Der ungezügelte Appetit auf russische Erde

Der ungezügelte Appetit auf russische Erde
 
Natürlich kennen Sie das Gefühl, wenn eine fast nicht sichtbare Mücke Sie gestochen hat. Sie sterben nicht daran, bekommen noch nicht mal Kopfschmerzen, aber es juckt und juckt. Dann werden Sie aufmerksamer, vorsichtiger und wenn sich wieder eine Mücke auf Ihre Haut setzt, dann schlagen Sie zu. Mücke tot, Problem gelöst.
 
 
Im täglichen politischen Leben gibt es auch Mücken, aber man kann nicht immer gleich zuschlagen. Da heißt es Geduld zeigen, Ausdauer und sich vielleicht mit einer Creme einzuschmieren, die die politischen Mücken abhält, sich einem zu nähern.
 
So informieren russische Medien über einen Abgeordneten im Parlament Estlands, der von Russland Grund und Boden fordert. Er reiht sich damit ein in eine Vielzahl anderer Ausländer, die Appetit auf russische Erde haben.
 
Grafik: Westeuropa, Nachbar der Russischen Föderation
 
Es geht um einen Vertrag, dem Taturski-Friedensvertrag aus dem Jahre 1920 zwischen Finnland, Estland und Sowjetrussland – einer Zeit, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, wo Sowjetrussland ums Überleben kämpfte und in diesem Zusammenhang vielen territorialen Forderungen anderer Staaten zustimmte und Gebiete abtrat.
 
Grafik: Karte der Gebietsverluste Sowjetrusslands nach 2018
 
Die weitere Geschichte ist in großen Zügen bekannt. Die Sowjetunion entstand, der Zweite Weltkrieg fand statt in dessen Ergebnis eine territoriale Neuordnung Europas stattfand. 1991 zerfiel die Sowjetunion, die baltischen Staaten wurden selbständig.
 
Grafik: Baltische Staaten als Nachbarn zur Russischen Föderation
 
Es ergab sich die Notwendigkeit, die Staatsgrenzen zu regeln. 1996 begannen die Gespräche und 2005 wurde der Grenzvertrag unterzeichnet. Im Verlaufe der Ratifizierung dieses Vertrages, änderte Estland den Text und schloss den Taturski-Friedensvertrag aus dem Jahre 1920 in den Grenzvertrag ein. Russland erklärte sich mit einer derartigen Vorgehensweise nicht einverstanden. Man gehe davon aus, dass der Taturski-Friedensvertrag Geschichte ist. Am 18. Februar 2014 wurde zwischen Estland und Russland ein neuer Grenzvertrag unterzeichnet, aber ebenfalls bisher nicht ratifiziert.  
 
Somit steht der Fakt, dass Estland Gebietsforderungen an Russland hat, so, wie Japan Gebietsforderungen hat und Deutschland auch.
 
Der qualitative Unterschied der Gebietsforderungen besteht darin, dass sowohl Japan wie auch Estland diese Forderungen durch offizielle Vertreter des Staates laut kundtun – wenn auch in Estland nur durch einen Abgeordneten des Parlaments, also einer Mücke. Aber wir wissen, wie aus einer Mücke schnell ein Elefant werden kann, auch wenn der estnische Außenminister noch im September 2020 erklärt hatte, dass man keine territorialen Forderungen an Russland habe … aber, der Grenzvertrag wurde nicht ratifiziert.
 
Zu den Feiertagen zum Jahreswechsel fand der Gouverneur des Leningrader Gebietes, der einen Teil seines Verantwortungsbereiches, nach den Vorstellungen des estnischen Abgeordneten, abtreten soll, Zeit, um zu antworten.
 
Er meinte, dass Estland sein geschichtliches Gedächtnis nicht nur zu den Fakten aktivieren sollte, die für Estland zum Vorteil sind. Der Gouverneur erinnerte an das „Tschudskoi-Land“, heute Bestandteil Estlands, welches hunderte Jahre zum russischen Imperium gehörte, erinnerte an die Iwanograder Festung, die durch Iwan III. als Vorposten im Kampf gegen die Schweden gebaut wurde und nicht durch die Esten. 
 
Soweit zu den Esten und deren Appetit auf russische Erde. Ich gehe mal davon aus, dass diese Thematik für meine Zuschauer nur bedingt von Interesse ist. Die Aufmerksamkeitsquote wächst aber mit Sicherheit, wenn es um deutsche Gebietsforderungen an Russland geht.
 
