Doppelte Staatsbürgerschaft, doppelte Verantwortung und doppelte Treue?

Doppelte Staatsbürgerschaft, doppelte Verantwortung und doppelte Treue?
 
Sehr viele meiner Zuschauer haben positiven Anteil an der Information genommen, dass ich die russische Staatsbürgerschaft erhalten habe. Auf einige Fragen meiner Zuschauer konnte ich kurz antworten, aber es gab auch Fragen, auf die man nicht kurz antworten sollte. Es geht um die doppelte Treue, es geht um den Begriff „Diener zweier Herren.“
 
 
 
Ein Zuschauer meines Youtube-Kanals hat mir folgende Frage gestellt: 
 
„… zunächst mal meinen Glückwunsch an Sie, Herr Niemeier. Ich kann Ihre Motivation gut verstehen und freue mich für Sie. Dennoch wirft dieses Thema eine alte Frage bei mir auf.
Es gibt hier (in Deutschland) viele Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft.  Gleichzeitig bezeichnen diese sich selbst gerne als Russen, Türken ... usw. Also nicht als Deutsche, stellen also ihre ursprüngliche Nationalität vornweg.
Doch was werden diese Menschen tun, wenn es einmal zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommt? Schießt dann der Deutsch-Russe auf die Russen oder auf die Deutschen, der Deutsch-Türke auf die Deutschen oder die Türken?
Vielleicht kann ich hier in Ihrem Kanal eine Antwort finden.“
 
Und ein weiterer Zuschauer kommentiert:
 
„Glückwunsch zu dieser Entscheidung!
Mit einer Staatsbürgerschaft sind Rechte und Pflichten verbunden. Ich hätte danach auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichtet. Diener zweier Herren zu sein - kann problematisch werden.“
 
Ich versuche auf die Frage bzw. den Kommentar einzugehen, eine Antwort aus meiner Sicht der Dinge zu geben. Wie andere empfinden weiß ich nicht und wie andere empfinden sollen, kann ich nicht festlegen.
 
Beginnen wir mit der Feststellung des Kommentators, dass er auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichtet hätte, denn Diener zweier Herren zu sein, kann problematisch werden.
 
Ich bin bereit, die deutsche Staatsbürgerschaft abzugeben, wenn hierzu die Voraussetzungen gegeben sind. Ich hoffe aber, dass diese Voraussetzungen erst in 100 Jahren eintreten.
 
In Deutschland lebt meine 92jährige, muntere und quietschfidele Mutter.
 
Videobegleitung: Privatarchiv Deutschland
 
Ich möchte diese ab und an besuchen. Ohne deutsche Staatsbürgerschaft muss ich beim deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad einen Visaantrag für Deutschland stellen – ich bin ja kein Deutscher mehr. Gehen wir davon aus, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland weiter verschlechtert oder gehen wir davon aus, dass es in Deutschland Schwarze Listen von Ausländern gibt, denen die Einreise nach Deutschland zu verwehren ist … und theoretisieren wir, dass ich, mit meiner Russenpropaganda und meiner kritischen Einstellung zu Deutschland, irgendwann auf dieser Liste lande … tja, dann werde ich meine Mutter im hiesigen Leben nicht wiedersehen. Das habe ich nun mit der Doppelten Staatsbürgerschaft verhindert.
 
Sie glauben, ich übertreibe mit den Schwarzen Listen? Nun, ich glaube nicht.
 
Viele Jahre habe ich vom deutschen Generalkonsulat in Kaliningrad zu Feierlichkeiten, Konzerten, Kulturveranstaltungen Einladungen erhalten. Nicht selten wollten deutsche Politiker, die sich in Kaliningrad aufhielten, sich mit mir unterhalten. Seit einigen Jahren ist dies nicht mehr der Fall und Einladungen erhalte ich keine mehr – noch nicht mal zum Tag der Deutschen Einheit. Hier muss ich jedes Mal nachfragen, ob ich denn kommen darf, um über den Feiertag berichten zu können. Andere russische Journalisten stehen auf der Schwarzen Liste des Generalkonsulats, die natürlich offiziell nicht existiert … es gibt ein offizielles Dementi des Generalkonsuls auf eine entsprechende Anfrage.
 
Grafikbegleitung: Dementi des deutschen Generalkonsulats
 
Kommen wir somit zum zweiten Satz des Kommentars: „Diener zweier Herren“, der auch gleich eine ideale Überleitung zur ersten Frage darstellt.
 
Russland hat in seiner Gesetzgebung festgelegt, dass, wenn jemand eine zweite Staatsbürgerschaft hat, dies den russischen Staat in der Umsetzung gesellschaftlicher und juristischer Vorgänge, nicht interessiert. Man ist russischer Staatsbürger – Punkt. Auch muss der andere Staat, dessen Staatsbürgerschaft ich weiterhin besitze, nicht informiert werden, falls es juristische Vorgänge gibt, eine Verhaftung erfolgt. Somit ist klar, dass ich russischer Staatsbürger bin und nichts weiter.
 
