Deutscher Dialog mit dem Kaliningrader Gouverneur

Deutscher Dialog mit dem Kaliningrader Gouverneur
 
Erinnern Sie sich? Am 10. Februar veröffentlichte ich einen Videobeitrag unter dem Titel „Dialog ist das Herz der Diplomatie“. Es war eine erste kurze Information über eine Veranstaltung im Rahmen des „Deutschen Jahres in Russland“. Der Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow stellte sich Fragen von deutschen Diplomaten und Unternehmern. Und was ist das Fazit dieser Veranstaltung?
 
 
Nur durch Zufall habe ich erfahren, dass eine solche Veranstaltung stattfindet. Wie üblich habe ich meine tägliche Internetanalyse durchgeführt, um zu sehen, was es Aufregendes und Ungewöhnliches in Russland gibt. Föderale Medien, die ich täglich analysiere, haben über dieses Ereignis überhaupt nicht berichtet. Erstaunlich, denn an der Veranstaltung hat der deutsche Botschafter und Vertreter der deutschen Wirtschaft teilgenommen. Im föderalen Russland scheint das niemanden zu interessieren.
 
Grafik: Beitrag des liberalen Informationsportals „newkaliningrad“
 
Aber einige Kaliningrader Medien haben darüber berichtet. Auch nicht sehr ausführlich. Meistens hat man sich mit dem Zitieren des deutschen Generalkonsuls begnügt, der den Kaliningrader Gouverneur für seine klugen Gedanken zum Abriss des Hauses der Räte gelobt hat.
 
Ich schaute noch auf den Youtube-Kanal der deutschen Außenhandelskammer in Russland und dort sind vier Videos von der Veranstaltung eingestellt: die deutsche, englische und russische Variante und ein Videoausschnitt. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrages, wurden alle vier Videos insgesamt 160 Mal angeklickt. Und es gab unter allen Videos einen einzigen Kommentar – und der stammte auch noch von mir.
 
Grafik: Screen des Youtube-Kanals der deutschen Außenhandelskammer
 
Ein trauriges Ergebnis. Ich verstehe es so, dass sich weder Deutsche, noch Russen für diese, von Deutschland organisierte Veranstaltung, interessieren. Es interessiert sich niemand für den deutschen Dialog mit dem Kaliningrader Gouverneur. Das müssen wir so zur Kenntnis nehmen.
 
Noch im Jahre 2014 oder 2016 hätte mich dieser Fakt zutiefst betrübt, denn da war ich noch an Deutschland und den Deutschen in Kaliningrad interessiert. Ich dachte, dass die Deutschen mit ihrem Wissen, ihren Erfahrungen, ihrem Geld, dem Kaliningrader Gebiet in seiner Entwicklung helfen können. Alle hätten profitieren können. Äußerst empfindlich habe ich damals auf alles reagiert, was an Negativem passierte und ein Engagement deutscher Investoren beeinflusste oder behinderte.
 
Heute habe ich eine andere Meinung, die vermutlich nicht konform geht mit der Meinung der Kaliningrader Gebietsregierung, die immer noch um ausländische Investoren wirbt – die natürlich nicht kommen werden, egal wie viele Vergünstigungen das Gebiet sich noch ausdenkt. Das Gebiet ist geeignet für russische Investitionen oder aber für ein Engagement, wo ein Erzeugnis nicht physisch Grenzen überschreiten muss – also z.B. IT-Unternehmen wären ideal für Kaliningrad.
 
Mich interessiert heute in erster Linie die Sicherheit des Kaliningrader Gebietes und da ist – leider muss ich es so sagen – jeder Ausländer, der sich im Gebiet aufhält, ein Sicherheitsrisiko. Es ist nun mal so, dass Kaliningrad, einige sagen Königsberg oder Ostpreußen, eine Exklave ist. Die NATO sagt sogar, Kaliningrad ist ein Dolch im Fleisch der NATO.
 