Formulieren wir es korrekt: Es gibt keinerlei offizielle Gebietsforderungen der Bundesrepublik Deutschland an Russland. Dafür gibt es eine unübersehbare Vielzahl von deutschen Staatsbürgern, die in einer unübersehbaren Vielzahl von Organisationen, begonnen bei den Landsmannschaften, über Stammtische Ostpreußen überall in Deutschland, bis hin zu Interessensgruppen in Sozialnetzwerken, ihrer zeitweilig unter sowjet-russischer Zwangsverwaltung stehenden Heimat hinterhertrauern und nicht selten die sofortige Rückgabe, der durch Russland okkupierten Gebiete, fordern. Man bezeichnet Kohl und Genscher als Verräter, die die historische Chance im Jahre 1990 nicht genutzt hatten, dass nördliche Ostpreußen „for´n Appel und ´nen Ei“ zurückzuerhalten.
 
Russland hat sich an die Existenz dieser Revanchisten, dieser mehr oder weniger aggressiven Revanchisten, gewöhnt und mit der Neufassung seiner Verfassung Mitte 2020 dem Rechnung getragen. Diejenigen, die territoriale Forderungen an Russland haben und dies öffentlich, egal wo, egal wie, äußern, werden in Russland strafrechtlich verfolgt – es drohen bis zu zehn Jahren Freiheitsentzug.
 
Grafik: Auszug aus der russischen Verfassung zur Unverletzlichkeit russischen Territoriums
 
Aber es gibt auch Personen, die geschickter versuchen, den Status Quo aufzuweichen, um ihn dann, zu einem günstigen Zeitpunkt, zu verändern. Geschickt lancieren Sie über Internetseiten und öffentliche Auftritte die Information, wie beeindruckt sie von der Entwicklung in Russland sind, dass diese Entwicklung dank der unermüdlichen Arbeit des russischen Präsidenten Putin erfolgt. Man kritisiert parallel die Zustände in Deutschland und suggeriert, dass viele unzufriedene Deutsche schon auf gepackten Koffern sitzen und nur darauf warten, Deutschland verlassen zu können. Und da biete sich Russland an.
 
Zwei deutsche Aktivistengruppen treten hierbei besonders hervor: die Gruppe Tischer/Bachmann und die Gruppe „Funke“, wobei diese Gruppe öffentlich nur von einer Person gebildet wird.
 
Beide Gruppen sollen angeblich miteinander spinnefeind sein, obwohl es einen gemeinsamen Gedanken gibt: Unzufriedene Deutsche aus Deutschland aussiedeln und im „Königsberger Gebiet“ ansiedeln. Ja, man nutzt deutsche Bezeichnungen für russisches Territorium und erklärt dies mit allerlei fadenscheinigen Begründungen.
 
Beide Gruppen wollen an unterschiedlichen Standorten im Kaliningrader Gebiet autonome deutsche Dörfer bauen. Wer die Befindlichkeiten der russischen Seite kennt, kann sich vorstellen, wie die Haare, bei den für die Sicherheit der Russischen Föderation Verantwortlichen, zu Berge stehen, wenn sie „Königsberger Gebiet“, „Deutsche Dörfer“ und „Autonomie“ hören.
 
Für mich steht die Frage, ob diese Gruppen als Privatgruppen agieren, einfach nur so, um armen geplagten Deutschen eine neue Zukunft im russischen Schlaraffenland, ersatzweise auch Paradies zu organisieren, oder ob es Unternehmer sind, die naive, in Deutschland unzufriedene Deutsche abzuzocken mit falschen, zumindest unvollständigen, zumindest nicht korrekten Informationen und Versprechungen. Oder sind es Gruppen, die im Auftrage staatlicher deutscher Strukturen arbeiten, um mit diesen Deutschen Dörfern Trojanische Pferde in Russland zu stationieren?
 
Beide Gruppen, die sich angeblich nicht mögen, haben aber noch eine Gemeinsamkeit. Sie haben sich Unterstützer und Helfer in Russland gesucht und auch gefunden. Während die Gruppe Tischer/Bachmann ihre Kontakte und Helfershelfer nicht öffentlich präsentiert, zeigt Herr Funke, mit wem er in Russland an einem Tisch sitzt.
 