In allen Fällen des Lebens habe ich die Interessen des russischen Staates zu vertreten und zu schützen. Darauf habe ich am 24. November um 11.50 Uhr einen Eid geschworen, als ich die Staatsbürgerschaft erhielt.
 
Grafik: Treueeid auf die Russische Föderation
 
Für mich steht also nicht die Frage, ob ich im Konfliktfall als geborener Deutscher auf Russen schieße. Ich bin russischer Staatsbürger und werde meine Pflichten für Russland erfüllen.
 
In meinem Alter werde ich wohl kaum noch mit der Waffe kämpfen müssen, obwohl ich ein recht guter Pistolenschütze bin.
 
Videoeinspielung: Privataufnahmen – Auf dem Pistolenschießstand
 
Aber es gibt ja auch andere notwendige Arbeiten im Konfliktfall – z.B. als Dolmetscher bei den Verhören deutscher Kriegsgefangener anwesend zu sein - … tschuldigung für meinen jetzigen Zynismus, aber so bin ich nun mal.
 
Ich bin der Ansicht, dass, wenn jemand die Staatsbürgerschaft eines Landes hat und in diesem Land lebt, dann hat er sich in allen Fragen des gesellschaftlichen Lebens mit diesem Land zu identifizieren und zu adaptieren. Der „Türke“ ist in Deutschland nicht Türke, sondern Deutscher, hat Deutsch zu sprechen, in der Bundeswehr zu dienen und die deutschen Gesetze zu erfüllen. Und wenn irgendwann einmal der türkische Präsident Erdogan Deutschland besuchen sollte, hat niemand etwas dagegen, wenn der Deutsche mit einer weiteren türkischen Staatsbürgerschaft, ihm zuwinkt und „Hallo“ ruft. Somit ist klar – also zumindest von meiner Seite aus – dass der Deutsche, der eine zweite, eine türkische Staatsbürgerschaft hat, auf seine ehemaligen Landsleute im Konfliktfall schießen muss. In der Praxis wird dies natürlich nicht passieren, weil diese Leute im Konfliktfall ganz bestimmt keine Waffe in die Hand bekommen.
 
Kommen wir noch auf einige Fakten zu sprechen, die es mir sehr einfach gemacht haben, mich mit Russland und seiner Gesellschaft vollständig zu identifizieren.
 
Ignorieren wir einmal, wie man nach 1990 mit ehemaligen Angehörigen der bewaffneten Organe umgegangen ist, so auch mit den Offizieren der NVA, der Armee, die eine Wiedervereinigung nicht verhindert und sich defacto selbst aufgelöst hat. Wir wurden in das gesellschaftliche Abseits gestellt, diskreditiert. Das ich in der Sowjetunion studiert hatte, war Anlass für den MAD zu vermuten, dass ich Agent des KGB war.
 
Videoeinspielung: Filmklassiker „Besonderheiten der nationalen Jagd“
 
Durch Bekannte, die zum dreitägigen „Loyalitätsverhör“ beim MAD in Köln waren, erfuhr ich, dass der MAD alle verdächtigte KGB-Agent gewesen zu sein, die in der Sowjetunion ein Studium absolviert hatten. Heute muss ich über diesen Blödsinn schmunzeln, wenn ich mich daran erinnere, dass Frau Merkel auch in Moskau studiert hat – also ist sie, nach der damaligen Auffassung des MAD ein KGB-Agent. Mein neues Vaterland hat sich also nicht darum gekümmert, mich in die Gesellschaft aufzunehmen, sondern umgekehrt, mich aus der Gesellschaft auszustoßen, hat mir den Stempel „DDR-staatsnah“ auf die Stirn gedrückt.
 
Nachdem ich 25 Jahre in Russland gewohnt habe, hat mir Deutschland, durch ein spezielles, im Jahre 2013 erlassenes Gesetz, mein Wahlrecht, welches im Grundgesetz verbürgt ist, entzogen.

Das Gesetz formuliert:
 
 
Ich habe mich seit 1992 niemals länger als zehn oder 14 Tage am Stück in Deutschland aufgehalten.
 
Und um trotzdem wählen zu dürfen, muss ich einen Antrag stellen und muss nachweisen, dass ich politisch nicht verblödet bin. Steht für mich die Frage, welcher Beamte in Deutschland bei mir den Wissens-, Gewissens- und Gesinnungstest durchführen wird, um mir anschließend zu sagen, dass ich den Test nicht bestanden habe.
 