Und so trifft mich also das Desinteresse an dem durch Deutschland organisierten Dialog mit dem Kaliningrader Gouverneur nicht besonders. Erfreulich natürlich, dass auf meinem Youtube-Kanal die Information auf Interesse gestoßen ist. Ein paar mehr Zuschauer, als auf dem Youtube-Kanal der Außenhandelskammer, haben bei mir den Beitrag angeschaut. Und viele haben kommentiert.
 
Grafik: Screen des Youtube-Startbildschirms zum Beitrag
 
Ja, nicht alle Kommentare haben die Qualität, wie ich sie mir wünsche. Ich träume immer von ergänzenden, weiterbildenden, sachlichen, höflichen, wissensvermittelnden Kommentaren.
 
Aber ziehen wir das Fazit, so finde ich nur sehr wenige Kommentare, mit einer irgendwie gearteten positiven Aussage. Viele, also der überwiegende Teil der Kommentare, ist Deutschlandkritisch. Ich bin selber erstaunt über die große Anzahl deutschkritischer Kommentare generell auf meinem Kanal. Ich hindere ja niemanden daran, deutschlandfreundliche Kommentare einzustellen. Aber die kommen nicht.
 
Hören wir nochmal ein wenig hinein in den Dialogbeitrag des deutschen Generalkonsuls Hans Günther Mattern.
 
Im weiteren erfolgen Videoausschnitte des Auftritts des deutschen Generalkonsuls in Kaliningrad während des Dialogs mit dem Kaliningrader Gouverneur und die entsprechenden Kommentare des Autors dieses Beitrages
 
Herr Hans Günther Mattern hat einige Formulierungen gewählt, die vielleicht in Russland nicht besonders gut angekommen sind – zumindest haben sie bei mir einen gewissen Beigeschmack hinterlassen.
 
Videozitat
 
Richtig, Herr Generalkonsul, über zugefrorenes Eis kann man gehen, wenn es dick genug ist. Die Russen haben darin große Erfahrung. Sie haben nämlich von 1941 – 1943 die „Straße des Lebens“ über den Ladogasee gebaut, eine Lebensstraße auf dem dicken Eis, über die die Stadt Leningrad mit Lebensmitteln, Waffen und Munition versorgt wurde, als die deutschen Faschisten die Stadt belagerten und aushungerten. Eine Million Menschen sind damals ums Leben gekommen. Ich finde, der Vergleich mit dem dicken Eis, über das man aufeinander zugehen kann, ist wohl ein wenig danebengegangen.
 
Dann erwähnt der Generalkonsul die russische Impfung „Sputnik V“, die nun auch wissenschaftliche Anerkennung aus dem Ausland erfährt.
 
Videozitat
 
Nun, in vielen Ländern ist dieser Impfstoff schon vor Monaten anerkannt worden und man bemüht sich um Lieferungen aus Russland, die sogar schon teilweise erfolgt sind. Es wäre besser gewesen, sich hier etwas konkreter auszudrücken. Die Länder der Europäischen Union sind nun auch daran interessiert „Sputnik V“ zu erhalten, nachdem das Impf-Chaos in diesen Ländern perfekt ist und man händeringend nach einem Ausweg sucht. Und um die Katastrophe zu verhindern … da sind die Russen wieder gut. 
 
Videozitat
 
Dann spricht der Herr Generalkonsul die Frage der gegenseitigen Sanktionen an und spricht davon, wann diese abgeschafft werden können. Ich habe die Formulierung des Generalkonsuls so verstanden, dass Russland nur das machen braucht, was die Europäische Union, mit Deutschland an der Spitze und den USA im Nacken … äh, im Rücken, fordert und schon ist alles Friede, Freude, Eierkuchen.
 
Videozitat
 
Und damit alle auch richtig verstehen, was der Herr Generalkonsul meint, macht er darauf aufmerksam, dass er sich passend gekleidet habe: In den Farben blau und gelb … also den Landesfarben der Ukraine – oder?
 
