und anderer neuer „Freunde“, das Land kapitalisieren wollte. Das Ausland hatte Russland über diese Verschuldung gut im Griff.
 
Und dann schauen Sie bitte auf das Jahr 2001 – also das erste Jahr der Amtszeit von Putin – die Auslandsschulden wurden abgebaut und mit jedem Jahr wurden die Schulden geringer, man kann auch sagen, die Abhängigkeit Russlands von den ausländischen Geldgebern wurde geringer.
 
Grafik: Entwicklung der Auslandsverschuldung der Sowjetunion seit 1991
 
In den letzten Jahren liegt die Auslandsverschuldung um die 50 Mrd. USD. Ich habe den Eindruck, als ob es sich nur um eine rein symbolische Auslandsverschuldung, hm „Gefälligkeitsverschuldung“ handelt, um den dortigen Geldgebern einen Gefallen zu tun, denn bei den Reserven, über die Russland verfügt, braucht man überhaupt keine Kreditgeber, schon gar nicht ausländische.
 
Somit kommen wir zu den internationalen Reserven Russland.
 

Grafik: Entwicklung der internationalen Reserven Russlands
 
Schauen wir auf das Jahr 2000, dem Jahr des Amtsantritts von Präsident Putin, so ist die Säule der Reserven kaum erkennbar. Aber dann beginnt sie mit jedem Jahr zu wachsen.
 
Der Führung des Landes war klar, dass man mit ernsten Folgen rechnen muss, wenn der eingeschlagene Weg der Erneuerung des Landes, konsequent gegangen wird. Er wird den Widerstand der gesamten westlichen Demokratien hervorrufen und diese werden alles tun, um diese Entwicklung zu behindern. Und für diesen Fall braucht man Reserven.
 
Erinnern wir uns an die zum Anfang des Beitrages erwähnten Krisen, die Russland durchlaufen hat und schauen Sie auf das Balkendiagramm. Auf die Schaffung der „Kriegskasse“ hatten die Krisen nur sehr kurzzeitig und nur minimal Einfluss. Trotz aller westlicher Sanktionen verfügt Russland heute über so viele internationale Reserven, wie niemals zuvor in der Geschichte des Landes.
 

Aber Russland hat auch Goldreserven, für den Fall, dass das westliche Finanzsystem zusammenbricht. Die internationalen Reserven Russlands sind zwar gut in unterschiedliche Währungen gesplittet, aber die Hauptteile bilden trotzdem der USD und der Euro.
 
Grafik: Struktur der internationalen Reserven Russlands
 
Und wenn eine der Währungen ins Schwanken kommt, so wird dies auch für Russland schmerzhaft sein. Und da Russland dies natürlich erkannt hat, hat man als Gegengewicht die Entwicklung der Goldreserven dramatisch vorangetrieben.
 
Grafik: Entwicklung der Goldreserven der Russischen Föderation
 
Schauen Sie auf die Entwicklung der Säulen, so sehen diese aus wie eine umgekehrte Ski-Schanze. Es gab kein einziges Jahr, seit dem Amtsantrittsjahr von Putin, wo die Goldvorräte geringer geworden sind. Erinnern Sie sich an die Krise 2008? Schauen Sie auf das Diagramm und sie bemerken, dass gerade in diesen Jahren der Aufbau der Goldreserven sichtbar zunahm. Und schauen Sie auf das Jahr 2014, das Jahr der Ukraine-Krise, dem Jahr des Beginns der massiven Sanktionen des Westens gegen Russland. Die Reserven begannen rasant zu wachsen. Heute verfügt Russland über die größten Goldreserven in der Geschichte des Landes und die Reserven wachsen jedes Jahr weiter.

Aber Russland hat noch eine weitere Reserve und hier ist die Entwicklung noch beeindruckender. Es geht um den „Fond des nationalen Wohlstandes“.
 
Grafik: Entwicklung des „Fonds des nationalen Wohlstandes“ der Russischen Föderation
 
Dieser Fond bildet sich aus Überschusseinnahmen aus dem Ölgeschäft. Gerafft erklärt, plant Russland in jedem Jahr in seinem Staatshaushalt die Summe, die man pro Barrel erwirtschaften will. Im Jahre 2019 waren es 63,40 USD/Barrel und 2020 42,40 USD/Barrel. Alles, was über diesen Preis hinaus erwirtschaftet wird, fließt in den „Fond des nationalen Wohlstandes“.
 
Grafik: Entwicklung des Ölpreises im Verhältnis zur Planung im russischen Staatshaushalt
 
Aus diesem Fond heraus werden u.a. Zahlungen für den defizitären Rentenfond vorgenommen, aber auch Zahlungen in Krisenzeiten.
 
Ich denke, die Grafik ist so beeindruckend, dass es kaum noch irgendwelcher Erklärungen bedarf. Die Krise im Jahre 2008 führte zu keiner Abnahme des Fondumfanges. Die Krise im Jahre 2014 brachte nur einen kaum sichtbaren Rückgang und die Jahre 2019/2020 verdoppelten oder verdreifachten mal schnell den Umfang des Fonds. Die Pandemie-Krise scheint an diesem Fond völlig unbemerkt vorbeigegangen zu sein.
 
Lassen wir zum Schluss noch Dmitri Peskow, den Pressesprecher des russischen Präsidenten zu Wort kommen, der am Sonntag, in der TV-Sendung „Moskau-Kreml-Putin“ erklärt hat, dass auch Russland von der Pandemie-Krise stark geschüttelt wurde, aber nicht so stark, wie viele andere Länder. Russlands Wirtschaft ist auch rückläufig, aber weniger, als in vielen anderen westlichen Ländern. Und Russland hat wesentlich weniger Geld für die Unterstützung und Förderung der Wirtschaft verloren, als westliche Industriestaaten, die viele hunderte Milliarden Dollar in den Sand gesetzt haben.
 
Peskow meint, dass die russische Wirtschaft, im Vergleich zu vielen westlichen, wohl kleiner ist, aber dafür wesentlich mobiler. Dies ist ein Grund, dass Russland die Folgen der Pandemie-Krise leichter verkraften wird.
 
Und Peskow vergaß nicht zu erwähnen, dass Russland nicht nur die Pandemie-Krise recht gut überstanden hat. Er erinnerte, dass die westlichen Demokratien vielfältige Schritte unternehmen, um Russlands Wirtschaft durch andauernd neue Sanktionen zu schädigen, in seiner Entwicklung aufzuhalten. All das hat nichts genutzt – so Peskow. Im Frühjahr, so der Pressesprecher Putins, dürfte Russland aus der Krise heraus sein.
 
Nur, wenn wir auf die Parameter schauen, die ich Ihnen hier eben gezeigt habe, so steht eben doch die Frage: Von welcher Krise sprechen wir?

 

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Kommentare ( 1 )

  • Gerald Hübner

    Veröffentlicht: 3. Januar 2021 14:34 pm

    Vielen Dank, für das Zusammentragen der vielen Daten. Insbesondere zu Inflation und Schulden habe ich als purer Materialist eine andere Meinung, dies kann ich so kurz nicht darstellen. Vor Jahren wurden 3 Systeme, das Westliche, das Chinesische und das Russische System aus den amerikanischen Medien als die verschiedenen Systeme gegenübergestellt wurden. VG

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