Wenn ich mich recht entsinne, wurde im vergangenen Jahr ein Grundsatzurteil gefällt, welches es geistig eingeschränkten Menschen gestattet, in Begleitung von Betreuungspersonen, an Wahlen teilzunehmen. Somit wird mir klar, an welche Stelle mich der deutsche Staat mit diesem Gesetz stellt. Meine Zuschauer werden verstehen, dass meine Loyalität zum deutschen Staat nicht ausgeprägt ist, bei derartiger Diskreditierung.
 
Es gibt in Deutschland immer noch den Unterschied zwischen Ost und West. Es findet, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, eine Diskreditierung der Ostdeutschen statt. Löhne und Gehälter sind niedriger, Renten sind niedriger – angeblich ist kein Geld vorhanden, für die Wiederherstellung der deutschen Einheit auch auf diesem Gebiet. Es ist aber genügend Geld vorhanden, um hunderttausenden Flüchtlingen aus irgendwelchen Staaten, die nichts für die deutsche Gesellschaft getan haben und auch wohl nichts tun werden, mit dem Geld deutscher Steuerzahler und vielleicht auch mit dem Geld aus deutschen Rentenkassen, ein nettes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Ein weiterer Fakt, welcher es mir einfach macht, mich mit meiner neuen Heimat, meinem neuen Staat Russland vollständig zu identifizieren. In Russland hat man mich mit offenen Armen aufgenommen und ich bin als Partner behandelt wurden. Niemand hat mich diskreditiert oder weniger Geld bezahlt, nur weil ich Mensch vierter Klasse bin. Selbst die russische Rente bekomme ich mit derselben mathematischen Formel berechnet, wie meine Nachbarn.
 
Alles, was ich heute besitze, sowohl geistig, wie materiell und finanziell habe ich dem russischen Staat zu verdanken, bzw. der damaligen Sowjetunion. Mein exVaterland Deutschland, mein Stiefvaterland Deutschland hat nichts getan, damit ich mich als exDDR-Bürger im wiedervereinten Deutschland wohlfühle. Somit steht für mich, als neuer Staatsbürger der Russischen Föderation, nicht die Frage, was ich im Konfliktfall tun würde, wie ich mich verhalten würde: Ich werde den von mir geleisteten Eid auf die Russische Föderation erfüllen – ohne WENN und ABER.
 
Tschüss und poka aus Kaliningrad
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Kommentare ( 2 )

  • Радебергер Radeberger

    Veröffentlicht: 11. Dezember 2020 20:58 pm

    Erichowitsch, Ihr Beitrag gefällt mir, weil er die Wahrheit ist, ungeschminkt!
    Wer das mit den "Schwarzen Listen" nicht glauben will, der glaubt es eben nicht. Da kann man nur hoffen, daß der/diejenige nicht eines Tages daran unangenehm erinnert wird.
    " Der „Türke“ ist in Deutschland nicht Türke, ..." Nein, nein! Der Türke ist fast immer Türke. Den bundesdeutschen Paß braucht er/sie nur für persönliche Zwecke. Ich habe noch keinen Türken, oder, oder .... kennen gelernt, der trotz des bundesdeutschen Passes sich als Deutschen bezeichnet hat, wenn es nicht zu seinem (schlitzohrigen) Vorteil notwendig gewesen wäre.
    Es gibt ja auch keine Deutsche Staatsbürgerschaft, nur eine Staatsangehörigkeit, die aus ruhmloser Zeit übernommen wurde.
    Die Bürger der DDR hatten eine Staatsbürgerschaft, die der DDR. Mit derAuflösung der DDR als Staat und seiner Verfassung und im Zuge der kalten Übernahme der DDR durch die BRD, sind und bleiben sie Bürger 2.Klasse, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 11. Dezember 2020 21:15

      ... tja, dem ist wohl so. Danke für die Ergänzung meiner Gedanken.

  • Jan Heller

    Veröffentlicht: 14. Dezember 2020 21:39 pm

    Mit zwei Herzen in der Brust ist es manchmal nicht einfach, aber auch nicht unmöglich sich gegenüber beiden teils auch konträr gebärdenden Seiten trotzdem anständig zu verhalten.
    Die von Ihnen geschilderte Problematik zu historischen Ereignissen kann ich nachvollziehen. Mir sind aber auch Fälle bekannt, in denen der Nutzen und die Funktion dann doch viel wichtiger waren als der ehemalige Studienort, wenn Sie wissen was ich meine.

    • Uwe Erich Niemeier

      Veröffentlicht: 14. Dezember 2020 21:59

      ... ja, es gab damals leider nicht wenige, die die Seite gewechselt haben und zu Verrätern geworden sind. In diesem Fall bezeichne ich als Verräter diejenigen, die Dokumente mitgenommen und übergeben haben und die "andere Seite" mit Wissen versorgt haben. Und je nach dem, um wen es sich handelte, hat man natürlich auch Absolventen einer sowjetischen Akademie gerne in der Funktion "Verräter" in seinen Reihen aufgenommen, aber dies schön geheimgehalten.

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