Einer seiner Gesprächspartner ist Herr Fjodorow, ein bekannter russischer Politiker und Duma-Abgeordneter. Er ist Mitglied der Partei „Einiges Russland“ und bekannt für seine extremen Ansichten. Er ist auch Organisator der „Nationalen Befreiungsbewegung“, die Russland von allen nationalen Verrätern und sonstigem Ungemach befreien will. Zusammen mit Herrn Funke hat man vor einigen Jahren beraten, ob man nicht eine weltumfassende Nationale Befreiungsbewegung schaffen könnte und Herr Fjodorow hat Herrn Funke gesagt: „Mach das mal. Wenn Du fertig bist, schau ich mir das an.“
Das im Internet zugängliche Video ist ein wunderbarer Alibi-Beweis, über welche hochgestellten Kontakte Herr Funke verfügt – jeder kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Aber bisher gibt es weder eine Weltbefreiungsorganisation noch ein Deutsches Dorf.
 
Nun aber hat sich Herr Funke wieder in Erinnerung gebracht. Er hat ein Gespräch mit einem bekannten russischen Politologen geführt und wird dies vermutlich nutzen, um wiederum zu zeigen, welche gesellschaftlichen Kontakte er in Russland pflegt – das weckt Vertrauen in ihn und seine Tätigkeit, denn wer in solchen Kreisen verkehrt, dem kann man vertrauen – ganz logisch.
 
Lassen Sie uns, wenn Sie Zeit und Interesse haben, ein wenig in das Interview hineinhören. Die Originallänger ist 30 Minuten, ich habe auf rund sechs Minuten gekürzt.
 
Der russische Gesprächspartner ist Nikolai Starikow, Jahrgang 1970, Gründer der „Partei des großen Vaterlandes“. 
 
Herr Funke wird in dem Beitrag als Professor des Lehrstuhls für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie des Instituts für Rechtsphilosophie und allgemeine Politikwissenschaft in Bayern vorgestellt.
 
Videoeinspielung: Dialog zu aktuellen Fragen des Verhältnisses Deutschland-Russland (gekürzt)
 
Wer das Gespräch zwischen Herrn Professor Andreas Funke und Nikolai Starikow verfolgt, wird feststellen, dass der Gesprächspartner von Herrn Professor Funke betont sachlich auf die Fragen, auf teilweise provokative Fragen, auf Feststellungen von Herrn Funke antwortet und ihn damit „auf den Platz verweist“.
 
Wer glaubt, dass dieses Gespräch zwischen Herrn Starikow und einem deutschen Freund Russlands stattfindet, der sollte das Video ein zweites oder drittes Mal anschauen und genau zuhören, denn Herr Professor Funke zeigt eindeutig, dass ihn der jetzige Status Quo des Kaliningrader Gebietes nicht zufrieden stellt … „man kann ja über alles reden“.
 
Videoeinspielung: Professor Funke: „Man kann ja über alles reden.“
 
Nein, Herr Funke, man kann nicht über alles reden.
 
Tschüss und Poka aus Kaliningrad
 
 

 

Reklame

Kommentare ( 1 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 10. Januar 2021 04:34 pm

    Ich würde mal so sagen, dieser estnische "Abgeordnete" ist eine zu vernachlässigende "Größe". Diese jetzigen Baltenstaaten, die sich Ende der achziger, Anfang der neunziger der Neunziger Jahre "frei gesungen" haben, sind wohl nicht - das Problem - . Das mit den Grenzverträgen läßt sich wohl ganz gut über die Historie regeln, wo die Esten über Jahrhunderte Teil des russischen Reiches waren und sie nie vernachlässigt wurden.
    Diese jetzigen westdeutschen Ambitionen, so hinterfotzisch durch die kalte Küche, machen mir da eigentlich mehr Bauchschmerzen. Diese Herrschaften sollte man doch mal darauf hinweisen, daß das ehemalige Ostpreußen zu über 50 % auf jetzigem polnischen Staatsgebiet liegt. Da wäre es doch angesagt, daß sich Funke und die anderen sich erst einmal an Polen und Litauen wenden, um diese "ostdeutschen Gebiete" wieder zu bekommen. Die sind ja meist auch nicht so weit von der BRD entfernt und in der EU. Wären da nicht eher Inner-EU-Regelungen möglich? Grins!

Um zu kommentieren, müssen Sie sich registrieren oder einloggen.

Autorisierung