Im weiteren lobt der Herr Generalkonsul die deutschen und russischen Investitionen in der Landwirtschaft. Ja, die gibt es wirklich und es gibt eine Handvoll deutscher Landwirte, die scheinen im Kaliningrader Gebiet glücklich geworden zu sein.
 
Videozitat
 
Richtig zuordnen konnte ich die Bemerkung des Generalkonsuls nicht, dass diese Investoren noch heute von den alten deutschen Meliorationssystemen profitieren. Mit eigenen Augen habe er sich die Keramikrohre angesehen. Was sollte das für eine Aussage sein? In meinem Bekanntenkreis glaubte man eine gewisse deutsche Überheblichkeit zu bemerken … so nach dem Motto: Was würdet ihr heute machen, wenn wir euch diese Keramikrohre nicht überlassen hätten …
 
Videozitat
 
Erstaunt hat mich die Äußerung des Herrn Generalkonsuls zum Haus der Räte, dem – so wie ich es bezeichne – Symbol der Stagnation. Zuerst lobte der Generalkonsul die schönen alten deutschen Gebäude, um dann festzustellen, dass das Haus der Räte ein wenig schönes Gebäude ist. Noch weniger Fingerspitzengefühl bei einem Diplomaten kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Wir können über das deutsche Erbe und die sowjetische architektonische Vergangenheit denken, was wir wollen. Aber ein Diplomat sollte diplomatisch sein. Hier kam mir, als ich diese Äußerungen des deutschen Chefdiplomaten in Kaliningrad hörte, die Worte von dem Elefanten im Kant-Cafè in Erinnerung … oh, nein, da habe ich jetzt wohl etwas durcheinandergebracht.
 
Aber da wir schon beim Kant-Cafè sind, welches sich der deutsche Generalkonsul als Begegnungsstätte im Tag- und Nachtbetrieb in Kaliningrad wünscht.
 
Videozitat
 
Wäre dieser Gedanke im Jahre 2009 aufgetaucht, dem Jahr, wo sich das deutsche Generalkonsulat den „Deutschen Stammtisch“, den jetzigen, zeitweilig nicht arbeitenden „Trefftisch Deutschsprachiger“ hat einfallen lassen, so wäre ich begeistert gewesen. Heute würde ich ein derartiges Cafè als Provokation empfinden. Ich erinnere mich an diesen merkwürdigen föderalen Wettbewerb zur Namensfindung für den Kaliningrader Airport, wo mit allen technischen Tricks versucht wurde, die Internetabstimmung zu manipulieren, nur damit der Kaliningrader Airport den Namen „Immanuel Kant“ erhält. Da das nicht geklappt hat, wird nun ein Kant-Cafè vorgeschlagen. Wir hatten schonmal eine Diskussion im russischen Kaliningrad, dass, wenn wir durch Kaliningrad laufen, wir an allen möglichen Ecken und Kanten auf Kant stoßen. Ich erinnere mich an meine Studienzeit in Leningrad, wo wir vor lauter Lenindenkmälern, Leninwohnungen, Leninzimmern schon keine andere Kultur mehr sahen.
 
Was den Gedanken des Generalkonsuls zu deutschen Zeitungen in Kaliningrad anbelangt … an sich bin ich der Ansicht, dass die deutsche Zeitung „Königsberger Express“ eigentlich ausreichend ist. Wer sich sonst über deutsche Ansichten informieren will, kann das ja im Internet tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Russen gibt, die die teuren deutschen Zeitungen kaufen werden. 
 
Fotogalerie „Zötler“
 
Und, um langsam zum Schluss zu kommen. Für den Generalkonsul ist die schönste Investitionsidee für Kaliningrad, das eben erwähnte Cafè Kant. Ich hätte dafür sogar schon einen Vorschlag. Im Restaurant „Zötler“ auf dem Leninski-Prospekt gibt es ein Separee – da könnte man dieses Kant-Café einrichten. Und damit man den Interessen aller Kaliningrader und ihrer Gäste gerecht wird, könnte es an geraden Tagen als „Kant-Café arbeiten und an den ungeraden Tagen als Kalinin-Stalowaja.
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